"Wir sind bekannt für gute Qualität und etwas höhere Preise"

Situation und Perspektiven von Menschen mit Behinderung in Kroatien - ein Reise- und Tagungsbericht

AutorIn: Ute Mank
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse, Nr. 44/2007, Seite 41-43. impulse (44/2007)
Copyright: © Ute Mank 2007

"Wir sind bekannt für gute Qualität und etwas höhere Preise"

Mitarbeiter der BAG UB waren im September 2007 eine Woche lang zu Gast in Kroatien. Eine Tagung in Zadar sowie Besuche in so genannten geschützten Werkstätten in Split und Zagreb gehörten zum Programm. Eingeladen dazu hatte der "Fond für professionelle Rehabilitation und Beschäftigung der Behinderten" Die Organisation verwaltet die Ausgleichsabgabe und koordiniert und finanziert die Maßnahmen zur besseren Integration behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Die Organisation möchte dabei auch Erfahrungen und Konzepte anderer Länder nutzen.

Das Engagement für Menschen mit Behinderungen im Bereich Arbeit ist in Kroatien ein noch junges Arbeitsfeld. Doch die Bereitschaft, die Teilhabe behinderter Menschen an der Gesellschaft zu verbessern, ist hoch. Kroatien ist das zweite Land in Europa und das vierte Land weltweit, das die UN-Konvention bereits ratifiziert hat. An der Umsetzungsstrategie hat das Land intensiv gearbeitet. Bis 2015 soll der nationale Aktionsplan umgesetzt sein. Dem Aufgabengebiet Arbeit und Beschäftigung wird dabei besondere Beachtung geschenkt.

Am 17.06.2003 wurde der "Fond für professionelle Rehabilitation und Beschäftigung der Behinderten" (kurz "Fond") gegründet. Am 13. und 14. September 2007 veranstaltete der Fond nun eine Fachtagung in Zadar unter dem Titel. "Aktuelle Situation und Perspektiven der Beschäftigung der Behinderten im Geiste der UN-Konvention über die Rechte der Behinderten." Zirka 100 Zuhörer aus Werkstätten, Integrationsbetrieben, Arbeitsverwaltung und Wissenschaft nahmen daran teil.

Ziel des Fonds ist es, die professionelle Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen in allen Bereichen zu unterstützen, die sich positiv auf deren bessere Beschäftigung auswirken. "Es ist eine junge Organisation, und wir machen erste Schritte", sagte Dr. Slavko Leban bei der Eröffnung der Konferenz. "Der Fond will sich verstärkt in der Öffentlichkeit vorstellen." Das ist mit der Konferenz bereits gelungen. Die lokalen Medien, überregionale Zeitungen, Radio und das erste kroatische Fernsehen waren anwesend und haben in der Zwischenzeit ausführlich über die Tagung berichtet. Außerdem wurde die Tagung von zwei Journalisten des ersten kroatischen Fernsehens moderiert. Mit zukünftig zwei Konferenzen jährlich will der Fond auch internationale Kontakte herstellen. Zu dieser ersten Tagung waren Referenten aus Österreich, Slowenien und Deutschland eingeladen. Sie berichteten über Programme, Arbeits- und Fördermöglichkeiten für behinderte Menschen in ihren Ländern. Angelika Thielicke, Vorstandvorsitzende der BAG UB, stellte das Konzept der Unterstützten Beschäftigung vor.

Im Umgang mit behinderten Menschen habe ein Wertewandel vom medizinischen Ansatz zu einem integrativen Ansatz stattgefunden, sagte Dr. Zorislav Bobuš, der den größten kroatischen Verband behinderter Menschen, "SOIH", bei der Tagung vertrat. Seit 25 Jahre kämpfe die Organisation für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. In Kroatien ist die offizielle Bezeichnung für behinderte Menschen "Personen mit Invalidität". 2003 im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung wurde eine entsprechende Deklaration nach einem Treffen behinderter Menschen in Zagreb verabschiedet. Bobus plädierte dafür, bei der Entwicklung neuer Dienstleistungen Menschen mit Behinderungen besonders zu berücksichtigen. Arbeitgeber müssten für deren Anliegen sensibilisiert werden. Die Organisation bietet auch Fortbildungen an. So hat sie unter anderem ein E-Learning-Programm in vier Städten angeboten, an dem zirka 350 Menschen mit Behinderungen teilgenommen haben. Dies sei eine Qualifizierung, die Personen mit Invalidität auf dem Arbeitsmarkt wettbewerbsfähiger mache, sagte Bobuš in seinem Vortrag.

