Wie bewältigen Menschen mit geistiger Behinderung ihre Entscheidung zum Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt?

AutorIn: Jochen Friedrich
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 38, 2/2006, Seite 26 - 30. impulse (38/2006)
Copyright: © Jochen Friedrich 2006

Wie bewältigen Menschen mit geistiger Behinderung ihre Entscheidung zum Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt?

Inzwischen liegen die Ergebnisse einer qualitativen Studie zum Entscheidungsverhalten im Übergang von der WfbM auf den allgemeinen Arbeitsmarkt mit dem Titel "Orientierung im Entscheidungsprozess: Menschen mit geistiger Behinderung und der allgemeine Arbeitsmarkt" (Friedrich 2006, ISBN 3-8300-2215-8) vor. In ihr wird das theoretische Konzept "emotionale Entscheidungsorientierung" entwickelt, das in Vorschlägen zu einer dialogischen Entscheidungsbegleitung mündet.

Der Autor der Untersuchung ist bei den Delme-Werkstätten gGmbH für den Qualifizierungs- und Vermittlungsdienst für WfbM-Beschäftigte in den Landkreisen Diepholz und Oldenburg sowie der Stadt Delmenhorst zuständig, der im Rahmen des niedersächsischen ESF-Projektes zur Förderung von Übergängen von den WfbM auf den allgemeinen Arbeitsmarkt (vgl. IMPULSE 36, 2005, 37f. ) eingerichtet wurde. Bei der Begleitung von landesweit inzwischen weit über 1000 ProjektteilnehmerInnen bei individuellen Praktika und Probebeschäftigungen war Unsicherheit gegenüber dem Entscheidungsverhaltens der Betroffenen entstanden. Vom äußeren Beobachter waren trotz intensiver Vorbereitung und Begleitung des Übergangs auf den allgemeinen Arbeitsmarkt eine Reihe von Entscheidungen nur sehr begrenzt nachvollziehbar - dies betraf das Wahlverhalten sowohl für als auch gegen einen Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt - und sie beinhalteten Hinweise auf Widersprüchlichkeiten im Entscheidungshandeln. Vor allem blieben der Anspruch und die Maßstäbe selbstbestimmten Entscheidens aus der Betroffenperspektive undeutlich. Die Entscheidungsstrategien der ProjektteilnehmerInnen waren kaum nachvollziehbar und konnten somit auch nur ungenügend für entscheidungsbegleitende Maßnahmen der Qualifizierungs- und Vermittlungsdienste genutzt werden.

Diesen "Grauschleier" über dem Entscheidungsverhalten von Menschen mit geistiger Behinderung in einer komplexen Lebenssituation zu lüften war das Ziel der empirischen Studie. Zur Wirkung der "WfbM-Sozialisation" beim begleiteten Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt lagen aus der Perspektive der betroffenen Akteure bislang keine empirischen Daten vor. Zur Untersuchung krisenhafter Lebenssituationen und prekärer Lebensübergänge boten sich vor allem qualitative Forschungsstrategien an. Die Theoriebildung erfolgte hierbei als Rekonstruktion einer subjektiv erlebten Wirklichkeit im dialogischen Prozess der sozialen Akteure.

Da das berufliche Vorwissen beim Autor der Studie wegen seiner Arbeit in einem Qualifizierungs- und Vermittlungsdienst umfangreich war, musste ein ausreichend "fremder Blick" erarbeitet werden, das heißt beruflich bedingte Vorannahmen waren durchsichtig zu machen und in Frage zu stellen. Es wurde mit der "Grounded Theory" ("gegenstandsbezogene Theoriebildung") als qualitativer Forschungsmethode ein Untersuchungsverfahren eingesetzt, das auf die Entwicklung neuer, soziales Handeln erklärender Theorien zielte, die auf den gewonnenen Daten gründeten. Das Datenmaterial wurde in 32 halboffenen und leitfadengestützten Interviews gewonnen, die mit TeilnehmerInnen des niedersächsischen ESF-Projektes 2003-2004 durchgeführt wurden.

