Über 40, chronisch krank und dann noch vollzeitbeschäftigt? Ja, selbstverständlich!

AutorIn: Peter Germandi
Themenbereiche: Kultur, Arbeitswelt
Schlagwörter: Erfahrungsbericht
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 16, Juli 2000, S.42-43 impulse (16/2000)
Copyright: © Peter Germandi 2000

Chronisch krank und vollzeitbeschäftigt?

(Titel eingefügt von bidok-Redaktion)

Mit 40 fängt doch alles erst so richtig an! Dies könnte mein Leitmotiv sein. Und was für meinen Privat- bzw. Freizeitbereich gilt, lässt sich auch auf mein Berufsleben übertragen. Jedenfalls zumindest dann, wenn man wie ich im öffentlichen Dienst als Beamter auf Lebenszeit beschäftigt ist und den festen Willen hat, auch als Mensch mit chronischer Behinderung beruflich akzeptiert zu werden.

Muskelkrankheiten - genauer wäre von neuromuskulären Erkrankungen zu sprechen - gehören zur Gruppe der chronischen Krankheiten. Wenn dann noch die ärztliche Diagnose auf eine progressive Muskeldystrophie lautet, heißt dies auf gut Deutsch: es geht ständig bergab.

Jedenfalls was den Krankheitsverlauf und die eigenen körperlichen Fähigkeiten anbelangt. Aber da gibt es ja auch noch die geistigen Fähigkeiten. Zum Beispiel den Willen, aus seinem Handicap das Beste zu machen und auch als Behinderter ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Meine Selbstbestimmung besteht unter anderem darin zu arbeiten, um leben zu können. Und da ich dem Grunde nach nicht behindert bin, sondern nur behindert werde, heißt dies - bezogen auf mein Verständnis von Arbeit für Menschen mit Behinderungen- zu zeigen, dass ich genau so gut oder noch besser bin als Menschen ohne körperliches Handicap. Vielleicht nicht, was die Quantität der Arbeit anbelangt; dafür sind oftmals doch die körperlichen Einschränkungen zu bestimmend. Aber, was die Qualität der Arbeit angeht. Dann bin ich auch argumentativ gegenüber meinen Kollegen und auch gegenüber meinem Arbeitgeber im Vorteil. Akzeptanz trotz Behinderung ist auch im Arbeitsleben zu erreichen.

Nach nunmehr fast 24 Jahren Berufsleben als Sachbearbeiter in einer Kasseler Behörde weis ich, wovon ich rede.

Zunächst war da ein gesunder, ehrgeiziger und zielstrebiger junger Mann. Geprägt von Hilfsbereitschaft und auch von einer kollegialen Haltung gegenüber anderen Amtsangehörigen, arbeitete er sich hoch bis zu einem der jüngsten Amtsräte im Hause. Die Tischtennis-Abteilung seiner Betriebssportgemeinschaft im Amt konnte sich stets auf ihn verlassen, da er auch im Privatbereich Tischtennis als Leistungssport betrieb und seinen Trainerschein im Jugendbereich des HTTV gemacht hatte. Irgendwann, als der junge Mann nicht mehr ganz so jung war - so mit ca. 30 Jahren -, merkten die Kollegen, dass wohl gesundheitlich mit ihm nicht mehr alles so richtig stimmen könne. Sein Gangbild veränderte sich rapide, er musste sich bald beim Treppensteigen fast am Geländer hochziehen und schwerere Akten konnte er auch nicht mehr ohne Probleme heben. Überhaupt reduzierten sich seine körperlichen Fähigkeiten ständig; sichtbar für alle Kollegen im Amt. Dann benutzte er einen Gehstock; eine Zeit lang später ging er bereits mit einem Rollator / Gehwagen. So sieht man ihn auch heute mehr oder weniger durch die Gänge des Amts schleichen. Ab und zu - dies aber mehr außerhalb des Amts - sieht man ihn auch mit dem Rollstuhl herumfahren. Außerhalb deshalb, weil das Amt weitgehend behindertengerecht ausgestattet ist und die noch vorhandene Restgehfähigkeit erhalten werden soll, solange es - ohne größeres Risiko (Sturzgefahr!) einzugehen - noch möglich ist.

Seit Herbst 1998 ist der mittlerweile nicht mehr ganz so junge Mann - er ist heute 42 Jahre alt - zum 1. Stellvertreter in der Schwerbehindertenvertretung des Amts gewählt worden - mit einem GdB von 90 und den Merkzeichen B und aG ist er einer der gesundheitlich am schwersten Betroffenen im Amt - und seit dem Spätsommer des letzten Jahres wegen Dauerkrankheit der Vertrauensfrau des Amts deren ständiger Vertreter.

An dieser Stelle wird sicherlich mancher Leser denken: das schafft er alles - nämlich neben seiner eigentlichen Vollzeittätigkeit noch die Arbeit in der Schwerbehindertenvertretung, und dies ohne jegliche Freistellung, - nur, weil er eben ein Beamter ist.

Beamtentrott, Beamtenschlaf, usw. sind die gängigen Schlagwörter. Es soll hier kein Versuch einer Richtigstellung unternommen werden. Nur so viel, dass es sicherlich für Beamte bzw. generell im öffentlichen Dienst eher, als in der freien Wirtschaft, möglich ist, sich gewisse Freiräume zu verschaffen. Dies aber letztlich immer nur auf Kosten von anderen Kollegen! Meine Arbeitsbelastung ist jedenfalls recht hoch. Doch habe ich das große Glück, dass die Amtsleitung in Absprache mit dem Personalrat mir seit Jahren bereits eine Verstärkungskraft als zusätzliche Hilfe zur Verfügung gestellt hat; ein Musterbeispiel für das Umsetzen der sog. Fürsorgerichtlinien, in denen die erhöhte Fürsorgepflicht des öffentlichen Arbeitgebers für seine schwer behinderten Bediensteten geregelt ist!

Nein, der Grund liegt darin, dass in unserer Behörde viel Wert auf Kollegialität, insbesondere auch gegenüber gesundheitlich Eingeschränkten gelegt wird.

Hilfsbereitschaft muss im Arbeits- und Berufsleben kein Fremdwort sein. Gerade nicht gegenüber Behinderten. Viel hängt davon ab, wie sich der Behinderte im Arbeits- bzw. Berufsleben selbst gibt, wie er mit Kollegen umgeht, ob er sich um ordentliche Arbeitsergebnisse bemüht, usw.

Es gibt auch Behinderte, die sich nicht oder nicht gerne helfen lassen. Dies muss jeder für sich selbst entscheiden. Einige tun sich schwer darin, andere Menschen um ihre Hilfe zu bitten. Eins sollte man nicht vergessen: wer einmal angebotene Hilfe von jemanden ablehnt, wird von diesem regelmäßig nicht noch einmal gefragt, ob Hilfe benötigt wird. Hilfe gerade am Arbeitsplatz bzw. im Büro angeboten zu bekommen, empfinde ich persönlich immer als sehr wohl tuend. Ob das auf dem Amtsparkplatz die Hilfe beim Ausladen meines Rollators aus dem Kofferraum meines umgerüsteten PKW ist oder das Türaufhalten in den Amtsgängen, das Heranholen des Fahrstuhls, das Aufheben von heruntergefallenen Dingen, das Tabletttragen mit dem Mittagessen in der Kantine zu meinem Tisch, an den zuvor extra mein Liftstuhl aus meinem Büro hingebracht wurde, damit ich überhaupt das Essen gemeinsam mit meinen Kollegen zu mir nehmen kann.

Das alles zeigt mir, dass ich trotz meiner Behinderung akzeptiert und anerkannt werde. Für mein Selbstwertgefühl ist dies aufbauend und stärkend. Und über ein freundliches Dankeschön von mir hat sich bis jetzt noch jeder gefreut; denke ich mir jedenfalls.

Was wäre für mich ein Leben ohne Arbeit? Sicherlich ärmer. Und dies im doppelten Sinn gemeint, nämlich inhaltlich und finanziell. Gerade unter uns Muskelkranken kenne ich einige, die frühzeitig aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind. Teils freiwillig aus den unterschiedlichsten Gründen, teils im Rahmen von lukrativ erscheinenden Abfindungsregelungen. Allerdings kenne ich auch viele arbeitslose Muskelkranke, die liebend gerne sofort wieder arbeiten würden, aber leider an den Vorgaben des aktuellen Arbeitsmarkts scheitern.

Ich jedenfalls werde mich darum bemühen, meiner bisherigen Tätigkeit so lange wie nur irgend möglich nachzugehen. Und sollte irgendwann einmal der Zeitpunkt kommen, dass ich dies kräfte- bzw. zeitmäßig nicht mehr schaffe, werde ich mir Gedanken über eine Arbeitszeitreduzierung machen; d.h. einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen. Auch werde ich die Möglichkeit von Arbeitsassistenz bzw. dauerhafter Betreuung am Arbeitsplatz prüfen.

Ich denke mir, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Quelle:

Peter Germandi - Kassel: Über 40, chronisch krank und dann noch vollzeitbeschäftigt? Ja, selbstverständlich!

Erschienen in: impulse Nr. 16 / Juli 2000, S.42-43

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 20.06.2005

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