Im Anschluss an die Tagung hatten die ausländischen Referenten Gelegenheit dazu, die beiden größten geschützten Werkstätten Kroatiens kennen zu lernen. Sie besuchten die Werkstätten DES in Split und URIHO in Zagreb. Geschützte Werkstätten in Kroatien entsprechen von der Struktur den Integrationsbetrieben in Deutschland. Mindestens 50 % der Mitarbeiter haben eine Behinderung. Gezahlt wird ein regulärer Lohn, aber die Arbeit ist an das Leistungsvermögen des behinderten Menschen angepasst.

Foto: Einblicke in die Werkstattarbeit

Gegründet als Staatsbetrieb für gehörlose Menschen - DES in Split

Eine Druckerei, eine Näherei vor allem für Schutz- und Arbeitskleidung, Verpackungen, Textildruck und eine Volksküche für die Bedürftigen der Stadt Split sind die Betriebsbereiche der geschützten Werkstatt DES in Split. 1949 wurde sie als Staatsbetrieb für Menschen mit Hörbehinderung gegründet. "In der Vergangenheit hat der Betrieb viele Höhen und Tiefen erlebt", berichtet der Leiter der Einrichtung, Ivan Grbi , bei der Besichtigung. Er leitet DES seit einem Jahr. 1997 wurde der Betrieb in seiner heutigen Form gegründet. 198 Mitarbeiter sind hier beschäftigt, 103 davon sind Menschen mit Behinderungen. Sie kommen aus Split und einem Umkreis von 30 Kilometern. 80 Prozent der behinderten Mitarbeiter arbeiten in der Verpackungsabteilung.

Zurzeit wird in dem Gebäude rege renoviert. Vor allem die sanitären Einrichtungen werden barrierefrei gestaltet. Finanziert werden diese Arbeiten durch den Fond. Die Löhne der Mitarbeiter werden zu 65 Prozent von der Stadt Split bezahlt, 35 Prozent bezahlt die Gespannschaft (Politische Ebene, die im Vergleich mit Deutschland zwischen Kreis und Land anzusiedeln wäre). Minderleistungsausgleich zahlt der Fond.

Ihre Produkte muss die Werkstatt auf dem freien Markt anbieten. "Unser Hauptproblem ist die veraltete Technik", erklärte Ivan Grbi beim Rundgang durch die Einrichtung. "Wenn wir funktionierende Maschinen hätten, könnten wir sehr viel marktorientierter produzieren." Die ausländischen Besucher konstatierten allerdings besonders die hohe handwerkliche Qualität der Produkte. Vieles wird aufgrund der älteren Technik noch in Handarbeit und als Einzelanfertigung hergestellt, die Rahmenbedingungen ähneln einer Manufaktur.

Der Betrieb plant eine Abteilung für Rehabilitation, in der ein Psychologe, ein Soziologe und ein Behinderten-Experte zusammen arbeiten sollen. Damit will DES unter anderem die Beurteilung der Arbeitskraft seiner Mitarbeiter verbessern. Die wird in Kroatien bisher von einer Kommission festgestellt, die ausschließlich aus Ärzten besteht. Nur Menschen, bei denen eine Arbeitsfähigkeit von über 50 Prozent diagnostiziert wird, können arbeiten. Alle anderen haben in Kroatien keine Beschäftigung. Mit der Rehabilitationsabteilung will DES die Diagnose verfeinern und auch Menschen mit stärkerer Leistungseinschränkung individuelle Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnen.

Foto Eindruck von der Tagung

URIHO in Zagreb ist der größte Betrieb für behinderte Menschen in Kroatien

500 Beschäftigte, davon 300 Menschen mit Behinderungen, arbeiten bei URIHO in der Hauptstadt Zagreb. Der Betrieb bildet auch aus. In der Näherei wird wie bei DES überwiegend Schutz- und Arbeitskleidung hergestellt, hauptsächlich für öffentliche Betriebe. Allerdings sind die alten Nähmaschinen im Gegensatz zu DES bereits alle durch neue ersetzt worden. Gerade hat Abteilungsleiter Goran Folnegovi den Auftrag an Land gezogen, die Arbeitskleidung für die Busfahrer der städtischen Nahverkehrsbetriebe zu fertigen, wie er stolz berichtet. Der Auftrag ist so groß, dass ein Teil der Arbeit von Subunternehmen übernommen werden muss. "Wir sind bekannt für gute Qualität und etwas höhere Preise", erklärt er bei der Führung durch seine Abteilung. Daneben werden hier für zwei bekannte Designerinnen auch ausgefallene Einzelstücke genäht, die diese in ihren Läden in Zagreb verkaufen.

