"Ein Zeichen sind wir, deutungslos ..." - Kinder, die nicht stören können

AutorIn: Hans von Lüpke
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: Zeitschrift für Inklusion-online 02/2006 Zeitschrift für Inklusion (02/2006)
Copyright: © Hans von Lüpke 2006

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Unverstandene Kinder werden als schwierig empfunden, wenn sie anfangen zu stören. Die Stillen, Angepassten sind nicht weniger unverstanden, bleiben jedoch akzeptiert. Nicht selten geraten sie gar in die Rolle eines Vorbilds. Ihre Geschichte soll hier Thema werden.

Sie beginnt mit dem aktiven Säugling, der auf Handlungserfahrungen aus der vorgeburtlichen Zeit zurückgreift. Diese aus der Forschung über frühe Entwicklungsphasen gut bekannte Vorstellung findet sich bereits bei Winnicott in einer Arbeit aus dem Jahre 1950. Er bezieht sich dabei auf die wörtliche Bedeutung des Begriffs "Aggression" im Sinne eines Herangehens an etwas: "Der Intergration der Persönlichkeit geht Aggression voraus. Das Baby stößt im Mutterleib mit den Füßen; man kann nicht annehmen, es versuche, sich den Weg hinaus zu bahnen. Ein Baby von ein paar Wochen schlägt mit den Armen um sich; man kann nicht annehmen, es wolle schlagen. Das Baby kaut mit seinem zahnlosen Kiefer an der Brustwarze herum; man kann nicht annehmen, es wolle zerstören oder verletzten. Zu Anfang ist die Aggressivität fast das Gleiche wie Aktivität" (Winnicott 1950, 89). Die Aggression "führt dazu, dass der Säugling ein äußeres Objekt braucht, und nicht bloß ein befriedigendes Objekt" (S. 108). Winnicott nimmt damit einen zentralen Aspekt der neueren Säuglingsforschung vorweg: Nicht das Ausmaß der Bedürfnisbefriedigung entscheidet über die Qualität von Versorgung, sondern die Antwort auf Initiativen des Kindes im Sinne einer Wechselseitigkeit des Dialogs. Die Antwort durch das "äußere, nicht bloß bedürfnisbefriedigende Objekt" wird zum neuen Vorschlag, der seinerseits eine im Voraus nicht kalkulierbare Erwiderung auslöst. Das daraus resultierende spiralenförmig aufwärts sich bewegende Modell von Vorschlag und Gegenvorschlag nach dem Konzept von Milani Comparetti (1996) ist gut bekannt. Nicht die vorbehaltlose Zustimmung fördert Entwicklung, sondern gerade die Diskrepanz zur Initiative des Anderen - auf der Grundlage des Respekts vor dieser Diskrepanz. Antwort ist eine Voraussetzung für jedes Wachstum. Sie ist buchstäblich lebensnotwendig. Kinder, die ohne Antwort bleiben - wie die Säuglinge aus den Experimenten Friedrichs II. oder die von Spitz beschriebenen Heimkinder - sterben, auch wenn sie ausreichend genährt und hygienisch einwandfrei versorgt werden. Paradoxerweise ist es erst die Antwort, die Handlungen, Wahrnehmungen und Gefühle als eigene spürbar werden läßt. Dabei ist auch der Säugling nicht darauf angewiesen, auf Anhieb eine "richtige" Antwort zu bekommen, sondern er verfügt über ein breites Repertoire an Möglichkeiten, unerwartete Varianten zu nutzen, "Rückfragen" zu stellen und darüber hinaus sich durch körperliche Aktivitäten jene Kohärenz zu schaffen, die Wahrnehmen und Handeln erst möglich macht.

Am deutlichsten wird dies in einem klassischen Experiment der Säuglingsforschung: Dem Verhalten des Säuglings bei der "still face mother", d.h. einer Mutter, die dazu aufgefordert wird, in keiner Weise auf die Initiativen des Kindes zu reagieren. Die Beobachtung eines drei Monate alten Säuglings ergab dabei folgendes:

"Der Säugling blickt nachdenklich an seinen Händen hinunter, die Finger der einen Hand spielen mit denen der anderen. Als die Mutter erscheint, hören die Fingerbewegungen auf. Er sieht sie mit einem halben Lächeln an, die Augen halb zugekniffen, aber in die Augen der Mutter blickend. Ihr unbewegtes maskenhaftes Gesicht grüßt ihn. Er sieht rasch zur Seite, bleibt aber vollkommen ruhig. Nach 20 Sekunden blickt er erneut in ihr Gesicht, seine Augenbrauen und Lider heben sich jetzt, und während er ihr in die Augen sieht, machen Arme und Beine schreckhafte Bewegungen. Er blickt rasch an seinen Händen hinab, wartet etwa acht Sekunden, prüft erneut ihr Gesicht, gähnt und wendet Augen und Gesicht über ihren Kopf hinweg. Seine Finger ziehen jetzt an den Fingern der anderen Hand, der übrige Körper ist bewegungslos. Über fünf Sekunden gähnt er und streckt den Kopf, er schleudert einen Arm in leichter Schreckbewegung nach außen und führt rasch die Hand zu seiner Kleidung als 'Platzhalter', während er erneut kurz in ihr Gesicht blickt - zum vierten Mal. Seine Armbewegungen werden jetzt zu Zuckungen, seine Mundwinkel senken sich, die Augen verengen sich und er dreht sein Gesicht so, dass er die Mutter mit halb geschlossenen Augen im peripheren Gesichtswinkel behält. Seine Finger betasten einander erneut, seine Beine strecken sich zu ihr hin, zucken aber erneut zurück. Er biegt sich nach vorn, hängt über, den Kopf auf der Brust und blickt unter den Augenbrauen zu ihrem Gesicht auf, so als ob er von ihr erwarte, dass sie ihn aufrichte. Über eine Minute verweilt er in dieser hilflosen Haltung, sie alle zehn Sekunden erneut mit den Augen prüfend. Er grimassiert kurz, während Augen und Gesicht sehr ernst dreinschauen. Schließlich bricht er wie ein eingerolltes Knäuel zusammen, blickt hilflos vor sich hin und prüft sie nicht noch einmal. Er betastet mit einer Hand den Mund, steckt einen Finger hinein und saugt in Intervallen, den Kopf sanft schaukelnd. Sein Blick wirkt hoffnungslos. Während sie sich entfernt, bleibt er eingerollt und bewegungslos, blickt halbwegs in ihre Richtung, aber scheint von ihr keine Antwort mehr zu erwarten." ( Brazelton 1975, S. 145).

Brazelton kommentiert diese Episode folgendermaßen: "Am Anfang steht eine kurze Überprüfung und der Säugling beginnt zu spüren, dass seine Erwartung an eine normale Interaktion nicht erfüllt wird. Während er seine 'Überprüfung' fortsetzt, hat sein Verhalten etwas Wartendes. Gleichzeitig bemüht er sich darum, bei der Mutter das gewohnte Verhalten hervorzurufen. Als die nach zwei (langen) Minuten wiederholter Versuche misslingen, zieht er sich zurück und wendet sich einem sich selbst beruhigenden Verhalten zu. Diese langen wiederholten Versuche, die Interaktion wieder in Gang zu bringen und sein Rückzug zeigen seine Versuche, mit der Zurückweisung zurecht zu kommen." (S. 145-146). Diese Beobachtung ist vor allem deshalb bedeutsam, weil sie als Modell für jede Art des Aneinander-vorbei-gehens, des Sich-nicht-im-Dialog-treffens angesehen werden kann. Als Beispiel dafür, dass Säuglinge auch ohne Antwort bleiben, wenn die Mutter oder eine entsprechende Betreuungsperson durch eigene Probleme so absorbiert ist, dass sie die Signale des Kindes nicht wahrnehmen kann, rückt die postpartale Depression als Manifestation einer "Still-face"- Situation zunehmend ins Interesse neuerer Forschungsansätze - nicht zuletzt unter dem Aspekt der Entwicklung von hyperaktivem Verhalten ( Reck 2001). Auch bei Kindern im Krankenhaus konnten jene zwei Phasen beobachtet werden, die sich in der nur drei Minuten dauernden Beobachtung des Säuglings bei der nicht reagierenden Mutter zeigen:

1. Die Phase des Kampfes: der wiederholten Initiativen, den alten Zustand wieder herzustellen - bis zu Wut und Verzweiflung. Hier finden sich die unverstandenen störenden Kinder - der Bezug zum ADS ist leicht zu erkennen, soll jetzt aber nicht Thema sein (von Lüpke 1990).

