Selbstbestimmung und Teilhabe am Arbeitsleben

Aktueller Stand, Zukunftsperspektiven, Innovative Modelle

AutorIn: Rolf Behncke
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 25, März 2003, S. 3-5, Eröffnungsrede zur Jahrestagung der BAG UB 2002 impulse (25/2003)
Copyright: © Rolf Behncke 2003

Einleitung

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich bin der Ansicht, dass der Zeitpunkt der Jahrestagung der BAG UB in einen interessanten Zeitabschnitt fällt:

  • seit etwa 1 ½ Jahren ist das Sozialgesetzbuch 9 in Kraft und möglicherweise sind erste Bewertungen über dessen Wirksamkeit erlaubt;

  • es war das anspruchsvolle Ziel der letzten Bundesregierung, bis Oktober diesen Jahres die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Schwerbehinderung um 50.000 zu reduzieren;

  • mittlerweile sind flächendeckend Integrationsfachdienste installiert worden und die schwierige Anfangsphase dürfte in vielen Fällen überwunden sein.

Ein geeigneter Zeitpunkt, eine Tagung mit dem Titel Selbstbestimmung und Teilhabe am Arbeitsleben - Aktueller Stand, Zukunftsperspektiven, Innovative Modelle zu veranstalten.

Ich meine, der Veranstaltungstitel bietet auch Raum für einige verbandspolitische Betrachtungen.

Ohne Zweifel haben die Entwicklungen in der rehabilitationspolitischen Szenerie, von denen ich drei Stichworte eben genannt hatte, auch Einfluß auf die Diskussionen innerhalb der BAG UB und deren Selbstverständnis gehabt.

Im Folgenden möchte die Verfassung der BAG UB thematisieren, die in vielen Punkten einem Spagat zwischen weitreichenden Zielen und realpolitischen Verwirklichungsmöglichkeiten ähnelt. In diesem Zusammenhang gehr es auch um unterschiedliche, manchmal sich widersprechende Ansprüche in der Mitgliedschaft.

"Jeder soll auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten können!"

In ihrer Ursprungsphase war die BAG UB sehr weitgehend von Vorstellungen geprägt, die vorwiegend die Möglichkeiten der beruflichen Integration von Menschen mit geistiger Behinderung zum Gegenstand hatten. Also einem Personenkreis, dem man gemeinhin nur eine sehr geringe Chance zubilligt, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu bestehen. Die Phase war bestimmt durch das Engagement von Elterngruppen, einzelnen SonderschullehrerInnen und WfBs, Selbstbestimmungsgruppen und erste Eingliederungsprojekte. Dabei spielten auch Ideen, die unter dem Titel Supported Employment - Unterstützte Beschäftigung aus den USA zu uns kamen, eine gewichtige Rolle.

Es wurden sehr weitreichende Ziele formuliert, die mitunter auch den Charakter von Utopien hatten: Jeder, jede, der/die möchte, sollte auch das Recht und die Möglichkeit erhalten, unter normalen Bedingungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig zu sein. Oder wie es als Handlungsempfehlung an Integrationsfachdienste damals von US-amerikanischen Kollegen formuliert wurde: Wenn wir nicht mit unserer Arbeit bei denen beginnen, die auf Grund der Schwere ihrer Behinderung nahezu chancenlos auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu sein scheinen, haben wir schon verloren.

Der mit diesem Element verbundene Anspruch ist in der BAG UB nach wie vor vorhanden, wenn auch im Verlaufe der letzten Jahre mit deutlich weniger Grundsätzlichkeitspathos und neben und in Auseinandersetzung mit Konzepten, die sich am Machbaren orientieren.

Politisch agieren, ohne Ansprüche aufzugeben

Mit diesem gedanklichen Hintergrund einerseits und mit dem Verweis auf die erfolgreiche Arbeit einiger Modellprojekte andererseits hat sich die BAG UB auch in die sozialpolitischen Auseinandersetzungen begeben. Zielsetzung war die Schaffung von realen Wahlmöglichkeiten hinsichtlich der beruflichen Perspektiven von Menschen mit Behinderung durch eine Veränderung der gesetzlichen Grundlagen und der Bereitstellung der erforderlichen Unterstützungsinstrumente. Der BAG UB ging es nicht nur um technokratische Lösungen, sondern wir legen Wert darauf, dass die Schaffung von geeigneten Unterstützungsinstrumenten immer auch eingebettet bleibt in einer Wertediskussion als Motor der Auseinandersetzung. Damit befinden wir uns übrigens in guter Gesellschaft mit dem Charakter des SGB 9, das bekanntlich ausdrücklich sich auf die Ideen von Selbstbestimmung und Teilhabe an allen gesellschaftlichen Bereichen insbesondere an Arbeit beruft.

