Nachschulische Situation von Menschen mit Autismus in Oberösterreich im Lichte von Inklusion

AutorIn: Maria Osterkorn
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Zeitschrift für Inklusion, Ausgabe 03/2013 Zeitschrift für Inklusion (03/2013)
Copyright: © Maria Osterkorn 2013

Abbildungsverzeichnis

    1. Bedeutung des Themas

    Spätestens seit dem Film „Rainman“, in dem Dustin Hoffman einen autistischen Mann mit herausragenden Fähigkeiten spielt, übt Autismus eine gewisse Faszination aus. Diese Faszination drückt sich auch im Titel des 39. Martinstift-Symposiums des evangelischen Diakoniewerks, das im Herbst 2011 in Linz stattfand, aus: „Besonders Anders Hochsensibel Autismus-Spektrum – eine Annäherung“. Gleichzeitig deutet der Titel darauf hin, dass in Bezug auf Autismus noch immer viel Unwissenheit besteht. Wie stellt sich die Situation von Menschen mit Autismus also wirklich dar?

    In den letzten Jahren findet vor allem in medizinischen und pädagogischen Fachkreisen eine stärkere Auseinandersetzung mit dem Thema Autismus statt (Herpertz-Dahlmann et al. 2011, 111). Einerseits haben sich Betroffene und deren Angehörige großflächiger vernetzt und gewinnen somit mehr an politischem Einfluss. Andererseits dringen sogenannte „Erfolgsbeispiele“ von beruflicher Integration durch und es stellt sich die Frage, ob Menschen mit Autismus nicht lange als „Unterschätzte Außenseiter“ (Dern & Schuster 2007) verkannt wurden, die auch berufliche Leistung erbringen können.

    Trotz der aktuellen Diskussion im Hinblick auf eine inklusive Gesellschaft, die durch die Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung im Jahr 2008 in Österreich angestoßen wurde und die im Bereich der Schule bereits öffentliche Aufmerksamkeit gefunden hat, ist die nachschulische Situation von Menschen mit Behinderung allgemein noch sehr wenig im öffentlichen Bewusstsein. In Artikel 3c) formuliert die Konvention den Grundsatz „volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft und Einbeziehung in die Gesellschaft“, der den Gedanken der Inklusion aufgreift, der sich durchgängig in der Konvention wiederfindet (Aichele, 2008, 6). Gerade in unserer erwerbszentrierten Gesellschaft stellt Arbeit einen wichtigen Bereich der gesellschaftlichen Teilhabe dar. Der Artikel 27 der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung formuliert das Recht auf Arbeit und Beschäftigung für Menschen mit Behinderung unabhängig von Art und Schwere ihrer Behinderung. Mit dem vorliegenden Artikel soll für eine Gruppe von Menschen mit Behinderung, über deren Lebens- und Arbeitssituation bis dato wenig bekannt ist, ein Bewusstsein geschaffen und ein Beitrag zur aktuellen Inklusionsdebatte geleistet werden.

    Im Zentrum steht die Beleuchtung von Beschäftigungsperspektiven von Menschen mit Autismus am Beispiel Oberösterreich. Eingangs erfolgt ein kurzer Aufriss über die Situation von Menschen mit Autismus in Oberösterreich. Der Schwerpunkt dieses Beitrags liegt in der Darstellung der empirischen Befunde zu Aspekten der Beschäftigungssituation und Beschäftigungsfähigkeit von Menschen mit Autismus, welche in eine zusammenfassende Betrachtung münden.

    2. Situation in Oberösterreich

    Wurde früher davon ausgegangen, dass Autismus eher selten vorkommt, zeigen neuere Untersuchungen ein weitaus häufigeres Auftreten autistischer Erscheinungsformen (Remschmidt/ Kamp-Becker 2007, 874, zitiert nach Fombonne/ Tidmarsh 2003). In den meisten Ländern gibt es keine aussagekräftigen Daten über die Anzahl von Menschen mit ASS. Auch in Oberösterreich gibt es keine statistischen Daten über Menschen mit Autismus. Die Differenzierung von SchülerInnen mit Sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) nach Behinderungsformen bzw. klinischen Diagnosen in Schulen Oberösterreichs ist anhand der derzeitigen Datenlage nicht möglich. Eine genaue Erfassung der Behinderung fehlt, vielmehr bestimmt der besuchte Schultyp (wie z.B. für gehörlose oder hörbeeinträchtigte SchülerInnen) in der Regel, zu welcher Behinderungskategorie SchülerInnen zugeordnet werden (Fasching & Mursec 2010).

    Es kann also nur eine quantitative Abschätzung erfolgen. Die Autistenhilfe Österreich orientiert sich in Bezug auf die Häufigkeit des Auftretens von Autismus an neuesten internationalen Untersuchungen, denen zufolge von 10.000 Personen 63 von einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung betroffen sind. Von diesen 63 weisen 17 Personen das Kanner-Syndrom (Frühkindlicher Autismus) auf, acht sind vom Asperger-Syndrom betroffen und 36 fallen in die Kategorie „nicht näher bezeichnete tiefgreifende Entwicklungsstörungen“.

    Werden diese Schätzungen von Menschen im Autismus-Spektrum auf die Anzahl der PflichtschülerInnen im Jahr 2010/ 2011, die nach Statistik Austria in Oberösterreich (OÖ) mit rund 107.000 angenommen wurde, hochgerechnet, so ergeben sich rechnerisch insgesamt 670 Personen mit ASS in den oberösterreichischen Pflichtschulen. Dies würde bedeuten, dass rund 70 SchülerInnen in jedem Jahrgang dem Autismus-Spektrum zugerechnet werden können, wenn davon ausgegangen werden kann, dass sich diese gleichmäßig auf neun Pflichtschuljahre verteilen. Von diesen 70 SchülerInnen würden ca. 20 Personen das Kanner-Syndrom aufweisen, ca. zehn das Asperger-Syndrom und in etwa 40 SchülerInnen würden der großen Kategorie der „nicht näher bezeichneten tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“ angehören.

    Abbildung 1. Abbildung 1: SchülerInnen mit Autismus-Spektrum-Störungen im Pflichtschulbereich

    Anhand internationaler Vergleichswerte wäre davon auszugehen, dass zwischen 15 und 20% der Personen aus dem Autismus-Spektrum einer kompetitiven Tätigkeit nachgehen könnten (Baumgartner et al. 2009, 23). Ausgehend von ca. 70 SchülerInnen mit ASS in jedem Jahrgang der Pflichtschule in Oberösterreich würden sich pro Jahrgang zwischen 10 und 15 Personen im Autismus-Spektrum für eine berufliche Integration in den regulären Arbeitsmarkt eignen.

    3. Empirische Analyse

    Im vorliegenden Hauptkapitel erfolgen in einem ersten Schritt Überlegungen zur methodischen Vorgehensweise sowie ein Überblick über die interviewten Personen. Daran schließt die Beschreibung des Erscheinungsbildes Autismus an, wie es von den InterviewpartnerInnen beschrieben wird. Hier werden einerseits auch auf beschäftigungsrelevante Stärken von Menschen mit Autismus und andererseits auf Schwierigkeiten im Arbeitsalltag im Hinblick auf die autistische Symptomatik eingegangen Daran schließen die Analyseergebnisse in Bezug auf Beschäftigungsperspektiven und -formen an

    Methodische Überlegungen

    Auch über die nachschulische Situation von Menschen mit ASS in Oberösterreich liegt kein systematisch erfasstes Wissen vor. Um diese empirisch fassbar zu machen, wurden im Rahmen einer zweisemestrigen Lehrveranstaltung 2011/2012 an der Johannes Kepler Universität in Linz in der Studienrichtung Sozialwirtschaft von Studierenden insgesamt 14 problemzentrierte Interviews nach Witzel (1989) zum Thema geführt: Acht Interviews wurden mit Angehörigen von Menschen mit Autismus im (jungen) Erwachsenenalter gemacht, weitere fünf mit VertreterInnen der Unterstützungslandschaft für Menschen mit Behinderung, die auch jugendliche und erwachsene Menschen im Autismus-Spektrum betreuen. 13 Interviews wurden für die Analyse herangezogen. Die InterviewpartnerInnen wurden bezüglich ihrer Erfahrungen und Einschätzungen im Hinblick auf die Lebens-, Arbeits- bzw. Beschäftigungssituation von Menschen mit Autismus im (jungen) Erwachsenenalter befragt. Aus den Interviews mit Angehörigen sowie EinrichtungsvertreterInnen ergab sich die Gelegenheit, auch mit einer Betroffenen selbst ein Interview zu führen. Diese Frau erhielt im Alter von 47 Jahren die Diagnose Asperger-Syndrom. Im Zuge der eigenen diagnostischen Abklärung wurde auch bei ihrem Sohn die Diagnose Asperger-Syndrom gestellt; sie ist somit gleichzeitig Betroffene sowie auch Angehörige.

    Nachstehende Tabelle liefert einen Überblick über die InterviewpartnerInnen, wobei ersichtlich wird, ob es sich um ein Betroffeneninterview (B), ein Angehörigeninterview (A) bzw. ein Einrichtungsinterview (E) handelt.

    In der Darstellung der Interviewergebnisse werden zur Illustration Originalpassagen aus den Interviews herangezogen. Die nachstehende Klammer beinhaltet die Kürzel der ersten Tabellenspalte, woran abzulesen ist, aus welchem Interview die Originalaussage stammt, sowie die Seiten- und Zeilenangabe innerhalb des Inteviewtranskripts.

    Tabelle 1: Übersicht über InterviewpartnerInnen

    Kürzel

    Verhältnis zur Person mit Autismus

    Geschlecht weiblich/ männlich

    Rolle/ Funktion

    Alter in Jahren

    B4

    Betroffene u. Angehörige

    w

    Mutter

    49

    A1

    Angehörige

    w

    Mutter

    41

    A2

    Angehörige

    m

    Bruder

    24

    A3

    Angehörige

    m

    Vater

    56

    A4

    Angehörige

    w

    Mutter

    50 bis 60

    A5

    Angehörige

    w

    Mutter

    71

    A6

    Angehörige

    m

    Vater

    80+

    A7

    Angehörige

    w

    Mutter

    49

    E1

    Einrichtung

    m

    Abteilungsleitung Arbeitsassistenz der Behindertenhilfe

    42

    E2

    Einrichtung

    w

    Leitung Wohnbereich Behindertenhilfe

    51

    E3

    Einrichtung

    w

    Personalleitung Integrativer Betrieb

    45

    E4

    Einrichtung

    w

    Geschäftsführung Einrichtung Behindertenhilfe

    45

    E7

    Einrichtung

    w

    Leitung Wohnbereich der Behindertenhilfe

    36

    Es wird ersichtlich, dass auf Seite der Angehörigen meist die Mütter für ein Interview bereitstanden, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass in erster Linie sie sich als „Auskunftgebende“ über ihre Kinder sehen. Zweimal wurden Väter von Kindern mit Autismus und einmal ein Bruder interviewt.

    Die geführten Interviews wurden mittels zusammenfassender Inhaltsanalyse nach Mayring (1997) ausgewertet.

    Beschriebenes Erscheinungsbild von Autismus

    Immer wieder in den Interviews angesprochen wurde der Aspekt, dass Autismus, vor allem wenn sie nicht mit einer kognitiven Einschränkung bzw. anderen Beeinträchtigungen einhergeht, für die Umwelt nicht sofort evident wird. Autismus ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich, sondern Personen mit Autismus fallen erst im Laufe der Zeit in sozialen Situationen durch ihr „inadäquates“ Verhalten auf. Dieses Verhalten wird meist nicht in Zusammenhang mit einer Behinderung gebracht, sondern den Personen als negative Eigenschaft angelastet und von der Umwelt z.B. als „schlechtes Benehmen“ interpretiert. In der Umwelt löst dies jedenfalls Irritation aus und als Folge auch sehr oft Ablehnung gegenüber der Person.

    Als eines der drei Leitsymptome von Autismus werden Auffälligkeiten in der Kommunikation und damit einhergehend auch die Beeinträchtigung sozialer Interaktion angeführt (Herpertz-Dahlmann et al. 2011, 111). Diese zwei Aspekte tauchen auch in den Interviews in Charakterisierungen von Menschen mit Autismus auf. In den Analysen wurde sichtbar, dass die Auffälligkeiten in diesen zwei Bereichen stark vom Ausprägungsgrad des Autismus abhängig sind. Vor allem bei Menschen mit Autismus, bei denen keine Kommunikation über Lautsprache erfolgen kann, tendieren Familien dazu, eigene Formen der Kommunikation mit den Betroffenen zu entwickeln. Auf diese Weise wird es möglich, Bedürfnisse gegenüber Bezugspersonen nonverbal mitzuteilen. In Einrichtungen werden teilweise standardisierte Formen von Kommunikation angewendet.

    Für Menschen Asperger-Syndrom bzw. im High-functioning-Bereich, die Verbalsprache verwenden, stellt die zwischenmenschliche Kommunikation vor allem aufgrund ihrer sozialen Aspekte eine Herausforderung dar. Diese dürfte auch mit einer veränderten Wahrnehmung von Menschen im Autismus-Spektrum in Zusammenhang stehen. Die interviewte Frau mit Asperger-Syndrom schildert hierzu: „… für mich sind zum Beispiel Gesichter Landschaften, die sich bewegen, also ich achte nicht so auf den Gesichtsausdruck, eben dieses schlechte Erkennen von Gefühlen und so, also diese Tests, die es da gibt, da bin ich wirklich schlecht, ich kann da nichts draus lesen. Ich kann raus lesen, ob der jetzt eher positiv und freundlich gestimmt ist oder eher negativ und grantig, so das kann ich vielleicht zuordnen, aber sonst kann ich da nicht sehr viel heraus lesen“ (B4, 3, 53).

    Einfache Regeln, die in der sozialen Interaktion zur Anwendung kommen, scheinen für Menschen mit Autismus nicht selbsterklärend, sondern müssen von diesen oft mühsam erlernt und antrainiert werden. Dies mag auch dazu beitragen, dass soziale Situationen von Menschen mit Autismus oft als anstrengend erlebt werden. Die Möglichkeit der Kommunikation mittels neuer sozialer Medien wie Internet stellt aus diesem Grund für viele Menschen mit Autismus eine Erleichterung dar.

    Als drittes Leitsymptom von Autismus wird in der Literatur ein eingeschränktes Repertoire an Interessen und stereotype Verhaltensweisen angeführt (Herpertz-Dahlmann et al. 2011, 111). Regelmäßig wiederkehrende Verhaltensmuster wurden auch in den Schilderungen der Befragten deutlich. So gestaltet sich etwa das Essverhalten in der Regel sehr stereotyp und in manchen Fällen sogar zwanghaft. Darüber hinaus wird auch die Fixierung auf Personen und Ereignisse sowie auf bestimmte Tätigkeiten und Interessen genannt. In diesem Zusammenhang tritt in den Erzählungen der Angehörigen immer wieder die Eigenschaft „Sturheit“ auf, die u.a. Formen von zwanghaftem Verhalten beschreiben könnte. Damit in Zusammenhang dürfte das Bedürfnis von Menschen mit Autismus nach einer klaren Struktur stehen – ein geregelter Tagesablauf und Rituale sind in der Regel erforderlich, um Überforderung und Stress zu vermeiden.

    Im Zuge der Interviews wurde immer wieder auch über besondere Interessensgebiete und auch kognitive Leistungen, wie etwa ein ausgeprägtes Zahleninteresse oder gute Merkfähigkeit z.B. in Zusammenhang mit Fahrplänen etc. berichtet.

