"Auch ich kann was leisten"

Der Weg zur erfolgreichen beruflichen Integration

AutorIn: Christine Giga
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 53, 2/2010, S. 28-30 impulse (53/2010)
Copyright: © Christine Giga 2010

"Auch ich kann was leisten"

Herr S. ist von Geburt an gehörlos und hat Lernschwierigkeiten. Trotz dieser schweren Ausgangsbedingungen wollte er einen "richtigen" Beruf ausüben. Wie hat er das geschafft?

Die Ausgangssituation

Herr S. ist 22 Jahre alt und von Geburt an gehörlos in Verbindung mit einer Lernbeeinträchtigung. Er besuchte elf Jahre eine Schule für Hörgeschädigte, beherrscht aber die Gebärdensprache kaum. Er hat versucht, sich in der hörenden Welt einzurichten und nutzt zur Kommunikation das Fingeralphabet und eigene symbolische Gebärden. Oft kann Herr S. aber Zusammenhänge nicht verstehen. Ein Dialog mit fremden Personen und die Auseinandersetzung mit ungewohnten Situationen sind für ihn sehr schwierig.

All das schienen keine guten Bedingungen für den Start in ein erfolgreiches Berufsleben zu sein. Trotzdem bestand bei Herrn S. und seinen Eltern der verständliche Wunsch, einen Arbeitsplatz zu finden, der seinen Interessen, Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Es sollte etwas sein, das ihm Freude macht, bei dem er sich gefordert, aber auch wohl fühlt. Vor allem wollten sie den Weg in eine Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) nicht gehen, denn hier gab es für ihn keine passenden Angebote.

Der Weg zum Beruf

Ein berufsvorbereitendes Jahr im Berufsbildungswerk für Hörgeschädigte in Leipzig nach der Schule verlief für Herrn S. nichterfolgreich. Die Fähigkeit, eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt auszuüben, wurde von den Bildungsbegleitern negativ eingeschätzt und die Einmündung in eine Tätigkeit unter den geschützten Bedingungen einer WfbM empfohlen. Dort absolvierte er dann zwei Praktika, nach denen sich nochmals der Wunsch bestätigte, hier nicht arbeiten zu wollen. In dieser Zeit erfuhren Herr S. und seine Eltern von der Möglichkeit der Nutzung des Persönlichen Budgets. Das Persönliche Budget ist im Gegensatz zur Sachleistung eine Geldleistung und soll anspruchsberechtigten Menschen mit Behinderung individuelle, für sie passgenaue Teilhabemöglichkeiten eröffnen. Im Fall von Herrn S. betriff t das vor allem die berufliche Teilhabe. Es begann die Suche danach, wie er das Persönliche Budget für Alternativen zu konventionellen Beschäftigungsmöglichkeiten einsetzen könnte. Im Laufe der Recherchen stieß Familie S. auf NIAB - Netzwerk Integrationsassistenz Brandenburg in Fürstenwalde.

NIAB bietet in der Region Ost-Brandenburg Beratung, Unterstützung und Begleitung für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf an, wenn es um berufliche Integration geht.

Mit den Angeboten

  • Betriebsintegrierter Berufsbildungsbereich,

  • Betriebliches Training,

  • Unterstützte Beschäftigung,

  • Jobcoaching und Arbeitsassistenz sowie

  • den Projekten "Nutze deine Chance - Persönliches Budget" und "JobBudget"

ist NIAB innovativer Ansprechpartner für alle Angelegenheiten der individuellen beruflichen Integration. Die langjährige Erfahrung von NIAB zeigt, dass Menschen mit Behinderung erfolgreich auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt platziert und qualifiziert werden können, wenn arbeitsbegleitende Unterstützung geleistet wird. Vor allem das Persönliche Budget wird hierfür als wirkungsvolles Instrument favorisiert.

Die ersten Schritte

Herr S. kam mit seinen Eltern im August 2007 mit dem Wunsch zu uns, gemeinsam einen ganz individuellen Weg zur beruflichen Teilhabe zu finden, der seinen Bedürfnissen und Ansprüchen gerecht wird und bisher nirgends realisiert werden konnte. Das war der Beginn einer langen Zusammenarbeit, an deren Anfang viele Gespräche standen. Großes Interesse zeigte Herr S. am Hauswirtschaftsbereich und dem Arbeiten in der Küche. Bei seinem Unterstützungsbedarf stellten wir fest, dass er aufgrund seiner Gehörlosigkeit und Lernbeeinträchtigung besonderer Hilfen zur Förderung seiner kommunikativen Fähigkeiten bedarf. Dieses Defizit auszugleichen, wurde als grundlegend für das Gelingen seiner Integration angesehen. Gemeinsam mit Herrn S. wurde die Teilnahme am Betriebsintegrierten Berufsbildungsbereich (BiBB), finanziert über ein Persönliches Budget, beschlossen. Der Kostenträger war die Agentur für Arbeit. Obwohl die Höhe des bewilligten Budgets nicht dem vollen Umfang des Unterstützungsbedarfs entsprach, konnte Herr S. im Oktober 2007 diese Maßnahme in der "Fachklinik und Moorbad Bad Freienwalde" beginnen. Das Ziel war die Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt. "Bei der Entscheidung für Herrn S. war es für unser Unternehmen wichtig, einen konkreten Ansprechpartner zu haben, der die Qualifizierung aktiv begleitet und bei der Klärung von Fragen und Problemen zur Verfügung steht", sagt die Verwaltungsleiterin Frau Heinrich. Die Qualifizierung erfolgte nach einem individuellen Förderplan und gliederte sich in fachpraktische Arbeit und fächerübergreifende Unterweisungen. Dabei wurde er von Beginn an intensiv mit Job Coaching durch eine Integrationsassistentin von NIAB und durch eine Kommunikationsassistentin unterstützt. Das Job Coaching ist ein entscheidender Schwerpunkt bei der Qualifizierung. Angelehnt an das Konzept der "Unterstützten Beschäftigung" werden hierbei u. a. Tätigkeiten in der realen Arbeitsumgebung kleinschrittig erarbeitet und trainiert, Hilfen bei veränderten Arbeitsbedingungen gegeben und Maßnahmen zur Stabilisierung des Arbeitsverhältnisses durchgeführt.

Der erste Job

Herr S. begann seine Tätigkeit zuerst im hauswirtschaftlichen Bereich. Dort lernte er Aufgaben in der Haus- und Zimmerreinigung, im Wäscheservice und in der Gartenpflege kennen. Sein Wunsch war es aber, in der Küche zu arbeiten, und ab März 2008 lernte er diesen neuen Bereich kennen. In den ersten Monaten verrichtete er verschiedene Tätigkeiten zur Feststellung seiner Eignung, Leistungsfähigkeit und besonderen Interessen. Dabei spielte auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen eine Rolle. Vieles war für Herrn S. neu.

Er lernte

  • die Stationen in der Küche kennen,

  • welche Produkte wo verarbeitet werden,

  • die Benutzung der Arbeitsgeräte in der Küche,

  • das Reinigen und Verräumen von Geschirr und

  • das Anrichten der Speisen.

Das funktionierte nur im ständigen Austausch mit der Integrationsassistentin, der Kommunikationsassistentin und den Kollegen. Das benötigte Wissen musste in eine für ihn verständliche Form gebracht und oft wiederholt werden.

Erste Erfolge

Herr S. wurde in seiner Arbeit immer sicherer und rücksichtsvoller. Besonders beim Verarbeiten von Gemüse und Zubereiten von Speisen für Buffets konnte er seine Fähigkeiten beweisen. Neben der Förderung seiner fachlichen Kompetenzen stand gleichberechtigt der Ausbau der kommunikativen und sozialen Fähigkeiten. Herr S. konnte zu Beginn seiner Tätigkeit nicht mit Kollegen oder Patienten in Kontakt treten und auch seine Verhaltensweisen gegenüber anderen waren oft nicht angemessen. In vielen Wiederholungen hat er inzwischen einfache arbeitsbezogene und allgemein-kommunikative Gebärden erlernt. Den Kollegen ist er mittlerweile als freundlicher und engagierter Mitarbeiter bekannt und sie bemühen sich, auf seine spezielle Art zu kommunizieren einzugehen. Selbst eine Umarmung oder das Berühren an der Schulter - für Herrn S. oft die einzige Möglichkeit seine Emotionen auszudrücken - erkennen sie jetzt als Sympathiebekundung und nicht mehr nur als bloße Übertretung gültiger Distanzregeln.

Besondere Stärken von Herrn S:: Dekoration und Fingerfood

Die Mühe hat sich gelohnt!

Hinter Herrn S. liegen zwei ereignisreiche Jahre. Der junge Mann hat viele neue Erfahrungen gesammelt. Er musste sich in ganz unbekannten Situationen orientieren, viele Dinge dazu lernen und auch Rückschläge verkraften. Aber er hat es geschafft. Am 01. Oktober 2009 wurde Herr S. von der "Fachklinik und Moorbad Bad Freienwalde" als Küchenhelfer übernommen. Er arbeitet nun auf einem neu geschaffenen, speziell auf seine Fähigkeiten zugeschnittenen Arbeitsplatz. Das wäre ohne seine hohe Motivation und vor allem die kontinuierliche Unterstützung durch die Integrationsassistenz nicht möglich gewesen. Große Anerkennung gilt auch dem Unternehmen, das ein hohes Maß an sozialem Engagement bewiesen hat.

Und wie geht es weiter?

Auch wenn sich Herr S. sein Ziel einer Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt, die seinen Bedürfnissen und Ansprüchen gerecht wird, erarbeitet hat, ist das noch nicht das Ende seines Berufsweges. Die Stellenbeschreibung seines Arbeitsplatzes beinhaltet Aufgaben, die über die bisher qualifizierten Tätigkeiten hinausgehen und ihm nach und nach übertragen werden sollen. Das macht eine Nachbetreuung in Form von Arbeitsassistenz nötig, damit eine Weiterbeschäftigung und das Fortbestehen des Arbeitsverhältnisses abgesichert werden können. Eine wesentliche Herausforderung besteht also darin, qualifizierte Unterstützungsleistungen im Anschluss an die Aufnahme seiner sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zu finanzieren. Aus diesem Grund, aber auch aus der Notwendigkeit einer weiterführenden Kommunikationsassistenz heraus, wurde ein weiterführender Antrag auf ein Trägerübergreifendes Persönliches Budget gestellt.

Fazit

Das Beispiel von Herrn S. zeigt sehr deutlich, dass auch für Menschen mit schweren Beeinträchtigungen Integrationsmöglichkeiten außerhalb eingefahrener Wege bestehen. Gerade über die Berufstätigkeit wünschen sich viele Menschen Anerkennung. Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf äußern oft den Wunsch, eine "richtige" Arbeit machen zu wollen und auswählen zu können, wo und wie sie arbeiten. Um ihre Bedürfnisse zu realisieren, ist ein großes Maß an Engagement vieler Beteiligter nötig. Es gibt nun einmal keine Standardformeln, wenn ganz individuelle Lösungen benötigt werden. Unsere Erfahrung zeigt, dass sich dieses Engagement lohnt. Selbstbestimmung und Eigenverantwortung müssen auch für Menschen einlösbar sein, die auf Unterstützung angewiesen sind.

Autorin

Christine Giga ist Projektkoordinatorin bei NIAB

Kontakt und nähere Informationen

Netzwerk Integrationsassistenz Brandenburg

Eisenbahnstr. 9, 15517 Fürstenwalde

Tel.: 03361 - 7110 90, Fax: 03361 - 711091

E-Mail: niab@kowa-ffo.de

Quelle:

Christine Giga: "Auch ich kann was leisten". Der Weg zur erfolgreichen beruflichen Integration.

Erschienen in: impulse Nr. 53, 2/2010, S. 28-30

bidok-Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 06.06.2012

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