20 Jahre Hamburger Arbeitsassistenz

Rückblick und Einordnung

AutorIn: Dieter Basener
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse 62, 03/2012, Seite 24-31 impulse (62/2012)
Copyright: © Dieter Basener 2012

20 Jahre Hamburger Arbeitsassistenz. Rückblick und Einordnung

Die Redaktion der Impulse hat mich gebeten, einen Beitrag zum 20-jährigen Jubiläum der Hamburger Arbeitsassistenz zu verfassen. Der Aufforderung komme ich gerne nach, zumal ich in die Konzeptionierungs- und Gründungsphase des Fachdienstes involviert war und die HAA bis heute freundschaftlich begleite. Mein Beitrag blickt zurück auf die Absichten und Ideen, die uns in den Jahren 1988 bis 1991 zur Gründung bewogen haben, schildert die Entwicklung, die die Hamburger Arbeitsassistenz in den 20 Jahren genommen hat und endet mit einer kritischen Einordnung der aktuellen Vorhaben zur Reform der Eingliederungshilfe auf dem Hintergrund der Erfahrungen und Erfolge der Hamburger Arbeitsassistenz.

Zwanzig Jahre existiert er bereits, der erste Vermittlungsdienst für Menschen mit Lernschwierigkeiten, die Hamburger Arbeitsassistenz. Pro Jahr verhilft er derzeit 30 Menschen mit einer Werkstattberechtigung zu einem tariflich bezahlten Arbeitsverhältnis auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, über 60 Arbeitsassistenten leisten in den Betrieben Unterstützung und dies nicht nur für Menschen mit einer Werkstattberechtigung. Er bietet berufliche Bildung, Integrationspraktika und ist auch als Integrationsfachdienst (IFD) und in der Maßnahme "Unterstützte Beschäftigung" sowie in der beruflichen Orientierung in Schulen und zahlreichen Projekten aktiv. Die Hamburger Arbeitsassistenz ist der lebende Beweis für die Wirksamkeit der Methode Supported Employment, die in Deutschland außerhalb der Hansestadt erstaunlicherweise nur sehr zögerlich Fuß gefasst hat. Nach 20 Jahren steht die HHA immer noch wie ein Leuchtturm in der bundesdeutschen Integrationslandschaft. Dabei ist ihr Erfolg nicht, wie viele meinen, an spezifische Hamburger Bedingungen geknüpft. Die Hamburger Arbeitsassistenz würde ihr Erfolgsrezept gerne mit anderen teilen und hat dies durch zahlreiche Dokumentationen ihrer Arbeit und Seminare und Fortbildungsveranstaltungen zum Ausdruck gebracht.

Wie es begann

Der Auslöser zur Gründung der Hamburger Arbeitsassistenz war wenig spektakulär: Am Anfang stand eine Elterninitiative, die Landesarbeitsgemeinschaft Eltern fürIntegration e.V. - mittlerweile umbenannt in Eltern für Inklusion. Ihre Mitglieder setzten sich für schulische Integration ein und erreichten die Gründung der ersten Integrationsklassen in Hamburg. Als die ersten Kinder sich dem Wechsel auf den Arbeitsmarkt näherten, gründete im Jahr 1988 die damalige Vorsitzende Ingrid Körner einen "Arbeitskreis Arbeit", der nach Möglichkeiten für eine Integration im Arbeitsleben suchte. Dieser Arbeitskreis hatte anfangs nur drei Mitglieder, neben der Initiatorin waren es zwei Berufsschullehrer, die sich die Etablierung integrativer Berufsschulklassen auf die Fahnen geschrieben hatten. Nach kurzer Zeit stieß mit dem Autor dieses Artikels auch ein Vertreter der Hamburger Werkstattszene hinzu. Wir diskutierten die Alternative "Gründung einesVermittlungsdienstes" contra "Gründungeiner Integrationsfirma". Schnell stand für uns fest: Wir wollen keine neue Sondersituation. Echte Integration gibt es nur dort, wo Arbeit auch sonst stattfindet: in regulären Betrieben.

Der Ausgangspunkt: Möglichkeiten für eine Integration im Arbeitsleben suchen

Das Konzept

Auf der Suche nach dem passenden Konzept hörte ich im rheinischen Hennef einen Vortrag von Horst Frehe, einem körperbehinderten Juristen, der später als Richter, Politiker und Vordenker der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung von sich Reden machen sollte. Er hatte ein halbes Jahr lang Amerika besucht, war dort auf die Supported-Employment-Idee gestoßen und trug auf der Tagung mit viel Begeisterung seine Erfahrungen vor. Begierig griff ich das Konzept auf, informierte mich weiter und wir bauten die Grundelemente des SE-Konzepts in einen Projektantrag an die Hamburger Sozialbehörde ein. Die Projektidee: Aufbau eines Fachdienstes - finanziert mit Mitteln aus der Ausgleichsabgabe. Die Behörde signalisierte Interesse, weil der Dienst allen Werkstattberechtigten einen systematischen Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt öffnen sollte. Unter dem damaligen Sozialsenator und späteren Hamburger Bürgermeister Ortwin Runde stand Integration schon in den 80er Jahren hoch im Kurs.

Stillstand

Noch vor der endgültigen Bewilligung legte der Leiter der Hauptfürsorgestelle, Jürgen Coym, sein Amt nieder. Sein Nachfolger Dr. Hans-Günther Ritz stoppte zunächst die Bewilligung. Offenbar war er zu diesem Zeitpunkt noch skeptisch, hier würden nur einige Mittelschichtkinder privilegiert, das Gros der Werkstattbeschäftigten ginge weiterhin leer aus. Diese Haltung hatte für die nächsten zwei Jahre Bestand, die Aktivitäten des AK Arbeit liefen ins Leere. Wir trafen uns weiter, aber Stillstand und eine gewisse Hoffnungslosigkeit machten sich breit. Für kurze Zeit suchten wir den Kontakt zu einer anderen Elterninitiative mit dem Namen Was kommt nach der Schule? und gaben gemeinsam ein provokantes Faltblatt heraus, das den Behörden, insbesondere dem Arbeitsamt, Untätigkeit vorwarf. In unserer Absicht, einen Fachdienst auf die Beine zu stellen, brachte uns das nicht weiter.

Im Mittelpunkt des Konzepts Unterstützte Beschäftigung...

Das HORIZON-Programm

Dann, nach mehr als zwei Jahren, gab es Licht am Horizont. Das neue EU-Programm HORIZON ermöglichte Modellvorhaben für die gesellschaftliche Eingliederung behinderter Menschen - auch im Bereich der beruflichen Integration. Für die Antragstellung benötigten wir eine Co-Finanzierung aus nationalen Mitteln und unternahmen einen erneuten Vorstoß bei der Hauptfürsorgestelle. Diesmal konnten wir Dr. Ritz für eine Beteiligung gewinnen. Wir wandelten den ursprünglichen Antrag ab, vergrößerten aufgrund des erhöhten Projektvolumens den vorgesehenen Personalbestand und setzten uns die Vermittlung von 50 Menschen mit geistiger Behinderung/Lernschwierigkeiten in einem Zeitraum von drei Jahren zum Ziel.

Der Start

Im Sommer 1991, als sich eine Bewilligung des Antrags bereits abzeichnete, besuchte ich Supported-Employment-Hochburgen in den USA, in Boston und in Richmond, Virginia. In Amerika war die SE-Bewegung bereits breit aufgestellt und schlagkräftig organisiert. Mehrere Uni-Abteilungen erforschten die Wirksamkeit des Vorgehens und entwickelten Methoden für unterschiedliche Personenkreise. Supported Employment galt in den Staaten als Königsweg, um Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen in Arbeit zu bringen. Viele Kommunen hatten bereits ihre vergleichsweise kleinen Werkstätten zugunsten der effizienten Vermittlungsdienste aufgelöst. Es gab sogar eine landesweite wöchentliche Fernsehsendung im Pay-TV, die SE-Methoden vorstellte, über Erfolge berichtete und Fragen von Zuschauern live beantwortete. Eine Aufzeichnung dieser Sendungen kauften wir an, um möglichst viel Wissen aus den USA in unser deutsches Projekt zu transferieren.

Personalauswahl

Als zum Jahreswechsel 1991/92 die Bewilligung vorlag, musste alles sehr schnell gehen. Wir schrieben die beiden Leitungsstellen aus, terminierten Bewerbungsgespräche und hatten schon nach kurzer Zeit ein Team zusammengestellt. Für die Leitung und die Evaluation des Projekts fanden wir Achim Ciolek und Rolf Behncke, die auch heute noch Geschäftsführer sind. Die Positionen für Arbeitsassistenten besetzten wir mit Sozialpädagoginnen und sonderpädagogisch geschulten Praktikern aus Handwerk und Industrie. Beim Standort entschieden wir uns für ein schlichtes, aber preisgünstiges Büro an der Fuhlsbüttler Straße im ruhigen Arbeiterstadtviertel Barmbek. Die Anbindung des Projekts an den Verein regelten wir über einen Projektausschuss, in der auch die Hauptfürsorgestelle vertreten war, und wir gaben dem Dienst eine Geschäftsordnung, die die Zusammenarbeit und die Kompetenzen regelte. Die Arbeit konnte losgehen.

...steht die Qualifizierung am Arbeitsplatz.

Anpassung des SE-Ansatzes

Mit der Auswahl der Mitarbeiter hatten wir eine glückliche Hand. Sie schafften es sehr schnell, das Konzept der Unterstützten Beschäftigung von seinen US-Wurzeln zu emanzipieren. Die Einladung eines amerikanischen Trainers, der SE-Methoden schulte, führte zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den konzeptionellen Grundlagen, zur Abkehr von der Verhaltensmodifikation und zur Hinwendung zu handlungstheoretischen Modellen. Die Beschäftigten sollten ihre Tätigkeit begreifen und nicht nur trainiert oder dressiert werden. Im Laufe der Jahre entstanden mit KUKUK, BEO und TALENTE eigene Materialbände, die bis heute im deutschsprachigen Raum die Methodik der Vermittlung und Qualifizierung am Arbeitsplatz prägen.

Aktivitäten auf europäischer und nationaler Ebene

Im Jahr 1991, kurz vor dem Start unseres Hamburger Projekts, war in der Dubliner Einrichtung St. Michaels House der erste europäische Fachdienst auf der Basis des SE-Ansatzes an den Start gegangen. Seinen Leiter, Christy Lynch, besuchte ich im Sommer 1992 und lernte noch einmal viel über Supported Employment in der Praxis. Ein Kongress zum Thema "Woanders arbeiten!" an der Hamburger Fachhochschule Rauhes Haus im Jahre 1994 führte zur Gründung eines Dachverbandes, der Bundesarbeitsgemeinschaft Unterstützte Beschäftigung (BAG UB). Initiator war Stefan Doose, damals ein Rauhes-Haus-Absolvent: Er wurde zu einem wichtigen Vertreter der Unterstützten Beschäftigung in Deutschland und war lange Zeit Geschäftsführer der BAG UB. Doose knüpfte enge Kontakte in die USA und nach Kanada, verbrachte dort ein Forschungsjahr und importierte unter anderem das Konzept der Persönlichen Zukunftsplanung. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Unterstützte Beschäftigung wurde nach dem bald fälligen Umzug der HAA aus der Fuhlsbütteler Straße in das Schulterblatt, mitten im quirligen Schanzenviertel, Untermieter der Hamburger Arbeitsassistenz.

Die ersten Reaktionen der Werkstätten

Die Arbeitsassistenz hatte, ihrem Konzept folgend, ihre ersten Vermittlungen aus Werkstätten heraus vorgenommen. Die Hamburger Werkstattlandschaft nahm den neuen Dienst teils off en und interessiert, teils skeptisch zur Kenntnis. Während die Elbe-Werkstätten mit ihrem Geschäftsführer Bodo Schümann die Gründung begrüßten und den Aufbau nach Kräften unterstützte, fühlte sich die Hamburger Werkstatt in ihren eigenen Aktivitäten beschnitten. Ihr eigener Fachdienst zur Vermittlung auf den Arbeitsmarkt, der vor allem Praktika organisiert hatte, wurde nicht weiter finanziert, die Werkstatt von der Behörde zur Kooperation mit dem neuen Fachdienst verpflichtet. Bei den Elbe- Werkstätten führte die Vermittlungstätigkeit der Arbeitsassistenz im Jahre 1994 zu einem Rückgang der Beschäftigungszahlen, was auf Seiten des Betriebsrates deutlichen Unmut erzeugte.

