"Und das hat eben gepasst - deswegen ist er hier."

Ergebnisse aus der Evaluation der EQUAL- Entwicklungspartnerschaft "Keine Behinderungen trotz Behinderung"

AutorIn: Kirsten Hohn
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 36, Dezember 2005, Seite 53 - 56. impulse (36/2005)
Copyright: © Kirsten Hohn 2005

"Und das hat eben gepasst - deswegen ist er hier."

Von Mai 2002 bis Juni 2005 arbeitete die BAG UB in der EQUAL-Entwicklungspartnerschaft (EP) "Keine Behinderungen trotz Behinderung" als Teilprojekt mit verschiedenen Querschnittsthemen mit. Hierzu gehörte die Evaluation der Arbeit mehrerer Teilprojekte: Projekte aus dem Bereich der Berufsorientierung und -vorbereitung von SchülerInnen der letzten Schulklassen, Qualifizierungsmaßnahmen für junge Erwachsene sowie die Berufstherapie eines Neurologischen Rehabilitationszentrums. Eines der wesentlichen Ziele der Entwicklungspartnerschaft war es, auf regionalen und überregionalen Ebenen eine bessere Vernetzung aller wichtigen AkteurInnen im Übergang Schule-Beruf zu erreichen, was vielfach auch gelungen ist. Das Konzept der Evaluation griff dieses Ziel auf der Ebene personenbezogener Netzwerke auf. Es ging dabei darum, die verschiedenen Beteiligten der beruflichen Integrationsprozesse in Interviews zu Wort kommen zu lassen und aus deren geäußerten Erfahrungen und Sichtweisen Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie diese Prozesse verlaufen, worauf es ankommt, was für wen wichtig ist und was gegebenenfalls zu verbessern ist. Das Konzept hierzu ist in Impulse 28 nachzulesen (Hohn 2003). Ein weiterer Baustein der Evaluationsstudie war die Erhebung von teilnehmerbezogenen Daten mittels Fragebogen.

Betriebspraktikum als Eintrittskarte zum Arbeits- oder Ausbildungsplatz

Wesentlicher Bestandteil aller Teilprojekte der EP, die mit SchülerInnen oder Jugendlichen in Qualifizierungsmaßnahmen gearbeitet haben, war die Durchführung von Praktika in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes. Mit dem Ziel, über ein Praktikum erste Arbeitserfahrungen zu sammeln, sich beruflich zu orientieren oder aber eine feste Arbeitsstelle oder einen Ausbildungsplatz zu finden, machten die SchülerInnen und die TeilnehmerInnen von Qualifizierungsmaßnahmen meist mehrere Praktika.

Die Praktika wurden von den PraktikantInnen selbst, von den ArbeitgeberInnen, von sozialpädagogischen Professionellen und von Eltern überwiegend als erfolgreich beschrieben und bewertet. Mit Erfolg sind hierbei einerseits positive Erfahrungen und Lernprozesse während der Praktika gemeint, die von den Interviewpersonen als hilfreiche Voraussetzung für den weiteren Berufs- und Lebensweg angesehen wurden, auch unabhängig von einem später gefundenen Arbeitsplatz. Doch wurde auch deutlich, dass die Praktika häufig eine Eintrittsmöglichkeit in einen Betrieb boten, in dem später eine Einstellung zustande kam.

Neben den Bewertungen der interviewten AkteurInnen zeigt schon der Blick auf die Vermittlungszahlen in den beteiligten Projekten, dass Praktika gute Voraussetzungen für die Integration im Praktikumsbetrieb bieten. Von den insgesamt 26 Arbeits- und Ausbildungsverhältnissen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, die direkt im Anschluss an die zwei Qualifizierungsmaßnahmen eingegangen wurden, gehen 21 (81 %) auf Praktika zurück, die die Personen im späteren Arbeits- bzw. Ausbildungsbetrieb gemacht hatten. Dies betrifft bei dieser kleinen Gesamtzahl ausschließlich Menschen mit Lernschwierigkeiten. Die Ausbildungs- und Arbeitsstellen, denen kein Praktikum vorweg gegangen war, hatten MaßnahmeteilnehmerInnen mit körperlichen oder Sinnesbehinderungen gefunden bzw. Menschen mit Lernschwierigkeiten, deren Eltern sich besonders intensiv bei der Suche nach einer Arbeitsstelle engagiert hatten. Auch wenn die Anzahl der Beispiele hier eher gering ist, kann davon ausgegangen werden, dass für ArbeitgeberInnen das Kennenlernen von potenziellen ArbeitnehmerInnen im Arbeitsalltag und im KollegInnenkreis besonders dann wichtig ist, wenn es um Menschen mit Lernschwierigkeiten geht. Dies bestätigen die interviewten ArbeitgeberInnen in ausführlichen Beschreibungen dazu. Insgesamt hat sich in den Equal-Projekten einmal mehr gezeigt, dass ein Praktikum sehr häufig eine wichtige Zugangsmöglichkeit zu einem späteren Arbeits- oder Ausbildungsplatz ist.

Geschlechtertypische und behinderungsbedingte Auswahl des Berufsfeldes

Der Blick auf die Praktikumstätigkeiten der TeilnehmerInnen zeigt, dass die Arbeits- und Berufsfelder einer geschlechtertypischen Verteilung unterliegen. Dies sei wiederum am Beispiel zweier an der EP beteiligten Qualifizierungsmaßnahmen - einer aus den alten und einer aus den neuen Bundesländern - dargestellt. Die TeilnehmerInnen einer Qualifizierungsmaßnahme des Instituts für Erwachsenenbildung in Aurich machten ihre Praktika in folgenden Arbeitsbereichen (Siehe Abbildung 1, S. 54).

Im Hinblick auf die Praktikumstätigkeiten zeigen sich deutliche Aspekte einer geschlechtertypischen Zuordnung zu bestimmten Berufs- und Arbeitsfeldern. Während Praktika mit Tätigkeiten im Lager, im Gartenbau und in Industrie- und Handwerksbetrieben -mit einer Ausnahme - nur von Männern absolviert werden, finden sich im Bereich hauswirtschaftlicher Tätigkeiten -mit ebenfalls einer Ausnahme -nur Frauen. Keine geschlechtertypische Belegung weisen die Bereiche Büro- und Einzelhandel auf. Ein Blick auf die Behinderungen der PraktikantInnen zeigt, dass im Bereich Büro- und Einzelhandel überwiegend Menschen mit körperlichen Behinderungen, organischen Erkrankungen oder neuropsychologischen Funktionsstörungen tätig waren. In den Bereichen Lager, Gartenbau, Industrie / Handwerk und Hauswirtschaft war ein vergleichsweise hoher Anteil von PraktikantInnen mit Lernschwierigkeiten festzustellen. Aus dem Vergleich typischer Arbeitsbereiche in Bezug auf das Geschlecht einerseits und auf die Art der Behinderung andererseits lässt sich die Vermutung ableiten, dass die geschlechterbezogene Teilung des Arbeitsmarktes für Menschen mit Lernschwierigkeiten noch extremer ist als für Menschen ohne Lernschwierigkeiten bzw. mit anderen Behinderungsarten. Diese Beobachtung deckt sich mit größer angelegten Studien (vgl. z.B. Hermes 2001, Kollatz 2001).

Abb. 1: Praktikumstätigkeiten Institut für Erwachsenenbildung Aurich (N=51; 20 Frauen / 31 Männer)

Zum Vergleich seien hier auch die Praktikumstätigkeiten der TeilnehmerInnen einer Qualifizierungsmaßnahme von Föbis Merseburg in Sachsen-Anhalt abgebildet.

Abb. 2: Praktikumstätigkeiten Föbis Merseburg (N=54; 24 Frauen / 30 Männer)

Im Vergleich zu den Praktikumstätigkeiten der Auricher TeilnehmerInnen weisen die Praktikumstätigkeiten in Merseburg etwas weniger starke geschlechtstypische Orientierungen auf. Auch hier ist zwar insbesondere der Bereich Hauswirtschaft ein vorrangig von Frauen wahrgenommenes Arbeitsfeld, doch scheinen einige der in Aurich typischen 'männlichen' Arbeitsfelder offener für Frauen zu sein. So machen ebenso viele Frauen wie Männer ein Praktikum im Gartenbau. Die Bereiche Industrie und Handwerk sowie Hausmeistertätigkeiten sind jedoch auch hier ein ausschließlich von Männern beanspruchtes Arbeitsfeld.

Auch bei den im Anschluss an die Teilnahme an den Qualifizierungsmaßnahmen zustande gekommenen Arbeits- bzw. Ausbildungsverhältnissen findet sich die hier beschriebene Aufteilung der Geschlechter auf die als geschlechtertypisch ausgemachten Berufsfelder.

Die Hamburger Arbeitsassistenz begegnet der hier beschriebenen Problematik mit ihrem neuen Projekt für junge Frauen mit Lernschwierigkeiten. Im Rahmen der neuen Equal-Entwicklungspartnerschaft "Talente - Entwicklung von Selbstbestimmung und Wahlmöglichkeiten" (Juli 2005-Dezember 2007) sollen hierbei Schulabgängerinnen Arbeitserprobungen machen können, die ihren Fähigkeiten und Interessen ggf. auch unabhängig von geschlechtertypischen Zuordnungen entsprechen. Spezifische gesellschaftliche Bedingungen für junge Frauen mit Behinderung sollen aufgegriffen werden, des Weiteren wird eine Sensibilisierung von ArbeitgeberInnen und Professionellen für die Problematik erstrebt. Die Erschließung weiterer Berufsbereiche für Frauen mit Behinderungen sowie die Aufwertung derzeitiger frauentypischer Berufsbereiche sollte in Projekten und an Orten der

Berufsorientierung und -vorbereitung einhergehen mit der gezielten Öffnung frauentypischer Berufsbereiche für Männer mit Behinderungen.

Ein Beispiel für einen erfolgreichen beruflichen Integrationsprozess

Wie verschiedene AkteurInnen im Übergang Schule-Beruf die Betriebspraktika erleben, bewerten und welche Faktoren für sie Grundlage positiver Bewertungen sind, soll am Beispiel von Herrn B.[1] deutlich werden. Im Zuge der Evaluation wurden mit Herrn B. und weiteren relevanten AkteurInnen in Bezug auf seinen beruflichen Integrationsprozess - zum Beispiel einem sozialpädagogischen Mitarbeiter und seinem Arbeitgeber - narrative bzw. thematischfokussierte Interviews durchgeführt. Dort erzählten die Befragten, wie sie ein Betriebspraktikum von Herrn B. erlebt, welche konkreten Erfahrungen sie im Arbeitsalltag gemacht, wie sie problematische Situationen gelöst haben und wie letztlich aus dem Praktikumsvertrag ein Arbeitsvertrag wurde.

Herr B. ist 19 Jahre alt, als er an einer Qualifizierungsmaßnahme teilnimmt, die im Rahmen der Equal-EP durchgeführt wird. Nach dem Besuch einer integrativen Gesamtschule und der Teilnahme an zwei Förderlehrgängen ist er einige Monate arbeitslos. Mit der Teilnahme an der Equal-Maßnahme eröffnet sich für ihn eine neue Perspektive. Bereits in den Förderlehrgängen hatte er nach dem Ausprobieren verschiedener Tätigkeiten einen Schwerpunkt auf den Gartenbaubereich gelegt.

Aufgrund des von ihm in einem Eingangsgespräch mit einem Mitarbeiter der Maßnahme geäußerten Wunsches, im Gartenbaubereich zu arbeiten, sucht dieser einen entsprechenden Praktikumsplatz für ihn. Nach einem einmonatigen Praktikum erhält Herr B. in dem Betrieb einen dreijährigen, vom Arbeitsamt geförderten Arbeitsvertrag. Die in den Interviews erzählten Erfahrungen und Einschätzungen machen zumindest ansatzweise deutlich, was entscheidend für den vergleichsweise unproblematischen, schnellen und erfolgreichen Prozess war.

Herr B. Maßnahmeteilnehmer berichtet: Herr B. schildert den Prozess auszugsweise wie folgt:

Interviewerin: "Ja --wie ist denn das zustande gekommen?, Sie waren ja im Y-Institut [Equal-Qualifizierungsmaßnahme] und haben hier das Praktikum angefangen."

B: "Ja - Praktikum angefangen - und paar Wochen später, da kam der Chef dann bei mir an, dass er mich einstellen will -und da hab ich denn gedacht: Ja, weiß ich nicht. kommt ganz drauf an für wie viel er mich einstellt. Und ein bisschen war ich doch - wird ich dann eingestellt -weil ich den Vertrag unterschrieben habe - und denn hab' ich ein gutes Gefühl gehabt."

Aus der Frage nach dem Zustandekommen des Praktikums greift Herr

B. zunächst die Worte "Praktikum gemacht" auf und kommt dann sofort auf die für ihn wesentliche Entwicklung des Praktikums, nämlich das Zustandekommen des Arbeitsvertrages einige Wochen später, zu sprechen. Durch das Anliegen seines Chefs sieht er für sich eine Entscheidungsmöglichkeit für oder gegen eine Einstellung. Zunächst setzt er sich mit der Möglichkeit eines Arbeitsvertrages aus einer ökonomischen Perspektive auseinander ("kommt ganz drauf an, für wie viel der mich einstellt"). Als zweiten Fokus auf den Arbeitsvertrag benennt er sein "gutes Gefühl", das er dabei gehabt habe. Hier, wie auch in vielen anderen Passagen seiner Erzählung im Interview, wird deutlich, dass das Erleben selbstbestimmter Handlungsmöglichkeiten eine zentrale Rolle für Herrn B. spielt. Er erlebt subjektiv Entscheidungsoptionen bezüglich seines Berufswunsches sowie des Arbeitsvertrages. Bezahlung und Arbeitsbedingungen erfährt er als verhandelbar.

Herr H. Mitarbeiter des Projektes berichtet:

Herr H. ist Mitarbeiter des Projektes, an dem Herr B. teilnimmt. Er beschreibt im Interview sein Handeln als Sozialpädagoge: Zunächst erfragt er den Berufswunsch von Herrn B. und macht sich dann auf die Suche nach einem Praktikumsplatz im Bereich Gartenbau. Als dieser gefunden ist und Herr B. das Praktikum begonnen hat, hält Herr H. Kontakt sowohl zu Herrn B. als auch zu dem Arbeitgeber des Betriebes. Diesen informiert er - wie er sagt: "zunächst ganz unverbindlich" - über Fördermöglichkeiten und rechtliche Rahmenbedingungen bezüglich einer Festeinstellung. Als es konkret um die Einstellung geht, stellt er den Kontakt zwischen dem Arbeitgeber und dem Schwerbehindertenvermittler der zuständigen Arbeitsagentur her. Insgesamt orientiert Herr H. sein Handeln an den Wünschen und Bedürfnissen sowohl des arbeitssuchenden Herrn B. als auch des Arbeitgebers.

Herr K. Inhaber des Gartenbaubetriebes berichtet:

Herr K. ist Inhaber eines Gartenbaubetriebes am Wohnort von Herrn B. Früher hat er selbst Lehrlinge ausgebildet. Nachdem die Ausbildungsordnung mehrere Ausbildungsinhalte vorschreibt, die er aufgrund seiner Auftragslage und seiner vorhandenen Geräte nicht erfüllen kann, hat er in seinem Betrieb keine Auszubildenden mehr. Er bedauert das sehr, weil ihm u.a. die pädagogischen Anteile der Ausbildungsarbeit gefallen hatten. In den letzten Jahren hat er mehrfach Praktikanten aus einer Förderschule des Ortes beschäftigt. Herr K. stellt fest, dass Herr B. der erste Praktikant mit einer Behinderung in seinem Betrieb sei. Entgegen erster Befürchtungen, die er bezüglich der Beschäftigung von Herrn B. hat, macht er mit ihm sehr gute Erfahrungen im Arbeits- und Betriebsalltag. Seinen ersten Gedanken zur Anfrage nach einem Praktikumsplatz, beschreibt er im Interview folgendermaßen: "Vor allen Dingen hatte ich dann ein bisschen Sorge, wie werd ich den wieder los?". Diese Bedenken lösen sich bald durch die Informationen, die er von dem Sozialpädagogen Herrn

H. bekommt.

Seine Beweggründe für die Einstellung von Herrn B. nach einem Praktikumsmonat beschreibt Herr K. vielfältig: "Weil er ein netter Kerl ist, hab ich mir gedacht, den stellst du ein [...]. Ich brauchte einen ungelernten Arbeiter, gerade in dem Moment. Ein ungelernter Arbeiter vom Sozialamt ist ausgefallen, und als ich dann hörte, dass das auch bezuschusst wird, war das für mich sehr interessant. Darum ist er hier [...]

er macht seine Witze, er passt dazu. Er ist ruhiger, und das ist in manchen Situationen ein bisschen angenehmer als die Leute, die wir bislang hatten. Er ist vor allen Dingen pünktlich, er tut seine Arbeit, was will man mehr? Da hab ich Glück gehabt, es kann ja auch viel schlimmer sein. Aber deswegen ist es ganz gut, dass ich weiß, nach einem Monat, lern ich ihn kennen ob er dazu passt oder nicht - und das hat eben gepasst - deswegen ist er hier."

Herr K. nennt als ersten Einstellungsgrund, dass Herr B. "ein netter Kerl ist". Sodann kommt er auf den betrieblichen Nutzen zu sprechen, den er durch Herrn B. hat. Dies ist einerseits die sich rechnende Arbeitsleistung - gerade die Zuschüsse von 70, 60 und 50 % in den ersten drei Jahren machen die Einstellung für ihn attraktiv.[2] Nicht zuletzt sind es aber auch die soziale Kompetenz und Integrationsfähigkeit seines neuen Mitarbeiters, die Herrn K. von einer Einstellung überzeugen. In seiner Argumentation wird deutlich, dass das Praktikum eine wichtige Voraussetzung auf dem Weg zur Entscheidung war. Gerade die Möglichkeit, Zeit für ein unverbindliches Kennenlernen im Arbeitsalltag, aber auch in dem sozialen Setting eines Arbeitsteams zu haben und dadurch anfängliche Ängste und Zweifel abbauen zu können, war für Herrn K. ebenso ausschlaggebend für eine Einstellung wie für andere interviewte ArbeitgeberInnen. Für die langfristige Absicherung der Arbeitsstelle und ggf. die Unterstützung bei Problemen, die sich nach dieser im Vergleich zu anderen betrieblichen Integrationsprozessen schnellen Entscheidung für Arbeitgeber und Arbeitnehmer möglicherweise im Laufe der mehrjährigen Zusammenarbeit ergeben, wäre die Begleitung durch den zuständigen Integrationsfachdienst sinnvoll.

Voraussetzung ist die Selbstbestimmung von Entscheidungen und Handlungen

Die jeweils eigenen Handlungen und Entscheidungen stehen im Vordergrund der Erzählungen und Argumentationen dieser drei Interviewpartner. Gleichwohl wird deutlich, dass die Akzeptanz der Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten der jeweils anderen eine entscheidende Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Abschluss dieses Prozesses sind. Dem starken Bedürfnis von Herrn B., seinen beruflichen Weg selbst zu bestimmen und Entscheidungs- und Wahlmöglichkeiten darin zu erfahren, begegnen sowohl der begleitende Sozialpädagoge als auch sein zukünftiger Arbeitgeber - wie hier nur an wenigen beispielhaften Äußerungen deutlich wird. Der Arbeitgeber fasst den Einbezug seiner eigenen Bedürfnisse sowie derer von Herrn B. und des gesamten Arbeitsteams mit den Worten "Und das hat eben gepasst - deswegen ist er hier" zusammen und drückt damit ein wesentliches Kriterium aus, das sich in anderen erfolgreichen Integrationsprozessen wieder findet.