2. Der - zunächst noch von neuen Initiativen unterbrochene - letztlich dauerhafte Rückzug, der schließlich als Bedürfnislosigkeit, als Zufriedenheit missverstanden werden kann. Kafka s Hungerkünstler bringt dies auf die einfachste Formel, als er gefragt wird, warum er denn nicht anders als hungern könne: "Weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckte. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle." ( Kafka 1924, Ausgabe von 1946, 267).

Störendes Verhalten und Rückzug sind keine defizitären Verhaltensweisen, keine "Pathologie", sondern sinnvolle Initiativen. Beim Protest ist dies offensichtlich. Hier geht es um einen Versuch, Veränderung zu bewirken und sich durch vermehrtes Bemühen um eine selbst geschaffene Handlungs- und Wahrnehmungskohärenz vor der Resignation zu schützen. Rückzug kann verstanden werden als Suche nach Schutz. Winnicott spricht in diesem Zusammenhang vom "Falschen Selbst": "Das falsche Selbst wird auf der Grundlage von Gefügigkeit aufgebaut. Es kann eine Abwehrfunktion haben - den Schutz des wahren Selbst". (Winnicott 1959, 173)

Der Kampf um Veränderung im ersten Stadium und der Schutz des "wahren Selbst" durch Rückzug: beide können den Bezug zum Dialog wieder herstellen. Dies zeigt sich vor allem dort, wo ein plötzlicher Schreck mit dem Rückzug in frühe schützende Erfahrungen beantwortet wird, wie in einer Szene aus dem Film über die Varianten der Aufmerksamkeit aus dem Pikler-Institut in Budapest. Nach dem durch einen Ball ausgelösten Schreck (vielleicht auch Schmerz) bedeckt sich der 11 Monate alte Säugling mit einem bunten Tuch, das er schon aus frühen Entwicklungsphasen kennt. Danach ist er in der Lage, erneut sein Gleichgewicht zu finden, noch einmal mit dem Ball Kontakt aufzunehmen und erkundend wieder aufzubrechen. Hier mag es so scheinen, als ob das Kind sein Gleichgewicht letztlich allein wieder herstellen kann - lediglich mit einem kurzen Rückzug auf die frühe Entwicklungsphase und die Erfahrung mit dem Tuch. Wer jedoch die Verhältnisse im Pikler-Institut kennt, dem ist bewusst, dass alle Eigeninitiativen der Kinder sich im Kontext intensiver Dialogerfahrungen entwickelt haben. So gehört jenes Tuch zu einer "Episode" vielfältiger früher Beziehungserfahrungen - der Rückzug ist daher nicht nur als Schutz in der aktuellen Situation, sondern gleichzeitig als Rückgriff auf diese Erfahrungen zu verstehen. Damit wird von Bedeutung, welche Erfahrungen über das "Episodengedächtnis" (Stern 1992) zugänglich werden: hilfreiche - möglicherweise aber auch traumatische.