Schwerpunkt der Arbeit der BAG UB war sicherlich die Mitwirkung an der Installierung der Integrationsfachdienste, und in der letzten Phase vordringlich die Schaffung von günstigen Rahmenbedingungen für die Arbeit der IFD.

Wir alle, vor allen Dingen die KollegInnen in den IFD wissen, dass wir es unter der Maßgabe der zu vermittelnden 50.000 mit Rahmenbedingungen zu tun hatten, die es nur schwer möglich machten, dem gesetzlichen Auftrag, wie er im SGB 9 formuliert ist, zu erfüllen oder gar noch weitergehende Integrationsforderungen zu entwickeln.

Eine sich verändernde Mitgliedschaft

Das sich Begeben in diese politischen Auseinandersetzungen hat zweifelsfrei auch Rückwirkungen auf den eigenen Verband - das ist eine organisationspolitische Binsenweisheit.

Durch die politischen Auseinandersetzungen hat sich die BAG UB verändert. Dies gilt insbesondere hinsichtlich der Veränderungen in der Mitgliedschaft. In den letzten Jahren sind viele IFDs Mitglied in der BAG UB geworden - zu recht, weil sich die BAG eben auch als Interessenvertreterin der IFD versteht und - wie ich meine - diesbezüglich sehr erfolgreiche Arbeit leistet.

Möglicherweise könnte man zu der Auffassung kommen, die in der BAG UB repräsentierte Szene würde sich aufteilen in einen Bereich von sich an den Anforderungen der Alltagsarbeit orientierenden IFDs und andererseits - wenn man so will - in fundamentalistischen Strömungen, die die Schwerpunktsetzung der Auseinandersetzungen auf die IFDs als eine unzulässige Verengung des politischen Anspruchs interpretieren.

Ich glaube, da dies nur bedingt zutreffend ist, möglicherweise kann dies auch ganz produktiv sein. Die Voraussetzung ist allerdings, dass ein Grundstock von gemeinsamen Überzeugungen nach wie vor besteht.

Kontroversen schaffen Entwicklung

Die Vielfältigkeit - eingeschlossen die polarisierenden Extreme - unter dem Dach der BAG UB ist wichtig, damit Entwicklungen angestoßen und weiter verfolgt werden, die im mainstream kaum eine Chance gehabt hätten. Damit beschränke ich mich nicht auf die innerverbandlichen Diskussionen, sondern begebe mich in einen größeren Kontext. Die BAG UB bietet ein Forum der Auseinandersetzung und des Wettbewerbes.

Hier nur einige Stichworte, die deutlich machen sollen, wie notwenig es ist unterschiedliche Standpunkte mit einander zu konfrontieren:

  • Ambulantisierung

Beispielsweise trägt die Installierung von Fachdiensten, die Etablierung einer stärker ambulanten Tätigkeit dazu bei, dass große Institutionen wie z.B. Werkstätten für behinderte Menschen, Berufsbildungswerke, psychiatrische Einrichtungen herausgefordert sind, sich öffnen müssen, Übergange schaffen, die begleitet und unterstützt werden.

Oder

  • Individuelle Lösungen

Es muss weiterhin nach individuellen Lösungen gesucht werden: Es gibt Menschen, die weder in einer Institution wie der WfbM arbeiten möchten, für die aber auch das Angebot der IFD unzureichend ist. Es ist auch von einem ehr utopischen Standpunkt aus zur Kenntnis zu nehmen, dass der erste Arbeitsmarkt unter den gegenwärtigen Voraussetzungen nicht für jeden die Perspektive eines sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis bietet. Aber Ideen sind gefragt. Nachzudenken ist in zwei Richtungen: beispielsweise über die Umwidmung von Kostensätzen für die WfbM in dauerhafte Lohnkostenzuschüsse oder über integrative Arbeitsmöglichkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterhalb des sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisses.

Oder

  • Etablierung des Assistenzgedankens

Die Etablierung des Assistenzgedankens, der Begleitung am Arbeitsplatz, des job coachings können als wesentliche Bestandteile und Voraussetzungen erfolgreicher und stabiler beruflicher Eingliederung mit der Vorstellung konfrontiert werden, dass der Prozess der beruflichen Eingliederung sich auf den Akt der Vermittlung beschränkt. Begleitung, auch Qualifizierung am Arbeitsplatz kann notwendig sein, ist legitim, ist ein selbstverständliches integratives Konzept und kein Akt der Betreuung oder gar der Fürsorge.

Oder

  • Übergänge schaffen

Neben der Vermittlung von arbeitslosen Schwerbehinderten in Beschäftigungsverhältnisse muss der Blick erweitert werden auf weitere Felder der beruflichen Teilhabe an normalen Bezügen. Beispielsweise die Schaffung von integrativen Übergängen von der Schule in den Beruf, oder aus der WfbM auf den allgemeinen Arbeitsmarkt

Oder

  • Qualität schaffen und wahren

Auch wenn manch einer geneigt ist, bei der Diskussion von Werten müde abzuwinken, um schnell zum Tagesgeschäft überzugehen, besteht doch ein großes Interesse, für die eigene Arbeit bestimmte Qualitätsstandards zu sichern. Dabei ist die Rede von der Qualität nur eine Fortsetzung der Wertediskussion. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Auseinandersetzung mit Werten oder Qualität mehr ist als nur eine akademische, schöngeistige Aktivität. Für die IFD ist die Einforderung von bestimmten Arbeitsstandards überlebenswichtig, weil sie auch für den unterstützten Personenkreis angemessen sind. Ansonsten werden sich die IFD zukünftig kaum noch von den bestehenden und zu erwartenden Vermittlungsagenturen unterscheiden können.

Die BAG UB bietet einen Rahmen für diese Auseinandersetzungen und die Mitgliedschaft spiegelt unterschiedliche, manchmal konträrer Standpunkte wider. In gewisser Weise findet das statt, was in einem anderen Zusammenhang in der Rehapolitischen Diskussion als Vernetzung bezeichnet und eingefordert wird.

BAG UB oder BAG IFD ?

Aber die BAG UB will mehr sein als nur ein Forum für den freien Austausch von interessanten rehabilitationspolitischen Handlungsansätzen. Dieses auch, aber darüber hinaus wollen wir eingreifen in die politische Meinungsbildung, in die Gesetzgebung, in die Verteilung von Ressourcen. Das setzt auch eine verbandliche Meinungsbildung voraus.

Es ist legitim, dass sich ein IFD, der im Verlauf der letzten zwei Jahre seine Arbeit aufgenommen hat und weitgehend unbelastet ist von den davor stattgefundenen Auseinandersetzungen, fragt, ob er sich durch die Politik der BAG repräsentiert fühlt und ausreichend seine Interessen vertreten sieht Möglicherweise kann er mit dem Begriff Unterstützte Beschäftigung gar nichts oder nur wenig anfangen können. So in dem Sinne, die BAG UB ist ein Verband, der nur für die Menschen mit geistiger Behinderung eintritt und das mit etwas verträumten Selbstverständnis.

Es ist auch legitim, dass beispielsweise Eltern, die zu den bedeutenden Initiatoren und Motoren jeglicher Veränderung gehören, sich fragen, ob die BAG UB sich zunehmend darauf beschränken will, bei der Entwicklung angemessener Angebote für die Menschen mit weniger starken Behinderungen mitwirkt, dabei aber sozusagen an einer neuen Form der Ausgrenzung gegenüber Menschen mit stärkeren Behinderungen beteiligt ist.

Diese kritischen Fragen sind zulässig. Ich habe allerdings den Eindruck, dass es uns bisher gelungen ist, in unserer bisherigen Politik beide Ansprüche zu integrieren. Die eben aufgeführten Felder der Auseinandersetzung: Deinstitutionalisierung, Individualisierung des Ansatzes, Übergänge gestalten, Assistenz und Qualität sind für mich auch Bestärkungen, dass der Blick über den Tellerrand sowie die Einbeziehung weiterer Perspektiven gerade die Stärke der BAG UB ausmacht.

Ohne Frage, die Auseinandersetzung um die Rahmenbedingungen der Arbeit der IFD ist in der Politik der BAG der letzten Jahre der Kristallisationspunkt, - er hat eindeutig Priorität. Bei der zähen Arbeit um die Verbesserung der Rahmenbedingungen in der Arbeit der IFD ist es uns aber bisher gelungen, die Ansprüche nicht zu vergessen, warum wir das ganze Geschäft überhaupt betreiben.

Eine BAG UB, die nicht der Arbeit der Integrationsfachdienste und der Verbesserung der Rahmenbedingungen einen hohen Stellenwert einräumt, würde zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Ebenso würde eine BAG IFD, die nicht auch die Forderungen des SGB 9 nach Selbstbestimmung und Teilhabe für sich thematisiert und letztlich daraus auch ihre Orientierung gewinnt, viel an politischer Akzeptanz verlieren.

Kontakt:

Rolf Behncke

Hamburger Arbeitsassistenz

Schulterblatt 36

20357 Hamburg

Tel: 040/431339

eMail: mailto: behncke@hamburger-arbeitsassistenz.de

Quelle:

Rolf Behncke: Selbstbestimmung und Teilhabe am Arbeitsleben. Aktueller Stand, Zukunftsperspektiven, Innovative Modelle. Eröffnungsrede zur Jahrestagung der BAG UB 2002.

Erschienen in: impulse Nr. 25, März 2003, S. 3-5,

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 22.08.2006

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