Betriebliche Berufsbildung und Integrationspraktikum waren wichtige Instrumente...

Vorzeigeunternehmen und Meilensteine

Dem jungen Dienst war es wichtig, sichtbare Anfangserfolge zu erzielen und Vorzeigeunternehmen zu akquirieren. Dies gelang beispielsweise mit der Firma Mövenpick. Britta Förster, eine selbstbewusste junge Frau mit Down-Syndrom, erhielt im noblen Hanseviertel eine Anstellung im Service, die sie lange Jahre ausüben sollte. Ein wichtiger Meilenstein war in der zweiten Hälfte der 90er Jahre die Durchführung von Berufsbildungsmaßnahmen. Das war möglich geworden, weil in Hamburg die zur Verfügung stehenden Kontingente für eine berufliche Bildung in Werkstätten nicht ausgeschöpft wurden. Der damalige Leiter der Arbeitsagentur, Olaf Koglin, regte eine Kooperation an, die es der HAA ermöglichte, als "Dienstleister" für die Werkstätten aufzutreten und so ohne eigenen Werkstattstatus in einer sogenannten "Betrieblichen Berufsbildung" Angebote in diesem Bereich machen zu können. In einem zusätzlichen Kooperationsvertrag zwischen den Werkstätten und der Arbeitsassistenz über die Zusammenarbeit in der Beruflichen Bildung wurden jährliche BBB-Kontingente festgeschrieben. Die Elbe-Werkstätten traten sechs Plätze ab, die übrigen drei Werkstätten jeweils drei, so dass die Arbeitsassistenz 15 parallele Maßnahmen durchführen konnte. Sie erwiesen sich schnell als wichtigster Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt. Die Teilnehmer dieser "Betrieblichen Berufsbildung" hatten zunächst die Möglichkeit, an mehreren Praktikumsstellen berufliche Erfahrungen zu sammeln und konnten im Betrieb ihrer Wahl dann noch so lange eingearbeitet werden, dass am Ende der BBB-Zeit sehr häufig eine Übernahme stand. Über 50 Prozent der Maßnahmen endeten mit einer Festanstellung in der Phase des Berufsbildungsbereiches; aufgrund des Umstandes, dass die betriebliche Qualifizierung darüber hinaus durch das "Integrationspraktikum" (analog zum Arbeitsbereich WfbM) noch fortgesetzt werden konnte, erhöhte sich die Vermittlungsquote auf insgesamt rund 70 Prozent.

... für einen erfolgreichen Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt.

Projekterfolg und Regelfinanzierung

Zum Ende der Projektlaufzeit im Jahre 1994 hatte der Dienst die angestrebte Vermittlungszahl übertroff en und die Behörde, einschließlich der finanzgebenden Hauptfürsorgestelle, war sehr bemüht, für die nachfolgende Finanzierung eine Lösung zu finden. Ihr Leiter Dr. Hans- Günther Ritz hatte seine Skepsis gegenüber dem Projekt mittlerweile verloren und gab den entscheidenden Hinweis: Der § 27 der Ausgleichsabgaben-Verordnung sieht personelle Hilfen bei besonderer Belastung von Menschen mit Behinderungen vor, Mittel, die nicht nur in Hamburg, sondern auch an anderen Standorten für die Einarbeitung zur Verfügung standen. Sie sind bis heute eine wesentliche Grundlage für die Unterstützung nach der Vermittlung in ein Arbeitsverhältnis. Die Werkstätten erhielten eine "Übergangsprämie". Sie bekamen für eine begrenzte Zeit den Kostensatz weitergezahlt, auch dann noch, wenn die Betreuung schon von der Arbeitsassistenz übernommen worden war. Allerdings wurde die Betriebliche Berufsbildung mehr und mehr zum Hauptzugang in die betriebliche Integration, Übergänge aus dem Arbeitsbereich der Werkstätten gingen zurück. Die Vermittlungsquote pendelte sich bei 20 bis 25 pro Jahr ein. Neu entwickelt wurde unter der Bezeichnung IPJ, Integrationspraktikumsjahr, ein drittes Qualifizierungs- und Orientierungsjahr nach Abschluss des Berufsbildungsbereiches, das die Chancen von "Spätzündern", noch auf den Arbeitsmarkt zu wechseln, deutlich erhöhte. Mittlerweile ist das Integrationspraktikum zeitlich verlängerbar, so wie Werkstattaußenarbeitsplätze auch - sie unterscheiden sich von den Werkstattaußenarbeitsplätzen insbesondere darin, dass der Fokus der Qualifizierung weiterhin sehr auf die Vermittlung in ein Arbeitsverhältnis gerichtet bleibt.

Werkstätten nehmen den Kampf auf

Die Werkstätten reagierten auf die erfolgreiche Konkurrenz zunächst mit neuen Angeboten und schufen mit ausgelagerten Arbeitsgruppen und Einzelarbeitsplätzen für ihre Beschäftigten eigene Wege in den Arbeitsmarkt. Noch vor Ende des Jahrzehnts legten auch sie einen ausgelagerten Berufsbildungsbereich auf, zunächst bezogen auf das Thema Helfer in der Altenpflege. Nach der Berentung von Bodo Schümann, dem Geschäftsführer der Elbe-Werkstätten, im Jahr 2002 zogen die Werkstätten allerdings die Zügel an. Ihr erklärtes Ziel wurde es nun, die Hamburger Arbeitsassistenz unter das Werkstattdach zu holen, um "in Hamburg ein durchgängiges und durchlässiges System beruflicher Teilhabe aufzubauen". Als dies nicht gelang, kündigten sie 2005 aus nichtigem Anlass die bestehenden Kooperationsverträge für die Betriebliche Berufsbildung und die Übergänge aus dem Arbeitsbereich, ein Schritt, der den Fortbestand der Arbeitsassistenz bedrohte. Gemeinsam mit der Agentur für Arbeit Hamburg gelang es der HAA, Berufsbildungs-Maßnahmen über das Persönliche Budget zu finanzieren, so dass am Ende statt der 15 Berufsbildungsplätze 40 bis 50 zur Verfügung standen und die Vermittlungsquote sich deutlich verbesserte. Mittlerweile war es gelungen, den Dienst auch als Träger von IFD- und später von UB-Maßnahmen zu etablieren. Es war die Zeit eines enormen Wachstums und der Dienst ging gestärkt aus der Krise. Die Werkstätten boten schließlich ebenfalls wieder Kooperationsvereinbarungen an.

Werkstätten schaffen WfbM-Außenplätze

Mittlerweile ist die HAA in der europäischen Szene zu einer festen Größe geworden: Sie war an vielen EU-Projekten beteiligt, galt europaweit als Vorzeigemodell und viele Projektkollegen aus anderen Ländern hospitierten in Hamburg. In Deutschland baute mit ACCESS in Erlangen/ Nürnberg nur ein weiterer Träger nach dem Konzept der Arbeitsassistenz einen ähnlichen Fachdienst auf. Es zeigt sich, dass die Werkstätten die Landschaft der beruflichen Teilhabe in Deutschland - begünstigt durch ihre gesetzlich herausgehobene Stellung - so sehr beherrschen, dass sie kaum Platz für Alternativen lassen. Die Leistungsträger waren und sind bis heute auf Werkstätten fixiert. Vor und nach der Jahrtausendwende gab es eine große Zahl von Projekten, die darauf abzielten, WfbM-Beschäftigte durch Werkstätten in sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten zu vermitteln. Keines dieser Projekte erzielte eine Langzeitwirkung, die Vermittlungsquote von Werkstätten blieb mit 1,5 Promille der Beschäftigten pro Jahr (1:750) bis heute konstant. Die an die WfbM angedockten Fachdienste für berufliche Integration schufen zwar mehr Außenarbeitsplätze, aber nur in seltenen Fällen sozialversicherungspflichtige Arbeit. In Hamburg haben sich die Arbeitsassistenz und die Werkstätten inzwischen arrangiert. Die HAA hat mehr als ein Viertel aller Menschen mit geistiger Behinderung / Lernschwierigkeiten in der Stadt in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse vermittelt, aber es wuchs auch die Zahl der Werkstattplätze, vor allem zurückzuführen auf die verstärkte Nachfrage aus dem Personenkreis psychisch Erkrankter.

