Leichte Sprache im Arbeitsleben

Analyse der Nutzung von Texten in Leichter Sprache im beruflichen Kontext von Menschen mit Lernschwierigkeiten

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse, Magazin der Bundesgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung, Nr. 78/2016, S. 13-21, Schwerpunkt: Leichte Sprache impulse (78/2016)
Copyright: © Daniel Bergelt, Anne Goldbach, Anja Seidel 2016

Abbildungsverzeichnis

    Abstract:

    Zu Beginn des durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten partizipativen Forschungsprojekts „Leichte Sprache im Arbeitsleben“ der Universität Leipzig (vgl. BERGELT et al. 2014) wird die derzeitige Nutzung von Leichter Sprache im beruflichen Kontext von Menschen mit Lernschwierigkeiten untersucht. Es stellt sich heraus, dass die Konzepte der Leichten und der Einfachen Sprache in der Praxis am bekanntesten sind. Hinsichtlich der Nutzung von Leichter Sprache, gemäß der vom Netzwerk Leichte Sprache vertretenen Leitlinien, zeigt sich, dass die einzelnen Regeln als unterschiedlich hilfreich eingeschätzt werden und demnach auch unterschiedlich häufig Anwendung finden. Bezüglich der generellen Nutzung von verständlich aufbereiteten Texten im beruflichen Kontext wird deutlich, dass Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) wesentlich mehr für diese Praxis sensibilisiert sind und entsprechende Angebote bereithalten, als dies im integrativen Arbeitsbereich der Fall ist.

    1. Hintergrund der Untersuchung

    Der Ansatz der Leichten Sprache wurde durch die europäische Interessenvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten, Inclusion Europe, aus praktischen Erkenntnissen heraus entwickelt. Leichte Sprache soll es Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung ermöglichen, ihre eigenen Rechte verstehen und selbst vertreten zu können. Sie versteht sich jedoch nicht als auf diesen Personenkreis als Zielgruppe beschränkt, sondern kann ebenso sowohl für Menschen mit Migrationshintergrund als auch für Menschen mit Seh- und Hörbeeinträchtigungen von Interesse sein[1].

    So schreibt Mensch zuerst: „Jeder Mensch kann Texte in Leichter Sprache besser verstehen. Leichte Sprache ist aber besonders wichtig für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Leichte Sprache ist auch gut für alle anderen Menschen.“ (Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e. V. o. J.).

    Es wird somit versucht, den vorerst exklusiven Charakter der Leichten Sprache aufzuheben und sie für alle nutzbar zu machen. Problematisch bleibt jedoch, dass bisher erstellte Texte in leichter Sprache überwiegend Themenfelder bedienen, welche auf die Lebenssituationen von Menschen mit Lernschwierigkeiten zugeschnitten sind und eben damit das Interesse von anderen Personenkreisen verringern. Leichte Sprache befindet sich demnach in einem Exklusions- beziehungsweise Inklusionsdilemma (vgl. SEITZ 2014, 4), welches sich darin zeigt, dass auf der einen Seite Informationen in verständlich aufbereiteter Form notwendig sind, um an verschiedenen Aktivitäten des gesellschaftlichen Lebens teilhaben zu können. Auf der anderen Seite signalisiert die Informationsbereitstellung in Leichter Sprache einen besonderen Bedarf sowie eine Zugehörigkeit zur Gruppe der Menschen mit Lernschwierigkeiten, was wiederum als Stigma erfahren werden kann und immer wieder zu Ablehnung von Leichter Sprache führt (vgl. SEITZ 2014, 4 f.).

    Nach Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) kam es zu einer rasanten und zu Teilen undurchsichtigen Verbreitung von Leichter Sprache[2]. Mit Inkrafttreten der UN-BRK wurde das Recht auf bedingungslose Teilhabe in allen Lebensbereichen für Menschen mit Behinderung festgeschrieben. Dies setzt jedoch voraus, dass alle Menschen die Chance erhalten, sich ausreichend selbst über ihre gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten zu informieren, um selbstbestimmte Entscheidungen treffen zu können. Wenn die UN-BRK in Artikel 9 und 21 das Recht auf Information und Teilhabe fordert (BMAS 2011), wird deutlich, dass Leichte Sprache für alle Lebensbereiche einen Beitrag zur Umsetzung der UN-BRK leisten kann.

    Dass der Lebensbereich der Arbeit ein bedeutender Bestandteil der gesellschaftlich erfahrenen Teilhabe ist, ist unumstritten. So verweisen u. a. FISCHER, HEGER & LAUBENSTEIN (2011) auf die Bedeutung von Arbeit als eine Voraussetzung zur Befriedigung individueller materieller Bedürfnisse, zur Bestreitung des Lebensunterhalts generell und zur Steigerung des Selbstvertrauens. Arbeit wirkt sich damit auf die Ausbildung der Ich-Identität aus. Sie ermöglicht eine Reihe von Kontakten zu anderen Menschen und schafft Zugang zur Erwachsenenbildung.

    Es ist demnach von Bedeutung, danach zu fragen, wie der Einsatz von Leichter Sprache die beruflichen Teilhabechancen verbessern kann. Hierfür muss die derzeitige Nutzung von verständlich aufbereiteten Texten im beruflichen Kontext von Menschen mit Lernschwierigkeiten untersucht werden.

    Denn bisher können weder empirisch fundierte Aussagen über die Nutzungswirklichkeit der Leichten Sprache sowie deren Beitrag zur Verbesserung von Teilhabechancen getroffen werden, noch liegen empirische sprachwissenschaftliche Untersuchungen zum Konzept der Leichten Sprache vor. Im Fokus der Sprachwissenschaften hat BOCK eine Beschreibung des Konzepts der Leichten Sprache aus linguistischer Sicht vorgenommen. Diese fußt zum einen auf der Abgrenzung zu anderen Praxisphänomenen („Leicht Lesen“, Einfache Sprache, bürgernahe Sprache) und zum anderen auf der Beschreibung der Leichten Sprache im Hinblick auf verschiedene theoretische Konzepte der Linguistik (vgl. BOCK 2014).

