Jeder Mensch kann "draußen arbeiten"

Aktivitäten und Zwischenergebnisse des Projekts "Zeit für Arbeit!" der BAG UB

AutorIn: Berit Blesinger
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse, Magazin der Bundesgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung, Nr. 77/2016, S. 16-21, Schwerpunkt: Bundesteilhabegesetz impulse (77/2016)
Copyright: © Berit Blesinger 2016

Abbildungsverzeichnis

    Abstract:

    Das Aktion Mensch-Projekt „Zeit für Arbeit!“ der BAG UB fördert und begleitet den Auf- und Ausbau betrieblicher arbeitsweltbezogener Teilhabeangebote für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf. Das dreijährige Projekt läuft seit Januar 2015, hat also bereits Halbzeit - mit guten Erfolgen und erfolgreicher Kooperation der fünf beteiligten Projektpartner. An dieser Stelle möchten wir den Leser_innen der impulse die bisherige Arbeit des Projekts vorstellen und einige Zwischenergebnisse präsentieren.

    Ausgangspunkt: Exklusion von Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf

    Wenn wir uns die Lebenswirklichkeit von Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf in Deutschland ansehen, scheinen wir von einer „inklusiven Gesellschaft“ weit entfernt zu sein. Viele Menschen mit schwerster Behinderung leben in Pflegeheimen oder im privaten Wohnumfeld und halten sich dort 24 Stunden am Tag auf. Andere werden tagsüber zu Tagesstätten und abends wieder zurück in ihre Wohn- und Pflegeeinrichtungen gefahren. Auch sie machen in der Regel nur selten Erfahrungen im öffentlichen Raum – sie benutzen z.B. in aller Regel keine öffentlichen Verkehrsmittel, sie nehmen ihre Mahlzeiten in ihrer Einrichtung ein, sie besuchen nur selten öffentliche Bücherhallen oder kulturelle Angebote. Außerdem ist es bundesweit immer noch keine Selbstverständlichkeit, dass Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf Angebote zur Teilhabe am Arbeitsleben erhalten. Der Grund dafür ist die Rechtslage in Deutschland: Wenn behinderungsbedingt keine „wirtschaftlich verwertbare Arbeitsleistung“ erbracht werden kann, haben Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft keinen rechtlichem Anspruch auf Teilhabe am Arbeitsleben. Die Grundlage dazu findet sich im Sozialgesetzbuch Neun (§ 136 Abs. 2 SGB IX).

    Diese Regelung schließt für den genannten Personenkreis eine Beschäftigung in der Werkstatt für behinderte Menschen aus. Da kein rechtlicher Anspruch auf die Teilhabe am Arbeitsleben besteht, besteht aber auch bei den Tagesstätten keine gesicherte überregionale Angebotsstruktur zur arbeitsweltbezogenen Teilhabe. Es gibt zwar inzwischen durchaus eine zunehmende Anzahl solcher Angebote für die Zielgruppe, aber der Zugang dazu ist vom Selbstverständnis der einzelnen Leistungsanbieter und den daraus resultierenden regionalen Teilhabeangeboten der Tagesförderung abhängig. Vorhandene Arbeitsangebote finden wiederum in der Regel innerhalb der Einrichtungen statt, so dass kein Kontakt zum regulären Arbeitsleben und den dort arbeitenden Menschen besteht. In jedem Fall fehlt es an überregionalen rechtlichen Regelungen und fachlichen Qualitätskriterien von Teilhabeangeboten, die Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf Arbeitserfahrungen in Betrieben bzw. im Sozialraum ermöglichen.

    Abbildung 1. „Käfig-Aktion“ der Kampagne #NichtmeinGesetz vor dem Berliner Hauptbahnhof am 28.6.2016

    Auf dem Bild sind mehrere Rollstuhlfahrer_innen zu sehen, welche sich in
                  einem Käfig aus Zäunen befinden.

    Foto: Andi Weiland, gesellschaftsbilder.de

    Die Lebenssituation sehr vieler Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf steht also in z.T. scharfem Widerspruch zu den rechtlichen Grundlagen, die inzwischen vor allem durch die UN-Behindertenrechtskonvention bestehen. Das Projekt „Zeit für Arbeit!“ möchte eine andere Entwicklung unterstützen. Denn eine der Kernaussagen des Konzepts „Unterstützte Beschäftigung“ lautet: Unterstützte Beschäftigung ist für alle Menschen mit Behinderung möglich, weil nicht die Behinderung, sondern die individuellen Ziele, Wünsche, Fähigkeiten und die damit verbundene individuelle Unterstützung im Vordergrund stehen. An diese Aussage knüpfen wir an: Indem betriebliche Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf entstehen, zeigen wir, dass diese Aussage nicht nur Theorie ist, sondern wichtige Impulse für die Praxis geben kann.

    Recht auf Teilhabe am Arbeitsleben in Betrieben und im Sozialraum - für alle!

    Unser Projekt wäre nicht möglich ohne unsere fünf Projektpartner, die die neuen Teilhabeangebote in der Praxis entwickeln und im gemeinsamen Fachaustausch erproben und ausbauen:

    • Leben mit Behinderung Hamburg

    • Arbeiter-Samariter-Bund Bremen

    • Spastikerhilfe Berlin eG

    • Lebenshilfe Gießen und

    • Lebenshilfe Worms

    Alle Projektpartner sind etablierte Leistungsanbieter von Tagesstätten, die durch einen gemeinsamen Ausgangspunkt zum Projekt gefunden haben: Sie teilen die Überzeugung, dass jeder Mensch unabhängig von Art und Schwere der Behinderung in irgendeiner Weise „arbeiten“ kann – und das Recht und die Möglichkeit dazu haben sollte. Dementsprechend haben alle Projektpartner schon vor vielen Jahren Arbeitsmöglichkeiten für ihre Teilnehmenden der Tagesstätten entwickelt. Bereits vor dem Projekt hatten außerdem bereits alle Projektpartner damit begonnen, arbeitsweltbezogene Teilhabeorte außerhalb der Einrichtungen für ihre Zielgruppe zu erschließen.

    Im Rahmen unseres Projekts geht es nun darum, diese arbeitsweltbezogenen Teilhabeangebote in Betrieben und im Sozialraum gemeinsam weiterzuentwickeln sowie erste Qualitätskriterien für solche Teilhabeangebote zu erarbeiten. Die Projektleitung der BAG UB unterstützt die Projektpartner durch gemeinsame Konzeptarbeit, durch fachlichen Austausch, regelmäßige Treffen und Gespräche vor Ort sowie durch Öffentlichkeitsarbeit.

    So entstehen in fünf verschiedenen Regionen unterschiedliche Modelle arbeitsweltbezogener Teilhabeangebote für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf in Betrieben und im Sozialraum. Wir wollen die Wahlmöglichkeiten und Selbstbestimmung von Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf in diesem Bereich stärken und die fachliche Diskussion unterstützen. Die BAG UB hat damit ihren Wirkungskreis um eine wichtige Zielgruppe erweitert, die von betrieblichen Teilhabeangeboten nicht ausgeschlossen werden darf.

    Bei alldem geht es in der Regel nicht darum, dem Personenkreis den Einstieg in reguläre Erwerbsarbeit zu ermöglichen mit dem Ziel, den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Vielmehr geht es darum, auch für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf die breite Vielfalt des Arbeitslebens zu erschließen, Arbeitsorte und Tätigkeiten zu finden, die ihren Fähigkeiten und Interessen entsprechen, ihre Kontakte zu erweitern und individuelle Lernerfahrungen zu ermöglichen.

    Die Entwicklung entsprechender Angebote ist nur möglich, wenn der Arbeit ein personenzentrierter Ansatz zugrunde liegt. Das heißt: Bei der Planung und Realisierung von Arbeitsmöglichkeiten stehen die Personen im Zentrum des Prozesses – von Anfang an. In diesem Zusammenhang haben sich die Konzepte und Methoden der Persönlichen Zukunftsplanung sowie der Sozialraumorientierung als zentral erwiesen. Wichtig ist in jedem Fall, dass die Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf genügend Raum und Zeit erhalten, um ihre Wünsche und Ziele deutlich zu machen, um ihre Fähigkeiten zu erproben und zu entwickeln, verschiedene Tätigkeitsbereiche und Materialien kennenzulernen. Und wichtig ist außerdem, dass ein Unterstützungsnetzwerk für die Personen entsteht. Dabei sollten die Ressourcen im sozialen Raum genutzt bzw. aktiviert werden, in dem die Person sich bewegt.

    Verwendung von Begriffen und Schreibweisen

    MENSCHEN MIT KOMPLEXEM UNTERSTÜTZUNGSBEDARF

    Bei der Zielgruppe des Projekts handelt es sich um Personen mit Behinderung, die einen so hohen bzw. komplexen Unterstützungsbedarf haben, dass ihnen i.d.R. kein Platz in der Werkstatt für behinderte Menschen zuerkannt wird. Für die Beschreibung dieser Personengruppe gibt es bereits verschiedene Begriffe, z.B. „Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf“; „Menschen mit schwerer und Mehrfachbehinderung“ oder mit „komplexer Behinderung“. „Hoher Unterstützungsbedarf“ ist für viele Außenstehende nicht aussagekräftig genug, da hierzu auch Personen mit Behinderung zählen können, die ungeachtet ihres hohen Unterstützungs- bzw. Pflegebedarf etwa eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren können. Die anderen beiden Begriffe wiederum stellen die Behinderung in den Fokus. Wir haben stattdessen entschieden, den Begriff „Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf“ zu verwenden.

    ARBEITSWELTBEZOGENE BILDUNG UND TEILHABEANGEBOTE

    Berufliche Bildung und Arbeit für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf? Es gibt nach wie vor viele Menschen, die auf diese Forderung mit Skepsis reagieren. Das hängt u.a. damit zusammen, dass wir im Allgemeinen „Arbeit“ sagen, aber „Erwerbsarbeit“ meinen, und dass „berufliche Bildung“ in der Regel mit regulären Ausbildungsberufen bzw. entsprechenden Tätigkeitsbereichen verbunden wird.

    Tatsächlich ist für die meisten Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf Erwerbsarbeit im engeren Sinne nicht das eigentliche Teilhabeziel. Es geht für diese Zielgruppe überwiegend nicht um eine berufliche Ausbildung oder (Anlern-)Tätigkeit mit dem Ziel, den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Das Ziel von Personen mit komplexem Unterstützungsbedarf ist es in den meisten Fällen vielmehr, ohne Leistungsdruck am Arbeitsleben teilzuhaben, nach individueller Möglichkeit zu lernen und mitzumachen, das „normale“ Arbeitsleben außerhalb von Sondereinrichtungen kennenzulernen mit allem, was dazugehört. Der Anspruch auf die „wirtschaftliche Verwertbarkeit“ der Tätigkeiten ist dabei für diese Zielgruppe in der Regel nicht angemessen (auch wenn sie andererseits keinesfalls ausgeschlossen ist).

    Deshalb sprechen wir in der Regel nicht von „beruflicher“ Bildung oder „Arbeitsangeboten“, sondern von arbeitsweltorientierten Teilhabeangeboten und von Angeboten zur Teilhabe am Arbeitsleben.

    TAGESSTÄTTEN

    Wir gehen davon aus, dass personenzentrierte Unterstützung von Menschen mit Behinderung nicht hauptsächlich Förderung, sondern vielmehr Begleitung und Assistenz bedeutet. Daher verwenden wir in der Regel nicht den Begriff der Tagesförderstätte, sondern den der Tagesstätten. Ausnahmen machen wir allerdings dort, wo in der jeweiligen Region Tagesförderstätten und Tagesstätten nebeneinander existieren oder die Auswirkung des Angebots der Einrichtung noch sehr stark mit dem Begriff der Tagesförderstätte verknüpft ist.

    Bausteine arbeitsweltbezogener Teilhabeangebote

    Angebote zur Teilhabe am Arbeitsleben setzen sich immer aus verschiedenen, aufeinander aufbauenden Angebotsbausteinen zusammen. Diese Teilhabeangebote begleiten den Prozess der Menschen mit Behinderung ggf. von der Schulzeit bis in einen regelhaften Arbeits- bzw. Alltagsablauf mit festen Arbeits-/Auftraggebern und einem unterstützenden sozialen Umfeld. Auch Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf brauchen solche differenzierten, verzahnten Bildungs- und Teilhabeangebote, wenn sie eine Chance auf Teilhabe am Arbeitsleben haben sollen. Sie sollten - bereits während der Schulzeit oder direkt im Anschluss daran - individuelle Unterstützung erhalten, mit der sie ihre Möglichkeiten und Wünsche arbeitsweltbezogener Teilhabe kennenlernen können. Anschließend sollten sie die Möglichkeit haben, individuelle Bildungsangebote zu nutzen, verschiedene Betriebe und Arbeitsbereiche kennenzulernen und schließlich ein betriebliches Umfeld zu finden, in dem sie langfristig einen Beitrag leisten können und möchten.

    „Es geht darum, auch für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf die breite Vielfalt des Arbeitslebens zu erschließen.“

    In unserem Projekt erproben daher die Projektpartner je nach regionalen und organisatorischen Voraussetzungen jeweils mehrere der folgenden Bausteine:

    1. Persönliche Zukunftsplanung als wegweisendes Konzept einer personenzentrierten Hilfe- und Lebensplanung

    2. Arbeitsweltbezogene Bildung in Betrieben und im Sozialraum, z.B. Kennenlernen verschiedener Arbeitsbereiche und Materialien, „Schnuppern“ in Betrieben, Weiterentwicklung arbeitsweltbezogener persönlicher Kompetenzen

    3. Dauerhafte arbeitsweltbezogene Teilhabe außerhalb der Einrichtung, z.B. stundenweise, im Rahmen einer Außenarbeitsgruppe oder als individuelles Angebot einer Wochenstruktur in Betrieben und im Sozialraum

    Praxiserfahrungen und erste Projektergebnisse

    In unserem Projekt tauschen sich die Projektpartner regelmäßig über ihre Praxiserfahrungen und die Herausforderungen bei der Entwicklung der neuen Teilhabeangebote aus. Die Ergebnisse der Praxis vor Ort sowie des fachlichen Austauschs werden durch das Projekt ausgewertet und abschließend zu einem bundesweit anwendbaren Fachkonzept zusammengefasst. Dieses Konzept wird ab 2018 allen Leistungsanbietern, die betriebliche Teilhabeangebote für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf entwickeln möchten, als kostenlose Arbeitshilfe zur Verfügung stehen.

    Der Vorteil an unserer Arbeitsweise im Projekt ist, dass die Projektpartner parallel verschiedene regionale Modelle entwickeln können. Abhängig von den regionalen und organisatorischen Voraussetzungen entstehen zeitgleich unterschiedliche Teilhabeangebote, die regional verbreitet werden können und dadurch einen großen Wirkungsgrad für den Personenkreis erhalten. Zugleich profitieren die entstehenden Modelle durch den Fachaustausch und die Vernetzung der Projektpartner voneinander. Durch die übergreifende Konzeptarbeit der Projektleitung werden die unterschiedlichen Praxiserfahrungen dann ausgewertet und finden Eingang in das oben genannte Fachkonzept, mit dem wir das Projekt abschließen werden. Dieses Konzept wollen wir außerdem durch Handlungsempfehlungen für diesen Bereich ergänzen.

    So können wir den verschiedenen regionalen und organisatorischen Bedingungen der Leistungsanbieter gerecht werden. Zugleich werden erste (übergreifende) Qualitätskriterien für den Aufbau arbeitsweltbezogener Teilhabeangebote für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf in Betrieben und im Sozialraum erarbeitet. Dazu gehören auch hilfreiche Methoden und Konzepte, die erprobt werden sollen. Darüber hinaus können wir auch offene Fragestellungen und Herausforderungen benennen, die sich bei der Entwicklung solcher Teilhabeangebote herauskristallisieren und die nach Projektende an verschiedenen Stellen weiter diskutiert bzw. bearbeitet werden sollten.

    a) Angebotsentwicklung vor Ort

    An allen fünf Standorten sind in den vergangenen anderthalb Jahren neue, betriebliche Angebote zur Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen in Tagesstätten entstanden.

    • Leben mit Behinderung Hamburg: Mit dem Projekt „Auf Achse“ entstanden schon vor mehreren Jahren eine Vielzahl an externen Arbeitsmöglichkeiten für die Beschäftigten der insgesamt 10 Tagesstätten des Trägers. Das Angebot in Hamburg wird durch ein dichtes, zuverlässiges Netzwerk von derzeit 45 betrieblichen Auftraggebern getragen (Stand: August 2016). Durch die vernetzten internen Konzepte des Anbieters zur arbeitsweltbezogenen Bildung (Feinwerk) und zur Persönlichen Zukunftsplanung (Wunschwege) wird die Weiterentwicklung betrieblicher und sozialräumlich ausgerichteter Angebote unterstützt.

      Das nächste Ziel von Leben mit Behinderung Hamburg ist es nun, mit „In Betrieb“ erste vollständig ambulante arbeitsweltbezogene Teilhabeangebote für Menschen zu schaffen, für die die einrichtungsbezogenen Angebote der Tagesstätte aus verschiedenen Gründen nicht in Frage kommen.

