Employer´s Forum on Disability - "Mobilisierung der Arbeitgeber zum beidseitigen Nutzen für Arbeitgeber und Behinderte"

AutorIn: Eva-Maria Fehre
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 12, Juni 1999 impulse (12/1999)
Copyright: © Eva-Maria Fehre 1999

Employer´s Forum on Disability: Arbeitsansatz und Ziele

Im britischen Employer´s Forum on Disability haben sich rund 300 nationale und multinationale Arbeitgeber mit dem langfristigen Ziel der Verbesserung der Beschäftigungssituation Behinderter in Großbritannien zusammengeschlossen.

Das Employer´s Forum ist quasi eine Selbsthilfeorganisation, die von "aufgeklärten Arbeitgebern" gegründet wurde. Die Arbeit der Organisation wird von den Mitgliedern inhaltlich getragen und finanziert.

Arbeitsansatz: "Indem man sich auf die Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen der Arbeitgeber konzentriert, beschäftigt man sich gleichzeitig mit den vielfältigen Barrieren (bzw. deren Abbau), auf die Behinderte treffen, wenn sie einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt suchen" (SCOTT-PARKER, 1995).

Die Netzwerkarbeit des Employer´s Forum verfolgt drei Ziele:

  • Förderung des Bewußtseins für das unternehmerische Anliegen "Einstellung Behinderter" in Kontakten von Unternehmen zu Unternehmen

  • Förderung der persönlichen Kontakte zwischen Arbeitgebern und Behinderten. Herstellen einer Atmosphäre, in der die Arbeitgeber das Problem als ihr eigenes Anliegen betrachten und die Rehabilitationsträger sich bewußt sind, daß der Arbeitgeber gleichzeitig Beteiligter, Kunde und potentieller Partner ist

  • Einbindung des Themas Behinderung in die weiter gefaßte Diskussion über wirtschaftliche und soziale Erneuerung, Langzeitarbeitslosigkeit, Armut sowie betriebs- und volkswirtschaftliche Politiken (in Anlehnung an SCOTT-PARKER, 1998)

Unzulänglichkeiten des Rehabilitationssystems

Aus Sicht des Employer´s Forum ist der traditionelle Ansatz zur Eingliederung Behinderter in das Arbeitsleben gescheitert.

  • Die Arbeitslosenquote behinderter Menschen ist den meisten europäischen Staaten, USA und Kanada, mindestens doppelt so hoch, wie die für Nichtbehinderte.

  • Behinderte leben häufiger als Nichtbehinderte in Armut oder wirtschaftlich schwierigen Bedingungen. Für zwei Drittel der Behinderten in Großbritannien stellen staatliche Leistungen die einzige Einkommensquelle dar.

  • Die Leistungen die Rehabilitationsträger werden den Qualitätserwartungen der Arbeitgeber nicht gerecht. Fachkompetente, längerfristige Begleitung im Sinne unterstützter Beschäftigung fehlt im Angebotskatalog.

  • Behinderung wird in Großbritannien nicht wie die Kategorien Hautfarbe und Geschlecht als eine elementare Frage der Chancengleichheit oder Gleichberechtigung angesehen. Das Fehlen eines gesetzlichen Rahmens ("Recht auf Beschäftigung") verstärkt die Einstellung der Gesellschaft, daß Behinderung primär ein medizinisches Problem, eine Frage der "Wohltätigkeit" sei.

  • Es besteht ein Unvermögen seitens der Rehabilitationsträger, den Informations- und Dienstleistungsbedürfnissen von Arbeitgebern fachlich angemessen nachzukommen. Z.B. gibt es große Unklarheiten bezüglich folgender Fragen: Wie verändere ich das Umfeld und die Arbeitsweise meiner Organisation, meines Betriebes? Wieviel Zeit, welche Kosten und Anstrengungen sind für den Veränderungsprozeß notwendig? Welche Modifikationen müssen in der Unternehmenskultur herbeigeführt werden? Welche Hilfen bietet "das gesammelte Wissen über beste Praktiken" im Bereich Behinderung für mein Unternehmen und die Wirtschaft im allgemeinen?

Behinderte auf dem Arbeitsmarkt: Festgefahrene Einstellung mit determinierender Tendenz

Der Arbeitgeber wird per se als "Problem", auf sogar als "Gegner" gesehen. Finden Behinderte keinen Arbeitsplatz, wird dafür die Einstellung[1] des Arbeitgebers verantwortlich gemacht.

Die negative Wirkung des undurchschaubaren Dschungels an gut gemeinten, aber unkoordinierten und zersplitterten Rehabilitationsleistungen wird unterschätzt.

Die Rehabilitationsträger sollten Arbeitgeber als Kunden und Partner betrachten und den Erfolg ihrer Arbeit daran messen, wieviel einfacher sie es dem Unternehmen machen, Behinderte einzustellen und weiter zu beschäftigen.



[1] die Einstellung von Arbeitgebern spiegelt letztlich nur die Einstellung der breiten Bevölkerung wieder. Die psychologische Einstellungsforschung, deren zentrales Thema die Einstellungsveränderung ist, bietet einen reichhaltigen Erkenntnisfundus zu dieser Themenstellung.

"Mythos der niedrigen Erwartungen"

Behinderte in Großbritannien haben Schwierigkeiten, qualitativ hochwertige Berufsberatung zu erhalten. Sie leiden oft ihr Leben lang unter den niedrigen Erwartungen von Seiten der LehrerInnen, ÄrztInnen und (Berufs-)BeraterInnen hinsichtlich ihrer Lern- und Leistungsfähigkeit, ihres Arbeitspotentials.