    In den Schilderungen von Angehörigen sowie EinrichtungsvertreterInnen stellt Aggression ein wesentliches Thema im Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit den beschriebenen AutistInnen dar. Charakteristisch für Menschen mit Autismus scheint, nach den Befragungen, das Potenzial zu Fremd- und Eigenaggression. Der Grund für die aggressiven Ausbrüche ist für Angehörige sowie EinrichtungsvertreterInnen meist nicht unmittelbar nachvollziehbar. Oftmals scheinen bereits in der Vergangenheit liegende Erlebnisse Auslöser zu sein und Reizüberflutung bzw. Überforderung werden als Gründe gesehen. Das Potenzial zu Fremd-und Autoaggression wird in erste Linie bei Menschen mit Kanner-Autismus, bei denen oftmals keine Kommunikation über Verbalsprache möglich ist, beschrieben. In diesem Zusammenhang mag Aggression als Ausdrucksmöglichkeit bei Personen gesehen werden.

    Zentral ist in Bezug auf die Symptomatik immer die Individualität der einzelnen Person in den Vordergrund zu stellen. Autismus stellt je nach Typ und Ausprägungsgrad von Autismus sehr unterschiedlich dar, so dass diese oben angeführten Punkte keinesfalls pauschal für alle Menschen mit Autismus Gültigkeit aufweisen. Wie Diestelberger & Zöttl 2005, 7) festhalten ist wie jede/r Nicht-AutistIn auch jede/r AutistIn eine eigene Persönlichkeit, die sich von anderen autistischen Menschen unterscheidet, wenngleich diese Personengruppe über gemeinsame Merkmale verfügt. Darüber hinaus hat sich mittlerweile der Begriff Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) bzw. Autism Spectrum Disorders (ASD) durchgesetzt. Bei diesem Konzept wird davon ausgegangen, dass sich die verschiedenen autistischen Störungen nicht kategorial voneinander abgrenzen lassen, sondern ein Kontinuum von in der Qualität ähnlichen Einheiten bilden und die Übergänge somit fließend sind (Remschmidt/ Kamp-Becker 2007, 873).

    Jedoch zeigt die kleine Anzahl an Menschen mit Autismus, über die im Rahmen der Interviews Informationen eingeholt wurde, bereits das sehr weite Spektrum an Autismus auf und gleichzeitig werden Übereinstimmungen vor allem im Hinblick auf die drei diagnostischen Leitkriterien ersichtlich.

    Aus den Beschreibungen der InterviewpartnerInnen ließen sich Stärken und Schwächen von Menschen mit Autismus erkennen, die im Kontext Arbeit und Beschäftigung von Bedeutung sind und in Folge ausgeführt werden.

    Aus den Interviews wird ersichtlich, dass Menschen im Autismus-Spektrum besondere Stärken aufweisen, die durchaus im Arbeitsleben von Vorteil sein können. Folgende Passage im Interview mit einer Einrichtungsvertreterin beschreibt z.B. eine Person mit Kanner-Syndrom wie folgt: "Das Durchhaltevermögen ist enorm von der Person, sage ich jetzt einmal, ich meine, er hat ja auch seine gewohnten Gänge, das heißt er fehlt ja auch eigentlich so gut wie nicht, weil es für ihn wahrscheinlich auch gar nicht vorstellbar ist auch einmal etwas anderes zu tun" (E3, 6, 212).

    In der Regel werden von Menschen mit Autismus auch Aufträge sehr genau umgesetzt und die erledigte Arbeit weist eine sehr geringe Fehlerquote auf. Die bereits erwähnte „Sturheit“ könnte hier auch positiv formuliert als Fokussierung auf eine Sache bzw. Tätigkeit dargestellt werden. Es scheint so, als könnten AutistInnen, bei großem Interesse für bestimmte Dinge, über sich selbst hinauswachsen - so werden im Zusammenhang mit diesen Interessen etwa Tätigkeiten möglich, die ansonsten nicht denkbar sind. Menschen mit Autismus pflegen darüber hinaus charakteristisch die Liebe zum Detail. Die Durchführung von routinemäßigen gleichförmigen Tätigkeiten wie z.B. Drucken, Kopieren, Schrauben scheint bei Menschen mit Autismus laut Auskunft verschiedener InterviewpartnerInnen nicht auf Ablehnung zu stoßen. Im Gegenteil dazu besteht der Eindruck, dass diese sogar als sehr positiv empfunden werden.

    Als Stärken, die im Kontext Arbeit und Beschäftigung von Bedeutung sind, gehen aus den Interviews insgesamt folgende Eigenschaften hervor:

    • Freude an der Arbeit

    • Durchhaltevermögen und Ausdauer

    • Genauigkeit, Perfektion

    • Geringe Fehlzeiten/ Abwesenheiten

    • Verlässlichkeit

    Werden die Stärken von MmA erkannt und richtig eingesetzt, können diese sehr gute Arbeit leisten: „Wenn man irgendeine Marktlücke hat, die man braucht, wo er die Fähigkeiten hat, ist er super. …. Ja, das ist so. Also ganz ehrlich, wenn ich irgendetwas hätte, was der gern tut, und das würde er dann ja 380mal, dann wäre der super. Wenn ihm das taugen würde, da irgendwie zupacken irgendwas ja? Und das ist genau die Arbeit was dem taugt … dann ist das ein ´Tschineiler´“ (E7, 24, 811).

    Gleichzeitig wird ersichtlich, dass es bei der Suche nach den adäquaten Tätigkeitsfeldern an Kreativität bedarf und Innovationsreichtum braucht. Vorgefertigte Arbeitsplätze, die für Menschen mit Autismus optimal wären, sind oft nicht vorhanden, sondern müssen erst geschaffen werden. Eine Einrichtungsvertreterin berichtet über eine Person mit autistischen Zügen, die am Ersatzarbeitsmarkt tätig ist:

    Ja, natürlich. Aber wenn ich heute an unseren [Mitarbeiter mit Autismus; Anmerkung der Verfasserin] denke (.) der müsste irgendwie einem Baumarkt Geräte von A nach B tragen dürfen, oder so. Braucht das wer? Das ist die Frage? (…) Nur das musst du erst einmal finden. Und du musst auch das richtige Angebot haben dann dafür, dass das dann auch was bringt“ (E7, 24, 814).

    Bei Personen im Autismus-Spektrum mit durch- bzw. überdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten, die sich prinzipiell für eine Arbeit am regulären Arbeitsmarkt eignen, treten im Arbeitsalltag jedoch häufig Schwierigkeiten auf. Diese betreffen vor allem die soziale Komponente, wobei der Kommunikation in diesem Zusammenhang besondere Beachtung geschenkt sei. Folgende Ausführungen beziehen sich auf die Schilderungen der Einrichtungsvertreterin des zweiten Arbeitsmarktes, die auf Besonderheiten in der Kommunikation bei dem bei ihnen beschäftigten Mann mit Kanner-Syndrom eingeht, der über Verbalsprache verfügt (E3): In erster Linie beschreibt die Einrichtungsvertreterin, dass der Kontakt wenig von ihrem Mitarbeiter mit Kanner-Syndrom selbst ausgeht, sondern die Sozialarbeiterin oder der Vorgesetzte auf ihn zugehen müssen, um mit ihm in Kontakt zu bleiben. Die Kommunikation beschränke sich in erster Linie auf den Vorgesetzten, der ihm Arbeitsaufträge erteilt. Mit der KollegInnenschaft gäbe es auch im Rahmen von gemeinsamen Arbeiten keinerlei sozialen Austausch. Dies werde von Seite der KollegInnen als Desinteresse gewertet. Auch an Firmenveranstaltungen, wie Kegeln oder der Weihnachtsfeier, nehme der beschäftigte Mann mit Autismus nicht teil. Es sei zwar Anerkennung und Vertrauen gegenüber dem sozialen Umfeld vorhanden, aber darüber hinaus gäbe es keinerlei Beziehung.

