Persönliches Budget und Autismus

Neue Möglichkeit der sozialen und beruflichen Inklusion

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 51, 04/2009, S. 42-44 impulse (51/2009)
Copyright: © Matthias Dalferth 2009

Persönliches Budget und Autismus

In Deutschland leben weitaus mehr Menschen aus dem autistischen Spektrum als bisher angenommen. In Orientierung an internationalen Untersuchungen sind bis zu 66 Personen von 10 000 dem autistischen Spektrum zuzurechnen (Bölte 2009, 69). Der Bekanntheitsgrad der Behinderung und die Verbesserung der diagnostischen Situation haben dazu geführt, dass heute mehr Menschen als autistisch diagnostiziert werden. Die Erkenntnis, dass diverse Spielarten autistischer Syndrome existieren, mündete in eine Ausweitung der Symptomkataloge. Nicht zuletzt hat eine effizientere Förderung in früher Kindheit dazu geführt, dass Jugendliche mit Autismus heute höhere Schulabschlüsse erreichen. Nach neueren Erkenntnissen wird bei dem erweiterten Spektrum davon ausgegangen, dass nicht bis zu 90%, sondern lediglich 25-50 % des Personenkreises als geistig behindert zu gelten haben. So stellt sich für viele heute die Frage nach einer Arbeits- und Lebensperspektive außerhalb der WfbM.

Eine im vergangenen Jahr durchgeführte Evaluationsstudie, die sich mit der Vermittlungsquote der in die Forschungsprojekte eingebundenen 4 überbetrieblichen Ausbildungseinrichtungen (BBW Abensberg, Südhessen, Dortmund, Greifswald) befasste, ergab, dass erfreulicherweise über die Hälfte der jungen Menschen, die bereits eine Ausbildung abschließen konnten, in eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt wurden (Baumgartner, Dalferth, Vogel 2009).

Es gilt heute als unumstritten, dass eine berufliche Qualifizierung dieses Personenkreises nicht nur möglich ist, sondern auch Erfolg versprechend sein kann, wenn angemessene Rahmenbedingungen geschaffen werden und geeignete Förderkonzepte Berücksichtigung finden. Einige Absolventen sind aufgrund ihrer behinderungsspezifischen Besonderheiten auf die teilgeschützten Möglichkeiten einer Integrationsfirma angewiesen.

Dennoch darf nicht übersehen werden, dass der größte Teil der Erwachsenen mit Kanner-Syndrom nach wie vor in WfbM arbeitet und etliche in die Förderbereiche der Werkstätten integriert werden konnten. Betrachtet man das gesamte Autismusspektrum, lässt sich resümieren, dass nur ein verhältnismäßig geringer Prozentsatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig ist. Ein Blick in angloamerikanische Länder zeigt jedoch, dass dies nicht so sein muss (Bovee 1999; Howlin et al.2005, 2003, 2000;).

Berufsbildung bei Feinwerk

So bietet sich für viele junge Menschen, die nicht in die Lage versetzt werden können, eine Berufsausbildung zu absolvieren, sondern lediglich berufliche Fördermaßnahmen durchlaufen, heute die Chance einer Unterstützten Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nach § 38a SGB IX. Auf diese Möglichkeit, in den angloamerikanischen Ländern bereits Tradition, wurde im Verlauf der letzten 20 Jahre mehrfach hingewiesen (Dalferth 1991, 1994, 1999).

Doch nicht nur junge Menschen ohne Ausbildungsabschlüsse, sondern auch Absolventen mit abgeschlossener Berufsausbildung benötigen u. U. eine arbeitsbegleitende Unterstützung bei der Einarbeitung in eine neue Tätigkeit.

Im Projektverlauf hat sich nun gezeigt, dass viele Absolventen unabhängig von ihrem beruflichen Leistungsvermögen auch auf spezifische Hilfestellung im Alltag angewiesen bleiben.

So gehört zu den zentralen Beeinträchtigungen autistischer Menschen, dass sie Gefühle in Mimik und Gestik nur schwer erkennen können, Schwierigkeiten haben, die sublimen Regeln im zwischenmenschlichen Umgang zu durchschauen, sich nur schwer in das Denken und Fühlen anderer Menschen hineinversetzen und deren Absichten erkennen können (mangelnde Metarepräsentation). Die Entwicklung eines Selbstkonzepts, das Wissen um die eigene biographische Entwicklung, leidet darunter, dass sie sich kaum an persönlich erlebte Episoden, eher an Fakten erinnern. Eine Beeinträchtigung der exekutiven Funktionen (Zielsetzung, Planungs-, Entscheidungsverhalten und motorische Umsetzung von Vorhaben, Bedeutungshierarchien bilden) und der zentralen Kohärenz (Gesamtzusammenhänge erfassen, Dinge als zusammengehörig betrachten) behindert sie bei der Organisation des Alltagslebens. So fällt es ihnen - unabhängig von ihren kognitiven Möglichkeiten - schwer, ohne klare Strukturen oder Regeln ihren Arbeitsalltag zu organisieren oder ihr Privatleben zu gestalten.

Damit Rehabilitationserfolge gesichert und ein individuell höchstmögliches Maß an beruflicher Teilhabe, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung erreicht werden kann, benötigen sie fakultativ und individuell in unterschiedlichem Ausmaß Hilfe beim Wohnen, der Haushaltsorganisation, in lebenspraktischen Dingen, in der Selbstbesorgung, der Freizeit, bei der Aufnahme und Unterhaltung von Sozialkontakten oder bei der Strukturierung von Arbeitsprozessen.

Das Persönliche Budget nach § 17 SGB IX bietet hier die große Chance, im Rahmen der persönlichen Zukunftsplanung Unterstützungsbedarfe zu identifizieren und diese in ein passgenaues Hilfearrangement einzubinden. Damit ließe sich die stationäre Rundumversorgung oder auch die Abhängigkeit von den Versorgungsleistungen der Herkunftsfamilie bei etlichen Menschen mit Autismus auf ein notwendiges Maß begrenzen. Weitaus mehr von Autismus Betroffene wären unter diesen Umständen in der Lage, relativ selbstständig in den eigenen vier Wänden zu leben und ihren Alltag zu gestalten.

Diese Überlegungen bilden den Hintergrund für einen neuerliches vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales finanziertes Modellprojekt zur Nutzung des PB für diesen Personenkreis.

Das Projekt trägt den Titel: "Einsatzmöglichkeiten des Persönlichen Budgets bei der sozialen und beruflichen Inklusion von Menschen mit autistischen Syndromen anhand konkreter Beispiele aus der beruflichen Rehabilitation" und wird am Berufsbildungswerk Abensberg durchgeführt.

Im Rahmen der Laufzeit des Projekts (März 2009 - Dezember 2010) soll erkundet werden, inwieweit durch die Nutzbarmachung des Persönlichen Budgets behinderungsbedingte Barrieren bei der Inklusion von Menschen mit autistischen Behinderungen in Arbeit, Beruf und Gesellschaft überwunden werden können.

Das Untersuchungsdesign sieht zunächst vor, im Rahmen einer bundesweiten Befragung von Budgetnutzern und Interessenten mit Autismus Hemmschwellen bei der Beantragung und Inanspruchnahme zu identifizieren.

Im Einzelnen soll untersucht werden, in welcher Hinsicht ein Unterstützungs- und Beratungsbedarf besteht und in welchen Lebensbereichen (Arbeit, Wohnen, Lebenspraxis, Freizeit, Schule, soziale und berufl iche Integration) Menschen mit Autismus Hilfen benötigen, die sich in einem Persönlichen Budget bündeln lassen.

Dabei sollen gezielt Interessenten bei der Beantragung des Persönlichen Budgets unterstützt und motiviert werden, einen Antrag zu stellen. Informationen dazu gilt es in Veranstaltungen an Interessenten weiter zu geben. Gleichfalls bietet sich an, Interessenten, Nutzern, professionellen Helfern oder Angehörigen mit Hilfe einer Internetplattform die Möglichkeit einzuräumen, auf eingestellte Handlungshilfen, Checklisten, Strukturierungshilfen etc. zugreifen zu können.

Die Entwicklung eines geeigneten und für diesen Personenkreis verständlichen Handlungsleitfadens zur Beantragung eines Persönlichen Budgets soll dazu beitragen, Schwellen bei der Inanspruchnahme zu verringern. Es ist beabsichtigt, Erfahrungen, die mit dem Persönlichen Budget gewonnen werden, systematisch auszuwerten und Empfehlungen zu formulieren, die zu gegebener Zeit publiziert werden.

Damit möglichst vielfältige Erkenntnisse gewonnen werden können, möchten wir sämtliche Integrationsfachdienste, die Menschen aus dem autistischen Spektrum unterstützen, Betroffene und auch deren Angehörige, ansprechen, die an einem Persönlichen Budget interessiert sind. Gleichfalls werden Personen, die bereits ein Persönliches Budget beantragt haben oder erhalten, gebeten, sich mit den Projektverantwortlichen in Verbindung zu setzen, damit ihre Erfahrungen ausgewertet und bei künftigen Budgetvereinbarungen Berücksichtigung finden können.

Prof. Dr. Matthias Dalferth

ist Leiter des Studienschwerpunkts Rehabilitation/ Behindertenhilfe an der Fachhochschule Regensburg und hat das Projekt "Einsatzmöglichkeiten des Persönlichen Budgets" wissenschaftlich begleitet Kontakt und nähere Informationen

Hochschule für angewandte Wissenschaften Regensburg

University of Applied Sciences

Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften

Postfach 12 03 27, 93025 Regensburg

Mail: matthias.dalferth@soz.fh-regensburg.de

Projektleitung:

Dipl.-Sozialpäd.(FH) Heike Vogel,

Mail: heike.vogel@bbw-abensberg.de

Projektkoordination:

Dipl.-Sozialpäd. (FH) Kathrin Hainzlmeier

Mail: kathrin.hainzlmeier@bbw-abensberg.de

Internet: www.bbw-abensberg.de

Literatur

Baumgartner, F. (2008) Qualifizierung von Menschen mit Autismus im Berufsbildungswerk Abensberg. In: Impulse 1, 15 - 18

Baumgartner, F.; Dalferth, M.; Vogel, H. (2009) Berufliche Teilhabe von Menschen aus dem autistischen Spektrum (ASD), Heidelberg, Winter Verlag

Bovee, J. P. (1999) Getting and keeping jobs - employment and people with autism

Bölte, S. (Hrsg.) (2009) Autismus. Spektrum, Ursachen Diagnostik, Interventionen, Perspektiven Bern, Huber

Dalferth, M. (1994) Warum sind Einrichtungen und Dienste notwendig, die auf die speziellen Bedürfnisse von autistischen Menschen eingehen? 8. Bundestagung des BV Hilfe für das autistische Kind, Hamburg, 45 - 57

Dalferth , M. (1999) Wege zur erfolgreichen Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt durch Unterstützte Beschäftigung. Problemstellungen und sungsmöglichkeiten. In: Integrierende Arbeitsbegleitung von Menschen mit Autismus. Hrsg. Hilfe für das aut. Kind, Hamburg, 42 - 66

Howlin, P.; Alcock, J.; Burkin, C. (2005) An 8 year follow up of a specialist supported employment service for high ability adults with autism or Asperger syndrome. Autism 9, 533 - 549

Howlin, P. (2003) Long-term educational and employment outcomes. Learning and behaviour problems in Asperger syndrome. Guilford Press, New York, 269 - 293

Howlin, P. (2000) Outcomes in adult life for more able individuals with autism or Asperger syndrome. Autism 4, 63 - 83

Quelle:

Matthias Dalferth: Persönliches Budget und Autismus. Neue Möglichkeit der sozialen und beruflichen Inklusion

erschienen in: impulse Nr. 51, 04/2009, S. 42-44

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 22.05.2012

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