Untersuchungsergebnisse

Interesse an der Projektteilnahme

Die Befragten erlebten das Angebot, an einem Qualifizierungs- und Vermittlungsprojekt teilzunehmen, als Überraschung, auf die sie sich erst einstellen mussten. Sie reagierten fast ausschließlich in einer Weise, die ihnen auch bei Entscheidungsunsicherheit die Teilnahme ermöglichte. Dabei bestand ein großes Interesse an Verbesserung der wirtschaftlichen Situation, wobei die Vergütung der Arbeitsleistung in der WfbM, was Lohnhöhe und -gerechtigkeit anbetraf, als besonders diskriminierend empfunden wurde. Beim Vergleich mit den bisherigen Tätigkeiten in der WfbM fiel eine durchgehend positive Beurteilung der Arbeitsinhalte auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt auf, die als herausfordernder und der eigenen Leistungsfähigkeit angemessener eingestuft wurden. Diese scharf abgrenzende Gegenüberstellung der Arbeits- und Lebensorte WfbM und Erwerbsleben ließ sich dadurch erklären, dass das Interesse an der Projektteilnahme mit einem Wunsch nach allgemeiner Statusaufwertung verknüpft war. Zum Statusmerkmal wurde die persönliche Leistungsfähigkeit in Abgrenzung zur unterfordernden Welt der Behinderten erhoben, die in einem ausschließlich individuellen Kraftakt überwunden werden sollte. In biografischen Rückgriffen der Befragten ließ sich die Motivation hierfür entschlüsseln. Sie bestand in der durchgehenden Absicht, mit der bisherigen "behinderten Biografie" abzurechnen und diese baldmöglichst abzuschließen. Im Zusammenhang mit der Entscheidungssituation eines Wechsels auf den allgemeinen Arbeitsmarkt war allerdings erstaunlich, dass die befragten ProjektteilnehmerInnen ein geringes Interesse an der Weiterentwicklung bestehender und am Aufbau neuer sozialer Beziehungen besaßen. Dies ging bis zur Selbsteinordnung "Einzelgänger". Sie hatte den Nutzen, vor weiteren seelischen Verletzungen zu schützen und die ganze Kraft auf die anstehenden Veränderungen zu konzentrieren.

Erleben der Projektangebote

Die Befragten erlebten die Projektteilnahme als einmalige Chance, die sich mit dem wahrnehmbaren Zutrauen ermutigend von den Erfahrungen der bisherigen sozialen Entwicklung abhob. Positive Erwartungssignale des sozialen Umfelds wirkten entscheidungsunterstützend und mobilisierten Handlungsenergien. Allerdings wurde das soziale Feedback fast ausschließlich als Bestätigung bzw. Nichtbestätigung individueller Kompetenzen und damit als Ausdruck personaler Wertschätzung verarbeitet. Enttäuschung wurde vor allem bei der Versagung persönlicher Anerkennung und Aufwertung erlebt. Um Misserfolg zu vermeiden wurde widerspruchslos eine lückenlose Anpassung an betriebliche Leistungsanforderungen und Wertmaßstäbe des allgemeinen Arbeitsmarktes vorausgesetzt. Gelungene Anpassungsleistungen wurden als persönliches Alleinstellungsmerkmal und Eignungsnachweis der "Normalität" dargestellt. Bei Überforderung herrschte deshalb die Auffassung vor, sich in jedem Fall "zusammenreißen" zu müssen. Widerstand gegenüber Anforderungen stand als Handlungsalternative kaum zur Verfügung. Insgesamt wurden Anerkennung und Erfolg bei der Projektteilnahme nur für entsprechend "starke" und anpassungsfähige Menschen erwartet.

Erleben des Entscheidungsprozesses

Die Befragten schätzten sich in ihrer Mehrheit selbst als entscheidungsfähig und -freudig ein. Sie zeigten angesichts umfangreicher Entscheidungsherausforderungen und oftmals unüberschaubarer Handlungskonsequenzen eine erstaunlich große, Entscheidungsunsicherheit in Kauf nehmende Risikobereitschaft. Der Zugang zu den entscheidungsrelevanten Informationen wurde unhinterfragt durch professionelle Unterstützer strukturiert, was dazu führte, dass die Wahlalternativen in der Regel auf die Projektangebote beschränkt waren. Davon abweichende Wünsche und eigene Zukunftsvisionen wurden kaum erkennbar. Offensichtlich banden die schwierigen Entscheidungsherausforderungen im engen Zeitrahmen die Betroffenen derart, dass weitergehende lebensorientierende Fragestellungen nicht zum Zuge kamen. So war auch der Zukunftsaspekt der Entscheidungen wiederum um die soziale Dimension verkürzt. Eine eigene gesellschaftliche Verantwortungsübernahme - wie zum Beispiel Solidarität mit anderen von Ausgrenzung bedrohten Menschen - wurde nicht wahrgenommen. Die starke emotionale und biografische Aufladung des Entscheidungsprozesses und die Überhöhung des Statusideals Erwerbsarbeit war einerseits Ausdruck einer Selbstbestimmung in der Lebensgestaltung, anderseits verengten sich die Lebensalternativen durch Ausblendung sozialer Aspekte. Selbstständigkeit im Entscheidungsprozess hatte somit einen demonstrativen und selbstrechtfertigenden Charakter.

Interpretation der Ergebnisse

Bei der Theoriebildung ging es in der qualitativen Studie darum, die vielfältigen Untersuchungsergebnisse in einen Strukturzusammenhang zur bringen. Erwartet wurden Aussagen zu den Bedingungen, unter denen die Akteure ihren Entscheidungsprozess ins Leben riefen, zu den Handlungs- und Auswahlentscheidungen sowie den erlebten Konsequenzen des Entscheidungshandelns. Dem Analyseverfahren der "Grounded Theory" folgend konnten vier Kernkategorien herausgearbeitet werden.

Kernkategorie "Statusgewinn"

Beim Statusvergleich ging es den befragten ProjektteilnehmerInnen weniger um die konkrete Ausstattung der Lebenswelten WfbM und allgemeiner Arbeitsmarkt, sondern vielmehr um eine verallgemeinerte Statusnorm. Das hatte zur Konsequenz, dass die Statuspassage einen sozialsymbolischen Charakter annahm, wohinter der konkrete soziale Akt im Erleben der Betroffenen zurücktrat. Das Streben nach und das Erreichen von Statusaufwertung war aus der Perspektive der Betroffenen eine fast ausschließlich individuelle Wahl. Um Statuswidersprüche zu vermeiden, wurde das individuelle Erleben des Übergangs auf den allgemeinen Arbeitsmarkt so organisiert, dass es mit positiven Emotionen verbunden und verallgemeinert werden konnte. Der "Statusgewinn" als Orientierungsgröße für das Entscheidungshandeln hatte für die Befragten allerdings widersprüchliche Auswirkungen. Zwar wurde das Erreichen eines bestimmten Status vom sozialen Umfeld mit Wertschätzung belohnt. Zudem wurde der Entscheidungsprozess durch Ausrichtung auf ein konfliktfreies und sozial anerkanntes Ziel erleichtert. Andererseits erzeugte die Überhöhung des Statusziels neue Unsicherheit, denn durch die Verengung der Entscheidungsalternativen entstand eine neue Abhängigkeit vom Erfolg einer bestimmten Form gesellschaftlicher Teilhabe.

Kernkategorie "biografische Balance"

Die Orientiertheit und emotionale Sicherheit im Entscheidungsprozess hingen von der Aufarbeitung der biografischen Erfahrungen ab. Dabei fiel auf, dass eine erneute Ausbalancierung der Persönlichkeit durch die Projektangebote zwar ausgelöst wurde, dass aber der Entscheidungsumfang und die begrenzte Entscheidungszeit diesen Prozess erschwerten. Die Versuche der befragten ProjektteilnehmerInnen, ihre Biografie selbstbewusst zu bewerten, konzentrierten sich auf für den Übergang ins Erwerbsleben Erfolg versprechende Leistungsmerkmale. Diese Biografiebearbeitung duldete offensichtlich keine abweichenden Deutungen und erzeugte als Stigmamanagement eine psychische Dauerbelastung. Insofern barg der Entscheidungsprozess in Richtung Erwerbsarbeit die Herausforderung, sich mit widersprüchlichen Zuständen und Wertungen der Lebensgeschichte so auseinanderzusetzen, dass eine neue biografische Balance ermöglicht wurde.