Soweit es dem Kind also möglich ist, mit seiner Initiative eine Änderung zu bewirken, muss keine dauerhafte Beeinträchtigung aus dem bisher Geschilderten entstehen. Im Gegenteil: Erfahrungen von eigener Bewältigung können für spätere Belastungen zur Ressource werden, können die Resilienz verstärken. Bei prognostischen Voraussagen ist daher größte Vorsicht geboten. In der Säuglingsforschung wird gerade die Wiederherstellung von Unterbrechungen im Zusammenspiel zwischen Kind und Erwachsenen ("disruption and repair", "interactive repair") als bedeutsamer für die Entwicklung angesehen als ein dauerhaft bedürfnisbefriedigender Zustand. Auf der anderen Seite kann auch der als Anpassung verschleierte innere Rückzug so subtil erfolgen, dass er selbst dem geschulten Professionellen nicht auf Anhieb deutlich wird. Valerie Sinason , eine analytische Therapeutin mit besonderer Erfahrung bei Menschen mit geistiger Behinderung, beschreibt die Beobachtung "eines gesunden Babys in einem fürsorglichen, der Mittelschicht zuzurechnenden Zuhause":

"Das Baby war neun Tage alt, und seine Mutter hatte es gerade gebadet. Sie trug eine Frotteeschürze, sodass das Baby, als sie es aus dem Wasser hob, eine Hand unter seinem Köpfchen und die andere unter Po und Beinen, sofort an die weiche Oberfläche gehalten wurde. Sie langte nach einem weichen Handtuch und strich sanft über sein Haar, aber als sie an seinen Mund kam, wischte sie brüsk darüber. Arme und Beine des Babys schossen in einem Schreckreflex, und es kniff die Augen zusammen, der Rest der Prozedur war liebevoll und sanft. Als das Baby 15 Tage alt war, beobachtete ich wieder die Badezeit. Als die Mutter sein Haar rieb, die letzte Handlung, ehe sie zu seinem Mund kam, kniff das Baby seine Augen zusammen und seine Arme und Beine wurden vollkommen steif. Es schrie nicht. Mit drei Wochen kniff es wieder die Augen zusammen, bewegte aber abwechselnd die Arme und Beine. Mit sechs Wochen lächelte das Baby, als das Handtuch seinen Mund berührte, und starrte auf seine Mutter. 'Es ist erstaunlich, wie sehr er das mag', sagte seine Mutter, irritiert von dem Lächeln, als ob sie sich irgendwie der untergründigen Aggression dieser Handlung bewusst wäre. Mit drei Monaten strahlte das Baby in diesem Moment über das ganze Gesicht. Mit vier Monaten notierte ich, was ich aus heutiger Sicht bedauere: 'Die Mutter wischte dann über den Mund des Babys - sein schönster Moment' Mit fünf Monaten kommentierte die Mutter das Lächeln nicht mehr, wischte aber um so gröber über seinen Mund, während sie es angrinste. Mit sechs Monaten, zu Beginn des Abstillens, führte das Baby seine Handknöchel in seinen mit Apfelmus verschmierten Mund. 'Das wollen wir aber nicht', sagte die Mutter grob und wischte seinen Mund schroff ab. Das Baby schauderte, kniff seine Augen zusammen und erinnerte mich an seine Reaktion im Alter von einer Woche. In der darauf folgenden Woche lächelte es wieder.

Was diese Beobachtung mir gezeigt hat, war, dass im Kontext tagtäglicher Pflege eine Transformation stattgefunden hatte. ... Irgendwie hatte das Baby erfasst, dass es nicht sehen oder schreien konnte und nach einem Versuch, sich steif zu halten, lächelte es. Ich hatte beträchtliche Schwierigkeiten, mich der Erkenntnis zu stellen, dass ein kleines Stück alltäglicher Missbrauch verübt worden war" (Sinason 2000, 97-98).

Sinason geht der Bedeutung dieses Lächelns, "das kein Lächeln ist", weiter nach. Sie sieht es als Ausdruck eines inneren Rückzugs, eines Zustandes von "dumm oder blind werden müssen", der nach außen hin jedoch den Versuch darstellt, "etwas Unkontrollierbares im elterlichen Gegenüber unter Kontrolle zu bringen" (S.99). Gleichzeitig versucht es die verborgenen Aggressionen der Mutter abzufangen mit dem Signal: "Sieh doch wie freundlich ich bin - mir wirst du doch nichts tun wollen". Zusätzlich zum Schutz versucht das Kind, sich das Bild eines guten Elternteils zu erhalten. Der damit verbundene innere Rückzug erinnert an die Metapher vom Fühlhorn der Schnecke bei Horkheimer & Adorno in ihrem Text "Zur Genese der Dummheit":

