Meine Zukunftsplanung

Das erste Stück vom langen Weg ist bereits gegangen...

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 57, 02/2011, Seite 10-13. impulse (57/2011)
Copyright: © Marcel Haack, Wiebke Kühl 2011

Meine Zukunftsplanung. Das erste Stück vom langen Weg ist bereits gegangen...

Als er die Schule verließ, war Marcel Haack 16 Jahre alt und es war nicht klar, wie und wo er arbeiten könnte. Er wurde gründlich durchgetestet und sollte schließlich in eine Werkstatt für behinderte Menschen gehen. Das wollte er nicht und beantragte ein Persönliches Budget, um seine berufliche Ausbildung selbst zu organisieren. Zunächst ging alles schief, bis er eine Persönliche Zukunftsplanung begann...

Hallo, ich heiße Marcel. Ich bin 17 Jahre alt und wohne in Husum an der Nordsee. Ich fahre gerne Fahrrad, manchmal viel, manchmal auch weniger, je nachdem, wie das Wetter so mitspielt. Am liebsten verbringe ich meine Zeit im Fitness-Studio, das ist bei mir in der Nähe und dort trainiere ich mit vielen anderen Leuten zusammen. Im Fitness-Studio habe ich auch schon viele neue Freunde gefunden, aber das war eigentlich ganz einfach. Zu Hause sitze ich gern vor meinem Laptop und chatte bei meinVZ, SchülerVZ und ICQ und bei YouTube sehe und höre ich mir Musikvideos an. Ich bin ein großer Fan von Sido, BTight und Fler. Außerdem fotografiere ich alles, was hübsch aussieht: Landschaften, tolle Häuser, Menschen, Läden und Autos. So zufrieden war ich mit meinem Leben nicht immer, denn nach der Schule lief erst einmal alles schief...

Die Schule ist zu Ende...und nun?

Die Schule habe ich mit einem Förderschulabschluss abgeschlossen, aber das ist schon über ein Jahr her. Danach war ich im Praktikum. Die Agentur für Arbeit wollte herausfinden, für welche Arbeit ich am Besten geeignet bin. Es sollte entschieden werden, ob ich in die Husumer Werkstätten gehen soll oder auf dem freien Arbeitsmarkt eine Beschäftigung finden kann. Diese Zeit war ganz schön schwer und lang. Das Ergebnis hat mir und meinen Eltern nicht gefallen. Nein, ich sehe mich nicht in einer Werkstatt für behinderte Menschen, viel lieber wollte ich auf dem Bau arbeiten! So beantragte ich mit meinen Eltern zusammen das Persönliche Budget für den betrieblichen Berufsbildungsbereich. Dann ging auf einmal alles ganz schnell. Ich suchte mir einen Jobcoach. Elke Frank, eine freiberufliche Sozialpädagogin, kannte ich schon länger, sie sollte mir meine Praktikumsplätze suchen. Ich wollte unbedingt auf dem Bau arbeiten, aber es war leider Winter und keine Baufirma wollte mich haben. Mein Jobcoach fand ersatzweise einen Bäcker, bei dem ich arbeiten konnte, das gefiel mir aber überhaupt nicht, ich wollte ja sowieso nie Bäcker werden, ich wollte immer gern eine Arbeit draußen und in Bewegung haben. Darum wurde mein erstes Praktikum auch sehr schnell wieder beendet, das war einfach nichts für mich. Von da an saß ich nun erst mal zu Hause und meine Budgetassistentin Wiebke Kühl sagte zu mir: "Du brauchst einen Plan!" Mit ihr zusammen stellte ich mir viele Fragen:

  • Warum soll ich eigentlich den ganzen Tag lang arbeiten gehen für so wenig Geld?

  • Was kann ich überhaupt gut?

  • Bin ich wirklich gern bei jedem Wetter draußen?

  • Was genau auf dem Bau reizt mich?

  • Was muss ich an meiner Einstellung verändern, um ein guter Arbeitnehmer zu werden?

  • Wie stelle ich mich in einem Betrieb vor?

Foto: Bertolt Monk

Diese ganzen Fragen zu beantworten war sehr mühsam und alle Leute um mich herum wurden immer ratloser. Wir steckten alle zusammen in einer richtigen Krise. Dann hat Wiebke Kühl mich dafür gewonnen, gemeinsam mit ihr und meinem Jobcoach Elke Frank bei einer Weiterbildung zu Persönlicher Zukunftsplanung mitzumachen. Das war sehr aufregend, aber es taten sich erst einmal neue Fragen für mich auf:

  • Wieso sollte ich lauter fremden Leuten von mir erzählen? Das geht die doch gar nichts an!

  • Warum muss ich überhaupt über meine Zukunft nachdenken? Ich will nicht zu irgendetwas gezwungen werden!

Ungefähr alle sechs Wochen fuhren wir drei zusammen den langen Weg nach Ostholstein und arbeiteten immer zwei Tage an dem Thema "persönliche Zukunftsplanung". Ich schlief sogar im Hotel, weil mir die Fahrerei zuviel wurde und nach kurzer Zeit mochte ich alle anderen Seminarteilnehmer sehr gerne. Ich begann damit, ganz neu über mich nachzudenken und beschloss, eine eigene Zukunftsplanung zu machen. Jetzt wurde es erst richtig spannend!

Ich baue mir ein "Double"

"Um seine Zukunft besser planen zu können, muss man sich heute gut kennen", erklärte Carolin Emrich im ersten Modul der Weiterbildung und wir gestalteten alle einen Körperumriss von uns selbst. Dieser wurde mit Inhalt gefüllt. Im Seminar ging das alles sehr schnell und ich bat Wiebke und Elke, ob wir zu Hause nicht einen richtigen, lebensgroßen Körperumriss von mir machen könnten. Und so kam es auch.

Zuerst gestalteten wir meine Kleidung. Mein "Double" bekam die gleichen Kleider an wie ich sie trug und ein großes Foto von mir wurde der Kopf. Um den Kopf herum klebten wir Wolken, in denen ich meine Träume beschrieben konnte. Die Träume sollen mich motivieren und mir Kraft zum Durchhalten geben, wenn es gerade mal nicht so gut läuft in meinem Leben. Meine Träume sind sehr unterschiedlich: Ich wünsche mir eine große Villa mit eigenem Sportplatz, einer riesigen Garage für viele schnelle Autos und einen ganzen Berg Goldtaler, in die ich hineinspringen darf wie Dagobert Duck. Ich wünsche mir auch, Post zu bekommen und ein eigenes Handy zu haben, eine sportliche und witzige Freundin und dass ich mal ein Wochenende mit Sido in Berlin leben darf.

In die Arme klebe und schreibe ich alles das hinein, was ich gut kann, was ich bei der Arbeit gelernt habe und wie ich sonst so bin. Ich bin zum Beispiel sehr mutig. In die Hand bekam ich einen Koffer, in dem ist aus jedem Praktikum ein Foto von mir zur Erinnerung. Nach jedem Praktikum ergänze ich den Körperumriss, so ist er immer aktuell und verändert sich, genau wie ich. Im Herzen sammele ich gute Dinge über mich. Was andere Menschen so über mich denken und sagen ist mir sehr wichtig.

Manchmal tut es weh, wenn ein Chef ein Praktikum vorzeitig beendet, weil ich nicht so gearbeitet habe, wie er es von mir erwartet hat. Alles, was die Chefs und Kollegen über mich sagen oder denken, das ist mein "Ruf". Der war früher nicht so gut und ich arbeite heute immer wieder daran, ihn zu verbessern. Während der Schule und auch danach war es mir echt egal, was andere Menschen über mich denken. Wenn ich aber eine Arbeit haben und vor allem behalten möchte, dann muss ich meine Einstellung verändern. Das weiß ich heute und deshalb sammele ich "meinen Ruf" in einem goldenen Briefumschlag. Manchmal lese ich mir die Aussagen der Chefs und Arbeitskollegen durch und staune, wie sich mein Ruf im Laufe der Zeit positiv verändert. Darauf bin ich wirklich stolz.

Im Bauch schreibe ich auf, woran ich jetzt gerade arbeite. Das mache ich zusammen mit meinem Jobcoach. Wir sind uns nicht immer einig darüber, was an dieser Stelle stehen soll. Manchmal bestimmt mein Jobcoach, dass ein Thema grade besonders wichtig ist, auch wenn ich erst mal keine Notwendigkeit sehe. Heute weiß ich, dass Elke da immer Recht mit hat und ich ihr wirklich vertrauen kann.

In die Beine habe ich alle Menschen geklebt, die mir heute wichtig sind und dazugeschrieben, warum sie so wichtig sind. Mit dem "Circle of Friends" habe ich heraus gefunden, welche Menschen mir besonders am Herzen liegen, welche ich mag, welche mit mir einfach nur bekannt sind und welche Menschen ich für ihre Unterstützung bezahle. Das ist mir sehr schwer gefallen, weil ich viele der bezahlten Unterstützer sehr gern habe und eigentlich viel näher in die Mitte geschrieben hätte. Ich musste unterscheiden, welche Menschen in meinem Leben mir gut tun und mich unterstützen und welche immer nur an mir herummeckern mir nicht helfen. Ich musste auch unterscheiden, welche von den Menschen meine eigenen Freunde sind und welche ich nur gut kenne, weil meine Eltern mit ihnen befreundet sind.

Mein Körperumriss wird im Laufe der Zeit also immer voller und bunter. Alle Methoden, die wir im Seminar gelernt haben, habe ich zu Hause mit Elke und Wiebke gründlich durchgearbeitet. Jetzt kenne ich mich also selber ganz gut. Und auch bei der Arbeit in den unterschiedlichen Praktikastellen läuft es immer besser. Kein Praktikum wurde mehr vorzeitig beendet, die Arbeit bringt mir heute Spaß und ich habe richtige Lust, mich auszuprobieren.

Ich erprobe viele Methoden

Was mir aber immer noch fehlte war eine klare Vorstellung von meiner Zukunft. Wo will ich denn dauerhaft arbeiten, und was fange ich mit meiner Persönlichkeit an?

Im Seminar lernten wir etwas über Unterstützerkreise und Zukunftsfeste. Ines Boban erzählte uns, dass es manchmal hilfreich ist, alle wichtigen Menschen um uns herum mit in die Planung einzubeziehen und sie zu fragen: "Sag mal, wo siehst Du mich eigentlich in ein paar Jahren?" Das hat mich wirklich neugierig gemacht. Vielleicht gibt es ja auch bei mir Menschen, die mir helfen können, meine Träume zu erreichen. Ich brauchte also einen Unterstützungskreis. Im Seminar fragte ich Tobias Zahn aus der Schweiz, ob er für mich das Planungstreff en moderieren kann und Inken Kramp von mixed pickles aus Lübeck bat ich, für mich zu zeichnen. Alle sagten zu und ich plante zusammen mit Wiebke weiter. Wir hatten viel vorzubereiten.

Ich lade ein....

...insgesamt 27 Menschen: Meine Familie, ein paar Nachbarn, Freunde und Freundinnen aus dem Fitness-Studio, meine Patentante, alle bezahlten Unterstützer und UnterstützerInnen, die ich habe, den Leistungsträger und natürlich meine Moderatoren Tobias und Inken.

23 von den eingeladenen Menschen kamen zu meinem Zukunftsplanungstreff en. Das Planungstreff en startete um 16 Uhr, aber Wiebke, Elke, Tobias und Inken haben sich schon am Vormittag mit mir getroffen. Beim gemeinsamen Frühstück haben wir den Tag besprochen. Ich habe meine eigene Präsentation geübt, denn zum Beginn des Treffens stellte ich mich vor mit einer PowerPoint- Präsentation über alles, was mir bisher wichtig war. Ich zeigte meinen Gästen auch die erarbeiten Materialien und beschrieb meinen Körperumriss, die Sozialraumkarte und meine Erfahrungen aus den Praktika. Meine Mutter sorgte für die Raumdekoration und die Getränke. Zwischendurch gab es eine Pause, ein Pizzaservice brachte leckere Riesen-Pizzen für alle.

Fotos: Bertolt Monk

Nach vier Stunden schwerer Arbeit und gutem Essen war ein richtiger Plan fertig. Seitdem habe ich konkrete Ziele für die Arbeit und meine Freizeit für das ganze kommende Jahr und einen Zeitplan, was davon bis Ostern alles erreicht sein soll. Und eines kann ich schon jetzt verraten: Ein paar Träume sind heute schon in Erfüllung gegangen: Ich habe nun ein eigenes Handy und kann es auch sehr sicher bedienen. Ich hatte mich bisher nie getraut, eins zu kaufen aus Angst, damit nicht umgehen zu können und ausgelacht zu werden. Ich habe mir auch einen Laptop gekauft, ich schreibe damit meine Praktikumsberichte für die Arbeit, archiviere meine Fotos und surfe im Internet. Das Beste daran ist, dass ich dabei auf meinem Bett sitzen kann! Mit meiner Mutter zusammen war ich in Berlin und habe mir den Fanladen von Sido angeschaut. Und ich habe Freunde, die mich unterstützen: Sie hören mir zu, geben mir Tipps und lernen mit mir. Mein Zimmer ist umgebaut und ich habe nun viel Platz. Für mich hat sich dieses Treff en gelohnt. Heute blicke ich zuversichtlich in die Zukunft.

Und was mache ich mit den Ergebnissen meiner Planung?

Auf dem großen Fachtag in Lensahn im September 2010 berichtete ich von meiner Planung. Ich durfte auf dem Podium vor ungefähr 350 Menschen von meiner Planung erzählen und zusammen mit Wiebke Kühl und Sabine Klein von careNETZ und anderen Budgetnehmern auch in einem eigenen Workshop über meine Planung und das Persönliche Budget erzählen. Ich fühlte mich sehr wichtig.

Weil mir meine eigene Planung und die Weiterbildung sehr viel Spaß gemacht hatten, hatte ich auch sofort Lust, mit anderen Teilnehmern der Fortbildung nach Bratislava und Prag zu fahren. Dort sollten wir zu Multiplikatoren ausgebildet werden, um dann besser von Persönlicher Zukunftsplanung berichten zu können. Das erste Seminar in Bratislava war im Februar und es haben sich dort Experten für Persönliche Zukunftsplanung aus vier Ländern von Juli Lunt aus England schulen lassen. Es wurde nur Englisch gesprochen. Für mich wurde alles übersetzt und ich habe auch ein paar englische Wörter gelernt. Manchmal war das alles ganz schön viel für mich, aber es war kein Problem für die Gruppe, wenn ich mir mal eine kleine Auszeit genommen habe, oder vielleicht noch mal nachgefragt habe. Im April gab es dann noch ein Wochenende in Prag.

Seit einem Jahr und fünf Monaten arbeite ich jetzt mit dem Persönlichen Budget in Betrieben auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Meine eigene Weiterentwicklung wird begleitet mit den Methoden der Persönlichen Zukunftsplanung und ich bin sehr stolz auf mich. Ich bin mir ganz sicher: In einem halben Jahr werde ich 18 und ich weiß genau: Über mein Leben bestimme ich und nach den Erfahrungen mit der Persönlichen Zukunftsplanung weiß ich genau, was meine Ziele sind und wie ich sie erreichen kann!

Marcel Haack:

ist Budgetnehmer und als Selbstvertreter zum Botschafter für Persönliche Zukunftsplanung ausgebildet.

Wiebke Kühl:

seit 2011 freiberuflich als Zukunftsplanerin und Referentin tätig

Kontakt und nähere Informationen:

Mail: wiebkekuehl@foni.net

Quelle:

Marcel Haack, Wiebke Kühl: Meine Zukunftsplanung. Das erste Stück vom langen Weg ist bereits gegangen...

erschienen in: impulse Nr.57, 02/2011, Seite 10-13.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 17.04.2013

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