Die Werkstatt, die es eigentlich gar nicht gibt

Ein Bericht über die Virtuelle Werkstatt Saarbrücken

AutorIn: Kerstin Axt
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 45, 1/2008, Seite 10-11. Schwerpunkt: Jahrestagung 2007 der BAG UB impulse (45/2008)
Copyright: © Kerstin Axt 2008

Die Werkstatt, die es eigentlich gar nicht gibt

Eine besondere Form der Werkstattbeschäftigung gibt es seit August 2004 im Saarland. Im Stadtverband Saarbrücken (rund 340000 Einwohner) arbeiten psychisch behinderte Menschen in einer Werkstatt, die es im Grunde gar nicht gibt.

Idee und Entstehung

Die Werkstatt entstand auf Anregung der damals amtierenden Sozialministerin Dr. Regina Görner. Sie wollte für den Stadtverband Saarbrücken eine Werkstatt, die keine eigenen Produktionsstätten besitzt, sondern ausschließlich Beschäftigung auf ausgelagerten Arbeitsplätzen anbietet - eben eine Virtuelle Werkstatt.

Die Werkstatt selbst verfügt lediglich über einige Büroräume zur Verwaltung, Organisation, Beratung und Vorbereitung auf die Beschäftigung. Vier BetreuerInnen stehen den Beschäftigten zur Seite. Die Beschäftigten gelten auf dem ersten Arbeitsmarkt als erwerbsunfähig. Sie beziehen Rente, Grundsicherung oder Sozialhilfe und haben Anspruch auf Eingliederungshilfe nach dem Sozialgesetzbuch XII. Sie müssen in der Lage und motiviert sein, mindestens zwei Stunden täglich zu arbeiten, Tendenz möglichst steigend.

Die Organisation

Die Virtuelle Werkstatt ist keine anerkannte Werkstatt für behinderte Menschen. Sie gilt als "sonstige Beschäftigungsstätte" (§ 56 Sozialgesetzbuch XII), wonach ebenfalls Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben erbracht werden können. Es bestehen allerdings wesentliche konzeptionelle Unterschiede zu einer anerkannten Werkstatt für behinderte Menschen. Beispielsweise verfügt die Virtuelle Werkstatt über kein eigenes Angebot an Berufsbildungs- und Arbeitsplätzen. Das Betriebskonzept entspricht dem einer gemeinnützigen ArbeitnehmerInnenüberlassung. Die Virtuelle Werkstatt ist sozusagen eine "Personalvermittlungsagentur mit besonderen Aufgaben". Die Virtuelle Werkstatt führt kein gesondertes Eingangsverfahren und keine Maßnahmen im Berufsbildungsbereich durch. Es finden jedoch Vorbereitungsverfahren zur Platzierung der psychisch behinderten MitarbeiterInnen auf geeigneten ausgelagerten Arbeitsplätzen statt.

Die Kosten für einen Werkstattplatz trägt ausschließlich der überörtliche Sozialhilfeträger. Eine Beteiligung weiterer Rehabilitationsträger nach Maßgabe des §42 Sozialgesetzbuch IX erfolgt nicht. Die Sozialversicherungsbeiträge (Kranken-, Renten und Pflegeversicherung) werden analog der Regelung anerkannter Werkstätten gezahlt. Für die Dauer der Modellphase wurde ein Zuschuss aus Mitteln der Ausgleichsabgabe zur anteiligen Finanzierung der Vergütung der Beschäftigten bereitgestellt.

Die Praxis

Über die Aufnahme der InteressentInnen in die Virtuelle Werkstatt entscheidet ein Fachausschuss. Dieser begleitet auch die Durchführung des Modellprojekts.

Alle MitarbeiterInnen wohnen im Regionalverband Saarbrücken. Die Firmen, in welchen die Beschäftigten arbeiten, befinden sich ebenfalls im Regionalverband. Die Einsatzorte sind ebenso unterschiedlich wie die Interessen, Fähigkeiten, Wünsche und Qualifikationen der Beschäftigten.

Berufserfahrung, Eignung und Fähigkeiten haben einen hohen Stellenwert in der Virtuellen Werkstatt und finden bei der Akquise Beachtung. Der Umfang der täglichen Arbeitszeit wird dem Leistungsprofil der psychisch behinderten MitarbeiterInnen angepasst. Er liegt zwischen zehn und fünfundzwanzig Stunden wöchentlich ohne Pause.

Die Beschäftigten erreichen ihren Arbeitsplatz selbstständig, die Werkstatt trägt die Fahrtkosten. Alle Beschäftigten sind in unterschiedlichen Firmen tätig, Gruppenarbeitsplätze gibt es nicht. Die Betreuung geschieht so intensiv wie nötig, während der Einarbeitungsphase oder bei gesundheitlicher Instabilität mitunter täglich, in der Regel einmal wöchentlich. Zusätzlich nehmen die Beschäftigten Termine in den Räumen der Virtuellen Werkstatt wahr, etwa zum arbeitsplatzbezogenen Training, zu Gesprächen über berufliche und persönliche Perspektiven, zur Klärung sozialer Probleme. Die Fachkräfte der Virtuellen Werkstatt stehen in engem Kontakt mit den Beschäftigungsgebern, sie garantieren eine gute Erreichbarkeit und die direkte Hilfe bei Krisen.

Ziel des Modellprojektes Virtuelle Werkstatt ist die Integration der psychisch behinderten Menschen in den Arbeitsalltag und die Sicherung einer dauerhaften Beschäftigung. Bestenfalls soll die Umwandlung eines virtuellen Arbeitsplatzes in ein reguläres Arbeitsverhältnis geschehen. Den Beschäftigten wird ein alltagsnahes Training ermöglicht, der Einsatz erfolgt relativ passgenau und unter dem Gesichtspunkt " erst platzieren, dann trainieren". Zum Beispiel arbeitet ein Beschäftigter mit einer Lehre als Bauzeichner 3 Stunden täglich im Bauamt, ein gelernter Zoo- Tierpfleger im Zoo, ein Landschaftsgärtner 5 Stunden täglich in der Stadtgärtnerei.

Der Einsatz kann bei Bedarf, etwa bei medikamentös bedingter morgendlicher Antriebsschwäche, auch am Nachmittag erfolgen. Selbstverständlich finden auch Personen ohne Berufsausbildung Aufnahme in die Virtuelle Werkstatt. Sie sind zum Beispiel in der Außenanlagenpflege, in der Hauswirtschaft oder als Hausmeisterhelfer tätig. Für AkademikerInnen oder StudienabbrecherInnen mit einer psychischen Behinderung ist die Virtuelle Werkstatt ebenfalls von großem Interesse und mitunter eine Alternative zur klassischen Werkstattbeschäftigung.

Die Vergütung orientiert sich an der Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter und dem Wert der geleisteten Arbeit. Sie wird in der Regel vom Beschäftigungsgeber an die Virtuelle Werkstatt gezahlt. Die Bemessung des Arbeitsentgelts erfolgt entsprechend den Regelungen der anerkannten Werkstätten. Grundsätzlich ist die Beschäftigung auf Dauer angelegt.

Die Erfahrungen der Beschäftigten

Die psychiatrieerfahrenen MitarbeiterInnen begrüßen das Konzept Virtuelle Werkstatt. Die Möglichkeit der Teilzeitbeschäftigung, der passgenaue Einsatz, die Arbeit unter Gesunden und auch die Betreuung seitens der Werkstatt werden als positiv bewertet. Das Training normaler Arbeitsbedingungen, betreut und ohne zeitliche Begrenzung, bewährt sich und trägt zur hohen Motivation der Beschäftigten bei. Der Krankenstand in der Virtuellen Werkstatt ist relativ gering und auch die Zahl der stationären und teilstationären Behandlungen hat sich für die viele psychiatrieerfahrenen Menschen seit dem Eintritt in die Virtuelle Werkstatt signifikant verringert. Sie sehen für ihre Gesundheit, ihre Lebensqualität, ihre Entwicklung einen großen Gewinn.

Die Hürden

Die Virtuelle Werkstatt ist wie eine anerkannte Werkstatt für behinderte Menschen wirtschaftlich zu führen. Sie verfügt aber nicht über eigene Produktionsstätten oder Dienstleistungsangebote. Das heißt, die Beschäftigungsgeber müssten eine sehr angemessene Vergütung der Arbeitsleistung der Beschäftigten an die Virtuelle Werkstatt zahlen, um die Wirtschaftlichkeit der Werkstatt zu sichern. Die bisherigen Erfahrungen lassen hier Schwierigkeiten erkennen, ob dies über die Modellphase hinaus gelingt.

Schwierig gestaltet sich auch die Vermittlung der Werkstattbeschäftigten in ein reguläres Arbeitsverhältnis des ersten Arbeitsmarkts. Würde der Erfolg des Projekts allein daran gemessen, wäre die Weiterführung einer solchen von den psychisch behinderten Menschen sehr geschätzten Beschäftigungsform wohl fraglich.

Bisheriges Fazit

Die Modellphase des Projekts endet im Mai 2009. Die ersten gesicherten Ergebnisse der Begleituntersuchung sind ab Ende 2008 zu erwarten. Wir werden in den impulsen über die Projektergebnisse berichten.

Schon jetzt lassen die bisherigen Erfahrungen aber schon zwei wichtige Aussagen zu:

  • Viele psychiatrieerfahrene Menschen wollen unter möglichst normalen Bedingungen arbeiten und können dies unter Beachtung eines angemessenen Rahmens auch.

  • Die Virtuelle Werkstatt ist eine gute Ergänzung zur klassischen Form der Werkstatt. Sie ist nicht für alle geeignet, aber für viele eine Alternative.

Kerstin Axt mit Teilnehmenden des Workshops

Kontakt:

Kerstin Axt

Virtuelle Werkstatt Saarbrücken

Großherzog- Friedrich-Straße 11,

66111 Saarbrücken

Fon: 0681/3891242

vws@sb.shg-kliniken.de

Quelle:

Kerstin Axt: Die Werkstatt, die es eigentlich gar nicht gibt. Ein Bericht über die Virtuelle Werkstatt Saarbrücken

Erschienen in: impulse Nr. 45, 1/2008, Seite 10-11. Schwerpunkt: Jahrestagung 2007 der BAG UB

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Stand: 03.03.2010

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