Galanterija nennt sich die Abteilung, in der Handtaschen, Lederkleidung, Gürtel und Schuhe gefertigt werden. Drucksachen und Verpackung gehören ebenfalls zu den großen Produktionsbereichen von URIHO. Daneben werden noch orthopädische Hilfsmittel, orthopädische Schuhe sowie Kunsthandwerk aus Eisen und Keramik hergestellt. Auch ausgefallene Dienstleistungen hat URIHO zu bieten: Mitarbeiter des Betriebs beflaggen die Hauptstadt an Feiertagen.

Seine Produkte muss URIHO auf dem freien Markt anbieten - und hat dabei unter anderem mit der Konkurrenz aus Fernost zu kämpfen. Die handgefertigten Keramik-Produkte können nicht zu deren Dumpingpreisen gefertigt werden. Und ein Bewusstsein für die Besonderheit der Produkte aus einer geschützten Werkstatt gibt es in Kroatien noch nicht. Dort ist das Käuferverhalten so wie in anderen nachsozialistischen Ländern - die Menschen wollen billig und viel für ihr Geld. Daher ist URIHO dabei, Kooperationen mit anderen Organisationen aufzubauen, um den Menschen mit Behinderungen und damit auch der Werkstatt eine Lobby zu verschaffen. "Der Politik muss immer wieder erklärt werden, welche Bedürfnisse Menschen mit Behinderungen haben", erklärt General Manager Josip Drai . Als eine Form von Öffentlichkeitsarbeit organisiert die Werkstatt Kulturveranstaltungen wie Konzert und kreative Werkstätten. Zu den kreativen Werkstätten werden beispielsweise Künstler eingeladen, die ihre Bilder und Kunstwerke anschließend dem Betrieb überlassen. Sie schmücken die Räumlichkeiten und werden auch verkauft.

Seit 61 Jahren gibt es die Werkstatt in ihrer heutigen Form. Gegründet wurde sie vom Bund der Hörgeschädigten und von der Stadt Zagreb. Der eigentliche Betrieb ist sogar noch älter. Die Arbeits-Bereiche sind über ganz Zagreb verteilt. Um die Arbeit und die Verwaltungsabläufe in Zukunft besser koordinieren zu können ist ein modernes Zentrum mitten in Zagreb geplant.

Unterstützungsbedarf der Werkstätten

Die LeiterInnen und MitarbeiterInnen der beiden Werkstätten sowie der Sozialdezernent der Stadt Zagreb wandten sich mit ganz konkreten Anliegen an die ausländischen Besucher. Vor allem wird in der kroatischen Behindertenhilfe im Bereich Arbeit folgendes gebraucht:

  • Technische Ausrüstung

  • Ideen für bessere Vermarktungsstrategien der Produkte

  • Konkretes Know-how für die Arbeit mit den behinderten Menschen

  • MitarbeiterInnen aus dem Ausland, die Interesse haben in Kroatien - auch nur vorübergehend - in der Behindertenhilfe zu arbeiten

Wer immer Ressourcen hat oder einen Kontakt herstellen kann, wende sich bitte an:

Kontakt

Dr. Slavko Leban (Leiter des Fonds)

00385-1-6040 495 (Büro)

E-Mail: slavko.leban@h-d-z.de

Der Fond

Der Fond wurde 2003 von der Regierung gegründet und ist beim Wirtschaftsministerium angesiedelt. Dr. Slavko Leban ist der erste ernannte Leiter des Fonds, der seine Arbeit nun aufnimmt. Elf Mitarbeiter sind in der Behörde beschäftigt. Der Fond verwaltet die Ausgleichsabgabe, die in Kroatien nur von Staatsbetrieben abgeführt werden muss. Jeder staatliche Betrieb zahlt 0,1% der Bruttolohnsumme in den Fond, sofern er ab einer Mitarbeiterzahl von 49 die Beschäftigungsquote von 2 % nicht erfüllt, muss er den doppelten Beitrag zahlen, dann sind 0,2 % der Bruttolohnsumme abzuführen. 37 Millionen Kuna hatte der Fond 2006 zur Verfügung. Das entspricht etwa 5 047 000 Euro. Bei 4 Millionen Staatsbürgern und 491.422 erfassten Menschen mit Behinderung ist diese Summe etwa dreimal so hoch wie in Deutschland. Mehr als 20 Millionen Kuna hat der Fond bisher investiert. 67 Unternehmen wurden bisher unterstützt, aber auch Einzelpersonen können unterstützt werden.

Finanziert werden:

  • Rückerstattung von Sozialversicherungsbeiträgen behinderter Arbeitnehmer

  • technische Ausrüstung von Behinderten-Arbeitsplätzen

  • Weiterbildung

  • Persönliche Assistenz

  • Minderleistungsausgleich

  • Kredite für Menschen mit Behinderungen, die sich selbstständig machen wollen

Übereinkommen über die Rechte behinderter Menschen

Ein Auszug aus der Konvention der Vereinten Nationen (UN-Konvention)

Artikel 27 Arbeit und Beschäftigung

  1. Die Vertragsstaaten erkennen das gleichberechtigte Recht behinderter Menschen auf Arbeit an; dies beinhaltet das Recht auf die Möglichkeit, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die in einem offenen, integrativen und für behinderte Menschen zugänglichen Arbeitsmarkt und Arbeitsumfeld frei gewählt oder angenommen wurde. Die Vertragsstaaten sichern und fördern die Verwirklichung des Rechts auf Arbeit, einschließlich für Menschen, die während der Beschäftigung eine Behinderung erwerben, durch geeignete Schritte, einschließlich des Erlasses von Rechtsvorschriften, um unter anderem

  2. Diskriminierung auf Grund einer Behinderung in allen Fragen der Beschäftigung jeder Art, einschließlich der Bedingungen in Bezug auf Rekrutierung, Einstellung und Beschäftigung, Weiterbeschäftigung, Aufstieg sowie sichere und gesunde Arbeitsbedingungen, zu verbieten;

  3. das gleichberechtigte Recht behinderter Menschen auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen, einschließlich Chancengleichheit, gleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit, sichere und gesunde Arbeitsbedingungen, einschließlich Schutz vor Belästigungen, und Abhilfe bei Beschwerden zu schützen;

  4. sicherzustellen, dass behinderte Menschen ihre Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechte gleichberechtigt mit anderen ausüben können;

  5. behinderten Menschen wirksamen Zugang zu allgemeinen fachlichen und beruflichen Beratungsprogrammen, Stellenvermittlung sowie Berufsausbildung und Weiterbildung zu ermöglichen;

  6. Beschäftigungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für behinderte Menschen auf dem Arbeitsmarkt sowie Unterstützung bei der Arbeitssuche, dem Erwerb und der Beibehaltung eines Arbeitsplatzes und beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu fördern;

  7. Möglichkeiten für Selbständigkeit, Unternehmertum, die Bildung von Genossenschaften und Unternehmensgründungen zu fördern;

  8. behinderte Menschen im öffentlichen Sektor zu beschäftigen;

  9. die Beschäftigung behinderter Menschen im privaten Sektor durch geeignete Strategien und Maßnahmen, wie gegebenenfalls Förderprogramme, Anreize und andere Maßnahmen, zu fördern;

  10. sicherzustellen, dass am Arbeitsplatz angemessene Vorkehrungen für behinderte Menschen getroffen werden;

  11. das Sammeln von Arbeitserfahrung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt durch behinderte Menschen zu fördern;

  12. Programme für die berufliche Rehabilitation, den Erhalt des Arbeitsplatzes und den beruflichen Wiedereinstieg behinderter Menschen zu fördern.

Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass behinderte Menschen nicht in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden und dass sie gleichberechtigt mit anderen vor Zwangs- oder Pflichtarbeit geschützt werden.

Quelle:

Ute Mank: "Wir sind bekannt für gute Qualität und etwas höhere Preise" Situation und Perspektiven von Menschen mit Behinderung in Kroatien - ein Reise- und Tagungsbericht

erschienen in: impulse, Nr. 44/2007, Seite 41-43.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 12.07.2010

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