Brücken auf dem Weg zur Inklusion

In den Job trotz Autismus-Spektrum-Störung – wie kann das gelingen?

AutorIn: Angela Holtze
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse, Magazin der Bundesgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung, Nr. 75/2015, S. 10-11, Schwerpunkt: Jahrestagung der BAG UB 2015 impulse (75/2015)
Copyright: Angela Holtze 2015

Abbildungsverzeichnis

    Brücken auf dem Weg zur Inklusion

    Wie schaff en wir es, diese wertvollen Qualitäten für den ersten Arbeitsmarkt zu verdeutlichen? Und andersherum: welche Bedingungen benötigt ein Mensch mit Autismus bezüglich seiner persönlichen Stabilität und Zukunftsplanung, bedarfsorientiert und individuell? Welche Methoden, Arbeitsweisen und Erfahrungen lassen sich nutzen, um dem Ziel der Inklusion näherzukommen?

    Ein Beispiel für erfolgreiche Inklusionsarbeit: 2004 begann der bundesweit aufgestellte Arbeitsmarkt-Dienstleister SALO+PARTNER in der Niederlassung Neumünster die Rehabilitationsmaßnahme AuReA@SALO, zunächst mit dem Status eines Pilotprojekts. Mit Frau Angela Holtze, zu diesem Zeitpunkt noch Leiterin des Vereins „Hilfe für das autistische Kind e.V.“ in Schleswig-Holstein, konnte eine Expertin für die Leitung von AuReA@SALO gewonnen werden. Ihr gelang es rasch, autismusspezifische Pädagogik mit den hohen Ansprüchen der beruflichen Rehabilitation zu vernetzen. Das ehrgeizige Ziel von Frau Holtze und ihrem engagierten Reha-Team stand von Beginn an fest: AuReA@SALO sollte individuelle Wege zur beruflichen Erst- oder Wiedereingliederung auf dem ersten Arbeitsmarkt am Heimatort für Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung ermöglichen. Dafür wurde – und wird bis heute - die pädagogische Marschroute passgenau auf den Förderbedarf des jeweiligen Kunden abgestimmt. Dies ermöglicht erfolgreiche Inklusionsprozesse im Einklang mit den variierenden Stärken und Spezialinteressen unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Insbesondere autismusspezifisch ausgerichtete Förderprogramme wie zum Beispiel TEACCH („Treatment and Education of Autistic and related Communication-handicapped Children“), autismusspezifisches Sozialtraining und intensive Kommunikations- und Wahrnehmungsförderung gehören als feste Größen in den berufsbezogenen Schulalltag. Im Vordergrund stehen dabei der Ausbau vorhandener Fähigkeiten, der Erwerb von berufsrelevanten Kenntnissen und die Entwicklung von Fertigkeiten, die zur Teilhabe am Arbeitsleben unabdingbar sind.

    Die Erfahrungen der vergangenen Jahre innerhalb der beruflichen Rehabilitationsprozesse, haben weiteren Handlungsbedarf aufgezeigt. Ein Teil der autistischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigt in der schwierigen Übergangsphase von der Schule in die Berufs- bzw. Erwachsenenwelt einen erweiterten Förderbedarf bezogen auf die Persönlichkeitsreife. Die Jugendlichen benötigen einen verlängerten Zeitrahmen zur Weiterentwicklung und Neuorientierung. Mit dem Ziel, auch diesen Prozess erfolgreich zu bewältigen, hat das Experten-Team von SALO+PARTNER einen weiteren Weg für eine kleine Gruppe von Jugendlichen geebnet.

    Außerdem haben wir unser bestehendes Eingliederungsangebot für Erwachsene – die spezifische Gruppenmaßnahme „Wege in Arbeit“ – um eine bedarfsorientierte Einzelmaßnahme durch eine Begleitung am Heimatort über die Fachleistungsstunden ergänzt, um sämtliche individuellen Anforderungen optimal abzudecken.

    Abbildung 1. Holzwerkstatt des AuReA Kompetenzzentrums Köln

    Ein Junge steht in der Holzwerkstatt und arbeitet mit einer
                  Maschine.

    Foto: AuReA@SALO

    Was tun, wenn`s brennt? Sofortmaßnahmen am Arbeitsplatz

    Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen benötigen im Berufsleben individuelle Beratung, Unterstützung und bedarfsorientierte Hilfestellungen. Vielfältige Faktoren zur Erweiterung der Wahrnehmungs- bzw. Informationsverarbeitung ermöglichen eine Kommunikation auf gemeinsamer Ebene. Im Folgenden wird ein Katalog von Sofortmaßnahmen vorgestellt, die einfach umsetzbar sind:

    Gestaltung des Arbeitsplatzes

    • Übersichtliche Strukturierung der Räumlichkeiten (unterschiedliche Arbeitsbereiche, WC, Pausenraum, Arbeitsplatz)

    • Fester Arbeitsplatz bzw. möglichst wiederkehrende Arbeitsbereiche bzw. Tätigkeiten

    • Visuelle Hilfen wie zum Beispiel Pläne, Ordnungssysteme, Markierungen und/ oder Beschriftungen von Materialien und Funktionsbereichen, Räumlichkeiten

    • Bedarfsorientierte Gestaltung einer reizarmen Umgebung (z.B. mit dem Blick zur Wand, Lichtreflexionen und/oder Geräuschquellen reduzieren/vermeiden)

    Visuelle Strukturierungshilfen

    Pläne und Symbole geben Orientierung in Raum und Zeit und unterstützen die Selbstbestimmung, Selbstorganisation und somit die Handlungsfähigkeit.

    • Wochen- und Tages- und Handlungsplan

    • Strukturierung von Arbeitsabläufen und Information über Zielsetzung (Vorhersehbarkeit)

    • Einsatz von Uhren z.B. „Time Timer“ (Uhr, die die ablaufende Zeit visualisiert oder Wecker)

    Kommunikation und Informationsweitergabe

    Personen mit Autismus-Spektrum-Störungen verstehen sprachliche Inhalte meist „wort-wörtlich“.Verbale Anweisungen in Verbindung mit visuellen Elementen und Bewegungsabläufen fördern die Informationsverarbeitung.

    • Persönliche Ansprache

    • Eindeutige Formulierungen

    • Doppeldeutigkeiten, Ironie vermeiden

    • Visualisierungen von Informationen (z.B. Bild, konkretes Material, konkretes Ziel etc.)

    Routinen

    Routinen geben Sicherheit und Orientierung im Arbeitsalltag.

    • Rituale im Arbeitsalltag geben Orientierung und lassen Sicherheit entstehen

    Abbildung 2. Lernbereich von AuReA in Neumünster

    mehrere Personen schreiben an Tischen

    Foto: AuReA@SALO

    Da es sich beim Autismus auf der Erscheinungsebene um eine fast unsichtbare Behinderung handelt, bedarf es zwingend der Aufklärung, Sensibilisierung und Mitarbeit der Umwelt, beziehungsweise von Arbeitgebern und Kollegen des ersten Arbeitsmarktes. Das in der Regel scheinbar gute Sprach- und Sprechvermögen und die anscheinend körperliche Unversehrtheit erschweren dem Außenstehenden das Nachvollziehen und die Akzeptanz der andersartigen Verhaltensweisen und Kommunikationsformen eines Menschen mit Autismus. Ein Arbeitsschwerpunkt ist da- her die personenbezogene Betriebsakquisition sowie die Aufklärung, Beratung und Unterstützung des Arbeitgebers und der Kollegen vor Ort.

    Menschen mit Autismus können die Komplexität einer beruflichen Tätigkeit in ihren realen Dimensionen selten erfassen. Vielmehr führen vorrangige Einzelaspekte und/oder Umwelteinflüsse zu einem ersten Berufswunsch. In dieser Phase gilt es, zur Kompensation der gestörten Vorstellungsfähigkeit die Arbeitsanforderungen der konkreten Berufsfelder zu vermitteln - durch Betriebsbesichtigungen, betriebliche Praktika und gezielte Aufgabenstellungen. In Einzelfällen können gerade Spezialinteressen (z. B. Schäfer, Imker) dieser Personengruppe zum direkten Weg der Berufswahl und im Idealfall zur Ausbildung oder Anstellung auf den ersten Arbeitsmarkt führen.

    Bezogen auf die Kompensation der individuell ausgeprägten Wahrnehmungsverarbeitungs- störungen stehen sowohl das Herausfinden der persönlichen Störfaktoren wie auch die negativ beeinflussenden Umweltbedingungen (z.B. Geräusche, Gerüche) im Fokus. Das Erlernen von Kommunikationsformen und -strategien in der Erwachsenenwelt und ein Verstehen von sozialem Rollenverhalten und Rahmenbedingungen in der Berufswelt in einer Ausbildung oder Anstellung (bei Bewerbungen, in der Berufsschule, gegenüber dem Arbeitgeber und Kollegen) geben dem Rehabilitanden erste Einblicke in die Arbeitswelt.

    Dabei kann es sich um unterschiedliche und für Nicht-Betroffene auf den ersten Blick beinahe „banal“ wirkende Trainingsbereiche handeln. So wie bei Frau Anna T., die erst im Alter von 19 Jahren die Diagnose Asperger-Syndrom erhielt. Mit Hilfe ihrer Familie und der Unterstützung der Schulleitung hatte sie es erfolgreich bis zum Abitur geschafft. Doch nach der relativ klar strukturierten Schulzeit wuchsen Anna T.s Probleme im Umgang mit anderen Menschen. Die Handicaps in der zwischenmenschlichen Kommunikation und Diskrepanzen im sozialen Kontakt mit der Erwachsenenwelt nahmen extrem zu. Das für den Autismus typische Ungleichgewicht zwischen der intellektuellen und der emotionalen Ebene ihrer Persönlichkeitsentwicklung wurde immer deutlicher. Anna T. zog sich mehr und mehr in ihre eigene Welt zurück und nahm scheinbar immer weniger Notiz von ihrer Umwelt. Sie vertiefte sich in ihren Computer und sehr ausgefallene Spezialinteressen, vorzugsweise im mathematischen oder technischen Bereich. Die damit verbundenen Inhalte beherrschten Frau T. meist völlig. Eine Wechselseitigkeit in Gesprächen war kaum noch zu beobachten.

    Schließlich kam die Abiturientin zu SALO nach Neumünster. Im Verlauf der AuReA-Maßnahme wurde deutlich, dass schon der Bewerbungsprozess für Frau T. behinderungsbedingt - wie für die meisten Betroffenen – eine enorme Herausforderung bedeutete. Bestehende Kommunikationshemmnisse, ein bruchstückhaftes Regel- und Rollenverständnis, eine kurzfristige Wechselseitigkeit und ein unfertiges Selbstbild in Verbindung mit gering entwickeltem Empathievermögen, bedeuteten für die Rehabilitandin schier unüberwindbare Barrieren. Doch Anna T. wollte den Weg in den Beruf meistern. Mit dem Ziel eines möglichst selbstgestalteten Bewerbungsgespräches erlernte und trainierte Frau T. kontinuierlich die einzelnen Phasen des Ablaufes.

    Hierbei wurden in Einzelsitzungen oder Kleingruppen u. a. folgende Punkte erarbeitet:

    • Selbstdarstellung: wer bin ich, was kann ich, was will ich?

    • Körperhaltung: wie sitze ich, wo sehe ich hin?

    • Wie verhalte ich mich, wo muss ich hin, wo klopfe ich an, wo soll ich sitzen, was mache ich mit meinem Mantel, was sage ich, wie begrüße ich, etc.?

    • Wer, bzw. wie viele Personen sind bei dem Gespräch anwesend? Welche Rolle habe ich, was gibt es noch für Rollen (Chef, Personalrat, Ausbilder)?

    • Wo und wann findet das Gespräch statt und wie lange dauert es? Gibt es noch eine Begehung der Firma, sehe ich meinen möglichen Arbeitsplatz?

    • Was brauche ich, bzw. welche äußeren Hilfen möchte ich haben, wie soll die konkrete oder punktuelle Begleitung des Bewerbungsgespräches durch eine Vertrauensperson von SALO gestaltet werden?

    • In der Vor- und Nachbereitung: Wegetraining, Telefontraining, schriftliche Notizen und Übungen zum Ablauf. Dies mit dem Ziel, möglichst umfangreiche Vorhersehbarkeiten aufzubauen, zu erkennen, zu entwickeln.

    Bedingt durch ihre Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen, konnte Frau T. den Sinn von nonverbalen Signalen, kleinen Scherzen, Ironie oder gar Sarkasmus nur ungenügend deuten und nur eingeschränkt interpretieren. Wie die sozialen Regeln und Inhalte eines wechselseitigen Gespräches ablaufen, war ihr fast vollkommen unbekannt. Erschwerend kam hinzu, dass sich Frau T., offensichtlich zum Selbstschutz, einen stark nach vorn gebeugten Gang angewöhnt hatte und fast ununterbrochen zu Boden sah. Als Reaktion darauf wurden Gesprächspartner schnell verunsichert und neigten zu voreiligen Rückschlüssen. Daher wurde in Koordination mit ihrem Bildungsbegleiter, dem Psychologischen Dienst und dem Ergotherapeutischen Dienst von AuReA@SALO ein individuelles Förderprogramm zur Selbst- und Fremdwahrnehmung entwickelt. Frau T. wurde sich erstmals ihrer Außenwirkung bewusst und konnte durch das Programm Verhaltens- und Bewegungsmuster verändern. Sehr stolz und selbstständig schaffte sie es letztendlich, ihre Bewerbungsgespräche ohne übermäßige Verunsicherung zu meistern. So bekam Anna T. schließlich die Möglichkeit, drei unterschiedliche Arbeitserprobungen wahrzunehmen. Ein Riesenerfolg für Anna T.!

    Auch in dieser entscheidenden praktischen Phase der Umsetzung wurde Anna T. umfassend begleitet und gecoacht. Ihre Bezugspersonen bei SALO reflektierten und erprobten mit ihr kontinuierlich die Abläufe, die vermeintlichen Hindernisse des beruflichen Alltags und der Arbeitsaufträge. Äußere Strukturierungshilfen, ein fester Ansprechpartner im Betrieb, überschaubare Arbeitsaufträge und ein geregelter Tagesplan gaben ihr Sicherheit und Handlungskompetenz. Frau T. entwickelte während der Maßnahme weitere persönliche Ziele, wurde zunehmend selbstständiger und selbstsicherer. Sie machte ihren Führerschein und genoss den ersten eigenständigen Urlaub. Auch fand Frau T. ihren Platz in der Arbeitswelt. In einem kleinen Chemielabor absolvierte sie ihre Ausbildung und wurde anschließend in eine Anstellung übernommen. In der Nähe ihrer Eltern bezog sie eine Wohnung und ist mittlerweile bereits zwei Mal nach Norwegen gereist.

    Autorin

    Abbildung 3. Angela Holtze

    Foto von Angela Holtze

    Angela Holtze ist Fachliche Leitung AuReA@SALO bei SALO+PARTNER Heilpädagogin und Paarund Familientherapeutin. Über 20-jährige Erfahrung mit dem Personenkreis von Menschen mit Autismus-Spektrum Störungen in verschiedenen Einrichtungen und Altersgruppen.

    Kontakt und nähere Informationen

    Angela Holtze

    Mail: mailto:angelaholtze@salo-ag.de

    SALO+PARTNER hat bundesweit fünf Autismus-Kompetenzzentren:

    In Neumünster

    Tel.: 04321 - 75 45 30

    Mail: mailto:saloneumuenster@salo-ag.de

    In Berlin

    Tel.: 030 - 4990220

    Mail: mailto:saloberlin@salo-ag.de

    In Ludwigshafen

    Tel.: 0621 - 5912330

    Mail: mailto:saloludwigshafen@salo-ag.de

    In Neubrandenburg

    Tel. 0395 - 5356930

    Mail: mailto:saloneubrandenburg@salo-ag.de

    In Köln

    Tel. 0221 - 660 94 13

    Mail: mailto:salokoeln@salo-ag.de

    Quelle

    Angela Holtze: Brücken auf dem Weg zur Inklusion. In den Job trotz Autismus-Spektrum-Störung – wie kann das gelingen? Erschienen in: impulse, Magazin der Bundesgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung, Nr. 75/2015, S. 10-11, Schwerpunkt: Jahrestagung der BAG UB 2015

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 05.09.2018

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