Kernkategorie "soziale Balance"

Die Entscheidungssituation eines Übergangs auf den allgemeinen Arbeitsmarkt löste Interessen an sozialer Teilhabe aus, kanalisierte sie aber auch in eine ganz bestimmte Richtung. Die Integrationsbemühungen der Befragten folgten dem Gedanken einer optimalen Passung an die Arbeitsanforderungen und sozialen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarkts. Damit unterwarf sich der Einzelne unbewusst der Herrschaft der "Brauchbarkeit". (Schein-)Normalität wurde zum obersten Balancekriterium der Ich-Identität. Die Entscheidung zum Übergang ins Erwerbsleben erfüllte die Aufgabe eines Schonraums gegenüber überfordernden sozialen Ansprüchen in idealer Weise. Gleichzeitig öffnete die Loslösung aus der Versorgung durch die WfbM Lernfelder für Risikoübernahme und Selbstbestimmung. Für die Entfaltung von Selbstbestimmung in sozialer Integration fehlten jedoch Übung und Hilfestellungen auf folgenden Gebieten:

  • Wahl der den Prozess der Neugestaltung der sozialen Bezüge begleitenden Personen,

  • eine dialogisch moderierte Zukunftsplanung als (sozial) geteilte Aktion,

  • dialogische Deutung der "sozialen Robustheit" und des überragenden Leistungsmotivs,

  • praktische Vermittlung der Dimensionen von Gemeinsinn.

Ansätze sozialen Handelns wurden fast ausschließlich bei weiblichen Befragten deutlich. Sie zeigten sich im Interesse an Peer-Aktivitäten, bei der gegenseitigen Ermutigung im Entscheidungsprozess und im solidarischen Handeln untereinander.

Kernkategorie "Entscheidungskompetenz"

Entscheiden zu können beinhaltete für die Befragten zunächst einmal, alternative Handlungsmöglichkeiten wahrzunehmen und eine Entscheidung aufgrund angebbarer Kriterien zu vollziehen. Insofern war den befragten ProjektteilnehmerInnen Entscheidungskompetenz zuzusprechen. Ansprüche an selbstbestimmtes Entscheiden wurden erkennbar, Maßstäbe dafür, wie zum Beispiel ein eigener Zugang zu entscheidungsbedeutsamen Informationen, wurden aber nicht deutlich. Insgesamt verlangte der Entscheidungsprozess von den Befragten eine folgenreiche Unterbrechung bisheriger Handlungen und eine orientierte Reaktion auf eine vielschichtige Situation, wobei Ausmaß, Richtung und Aktivitätsgrad dieser Orientierung wesentlichen Einfluss auf die Entscheidungsformen der Entscheidungen hatten. Selbstbestimmung im Entscheidungsprozess setzte auch voraus, Entscheidungsalternativen wie zum Beispiel die Ablehnung von bestimmten Veränderungsangeboten nicht nur wegen der überfordernden Vielfalt des Entscheidungsfeldes auszublenden, sondern das individuelle Spektrum der Wahlmöglichkeiten zu erweitern. Damit umriss Entscheidungskompetenz auch die Fähigkeit, sich widersprüchliche Informationen aus der Vergangenheit und Zukunft so zur Verfügung zu stellen, dass daraus selbstorientiertes Handeln erwachsen konnte. Für die Herausbildung von Entscheidungskompetenz spielte der Entscheidungskontext eine wichtige Rolle. Dabei war bei den Befragten ein persönlicher Takt und Stil im Entscheidungsrhythmus feststellbar. Entscheidungsdruck sowie das Überspringen von notwendigen Entscheidungsphasen erzeugten eher Anpassungsverhalten, während zwanglos spielerische, Rollendifferenzierungen ermöglichende Zugänge sich für selbstbestimmte, soziale Folgen des Handelns berücksichtigende Entscheidungsprozesse als nützlich erwiesen.

Das theoretische Konzept "emotionale Entscheidungsorientierung"

