"Ich habe mich befreit!"

Nadine Kremzow kündigte nach zehn Jahren ihren Job in einem Hotel, um einen Neuanfang zu versuchen.

AutorIn: Claus Sasse
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 57, 02/2011, Seite 36-37. impulse (57/2011)
Copyright: © Claus Sasse 2011

Inhaltsverzeichnis

"Ich habe mich befreit!"

Ein langer dunkler Flur mit unzähligen Türen rechts und links, hinter den Türen die immer gleichen trostlosen Zimmer mit Bett, Tisch und Stuhl. Du bist allein auf diesem Flur, allein auf der ganzen Etage. Die Zeit drängt, aber deine Füße werden von Sekunde zu Sekunde schwerer. Ein Gefühl der Beklemmung steigt in dir auf, das Atmen fällt immer schwerer, gleich kannst du dich überhaupt nicht mehr bewegen...

Ein schrecklicher Alptraum, doch für Nadine Kremzow (30) endete er nicht, wenn morgens der Wecker klingelte, für sie begann er, wenn sie anfing zu arbeiten. Zehn Jahre lang war sie in einem Hotel beschäftigt und irgendwann hatte sie das Gefühl, dass sich ihr Leben in eine trostlose dunkle Sackgasse verwandelt hatte. Eine Sackgasse wie der Flur auf der Hoteletage, wo sie zuletzt eingesetzt wurde. Dabei war für sie die Arbeit in diesem Betrieb am Anfang aufregend und interessant gewesen. Nach zehn Jahren Schule und einer dreijährigen Berufsschule absolvierte sie über die Hamburger Arbeitsassistenz ein Berufspraktikum im Hotelbereich. Die Arbeit machte ihr Spaß und sie war stolz, als sie am Ende einen richtigen Arbeitsvertrag bekam.

Zunächst arbeitete Frau Kremzow in der Küche des Hotels, sie wusch das Geschirr ab oder bereitete den Nachtisch zu. Von dort wechselt sie später in den Service und durfte die Gäste bedienen. Doch in den letzten Jahren wurde sie dann nur noch "auf der Etage" eingesetzt, zum Aufräumen und Reinigen der Zimmer.

Seitdem sieht sie ihre Kolleginnen nur noch selten, der Zeitdruck ist enorm und von ihrer Vorgesetzten fühlt sie sich nicht unterstützt. Im Gegenteil: "die Chefin war sehr streng", erzählt sie leise. Dabei sieht nach außen eigentlich alles gut aus. Die Integration auf den Arbeitsplatz ist erfolgreich abgeschlossen: Nadine Kremzow hat einen sozialversicherten Arbeitsplatz für 30 Wochenstunden mit bezahltem Urlaub, eine eigene Wohnung in der sie einmal pro Woche von ihrer Betreuerin besucht wird.

Fotos: Bertolt Monk

Im Rückblick ist es schwer zu sagen, wann es anfing, bergab zu gehen. Irgendwann war der jungen Frau aber klar, "dass ich hier nicht mache, was ich gerne möchte" und dass sich nur etwas ändert, "wenn ich es selbst in die Hand nehme". Mit der Unterstützung ihrer Betreuerin beschließt sie, sich einen neuen Job zu suchen. Kein einfaches Projekt. Sie wendet sich wieder an die Arbeitsassistenz. Ihre ehemaligen ArbeitsbegleiterInnen sind noch da, sie möchte aber auf dem Weg in eine neue Zukunft lieber von anderen ArbeitsassistenInnen unterstützt werden. "Wenn schon alles neu, dann auch richtig", sagt sie.

Im Augenblick orientiert sie sich über Arbeitsmöglichkeiten. Einen ersten Praktikumsplatz hat sie im Einzelhandel gefunden, ein großes Sportbekleidungsgeschäft. Ihre größte Angst, sich in einem neuen Job wieder einsam zu fühlen, hat sich hier zum Glück nicht erfüllt. "Ich fühle mich wohl in der neuen Umgebung und lerne viel von meinen ArbeitskollegInnen". Und dass sie jetzt erstmal deutlich weniger Geld verdient als vorher "ist nicht so schlimm", meint sie. "Ich habe mich befreit, das ist wichtig."

Nadine Kremzow gefällt ihre neue Arbeit

Die großen Veränderungen seien aufregend, gibt sie lächelnd zu. Aber es geht Nadine Kremzow nicht darum, ein Abenteuer zu erleben: "Ich möchte wieder irgendwo ankommen." Irgendwo, aber nicht in einem langen dunklen Flur. D en hat sie hinter sich gelassen.

Quelle:

Claus Sasse: "Ich habe mich befreit!". Nadine Kremzow kündigte nach zehn Jahren ihren Job in einem Hotel, um einen Neuanfang zu versuchen.

Erschienen in: impulse Nr. 57, 02/20101, Seite 36-37.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 03.06.2013

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