    Aus den vorliegenden Interviews wird ebenso ersichtlich, dass auch die Bereiche des alltäglichen Lebens wie Wohnen und Freizeit mitgedacht und auch -organisiert werden müssen. Da z.B. E3 anführt, dass ihr Mitarbeiter mit Autismus keine Angehörigen mehr hat und auch in keinem betreuten Wohnen lebt, übernimmt die Arbeitsstelle immer wieder ein Stück der Organisation in diesen Belangen. Dabei geht es um die Regelung von finanziellen Angelegenheiten über die Kommunikation mit dem Sportverein bis zu Interventionen bei mangelnder Körperhygiene.

    Auch bei E1 – jener Person, die sich in der Berufsausbildung zum Tischler befindet – wird ersichtlich, dass die Lebensbereiche abseits von Arbeit, und hier vor allem das Wohnen, bei Menschen mit Autismus bei der Aufnahme der beruflichen Tätigkeit bzw. langfristig mitberücksichtigt werden müssen. Es kann nicht davon ausgegangen werden, dass diese Lebensbereiche sozusagen „von allein mitlaufen“, wie es bei anderen Menschen meist der Fall ist. Im Falle des Tischlerlehrlings legte dieser täglich 40 Kilometer pro Arbeitsstrecke mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurück und war dadurch überdurchschnittlich lange unterwegs. Erst nachdem die Arbeitsleistung des Mannes stark absank und die Suche nach den Ursachen dafür begann, wurde die lange Pendelstrecke als Auslöser ersichtlich. Als Konsequenz wurde von der Arbeitsassistenz eine Wohnung in direkter Nähe zum Arbeitsplatz organsiert, obwohl Angehörige diesem Vorhaben zunächst entgegenstanden. Auch wenn Angehörige vorhanden sind, macht eine „professionelle“ Unterstützung in privaten Angelegenheiten Sinn. Dabei ist es nicht mit der Suche nach einer Wohnung getan, sondern das Wohnen muss in vielen Fällen, vor allem in der Anfangsphase, aber auch kontinuierlich unterstützt werden.

    Beschäftigungsperspektiven von Menschen mit Autismus

    Die beruflichen bzw. Beschäftigungsperspektiven von Menschen im Autismus-Spektrum scheinen sehr breit gestreut und in erster Linie abhängig vom Ausprägungsgrad des Autismus.

    Nachstehende Tabelle liefert einen Überblick über die Beschäftigungssituation jener Personen im Autismus-Spektrum, über die in den Interviews Informationen generiert wurden. Durch die Spalte „Kürzel“ können sie den interviewten Personen zugeordnet werden. Bei den EinrichtungsvertreterInnen berichtet eine Person gleichzeitig über mehrere Menschen mit Autismus, die unterschiedliche Diagnosen aufweisen. Primär soll durch diese Tabelle ein erstes Profil über Arbeits- und Beschäftigungsperspektiven von Menschen mit Autismus gezeichnet werden.

    Tabelle 2: Arbeits- bzw. Beschäftigungssituation von Menschen mit Autismus im Überblick

    Kürzel

    weiblich/ männlich

    Alter

    Diagnose

    Arbeits- bzw. Beschäftigungssituation

    E1

    m

    -

    Asperger-Syndrom

    Berufsausbildung zum TischlerBerufsberatung; Unterstützung Eintritt in 1. Arbeitsmarkt

    A1

    m

    18

    keine medizinische Diagnose

    Anlehrezum Bürogehilfen

    Sohn von B4

    m

    26

    Asperger-Syndrom

    HTL-Matura; Studium

    A4

    m

    36

    atypischer Autismus

    früher: 1. Arbeitsmarkt; am Magistratjetzt bereits in Pension; Mithilfe im elterlichen Betrieb als Bote

    A5

    m

    40

    Asperger-Syndrom

    früher: Job am 1. Arbeitsmarkt (17 Jahre in Wirtschaftsunternehmen im Büro);jetzt Beschäftigungstherapie mit tw. Hilfstätigkeiten in Büro

    B4

    w

    49

    Asperger-Syndrom

    früher: 1. Arbeitsmarkt; Krankenschwester, in Frühpension

    E3

    m

    -

    Kanner-Syndrom

    integrativer Betrieb; Arbeitsbegleitung am 2. Arbeitsmarkt

    A7

    -

    18

    Kanner-Syndrom

    Ersatzarbeitsmarkt

    A3

    -

    20

    autistische Züge

    Ersatzarbeitsmarkt

    A2

    -

    22

    Kanner-Syndrom

    Ersatzarbeitsmarkt

    A6

    -

    43

    Kanner-Syndrom

    Ersatzarbeitsmarkt

    E2

    -

    -

    Kanner-Syndrom

    Ersatzarbeitsmarkt

    E4

    -

    -

    Kanner-Syndrom, Asperger-Syndrom, atypischer Autismus, autistische Züge

    Ersatzarbeitsmarkt

    E7

    -

    -

    autistische Züge

    Ersatzarbeitsmarkt

    Die Tabelle macht ersichtlich, dass Menschen mit Autismus vom regulären bzw. ersten Arbeitsmarkt über den geschützten zweiten Arbeitsmarkt bis zum Ersatzarbeitsmarkt in Form von fähigkeitsorientierter Arbeit tätig sind.

    Einstieg in Beschäftigung und Beruf

    Die Eltern von Menschen mit Autismus nehmen bei der Berufswahl und Arbeitsplatzsuche oft eine wichtige Rolle ein und legen hier meist sehr viel Engagement an den Tag. An dieser Stelle die „passenden“ Unterstützungsangebote zu finden, wird von den Angehörigen oftmals als sehr mühsam beschrieben und ging in den meisten Fällen mit einigen frustrierenden Erlebnissen einher. Dies mag nicht verwunderlich sein, da es keine konkreten Anlaufstellen im Hinblick auf nachschulische Perspektiven für Menschen mit Autismus in Oberösterreich gibt. Allgemeine Unterstützungsangebote für Menschen mit Behinderung haben oft nicht das entsprechende Know-how in Bezug auf Autismus.

    Wird eine „passende“ Anlaufstelle gefunden, scheint eine professionelle Unterstützung von Menschen mit Autismus beim Eintritt ins Arbeitsleben und in die Berufsausbildung durchaus sinnvoll. Im Falle eines heute 36-jährigen Mannes wurde beispielsweise im Anschluss an eine zweijährige Büroschule ein Berufsfindungskurs für Jugendliche mit Behinderung absolviert. Im Anschluss an ein Praktikum im Rahmen dieses Kurses ist der Mann damals von einer Firma übernommen worden, wo er 17 Jahre lang im Büro arbeitete.

    Eine professionelle Begleitung und frühe Auseinandersetzung mit nachschulischen Perspektiven von Menschen mit Autismus bereits ein Jahr vor Schulabschluss, wie diese mittlerweile oftmals im Rahmen des Clearings erfolgt, würde auf jeden Fall sinnvoll erscheinen. Auch bei einem Tischlerlehrling sowie einem jungen Mann, der eine Anlehre zum Bürogehilfen macht, stellt sich die Unterstützung beim Berufseinstieg als sehr hilfreich heraus. Gleichzeitig wird jedoch ersichtlich, dass diese für Menschen mit Autismus durchaus noch nicht üblich ist. Ein Interviewpartner, der Jugendliche mit Behinderung beim Übertritt von der Schule ins Berufsleben begleitet, lässt anklingen, dass ihm ein derartiges Angebot für Jugendliche mit Autismus nicht bekannt sei: „Ich wüsste nicht einmal, ob es eine Arbeitsassistenz für Autisten gibt, ich glaube nicht, oder ob es da ein eigenes Projekt gibt?“ (E1, 4, 124). Jener junge Mann, den er in der Ausbildung zum Tischler begleitet, ist aufgrund seiner Hörbeeinträchtigung, die er zusätzlich zum Autismus aufweist, in der speziell für Menschen mit Hörbeeinträchtigung ausgerichteten Arbeitsassistenz gelandet. Davor hatte der Arbeitsassistent keine Erfahrung im Umgang mit Menschen mit Autismus.