Die hier beschriebenen Kriterien Selbstbestimmung und Entscheidungsmöglichkeiten sowie optimale Passungsverhältnisse - d.h. Arbeitnehmer und betriebliche Bedingungen und KollegInnen passen nicht nur in Bezug auf Fähigkeiten und Arbeitstätigkeiten, sondern auch im sozialen Miteinander zusammen - finden sich in den übrigen in den Interviews erzählten Erfahrungen von Arbeitssuche und Praktika wieder und werden von den unterschiedlichen AkteurInnen als besonders bedeutsam hervorgehoben.

Doch nicht alle Betriebspraktika verliefen so erfolgreich wie im hier beschriebenen Beispiel. Häufig fehlen die Ressourcen zu einer manchmal notwendigen Begleitung z.B. in Form eines job coaching. In der neuen Equal-EP "Talente - Entwicklung von Selbstbestimmung und Wahlmöglichkeiten" -begegnen die beteiligten Projekte dieser Problematik mit einem Konzept intensiverer Praktikumsbegleitung und der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten von job coaching am Arbeitsplatz, wo dies nötig scheint. Die BAG UB übernimmt hierin als Teilprojekt die Aufgabe der Qualitätssicherung, in der es um die Verbesserung der regionalen professionellen Netzwerke ebenso geht wie um eine genauere Analyse der Faktoren, die den erfolgreichen Verlauf betrieblicher Integrationsprozesse begünstigen. Hierbei wird der Fokus auf die Interaktionen zwischen PraktikantInnen, ArbeitgeberInnen und KollegInnen am Arbeitsplatz gelegt. Die verschiedenen AkteurInnen erhalten zudem in Interviews die Möglichkeit, ihre eigenen Erfahrungen und Sichtweisen in diesem Kontext zu beschreiben. In Gruppendiskussionen zwischen Praktikanten bzw. Praktikantinnen bekommen diese gezielt die Möglichkeit, eigene Perspektiven und bedeutsame Faktoren einzubringen und miteinander zu diskutieren. ArbeitgeberInnen werden zu ihren spezifischen Bedarfen bezüglich der Beratung, Information und Unterstützung befragt. Durch die Optimierung der Zusammenarbeit von Professionellen im Feld der beruflichen Integration, ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen und die Einbeziehung der verschiedenen Interessen und Bedarfe sollen betriebliche Integrationsprozesse letztlich verbessert und erleichtert werden.



[1] Die Namen und weitere personenbezogene Daten sind im Folgenden anonymisiert

[2] Auch an der vergleichsweise hohen Förderung wird deutlich, dass hier besondere Bedingungen zu dem glatten und schnellen Verlauf vom Praktikum zur Einstellung vorlagen. Generell werden regional und einzelfallbezogen Eingliederungszuschüsse in sehr unterschiedlicher Höhe und Dauer bewilligt (vgl. Hartmann 2004).

Literatur:

Hartmann, Josef (2004): Lohnkostenzuschüsse und Integration schwer vermittelbarer Personen in den ersten Arbeitsmarkt, hrsg. v. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit [Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, BeitrAB 284], Nürnberg

Hermes, Gisela (2001): Umfrage in Berufsbildungs- und Berufsförderungswerken zur Situation von Frauen und Mädchen mit Behinderung. Berlin /Kassel

Hohn, Kirsten (2003): Perspektiven unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure in Prozessen des Übergangs von der Schule in den Beruf. Erste Evaluationsergebnisse der EQUAL-Entwicklungspartnerschaft "Keine Behinderungen trotz Behinderung". In: Impulse 28 (Dezember 2003) 5-12

Kollatz, Heidemarie (2001): Förderung von benachteiligten Mädchen und Frauen durch Berufsausbildung in innovativen Berufsfeldern. Aktueller Stand der Diskussion und Ansätze der Weiterentwicklung des Handlungsfeldes, hrsg. v. BIBB (Bundesinstitut für Berufsbildung)

Quelle:

Kirsten Hohn: "Und das hat eben gepasst - deswegen ist er hier."

Ergebnisse aus der Evaluation der EQUAL- Entwicklungspartnerschaft "Keine Behinderungen trotz Behinderung"

erschienen in: impulse Nr. 36, Dezember 2005, Seite 53 - 56.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 11.09.2007

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