"Das Fühlhorn wird vor dem Hindernis sogleich in die schützende Hut des Körpers zurückgezogen, es wird mit dem Ganzen wieder eins und wagt als Selbständiges erst zaghaft wieder sich hervor. Wenn die Gefahr noch da ist, verschwindet es aufs Neue und der Abstand bis zur Wiederholung des Versuchs vergrößert sich. Das geistige Leben ist in den Anfängen unendlich zart. ... Die entfalteteren Tiere verdanken sich selbst der größeren Freiheit, ihr Dasein bezeugt, dass einstmals Fühler nach neuen Richtungen ausgestreckt waren und nicht zurückgeschlagen wurden. Jede ihrer Arten ist das Denkmal ungezählter anderer, deren Versuch zu Werden schon im Beginn vereitelt wurde; die dem Schrecken schon erlagen, als nur ein Fühler sich in der Richtung ihres Werdens regte. Die Unterdrückung der Möglichkeiten durch unmittelbaren Widerstand der umgebenden Natur ist nach innen fortgesetzt, durch die Verkümmerung der Organe durch den Schrecken. ... Dummheit ist ein Wundmal" (Horkheimer & Adorno 1944, 274).

Es liegt nahe, in solchen Szenen nicht nur - wie bei Sinason - eine Keimzelle für die Entwicklung von geistiger Behinderung zu sehen, sondern auch die Verbindung zu Konzentrations- und Lernstörungen herzustellen. Wieder wird deutlich, wie untrennbar geistige Entwicklung mit einer Antwort durch die Umwelt verflochten ist. Das größte Risiko liegt in dem für die Beteiligten in frühen Phasen schwer erkennbaren Missverständnis. Der vergebliche Widerstand wird in seiner subtilen Erscheinungsform übersehen und führt - durch die trügerischen Zeichen von Zustimmung und Genuss maskiert ("sein schönster Moment") - zum perversen Dialog.

Hier erscheint die Warnung angebracht, dass es sich nicht um linear kausale Abläufe handelt, und aus einer frühen Störung nicht zwangsläufig spätere Beeinträchtigungen entstehen müssen. Die Chaostheorie hat uns gelehrt, dass die bei Entwicklungsprozessen beteiligten Faktoren unendlich vielfältig sind und niemals unmittelbare Herleitungen - weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft - möglich machen. Jedes Kind hat von der vorgeburtlichen Zeit an seine eigene Geschichte, die über Generationen eingebettet ist in die Geschichte der Familie, der Gesellschaft.

Die Verknüpfung der dabei wirksamen Faktoren ist immer einmalig und in ihren Konsequenzen nur grob hypothetisch erfassbar. Die Geschichte jener Kinder, die nicht - oder genauer gesagt: nicht mehr - stören können, wirft ein neuen Licht auf die mit dem Etikett "ADS" markierten Kinder. Hyperaktivität erscheint nicht mehr als das Resultat überschüssiger unkontrollierter Kraft oder einer irgendwie naturwüchsig (genetisch, hirnorganisch) entstandener Aggressivität. Sie ist eher Ausdruck einer Bewegungsnot: der verzweifelt gegen die Resignation ankämpfenden Bemühung, sich selbst zu stabilisieren und zugleich seine Not nach außen zu vermitteln, wie die Aktivitäten des Säuglings bei der "still face mother" oder das Erstarren bei der Beobachtung von Sinason zeigen. Der Begriff vom "kleinen Tyrannen" erweist sich in diesem Zusammenhang als eine perverse Verkehrung der Fronten, um aggressive Praktiken der Erwachsenen zu legitimieren: die Macht eines Tyrannen zu brechen, erscheint moralisch gerechtfertigt - und bei einem "kleinen" sollte das wohl erst recht gelingen. Es bleibt zu diskutieren, ob jene "ADS"-Variante ohne Hyperaktivität bereits die Nachbarschaft zu der hier beschriebenen Rückzugsthematik signalisiert.

Ein weiterer Aspekt betrifft die Einschätzung von scheinbar zufriedenen, heiter nur mit sich selbst beschäftigten Kindern - etwa bei den als autistisch klassifizierten. Das Beispiel von Sinason zeigt erschreckend, wie oft wir wohl mitgespielt haben, wenn es etwa um die "Freundlichkeit" eines "netten, drolligen Mongölchen" ging.

Rückzug als Schutz nach innen und Anpassung nach außen berührt über den individuellen Aspekt hinaus einen gesellschaftlichen, den Adorno bereits im Jahre 1944 beschrieben hat. In den "Minima Moralia" spricht er davon,

"dass die zeitgemäße Krankheit gerade im Normalen besteht. Die libidinösen Leistungen, die vom Individuum verlangt werden, das sich gesund an Leib und Seele benimmt, sind derart, dass sie nur vermöge der tiefsten Verstümmelung vollbracht werden können. ... Wie das alte Unrecht durch das generöse Massenaufgebot von Licht, Luft und Hygiene nicht geändert, sondern durch die blinkende Durchsichtigkeit des rationalisierteren Betriebs gerade verdeckt wird, so besteht die inwendige Gesundheit der Epoche darin, dass sie die Flucht in die Krankheit abgeschnitten hat, ohne doch an deren Ätiologie das mindeste zu ändern. Die finsteren Abtritte werden als peinliche Raumvergeudung beseitigt und ins Badezimmer verlegt. Bestätigt ist der Argwohn, den die Psychoanalyse hegte, ehe sie selber zu einem Stück Hygiene sich machte. Wo es am hellsten ist, herrschen insgeheim die Fäkalien. Der Vers: 'Das Elend bleibt. So wie es war. Du kannst es nicht ausrotten ganz und gar, / aber du machst es unsichtbar', gilt im Haushalt der Seele noch mehr als dort, wo die Fülle der Güter zeitweilig über die unaufhaltsam anwachsenden Differenzen täuscht. Keine Forschung reicht bis heute in die Hölle hinab, in der die Deformationen geprägt werden, die später als Fröhlichkeit, Aufgeschlossenheit, Umgänglichkeit, als gelungene Einpassung ins Unvermeidliche und als unvergrübelt praktischer Sinn zutage kommen." (S. 69).

Ist nicht die Flut der diagnostischen Zuordnungen, wie sie uns heute beim Thema ADS begegnet, eine neue Form jenes "Stück Hygiene", das am "Elend" letztlich nichts ändert? Diagnostische Begriffe löschen den Bezug zum Leiden, schaffen Distanz und überantworten das Thema der Kompetenz von Fachleuten. Dies schützt nicht nur vor dem Leiden der unmittelbar Betroffenen, sondern auch vor dem eigenen, das davon wachgerufen werden könnte. So wird aus dem Gefühl von Sinnlosigkeit - das zumindest noch den Bezug zu einem wenn auch verlorenen Ziel enthält - die "Depressivität"; aus der gegen Widerstände sich aufbäumenden Wut die "Aggressivität", das "oppositionelle Verhalten", das nun - nach Schweregraden katalogisiert - den einzelnen Fachleuten zugewiesen werden kann ( Döpfner 2002). Zusammentreffen verschiedener Symptome wird als "Komorbidität" von jedem wechselseitigen Bezug befreit; wo Symptome überzufällig häufig zusammentreffen, wird ein Syndrom daraus - wie das ADS. Depressivität, Aggressivität und Impulsivität haben dabei den selben diagnostischen Stellenwert wie bei der Maserndiagnostik die Flecken, die roten Augen und der Schnupfen. Fritz B. Simon hat solche Zusammenhänge in seinem Buch "Meine Psychose, mein Fahrrad und Ich" diskutiert und die Frage gestellt, ob man seine Psychose wie ein Fahrrad auch irgendwo abstellen könnte.