    In mehreren Interviews finden sich sowohl von Angehörigen- als auch Einrichtungsseite Hinweise darauf, dass sich die Arbeitsuche für Menschen mit ASS schwierig gestaltet. Im Wohnort der Betroffenen findet sich oftmals nicht der richtige Arbeitsplatz, sodass mit der Suche nach einer passenden Arbeitsstelle gleichzeitig die Frage nach einer Wohnmöglichkeit für die betroffene Person mit Autismus einhergeht, die sich nicht immer unproblematisch gestaltet. Gerade beim Einstieg in den Arbeitsmarkt bieten aus diesem Grund Schnupperphasen eine geeignete Möglichkeit sowohl für den Menschen mit Autismus als auch für die ArbeitgeberInnenseite. Dadurch wird ein gegenseitiges Kennenlernen ermöglicht, wodurch vielfach ein Abbau von Vorurteilen gelingt. ArbeitgeberInnen können sich in der unmittelbaren Auseinandersetzung von den Fähigkeiten des Gegenübers überzeugen. Gleichzeitig bekommt die/der Jugendliche ein realistisches Bild der beruflichen Tätigkeit.

    Von Seite der Angehörigen werden Bedenken sichtbar, die sich darauf beziehen, wie es nach der Ausbildung weitergehen kann. Es werden Befürchtungen spürbar, der reguläre Arbeitsmarkt könnte nicht die geeignete Arbeitsstelle hervorbringen, die den erworbenen Fähigkeiten im Rahmen der Ausbildung entspricht. Ein Wechsel auf den Ersatzarbeitsmarkt wurde von einer befragten Angehörigen als großer Rückschritt für ihren Sohn gesehen.

    Bei unterstützenden Angeboten beim Berufseinstieg bzw. der Berufsausbildungsassistenz ist als problematisch zu betrachten, dass diese oft nur zeitlich begrenzt genutzt werden können, mit der Berufsausbildung enden und diese damit bei einer Platzierung auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht langfristig in Anspruch genommen werden können. Auch für kurzfristige Interventionen, wie z.B. vorübergehende Probleme am Arbeitsplatz, gibt es kein vorgesehenes Unterstützungselement. Dies wäre gerade für Menschen mit Autismus sinnvoll, wie nachstehende Ausführungen zeigen werden.

    Die beruflichen bzw. Beschäftigungsperspektiven von Menschen im Autismus-Spektrum scheinen sehr breit gestreut zu sein. Die geführten Interviews machen ersichtlich, dass Menschen mit Autismus vom regulären bzw. ersten Arbeitsmarkt über den geschützten zweiten Arbeitsmarkt bis zum Ersatzarbeitsmarkt in Form von Fähigkeitsorientierter Aktivität tätig sein können. Dabei wird ein Zusammenhang mit dem Ausprägungsgrad der ASS ersichtlich. Erfahrungen am ersten Arbeitsmarkt bestehen bei insgesamt fünf AutistInnen, über die im Rahmen der Interviews berichtet wird, wobei drei das Asperger-Syndrom aufweisen, eine Person den atypischen Autismus und eine Person über keine medizinisch eindeutige Diagnose verfügt. Ein Mann mit dem Kanner-Syndrom ist in einem Integrativen Betrieb auf dem zweiten Arbeitsmarkt tätig. Alle anderen Personen mit dem Kanner-Syndrom, über die im Rahmen der Interviews von Angehörigen und EinrichtungsvertreterInnen berichtet wird, sind ausschließlich am Ersatzarbeitsmarkt tätig.

    In Folge wird die Beschäftigungssituation dieser Personen mit ASS nach den drei Arbeitsmärkten (regulärer bzw. erster Arbeitsmarkt, geschützter zweiter Arbeitsmarkt und Ersatzarbeitsmarkt) dargestellt.

    Beschäftigung am Ersatzarbeitsmarkt

    Menschen mit schwerwiegenderen Formen von Autismus, die mit einer kognitiven Beeinträchtigung einhergehen, wie Kanner-Autismus, scheinen in erster Linie am Ersatzarbeitsmarkt tätig zu sein. Im Hinblick auf dieses Angebot werden von den Angehörigen aber auch den EinrichtungsvetreterInnen lange Wartezeiten beschrieben, die teilweise mit Hilfe der Unterstützung einzelner PolitikerInnen umgangen bzw. entschärft werden konnten. Ein Angehöriger gibt an, auch außerhalb der oberösterreichischen Landesgrenzen eine Einrichtung für seinen Sohn besichtigt zu haben. In den Interviews ist immer wieder von Jugendlichen die Rede, die nach der Schule keinen Betreuungsplatz bekommen und so in familiären Strukturen verbleiben, gerade wenn sie durch „schwieriges“ Verhalten die Betreuungsstrukturen in Einrichtungen sprengen. Die Thematik Fremd- und Eigenaggressionen von Menschen mit Autismus spielt bei den Angehörigen und auch in Einrichtungsinterviews eine Rolle und stellt beide Seiten vor große Herausforderungen.

    Am Ersatzarbeitsmarkt erfordern die dort tätigen Menschen mit Autismus meist sehr individuell abgestimmte Betreuungssettings. Eine Vertreterin einer Einrichtung beschreibt, dass es primär um die Strukturierung des Tagesablaufs geht. Oftmals bedarf es einer Einzelbetreuung von Menschen mit Autismus, da eine Integration in Werkstättengruppen nicht möglich und eine „ununterbrochene Aufsicht und Begleitung notwendig“ (E4, 9, 251) ist. Das Förderziel besteht darin, ein Beisammensein bzw. gemeinsame Aktivitäten mit anderen Personen zu ermöglichen.

    Seit wenigen Jahren gibt es laut Auskunft einer Einrichtungsvertreterin in Oberösterreich ein neues Betreuungs-Modell für Menschen mit schwerwiegendem Autismus und dem Bedarf an einer Einzelbetreuung, bei dem Beschäftigung im Bereich der Landwirtschaft in Form eines Streichelzoos angeboten wird. In diesem Sinne werden von Seite der EinrichtungsvertreterInnen handwerkliche Tätigkeiten in der Natur wie Sägen und Schrauben oder Schneiden als sehr geeignete Form der Beschäftigung für Menschen mit Autismus gesehen, bei denen Ansprüche an die soziale Kommunikation und Interaktion gering sind.

    An folgender Aussage einer Einrichtungsvertreterin wird ersichtlich, dass Menschen mit Autismus am Ersatzarbeitsmarkt auch manchmal unterfordert sind: „Also unser Klient hat im Prinzip eine Tagesstruktur, die ihm viel zu fad ist, weil er gerne was Handwerkliches tun möchte (...) und somit ist es auch schwierig, ihm da irgendwie etwas zu geben, was super ist für ihn“ (E7, 20, 688). Hier besteht die Herausforderung darin, die Beschäftigung entsprechend der Interessen und Fähigkeiten der Personen mit Autismus anspruchsvoll genug zu gestalten und sie dementsprechend zu fördern, sodass keine Unterforderung entsteht.

    Eine Einrichtungsvertreterin des zweiten Arbeitsmarktes, also im Geschützten Arbeitsbereich in Form eines Integrativen Betriebes, berichtet im Interview über einen Mann mit Kanner-Syndrom, der dort im Rahmen einer Arbeitsbegleitung tätig ist. Zuerst hat der Mann Botendienste übernommen, nun ist er in der Malerei beschäftigt. Über persönliche Kontakte seiner Kinderdorfmutter erhielt der Mann einen Ausbildungsplatz in einem Malereibetrieb eines Bekannten. Diese Ausbildung hat er zwar nicht abgeschlossen, im praktischen Bereich jedoch wurde er gut geschult und kann nun seine Fähigkeiten in der Malerei gut einsetzen.