    Abbildung 2. „Käfig-Aktion“ der Kampagne #NichtmeinGesetz vor dem Berliner Hauptbahnhof am 28.6.2016

    Foto von mehreren Personen in einem Käfig mit schwarzen T-Shirts mit der
                     Aufschrift "#NichtmeinGesetz"

    Foto: Andi Weiland, gesellschaftsbilder.de

    • Auch der ASB Bremen setzt auf ein zuverlässiges, großes Netzwerk externer Auftraggeber im Sozialraum der Tagesstätte. Die guten Rückmeldungen der verschiedenen Beteiligten und die hohe Nachfrage der Tagesstätte in Bremen geben ihnen Recht. Zurzeit nutzen etwa 25 Teilnehmende der Tagesstätte regelmäßig diese betrieblichen Angebote, die im Laufe der Woche stundenweise stattfinden, d.h. die arbeitsweltbezogenen Angebote innerhalb der Einrichtung bleiben als Rahmen bestehen.

    • Spastikerhilfe Berlin: Nachdem eine langjährige Außenarbeitsgruppe des Anbieters aufgrund der Beendigung einer Kooperation mit einem betrieblichen Auftraggeber ihren Arbeitsort verlor, wurde eine neue Außenarbeitsgruppe in Berlin gründlich vorbereitet. Die Gruppe arbeitet in einem umgebauten Ladengeschäft in einem sozial lebendigen, durchmischten Stadtteil Berlins, die Arbeiten finden z.T. in den eigenen Räumen, aber auch in der Nachbarschaft statt und führen zu einer Vielzahl neuer Begegnungen und Kontakte im Sozialraum. Darüber hinaus entstehen zunehmend auch externe Teilhabeangebote im Sozialraum der Tagesstätte.

    • Bei der Lebenshilfe Worms war ein erstes, gut vorbereitetes und sorgfältig ausgebautes externes Angebot der „Startschuss“ für viele weitere Kontakte im Sozialraum und entsprechende betriebliche Teilhabemöglichkeiten. Das Smoothie-Projekt innerhalb der Tagesstätte wurde zum „Saftladen“ weiterentwickelt, der mit den Teilnehmenden aus der Einrichtung heraus Smoothies bei öffentlichen Veranstaltungen und Marktplätzen anbietet. Durch die gute Außenwirkung und gezielte Öffentlichkeitsarbeit entstehen seitdem viele weitere Kontakte zu Auftraggebern in der Region, die betriebliche Teilhabemöglichkeiten anbieten möchten.

    • Auch die Lebenshilfe Gießen hat für die Teilnehmenden der Tagesstätte erste externe Angebote im Sozialraum entwickelt. Die Einrichtung profitiert bei der Entwicklung ihrer betrieblichen Angebote u.a. von der Vernetzung mit den vielfältigen anderen Angeboten der Lebenshilfe Gießen. Es besteht ein differenziertes Konzept der arbeitsweltbezogenen Bildung für die Teilnehmenden der Tagesstätte in Kooperation mit der WfbM, das eine fundierte Grundlage für die Weiterentwicklung von Bildungsbausteinen an betrieblichen Teilhabeorten darstellt.

    b) Fachliche Herausforderungen

    Wenn Einrichtungen mit ihren Teilnehmer_innen personenzentriert arbeiten und mit ihnen in die Betriebe und in den Sozialraum gehen, entstehen neue fachliche Anforderungen an das Team und an die Leitung. Zu diesen Anforderungen, denen unsere Projektpartner sich stellen, gehören z.B.

    • der Einsatz von Persönlicher Zukunftsplanung

    • die Erschließung geeigneter arbeitsweltorientierter Teilhabeorte in Betrieben/im Sozialraum

    • die Entwicklung von arbeitsweltbezogenen Bildungsangeboten in Betrieben

    • die Entwicklung und Anwendung geeigneter technischer Hilfsmittel und Methoden Unterstützter Kommunikation bei der Vorbereitung und Realisierung betrieblicher Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten

    • Ein erweitertes Aufgabenprofil der pädagogischen Mitarbeiter_innen in der Assistenz und im Kontakt zu den Kooperationspartnern

    Im Rahmen des Projekts werden die Projektpartner zu allen Themen fachlich unterstützt. Das geschieht einerseits durch gezielte Fortbildungen (z.B. „Arbeitsplatzakquise leicht gemacht“, Fortbildung durch Leben mit Behinderung Hamburg und die Hamburger Arbeitsassistenz), andererseits durch den schon erwähnten regelmäßigen Fachaustausch, gegenseitige Hospitationen und interne Arbeitsgruppen.

    c) Organisatorische Herausforderungen

    Eine Einrichtung, die betriebliche Teilhabeangebote für Klient_innen der Tagesstätten entwickelt, muss sich auch selbst als Organisation weiterentwickeln. Das geschieht einerseits unweigerlich, wenn beispielsweise Prozesse der Teamentwicklung angestoßen werden oder der Personaleinsatz neu geplant werden muss. Fragen der Organisationsentwicklung werden aber auch bewusst gestellt und es wird Raum dafür geschaffen, um sich damit zu beschäftigen.

