Integrationsfachdienste des BMA-Modellprojektes - Quo vadis?

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 14, Dez. 1999 impulse (14/1999)
Copyright: © Angelika Thielicke 1999

Die Arbeitgeber

Uneingeschränkt positiv gestaltet sich in allen Regionen die Kooperation mit den Arbeitgebern. Die Arbeit des IFD wird geschätzt, die Beratung der Arbeitgeber durch den Integrationsfachdienst wird angenommen, die Bereitschaft von Arbeitgebern zu Erprobungs- und Trainingsphasen wächst und die Bereitstellung von Arbeitsplätzen für schwerbehinderte Arbeitnehmer nimmt zu. Die Sensibilisierung von Arbeitgebern für die Belange von schwerbehinderten Arbeitnehmern ist in den Regionen geglückt.

Die Hauptfürsorgestelle

Unklar und regional sehr unterschiedlich ist die Funktion der Hauptfürsorgestelle im Steuerungsteam. Die Erfahrungen der 127 fast ausschließlich durch die Hafü finanzierten IFDs sind in die BMA-Modellkonzeption nicht eingeflossen. In manchen Regionen übt sich die Hafü daher in vornehmer Zurückhaltung. Wo hört die Kompetenz des Arbeitsamtes auf, wo fängt die Kompetenz der Hafü an? Können beide Stellen miteinander kooperieren, oder sind sie lediglich unterschiedliche Nutzer des IFD?

Das Arbeitsamt

Auch wenn seitens der Bundesanstalt für Arbeit unbeirrt beteuert wird, daß die Zusammenarbeit zwischen Arbeitsverwaltung und IFD zufriedenstellend verlaufe, so geben die Rückmeldungen der IFDs in vielen Regionen doch ein ganz anderes Bild. Zwar gibt es einige Regionen, in denen eine offene und konstruktive Zusammenarbeit zwischen Arbeitsamt, Hauptfürsorgestelle und Integrationsfachdienst möglich ist, doch ist in vielen Regionen die Kooperation mit dem Arbeitsamt die schwierigste Hürde, die es zu bewältigen gilt. Hier werden durch unnötige, lange, bürokratische Verfahren, Zuständigkeiten, Anträge und Bearbeitungszeiten, durch Nichterreichbarkeit von Mitarbeitern, durch mangelnden Informationsaustausch, Kapazitäten der IFDs gebunden, die auf Kosten der Effizienz und Qualität gehen. Hier gibt es z.B. in einer Region eine Zuweisungspraxis von Personen, bei denen die Arbeitsvermittlung seit langem nicht weiterkommt und die Problematik nicht in der Behinderung, sondern z.B. in fehlender Motivation oder einer Suchtproblematik liegt. In solchen Fällen kann bezweifelt werden, daß die Arbeitsverwaltung ein Interesse am Erfolg des IFD hat. Hier gilt es massive Vorurteile und Konkurrenzen auszuräumen und Rollen und Umgangsformen zu klären.

Das bisher bestehende Instrumentarium von Trainings- und berufsvorbereitenden Maßnahmen wird als nicht ausreichend empfunden. Schnellere, flexiblere, individuellere Maßnahmen mit individuell anzupassender Dauer wären notwendig.

Die Probleme

Zwei Problembereiche kristallisierten sich an vielen Stellen der Diskussion heraus:

Die Definition der Zielgruppe erweist sich als problematisch. Zum einen sind bestimmte Personenkreise (z.B. Sonderschulabgänger, Mitarbeiter von Werkstätten für Behinderte), die der Unterstützung durch einen IFD bedürfen, in der Zuweisungspraxis des Arbeitsamtes gar nicht oder deutlich unterrepräsentiert, zum anderen werden regional sehr unterschiedliche Personengruppen zugewiesen, die den Erfolg oder Mißerfolg des IFD stark mitbestimmen. Es muß z.B. durch eine Binnendifferenzierung der Fachdienstmitarbeiter sichergestellt werden, daß Mitarbeiter aus Werkstätten für Behinderte und Sonderschulabgänger vom Integrationsfachdienst auch wirklich integriert werden können. Dabei muß genau definiert werden, für welche Personen der IFD mit welchen Kapazitäten zuständig ist, wenn der IFD nicht permanent überfordert oder auf die reine Arbeitsvermittlung für langzeitarbeitslose Schwerbehinderte reduziert werden soll.

Als problematisch erweist sich die Zusammensetzung und die Arbeitsweise des Steuerungsteams. Die Zusammenarbeit verläuft da reibungslos, wo Integrationsfachdienst, Hauptfürsorgestelle und Arbeitsamt sich als gleichberechtigte Kooperationspartner verstehen, für gute Rahmenbedingungen der gemeinsamen Arbeit sorgen und bei Problemfällen unbürokratisch unter Bündelung der jeweiligen Ressourcen an Lösungsmöglichkeiten für einzelne Schwerbehinderte arbeiten. Am problematischsten ist die Arbeit da, wo der Vertreter des Arbeitsamtes oder der Hauptfürsorgestelle den Integrationsfachdienst für den verlängerten, dienstanweisungsgebundenen Arm seiner Behörde hält. Es zeigt sich deutlich, daß die Kooperation im Steuerungsteams sehr stark personenabhängig ist. Daraus zu schließen, daß dies lediglich ein Personenproblem sei und nicht nachzudenken, wo der strukturelle Fehler, der solche Personendominaz zuläßt, liegt, wäre sicherlich fatal.

Quo vadis?

Die strukturelle Einbindung der Modellprojekte Integrationsfachdienste im Steuerungsteam erinnert laut Stefan Doose vielfach an ein "Auto mit zwei Lenkrädern, eines für das Arbeitsamt, eines für die Hauptfürsorgestelle und dem Integrationsfachdienst auf dem Rücksitz. Ein solches Konstrukt erfordert ein Höchstmaß an Koordination und Einigkeit über die Zielrichtung, damit es nicht auseinanderbricht. Verweigert sich einer der Kooperationspartner oder bestehen zwischen ihnen Uneinigkeit über die Zielrichtung ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, daß das Modell gegen die Wand fährt." Wünschenswert wäre es, wenn die zu befördernde Personengruppe, das Fahrtziel und die Beförderungsrichtlinien mit allen Beteiligten übereinstimmend abgesprochen wäre. Noch besser wäre es, wenn man auf den Zweitfahrer verzichten könnte und dem Integrationsfachdienst die Kompetenz des Fahrers, der je nach Verkehrslage und Fahrgastwunsch den kürzesten, schnellsten oder sichersten Weg zum Ziel findet, zugestehen könnte. Dem Arbeitsamt und der Hauptfürsorgestelle bliebe neben der Festlegung der Zielorte und der Richtlinienkompetenz die nicht minder wichtige und unentbehrliche Funktion der Tankstelle mit der Treibstoffversorgung. Vielleicht wäre diese Rollenteilung die notwendige Voraussetzung für eine effektive kundenorientierte Dienstleistung, die es ermöglicht, unterschiedlich Fahrgäste ohne Reibungsverluste und Kompetenzgerangel an unterschiedliche Ziele zu bringen, ein Erfolg, den sich dann alle Beteiligten gleichermaßen zuschreiben könnten.

von Angelika Thielicke, Vorstand BAG UB - Marburg

Quelle:

Angelika Thielicke: Integrationsfachdienste des BMA-Modellprojektes - Quo vadis?

Erschienen in: impulse Nr. 14 / Dezember 1999

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 07.11.2006

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