    Tätigkeit am ersten Arbeitsmarkt

    Die geführten Interviews legen den Schluss nahe, dass Personen mit Asperger-Syndrom in oberösterreichischen Einrichtungen der Behindertenhilfe eher die Ausnahme darstellen. Nur eine Einrichtungsvertreterin berichtet, dass sie auch zwei Personen mit Asperger-Syndrom betreuen. Eine andere Vertreterin einer Einrichtung, die Angebote für Menschen mit Behinderung von Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter stellt, meint: „Denn Kinder, die den Asperger-Autismus haben und intelligente Kinder sind, die kommen da nicht her, die sind dann integriert in eine andere Schule und haben dort ein therapeutisches Angebot und ein Beratungsangebot noch zum Beispiel Beratung, wie kann man Übergänge gestalten von Kindergarten in Schule, von Schule in Arbeit und so“ (E4, 3, 54).

    Personen mit Asperger-Syndrom bzw. atypischem Autismus scheinen jene Personengruppen innerhalb des Autismus-Spektrums darzustellen, die Eingang in den regulären Arbeitsmarkt finden können.

    Auch aus der Literatur geht hervor, dass für eine berufliche Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt in erster Linie Personen mit der Fähigkeit zur Verbalsprache bzw. mit eher geringfügigen kognitiven Einschränkungen aus dem Autismus-Spektrum in Frage kommen, die sich aus Jugendlichen und Erwachsenen mit, High-Functioning-Autismus, Asperger-Syndrom, Atypischem Autismus und Behinderung mit autistischen Zügen zusammensetzen (Baumgartner et al. 2009, 23).

    Tätigkeitsfelder am ersten und zweiten Arbeitsmarkt

    Die ausgeführten Tätigkeitsfelder der Personen mit Autismus, über die im Rahmen der Interviews Informationen generiert wurden, reichen von Büro- und Botendiensttätigkeiten über den handwerklichen Bereich in einer Malerei bzw. eine Tischlereilehre bis hin zur Diplomierten Gesundheits- und Krankenschwester. Der Sohn der interviewten Betroffenen, der ebenfalls das Asperger-Syndrom aufweist, hat maturiert und studiert. Dies zeigt doch ein abwechslungsreiches Tätigkeitsfeld und steht dem oft verbreiteten Vorurteil, Menschen mit Autismus könnten nur stereotype Arbeiten wie Fließbandtätigkeiten ausführen, entgegen.

    Gründe für das „Scheitern“ am ersten Arbeitsmarkt

    Aus den Interviews wurde ersichtlich, dass für einige Personen, die heute im Alter zwischen Mitte 30 und Ende 40 sind, eine Tätigkeit am allgemeinen Arbeitsmarkt möglich war und diese auch ohne professionelle Unterstützung stattgefunden hat. Bei einer Person ist die Diagnose Asperger-Syndrom erst nach Ausscheiden aus dem Beruf gestellt worden. Augenscheinlich ist, dass sich für all diese Personen langfristig Situationen am Arbeitsplatz ergaben, die schließlich untragbar wurden und zu einem Ausscheiden aus dem Erwerbssystem führten. In einem Fall lag es daran, dass keine passende Wohnmöglichkeit außerhalb des Elternhauses in der Nähe des Arbeitsorts gefunden wurde und nach 17-jähriger Tätigkeit in einem Wirtschaftsunternehmen nach einem gescheiterten Wohnversuch im Rahmen einer Behinderteneinrichtung schließlich die Arbeit aufgegeben werden musste. Heute wohnt und arbeitet der Mann in einer Einrichtung der Behindertenhilfe.

    Im Falle A4 funktionierte die Arbeit im öffentlichen Dienst gut, bis der Vorgesetzte in Pension ging und Mobbing am Arbeitsplatz begann. Die Mutter berichtet: „Der nächste Vorgesetzte war überhaupt nicht kooperativ, hat NULL Ahnung gehabt von Menschenführung und der hat ihn dann hinausgedrängt sozusagen. Das war ganz eine schlimme Erfahrung für ihn, die haben ihn also richtig gemobbt und eines Tages haben sie uns angerufen am Freitag, er braucht am Montag gar nicht mehr kommen“ (A4, 5, 99).

    Anschließend fand ein Arbeitsversuch am zweiten Arbeitsmarkt statt, der nach drei Monaten scheiterte. Ein weiteres Angebot in diesem Bereich wurde vom Betroffenen abgelehnt. Die Mutter schildert: „Da hat er dann überhaupt nicht mehr gewollt, er hat nur mehr geheult, wenn wir irgendwo reingegangen sind, wie ein kleines Kind: ´Da mag ich nicht bleiben´“(A4, 6, 145). Die darauf folgende aktive Suche durch die Eltern in unterschiedlichen Firmen nach einer neuen Tätigkeit schlug fehl.

    Im Falle der Krankenschwester (B4) war die Diagnose Asperger-Syndrom während ihrer beruflichen Laufbahn noch nicht gestellt, sondern erst, als sich die Person in bereits Frühpension befand. Ausgangspunkt für die Wahl der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenschwester war das Spezialinteresse an Medizin. Die schulischen Leistungen bescherten ihr eine Auszeichnung im Diplom und waren auch der Grund für die Übernahme auf eine Station, auf der sie im Rahmen der Ausbildung bereits ein Praktikum gemacht hatte. Dort arbeitete sie bis zum Antritt der Frühpension mit Anfang 40. Für ihr Fachwissen, ihre Genauigkeit und Perfektion bekam die Betroffene im Rahmen ihrer beruflichen Laufbahn gerade von PatientInnen immer wieder positives Feedback. Die Herausforderung bestand in der Bewerkstelligung von sozialen Situationen. Dies wurde bereits zu Beginn der praktischen Ausbildung ersichtlich, wenn die Betroffene von Problemen spricht, die sich aufgrund der Zusammenarbeit mit einer großen Anzahl unterschiedlicher Personen ergaben. Auch zwischendurch war dies immer wieder der Grund für persönliches Unbehagen. Schließlich führte ein zunehmender Druck auf der Station zu „Bossing“ durch die Führung. Ein daraufhin startendes Mobbing durch KollegInnen bewirkte im Laufe der Zeit psychische Probleme, die mit Suizidgedanken einhergingen. Zusätzliche physische Leiden führten die Frau in die Frühpension.

    Ersichtlich wird, dass nicht die Unfähigkeit zur Arbeit selbst oder etwa mangelndes Durchhaltevermögen Grund für die Beendigung der Arbeitsverhältnisse waren. In erster Linie stellen soziale Anforderungen, wie der Umgang mit Vorgesetzten und auch KollegInnen sogenannte „Stolpersteine“ in der beruflichen Karriere dar. Das Nicht-Wissen um die Behinderung Autismus bzw. mangelndes Verständnis dürften zu derartigen Problemen führen. Dies kommt auch in folgender Aussage einer befragten Mutter zum Ausdruck: „Aber das war ein Vorgesetzter, der gesagt hat, der ist nicht behindert, er ist nur schlecht erzogen und er wird ihm schon die Wadeln nach vorne richten – das war seine Einstellung“ (A4, 5, 109).

    In den untersuchten Fällen wurden fachlich-soziale Arrangements, die eine Zeit lang offensichtlich funktioniert haben, durch Vorgesetztenwechsel (und menschliche Gemeinheiten), Arbeitsintensivierung oder weite Arbeitswege zunichte gemacht, was für die betroffenen Personen schließlich zum Ausscheiden aus dem Arbeitsleben führte.

    Subjektive Auswirkungen von Negativereignissen im Kontext Arbeit

    In den Berichten von Angehörigen wird ersichtlich, dass sich Negativereignisse, die Menschen mit Autismus an ihrem Arbeitsplatz gemacht haben, sehr prägend auf die weitere Entwicklung der Person auswirken können und dadurch oft ein noch stärkerer Rückzug aus sozialen Situationen stattfindet. Offensichtlich sind Menschen im Autismus-Spektrum auf eine verlässliche und berechenbar funktionierende Umgebung angewiesen. Damit geht eine stärkere Verwundbarkeit gegenüber Veränderungen und intensiviertem Stress einher. Lässt die Unterstützung der Umwelt in diesen Phasen zusätzlich nach, kommt es schnell zu sehr kritischen Situationen für Menschen im Autismus-Spektrum. Derartige negative Erlebnisse werden von Angehörigen als Auslöser für psychische Krisen gesehen. Die Mutter jenes Mannes mit Autismus, der nach dem Vorgesetztenwechsel von einem Tag auf den anderen aus seinem Job entlassen wurde, beschreibt dies folgendermaßen:

    Aber das hat ihn in ein totales Dilemma gestoßen, also ein Jahr haben wir ihn kaum aus der Depression raus gebracht, weil er hat überhaupt nicht verstanden, warum er nicht mehr arbeiten gehen darf, er hat die Arbeit GERN gemacht, sehr verlässlich gemacht; natürlich hat er seine Macken gehabt, ja, aber die haben sie ja gekannt von Anfang an. Ja, und dann hat er, wie gesagt, von heute auf morgen nichts mehr gehabt und es war auch nichts zu bekommen. Die haben ihn dann VIER Jahre lang bezahlt, ohne dass er irgendeinen Handgriff gemacht hat. Wie gesagt, ein Jahr haben wir gebraucht, bis wir ihn wieder aus seiner Lethargie und aus seinen Depressionen rausgebracht haben und dann hat er halt bei uns wieder mitgeholfen so recht und schlecht, ja. Das hat sein Vertrauen in andere Leute natürlich VÖLLIG eingebrochen und auch die Ängste waren dann enorm groß, ja.“(A4, 5, 101)

    Bei dem heute 40-jährigen Mann mit Asperger-Syndrom (A5), der einen Wohnversuchs in einer Einrichtung der Behindertenhilfe unternahm, der schließlich von Seite der Einrichtung beendet wurde, stellte dieses „Scheitern“ ebenfalls einen gravierenden Bruch im Leben eines Mannes mit Asperger-Syndrom dar. Die Mutter spricht in diesem Zusammenhang von „der Katastrophe mit … [Name des Einrichtungsträgers]. Es ist natürlich so, früher hat er schon auch allein mehr gemacht. Da hat er öfter mal was allein unternommen, aber seit dem Schock da bei der … [Name des Einrichtungsträgers] und so hängt er noch viel mehr bei mir“ (A5, 7, 256).

    Jene Frau mit Asperger-Syndrom (B4), die Jahrzehnte lang als Krankenschwester tätig war, schildert ihre Mobbing-Erlebnisse am Arbeitsplatz und zieht Konsequenzen daraus:

    Und das Mobbing ist sehr, sehr schlimm geworden, bis zur Verleumdung und, ahm, wenn ich meinen, meinen Partner nicht gehabt hätte, würde ich unter Umständen nicht mehr leben, weil das wirklich an die Substanz geht, das Mobbing und weil man da wirklich FERTIG gemacht wird und das Ganze hat natürlich, ahm, körperliche Auswirkungen. Aber natürlich man lernt durch diese negativen Erfahrungen und zieht sich auch zurück und, ahm, entwickelt auch eine soziale Ängstlichkeit, also weil man eben durch Vielerlei aneckt“ (B4, 2, 26).

    In allen drei Fällen bewirkten derartige Negativereignisse, die immer mit der Ablehnung der Person einhergingen, zunehmende Ängstlichkeit gegenüber anderen Menschen und führten in Folge zu sozialem Rückzug in den geschützten Raum der Familie.

    4. Zusammenfassende Betrachtungen

    Aufgrund des sehr weit gestreuten Erscheinungsbildes von Autismus sowie dem, auf den ersten Blick relativ geringen Auftreten von Autismus bleiben Betroffene als Gruppe in der Gesellschaft eigentlich unsichtbar. Dabei fallen allein in Oberösterreich Schätzungen zufolge in jede der neun Pflichtschuljahrgänge rund 70 Personen in das Autismus-Spektrum, wobei von diesen rund 30 Autismus im engeren Sinn – also Kanner- bzw. Asperger-Syndrom – aufweisen. Die empirischen Befunde geben Hinweise darauf, dass sich die Beschäftigungsperspektiven in Oberösterreich von Menschen im Autismus-Spektrum je nach Typ und Ausprägungsgrad des Autismus sehr unterschiedlich gestalten. Diese reichen von Beschäftigung am Ersatzarbeitsmarkt in Einzelbetreuungssettings bis zu einer regulären Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt. Im Bereich der Behindertenhilfe bzw. des Ersatzarbeitsmarktes stellen Menschen mit Autismus ein „Randphänomen“ dar. Befragte EinrichtungsvertreterInnen sprechen meist von einer bzw. einigen wenigen Personen mit Autismus, die sich zum Interviewzeitpunkt in der Betreuung der meist großen TrägerInnen der Behindertenhilfe befanden. Unterstützungsangebote speziell für Menschen mit Autismus im Erwachsenenalter, die sich mit Beschäftigungsmöglichkeiten auseinandersetzen, gibt es bis dato in Oberösterreich nicht. Am ersten Arbeitsmarkt sind Menschen mit Autismus auch auf den ersten Blick nicht auffindbar. Dabei würden sich, ausgehend von internationalen Schätzwerten, von den 70 in einem Pflichtschuljahrgang befindlichen SchülerInnen mit ASS rund 10 bis 15 für eine kompetitive Tätigkeit, also den regulären ersten Arbeitsmarkt, eignen. Dies sind vor allem Personen mit der klinischen Diagnose Asperger-Syndrom oder Personen im Autismus-Spektrum mit geringen kognitiven Beeinträchtigungen und der Fähigkeit zur Verbalsprache.

    Dabei wird im Rahmen der Interviews unter den Menschen mit Autismus ein doch breites Tätigkeitsspektrum am ersten und zweiten Arbeitsmarkt sichtbar. Dies reicht von Boten- und Bürotätigkeiten über den handwerklichen Bereich bis zur Beschäftigung im Krankenhaus als diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester. Aus den Beschreibungen der InterviewpartnerInnen geht hervor, dass Menschen mit Autismus Stärken aufweisen, die im Arbeitsleben Vorteile darstellen können. Um diese zu entfalten, müssen gewisse Rahmenbedingungen vorliegen. Gelingt es, diese Stärken richtig einzusetzen, können diese auch von ökonomischem Vorteil für ArbeitgeberInnen sein. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt scheint die IT-Branche diese Chance zu erkennen und plant die Beschäftigung von Menschen mit Autismus im größeren Ausmaß, wie aus aktuellen Presseberichten hervorgeht (orf.at 2013). Vorzeigeprojekte in der beruflichen Integration von Menschen mit ASS legen nahe, dass Menschen im Autismus-Spektrum ausschließlich in Tätigkeitsfeldern wie dem IT-Bereich zu finden sind. Als Beispiel zu nennen sind im Bereich Informatik AspergerInformatik (http://asperger-informatik.ch ) bzw. Specialisterne (http://specialisterne.com ), die ausgehend von Dänemark eine Expansion in andere europäische Länder anstreben und mittlerweile auch ein Pilotprojekt in Wien (http://www.specialisterne.at ) gestartet haben. Aber auch Baumgartner et al. (2009, 72ff) aus dem benachbarten Deutschland formulieren aus ihren Erfahrungen in der beruflichen Ausbildung von jungen Menschen im Autismus-Spektrum Indikatoren für Tätigkeitsfelder, die in der Regel für Menschen mit Autismus geeignet sind und zeigen damit, dass Menschen mit Autismus in weitaus mehr Bereichen tätig sein können als in der Informatikbranche.