(Berufs-) BeraterInnen, die nicht voll davon überzeugt sind, daß ihre Behinderte KundInnen dem Arbeitgeber wirklich etwas Wertvolles zum "gegenseitigen Vorteil" anzubieten haben, werden gegenüber Arbeitgebern wenig Überzeugungskraft haben und sie nicht zum Umdenken bewegen können. Wird stattdessen auf die moralische und gesetzliche Verpflichtung hingewiesen, wird der Behinderte zusätzlich stigmatisiert.

Ein grundlegendes Hindernis für bessere Beschäftigungschancen besteht aus Sicht des Employer´s Forum in der Darstellung Behinderter in den verschiedenen Medien.

Behinderung wird z.B. mittels Spendenaufrufe ("Appell an das gute Herz der Menschheit") als Frage der Wohltätigkeit dargestellt. Behinderte gelten unhinterfragt als natürliche und passive EmpfängerInnen von Wohltätigkeiten. Gleichzeitig wird das Thema Behinderung als spezielle Fragestellung an ExpertenInnen der Medizin, der Rehabilitationsträger und der karitativen Einrichtungen delegiert.

Notwendig ist, daß die Themen Behinderung und Arbeit für Behinderte den Stellenwert allgemein wirtschaftlicher Fragen erhalten.

Fazit

Gemäß dem internationalen Erkenntnisstand erfordert eine erfolgreiche berufliche Eingliederung in den Arbeitsmarkt sowohl eine angemessene Qualität der Rehabilitationsleistungen als auch Unterstützung von Arbeitgebern und Behinderten im Sinne von "Supported Employment".

Arbeitgeber und Behinderte sollten den Stand, die Entwicklung der Integrationspolitik sowie die Rehabilitationsleistungen aus ihrer Sicht beurteilen und Verbesserungsvorschläge machen.

"Bessere Leistungen für Arbeitgeber gleich bessere Leistungen für Behinderte" (SCOTT-PARKER, 1998).

Umgang mit Arbeitgebern

Der Arbeitgeber wird vom Rehabilitationssystem und dessen Funktionsträgern in verschiedene Rollen versetzt, die bestimmend sind für die Herangehensweise, den Umgang mit Arbeitgebern.

Verschiedene Rollen des Arbeitgebers

  • Arbeitgeber als Problem: "Sie müssen aufgeklärt werden"

  • Arbeitgeber als Zielscheibe: "Sie brauchen Bildung, Information und Bewußtseinsbildung"

  • Arbeitgeber als Kunden: "Der Arbeitgeber sollte auf uns zukommen, um behinderte Arbeitnehmer einzustellen und weiterzubeschäftigen"

  • Arbeitgeber als Partner: "Der Arbeitgeber wird ermuntert, in ein langfristiges, gegenseitig zum Vorteil ausgerichtetes Verhältnis einzutreten"

  • Arbeitgeber als Sponsor, Arbeitgeber als Menschenfreund sind weitere gern zugeschriebenen Rollen. (in Anlehnung an SCOTT-PARKER, 1998)

Es ist notwendig, Arbeitgeber als "Kunden" zu behandeln und mit ihnen in Partnerschaft zusammenzuarbeiten. Diese Sichtweise setzt aber voraus, daß sich gleichzeitig die Arbeitsweise der Leistungserbringer, Form und Art der Rehabilitationsleistungen verändern.

Leistungserbringer sollten Fachkräfte einstellen, die mit der Welt der Industrie und des Handels direkte Erfahrung haben und die die Kommunikationslücke zwischen dem gemeinnützigen und dem gewerblichen Sektor erfolgreich schließen können.

Arbeitgeber sollten häufiger von behinderten Fachkräften in verschiedenen Funktionen kontaktiert werden.

Schlußbetrachtung

"Für die Arbeitgeber in ihrer neuen Rolle bleibt viel zu tun, wenn Behinderung ihren rechtmäßigen Stellenwert als wirtschaftlicher und moralischer Imperativ einnehmen soll. Die Rehabilitationsträger müssen ihrerseits einen neuen Ansatz finden, der die Arbeitsbeziehungen zwischen allen Beteiligten neu definiert, so daß es Arbeitgebern erleichtert wird, Chancengleichheit von der Theorie in die Praxis umzusetzen" (SCOTT-PARKER, 1998).

Literatur

Employer´s Forum on Disability (1998): Infomationsmappe (Update-The newsletter of the Employer´s Forum on Disability, Disability Etiquette guide, etc.)

Scott-Parker, S. (1998): Unternehmer als Partner in der Rehabilitation. Vortrag auf der Arbeitstagung "Zukunft der beruflichen Rehabilitation und Integration in das Arbeitsleben" der Deutschen Vereinigung für Rehabilitation Behinderter (DVfR) in Amberg.

Scott-Parker, S. (1995): Rechte und Pflichten: Aus der Sicht eines Arbeitgebers. (Vortragstext)

von Eva-Maria Fehre - Bielefeld

Quelle:

Eva-Maria Fehre: Employer´s Forum on Disability - "Mobilisierung der Arbeitgeber zum beidseitigen Nutzen für Arbeitgeber und Behinderte"

Erschienen in: impulse Nr. 12 / Juni 1999

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 16.02.2005

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