Die Bedeutung der Arbeit für psychisch kranke Menschen im gesellschaftlichen Wandel

Soziologische Anmerkungen zur beruflichen Rehabilitation

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 15, April 2000 impulse (15/2000)
Copyright: © Ernst von Kardorff 2000

Die Bedeutung der Arbeit für psychisch kranke Menschen im gesellschaftlichen Wandel [1]

Zusammenfassung: Wie kann berufliche Rehabilitation psychisch kranker Menschen auf die veränderte Situation auf dem Arbeitsmarkt reagieren? Um diese Frage zu beantworten, wird zunächst die Bedeutung der Erwerbsarbeit für materielle Sicherung, Status, Identität und Sinnfindung der Individuen dargestellt. Angesichts des Wandels der Erwerbsgesellschaft mit ihrer strukturellen Unterbeschäftigung und veränderten Berufsbildern stellt sich für chronisch psychisch kranke Menschen u.a. das Problem gestiegener beruflicher Anforderungen besonders im sozial-kommunikativen Bereich. Mit Blick auf die geringe Wiedereingliederungs- und Beschäftigungsquote psychisch Kranker auf dem ersten Arbeitsmarkt läßt sich fragen, ob die Rehabilitationsziele und der Einsatz der Ressourcen im gut ausgebauten System der beruflichen Rehabilitation in Deutschland nicht grundsätzlich überdacht und neu geordnet werden sollten. Hierzu werden einige Überlegungen vorgestellt.



[1] Quelle Originalbeitrag: Kardorff E v. Die Bedeutung der Arbeit für psychisch kranke Menschen im gesellschaftlichen Wandel, Psychiat Prax 1999; 26: Sonderheft 1, S. 25-29

"Wieviel Arbeit braucht der Mensch?"

Mit der in der Überschrift formulierten Frage reagiert die berühmte Arbeitslosenforscherin Marie Jahoda [Jahoda, M, 1982, dt. 1983

] auf die sich bereits zu Beginn der 80er Jahre abzeichnende strukturbedingte Arbeitslosigkeit und zielt auf grundsätzlichen Klärungs- und Neubestimmungsbedarf im gesellschaftlichen Selbstverständnis sowie in der sozialen Organisation und Verteilung von Arbeit. Von Seiten des Arbeitsmarktes und der sich mittelfristig abzeichnenden Entwicklung aus gesehen, stellen sich die Fragen: ,,Wie viele Arbeitskräfte mit welchen Qualifikationen für welche Art von Arbeit benötigt der Arbeitsmarkt der Zukunft?" Diese Fragen sind nicht nur für psychisch kranke Menschen von Bedeutung. Sie sind aber als tendenziell immer mehr vom Arbeitsmarkt und damit auch von gesellschaftlicher Integration Ausgeschlossene von diesen Fragen in besonderem Maße betroffen: aufgrund ihrer krankheitsbedingten Leistungsminderung und den nach wie vor bestehenden Vorurteilen gegenüber psychisch kranken Menschen, haben sie es besonders schwer, auf den Arbeitsmarkt zu gelangen oder wiedereingegliedert zu werden. Können die Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation den ,,veränderten Lebenswelten gerecht werden", wie es im Titel des Symposiums formuliert wurde?

Erwerbsarbeit und Identität in der modernen Gesellschaft

Hochgradig arbeitsteilig organisierte und lohnabhängige Erwerbsarbeit als ,,Standardmodell" für die Existenzsicherung des weitaus größten Teils der Bevölkerung ist ein relativ junges gesellschaftliches Phänomen, das an die Herausbildung der industriegesellschaftlichen Moderne gebunden ist. Im Kontext dieser Entwicklung verändern sich Funktion und Verständnis von ,,Arbeit" in mehrfacher Hinsicht. In einem langen fast zweihundert Jahre umfassenden Prozeß wandert Arbeit aus dem engen sozialräumlichen Bezug als familiärer Produktions- und Reproduktionsgemeinschaft zunächst in Manufakturen, später in Fabriken und Büros aus. Dies hat wesentliche Einschnitte zur Folge: ,,Arbeit" wird nun zur Erwerbsarbeit; Reproduktionsarbeit (Eigenarbeit, Erziehung, usw.) werden sozialräumlich, aber auch inhaltlich voneinander getrennt. Das quantitative und qualitative Angebot von Arbeitskraft trifft auf eine weitgehend anonymisierte konjunkturell und strukturell bestimmte Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt; dies hat zur Folge, daß individuelle Existenzsicherung jetzt einerseits zum Risiko vom Einzelnen kaum und von korporativen Zusammenschlüssen nur begrenzt beeinflußbarer Marktentwicklungen wird; andererseits kann der individuelle ,,Marktwert" durch erworbene Qualifikation, Eigenaktivität, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit gesteigert werden, zugleich wird er durch Krankheit, Behinderung, schlechte Bildungsvoraussetzungen, mangelnde soziale Unterstützung in familiären und anderen selbst geschaffenen sozialen Netzwerken, usw. bedroht. Im Rahmen dieser Entwicklung gewinnt Erwerbsarbeit eine bislang nicht gekannte gesellschaftliche Bedeutung: Sie wird positiv im Konzept von Arbeitstugenden wie Fleiß, Ordentlichkeit, Pünktlichkeit moralisiert - eine Entwicklung, die besonders in der protestantischen Ethik (vgl. Weber, M

1975, orig. 1920) vorbereitet war. Für das Individuum bedeutet Erwerbsarbeit die notwendige Voraussetzung zur Existenzsicherung; sie bietet aber auch die Chance zum sozialen Aufstieg in einer sich an der Leistungsnorm orientierenden Gesellschaft. Im Verlauf dieser Entwicklung erhält Erwerbsarbeit eine prägende Wirkung für die Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft und für seine Identitätsentwicklung (Tab. 1).

Tab.1 Erwerbsarbeit und Identität.

  • Erwerbsarbeit dient der Existenzsicherung und vermittelt damit ein wichtiges Gefühl von Sicherheit, schafft Handlungsautonomie und eröffnet Entscheidungsspielräume als souveräner (Konsum-) Bürger;

  • Über Erwerbsarbeit wird der soziale Status einer Person und damit seine gesellschaftliche Wertschätzung nach außen und seine Anerkennung als verantwortungsvolle und verläßliche Person im Privaten mitbestimmt;

  • Erwerbsarbeit vermittelt Selbstvertrauen über subjektives Kompetenzerleben in der Arbeit, über Anerkennung durch Kollegen und Vorgesetzte;

  • Erwerbsarbeit vermittelt soziale Einbindung, allein schon deshalb, weil Erwerbstätige den größten Teil ihrer Tages- und einen erheblichen Teil ihrer Lebenszeit in der Arbeitswelt verbringen;

  • Erwerbsarbeit strukturiert Zeitabläufe und dient damit als ordnender und orientierender Faktor;

  • Erwerbsarbeit wird als sinnstiftend im doppelten Sinne des französischen Wortes "sens" erlebt (Gorz 1994): für das eigene Handeln (,,nützlich", macht Spaß, ist eine Herausforderung) und als ,,richtunggebend" und ,,Struktur" vermittelnd.