    Abgesehen vom Tätigkeitsbereich begegnen Menschen mit Autismus auch Schwierigkeiten am Arbeitsplatz vor allem aufgrund der Beeinträchtigung ihres Sozialverhaltens sowie der Kommunikation. Dabei kann es sein, dass die Diagnose Autismus selbst den Betroffenen nicht immer bekannt ist und die Behinderung Autismus für alle Beteiligten unbemerkt bleibt. Abweichendes Sozialverhalten wird dann als „schrullige Eigenart“ bzw. „Fehlverhalten“ und als persönliche Eigenschaft gesehen, stoßen auf Irritation beim Gegenüber und folglich oft auf Ablehnung. In den angeführten Fallbeispielen wurden mehrmals derartige Situationen geschildert. Ein erhöhtes Risiko, Mobbing durch KollegInnen, aber auch durch Vorgesetze zum Opfer zu fallen, wird ersichtlich. Jene Personen, die den Berufseinstieg schafften, sind doch langfristig „gescheitert“. Auslöser für das Ausscheiden aus dem Arbeitsleben waren in erster Linie Probleme, die sich aus sozialen Situationen ergaben. Auch die Problematik inadäquater Wohnmöglichkeiten für die Person mit Autismus wird beschrieben, die gravierende Auswirkungen auf die Beschäftigungsmöglichkeit bzw. -fähigkeit hat. Das Ausscheiden aus dem Beruf und die damit verbundenen Ereignisse hinterließen bei den beschriebenen Personen traumatisierende Spuren und bewirkten einen Rückzug aus dem sozialen Leben sowie eine Abkehr von unbekannten fremden Beziehungen.

    Die exemplarische Betrachtung der nachschulischen Situation von Menschen mit Autismus in Oberösterreich zeigt auf, dass die Forderung des Artikel 27 der UN-Konvention, welcher „das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen, inklusiven und für Menschen mit Behinderung zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld frei gewählt und aufgenommen wird“ noch nicht eingelöst ist. Menschen mit Autismus waren auf dem Arbeitsmarkt in Oberösterreich, wie auch in den meisten anderen Ländern, bisher „unsichtbar“. Ihre speziellen Probleme aber auch Fähigkeiten werden noch immer wenig erkannt. Dies führte bisher dazu, dass Menschen mit Autismus unzureichende bzw. inadäquate Unterstützung erfahren haben, um ihre freie Wahl für eine Arbeit abzusichern. Unterstützte Beschäftigung bzw. abgestimmte Begleitende Hilfen, wie Clearing, Berufsbildungsassistenz, Arbeitsassistenz und Job Coaching für Menschen mit Autismus können einen wichtigen Beitrag zur erfolgreichen beruflichen Integration von Menschen mit Autismus beitragen (Bungart 2011). Wesentlich dabei wäre, dass diese im Bedarfsfall auch langfristig zum Einsatz kommen können. Aufgrund der sozialen Schwierigkeiten, die bei Autismus im Vordergrund stehen, brauchen Menschen mit Autismus vielfach auch in anderen Lebensbereichen wie Wohnen und Freizeitgestaltung Unterstützung, um eine Teilhabe am Beruf gelingen zu lassen und somit einer inklusiven Gesellschaft, wie es der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung vorschwebt, einen Schritt näher zu kommen. Dadurch ergibt sich auch die Chance, bestehende Vorurteile gegenüber Menschen mit Autismus aufzubrechen und Inklusion weiter voranzutreiben, indem „Normalitätsvor-stellungen neu geordnet werden müssen“ (El-Mafaalani 2011, 39).

    Weiterer Bedarf an der Erforschung der nachschulischen Situation von Menschen im Autismus-Spektrum ist angezeigt, wobei vor allem die betroffenen Personen selbst im Sinne von „ExpertInnen in eigener Sache“ in die Forschung einbezogen werden sollten.

    5. Literatur

    Aichele, Valentin (2008). Die UN-Behindertenrechtskonvention und ihr Fakultativprotokoll. Ein Beitrag zur Ratifikationsdebatte. Berlin: Deutsches Institut für Menschenrechte.

    Baumgartner, Frank (o.J.). Berufliche Förderung und Qualifizierung von Menschen mit Autismus im Berufsbildungswerk Abensberg. Foliensatz. Verfügbar unter http://www.bag-ub.de/forum_uesb/forum-uesbf_bp.htm [23.06.2010]

    Baumgartner, Frank/ Dalferth, Matthias/ Vogel Heike (2009). Berufliche Teilhabe für Menschen aus dem autistischen Spektrum (ASD). Universitätsverlag Winter: Heidelberg

    Bundessozialamt (2013). Anlehre. Verfügbar unter: http://www.bundessozialamt.gv.at/cms/basb/pdb_project.html?an=713 [16.08.2013]

    Bungart, Jörg (2011). Unterstützte Beschäftigung – Welche Chancen bieten Konzepte und Maßnahmen im Sinne von Artikel 27 der UN-Behindertenrechtskonvention? In: Bundesverband autismus Deutschland e.V. (Hrsg.): Inklusion von Menschen mit Autismus. Loeper Fachbuch: Karlsruhe, 424-445

    Dern, Sebastian/ Schuster, Nicole (2007). Unterschätzte Außenseiter. In: GEHIRN&GEIST 7-8, 50-54

    Diestelberger, Anton/ Zöttl, Therese (2005). „Strukturiertes Lehren und Lernen“. Pädagogisches Modell. Wien

    El-Mafaalani, Aladin (2011). Ungleiches ungleich behandeln! Inklusion bedeutet Umdenken. In: BWP. Wege zur Inklusion. 2/ 2011 39-42

    Fasching, Helga/ Mursec, Diana (2010). Schulische Ausgangssituation und Übergang in Ausbildung und Beruf in Österreich. Dokumentation der bundesweiten Befragung der Bezirksschulinspektor/innen und Eltern. Datenband I der dreibändigen Reihe „Die Übergangs-, Unterstützungs- und Beschäftigungssituation von Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung in Österreich“. Wien: Universität Wien.

    Herpertz-Dahlmann, Beate/ Konrad, Kerstin/ Freitag, Christine (2011). Autismus heute. In: Bundesverband autismus Deutschland e.V. (Hrsg.): Inklusion von Menschen mit Autismus. Loeper Fachbuch: Karlsruhe, 111-125

    Mayring, Phillip (1997). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Deutsche Studien Verlag: Weinheim, 5. Auflage

    Noterdaeme, Michele (2011). Frühe Diagnostik und Behandlung von Autismus-Spektrum-Störungen. In: Bundesverband autismus Deutschland e.V. (Hrsg.): Inklusion von Menschen mit Autismus. Loeper Fachbuch: Karlsruhe, 203-217

    orf.at (2013). SAP will Hunderte Autisten einstellen. „Innovation vom Rand“. Verfügbar unter: http://news.orf.at/stories/2183140/2183142/ [21.05.2013]

    Remschmidt, Helmut (2005). Autismus. Erscheinungsformen, Ursachen, Hilfen. Beck: Mün-chen

    Remschmidt, Helmut/ Kamp-Becker, Ingrid (2007). Das Asperger-Syndrom – eine Autismus-Spektrum-Störung. In: Deutsches Ärzteblatt. Jg.104 Heft 13, 873-882, online unter: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&p=asperger%2Dsyndrom&id=55038 [29.03.2010]

    Rollett, Brigitte/ Kastner-Koller, Ursula (2007). Praxishandbuch Autismus für Eltern, Erzieher, Lehrer und Therapeuten. Urban & Fischer: München

    Steinhausen, Hans-Christoph/ Gundelfinger, Ronnie (2009). Autismus-Spektrum-Störungen: eine Einführung in die Thematik. In: Steinhausen Hans-Christoph/ Gundelfinger, Ronnie (Hrsg.) Diagnose und Therapie von Autismus-Spektrum-Störungen. Grundlagen und Praxis. Kohlhammer: Stuttgart, 13-22

    Witzel, Andreas (1989). Das problemzentrierte Interview. In: Gerd Jüttemann (Hrsg.), Qualitative Forschung in der Psychologie. Grundfragen, Verfahrensweisen, Anwendungsfelder, Asanger: Heidelberg, 227-256

    Quelle

    Maria Osterkorn: Nachschulische Situation von Menschen mit Autismus in Oberösterreich im Lichte von Inklusion. Erschienen in: Zeitschrift für Inklusion, Ausgabe 03/2013, http://www.inklusion-online.net/ , ISSN 1862-5088

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    Stand: 06.03.2015

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