Ein Experte für Dich

Unterstützte ArbeitnehmerInnen als BeraterInnen für den beruflichen Werdegang

AutorIn: Eveline Hermann
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 56, 01/2011, Seite 6-9 impulse (56/2011)
Copyright: © Eveline Hermann 2011

Ein Experte für Dich

Im August 2009 startete die Hamburger Arbeitsassistenz das Projekt "Ein Experte für Dich" für unterstützte ArbeitnehmerInnen. Das Projekt war konzipiert für unterstützte ArbeitnehmerInnen, die Interesse daran hatten, sich in einer Gruppe mit der eigenen Arbeitsgeschichte auseinander zu setzen und bereit waren, ihre beruflichen Erfahrungen an andere weiter zu geben. Leitidee des Projektes war es Peer Support und Empowerment für unterstützte ArbeitnehmerInnen und solche, die es werden wollen, zu steigern. Die Körber-Stiftung und die Hamburger Hochbahn förderten das Projekt bis Dezember 2010. Vorgeschichte zum Projekt "Erst Platzieren, dann Qualifizieren" lautet die Devise bei der Hamburger Arbeitsassistenz. Deshalb gliedern sich die beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen bei der Hamburger Arbeitsassistenz in eine Folge von Praktika in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes. Dahinter steht die Erkenntnis, dass Lerninhalte für Menschen

Vorgeschichte zum Projekt

"Erst Platzieren, dann Qualifizieren" lautet die Devise bei der Hamburger Arbeitsassistenz. Deshalb gliedern sich die beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen bei der Hamburger Arbeitsassistenz in eine Folge von Praktika in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes. Dahinter steht die Erkenntnis, dass Lerninhalte für Menschen mit Lernschwierigkeiten viel leichter wahrgenommen und angeeignet werden, wenn sie in einem konkret erfahrbaren Sinnzusammenhang unter Alltagsbedingungen stehen. So erhält die Fertigkeit, die Uhr lesen zu können, eine erkennbare Bedeutung, wenn die Einhaltung der Arbeits- und Pausenzeiten davon abhängig und in die Eigenverantwortung jeder ArbeitnehmerIn gestellt ist. Die Motivation sich mit dem Thema Zeit und Zeitmessung auseinander zusetzten steigt und eine kreative Suche nach Erkenntnisgewinn und Handlungsstrategien kann beginnen.

Ähnlich verhält es sich bei begründeten Entscheidungsfindungen wie z.B. bei der Frage, welche beruflichen Tätigkeiten und Branchen einer PraktikantIn interessant und geeignet erscheinen. Gerade in der Phase der beruflichen Orientierung zu Beginn einer Qualifizierungsmaßnahme oder wenn der bisher eingeschlagene Qualifizierungsweg einer Überprüfung bedarf, können persönliche Eindrücke durch eine Betriebshospitation gewonnen, hilfreich sein. Bei der Hospitation in einem Betrieb können Tätigkeiten ausprobiert und Arbeitsatmosphäre und Räumlichkeiten erlebt werden. Die Hospitation verschafft einen lebendigen und exemplarischen Eindruck davon, was die jeweilige Branche oder Tätigkeit an Arbeitsbedingungen zu bieten hat und welche Anforderungen an ArbeitnehmerInnen dort gestellt werden. So können die PraktikantInnen Neues erkunden oder vorgefasste Meinungen am konkreten Erleben überprüfen und zu einer Entscheidung für die berufliche Qualifizierung aufgrund selbst gewonnener Erkenntnisse gelangen.

Heute gehören Betriebserkundungen für SchülerInnengruppen in der schulischen Berufsorientierung sowie für PraktikantInnen zu Beginn ihrer Qualifizierungsmaßnahme ebenso zum regelhaften Angebot der Hamburger Arbeitsassistenz wie Hospitationen einzelner PraktikantInnen im Verlauf ihrer Qualifizierungsmaßnahme.