Fraglicher Ansatz in der Teilhabereform

Die Einsicht, dass Konkurrenz das Geschäft belebt, hat sich in den Bundesländern außerhalb Hamburgs noch nicht durchgesetzt, die Monopolstruktur der Werkstätten ist bisher noch weitgehend unangetastet. Während einige Länder inzwischen mit einem "Budget für Arbeit" in begrenztem Rahmen eine dauerhafte Lohnkostensubventionen ermöglichen, kann sich der Bund auch in der fälligen Reform der Eingliederungshilfe für den Zugang zum Arbeitsmarkt weiterhin nur "virtuelle Werkstätten" vorstellen. Der Gesetzgeber will neue Dienste zulassen, die als Ersatzwerkstatt fungieren und in einer Art von "Verleihsystem" behinderte Menschen ohne Arbeitnehmerstatus in Betrieben beschäftigen. Das neue Geschäftsfeld wird bei den Trägern sicher erfolgreich, weil es attraktive Einkünfte ermöglicht. Echte Integration mit Arbeitnehmerrechten und einem gleichberechtigten Status im Betrieb, wie sie die Hamburger Arbeitsassistenz seit 20 Jahren praktiziert, ist für die Ministerialbürokratie bis heute nicht vorstellbar, obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention genau dies fordert.

Das Ziel: Echte Integration mit Arbeitnehmerrechten und einem gleichberechtigten Status im Betrieb. Foto: HAA

Sozialraumorientierung macht Vermittlung noch erfolgreicher

Dabei hat sich inzwischen neben der Unterstützten Beschäftigung ein weiterer erfolgversprechender Ansatz etabliert, der den Zugang zum Arbeitsmarkt noch mehr erleichtern kann: Das Konzept der Sozialraumorientierung mit seinem Zugriff auf familiäre und regionale Netzwerke. Sozialraumorientierung verbindet die Ideen des Supported Employment mit einer Kritik an der einseitig professionellen Ausrichtung sozialer Arbeit und forciert die Rückbesinnung auf die Ressourcen der Kommune und ihrer Bürger. Integra Mensch in Bamberg und auch Spagat in Vorarlberg nehmen diesen Gedanken auf und beziehen verstärkt das Engagement von "Unterstützern" in ihre Arbeit ein. Damit machen sie Inklusion zu einer gemeinsamen Aufgabe der ganzen Region.

Die Grundlagen sind also gelegt. Was fehlt, ist der Mut, die Gesetzgebung auf diese Grundlagen zu beziehen. Die Aussichten sind eher trübe: Im Moment, so scheint es, wird die Chance vertan, die Neuregelung der beruflichen Teilhabe an den Erfolgen der Hamburger Arbeitsassistenz zu orientieren und die berufliche Teilhabe in Deutschland damit auf eine neue Stufe zu stellen.

Dennoch: herzlichen Glückwunsch, liebe Kolleginnen und Kollegen der HAA, zu eurer 20-jährigen engagierten Arbeit.

Dieter Basener

Dieter Basener ist Mitbegründer der Hamburger Arbeitsassistenz und ist Verlagsleiter von 53° NORD, einem Geschäftsbereich der Elbe-Werkstätten.

Kontakt und nähere Informationen

53° NORD Agentur und Verlag

Behringstraße 16a, 22765 Hamburg

Fon.: 040 - 414 37 59-87, Fax: 040 _ 414 37 59-75

E-Mail Basener@53grad-nord.com

Internet www.53grad-nord.com

Quelle:

Dieter Basener: 20 Jahre Hamburger Arbeitsassistenz. Rückblick und Einordnung

Erschienen in: impulse 62/2012, Seite 24-31

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Stand: 23.01.2014

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