    Gute Erfahrungen haben wir im Projekt mit der „Zukunftsplanung für die Einrichtung“ gemacht. Zwei der Projektpartner haben diesen Prozess mit externen Moderatorinnen der Persönlichen Zukunftsplanung durchlaufen, um mit ihrem Team, den Teilnehmenden der Tagesstätte und einem eigenen Unterstützerkreis für die Organisation einen Raum für Wünsche, Ziele, Ressourcen und Träume zu geben. Diese Fortbildung wurde jedes Mal als sehr hilfreich für die Einrichtung, die Teamentwicklung und die Gestaltung der weiteren Prozesse Richtung betrieblich Teilhabe und Sozialraumorientierung erlebt.

    Inklusion als gemeinsamer Weg

    Inklusion ist ein langfristiges Ziel. Von einem inklusiven Arbeitsmarkt, wie ihn die UN-Behindertenrechtskonvention fordert, sind wir weit entfernt, denn es haben bei Weitem nicht alle Menschen dieselben Chancen beim Zugang auf den ersten Arbeitsmarkt und die Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten, der ihren Möglichkeiten entspricht. Vielleicht würde diese Wertschätzung aller Menschen unabhängig von dem, was und wieviel sie leisten können, auch den Abschied vom klassischen Leistungsdenken bedeuten.

    Wenn wir aber am Ziel „Inklusion“ festhalten, dann gilt es, diesen Weg gemeinsam zu gehen und ihn als kollektiven Lernprozess zu verstehen, der alle Beteiligten betrifft. Die Fragen, denen wir uns stellen müssen, sind vielfältig: Was brauchen die einzelnen Fachkräfte, die Teams und die Leitungen, um Leistungsangebote auch für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf außerhalb der Einrichtungen zu entwickeln und zu etablieren? Wie soll bzw. wird sich das Verhältnis von Angeboten im Sozialraum und in den Einrichtungen langfristig entwickeln? Wie können Angebotsmodelle finanziert werden, wenn dabei für einzelne Personen umfangreichere Unterstützung erforderlich ist und dadurch ggf. die Kosten steigen? Und wie bemisst sich die Qualität solcher neuen Teilhabeangebote – unter fachlichen Gesichtspunkten und unter dem Aspekt der Zufriedenheit der Nutzer_innen?

    Solche und viele andere Fragen gilt es zu bearbeiten – einerseits durch die einzelnen Leistungsanbieter, andererseits im gezielten fachlichen Austausch mit anderen Anbietern und weiteren Beteiligten. Die Weiterentwicklung der Angebote für Menschen mit Behinderung in Richtung eines inklusiven Arbeitsmarktes fällt leichter, wenn es Ansprechpartner gibt, mit denen wir den Weg gemeinsam ausbauen können. So war es bei der Entwicklung neuer Angebote zur Unterstützten Beschäftigung; und so ist es heute bei der Entwicklung betrieblicher Angebote für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf. Unser Projekt zeigt, dass die fachliche Kooperation der Beteiligten die Weiterentwicklung neuer personenzentrierter Angebote unterstützen kann.

    Abbildung 3. Berit Blesinger

    Portraitfoto von Berit Blesinger.

    ist bei der BAG UB zuständig für das Projekt „Zeit für Arbeit“

    Kontakt und nähere Informationen

    BAG UB

    Schulterblatt 36, 20357 Hamburg

    Tel.: 040 - 432 53 123

    Mail: berit.blesinger@bag-ub.de

    Quelle

    Berit Blesinger: Jeder Mensch kann "draußen arbeiten". Aktivitäten und Zwischenergebnisse des Projekts "Zeit für Arbeit!" der BAG UB. Erschienen in: impulse, Magazin der Bundesgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung, Nr. 77/2016, S. 16-21, Schwerpunkt: Bundesteilhabegesetz

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 27.02.2019

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