Die umfangreiche Forschung zur Arbeitslosigkeit liefert eine empirische Bestätigung für diese starke identitäts- und sinnstiftende Funktion der Erwerbsarbeit, die sich in der relativ kurzen Geschichte der modernen Arbeitsgesellschaft als prägendes Element der Lebenswelt herausgebildet hat; so haben Jahoda, Lazarsfeld u. Zeisel [1975, orig. 1932] in ihrer klassischen Studie ,,Die Arbeitslosen von Marienthal" bereits gezeigt, daß langanhaltende Erwerbslosigkeit in der Lebenswelt zur Entwicklung einer ,,müden Gemeinschaft" beiträgt (Abnahme an geselligen Aktivitäten, geringes Interesse an vorher verfolgten individuellen Interessen und Hobbys, sozialer Rückzug), zum Zerfall von Zeitstrukturen und von Zukunftsperspektiven beiträgt; diese generellen Tendenzen zeigten sich bei den betroffenen Arbeitslosen je nach persönlicher Vorgeschichte, Familiensituation und individueller Vulnerabilität in unterschiedlicher Ausprägung: Als Idealtypen ließen sich ,,Ungebrochene", der zahlenmäßig überwiegende Typ der ,,Resignierten" und eine Gruppe der ,,Gebrochenen" (Verzweifelte und Apathische) unterscheiden. Im wesentlichen werden diese Ergebnisse mit Ergänzungen und Differenzierungen auch von der heutigen Arbeitslosenforschung bestätigt.

Verschiebungen in der Bedeutung von Erwerbsarbeit

Das mit der Entwicklung der Arbeitsgesellschaft verknüpfte Modell der ,,Vollzeiterwerbsbiographie" als Orientierung für individuelle Erwartungen und Lebensplanungen und als Grundlage für das Funktionieren besonders der Arbeitslosen- und der Rentenversicherung ist, spätestens seit Mitte der 80er Jahre in eine strukturelle Krise geraten. Diese Krise läßt sich nicht unabhängig von allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen verstehen, die mit den Begriffen der Beschleunigung, der Modernisierung und der Globalisierung beschrieben werden können, die tiefgreifende Auswirkungen auf die Lebenswelt der Gegenwart und der nahen Zukunft haben. Ich möchte mich auf drei Aspekte konzentrieren, die mir für die Lebenswelten und Rehabilitationsperspektiven psychisch kranker Menschen besonders bedeutsam erscheinen:

1. Die Entwicklung zu einer ,,Risikogesellschaft"[Beck, U., 1986], in der die individuelle Lebensplanung aufgrund beschleunigter Wandlungsprozesse in allen gesellschaftlichen Bereichen, vom Wertewandel über veränderte Lebensformen bis zur Veränderung der Arbeitswelt, immer weniger an traditionelle Vorbilder zur erfolgreichen Lebensbewältigung anknüpfen kann; im Kontext einer solchen ,,vorbildlosen Moderne" werden erhöhte Anforderungen an die aktive Gestaltung der eigenen Biographie gestellt. Dies verlangt hohe soziale Kompetenzen, Risikobereitschaft, aber auch die Fähigkeit eigene Erwartungen bei Fehlschlägen realitätsangemessen zu korrigieren, einen reflektierten Umgang mit der eigenen Psyche (Gefühlsarbeit), hohe Änderungsbereitschaft und die Fähigkeit, der eigenen Biographie erkennbare Konturen zu verleihen; wer dies krankheits- oder behinderungsbedingt nicht schafft, von einem ,,kritischen Lebensereignis" aus der Bahn geworfen wurde oder einfach eine schlechte Ausgangsposition beim Einstieg in gesellschaftliche Statuslinien hatte, findet sich schnell in institutionenabhängigen Lebenslagen am gesellschaftlichen Armutsrand wieder. Die Risiken der Risikogesellschaft führen für psychisch Kranke zu einer besonderen Gefährdung.

2. Die ,,postmoderne" Differenzierung von Lebenswelten und Lebensstilen erzeugt eine ,,neue Unübersichtlichkeit" [Habermas, J., 1985] und ,,Ambivalenz" [Baumann, Z, 1992], die einerseits zu individueller Unsicherheit, Orientierungsproblemen, ungeklärten sozialen Zugehörigkeiten und unklaren Grenzen führt; andererseits eröffnet diese neue gesellschaftliche Konstellation Chancen für und wachsende Toleranz gegenüber abweichenden Minderheiten und schafft vielfältige neue Räume und akzeptierte gesellschaftliche Nischen zur Selbstorganisation und Lebensbewältigung mit psychischer Krankheit - immer unter dem Vorbehalt, daß dies für psychisch kranke Menschen oft nur am Armutsrand möglich ist. Dies hat 3. mit Veränderungen in der Erwerbsgesellschaft selbst zu tun. Seit Mitte der 80er Jahre ist der ,,kurze Traum der immerwährenden Prosperität" [Lutz, B, 1984], der mit dem bundesrepublikanischen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit verbunden war, ausgeträumt. Massenarbeitslosigkeit die Zunahme von Langzeitarbeitslosen (länger als 1 Jahr erwerbslos) und diskontinuierlichen Erwerbsbiographien zeigen, daß das Modell der ,,männlichen Vollzeiterwerbsbiographie" starke Risse bekommen hat. Diese Entwicklung ist nur in geringem Maße konjunkturell bedingt; es zeigen sich vielmehr strukturelle Verschiebungen mit weitreichenden Konsequenzen für Beschäftigte wie für Erwerbslose und besonders für psychisch kranke Menschen.

Auf lange Sicht gesehen geht der Gesellschaft die ,,Erwerbsarbeit" zwar nicht aus, aber durch technologische Innovation und organisationsbezogene Rationalisierung können vor allem Güter, aber auch viele Dienstleistungen mit deutlich weniger Arbeitskräften hergestellt werden als Nachfrager auf dem Arbeitsmarkt vorhanden sind; dies zeigt sich etwa daran, daß Wirtschaftswachstum und Beschäftigungszuwachs zunehmend voneinander entkoppelt sind (vgl. z.B. Ciarini, O., P. A. Liedtke, 2000). Diese Entwicklung verschärft zusätzlich zu der durch Globalisierung bedingten Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer die Konkurrenz auf dem heimischen Arbeitsmarkt. Dies bekommen auch psychisch kranke und andere behinderte Menschen in Form eines fast vollständigen Ausschlusses vom ersten Arbeitsmarkt zu spüren.

Ein weiterer besonders auch für psychisch kranke Menschen bedeutsamer Wandel in der Erwerbsgesellschaft sind veränderte und gestiegene berufliche Anforderungen an Leistungsbereitschaft, Flexibilität und Selbständigkeit. Besonders die Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft [Häußermann, H., W. Siebel, 1982, dt. 1983] führt zu besonderen Anforderungen im sozial-kommunikativen Bereich. Die folgende Abbildung zeigt ein idealtypisches Anforderungsprofil, wie es sich aus Arbeitgebersicht darstellt (Tab. 2).

Tab. 2 Berufliche Anforderungen (Schlüsselqualifikationen).

Sozial-kommunikative Kompetenz

  • Kontaktfähigkeit

  • Freundlichkeit

  • Konfliktfähigkeit

  • sicheres Auftreten

Leistungsbereitschaft

Belastungsfähigkeit

Anpassungsfähigkeit

Selbständigkeit

Flexibilität

Bereitschaft zur Mobilität

Fähigkeit zur komplexen Informationsverarbeitung

Offenheit für Neuerungen

lebenslanges Lernen

Handhabung der neuen Informationstechnologien

In einer Repräsentativbefragung in der Arbeitnehmer befragt wurden, welche zentralen Qualifikationen sie selbst für beruflichen Erfolg für wesentlich halten, finden sich neben den traditionellen Werten der protestantischen Arbeitsethik psychosoziale Kompetenzen, wie Selbstvertrauen und Selbständigkeit [Opaschowski, H. W, 1998]. In der Krise und im Wandel der Erwerbsgesellschaft verstärken sich traditionelle Orientierungen und neue Anforderungen. Für psychisch kranke Menschen stellen sich besonders sozial-kommunikative Fähigkeiten, hohe Streßbelastbarkeit, Selbstbewußtsein und Flexibilität als Problembereiche heraus.

Die hier grob skizzierten Wandlungsprozesse in der Erwerbsgesellschaft legen nahe, daß strukturelle Arbeitslosigkeit mit ihren neuen und verschärften Anforderungen für den ersten Arbeitsmarkt zu seiner Schließung für sozial Benachteiligte, behinderte und psychisch kranke Menschen führt.

Daten, in denen die Eingliederungsquote in Abhängigkeit von der Dauer der Arbeitslosigkeit und vom Alter untersucht wird, zeigen, daß bei den bis unter 25jährigen bei einer Arbeitslosigkeit von weniger als drei Monaten im Durchschnitt über 55% eingegliedert werden konnten, bei den über 45jährigen waren es lediglich über 25%; bei einer Arbeitslosigkeit von einem Jahr und länger, gelang bei den unter 25jährigen nur noch etwas über 15% der Sprung auf den Arbeitsmarkt, bei den über 45jährigen waren es nur noch unter 10% (vgl. Blaschke, D, 1997).

Dieses ,,Eingliederungsgefälle" dürfte sich bei psychisch kranken Menschen und anderen Menschen mit Behinderungen noch deutlich negativer darstellen. Auf einer allgemeineren Ebene spricht Bude [Bude, H, 1998] davon, daß die Modernisierungsprozesse neben Gewinnern und Verlierern auch eine neue Gruppe hervorgebracht haben: die Überflüssigen. Das sind diejenigen, die vom Zugang zum Arbeitsmarkt und weitgehend auch von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind. In der Situation dieses doppelten Ausschlusses befinden sich viele chronisch psychisch kranke Menschen. Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage nach den Zielen und der Richtung der sehr aufwendigen beruflichen Rehabilitation psychisch Kranker, die nur selten auf den ersten Arbeitsmarkt führt und häufig im zweiten ABM-Arbeitsmarkt, in Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen als Warte- und Wiederholungsschleifen kreist und schließlich vielfach auf Sonderarbeitsmärkten endet. Kruse [1998] fragt sich angesichts dieser Situation: ,,Muten wir also unseren mühselig Rehabilitierten nicht eine erneute Niederlage und ein wiederholtes Scheitern zu, nachdem die Psychose ihnen schon das Standbein im einfachen Leben weggeschlagen hat?" (S. 108).

Berufliche Wiedereingliederung - in welche Richtung, in welcher Form, mit welchen Perspektiven?

Das gut ausgebaute System der beruflichen Rehabilitation in der Bundesrepublik mit seiner breiten Vielfalt an prinzipiell kombinierbaren Integrationshilfen zur Eingliederung und Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt und in beschützte Formen der Arbeit, weist mit Blick auf psychisch erkrankte Menschen endogene Selektionseffekte auf, da es nur unzureichend auf psychisch erkrankte Menschen und ihre komplexen Problemlagen eingerichtet ist. In der gegenwärtigen und für die Zukunft absehbaren Arbeitsmarktentwicklung stellen sich zudem viele Angebote als am Markt vorbei geplant dar. Diese Entwicklungen sind nicht unbemerkt geblieben [Niehaus, M., L Montada, 1997]. Innerhalb der Landschaft der beruflichen Rehabilitation haben sich in den vergangenen zehn Jahren in der Quantität unzureichende, neue, qualitativ hochwertige und innovative Angebote, vor allem in gemeindepsychiatrischen Verbünden und von Vereinen initiiert, für psychisch Kranke entwickelt (Selbsthilfefirmen, Firmen für psychisch Kranke, Zuverdienstbetriebe; vgl. [Weber, Steier, 1997].

Das traditionelle System der beruflichen Rehabilitation hat selbst mit einer Spezialisierung, etwa von WfBs, der Unterstützung von Zweckbetrieben, dem Aufbau von Modellen der Arbeitsassistenz, mit der Einrichtung von Rehabilitationseinrichtungen für Psychisch Kranke (RPK) reagiert. Der Vielfalt der Angebote belegt dies (Tab. 3).

Tab. 3 Vielfalt der vorhandenen Angebote und Maßnahmen.

Arbeitstherapie (stationär und ambulant)

Belastungserprobung

gestufte Wiedereingliederung

innerbetriebliche Umsetzung. evtl. Schwerbehindertenarbeitsplatz im alten Betrieb

Rehabilitationseinrichtung für psychisch Kranke

Berufs- und Arbeitsberatung für Behinderte

Schwerbehindertenarbeitsplatz mit Arbeitsassistenz

Berufsfindung, Berufsinformationszentren

Arbeitserprobung

Arbeitstraining (z.B. in Berufstrainingszentren)

Weiterbildung

Umschulung, Training von Schlüsselqualifikationen, modulare Qualifikationen (z.B. im BFW)

Erstausbildung (z.B. im BBW oder in anderen überbetrieblichen Einrichtungen)

Betriebspraktika

Werkstatt für Behinderte mit Zweckbetrieben

Firmen für psychisch Kranke und andere soziale Betriebe

Leiharbeitsfirmen als Soziale Betriebe (nach AÜG), wie z.B. das START-Modell

Zuverdienstmöglichkeiten im Zusammenhang mit gemeindepsychiatrischen Versorgungsangeboten

geringfügige Beschäftigung auf dem freien Markt

Trotz dieser umfangreichen Palette von Hilfsangeboten ist die Rate der beruflichen Wiedereingliederung auf dem ersten Arbeitsmarkt eher gering. Hier ginge es darum zu überdenken, inwieweit Eingliederung auf dem ersten Arbeitsmarkt für chronisch psychisch Kranke realistisch und sinnvoll ist. Dies erweist sich als grundsätzliche Frage der Ausrichtung des Systems der beruflichen Rehabilitation, das in Zeiten wirtschaftlichen Booms konzipiert wurde. Hier müßten neue und ergänzende Kriterien herangezogen, die bestehenden stärker differenziert werden. Ganz zentrale Bedeutung kommt dabei den Wünschen und Vorstellungen psychisch kranker Menschen und der neueren Lebensqualitätsforschung zu.

Die bisherige Vernachlässigung beruflicher Rehabilitation psychisch Kranker könnte aber auch noch andere Gründe haben:

  • Festhalten an einem Rehabilitationsziel, das den veränderten Arbeitsmarktbedingungen nicht gerecht wird;

  • Tendenz der Spezialeinrichtungen, Klienten zu behalten oder durch immer weitere Ausdifferenzierung ein künstliches System, einen ,,als-ob-Arbeitsmarkt", zu festigen;

  • der Wunsch der Klienten in einem geschützten und vertrauten Rahmen zu verbleiben;

  • gesellschaftliche Vorurteile gegenüber psychisch Kranken, die durch die geringen Vermittlungsquoten und die wenigen Berührungspunkte mit dem 1. Arbeitsmarkt im Sinne einer self-fulfilling-prophecy verstärkt werden könnten (vgl. Blaschke, D, 1997);

  • mangelnde und verschwendende Ressourcennutzung

  • fehlendes systematisches case-mangement und fehlende Durchlässigkeit zwischen den Systemen und Maßnahmen.

Da im Bereich der beruflichen Rehabilitation psychisch kranker Menschen trotz vieler Einzelstudien und Modellprojekte umfassendes empirisches Material fehlt, müssen Reformvorschläge Erfahrungswissen von Arbeitsmarkt- und Psychiatrieexperten, Sichtweisen der psychisch kranken Menschen und die Resultate der vorliegenden Studien zu kombinieren versuchen. Einige Reformüberlegungen finden sich in der folgenden Übersicht (Tab. 4).

Tab. 4 Reform der beruflichen Rehabilitation psychisch kranker Menschen.

1. Anforderungen, die die Systemziele selbst betreffen:

a.) Abschied vom impliziten Vollbeschäftigungsmodell und dem damit verbundenen Druck, auf Einrichtungen, Personal und psychisch kranke Menschen auf den Arbeitsmarkt (wieder-) eingliedern zu müssen;

b.) Das bedeutet auch, die Suche nach einem "Dritten" zwischen beruflicher Karriere und EU-Rente und/oder Sozialhilfe.

2. Anforderungen an Veränderungen innerhalb des Systems:

a.) Differenzierung der Ziele auf der Basis einer stärker prozeßorientierten, begleitenden, sozialmedizinischen und psychosozialen Diagnostik und der Entwicklung von individualisierten Behandlungskonzepten im Sinne der von der Aktion Psychisch Kranke vorgelegten Konzeption der "personenzentrierten Hilfen" unter aktiver Einbeziehung des/der Patienten/-in, sowie der Verzicht auf die positive sozialmedizinische Prognose nach §1236 RVO als Voraussetzung zur Leistungsgewährung;

b.) Hilfeplanung aus einer Hand im Sinne des "case-management": kontinuierliche Vertrauensperson, die dem/der Patienten/-in assistierend zur Seite steht, ohne ihm/ihr überfürsorglich Aufgaben abzunehmen.

c.) Durchlässigkeit und Flexibilität der Hilfen

d.) Vielfalt der Hilfsangebote nutzen,

e.) Modulare Qualifikationen anbieten,

f.) Suche nach stabilen Arbeitsverhältnissen (Struktur Vertrautheit, Einbindung, Anerkennung, Assistenz im Hintergrund),

g.) Koordination der Hilfen und Kooperation der beteiligten Einrichtungen und Fachkräfte auf Helferkonferenzen.

3. Anforderung an Entscheidungs- und Maßnahmepraxis:

"- keine Erprobung, wenn nicht auch eine Förderung angeboten werden kann;

- keine Förderung, wenn nicht konkret eine dauerhafte Beschäftigung angeboten werden kann;

- keine dauerhafte Beschäftigung, wenn nicht eine ambulante Betreuung und Beratung für diesen Lebensbereich ermöglicht wird" (Schwendy, A, 1991)

Auf dem Weg zu einem neuen Verständnis von Erwerbsarbeit für chronisch psychisch Kranke

Wenn man versucht, den beschriebenen Lebenswelten für vor allem chronisch psychisch kranke Menschen gerecht zu werden, scheinen mir zwei Grundprinzipien sinnvoll: zum einen die Anerkennung von Arbeit als identitäts- und sinnstiftendes Element, zum anderen eine relative Entkoppelung vom Ziel der Integration auf den ersten Arbeitsmarkt. Dies sollte allerdings nicht so sehr in Richtung von Sonderarbeitsmärkten geschehen, sondern eher im Sinne der Schaffung von eigenen ,,Lebenswelten", Eigenwelten und eigenständigen Arbeits- und Berufsmöglichkeiten die nicht in Konkurrenz zur um den Leistungsbegriff zentrierten produktivistischen Kern der Gesellschaft auf dem ersten Arbeitsmarkt stehen. Dazu finden sich bereits jetzt Ansatzpunkte in modellhaften Produktions- und Dienstleistungsbereichen in Nischen, die noch nicht vom ersten Arbeitsmarkt besetzt sind: Firmen wie die ,,Lebenswelten", Restaurationsbetriebe, Betriebe zur Aufarbeitung von Möbeln, usw. weisen hier einen produktiven Weg. In diesen Firmen für psychisch Kranke wird zwar nicht ohne Anforderungen, wohl aber in lokal und sektoral begrenzter Marktkonkurrenz gewirtschaftet. Diese Angebote können auch ein Leben in örtlichen Zusammenhängen (ohne Zwangsmobilität) ermöglichen, Sicherheit, Struktur und Überschaubarkeit vermitteln und Verbindlichkeit in sozialen, ggf. begleiteten Netzwerken gewährleisten. Dies setzt aber auch eine Ressourcenumschichtung voraus, weil das Funktionieren derartiger Strukturen nur durch eine verlässliche Grundfinanzierung aus Mitteln der beruflichen Rehabilitation gewährleistet werden kann. Dies würde dazu beitragen können, endlose Rehabilitationsschleifen zu vermeiden und zugleich die Anerkennung beinhalten, daß Rehabilitation chronisch psychisch kranker Menschen eine Daueraufgabe ist, die auf die Herstellung von alltäglicher Normalität zielt und nicht notwendigerweise hoch spezialisierter und aufwendiger Maßnahmen bedarf, die oft an der Situation psychisch Kranker und am veränderten Arbeitsmarkt vorbeigehen.

Literatur:

Baumann, Z.: Moderne und Ambivalenz. Junius, Hamburg (1992)

Beck, U.: Risikogesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M (1986)

Blaschke, D.: Problemhintergrund der Verbleibs- und Wirkungsforschung bei Behinderten und anderen Zielgruppen der Arbeitsmarktpolitik. In: Niehaus, M., L. Montada (Hrsg.): Behinderte auf dem Arbeitsmarkt. Frankfurt/M: Campus, Frankfurt/M (1997) 131 - 143

Bude, H. (1998): Die Oberflüssigen als transversale Kategorie. In: Berger, P. A., M. Vester (Hrsg.): Alte Ungleichheiten, neue Spaltungen. Leske + Budrich, Opladen (1998) 363-382

Ciarini, O., P. A. Liedtke: Wie wir arbeiten werden. Der neue Bericht an den Club of Rome. Hoffman u. Campe, Hamburg (1998); Bonfs, W.: Was wird aus der Erwerbsgesellschaft? In: Beck, U. (Hrsg.): Die Zukunft von Arbeit und Demokratie. Frankfurt/M.; Suhrkamp (2000), 327-415

Habermas, J.: Die neue Unübersichtlichkeit. Suhrkamp, Frankfurt/M (1985)

Häußermann, H., W. Siebel: Dienstleistungsgesellschaften. Suhrkamp, Frankfurt/M (1995)

Jahoda, M.: Wieviel Arbeit braucht der Mensch? Arbeit und Arbeitslosigkeit im 20. Jhrdt. Beltz, Weinheim (1982, dt. 1983)

Jahoda, M., P. Lazarsfeld, H. Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch. Suhrkamp, Frankfurt/M (1975, orig. 1932)

Kruse, G.: Arbeit - muß das Sein? In: Weber, R, F. Steier (Hrsg.): Arbeit schaffen. Initiativen, Hilfen, Perspektiven für psychisch Kranke. Psychiatrie-Verlag, Bonn (1998) 108-112

Lutz, B.: Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Eine Neuinterpretation der industriell-kapitalistischen Entwicklung im Europa des 20. Jahrhunderts. Campus, Frankfurt/M (1984)

Niehaus, M., L Montada (Hrsg.): Behinderte auf dem Arbeitsmarkt. Campus, Frankfurt/M (1997)

Opaschowski, H. W.: Feierabend? Von der Zukunft ohne Arbeit zur Arbeit mit Zukunft. Leske + Budrich, Opladen (1998)

Schwendy, A.: Berufliche Rehabilitation. In: Bock, T., H. Weigand (Hrsg.): Handwerks-buch Psychiatrie. Psychiatrie-Verlag, Bonn (1991) 333-347

Weber, M.: Die protestantische Ethik. (Herausgegeben von J. Winckelmann). Siebenstern-Verlag, Hamburg (1975, orig. 1920)

Weber, P., F. Steier (Hrsg.): Arbeit schaffen. Initiativen, Hilfen, Perspektiven für psychisch Kranke. Psychiatrie-Verlag; Bonn (1997)

Anschrift:

Prof. Dr. Ernst von Kardorff

Institut für Rehabilitationswissenschaften

Humboldt-Universität zu Berlin

Georgenstraße 36

D-10117 Berlin

Quelle:

Ernst v. Kardorff: Die Bedeutung der Arbeit für psychisch kranke Menschen im gesellschaftlichen Wandel - Soziologische Anmerkungen zur beruflichen Rehabilitation

Erschienen in: impulse Nr. 15 / April 2000

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 04.05.2006

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