Karriereplanung inklusive

Ein Modellprojekt das auf berufsbegleitende Bildung für Menschen mit Behinderung zielt.

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 74, 03/2015, Seite 6–9; Schwerpunktthema: Berufliche Weiterbildung; impulse (75/2015)
Copyright: © Karl-Heinz Miederer und Barbara Vieweg 2015

Abbildungsverzeichnis

    Zusammenfassung

    Fortbildung und berufsbegleitende Weiterbildung gehören zu den Standards für Berufstätige. Die Realität bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Behinderung weicht von dieser Normalität ab, insbesondere bei Personen mit Lernschwierigkeiten. Sie sind bislang weitgehend von gängigen Fortbildungsangeboten ausgeschlossen, weil diese nur sehr unzureichend an ihre Lernvoraussetzungen und Bildungsbedarfe angepasst sind.

    „Karriereplanung inklusive“

    Der Anteil der berufserfahrenen, formal Geringqualifizierten bei den Beschäftigten in Deutschland ist erheblich – schätzungsweise sind es mittlerweile 7 Millionen Arbeitskräfte. Menschen mit Lernschwierigkeiten in Arbeit zählen nahezu ausnahmslos dazu. Formal geringqualifiziert bedeutet, über keinen zertifizierten Abschluss zu verfügen. Kompetenzen für berufliche Handlungsfähigkeit werden auch umfangreich informell und non-formal erworben. Lernen geschieht im Arbeitsprozess beiläufig, Lernimpulse entstehen aus praktischen Anforderungen und Lernen findet bei der Bewältigung dieser Anforderungen statt. Was fehlt ist ein Anerkennungssystem. Im Gegensatz zu verschiedenen anderen Staaten der Europäischen Union ist es in Deutschland bisher nicht etabliert, Nachweise für informell erworbene Kenntnisse und Kompetenzen zu erhalten, die im Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt etwas gelten. Insgesamt ist das berufliche Bildungssystem in Deutschland bisher für Menschen mit niedriger formaler Qualifikation kaum zugänglich.

    Der Handlungsauftrag ergibt sich in zweierlei Hinsicht: zum einen durch eine Initiative des Europäischen Rates, zum anderen durch die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (zur UN-BRK siehe weiter unten).

    Mit Beschluss vom 20. Dezember 2012 hat der Europäische Rat seine Mitgliedsstaaten dazu aufgefordert, bis zum Jahr 2018 Zertifizierungsmöglichkeiten für non-formal und informell erworbene Kompetenzen zu schaffen. Arbeitskräfte mit Lernschwierigkeiten werden davon erheblich profitieren, weil daraus Anerkennung gelebter betrieblicher Praxis und Weiterbildung in Kursen und Seminaren erwachsen kann, die zu mehr Chancengleichheit im Bildungssystem und auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt führt. Von der Umsetzung dieser Vereinbarung ist Deutschland zurzeit noch sehr weit entfernt.

    Inklusion verlangt, das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt zunehmend auch für Menschen mit atypischen, sehr unterschiedlichen Bildungs- und Berufsverläufen zugänglich zu machen.

    Das Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos) hat das Projekt „Karriereplanung inklusive“ initiiert, das diese Herausforderungen aufnimmt und einen Beitrag leistet, berufsbezogene Fortbildungsangebote inklusiv und möglichst barrierefrei zu gestalten. Mit dem Projekt werden

    • ArbeitnehmerInnen mit Lernschwierigkeiten ermutigt, sich fortzubilden und darüber beruflich weiterzuentwickeln

    • Arbeitgeber gewonnen, auch MitarbeiterInnen mit Behinderung in ihre Fortbildungsplanung aufzunehmen

    • Fort- und Weiterbildungsträger sensibilisiert, ihre Angebote so zu gestalten, dass sie auch für Menschen mit Lernschwierigkeiten zugänglich werden

    • Bildungscoache ausgebildet, die Weiterbildungsangebote finden, anpassen und Personen mit Behinderungen in der Praxis assistieren

    • Peers (Menschen mit Behinderungen aus der Zielgruppe) gefunden und qualifiziert, ein Beratungsangebot für interessierte ArbeitnehmerInnen mit Behinderungen vorzuhalten

    In der Praxis wird das Modellprojekt an drei Standorten umgesetzt: in Erlangen-Nürnberg durch die Access Integrationsbegleitung GmbH, in Hamburg von der Hamburger Arbeitsassistenz und in Chemnitz vom Sozialen Förderwerk e. V. Grundlagenarbeit trägt zudem die Bundesarbeitsgemeinschaft Unterstütze Beschäftigung bei und übernimmt Evaluation und Monitoring.

    Abbildung 1. Berufsbegleitende Weiterbildung: Standard für Berufstätige

    Foto: Barbara Schmidt wikimedia CC BY-SA 3.0

    Das Projekt läuft im Zeitraum September 2014 bis März 2018 und wird aus Mitteln des Bundesausgleichsfonds beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert.

    Karriereplanung inklusive – worum es geht?

    Inklusion erreicht zunehmend die Erwachsenenbildung, es gibt mittlerweile Beispiele und modellhafte Initiativen. Im Bereich der beruflichen Weiterbildung ist die Inklusion bisher jedoch kaum angekommen. Für Menschen mit Behinderung und besonderem Unterstützungsbedarf, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sind, ist der Besuch von arbeitsplatzbezogenen Weiterbildungen noch eine große Ausnahme. Das will „Karriereplanung inklusive“ ändern.

    Eine Bestandsaufnahme, die in Form von Interviews mit unterstützten Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen, Arbeitgebern und Weiterbildungsträgern aus dem Projekt heraus erhoben worden ist, bestätigt den Bedarf und die Notwendigkeit von Impulsen, die eine konkrete Umsetzung und Begleitung von Bildungsarbeit für die Zielgruppe auf den Weg bringt und erreichbar macht (siehe dazu den Beitrag von Birgit Nickel auf Seite).

    Zu Projektstart im Herbst 2014 war es zunächst Aufgabe, berufliche Bildungsangebote zu recherchieren und zu untersuchen, ob und inwieweit sie für Menschen mit Behinderung geeignet sind. Für die Zielgruppe der Personen mit Lernschwierigkeiten bedeutet Barrierefreiheit vor allem Verständlichkeit von Bildungsinhalten. Leichte Sprache ist gefragt.

    Weiterbildungen existieren für Stellenprofile mit unterschiedlichsten Anforderungen und Qualifizierungsniveaus. Die richtige Weiterbildung für praxisrelevante Fragen gilt es zu finden, auszuwählen und zugänglich zu machen auch für Arbeitskräfte mit behinderungsbedingten Einschränkungen.

    Praktischer Zugang zu Weiterbildung im inklusiven Arbeitsmarkt wird insbesondere geschaffen durch:

    • Anpassung vorhandener Angebote: Adaptation oder Ergänzung vorhandener Materialien, Sensibilisierung von Dozenten für besondere Bedürfnisse.

    • Unterstützung durch Bildungscoaching: Personal von Fachdiensten wird qualifiziert, um als Bildungscoach Arbeitskräfte mit Behinderungen zu Weiterbildungen zu ermutigen und anschließend TeilnehmerInnen in Weiterbildungen zu assistieren.

    • Peer Angebote von und für Beschäftigte mit Behinderung im Rahmen von Weiterbildungen

    Einen zentralen Stellenwert im Projekt haben die Entwicklung des Tätigkeitsprofils eines Bildungscoaches und die Entwicklung eines Curriculums, das für diese Tätigkeit qualifiziert. Ausgehend vom Aufgabenprofil eines Job Coaches, der Menschen mit Behinderung in Arbeit vermittelt und am Arbeitsplatz unterstützt, werden Kenntnisse und Fertigkeiten ausgebildet, die in modularer Form angeboten werden und zur Begleitung der geforderten Schritte befähigen. Der Einsatz des Bildungscoaches reicht von der Bildungsberatung, über die Recherche konkreter Angebote und dem Coaching während der Kurs-Phase bis zur Nachbereitung und Integration des gelernten in den betrieblichen Kontext. Damit werden die Voraussetzungen geschaffen, Arbeitskräften mit Lernschwierigkeiten den Zugang zum beruflichen Bildungssystem zu ebnen und Teilhabe zu ermöglichen.

    Praxisbeispiele

    Anhand von zwei Beispielen aus der bisherigen Praxis im Projekt kann dieser Ansatz verdeutlicht werden.

    Eine Beschäftigte war im Rahmen der Maßnahme Unterstützte Beschäftigung in die Küche eines Seniorenheimes vermittelt worden. Zu ihren Aufgaben gehört die Frühstückszubereitung für die BewohnerInnen. Sie bereitet vor, stellt Portionen fertig und leistet einfache Arbeiten. Darüber hinaus ist es wichtig, Zusammenhänge und Grundlagen zu verstehen. Das bereichert die Routine und bereitet auf andere Tätigkeiten vor. Neue Kompetenzen motivieren. Aus dem Projekt heraus wird die Frage der Weiterbildung angesprochen. Ein Bildungsträger bietet einen dreitägigen Kurs zum Thema „Gesunde Ernährung für Senioren“. Die Vorgesetzte ist sehr dafür, die Beschäftigte eigentlich auch. Aber wird sie verstehen, was im Kurs vermittelt wird? Der Bildungscoach nimmt Kontakt mit dem Kursanbieter auf und sondiert Lehrmaterialien. In Zusammenarbeit mit der Kursleiterin werden einige Materialien verändert, so dass die Beschäftigte sie verstehen kann und die Aufmerksamkeit der Dozentin ist für die besonderen Bedürfnisse im weiteren Verlauf geschärft.

    Ein Beschäftigter mit Lernschwierigkeiten arbeitet in der Getränkeabteilung eines Supermarktes. Vor einem halben Jahr hat er dort angefangen und kommt gut zurecht. Allerdings haben Beschäftigte regelmäßig eine Hygieneschulung zu absolvieren. Diese wird vom Betreiber des Marktes bundesweit in Form von e-Learning durchgeführt. Der Integrationsdienstleister, der den Beschäftigten unterstützt, lernt zunächst selbst den Kurs auf der firmeninternen Lernplattform kennen. Er übersetzt Lerninhalte, die in schwerer Sprache verfasst sind. Weitere Bildungsinhalte gilt es vorzubereiten und zu erläutern, damit Lernen möglich wird. Für den Kurs benötigt der Beschäftige fünf Sitzungen. Die ersten drei Sitzungen waren vollständig begleitet worden. Die Anleitung zur Selbstorganisation hatte jedoch dazu geführt, dass die letzten beiden Termine selbstständig durchgeführt und im Rahmen von Nachbesprechungen integriert werden konnten.

    Die Bedeutung von Peer-Angeboten

    Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt sind oft die einzigen in einem Team von KollegInnen ohne Behinderung. Inklusiver Arbeitsmarkt erfordert situationsgerechte Lösungen. Persönlichkeitsfördernde Kurse werden nachgefragt, aber auch Themen wie Umgang mit Stress am Arbeitsplatz oder mein Recht als ArbeitnehmerIn. Darüber hinaus kann es auch bedeutsam sein, sich unter Gleichbetroffenen zu wissen, sich über die Situation als Beschäftigte mit Behinderung auszutauschen, sich gegenseitig zu stärken. Aus diesem Grund wird „Karriereplanung inklusive“ auch Angebote entwickeln, die sich ausschließlich an Menschen mit Behinderung wenden.

    Einen maßgeblichen Beitrag leistet in diesem Zusammenhang der Projektpartner Hamburger Arbeitsassistenz: Bereits seit Jahren werden dort Peer-MentorInnen ausgebildet und in der Arbeit eingesetzt. Ehemalige erfolgreiche Teilnehmende an Maßnahmen Unterstützter Beschäftigung und heutige Arbeitskräfte auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterstützen nun diejenigen, die beginnen und am Anfang ihrer Karriere stehen. Sie geben ihre Erfahrungen weiter und berichten von ihren Problemen und ihren Erfolgen - authentisch und gewöhnlich in leichter Sprache. Die Peer-ExpertInnen werden zudem geschult, Vorträge an Schulen zu halten, um für einen Weg auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu werben. Innerhalb des Projekts wird das Konzept der Hamburger Arbeitsassistenz auf die Partner an den Standorten in Nürnberg und Chemnitz übertragen.

    Nichts über uns ohne uns – Beteiligung im Projekt realisieren

    Menschen mit Behinderung und besonderem Unterstützungsbedarf sind in den Fortgang des Projektes an vorderster Stelle einbezogen. Frage- und Rückmeldebögen erfassen ihre Bedürfnisse, Eindrücke, Erfahrungen und Erkenntnisse. Eine Orientierung an den tatsächlichen Anforderungen der Zielgruppe wird damit gewährleistet.

    Fachausschuss der Vereinten Nationen fordert Ausbau inklusiver Strukturen

    Die Vereinten Nationen prüfen die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention. Der Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen hat am 17. April 2015 seine Abschließenden Bemerkungen zum Staatenprüfungsverfahren Deutschlands veröffentlicht. Vom Deutschen Institut für Menschenrechte sind die Ergebnisse zusammengefasst worden: „Der Ausschuss formuliert in seinen Abschließenden Bemerkungen klare und richtungsweisende Anforderungen, wie die UN-Behindertenrechtskonvention weiter umgesetzt werden soll. Bund, Länder und Gemeinden haben aus Genf sehr viele Hausaufgaben bekommen. Es ist höchste Zeit, dass Deutschland die Weichen für eine inklusive Gesellschaft stellt. Dabei ist nicht nur das Tempo zu erhöhen, sondern es müssen auch Strukturen geändert und gesellschaftliche und politische Widerstände gegen Inklusion überwunden werden. So fordert der Ausschuss bei Wohnen, Bildung und Arbeit den Ausbau inklusiver Strukturen. Der Ausschuss legt Deutschland zudem nahe, die Zahl der Sonderschulen deutlich zu verringern, behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam zu beschulen sowie die Werkstätten zugunsten einer Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt abzuschaffen. Der Ausschuss übt berechtigte Kritik an der heute in Deutschland üblichen gesellschaftlichen Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen. Das Festhalten an den Doppelstrukturen bei Wohnen, Bildung und Arbeit ist eindeutig konventionswidrig.“

    Der Ausschuss empfiehlt zum Artikel 27 (Arbeit und Beschäftigung), in Deutschland einen Inklusiven Arbeitsmarkt zu schaffen, der den Richtlinien der Konvention entspricht. Ausgehend von der Sorge über die Absonderung auf dem Arbeitsmarkt empfiehlt der Ausschuss die Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten mit barrierefreien Arbeitsplätzen.

    Für nachhaltige Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ist die erfolgreiche Teilnahme an Weiterbildungen eine zwingende Voraussetzung. „Karriereplanung inklusive“ stellt sich diesem Anspruch. Mit dem Projekt werden erste Schritte unternommen, den Zugang von Menschen mit Lernschwierigkeiten zum beruflichen Bildungssystem zu öffnen. Die Grundlagenarbeit wird begleitet von der konkreten Umsetzung und Assistenz von Personen aus der Zielgruppe bei beruflicher Weiterbildung. Es ist eine Maßnahme auf dem Weg, berufsrelevante Kompetenzen der erwerbsfähigen Bevölkerung auszuschöpfen und zu entwickeln.

    Bestehen bleibt die Aufgabe in Deutschland ein berufliches Bildungssystem zu schaffen, das eine Kompetenzanerkennung leistet und fördert und damit non-formales und informelles Lernen anerkennt Umwege zu Chancengleichheit im Arbeitsleben eröffnet. Der Zusammenhang zwischen Bildung und sozialem Status ist enorm, Menschen mit Behinderungen müssen gleichberechtigt Zugang zu Wegen im Bildungssystem haben.

    Weitere Informationen, aktuellen Entwicklungen im Projekt und Kontaktdaten finden Sie unter: http://www.karriereplanung-inklusive.de/

    Abbildung 2. Karl-Heinz Miederer

    Portraitfoto von Karl-Heinz Miederer

    Karl-Heinz Miederer ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführer der ACCESS Integrationsbegleitung gGmbH.

    Kontakt und nähere Informationen

    Mail: kh.miederer@access-ifd.de

    Abbildung 3. Barbara Vieweg

    Portraitfoto von Barbara Vieweg

    Barbara Vieweg ist Projektkoordinatorin bei der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben e.V. und Geschäftsführerin des Bildungs- und Forschungsinstituts zum selbstbestimmten Leben Behinderter „bifos“

    Kontakt und nähere Informationen

    Mail: barbara.vieweg@bifos.de

    Quelle

    Karl-Heinz Miederer; Barbara Vieweg: Karriereplanung inklusive“. Ein Modellprojekt das auf berufsbegleitende Bildung für Menschen mit Behinderung zielt. Erschienen in: impulse Nr. 74, 03/2015, Seite 6–9.

    bidok-Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 12.12.2017

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