    Synonym zum Konzept der „Leichten Sprache“ wird oft das Konzept der „Einfachen Sprache“ verwendet, wenngleich sich beide voneinander unterscheiden. KELLERMANN beschreibt den Unterschied der Einfachen Sprache zur Leichten Sprache durch eine geringere Strenge in der Regelhaftigkeit sowie durch einen „komplexeren Sprachstil“ (KELLERMANN 2014). Zumeist wird Einfache Sprache dann angewandt, wenn gegenüber der Leichten Sprache Vorbehalte bestehen – die Texte als zu vereinfachend angesehen werden, nicht alle Regeln der Leichten Sprache als sinnvoll erachtet werden oder auch die Adressat_innen der Leichten Sprache diese ablehnen, weil sie sich nicht zur Zielgruppe zugehörig fühlen.

    Es ergibt sich demnach die Frage, inwiefern verständlich aufbereitete Texte in der beruflichen Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten genutzt werden, welche Ansätze sich durchzusetzen scheinen und wie der Nutzen von „leichten Texten“ eingeschätzt wird.



    [1] Auch Patient_innen, denen Hirntumore entfernt wurden, mit Schädel-Hirn-Verletzungen, Schlaganfällen oder demenziellen Erkrankungen können in ihrem Sprachverständnis oder ihrer Lesekompetenz zumindest temporär eingeschränkt sein und ebenfalls von Leichter Sprache profitieren.

    [2] Sichtbar wird das bspw. an der Entstehung einer Vielzahl neuer Büros für Leichte Sprache.

    2. Ziel- und Fragestellung

    Die vorliegende Untersuchung verfolgt das Ziel, die derzeitige Nutzungswirklichkeit von Leichter Sprache zumindest in der beruflichen Praxis von Menschen mit Lernschwierigkeiten abzubilden. Zentrale Fragestellungen sind dabei:

    • Welche Organisationen nutzen Texte, in denen Informationen für Menschen mit Lernschwierigkeiten in besonderer Form aufbereitet werden?

    • Inwiefern sind unterschiedliche Konzepte zur verständlichen Aufbereitung von Texten in der Praxis bekannt?

    • Wie regelgetreu wird das Konzept der Leichten Sprache in der Praxis umgesetzt?

    • Wie wird der Nutzen leicht verständlicher Texte eingeschätzt? Welche Schwierigkeiten werden bei der besonderen Aufbereitung von Texten erkannt?

    • Wie wird der Bedarf an Weiterbildungen im Kontext Leichter Sprache eingeschätzt?

    3. Forschungsdesign

    Die hier vorgestellte Bestands- und Situationsanalyse erfolgte auf zwei verschiedenen Ebenen. In einem ersten Schritt wurden im November 2014 deutschlandweit 724 Werkstätten für behinderte Menschen, 896 Integrationsfirmen, 43 Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen sowie 166 Arbeitsagenturen angeschrieben, welche zum damaligen Zeitpunkt in der Datenbank des Informationssystems für berufliche Rehabilitation (REHADAT) gelistet waren. Die Empfänger_innen wurden darum gebeten, uns Dokumente, welche für Menschen mit Lernschwierigkeiten hinsichtlich einer besseren Verständlichkeit aufgearbeitet wurden, zuzusenden.

    In einem zweiten Schritt wurden die gleichen Organisationen und Firmen aus der REHADAT-Datenbank für eine online- Befragung angefragt. Diese Umfrage erfolgte mittels eines mit der Software SoSci Survey (www.soscisurvey.de) erstellten Onlinefragebogens.

    Im gesamten Erhebungszeitraum, also vom 01.04. bis 11.05.2015, haben sich 365 Personen beteiligt. Eine Rücklaufquote lässt sich nicht berechnen, da die E-Mail in den meisten Fällen nicht an konkrete Personen ging, sondern sehr allgemein an die Institutionen und Integrationsfirmen gesendet wurde. In die Auswertung konnten 323 Datensätze einbezogen werden. Unter den 323 in die Auswertung einzubeziehenden Datensätzen wurden 98 abgebrochene Befragungen verzeichnet. Die häufigsten Abbrüche traten bei der Frage auf, welche verständlich aufbereiteten Texte bisher in der Institution genutzt werden. Für alle bis dahin beantworteten Fragen werden die Datensätze jedoch mit in die Auswertung einbezogen.

    4. Ergebnisse

    Beteiligte Organisationen

    Die Stichprobe setzt sich hinsichtlich der teilnehmenden Organisationen wie folgt zusammen: Insgesamt beantworten 236 Teilnehmende (N = 236) die Frage nach ihrer Organisationszugehörigkeit (fehlend: n = 87), 66,1 % aller an der Befragung Teilnehmenden sind dabei Mitarbeiter_innen einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) (n = 156). Mit 18,2 % nehmen Mitarbeiter_innen von Integrationsbetrieben am zweithäufigsten an der Untersuchung teil (n = 43). Auch zwölf Mitarbeiter_innen von Integrationsämtern (entspricht 5,1 %) beantworten die Fragen des Fragebogens, ebenso wie fünf Mitarbeitende von Integrationsfachdiensten (2,1 %)[3].

    Abbildung 1. Verwendung von verständlich aufbereiteten Texten in Abhängigkeit der zugehörigen Institution.

    Balkendiagramm welches in jeder Kategorie in Integrationsfirmen und
                           WfbM geteilt ist: 1. Kategorie: nutzt bereits
                     sehr viele Texte. Der Balken "integrationsfirmen steht bei etwa 2%. Der Balken
                           WfbM steht bei etwa 9%. 2. Kategorie: nutzt
                     bereits einige Texte. Der Balken "integrationsfirmen steht bei etwa 41 %. Der
                     Balken WfbM steht bei etwa 78%. 3. Kategorie: nutzt
                     noch keine Texte, plant dies aber. Der Balken "integrationsfirmen steht bei
                     etwa 9%. Der Balken WfbM steht bei etwa 4%. 4. Kategorie:
                     nutzt keine Texte und plant diese nicht. Der Balken "integrationsfirmen steht
                     bei etwa 9%. Der Balken WfbM steht bei etwa 4%.

    Abbildung 2. Häufigkeit der Prüfung von vereinfachten Texten durch Menschen mit Lernschwierigkeiten.

    Tortendiagramm: 27% selten, 26% häufig, 21% immer, 14% noch nicht, 12%
                     nicht geplant.

    Verwendung von Texten in Leichter Sprache

    Institutionen und deren Verwendung von Texten in Leichter Sprache

    Untersucht man die quantitative Verwendung von verständlich aufbereiteten Texten in den Institutionen der Befragungsteilnehmenden, können 229 Datensätze (N = 229) betrachtet werden. Die überwiegende Mehrheit (n = 163, entspricht 70,6 %) der Befragten gibt an, dass sie „einige Texte, in denen Informationen für Menschen mit Lernschwierigkeiten in besonderer Form aufbereitet sind“, verwenden. Immerhin 10,8 % (n = 25) der Befragten setzen sehr viele dieser Texte ein. Somit nutzen 81,4 % aller an der Befragung Teilnehmenden Texte, deren Informationen besonders aufbereitet sind, um für Menschen mit Lernschwierigkeiten besser verständlich zu sein. Von den übrigen 18,7 %, die bisher keine angepassten Texte verwenden, ist dies zumindest bei 28 % in Planung. Dennoch ist es bei 12,6 % der an der Befragung Teilnehmenden nicht geplant, besonders aufbereitete Texte für Menschen mit Lernschwierigkeiten einzusetzen, wenngleich zumindest ein knappes Drittel (31 %) dieser davon ausgeht, dass diese Texte notwendig sind.

    Untersucht man die Verwendung von Texten in Abhängigkeit der teilnehmenden Organisation und konzentriert sich dabei auf die zwei relevanten Arbeit gebenden Institutionen für Menschen mit Lernschwierigkeiten (Werkstätten für behinderte Menschen auf der einen Seite und Integrationsbetriebe auf der anderen Seite), so können N = 194 betrachtet werden. Wie in Abb. 1 verdeutlicht, lässt sich ein Unterschied in der Bedeutung von verständlichen Texten je nach Institution feststellen.

    Ein T-Test bestätigt den signifikanten Mittelwertunterschied hinsichtlich der Verwendung von verständlich aufbereiteten Texten: t(192) = -8,785, p = 0,000.

    Während 94,8 % der befragten WfbM schon mit besonders aufbereiteten Texten arbeiten und nur 2 % die Bereitstellung solcher Texte nicht plant, sieht die Verteilung in Integrationsbetrieben (n = 41) deutlich anders aus. 24,4 % der befragten Integrationsbetriebe empfinden den Einsatz von aufbereiteten Texten als nicht notwendig und in 34,2 % dieser Betriebe ist dieses Vorgehen auch nicht geplant. Dennoch werden in 48,7 % der teilnehmenden Betriebe schon Texte, die hinsichtlich einer besseren Verständlichkeit aufbereitet sind, verwendet[4].

    Tab. 1: Verwendungshäufigeit vereinfachter Textsorten

    Materialauswahl

    n

    Prozent

    Anwesenheitslisten

    244

    92,1

    Entgeltordnung

    233

    87,9

    Gesetzestexte

    230

    86,8

    Werkstattvertrag

    216

    81,5

    Arbeitschecklisten

    211

    79,6

    Werkstattordnung

    202

    76,2

    Weiterbildungskatalog

    198

    74,7

    Urlaubs- und Freizeitangebote

    195

    73,6

    Veranstaltungshinweise

    188

    70,9

    Speisepläne

    182

    68,7

    Hinweisbeschilderung

    163

    61,5

    Unterweisungsmaterialien

    163

    61,5

    Arbeitsanleitungen

    147

    55,5

    Erklärungen zur Arbeitssicherheit

    144

    54,3

    Sonstiges

    206

    77,7

    Tab.2: Übersicht über die Häufigkeit der Verwendung einzelner Regeln der Leichten Sprache.

    Regel

    n

    Prozente

    Einsatz von Bildern

    151

    94,0

    Vermeiden von Abkürzungen

    153

    92,1

    Vermeiden von Fachwörtern

    152

    90,1

    Formulierung nur eines Inhalts pro Satz und Zeile

    150

    88,0

    Vermeidung verschiedener Wörter der Satzverknüpfung wie „dennoch“, „hingegen“, „allerdings“

    150

    81,4

    Verzicht auf Querverweise und Fußnoten

    150

    80,

    Vermeidung von Verneinung und Negation

    153

    75,1

    Vermeiden von Sonderzeichen

    150

    73,3

    Vermeiden von Passivsätzen

    149

    73,2

    Wortwiederholung statt Wortvariation

    152

    73,0

    Verwendung von Verben statt Substantiven

    149

    70,5

    Trennung zusammengesetzter Wörter durch Bindestrich

    150

    64,0

    Prüfung der Texte durch Menschen mit Lernschwierigkeiten

    151

    58,9

    Ersetzen präziser Zahlen durch ungenaue Formulierungen

    151

    56,3

    Verwendete Textsorten

    Die Frage, welche schriftsprachlichen Materialien im beruflichen Alltag von Menschen mit Lernschwierigkeiten in verständlich aufbereiteter Form verwendet werden, beantworten 265 Befragungsteilnehmende (N = 265). Tabelle 1 zeigt, wie häufig die jeweiligen Materialien in Leichter Sprache zur Verfügung stehen.

    Auffällig ist, dass alle vorgegebenen Materialien von mindestens der Hälfte der Befragten genutzt werden. Die drei am häufigsten verwendeten Textsorten – Anwesenheitslisten (92,1 %), Entgeltordnungen (87,9 %) und Gesetzestexte (86,8 %) – haben arbeitsorganisatorische Funktionen, während Texte zur Beschreibung von Arbeitsprozessen – Erklärungen zur Arbeitssicherheit (54,3 %), Arbeitsanleitungen (55,5 %) und Unterweisungsmaterialien (61,5 %) – weniger verbreitet sind.

    Unter der Kategorie Sonstiges werden vor allem die Folgenden genannt: Allgemeine Informationen (n = 8), Hauszeitungen (n = 7) und Informationen zur beruflichen Bildung und Erwachsenenbildung (n = 6).

    Umsetzung des Konzepts Leichte Sprache

    Bekanntheit unterschiedlicher Ansätze

    Will man die Umsetzung des Konzepts der Leichten Sprache untersuchen, ist vorrangig von Relevanz, welche Ansätze zur Aufbereitung von verständlichen Texten in der Praxis bekannt sind.

    Die Frage: „Sind Ihnen die folgenden Ansätze bekannt, die eine bessere Verständlichkeit von Texten ermöglichen sollen“ wird von N = 322 Studienteilnehmenden beantwortet. Dabei zeigt sich, dass der Ansatz der „Leichten Sprache“ am bekanntesten ist – 55,1 % der Befragten kennen diesen. „Einfache Sprache“ beziehungsweise der Ansatz der „Leichten Sprache“ sind 29,4 bzw. 19,2 % der Befragten bekannt. Und der von Capito entwickelte und angewandte Ansatz „Leicht Lesen“ ist 10,2 % der Studienteilnehmenden bekannt. Immerhin 4,6 % der Befragten kennen jedoch keinen der genannten Ansätze. Demnach sind die Konzepte der Leichten Sprache und der Einfachen Sprache, welche auch im sprachwissenschaftlichen Diskurs besondere Beachtung finden, auch die bekanntesten Konzepte in der praktischen, beruflichen Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten.

    Prüfpraxis

    Ein wichtiges Kriterium, wenn es um die Umsetzung des Konzepts der Leichten Sprache geht, ist die Prüfung der erstellten Texte durch Menschen mit Lernschwierigkeiten selbst. Da diese Regel einen sehr bedeutenden Stellenwert im Regelverständnis des Netzwerks Leichte Sprache einnimmt, sollen im Folgenden nur die Antworten der Befragten mit in die Auswertung einbezogen werden, die angeben, das Konzept der Leichten Sprache zu kennen (N = 141; Abb. 2).

    Hinsichtlich der Prüfpraxis ergibt sich die Frage nach den Qualifikationen der Prüfenden. Durch das Netzwerk Leichte Sprache werden regelmäßig Schulungen für Prüfer_innen angeboten, in denen Menschen mit Lernschwierigkeiten das Überprüfen von Texten lernen können.

    Für die Prüfenden, auf welche die Befragten dieser Untersuchung zurückgreifen, zeigt sich, dass 62,3 % von ihnen keine Schulung durchlaufen haben und 22,5 % nicht über den Qualifikationsstatus ihrer Prüfenden informiert sind. Lediglich 11,9 % der Befragten gibt an, dass alle Prüfer_ innen zuvor an einer Schulung teilgenommen haben.

    Verwendung einzelner Regeln

    Überprüft man weitere Regeln der Leichten Sprache nach ihrer Anwendung in der Praxis, wird Folgendes deutlich: Vor allem der Einsatz von Bildern (94 %), das Vermeiden von Abkürzungen (92,1 %) und Fachwörtern (90,1 %) sind weit verbreitet (s. Tab. 2). Weniger Verwendung finden hingegen die folgenden Regeln: Ersetzen präziser Zahlen durch ungenaue Formulierungen (56,3 %), Prüfung der Texte durch Menschen mit Lernschwierigkeiten (58,9 %) und Trennung zusammengesetzter Wörter durch Bindestrich (64 %). Die aufgeführten Regeln des Netzwerks Leichte Sprache werden in der Praxis demnach unterschiedlich häufig angewandt.

    Nutzen leicht verständlicher Texte und Materialien

    Welche Gründe es für die unterschiedliche Anwendung der Regeln Leichter Sprache gibt, kann möglicherweise beantwortet werden, wenn man sich die Einschätzungen hinsichtlich des erkennbaren Nutzens der einzelnen Regeln und von verständlichen Texten allgemein anschaut.

    Betrachtet man die Ergebnisse, wie hilfreich die einzelnen Regeln im Hinblick auf ein besseres Verständnis eingeschätzt werden, zeigt sich folgendes Bild (Tab. 2):

    Vor allem der Einsatz von Bildern (98 %), das Vermeiden von Abkürzungen (94,7 %) und das Formulieren nur eines Inhalts pro Satz und Zeile (92,7 %) werden kaum in Frage gestellt. Wohingegen das Ersetzen präziser Zahlen durch ungenaue Formulierungen sowie die Trennung zusammengesetzter Wörter durch einen Bindestrich weniger eindeutig als hilfreich eingeschätzt werden. Auch die Regel, Negationen zu vermeiden, wird von knapp 10 % als nicht hilfreich eingeschätzt.

    Die allgemeinere Frage: „Führt der Einsatz vereinfachter Texte Ihres Erachtens zum besseren Verständnis?“ wurde von N = 155 beantwortet und von 91,6 % bejaht. 7,7 % der Befragten geben an, dies nicht zu wissen und eine Person ist der Meinung, dass vereinfachte Texte nicht zu besserem Verständnis führen.

    Fragt man nach den Vorteilen, die sich aus dem Einsatz vereinfachter Texte ergeben, so zeigt sich folgendes Bild: (Tab. 3).

    Tab.3: Einschätzung des Nutzens der Regeln durch Befragte.

    Regel

    n

    Ich weiß nicht in &

    Nicht hilfreich in %

    Hilfreich in %

    Einsatz von Bildern

    151

    2,0

    0,0

    98

    Vermeiden von Abkürzungen

    153

    3,3

    2,0

    94,7

    Formulierung nur eines Inhalts pro Satz und Zeile

    150

    5,3

    2,0

    82,7

    Vermeiden von Fachwörtern

    152

    1,3

    9,2

    89,4

    Vermeidung verschiedener Konnektoren

    150

    6,7

    4,0

    89,4

    Verzicht auf Querverweise und Fußnoten

    150

    6,7

    4,0

    89,3

    Prüfung der Texte durch Menschen mit Lernschwierigkeiten

    151

    7,3

    5,3

    86,7

    Wortwiederholung statt Wortvariation

    152

    9,9

    6,5

    83,6

    Vermeidung von Negation

    153

    7,8

    9,8

    82,3

    Vermeiden von Sonderzeichen

    150

    10,0

    8,7

    81,3

    Vermeiden von Passivsätzen

    149

    14,1

    6,1

    79,9

    Vermeidung von Verben statt Substantiven

    149

    14,1

    10,7

    75,2

    Trennung zusammengesetzter Wörter durch Bindestrich

    150

    11,3

    12,0

    76,7

    Ersetzen präziser Zahlen durch ungenaue Formulierungen

    151

    13,2

    15,9

    70,8

    Tab.4: Einschätzung des Nutzens vereinfachter Materialien.

    Ziel

    n

    Zustimmung in %

    Verneinung in %

    Weiß nicht in %

    Zielgruppe kann Anweisungen korrekter ausführen

    155

    92,3

    3,2

    4,5

    Die Beschäftigten werden selbstständiger

    153

    88,2

    8,5

    3,3

    Informationen werden länger behalten pro Satz und Zeile

    154

    82,4

    7,8

    9,7

    Es entstehen mehr Rückfragen zu einem Thema

    153

    74,5

    19,6

    5,9

    Bedarf an Weiterbildungen

    Die Fragen nach dem Bedarf an Weiterbildungen sowie der bisherigen Teilnahme an Weiterbildungen zur Leichten Sprache wurde von N = 191 Teilnehmenden beantwortet. 67,4 % der Befragten sehen einen Weiterbildungsbedarf zum Thema der Leichten Sprache. Dabei geben 44,5 % der Befragten an, dass in ihrer Institution bisher weder Weiterbildungen zu diesem Thema stattgefunden haben, noch solche geplant sind. In immerhin 30,4 % der erfragten Fälle wurden schon Weiterbildungsangebote zum Thema Leichte Sprache wahrgenommen und weitere 17,8 % planen die Bearbeitung des Themas.

    Bedarf an unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen

    Die Frage, inwiefern es wichtig wäre, unterschiedliche Schwierigkeitsstufen für verständlich aufbereitete Texte zu entwickeln, wurde von N = 152 Personen beantwortet. Mit 73,7 % befürwortet die überwiegende Mehrheit der Befragten unterschiedliche Niveaustufen, 1 7,8 % lehnen diese Entwicklung jedoch ab.

    Betrachtet man mögliche Begründungen (N = 87), zeigt sich, dass der am häufigsten genannte Grund (43 ,7 %) für die Ausbildung unterschiedlicher Schwierigkeitsstufen die große Heterogenität der Zielgruppe in Bezug auf unterschiedliche Behinderungsarten, Bildungsniveaus, Wahrnehmungsfähigkeiten, Verstehensniveaus u.ä. ist. Aber immerhin 9,2 % merken an, dass gerade diese so stark ausgeprägte Heterogenität der Zielgruppe die Entwicklung von verschiedenen Schwierigkeitsstufen unnötig macht und ein leichter Text, der dann wiederum so einfach wie möglich sein sollte, für alle ausreicht.

    Demgegenüber sprechen sich 9,2 % der Befragten für eine Abstufung der Schwierigkeiten aus, da sie die pauschale starke Vereinfachung als Stigmatisierung, Verkindlichung, Bevormundung und fehlende Wertschätzung erleben. Gleichzeitig wird jedoch zu bedenken gegeben, dass die weitere Ausdifferenzierung wiederum neue Abgrenzungen schaffen kann.



    [3] Außerdem gab es n = 20 Nennungen sonstiger Organisationen. Darunter: Eine berufliche Rehabilitationseinrichtung zur Ausbildung von Jugendlichen mit Behinderung, eine Bundesbehörde, zwei Sozialverbände, Landesverband der Lebenshilfe NRW, Verband der Caritas und der Diakonie, eine Fachstelle für Unterstützte Kommunikation, Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg und ein Wohnhaus für Menschen mit Behinderung.

    [4] Auch Integrationsämter sind an der Unterstützung und Betreuung von Menschen mit Lernschwierigkeiten im Kontext beruflicher Entwicklung beteiligt (vgl. BIH 2015) Hier finden jedoch entsprechend angepasste Texte am wenigsten Verwendung. 72,8 % der an der Befragung teilnehmenden Integrationsämter planen keine Einführung von angepassten Texten, wenngleich die Hälfte von ihnen dies als notwendig erachtet.

    5. Diskussionen und Interpretation

    Verwendung von Texten in Leichter Sprache

    Die Ergebnisse zeigen, dass der Einsatz von Texten, die hinsichtlich ihrer Verständlichkeit besonders aufbereitet sind, in Werkstätten für behinderte Menschen scheinbar den Normalfall darstellt[5]. Deutlich wird aber auch, dass bevorzugt arbeitsorganisationsbezogene[6] Texte zur Verfügung gestellt werden, der Arbeitsprozess selbst jedoch seltener eine Rolle spielt. Somit ist anzunehmen, dass das Potenzial zur Erleichterung des Arbeitsablaufs noch nicht voll ausgeschöpft wird. Ein Grund dafür, dass seltener arbeitsprozessbezogene Texte eingesetzt werden, kann jedoch auch darin bestehen, dass viele Arbeitsabläufe der WfbM stark ritualisiert sind, routiniert ablaufen und scheinbar keiner schriftlichen Erklärung bedürfen. Weiterhin werden neue Arbeitsaufträge vielfach mündlich durch die entsprechenden Gruppenleiter kommuniziert, was als schnellerer Weg der Informationsvermittlung gedeutet werden kann.

    Bezieht man gleichzeitig das Ergebnis mit ein, dass verständlich aufbereitete Texte in Integrationsbetrieben bisher deutlich seltener angewandt werden als dies in geschützten Arbeitsverhältnissen der Fall ist, so zeigt sich besonders hier ein großes Potenzial in Hinblick auf die Erleichterung von beruflicher Teilhabe. In den meisten Fällen zeichnen sich die Arbeitsabläufe, welche in Integrationsbetrieben durchgeführt werden, durch eine größere Variabilität und Komplexität aus. In diesem anderen Anforderungskontext erscheinen verständliche Texte, welche die Komplexitäten erklären, vereinfachen und entsprechend den individuellen Bedürfnissen nachlesbar machen, besonders sinnvoll.

    „Verständlich aufbereitete Texte werden in Integrationsbetrieben bisher deutlich seltener angewandt als in geschützten Arbeitsverhältnissen. Hier zeigt sich ein großes Potential in Hinblick auf die Erleichterung von beruflicher Teilhabe.“

    Umsetzung des Konzepts der Leichten Sprache

    In der sprachwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Konzepten zur barrierefreien Kommunikation werden die beiden Konzepte Leichte Sprache und Einfache Sprache besonders rege diskutiert und Vertreter_innen versuchen, eine Abgrenzung voneinander vorzunehmen (BOCK 2014; KELLERMANN 2014). BOCK verweist jedoch gerade darauf, dass eben diese Abgrenzung möglicherweise gar nicht per se inhaltslogisch ist, sondern eher eine politische Abgrenzungsstrategie, um Marktlücken zu besetzen (vgl. BOCK 2015, 83 f.).

    Das Konzept der Leichten Sprache ist den Vertreter(inne)n aus der praktischen beruflichen Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten am häufigsten bekannt. Dies zeigt möglicherweise auch die zielgruppenspezifische Wahrnehmung, die vom Konzept der Leichten Sprache ausgeht. Dennoch ist auch das Konzept der Einfachen Sprache knapp 30 % der Befragten bekannt. Da Einfache Sprache häufig dann angewandt wird, wenn Texte in Leichter Sprache als zu vereinfachend angesehen, nicht alle Regeln der Leichten Sprache als sinnvoll erachtet werden oder sie durch die Adressat_innen selbst abgelehnt wird (KELLERMANN 2014), zeigt sich, dass in der praktischen Umsetzung des Konzepts der Leichten Sprache durchaus Unsicherheiten bestehen. Diese zeigen sich unter anderem in den unterschiedlich häufig angewandten Regeln.

    Die Regel, dass schriftsprachliche Inhalte zusätzlich durch eindeutige Bilder unterstützt werden sollen, wird von 94 % der Befragten angewandt und von 98 % als hilfreich eingeschätzt. Dabei ergeben sich besonders für diese Regeln eine Reihe unbeantworteter Fragen: Welches Text-Bild-Verhältnis unterstützt das Textverstehen am besten? Haben Bilder primär verstehensunterstützende oder eher sekundäre Funktionen, wie z. B. Erhöhung der Lesemotivation? Welche Arten von Bildern sprechen die Adressat_innen am meisten an (Attraktivität)? Diese Fragen werden durch den sprachwissenschaftlichen Bereich des Forschungsprojekts LeiSa untersucht. Am Rande geht es mit Hilfe des Eye-Tracking-Experiments – einer Methode der Usability- und empirischen Leseforschung – auch darum, ob die Integration von Bildern in den Leseprozess für schwache Leser_ innen nicht eher eine Hürde darstellen kann.

    Weitere Forschungen der Kooperationspartner des LeiSa Projekts werden ebenfalls mit einbezogen, bspw. die Erforschung von Bildern in Instruktionstexten durch die Professur für Technik-Illustration und Grafik-Design an der Hochschule Merseburg.

    Deutlich seltener hingegen wird die Regel angewandt, lange Wörter mit einem Bindestrich zu trennen. Dass diese Regel tatsächlich nicht unkritisch ist, zeigt zum einen, dass ein knappes Viertel der Befragten den eindeutigen Nutzen zur besseren Verständlichkeit bezweifelt und zum anderen, dass diese Regel häufig falsch und damit eher verstehenserschwerend angewandt wird.

    Abschließend bleibt jedoch zu betonen, dass die Regeln des Netzwerks Leichte Sprache zur Gestaltung von verständlichen Texten generell als sinnvoller und hilfreicher eingeschätzt werden, als dass sie Umsetzung finden. Dies mag zum einen daran liegen, dass es für Vertreter_innen aus der Praxis generell wichtig und hilfreich ist, sich an Vorgaben orientieren zu können, dass die praktische Realisierung jedoch personeller und finanzieller Ressourcen bedarf, welche möglicherweise nicht in dem gewünschten Umfang zur Verfügung stehen.

    „Einfache Sprache wird häufig dann angewandt wird, wenn Texte in Leichter Sprache als zu vereinfachend angesehen werden.“

    Prüfpraxis

    Knapp 87 % der Befragten schätzen es als hilfreich ein, wenn Texte in Leichter Sprache durch Menschen mit Lernschwierigkeiten hinsichtlich ihrer Verständlichkeit geprüft werden. Trotz des zeitlichen und finanziellen Mehraufwands, welcher für die Überprüfung von Texten entsteht und damit eine nicht zu unterschätzende Hürde in der Umsetzbarkeit darstellt, lassen immerhin fast die Hälfte der Befragten ihre Texte häufig durch Menschen mit Lernschwierigkeiten überprüfen. Nur ein knappes Viertel aller Befragten führt keine Überprüfung durch. Der überwiegende Teil der eingesetzten Prüfer_innen hat keine vorherige Schulung durchlaufen. Der Einsatz von Prüfer(inne)n, die eine Schulung durchlaufen haben und auch der von festen Prüfgruppen, wird in der Praxis zum Teil kontrovers diskutiert. Menschen mit Lernschwierigkeiten, die Texte auf Verständlichkeit prüfen, könnten von ihrem Wissenszuwachs zwar profitieren, jedoch aus dem Grund auch für eine Verständlichkeitsprüfung weniger geeignet sein. Leider fehlt es hier an wissenschaftlichen Untersuchungen, um darüber Aussagen treffen zu können.

    Einschätzung des Nutzens von verständlichen Texten

    Die hohe Zustimmung zu den Vorteilen des Einsatzes vereinfachender Texte zeigt, dass die Befragten diesen Texten und Materialien grundsätzlich einen großen Nutzen für Beschäftigte zuschreiben.

    Der Aussage, Anweisungen könnten durch den Einsatz von Leichter Sprache korrekter ausgeführt werden, wird am häufigsten zugestimmt. Dieses Ergebnis steht der Erkenntnis, dass arbeitsprozessbezogene Texte, welche die konkrete Ausführung von Tätigkeiten in den Blick nehmen, relativ selten Anwendung finden, entgegen. Dennoch untermauert sie die Annahme, dass das Potenzial zur Verbesserung von Teilhabechancen durch den Einsatz von Texten in Leichter Sprache noch besser ausgeschöpft werden kann.

    Die zweithäufigste Zustimmung erhielt mit knapp 90 % die Aussage: „Die Beschäftigten werden selbstständiger“. Auch hieran wird deutlich, dass Vertreter_innen aus der praktischen Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten durchaus ein sehr großes Potenzial zur Verbesserung gesellschaftlicher Teilhabe in der Nutzung von Leichter Sprache sehen, denn die Erweiterung der Selbstständigkeit eröffnet gleichsam neue Teilhabechancen und ein damit verbundenes Mehr an Selbstbestimmung (vgl. WANSING 2005, 191).

    Weitere Bedarfe

    Zwei Drittel der Befragten sehen einen Bedarf an Weiterbildungen zum Thema Leichte Sprache. Darin zeigt sich zum einen das gewachsene Bewusstsein für die Notwendigkeit, zielgruppenadäquates Textmaterial bereitzustellen, welches sicherlich im Zuge der Bemühungen zur Umsetzung der UN-BRK immer stärker aufkeimt und seine rechtlichen Festlegungen unter anderem in der Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (BITV 2.0) § 3 Abs. 2 findet. Auf der anderen Seite kann der Bedarf an Weiterbildungen aber auch auf die allgemeine Verunsicherung gegenüber der rasanten und nicht theoretisch fundierten Entwicklung der Leichten Sprache hindeuten.



    [5] Dies mag u. a. daran liegen, dass WfbM die ganzheitliche Bildung der Menschen mit Behinderung zentraler im Blick haben (vgl. KUBEK 2012, 63 f.).

    [6] Arbeitsorganisationsbezogene Texte können sein: Gesetzestexte, Verträge, Ordnungen u. ä..

    6. Fazit

    In der Untersuchung wurde deutlich, dass vor allem die Konzepte der Leichten Sprache und der Einfachen Sprache bei Mitarbeiter(inne)n der befragten Institutionen bekannt sind. Fast alle Mitarbeitenden in WfbM und knapp die Hälfte der Mitarbeitenden in Integrationsbetrieben nutzen vereinfachte Texte.

    Die Ergebnisse zeigen insgesamt, dass aufbereitete Texte eingesetzt werden, weil diese dazu beitragen, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten besser informiert sind und somit deren Selbstständigkeit im Arbeitskontext gefördert wird. Verständlich aufbereiteten Texten wird demnach eine Verbesserung der beruflichen Teilhabe zugeschrieben.

    Im Forschungsprojekt LeiSA wird zu untersuchen sein, unter welchen konkreten Text-Umfeldbedingungen der Einsatz von Texten in Leichter Sprache am Arbeitsplatz tatsächlich zu einer Verbesserung von beruflicher Teilhabe führen kann. Denn die Ergebnisse der Situationsanalyse zeigen auch Unsicherheiten im Umgang mit den Regeln der Leichten Sprache auf. Sowohl im Hinblick darauf, inwiefern die einzelnen Regeln verstehenserleichternd wirken, als auch im Hinblick auf eine zu starke Simplifizierung von Textmaterialien, welche zu Ablehnung bei einem Teil der Adressat_innen führen kann. Eine mögliche Erklärung für diese Unsicherheiten könnte in unterschiedlichen Erwartungshaltungen der einzelnen Akteure an den Ansatz der Leichten Sprache liegen.

    Unbestreitbar ist jedoch die positive Bewertung des Konzepts der Leichten Sprache und seines Regelwerks im Allgemeinen, auch wenn die praktische Umsetzung der einzelnen Regeln durchaus unterschiedlich ausfällt.

    Sicherlich auch Dank der politischen Bemühungen, Inklusion im Sinne der UN-BRK voranzutreiben, ist das Bewusstsein für eine notwendige Verringerung von sprachlichen Barrieren gesamtgesellschaftlich gewachsen und Akteure und Akteurinnen auf dem Feld der praktischen Arbeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten sind bestrebt, den Forderungen nach mehr Selbstbestimmungsmöglichkeiten für diese Personengruppe nachzugehen. In Bezug auf den Abbau sprachlicher Barrieren fehlen bisher jedoch theoretisch fundierte Erkenntnisse, welche möglicherweise zugleich den personellen und finanziellen Mehraufwand legitimieren, den sowohl die Erstellung als auch die Überprüfung von Texten in Leichter Sprache erfordern. Um zeitnah die Unsicherheiten gegenüber den Konzepten zur verständlichen Kommunikation zu beseitigen, wird im Forschungsprojekt LeiSa an der Universität Leipzig daran gearbeitet, auf Basis sprachwissenschaftlicher Untersuchungen mit der Zielgruppe von Menschen mit Lernschwierigkeiten Weiterbildungskonzepte zu erarbeiten. Diese haben zum Ziel, Leichte Sprache am Arbeitsplatz so einzusetzen, dass sprachliche Barrieren abgebaut werden können, um berufliche Teilhabe als einen zentralen Aspekt von gesamtgesellschaftlicher Teilhabe generell zu erleichtern.

    Dieser Artikel ist erstmals erschienen in Teilhabe 3/2016, Jg. 55, S. 106 – 113; www.zeitschriftteilhabe.de

    Abbildung 3. Daniel Bergelt

    Portraitfoto von Daniel Bergelt

    ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Leichte Sprache im Arbeitsleben“ (LeiSA)

    Kontakt und nähere Informationen

    Forschungsprojekt „Leichte Sprache im Arbeitsleben“ (LeiSA), Institut für Förderpädagogik der Universität Leipzig,

    Marschnerstr. 29 A, 04109 Leipzig

    Mail: daniel.bergelt@uni-leipzig.de

    Internet: http://research.uni-leipzig.de/leisa/de

    Abbildung 4. Dr. Anne Goldbach

    Portraitfoto von Dr. Anne Goldbach

    ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Leichte Sprache im Arbeitsleben“ (LeiSA)

    Kontakt und nähere Informationen

    Forschungsprojekt „Leichte Sprache im Arbeitsleben“ (LeiSA), Institut für Förderpädagogik der Universität Leipzig,

    Marschnerstr. 29 A, 04109 Leipzig

    Mail: goldbach@uni-leipzig.de

    Internet: http://research.uni-leipzig.de/leisa/de

    Abbildung 5. Anja Seidel

    Portraitfoto von Anja Seidel

    ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Leichte Sprache im Arbeitsleben“ (LeiSA) sowie am Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig

    Kontakt und nähere Informationen

    Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig,

    Philipp-Rosenthal- Str. 55, 04103 Leipzig.

    Mail: anja.seidel@uni-leipzig.de

    LITERATUR

    BERGELT, Daniel et al. (2014): LeiSA – eine Evaluationsstudie zur Wirksamkeit der Leichten Sprache im Arbeitsleben. In: Teilhabe 53 (4), 184–186.

    BIH Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (2015): ZB Info Aufgaben der Integrationsämter 2014/2015.

    Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) (2011): Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung. Bonn.

    BOCK, M. Bettina (2014): „Leichte Sprache“: Abgrenzung, Beschreibung und Problemstellungen aus Sicht der Linguistik. In: Jekat, Susanne J. et al. (Hg.): Sprache barrierefrei gestalten: Perspektiven aus der angewandten Linguistik. Berlin: Frank & Timme, 17–52.

    BOCK, M. Bettina (2015): Leichte Texte schreiben. Zur Wirksamkeit von Regellisten Leichter Sprache in verschiedenen Kommunikationsbereichen und im World Wide Web. In: transkom 8 (1), 79–102. www.trans-kom.eu/bd08nr01/transkom_08_01_04_Bock_Leichte_Texte.20150717.pdf (abgerufen am 26.11.2015).

    FISCHER, Erhard; HEGER, Manuela; LAUBENSTEIN, Désirée (Hg.) (2011): Perspektiven beruflicher Teilhabe. Konzepte zur Integration und Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung. Oberhausen: ATHENA.

    KELLERMANN, Gudrun (2014): Leichte und Einfache Sprache – Versuch einer Definition. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 64 (9–11), 7–10.

    KUBEK, Vanessa (2012): Humanität beruflicher Teilhabe im Zeichen der Inklusion. Kriterien für die Qualität der Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen. Wiesbaden: Imprint: VS

    Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e. V. (o. J.): Leichte Sprache. www.menschzuerst.de/pages/startseite/leichte-sprache.php (abgerufen am 01.07.2016).

    SEITZ, Simone (2014): Leichte Sprache? Keine einfache Sache. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 64 (9–11), 3–6.

    WANSING, Gudrun (2005): Teilhabe an der Gesellschaft. Menschen mit Behinderung zwischen Inklusion und Exklusion, Wiesbaden: VS.

    Quelle

    Daniel Bergelt, Anne Goldbach, Anja Seidel: Leichte Sprache im Arbeitsleben; Erschienen in: impulse, Magazin der Bundesgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung, Nr. 79/2016, S. 16-21, Schwerpunkt: Bundesteilhabegesetz Dieser Artikel ist erstmals erschienen in Teilhabe 3/2016, Jg. 55, S. 106 – 113; www.zeitschriftteilhabe.de

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 07.05.2019

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