Das muss sich ändern für Inklusion!

AutorIn: Barbara Vieweg
Schlagwörter: Berufliche Integration, Selbstbestimmung, Arbeitsmarkt, Inklusion, Persönliches Budget, Gleichberechtigung, Barrierefreiheit, UN-Konvention
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 53, 2/10, S. 21-27 impulse (53/2010)
Copyright: © Barbara Vieweg 2010

Vor-Bemerkung

In diesem Text werden die Worte normale Arbeit benutzt.

Damit sind Arbeits-Plätze gemeint, die nicht in der Werkstatt sind und für die so viel Lohn bezahlt wird, dass man davon leben kann.

So soll der Text leichter zu lesen sein.

Normal bedeutet aber nicht dasselbe wie gut!

Mit Werkstatt ist hier immer die Werkstatt für behinderte Menschen gemeint.

Einleitung

Es gibt eine Vereinbarung zwischen vielen Ländern über die Rechte behinderter Menschen.

In der Vereinbarung steht:

Behinderte Menschen müssen dieselben Rechte haben wie Nicht-Behinderte.

Behinderte Menschen dürfen nicht gegen ihren Willen von Nicht-Behinderten getrennt werden:

nicht in der Schule, nicht auf der Arbeit und auch nicht sonst irgendwo.

Dafür gibt es ein Fremd-Wort:

Inklusion.

Auch Deutschland hat dieser Vereinbarung zugestimmt.

Jetzt muss sich Deutschland an die Vereinbarung halten.

Deswegen denken viele Menschen über die Frage nach:

Was muss sich ändern, damit die Vereinbarung eingehalten wird?

Und ist das überhaupt möglich?

Zu diesen Fragen will ich meine Meinung sagen.

Und so will ich das machen:

Manche behaupten, dass das mit der Inklusion nicht klappen kann.

Oder dass das nur etwas für bestimmte behinderte Menschen ist.

Ich stelle hier 10 Behauptungen gegen Inklusion vor. (Fette Schrift).

Und was ich darüber denke. (Normale Schrift)

Behauptung 1: Selbst-Bestimmung ist nur etwas für Körper-Behinderte. Aber nichts für Menschen mit Lern-Schwierigkeiten.

Das ist Unsinn.

Denn selbst-bestimmt leben bedeutet nicht, dass man tun und lassen kann was man will.

Es bedeutet auch nicht, dass man keine Hilfe braucht.

Es bedeutet:

Behinderte Menschen müssen genauso frei über ihr Leben entscheiden dürfen wie Nicht-Behinderte.

Dafür müssen sie dieselben Möglichkeiten haben.

Deshalb darf niemand von Nicht-Behinderten getrennt werden, nur weil er behindert ist.

Es bedeutet das Recht auf gemeinsames Lernen, Arbeiten, Wohnen und Spaß haben.

Es bedeutet das Recht auf die dafür nötige Unterstützung.

Selbst-Bestimmt Leben bedeutet auch das Recht, Fehler zu machen und daraus zu lernen.

Es bedeutet auch das Recht, selbst herauszufinden, bei welchen Dingen man sich helfen lassen will und vielleicht auch helfen lassen muss.

Manche brauchen auch dafür Unterstützung.

Ob man selbst-bestimmt Leben kann, hängt nicht von der Behinderung ab.

Sondern von der richtigen Unterstützung.

Behauptung 2: Wenn von Inklusion die Rede ist, wird behinderten Menschen viel versprochen, was oft nicht gehalten werden kann. Darüber sind sie dann sehr enttäuscht und verlieren ihren Mut.

Wenn man etwas ausprobiert, kann es auch schief gehen.

Aber wer nichts ausprobiert, wird auch nichts verbessern.

Auch nicht sein eigenes Leben.

Es ist deshalb auch nicht richtig, Menschen vor Enttäuschungen zu schützen.

Sondern: Man muss Menschen helfen, dass sie bei Enttäuschungen nicht den Mut verlieren, und dass sie daraus vielleicht etwas Gutes lernen können.

Behauptung 3: Es gibt so viele Arbeitslose. Da haben nur ganz wenige Werkstatt-Beschäftigte eine Chance auf normale Arbeit.

Fachleute haben untersucht, wovon es abhängt, dass Werkstatt-Beschäftigte auf normale Arbeits-Plätze wechseln können.

Es scheint nicht so wichtig zu sein, ob es viele oder wenige Arbeitslose gibt.

Es scheint wichtiger zu sein, ob es Busse oder Straßen-Bahnen gibt, mit denen die behinderten Menschen gut zur normalen Arbeit hinfahren können.

Manche befürchten, dass es immer weniger normale Arbeit gibt, die einfach genug ist für Menschen, die sonst in der Werkstatt arbeiten.

Die Fachleute meinen, dass das nicht so ist.

Wichtig ist auch, Arbeits-Plätze zu finden und so zu verändern, dass auch behinderte Menschen, die viel Hilfe brauchen, dort arbeiten können.

Denn nur so können Arbeit-Geber lernen, dass auch diese Menschen gute Arbeit leisten können.

Behauptung 4: Dienste, die Menschen außerhalb von Werkstätten unterstützen, müssen ihre Arbeit genauso gut machen wie die Werkstätten.

Es gibt Werkstätten.

Und es gibt Dienste außerhalb von Werkstätten, die behinderten Menschen helfen sollen, normale Arbeit zu finden und dort auch gut klar zu kommen.

Wie kann man es schaff en, dass diese Dienste ihre Arbeit gut machen?

Man könnte den Diensten vorschreiben, so ähnlich wie Werkstätten zu arbeiten.

Zum Beispiel, dass die Mitarbeiter in den Diensten die gleiche Ausbildung haben müssen wie die Mitarbeiter in den Werkstätten.

Das ist aber keine gute Idee.

Denn die Dienste sollen etwas ganz anderes tun als die Werkstatt.

Dazu passen dann solche Vorschriften vielleicht gar nicht.

Manchmal haben Dienste und Werkstätten aber auch denselben Auftrag.

Dann sollen sie voneinander lernen und zusammen-arbeiten,

Sie sollen nicht dem anderen das Arbeiten schwer machen.

Behauptung 5: Selbst-Bestimmung und Inklusion ist ein schöner Traum. Doch den Politikern und den Leuten, die sie wählen, ist dieser Traum viel zu teuer.

Behinderte Menschen und nicht-behinderte Menschen gehören zusammen!

Behinderte Menschen dürfen nicht einfach von Nicht-Behinderten getrennt werden!

Behinderte Menschen sollen selbst entscheiden, wo sie wohnen wollen.

Zum Beispiel in der Stadt, wo ihre Familie oder ihre Freunde wohnen.

Dort sollen sie auch die Unterstützung bekommen können, die sie vielleicht brauchen.

Wenn eine Stadt oder eine Gemeinde Angebote für ihre Bürger macht, dann müssen auch ihre behinderten Bürger die nutzen können.

Zum Beispiel Theater.

Oder Volks-hoch-schulen.

Oder Treff-Punkte.

Das ist nicht irgendein Wunsch-Traum.

Das steht in der Vereinbarung über die Rechte behinderter Menschen.

Und auch Deutschland hat diese Vereinbarung unterschrieben.

Jetzt müssen sich die Politiker darum kümmern, dass die Vereinbarung eingehalten wird.

Auch wenn das vielleicht viel Geld kostet.

"Beim Verarbeiten von Gemüse beweist Herr S. seine Fähigkeiten"

Behauptung 6: Manche behinderte Menschen brauchen besonders viel Hilfe. Sie müssen deshalb immer in Werkstätten arbeiten.

Manche Menschen können wegen ihrer Behinderung tatsächlich keine normale Arbeit bekommen.

Sie brauchen bei der Arbeit viel Unterstützung.

Aber die müssen sie nicht unbedingt in einer Werkstatt bekommen.

Behauptung 7: Die Welt da draußen ist schlecht. Menschen mit Behinderung haben es da sehr schwer.

Nicht die Welt draußen ist schlecht.

Sondern dass es so etwas wie ein Drinnen gibt:

die Heime und Werkstätten für behinderte Menschen.

Und eine Welt der Nicht-Behinderten.

Wenn behinderte Menschen aber das Draußen nicht kennen lernen, dann werden sie immer Angst davor haben.

Manche Einrichtungen haben das begriffen:

Sie geben den Menschen mit Behinderungen Schutz, wo sie ihn noch brauchen.

Aber sie achten auch darauf, dass sich behinderte Menschen nicht verstecken.

Sondern dass sie gemeinsam mit Nicht-Behinderten arbeiten, leben, Spaß haben.

Und es dadurch die Draußen-Welt der Nicht-Behinderten nicht mehr gibt.

Behauptung 8: Behinderte Menschen können mit dem Persönlichen Geld leichter normale Arbeit finden.

Man kann sich entscheiden:

Sach-Leistung oder Persönliches Geld.

Mit dem Persönlichen Geld werden behinderte Menschen zu Kunden.

Mit dem Persönlichen Geld können sie dann genau die Hilfe einkaufen, die sie gerade brauchen.

Und sie kaufen dann die Unterstützung bei der Stelle ein, von der sie denken:

Die kann das am besten.

Vielleicht kaufen sie sich die Unterstützung bei verschiedenen Stellen ein.

Zum Beispiel ein Teil Unterstützung bei einer Werkstatt.

Und einen anderen Teil bei einem Integrations-Fach-Dienst.

So können sie mehr selbst bestimmen.

Und sie bekommen (vielleicht) bessere Unterstützung.

Manche haben erwartet:

Mit dem persönlichen Geld ist es leichter, von einer Werkstatt auf einen normalen Arbeitsplatz zu wechseln.

Oder eine Ausbildung in einem normalen Betrieb zu machen anstatt in einem Berufs-Bildungs-Werk.

Leider ist das noch nicht so.

Das liegt zum einen an den Kosten-Trägern.

Kosten-Träger sind die, die die Unterstützung bezahlen müssen.

Zum Beispiel die Arbeits-Agentur. Oder das Sozial-Amt.

Die Kosten-Träger machen es oft sehr schwer, genug Persönliches Geld zu bekommen.

Das liegt aber auch an denen, die die Unterstützung anbieten.

Zum Beispiel an den Werkstätten.

Die müssten überlegen, welche Teil-Unterstützung sie anbieten wollen und was die kostet.

Sie wollen das aber nicht oder es fällt ihnen sehr schwer.

Deshalb haben sich die Erwartungen nicht erfüllt.

Deshalb sollte man das Persönliche Geld aber nicht aufgeben.

Sondern: Man muss mehr dafür tun, dass das Persönliche Geld seinen Zweck erfüllen kann.

Behauptung 9: In der Zukunft werden die Werkstätten abgeschafft.

Ein solcher Satz macht Werkstatt-Beschäftigten nur unnötig Angst.

Denn es geht nicht darum, die Werkstätten einfach abzuschaffen.

Sondern darum geht es:

Auch behinderte Menschen mit mehr Hilfe-Bedarf haben das Recht zu wählen, ob sie in einer Werkstatt oder wo-anders arbeiten.

Deshalb muss es auch für sie mehr gute Arbeits-Angebote außerhalb der Werkstatt geben.

Was auch immer passiert:

Es darf nicht ohne die Menschen entschieden werden, die davon betroffen sind.

Behauptung 10: In der Werkstatt zu arbeiten hat zu viele Vorteile, die man bei normaler Arbeit nicht hat. Darum arbeiten viele behinderte Menschen lieber in der Werkstatt, auch wenn sie normale Arbeit haben können. Darum muss man einige Vorteile ab-schaffen.

Wer das fordert, will eigentlich nur Geld sparen.

Es ist falsch, den Werkstatt-Beschäftigten Rechte und Vorteile weg-zu-nehmen.

Richtig ist:

Man muss mehr Rechte und Vorteile schaffen für behinderte Menschen, die nicht in der Werkstatt arbeiten.

- - - - - - - - - - - - - - - - -

Quelle:

Barbara Vieweg: Das muss sich ändern für Inklusion!

Erschienen in: impulse Nr. 53, 2/10, S. 21-27

Original: http://www.bag-ub.de/impulse/download/impulse53-web.pdf

bidok - Internetvolltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet.

Stand: 30.07.2012

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation