Persönliche Zukunftsplanung

Kraftvolle Veränderungen im Leben der Hauptperson und im Gemeinwesen

Themenbereiche: Arbeitswelt, Inklusion
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse, Magazin der Bundesgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung, Nr. 75/2015, S. 27-32, Schwerpunkt: Jahrestagung der BAG UB 2015 impulse (75/2015)
Copyright: © Raphael Donati und Margot Pohl 2015

Abbildungsverzeichnis

Abstract:

Die Persönliche Zukunftsplanung rückt das Individuum mit seinen Träumen, Wünschen, Gaben, aber auch seinen Begrenzungen, Ängsten und Hindernissen in den Mittelpunkt. Rat- und Hilflosigkeit sind oft der Ausgangspunkt. Mit Hilfe ihres Unterstützungskreises erfährt die planende Person Stärkung und entwickelt neue Perspektiven. In einem kreativen gemeinschaftlichen Prozess entstehen Wege außerhalb von traditionellen, segregierenden Angeboten der Behindertenhilfe, inmitten der Gesellschaft.Anhand eines Zukunftsfestes und der daraus resultierenden Entwicklungen wird ein erfolgreicher Planungsprozess dargestellt und reflektiert. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf gelungener Kommunikation, auch unter erschwerten Bedingungen.

Persönliche Zukunftsplanung

„Ich habe im Juni 2014 mein Zukunftsfest gemacht. Ich war sehr aufgeregt und ich hatte auch ein bisschen Angst, weil ich mir nicht vorstellen konnte, was an diesem Tag alles passieren wird. Aber es war einfach toll. Es waren über 30 Leute dabei und alle zusammen haben wir über meine Zukunft nachgedacht. Wir haben über meine Wünsche und Träume gesprochen. Es sind dann vom Unterstützungskreis ganz tolle Ideen gekommen, wie sie Wirklichkeit werden können. Seit dem Zukunftsfest haben sich in meinem Leben viele Sachen verändert und ich bin mit meinem Unterstützungskreis noch immer regelmäßig in Kontakt. Wir haben eine Gruppe auf Facebook, die „Nordstern Raphael“ heißt und dort tauschen wir uns regelmäßig aus und posten die Neuigkeiten, sodass der Unterstützungskreis immer informiert ist und an meinen Fortschritten teilhaben kann.“

So beschreibt Raphael Donati sein Zukunftsfest auf seiner Webseite[1]. Herr Donati ist ein junger Mann, der voll im Leben steht. Als Südtiroler hat er viel Erfahrung mit dem integrativen Schulsystem, das in ganz Italien seit den 1970er Jahren Normalität ist. Trotz (oder wegen?) Rollstuhl und Kommunikationshilfen nimmt er gleichberechtigt am Schulleben teil und hat sich zu einem „pünktlichen, sehr genauen, zielstrebigen und fast immer gut gelaunten“[2] Jugendlichen (Donati, 2015) entwickelt. Im Juli 2016 wird er die Wirtschaftsfachoberschule in Meran mit dem Abitur beenden. Was dann?

Ein selbständiges Leben für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf ist in Südtirol bislang nicht vorgesehen, persönliches Budget und persönliche Assistenz sind noch Fremdworte. Das Landesgesetz vom 14. Juli 2015, Nr. 7 „Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderungen”[3] soll Inklusion auch im Erwachsenenalter im Sinne der „UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ von 2006 möglich machen, bisher fehlen aber die nötigen Durchführungsbestimmungen

Darauf konnte und wollte Herr Donati nicht warten und hat deshalb seine Zukunftsplanung selbst in die Hand genommen.

Abbildung 1. Das Zukunftsfest

Zeichnung: "Planung im Leben der Hauptperson und Moderation,
                  Unterstüzzungskreis Zukunftsfeste"

Zeichnungen: Margot Pohl



[1] Donati, Raphael (2015): Lebenslauf. online: https://raphaeldonati.wordpress.com/lebenslauf/ (Zugriff am 09.12.2015)

[2] Donati, Raphael (2015): 2 Seiten über mich. online: https://raphaeldonati.files.wordpress.com/2015/05/eine-seite-c3bcber-mich.pdf (Zugriff am 09.12.2015)