Als die vier Kernkategorien theoretisch zusammenfassendes Konzept wurde "emotionale Entscheidungsorientierung" entwickelt. Die Integration zu einem Konzept von Entscheidungshandeln im Übergang von der WfbM auf den allgemeinen Arbeitsmarkt musste sich mit der Handlungssteuerung der konkreten Menschen auseinandersetzen, die individuelle und soziale Orientierung, biografisches Wohlbefinden und Entscheidungsfähigkeit möglich machte und miteinander verband. Das Konzept der emotionalen Entscheidungsorientierung drückte die Erkenntnis aus, dass angesichts der Attraktivität, der lebensweltlichen Tragweite und des prekären Charakters der Entscheidungssituation bei den Befragten eine herausragende Rolle von Emotionen zu beobachten war. Emotionales Entscheidungshandeln war als eine heftige, unvermittelt an Zielen und Präferenzen geknüpfte und durch Auslösung innerer Effekte heiß gemachte Reaktion auf Ungewöhnlichkeiten mit einem hohen Grad an Einmaligkeit im Lebensverlauf zu verstehen. Das subjektiv erfolgreich erlebte Entscheidungshandeln hing von der erfolgreichen Verknüpfung einer Handlungsoption mit handlungsleitenden Gefühlen ab. Mit einer emotionalen Verhaltensteuerung war die Tendenz der Individuen verbunden, das eigene Verhalten auf die Vermeidung negativer und das Aufsuchen positiver Emotionen auszurichten. Das betraf auch die zentralen Wertehaltungen der Betroffenen. Dabei versuchte das Individuum eine Wahl zwischen zentralen Wertehaltungen möglichst zu vermeiden, da ein Wertekonflikt eine aufwändige geistige Klärung erforderte, die als gefühlsmäßig belastend erlebt wurde und das Individuum einem riskanten sozialen Feedback auslieferte. Daraus war zu folgern, dass Entscheidungs-Unterstützungssysteme die Entscheider in ihrem widersprüchlichen emotionalen Orientierungsprozess erreichen und begleiten müssen. Nichtbewusste Haltungen bei der Alternativenwahl müssen identifiziert und im sozialen Dialog gedeutet werden. Dabei kommt dem Faktor Zeit bei der Informationssuche und -bewertung eine große Bedeutung zu. Eine dialogische Begleitung von Entscheidungsprozessen sollte sich am individuellen Prozess der Suche nach einer bedeutungsvollen, stabilen und strukturierten Sicht der Welt und der sie formenden Einstellungen orientieren.

Konsequenzen für die Begleitung von Entscheidungsprozessen beim Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt

Dialogische Erkundung der Lebenssituation

Innere und äußere Orientierungsfähigkeit hat mit der Erlebnisqualität und der Ausbalancierung der Erlebnisanteile zu tun. Die Orientierung an eine auf einen bestimmten Status festgelegte Normalität besitzt insofern auch eine desorientierende Wirkung, als damit Lebenserwartungen auf eine Statusnorm verengt werden. Außerdem wird eine emotional geladene Polarität zwischen Normalität und behindertem Leben aufgebaut, die zu sich stets selbst erfüllenden Erfahrungen führt und den Entscheidungsprozess im Denken und Fühlen der Betroffenen verengt. Der Zugang von Entscheidungsbegleitern zum Orientierungsprozess von ProjektteilnehmerInnen gelingt nur mit einer dialogischen Herangehensweise, die den Menschen mit seinem individuellen, über den Bereich Arbeit hinausgehenden Lebensstil zum Zentrum der Überlegungen macht. Erst mit einer lebensstilorientierten Entwicklungs- und Entscheidungsplanung erhalten die Betroffenen die Möglichkeit, eigene Lebensträume zu entwickeln, ihre Ressourcen darauf hin zu mobilisieren und das soziale Umfeld einzubeziehen. Zum Beispiel kann die Anregung, von bisherigen Entscheidungserfahrungen zwanglos zu erzählen, konkretes Erleben in seiner lebensweltlichen Vielfalt reaktivieren. Damit kann auch der Prozess der Informationsverarbeitung und Alternativenbewertung offener gestaltet werden. Das Individuum muss dabei unterstützt werden, sich Freiräume zu schaffen, die widersprüchlichen Facetten des Selbst im Entscheidungsprozess auszudrücken. Dimensionen der dialogischen Erkundung der Lebenssituation sind unter anderem Präsenz und Integration, freie Wahl, Kompetenzen, Ansehen und gesellschaftliche Teilhabe. In diesem Zusammenhang muss auch für die selbständige, aber unterstützte Sammlung und Bewertung von Informationen zu den Lebensalternativen WfbM /allgemeiner Arbeitmarkt Raum sein. Dialogische Entwicklungsplanung und Persönliche Zukunftsplanung sind in diesem Zusammenhang hilfreiche pädagogische Instrumente. Die Methode der "dialogischen Validierung identitätsrelevanter Erfahrungen" (MARKOWETZ) ist als pädagogische Haltung und Kommunikationsinstrument zugleich anzusehen.

Übergangsgestaltung als Identitätsprojekt

Die berufliche Qualifizierung und Begleitung von WfbM-Beschäftigten im Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt muss eine identitätsstärkende Arbeit an der individuellen Lebensgeschichte beinhalten, die sich in einem zwischen ProjektteilnehmerInnen und Begleitern vereinbarten "Identitätsprojekt" ausdrückt. Dieses sollte sich nicht nur auf die Statuspassage begrenzen, sondern zum bewussten Bestandteil einer kontinuierlichen, Entwicklungsstufen ermöglichenden und die Statuspassage in die Zukunft hinein verlängernden Lebenslaufplanung entwickeln. Dabei wird ein Teil der auf Entstigmatisierung durch Statusaufwertung gerichteten Energien auf ein vertieftes Verständnis des eigenen Selbst unter Einschluss der Behinderung gelenkt. Dieser Prozess ist als Kompetenzdialog zwischen Betroffenen und Begleitern zu gestalten. Eine ökologische Übergangssituation ist dann gegeben, wenn eine Person ihre Position durch einen Wechsel ihrer Rolle, ihres Lebensbereiches oder beider bei Wahrnehmung möglicher Inkonsistenzen bewusst verändert. Dies schließt mit ein, den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt als Lebenschance und -krise zugleich zu verstehen und zu bearbeiten.

Von der beruflichen zur sozialen Integration

Die Betroffenen bezahlten berufliches Selbsterleben oft mit ausgeprägtem Anpassungsverhalten und sozialer Abschottung als Bewältigungsstrategie. Diese Strategien beinhalteten subjektive Lösungsansätze angesichts einer überfordernden Entscheidungssituation und damit die Erfahrung von Ich-stärkender Identifikation und Selbstmächtigkeit. Dadurch war aber die Lücke zwischen dem (biografisch) verletzten Ich und der sozialen Umwelt noch nicht zu schließen. Ein für soziale Integration notwendiges Selbstbewusstsein schloss mit dem Stolz der Betroffenen auf das, was sie konnten, auch das Bewusstsein dessen ein, was sie (noch) nicht konnten. Der Entscheidungsprozess im Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ist deshalb als Übungsfeld sozialer Kontaktpflege und der Akzeptanz des Selbst im sozialen Kontakt zu nutzen. Durch die Herausbildung einer sozialen Vision, in der die berufliche Zielbildung eingebettet werden muss, kann eine soziale "Kurzsichtigkeit" der Zukunftsperspektive vermieden werden. Zur Ausbildung einer sozialen Orientierung gehört auch, dass ein fremder sozialer Wille erkennbar wird und dem Individuum gesellschaftliche Anforderungen an sein Entscheidungshandeln zugemutet werden. Soziale Verantwortungsübernahme als Verbindung von Selbstbestimmungs- und Solidaritätsfähigkeit setzt bei Menschen mit geistiger Behinderung allerdings das Erleben von Gemeinsinn und Verantwortungsrollen voraus.

Aufgaben von Fachdiensten zur Qualifizierung und Vermittlung von WfbM- Beschäftigten

  • Eine Entscheidungsbegleitung muss über den Lebensbereich Arbeit und die Statuspassage ins Erwerbsleben hinausgehende lebensorientierende Funktion haben, die das ganze Individuum in seiner aktiven Lebenslaufgestaltung umfasst. Der soziale Charakter von Zukunftsgestaltung spricht für eine gemeinschaftsorientierte Planungstätigkeit (zum Beispiel Zukunftskonferenzen, circle of friends, circles of support). Diese Formen dialogischer Begleitung von beruflichen Veränderungsprozessen müssen zum Standard werden.

  • Die berufliche Zielfindung der TeilnehmerInnen in Übergangsprojekten setzt eine angemessene Verarbeitung der (beruflichen) Biografie der Betroffenen ("Identitätsprojekt"), den Erwerb eines selbstbestimmten Zugangs zu den entscheidungsrelevanten Informationen, die Entwicklung einer sozialen Zukunftsvision sowie den Rückgriff auf im Lebenslauf erworbene Entscheidungskompetenzen voraus.

  • Ausgehend von den individuellen Strategien zur Bewertung emotional besetzter (beruflicher) Rollen sollten die Entscheidungsalternativen aus verschiedenen identitätsrelevanten Perspektiven beleuchtet werden. Das beinhaltet auch eine selbstbewusstere Positionierung der Lebenswelt WfbM.

  • In der Auseinandersetzung mit den Entscheidungsherausforderungen sollte sich ein "Kompetenzdialog" zwischen den Entscheidern und ihren Begleitern ergeben, bei denen die Erwartungen, Einstellungen und Wertehaltungen dialogisch gedeutet werden. Dieser Prozess sollte dem Stil und Takt des individuellen Entscheidungsrhythmus folgen, was Entscheidungs- und Zeitdruck ausschließt.

  • Die Phasenmodelle der beruflichen Integration sollten in kein Eingliederungsschema abgleiten, nur weil die schnellstmögliche "Passung" zwischen den Fähigkeiten des Individuums und den Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes erreicht werden soll. Maßstab einer Entscheidungsbegleitung ist die Herausbildung der Kompetenz der Akteure, eigene lebensleitende Orientierungsmaßstäbe und -phasen herauszubilden.

  • Übergangsprojekte mit begrenzter Laufzeit erzeugen den Effekt, dass WfbM-Beschäftigte unter einen Teilhabe- und Erfolgsdruck mit prekären Folgen für das Entscheidungsverhalten gesetzt werden. Auch aus diesem Grund müssen Angebote von Qualifizierungs- und Vermittlungsdiensten einen Regelcharakter bekommen und in verschiedenen Lebensphasen der Betroffenen abrufbar sein.

  • Eine allzu starke Fokussierung auf eine Normalisierungsnorm "Erwerbsarbeit" verengt die Teilhabechancen und das Entscheidungsfeld. Arbeitsformen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt jenseits einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung erweitern die Entscheidungsoptionen spürbar und lindern den "Normalisierungsdruck".

  • Anstrengungen zur beruflichen und sozialen Integration, die Frauen mit (geistiger) Behinderung nicht die Möglichkeit geben, sich in besonderen Formen unter Nutzung von Peer-Effekten bei weiblicher Begleitung zur organisieren, werden ihrem Anspruch nicht gerecht. Frauen brauchen besondere Freiräume, in denen sie Selbstbewusstsein, Entscheidungs- und Kritikfähigkeit und ihre besonderen Ressourcen herausbilden können.

Literatur:

Qualitative Forschungsmethoden: BOHNSACK, R.; MAROTZKI, W.; MEUSER, M. (Hrsg.) (2003): Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Opladen

Berücksichtigung von professionellem Vorwissen: SEIPEL, C.; RIEKER, R. (2003): Integrative Sozialforschung. Konzepte und Methoden der qualitativen und quantitativen empirischen Forschung. Weinheim, München

Grounded Theory als Forschungsmethode:

Glaser, B. G.; Strauss, A. L. (1998) Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle

Zur Pädagogik für Menschen mit geistiger Behinderung: MÜHL, H. (2000): Einführung in die Geistigbehindertenpädagogik. 4. Auflage. Stuttgart, Berlin, Köln

Zur Entscheidungstheorie: JUNGERMANN, H.; PFISTER, H.-R.; FISCHER, K. (1998): Die Psychologie der Entscheidung. Eine Einführung. Heidelberg, Berlin

Zur emotionalen Entscheidungssteuerung: HÄNZE, M. (2002): Emotion, Ambivalenz und Entscheidungskonflikt. Weinheim, Basel

Zur dialogischen Validierung identitätsrelevanter Erfahrungen: MARKOWETZ, R. (1998): Dialogische Validierung identitätsrelevanter Erfahrungen. Ein interaktionistisches, beziehungsförderndes und identitätsstiftendes Konzept zur Entstigmatisierung von Menschen mit Behinderungen. In: DATLER, W. u. a. (Hrsg.): Zur Analyse heilpädagogischer Beziehungsprozesse. Luzern, 65-71

Kontakt:

Dr. Jochen Friedrich, Fachdienst Qualifizierung und Vermittlung der Delme-Werkstätten gGmbH

Industriestr. 6, 27211 Bassum

j.friedrich@delme-wfb.de

Jochen Friedrich

Die Studie erscheint im Juni' 06 unter dem Titel "Orientierung im Entscheidungsprozess: Menschen mit geistiger Behinderung und der allgemeine Arbeitsmarkt" im Verlag Dr. Kovac, Hamburg (ISBN 3-8300-2215-8).

Quelle:

Jochen Friedrich: Wie bewältigen Menschen mit geistiger Behinderung ihre Entscheidung zum Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt?

erschienen in: impulse Nr. 38, 2/2006, Seite 26 - 30.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 21.05.2008

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