Das ExpertInnenteam bei der Hamburger Arbeitsassistenz

Peer Support bei Betriebserkundungen

Die Betriebserkundungen gliedern sich in drei Phasen. In der ersten Phase bildet die Erkundungsgruppe (SchülerInnen oder PraktikantInnen) Hypothesen zu den jeweiligen Branchen und Tätigkeiten und sammelt Fragen, die sie während der Hospitation klären möchten. In der zweiten Phase findet die Hospitation statt. In der Regel erhält die Hospitationsgruppe eine Einführung in die Betriebsabläufe und kann in einem Interview die vorbereiteten Fragen klären. Sofern es die Bedingungen im Betrieb zulassen, können die Besucher einzelne Tätigkeiten selbst ausprobieren. In der dritten Phase wertet die Gruppe die Erkenntnisse der Hospitation aus und stellt einen Vergleich mit den anfänglichen Hypothesen an.

Der Erkenntnisgewinn für die Hospitationsgruppe ist deutlich höher, wenn die GesprächspartnerInnen im Betrieb unterstützte ArbeitnehmerInnen sind. GeschäftsführerInnen und KollegInnen ohne Lernschwierigkeiten betrachten und erläutern Tätigkeiten und Abläufe aus einer anderen Perspektive und kommen zu anderen Einschätzungen als unterstützte ArbeitnehmerInnen mit Lernschwierigkeiten.

Die Frage beispielsweise, wie im Betrieb Pausen- und Arbeitszeiten eingehalten werden, interpretiert eine GeschäftsführerIn wahrscheinlich eher gewerkschaftlich motiviert und wird ihre Antwort darauf abstimmen. Eine unterstützte ArbeitnehmerIn, die sich kreative Handlungsmuster zur Einhaltung der Arbeits- und Pausenzeiten erarbeitet hat, wird die Frage auch handlungsorientiert und damit näher an der Lebensrealität der Hospitationsgruppe beantworten. Sie wird ähnliche Worte wählen, also die gleiche Sprache sprechen, wie die TeilnehmerInnen der Hospitation, so dass ihre Erläuterungen für die Gruppe besser verständlich sind. Gleiche Sprache und ähnliche Lebenserfahrungen erleichtern das gemeinsame Gespräch und den Informationsaustausch. Nach einer Betriebshospitation beschreibt ein Praktikant seine Erfahrungen im Austausch mit einem unterstützten Arbeitnehmer so: "... dann bist du nicht mehr so schüchtern, dann traust du dich mehr und fragst auch mal nach ...". Die unterstützten ArbeitnehmerInnen zeigen den SchülerInnen und PraktikantInnen in den Hospitationen, dass es trotz Lernschwierigkeiten möglich ist, notwendige Fertigkeiten und Kenntnisse für den jeweiligen Arbeitsbereich zu erlernen und einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu halten. Dieses Vorbild kann die HospitationsteilnehmerInnen ermutigen für sich selbst eine ebenso erfolgreiche berufliche Tätigkeit in der Zukunft denkbar werden zu lassen. "Es war schon klasse zu sehen, wie sie sich auskennt und ihren Job macht. ...Wenn sie hier arbeitet, habe ich vielleicht auch eine Chance," fasste ein Praktikant seine Hospitationserfahrungen zusammen.

In den Nachgesprächen zu den Hospitationen stellten die unterstützten ArbeitnehmerInnen immer wieder fest, wie gut die SchülerInnen und PraktikantInnen auf ihren Besuch vorbereitet waren. Es wurden zum Teil Fragen an die unterstützten ArbeitnehmerInnen herangetragen, über die sie sich schon lange nicht mehr oder noch gar keine Gedanken gemacht hatten, so dass das Handeln in der Gesprächssituation und das Formulieren einer Antwort schwierig war. Sie äußerten den Wunsch sich auf die Hospitationen eingehender vorzubereiten, um Fragen mit einer größeren Klarheit beantworten und sich in solch schwierigen Momenten sicher verhalten zu können.

So entstand die Idee zur Weiterbildung für unterstützte ArbeitnehmerInnen zu ExpertInnen für den eigenen beruflichen Weg.