[3] Landesgesetz vom 14. Juli 2015, Nr. 7 „Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderungen“ online: http://www.provinz.bz.it/sozialwesen/behinderung-invaliditaet/teilhabe-inklusion-menschen-mit-behinderungengesetz-auch-in-leichter-sprache.asp (Zugriff am 09.12.15)

Vorbereitung des Zukunftsfestes

Seine Mutter hatte in einem Vortrag von der Persönlichen Zukunftsplanung gehört und zu Hause begeistert davon erzählt. Der Funke war sofort übergesprungen. Herr Donati wählte seine Schulassistentin, Frau Marina Kuppelwieser zur Verbündeten. Gemeinsam machten sich die beiden auf den Weg:

„Die Vorbereitung war für mich eine sehr spannende Zeit, wo ich mich viel mit mir selbst beschäftigt habe. Für mich war das schon etwas ungewohnt, und es hat schon etwas Zeit gebraucht bis ich mich darauf eingelassen habe. Ganz am Anfang haben wir Menschen aufgeschrieben, die in meinem Leben wichtig sind. Dabei sind circa 60 Menschen zusammengekommen und [wären] viel zu viel[e Gäste für ein Zukunftsfest gewesen] (…) Ich konnte mich ganz schwer entscheiden, wer für mein Zukunftsfest wichtig ist und wer nicht. Ich wollte auch nicht, dass jemand beleidigt ist, wenn ich ihn nicht einlade. Zum Beispiel wollte ich, dass alle meine Klassenkameraden dabei sein können und so haben wir beschlossen, das Zukunftsfest auf zwei Teile aufzuteilen.

Eine der ersten Aufgaben war, die Einladungen zu gestalten, und bereits da musste ich viele Entscheidungen treffen. Ich habe den Text selbst geschrieben, das Bild und den Spruch ausgesucht.

Ich hab mich in der Vorbereitungszeit auch noch damit beschäftigt, was ich alles gut kann, welche Unterstützung ich brauche, wie andere Menschen mich gut unterstützen können. Wir haben uns in der Klasse auch mit meinen Eigenschaften und Fähigkeiten beschäftigt, es war toll, zu sehen was meine Mitschüler von mir denken. Alle haben Sachen aufgeschrieben und ich hätte nicht gedacht, dass so viel dabei herauskommt. Wir haben dann ein Plakat dazu gemacht und beim Zukunftsfest aufgehängt.

Meine Integrationslehrperson Birgit Stimpfl hat auf ein großes Plakat Europa eingezeichnet und dann haben wir zusammen die Orte eingezeichnet wo ich schon überall war. Für Meran haben wir auf einer eigene Karte eingetragen, wo ich überall unterwegs bin und wo ich alleine hinkomme.“

Als „nichtsprechender“ Mensch hat Herr Donati häufig die Erfahrung gemacht, dass andere für ihn entscheiden und dass seine Stimme wenig zählt. (vgl. Blok & Pohl, 2014)[4] Die lange Vorbereitungszeit von mehreren Monaten gab ihm die Gelegenheit, sich und seine Fähigkeiten besser wahrzunehmen und in die neue Rolle als „Bestimmer“ und Gastgeber hineinzuwachsen. Gleichzeitig konnten sich Wünsche und Träume entwickeln und reifen:

„Ich habe mich auch mit meinen Träumen für die Zukunft auseinander gesetzt und auch wovor ich Angst habe in der Zukunft. Mich hat das sehr beschäftigt, aber es hat auch gut getan, einmal viel Zeit zu haben, darüber nachzudenken und alles aufzuschreiben.“



[4] BLOK, Nicolette & POHL, Margot (2014): Schummeln nicht erlaubt! Persönliche Zukunftsplanung mit Menschen, die nicht mit ihrer Stimme sprechen. In: Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung e.V. Eine Chance für viele: Arbeitsmöglichkeiten für psychisch kranke Menschen (Hrsg): impulse - Das Fachmagazin der BAG UB. Hamburg (Nr. 67, S. 25-28)

Miteinbeziehen der Gleichaltrigen

Besonders wertvoll waren die Beiträge der Gleichaltrigen. Herrn Donatis MitschülerInnen und die Sportkameraden, mit denen er Wheelchairhockey spielt, sind wichtige WeggefährtInnen. Auch für sie stehen in den nächsten Monaten wegweisende Entscheidungen an, auch sie schwanken zwischen Träumen für ein grandioses Morgen und vermeintlich realistischen Vernunftentscheidungen. In einer für Herrn Donati entwickelten Methode, der „Versteigerung der Zukunftswünsche“ konnten sich die Jugendlichen spielerisch damit auseinandersetzen, sich über Prioritäten klar werden und Argumente erproben.

Aus dieser vergnüglichen Aufgabe heraus entwickelten die SchülerInnen einen „Nordstern“ für Herrn Donati:

„Der persönliche Nordstern umschreibt das, was die Hauptperson im Leben leitet, ihre Werte, Zielbestimmung und Ideale. Das Bild vom Nordstern beschreibt einen Punkt der Orientierung, wie ihn Seefahrer und Entdecker nutzten, um auf rauer See oder in unübersichtlichem Gelände weiter in die richtige Richtung zu reisen“ (Doose, 2011[5])

Verbunden mit dieser Erklärung war der Auftrag und die Erlaubnis, so utopisch, so unrealistisch, so verrückt wie möglich zu träumen - ohne den Druck, diese Träume sofort in Ziele und gangbare Schritte umwandeln zu müssen, und dennoch eine Orientierung für den weiteren Weg zu erhalten. Ein wahrlich inklusiver Prozess, der Gemeinsamkeiten in den Vordergrund rückte, im gemeinsamen Nachdenken das Gruppengefühl stärkte und dessen positives Ergebnis für einen einzelnen alle Beteiligten beflügelte.

Das Zukunftsfest

Am 15. Juni 2014 war es dann soweit: Herr Donati lud zu seinem Zukunftsfest mit den Worten:

„Der beste Weg die Zukunft vorauszusagen, ist sie zu gestalten! Das ist das Motto meiner Zukunftsplanung. Dieser super Spruch stammt aber leider nicht von mir, sondern von Willy Brandt.“

Er begrüßte seine Gäste mit einer vorbereiteten Rede, die er in seinen Talker[6] eingespeichert hatte. Die Kommunikationshilfe ermöglichte es ihm, mit seinen UnterstützerInnen zu interagieren und den Prozess aktiv zu gestalten. Anwesend waren Familienmitglieder, MitschülerInnen, FreundInnen, Lehrkräfte, VertreterInnen der Landesregierung, des Schulamtes und der Bezirksgemeinschaft (entspricht in etwa dem Sozialleistungsträger).

Die Moderation übernahmen Alexandra Morandell und Dagmar Schwienbacher, welche die Ausbildung zur „ModeratorIn für Persönliche Zukunftsplanung“ absolvierten und sich ehrenamtlich zur Verfügung gestellt hatten. Herr Donati bezeichnet sie im Rückblick als „wunderbar“.

Sie hatten sich für eine Kombination der Methoden MAPS und PATH entschieden. Der bereits vorbereitete Nordstern wurde wieder aufgegriffen und erweitert.

„Toll war, wie alle mit mir geträumt haben und ich dann gesagt habe, was mir am wichtigsten ist und welche Wünsche ich habe. Das und auch noch sonst viele Sachen habe ich zusammen mit meiner Assistentin Marina schon in der Vorbereitungszeit in mein Tablet eingegeben, damit ich immer mitreden konnte.

Für mich war es sehr beeindruckend, welche konkreten Pläne dann (…)gemacht wurden.

Es war toll, dass alle mit mir nachgedacht haben und Ideen eingebracht haben. Es waren auch viele ganz konkrete Vorschläge dabei, wie meine Wünsche umgesetzt werden könnten.“



[6] Tablet mit Windows-Betriebssystem, der Kommunikations-Software Mind Express und einer synthetischen Stimme

Folgen des Zukunftsfestes

„Nach meinem Zukunftsfest hat sich sehr viel ereignet. Ich wollte besser verstanden werden. Ich kann nicht so gut reden und habe bei Menschen, die mich nicht so gut kennen, oft nur mit ja und nein geantwortet. Durch mein Tablet und [die Software] Mind Express kann ich mich nun viel besser mit anderen verständigen und auch zeigen, was ich alles kann. Stressig waren nur die vielen Schwierigkeiten in der ersten Zeit, weil es oft passiert ist, dass etwas nicht funktioniert hat, aber jetzt ist das viel besser.

Ein großer Wunsch für mich war auch, ein eigenes Zimmer zu haben und es war toll, dass das ganz schnell geklappt hat. Ich habe mehrere Reisen unternommen, zum Beispiel war ich in Paris, in London und in Brüssel. Ich mache wieder mehr Therapie. Dann war ich auf zwei Konzerten und im Winter war ich zum ersten Mal auf einem Ball. Ich habe auch viel mit meinen Freunden unternommen. Es haben sich drei Personen aus meinem Unterstützungs-Kreis gemeldet, die mir einen Shuttledienst anbieten wenn ich ausgehen möchte und so bin ich jetzt viel mobiler.

Beim Zukunftsfest haben wir auch darüber geredet wie der Unterstützungskreis in Kontakt bleiben könnte. Clemens, ein Freund von mir, hat auf Facebook eine Gruppe eingerichtet und so können wir uns austauschen und ich kann auch posten wenn ich etwas brauche oder wenn etwas passiert, was ich meinem Unterstützungskreis sagen möchte. Inzwischen sind viele Fotos auf der Seite zu sehen. Meine Schulkameraden haben mit mir meine eigene Internetseite erstellt.“

Abbildung 2. Vorbereitung eines Zukunftsfests…

Zeichnung von zwei kommunizierenden Personen

Abbildung 3. Vorbereitung eines Zukunftsfests

Zeichnung einer Person mit Ideen und Träumen.

Berufsorientierung

Praktika im Büro

„Ich habe im Oktober 2014 ein Praktikum bei der Bezirksgemeinschaft gemacht Ich hab Briefe bearbeitet, den Terminkalender des Direktors verwaltet und Botengänge gemacht. Zum Beispiel musste ich jeden Tag zur Post gehen und dort Sachen hinbringen. Das hat mir sehr gut gefallen, auch wenn es anstrengend war und ich mich am Anfang auch etwas überfordert gefühlt habe.

Im Juli 2015 konnte ich dann ein Praktikum bei einem Wirtschafts- und Steuerberater machen. Ich musste dort in der Buchhaltungsabteilung Rechnungen eingeben und Botengänge machen. Zum Beispiel musste ich in einem Geschäft Büromaterial kaufen. Wir haben bei den Praktika immer die Sätze, die ich jeden Tag brauchte, ins Tablet eingespeichert, und hab ich dann nach einigen Tagen diese Tätigkeiten ganz alleine erledigen können.

Ich hab mich sehr über die positiven Rückmeldungen, die ich bei allen Praktika bekommen habe, gefreut. Leider hat sich aber daraus noch keine Anstellung für die Zukunft ergeben.“

Praktika als Experte in eigener Sache

„Im Mai 2015 habe ich ein Praktikum bei Independent L [einer Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation] gemacht und dort im Büro eine Datenbank erstellt. und bin auch bei Informationsveranstaltungen für Oberschüler dabei gewesen und konnte denen zeigen wie ich kommuniziere.

Im Oktober 2015 habe ich im Krankenhaus Meran in der Abteilung Rehabilitation und Logopädie ein Praktikum gemacht. Ich habe wieder die Botengänge erledigt und durfte bei Therapien dabei sein und mit den Patienten arbeiten. Dabei konnte ich auch zeigen, wie ich mit meinem Programm umgehe. Ich hab mit den Kindern verschiedene Spiele oder Übungen gemacht. Manchmal konnten sie sich dann zur Belohnung ein Lied aussuchen. Ich habe auch mit zwei erwachsenen Patienten gearbeitet und das war auch volle toll. Die Therapeutinnen haben mit mir vorher besprochen, was ich mit den Patienten machen könnte und das war sehr wichtig. Diese Materialien habe ich dann mit meiner Assistentin Marina vorbereitet. Es war für mich einfach genial, zu sehen, wie die Kinder auf mich reagiert haben und wie gerne sie mitgemacht haben. Ich finde das volle wichtig, wenn die Kinder und auch die Eltern sehen, was man mit so einem Kommunikationsgerät alles machen kann. Ich verwende mein Gerät jetzt seit ungefähr drei Jahren. Diese Kinder sind alle noch klein und sie lernen jetzt schon mit einem Talker umzugehen. Es freut mich sehr, dass ich die kleinen Patienten dabei ein wenig unterstützen konnte. Auch die Therapeutinnen waren begeistert, wie gut ich bei den Patienten angekommen bin und sie haben gemeint, dass ich den Kindern auf einer Ebene begegne, die sie nicht erreichen können. Sie wünschen sich dass die Zusammenarbeit weiterläuft und deshalb wird nun angefragt ob das Praktikum das ganze Schuljahr weiter laufen kann. Ich hoffe, dass das gelingt.“

Abbildung 4. ...und vielfältige Ergebnisse

Zeichnung: "Botschafter für Unterstützte
Kommunikation (UK) und Persönliche Zukunftsplanung (PZP)".

Abbildung 5. ...und vielfältige Ergebnisse

Zeichnung: "Coach für Unterstützte Kommunikation
(UK)"

Botschafter für Unterstützte Kommunikation und Zukunftsplanung

„Ich konnte auch schon mehrmals vor Publikum zeigen, wie ich mit meinem Tablet umgehen kann. Ich habe seit September 2014 drei Vorträge gemacht, wo ich von meiner Zukunftsplanung gesprochen habe und dreimal konnte ich einen Vortrag zu Unterstützter Kommunikation halten. Ich hatte einmal sogar über 60 Teilnehmer bei einem Workshop. Im heurigen Schuljahr habe ich schon 15 Aufträge für Vorträge und Workshops.

Bei meinen Vorträgen und Workshops zeige ich, wie ich mein Leben meistere, welche Schwierigkeiten, Wünsche und Ziele ich habe und wie ich mir meine Zukunft vorstelle. Bei allen diesen Vorträgen habe ich mit Frau Margot Pohl, meiner Assistentin Marina oder meiner Integrationslehrerperson zusammengearbeitet.

Ich finde diese Arbeit sehr wichtig und ich mache das auch sehr gerne, weil so kann ich zeigen, dass ich auch etwas kann - auch wenn ich nicht gut reden kann.“

Wirkungen im Gemeinwesen

„Der Fokus der Gemeinwesenarbeit sind die strukturellen Ursachen individuell erlebter und erlittener Probleme. Gemeinwesenarbeit versucht die Ursachen für Probleme, die oft in KlientInnen hineindiagnostiziert werden, auf gesellschaftliche Verhältnisse zurückzuführen und diese zusammen mit den Betroffenen zu verändern.“ (Früchtel, 2014)[7]

In Herrn Donatis Bericht über das Zukunftsfest kommt das Thema Kommunikation immer wieder vor. Verständigung ist ihm ein Herzensthema und er hat viel darüber nachgedacht:

„Bei mir ist es zum Beispiel wichtig, dass man mir genug Zeit gibt zum Antworten und dass man mich gut beobachtet. Ich werde zum Beispiel sehr nervös und verkrampfe mich, wenn ich merke, dass jemand ungeduldig ist oder wenn es um mich herum laut ist. Manchmal fange ich auch an zu schwitzen. Es ärgert mich, wenn ich merke, dass man mir nicht viel zutraut, nur weil ich nicht gut reden kann, dabei kann ich viele Sachen ganz selbstständig machen und ich verstehe auch alles, was andere sagen.

Man sollte auch ehrlich zugeben, wenn man etwas nicht verstanden hat, ich merke es eigentlich fast immer wenn jemand nur so tut als ob er mich verstanden hätte. Besser ist, wenn man nachfragt, ob man richtig verstanden hat. Zum Schluss möchte ich noch sagen, es ist eigentlich egal, wenn man sich nicht gut mit Unterstützter Kommunikation auskennt, weil man das lernen kann. Wichtig ist nur, dass man bereit ist, sich darauf einzulassen.“

Auf der persönlichen Ebene hat Herr Donati durch das Zukunftsfest einiges erreichen können: Seine Kommunikationshilfe funktioniert besser, ein Befestigungsarm am Rollstuhl garantiert die ständige Verfügbarkeit. Doch die technische Ausstattung alleine garantiert noch keine gelungene Verständigung. Deshalb leistet er unermüdlich Überzeugungsarbeit in seiner Umgebung, indem er seine GesprächspartnerInnen sensibilisiert für die besondere Kommunikationssituation, ihnen die Scheu nimmt und humorvoll aber unmissverständlich reagiert, wenn ihm jemand die Intelligenz abspricht.

Darüber hinaus hat sich der junge Mann dafür entschieden, zum Botschafter zu werden. Daraus ist die Zusammenarbeit der beiden Autoren dieses Artikels entstanden: Margot Pohl und Raphael Donati sind überzeugte AktivistInnen für Unterstützte Kommunikation und Persönliche Zukunftsplanung als Werkzeuge der Inklusion. In Vorträgen, Seminaren und Workshops vermittelt das Team sein Fachwissen, seine Erfahrungen und seine Überzeugungen.

In der Südtiroler Schule ist seither einiges in Bewegung gekommen. Einige Kinder und Jugendliche wurden mit Kommunikationshilfen versorgt, Lehrpersonen sind mit der Thematik in Berührung gekommen und haben neue Motivation gewonnen. Eltern haben neuen Mut gefasst. MitschülerInnen konnten in der Begegnung mit Raphael positive Erfahrungen sammeln und Kommunikationsstrategien erproben. In der Ausbildung der Schulassistentinnen hat Herr Donatis Vortrag inzwischen einen festen Platz.

Das Netzwerk Unterstützte Kommunikation Südtirol profitiert sehr von der Zusammenarbeit mit Herrn Donati und konnte durch seine Vorarbeit erreichen, dass die Entscheidungsträger im Schulamt SchülerInnen ohne Lautsprache bei Weichenstellungen im Bildungsbereich mitdenken. Ein schöner Erfolg ist die Kooperation mit den Therapeutinnen im Rehabilitationsdienst des Krankenhauses Meran. Die Einbeziehung eines Experten in eigener Sache wurde von den Beteiligten als Mehrwert erkannt und soll weitergeführt werden.

Es lässt sich nicht mehr zählen, wie viele Menschen Herrn Donati in den letzten Jahren kennengelernt und seine Botschaft gehört haben. Wir wissen, dass sein Interview zu „Unterstützter Kommunikation“, das im Frühjahr 2015 im Lokalfernsehen lief, von vielen SüdtirolerInnen gesehen wurde. Herrn Donatis Schule hat das Video[8] ins Netz gestellt. Innerhalb weniger Tage konnten wir 1500 Zugriffe verzeichnen. Der Artikel „Anders ist normal“ im Onlinemagazin „barfuss“[9] wurde oft gelesen und 486mal geliked, Herrn Donatis Webseite fast 3000 mal angeklickt.

All das erfüllt uns mit Hoffnung, dass eine Veränderung der Gesellschaft in Richtung Inklusion möglich ist und damit eine lebenswerte Zukunft für Raphael Donati und alle anderen Menschen mit und ohne Behinderung in Südtirol bevorsteht - und auch darüber hinaus.



[7] Früchtel, Frank (2014): Was ist Sozialraumorientierung?. Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung e.V. Themenheft 3 FUB „Raum ist Beziehung“ Sozialraumorientierung und Unterstützte Beschäftigung (Hrsg): impulse - Das Fachmagazin der BAG UB. Hamburg (S. 8)

[8] Interview des RAI Südtirol mit Raphael Donati: https://vimeo.com/130660641

Autor_innen

Abbildung 6. Raphael Donati

Foto von Raphael Donati.

Raphael Donati ist Schüler und Nutzer der Unterstützten Kommunikation hat 2014 ein Zukunftsfest für sich organisiert

Kontakt und nähere Informationen

Internet: https://raphaeldonati.wordpress.com/)

Abbildung 7. Margot Pohl

Foto von Margot Pohl.

Margot Pohl ist Integrationslehrerin, Prozessbegleiterin für Unterstützte Kommunikation, Moderatorin für Persönliche Zukunftsplanungen

Kontakt und nähere Informationen:

mailto:mmt.pohl@rolmail.net

Quelle

Raphael Donati, Margot Pohl: Persönliche Zukunftsplanung. Kraftvolle Veränderungen im Leben der Hauptperson und im Gemeinwesen. Erschienen in: impulse, Magazin der Bundesgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung, Nr. 75/2015, S. 27-32, Schwerpunkt: Jahrestagung der BAG UB 2015.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 21.08.2018

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