Der Ausflug in gesellschaftliche Dimensionen mag entmutigend wirken - können wenige gegen diese Übermacht noch etwas bewirken? Erneut hilft hier die Chaostheorie, die das Zusammenwirken kleinster Faktoren zu großer Wirkung thematisiert. Ein solcher - in der Vereinzelung noch kleiner - Faktor ist möglicherweise jene Unzufriedenheit, welche die gebetsmühlenhaften Wiederholungen inhaltsleerer Worthülsen, wie sie die ADS-Szene zur Zeit charakterisieren, bei den beteiligten Professionellen und Eltern auslösen. Nach einer differenzierteren Betrachtung der biologischen und diagnostischen Aspekte ( von Lüpke 2004, 2002) kommt es jetzt vor allem darauf an, das breite Spektrum der Erfahrungen in den pädagogischen Berufen - von der Krippenbetreuung bis zur Schule - zur Geltung kommen zu lassen. Kein anderer Berufszweig hat so lang dauernde detaillierte Erfahrungsmöglichkeiten - nicht nur im Umgang mit den Kindern, sondern auch mit den Familien. Ein abschließendes Beispiel soll die damit verbundenen Chancen - über die direkte Arbeit mit den Kindern hinaus - verdeutlichen. Auch hier sei daran erinnert, dass mit diesem Beispiel keine generellen Zuordnungen geschaffen werden sollen.

Eine Erzieherin sieht sich damit konfrontiert, auf Veranlassung des Kinderarztes einen Beobachtungsbogen mit vorgegebenen Fragen über ein von ihr betreutes Kind auszufüllen. Vom Ergebnis dieses Fragebogens, der auch den Eltern vorgelegt wurde, soll es abhängen, ob das Kind ADS hat und gegebenenfalls mit einem Medikament behandelt wird. Von der Mutter weiss die Erzieherin, dass diese die Probleme ihres Kindes auf den Tod der eigenen Mutter im letzten Drittel der Schwangerschaft zurückführt. Noch heute - nach 5 Jahren - könne sie sich mit diesem Verlust nicht abfinden.

Entscheidend ist hier nicht die "Wahrheit" einer solchen Erklärung. Sie enthält jedoch das Angebot, dem familiären Beziehungsgeflecht nachzugehen und statt einer diagnostischen und therapeutischen Schematisierung die Wechselseitigkeit der individuellen Biographie sich entfalten zu lassen und damit eine Geschichte - jenseits von Stören oder Nicht-mehr-stören-können - zur Sprache zu bringen.

"Ein Zeichen sind wir, deutungslos

schmerzlos sind wir und haben fast

die Sprache in der Fremde verloren."

( Hölderlin : Mnemosyne)

Diese drei Zeilen erscheinen wie eine Zusammenfassung. Deutungslose Zeichen sind sinnlos, denn Zeichen erhalten ihren Sinn nur durch Bedeutung. Gleichzeitig bleibt die Chance, so lange es sich um Zeichen handelt, die Deutung wieder zu finden. Schmerzlosigkeit kann verstanden werden als Rückzug in einen inneren geschützten Raum, zugleich aber auch als Verlust der eigenen Wahrnehmung. Der Verlust von Sprache knüpft erneut an die erste Zeile an: Die Möglichkeit, sich mitzuteilen, verstanden zu werden. Hier erscheint der - durch das Zeilenende hervorgehobene - Zusatz "fast" bedeutsam. Wie die Zeichen ihre Bedeutung wiedergewinnen können, so ist in der Fremde die Sprache auch nicht gänzlich verloren gegangen. Noch besteht Hoffnung auf eine Antwort.

Literatur

Adorno , T.W. (1944): Minima Moralia. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1994

Brazelton , T.B., Tronick , E., Adamson , L., Als, H., Wise , S. (1975): Early mother-infant reciprocity. In: Ciba Founation Symposium 33 (new series): Parent-infant Interaction. Elsevier, Amsterdam - New York - Oxford, S. 137 - 154

Döpfner , M. (2002): Nachgefragt: Wann sollen betroffene Kinder zu einem Spezialisten überwiesen werden ? Ärztliche Praxis Pädiatrie 3/Mai-Juni, 12

Hölderlin , F. (1994). Die späten Hymnen. Stahlberg, Karlsruhe, S. 151

Horkheimer , M. & Adorno, T.W. (1944): Dialektik der Aufklärung. Fischer, Frankfurt/M. 1969, S.274

Kafka , F. (1924): Der Hungerkünstler. In: Erzählungen. Fischer, Frankfurt/M. 1946, S. 267

Lüpke, von, H. (1990): Der Zappelphilipp. Bemerkungen zum hyperkinetischen Kind. In: Voss, R. (Hrsg.): Pillen für den Störenfried ? Reinhardt, München, 2. Aufl., S. 57-74

Lüpke, von, H. (2004): Hyperaktivität zwischen "Stoffwechselstörung" und Psychodynamik. In: Passolt, M. (Hrsg.): Hyperaktivität zwischen Psychoanalyse, Neurobiologie und Systemtheorie (2. Aufl..) Reinhardt, München, S. 99-116

Lüpke, von, H. (2002): AD(H)S: ist alles wirklich so klar? Pädagogik 54, 43-47

Milani-Dokumentation (1996) "Von der Behandlung der Krankheit zur Sorge um Gesundheit" und "Entwicklungsförderung im Dialog". Dokumentation von Fachtagungen, herausgegeben von Edda Janssen und Hans von Lüpke im Auftrag des Paritätischen Bildungswerkes Bundesverband, Auf der Körnerwiese 5, 60322 Frankfurt/M.

Reck, C., Backenstraß, M., Möhler, E., Hunt, Aoife, Resch, F., Mundt, C. (2001): Mutter-Kind-Interaktion und postpartale Depression. Psychotherapie 6, 171-185

Simon , F.B. (1993): Meine Psychose, mein Fahrrad und ich. Heidelberg, Carl-Auer-Systeme

Sinason , V. (2000): Geistige Behinderung und die Grundlagen menschlichen Seins. Luchterhand, Neuwied. Original: Mental Handicap and The Human Condition. Free Associacian Books, London 1992

Stern , D.N. (1992): Die Lebenserfahrung des Säuglings. Klett - Cotta, Stuttgart . Original: The Interpersonal World of the Infant. New York, 1985

Winnicott , D.W.(1950): Die Beziehung zwischen Aggression und Gefühlsentwicklung. In: Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse. Kindler, München 1976, S. 89-109. Original: Through Paediatrics to Psychoanalysis. Tavistock, London 1978

Winnicott , D.W. (1959): Klassifikation: Gibt es einen psychoanalytischen Beitrag zur psychiatrischen Klassifikation? In: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Fischer, Frankfurt/M. 1985, S. 160-181. Original: Maturational Processes and Facilitating Environment. Hogarth, London 1965

Übersetzung der englischen Texte vom Autor.

Zum Autor :

Hans von Lüpke

Jahrgang 1937, Berlin.

Medizinstudium in Göttingen, Freiburg i.Br., Zürich und Frankfurt/M.. 12 Jahre als niedergelassener Kinderarzt tätig, dabei regelmäßiger Austausch in einem interdisziplinären Team. Seit 1990 Psychotherapeut in eigener Praxis.

Lehraufträge an den Universitäten Frankfurt/M., Mainz, Innsbruck und Erfurt. Publikationen, Vorträge und Seminare zur Thematik Entwicklungs- und Therapiekonzepte mit besonderem Schwerpunkt bei den Wechselwirkungen zwischen organischen, psychischen und sozialen Faktoren in der lebenslangen Entwicklung sowie der Bedeutung von pränatalen Erfahrungen für die Entwicklungspsychologie.

Adresse: Glauburgstr. 66

D-60318 Frankfurt/M.

Tel.: 069/5970731

Fax: 069/557890

E-Mail: hans.von.luepke@gmx.de

Hans von Lüpke

Quelle:

Hans von Lüpke: "Ein Zeichen sind wir, deutungslos ..." - Kinder, die nicht stören können

erschienen in: Zeitschrift für Inklusion-online 02/2006, http://www.inklusion-online.net/, ISSN 1862-5088

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 18.06.2008

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