Die Projektgruppe

An der Weiterbildung zu ExpertInnen für den eigenen beruflichen Weg nahmen sechs Männer und sieben Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren teil, die alle eine berufliche Qualifizierung durch die Hamburger Arbeitsassistenz erhalten hatten. Zehn waren (ehemals) unterstützte ArbeitnehmerInnen, weitere drei befanden sich am Ende ihrer beruflichen Qualifizierung (aus insgesamt 6 verschiedenen Branchen). Die TeilnehmerInnen hatten entweder die Sonderschule oder eine Integrationsklasse besucht. Manche brachten Erfahrungen aus der Werkstatt für behinderte Menschen mit, andere hatten sich direkt nach der Schule für die Qualifizierung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt entschieden. Einige in der Gruppe hatten bereits Erfahrungen als ExpertInnen gesammelt, die anderen TeilnehmerInnen stellten sich dieser Herausforderung im Verlauf der Weiterbildung zum ersten Mal.

Alle WeiterbildungsteilnehmerInnen verfügen über das Fachwissen ihres jeweiligen Arbeitsbereichs und sind in der Lage, die eigenen Tätigkeiten und damit verbundenen Anforderungen darzustellen und persönlich einzuschätzen. Sie alle besitzen die Bereitschaft über persönliche Herausforderungender eigenen beruflichen Entwicklung nachzudenken und mit anderen über diese Erfahrungen zu sprechen. Darüber hinaus verfolgen alle TeilnehmerInnen den Wunsch sich persönlich weiterzuentwickeln.

Die Themen der Weiterbildung

Im Verlauf des Projekts traf sich die Gruppe regelmäßig zum Austausch und zur Erarbeitung dreier Themenbereiche:

  • ExpertIn sein

  • Mein beruflicher Weg

  • Tipps und Tricks der Präsentation.

Die Gruppe diskutierte in den ersten Treffen ihr Verständnis des Begriff s ExpertIn und inwiefern er auf sie selbst anzuwenden sei. Ihrer Auffassung nach haben ExpertInnen in einem bestimmten Bereich Wissen erworben und gesammelt, das sie dazu befähigt dieses Wissen anzuwenden und an andere weiterzugeben. Die Kenntnisse der ExpertInnen sind in der Regel begrenzt auf das jeweilige Spezialgebiet und können unterschiedlich umfangreich und tiefgehend sein. Auf der Grundlage dieser Begriffsklärung folgerte die Gruppe, dass sie sich selbst als ExpertInnen ausschließlich für den eigenen beruflichen Weg betrachten, da sie diese Erfahrungen selbst gesammelt haben und nur über diese Erfahrungen sicher Auskunft geben können. Dieses persönliche Erfahrungswissen befähige sie nicht dazu, anderen einen Rat für deren berufliche Entscheidungen zu geben.

Der Themenbereich "Mein beruflicher Weg" beinhaltete fünf Schwerpunkte: Arbeit und Freizeit heute, Fähigkeiten und Fertigkeiten, Gefühle und Fragen zu Beginn des Arbeitslebens, Herausforderungen des Arbeitsalltags, hilfreiche Strategien und UnterstützerInnen bei der Bewältigung von beruflichen Schwierigkeiten. Die TeilnehmerInnen erhielten die Gelegenheit ihren beruflichen Werdegang unter diesen Aspekten zu reflektieren und eine Standortbestimmung innerhalb ihrer persönlichen Entwicklung vorzunehmen. Sie beurteilten ihre Erfahrungen dahingehend, was sie bisher erreicht hatten und welche Ziele sie weiter verfolgen.

Im letzten Themenbereich "Tipps und Tricks der Präsentation" befasste sich die Gruppe mit Fragen der Organisation einer Hospitation oder eines ExpertInnengesprächs. Welche Informationen müssen vorliegen? Wer muss informiert werden und was ist vorzubereiten, damit das Gespräch stattfinden kann? Sie erarbeiteten sich auch Kenntnisse der nonverbalen Kommunikation im Hinblick auf gelingenden Kontakt zwischen Gesprächspartnern durch Blick, Mimik und Gestik und erprobten sich in der Präsentation. Die Gruppe diskutierte schwierige Gesprächssituationen und mögliche Verhaltensweisen, um die Situation zu entschärfen oder selbst handlungsfähig zu bleiben. Nicht zuletzt besprach die Gruppe unterschiedliche Erwartungen verschiedener GesprächspartnerInnen und die Besonderheit der Fragestellungen der jeweiligen Gruppe, z.B. von SchülerInnen ohne eigene Berufserfahrung und PraktikantInnen, die bereits erste Berufserfahrungen gesammelt haben. Im Verlauf des Projekts thematisierte die Gruppe wiederholt die Grenzen dessen, was Gegenstand von Gesprächen über ihre Berufserfahrungen sein kann. Kontrovers wurde z.B. über Gehaltsauskünfte oder Probleme mit ArbeitskollegInnen und Vorgesetzten diskutiert. Die Gruppe war sich meist einig darin, dass letztlich der Grad der Konkretheit und die Formulierung des Sachverhalts, also das Wie-darübergesprochen-wird, entscheidend ist, ob etwas Gegenstand des Gesprächs sein kann. Gemeinsam sammelten sie aussagekräftige Formulierungen und Umschreibungen schwieriger Themen.

Die ExpertInnen im Gespräch

Während des Projekts erhielt jede/r TeilnehmerIn die Gelegenheit mindestens ein Mal als ExpertIn zu agieren. Sie stellten ihren Arbeitsplatz vor oder berichteten über ihre Tätigkeiten. Sie gaben Auskunft über den Verlauf ihrer beruflichen Qualifizierung und die Zusammenarbeit mit ihren ArbeitsassistentInnen während der Qualifizierung. Sie erzählten von den Beweggründen zur Wahl ihrer beruflichen Tätigkeiten oder von Alltagsproblemen am Arbeitsplatz und deren Bewältigung. Die Themen richteten sich nach den Fragestellungen der GesprächspartnerInnen. Angefragt wurden diese Gespräche nicht nur von SchülerInnen und PraktikantInnen mit Lernschwierigkeiten sondern auch von WerkstattmitarbeiterInnen, pädagogischen MitarbeiterInnen von Werkstätten für behinderte Menschen, StudentInnen sonderpädagogischer Fachrichtungen und Angehörigen von Menschen mit Lernschwierigkeiten. In der Aktion "Ein Tag für Dich" lud jede/r ExpertIn eine/n PraktikantIn, die ihre berufliche Qualifizierung bei der Hamburger Arbeitsassistenz begonnen hatte, zu sich an den Arbeitsplatz zum gegenseitigen Kennenlernen und zum persönlichen Austausch über die aktuelle Arbeitssituation ein.

Die ExpertInnen schätzten im Verlauf des Projekts den Austausch in der Gruppe über die beruflichen Qualifizierungserfahrungen, über die Probleme des Arbeitsalltags und über ihre Erfahrungen als ExpertInnen. In den moderierten Gruppengesprächen konnten die TeilnehmerInnen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beruflichen Erfahrungen herausarbeiten und bei aktuellen Arbeitsproblemen von den Erfahrungen der anderen TeilnehmerInnen profitieren. Sie tauschten sich intensiv darüber aus, wie sie Hospitationen und Gespräche als ExpertInnen erlebt hatten, und gewannen zunehmend an Sicherheit, dass schwierige Momente durchaus dazu gehören und bewältigt werden können.

Die ExpertInnen beurteilten die durchgeführten Hospitationen und Gespräche als positive Erlebnisse, die sie darin bestärkten, dass ihre beruflichen Erfahrungen von Interesse für andere sind und damit von größerer Bedeutung sind als sie zu Beginn des Projekts vermutet hätten. Einige ExpertInnen konnten mit Stolz bemerken, dass die ArbeitskollegInnen ihrem Engangement als ExpertInnen mit Respekt begegneten. Auch nach Abschluss des Projekts werden die ExpertInnen für Gespräche und Hospitationen zur Verfügung stehen. Denn, so beschrieb es einer der ExpertInnen, es ist so schön, wenn das Kribbeln im Bauch nachlässt und wenn ich mir nach dem Gespräch sagen kann: Ich habe es geschafft!

Eveline Hermann ist Diplom Pädagogin und Arbeitsassistentin bei der Hamburger Arbeitsassistenz

Kontakt und nähere Informationen Eveline Hermann Hamburger Arbeitsassistenz Schulterblatt 36, 20357 Hamburg Tel.: 040 / 431 33 90

Quelle:

Eveline Hermann: Ein Experte für Dich: Unterstützte ArbeitnehmerInnen als BeraterInnen für den beruflichen Werdegang

Erschienen in: impulse Nr. 56, 01/2011, Seite 6-9

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 04.02.2013

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation