Modellprojekt "Arbeitsweltbezogene Integrationsprojekte" -AIM

AutorIn: Joachim Storck
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: impulse Nr. 34, Juli 2005, Seite 16 - 17. impulse (34/2005)
Copyright: © Joachim Storck 2005

Neue Wege

Die Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen (LAG WfbM) in Rheinland-Pfalz hat sich drei Jahre intensiv der Aufgabe gestellt, Möglichkeiten und Wege zur Förderung des Übergangs auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu entwickeln und zu erproben. Zwischen den Jahren 2002 und 2005 wurde das Modellprojekt AIM - gefördert durch das Integrationsamt und in enger Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit - durchgeführt. Die Ergebnisse des Projektes sind u. a. veröffentlicht im Magazin "Integration", aus dem wir hier den Leitartikel veröffentlichen.

Unsere Werkstätten haben sich verändert

Bemühungen zur Verbesserung des Übergangs von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Werkstätten in den ersten Arbeitsmarkt gab es schon vor Beginn des Projektes AIM. Dabei verfolgten die drei am Projekt teilnehmenden Werkstätten - Caritas Werkstätten Mayen, Diakonie Werkstätten -kreuznacher diakonie, ServiceCenter der gpe - durchaus unterschiedliche Ansätze. Gemeinsam war das Ziel, geeignete Maßnahmen zu entwickeln, um den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu fördern. Deshalb wurden wir zu Projektpartnern.

Es wurde eine Fülle geeigneter Maßnahmen konzipiert und erprobt. Mit dem "Modularen Maßnahmekatalog" stehen diese nun allen Werkstätten zur Verfügung. Wir haben jedoch auch gelernt: Wirkungsvoll können solche Maßnahmen nur werden, wenn die Vorbereitung auf und die Begleitung in den ersten Arbeitsmarkt fester Bestandteil des Rehabilitationsprozesses in den Werkstätten wird. Diesen Prozess nennen wir "Integrationsmanagement", das zu Grunde liegende Unternehmensziel "Integration". Diese Zielsetzung hat unsere Werkstätten verändert.

"Die Werkstätten für behinderte Menschen sollen in enger Zusammenarbeit mit allen an der beruflichen Rehabilitation Beteiligten besser als bisher in die Lage versetzt werden, den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vorzubereiten und zu begleiten." (Auszug aus dem Projektantrag) Dies war das wichtigste Projektziel.

Neue Formen der Beschäftigung

Bald wurde im Projektverlauf deutlich, dass man weder den Fähigkeiten und Wünschen der Werkstattbeschäftigten noch den Möglichkeiten auch aufgeschlossener Arbeitgeber gerecht wird, wenn man "Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt" mit "unbefristeter Arbeitsvertrag" übersetzt. "Teilhabe am Arbeitsleben" kann viele Formen haben: Bekannte, wie die Arbeit in der WfbM, mehr oder weniger genutzte Formen wie Praktika, Außenarbeitgruppen und Außenaufträge oder neue Möglichkeiten durch Einzelaußenarbeitsplätze und den "virtuellen" Berufsbildungsbereich, wie sie im Projekt erprobt wurden. Es kommt darauf an, dass es für die Werkstattbeschäftigten "passt".

Einzelaußenarbeitsplätze sind heute

- auch vom Kostenträger - auf der Basis des im Projekt entwickelten Konzeptes anerkannte Beschäftigungsformen. Die Einsicht in die Notwendigkeit und Möglichkeit vielfältiger Formen der Beschäftigung zwischen Werkstatt und Arbeitsvertrag ist gewachsen. Ein großer Erfolg!

Die Teilhabemöglichkeiten an Arbeit im ersten Arbeitsmarkt sind vielfältiger geworden und damit wächst auch die Chance auf die Vermittlung in ein reguläres Arbeitsverhältnis. Neue Möglichkeiten für Werkstattbeschäftigte bedeuten auch neue Herausforderungen, die besondere Anforderungen stellen. Dies erfordert zielgerichtete Aktivitäten zur Motivation, Vorbereitung und Begleitung. Aus der Praxis der Werksstätten heraus sind hierzu viele Module entwickelt und erprobt worden. Es sind Handreichungen, Handlungsempfehlungen und Maßnahmen zur Integrationsarbeit. Zusammengefasst sind sie in einem vom Institut für Technologie und Arbeit der Universität Kaiserslautern entwickelten, systematischen, flexiblen und auf die jeweilige Situation individuell anwendbaren "Modularen Maßnahmekatalog".

Unternehmensziel Integration

Erfolgreich angewandt wird ein solcher Katalog nur, wenn in den Werkstätten hierfür die erforderlichen Strukturen geschaffen werden. Integrationsarbeit, das wurde sehr schnell deutlich, ist keine Aufgabe, die der Begleitende Dienst nebenbei erledigt. In den Projektwerkstätten wurden Strukturen geschaffen, die sicherstellen, dass der Prozess der zielgerichteten Motivation, Vorbereitung und Begleitung verankert und gesichert ist. Geregelt haben das die Werkstätten - entsprechend ihrer jeweiligen Besonderheiten -durchaus unterschiedlich. Gemeinsam war ihnen jedoch: Integrationsarbeit ist ein Unternehmensziel und damit "Chefsache". Sie erfordert klare Verantwortlichkeiten, Personal mit entsprechender Fachkompetenz und ausreichende Zeitressourcen. Vor allem erfordert sie die Bereitschaft aller in der Werkstatt Tätigen, diesen Prozess mitzugestalten und mitzutragen.

Über 600 Menschen mit Behinderungen haben in den Partnerwerkstätten in den vergangenen drei Jahren an Maßnahmen der Integrationsarbeit teilgenommen. Die Palette reichte vom Informationsgespräch bis zur zielgerichteten Vorbereitung auf die Vermittlung in ein reguläres Arbeitsverhältnis. Das Interesse an neuen Arbeitsformen und entsprechende Aktivitäten der Werkstattbeschäftigten ist in allen drei Werkstätten sehr deutlich gestiegen. Das war nur möglich, weil es gelungen ist einen großen Teil der Fachkräfte für Arbeits- und Berufsförderungen, der Kolleginnen und Kollegen des Begleitenden Dienstes und andere Beteiligte für das Unternehmensziel Integration zu gewinnen.

Keine Insel der Glückseligen

Die Möglichkeiten und Erfolge der Arbeit in den Werkstätten werden durch viele Rahmenbedingungen, auf die die Werkstätten keinen oder nur begrenzt Einfluss haben, mitbestimmt. Es war eine weitere Aufgabe des AIM-Projektes und insbesondere auch der Wissenschaftlichen Begleitung zu klären, welche Rahmenbedingungen gegeben sein müssen, um Vermittlungsprozesse erfolgreicher zu gestalten.

Innerhalb der Werkstatt kann vieles unternommen werden - wenn man es sich leisten kann! Der Integrationsprozess ist aufwändig. Er ist in aller Regel an einen höheren Hilfebedarf und besondere Qualifikationsanforderungen der beteiligten Fachkräfte gebunden. Mit der zukünftigen Zuordnung zu einer entsprechenden Hilfebedarfsgruppe und einer damit verbundenen auskömmlichen Maßnahmepauschale kann dieses Problem gelöst werden.

Die Unternehmen warten nicht auf neue Arbeitskräfte aus den Werkstätten. Weniger Arbeitsplätze, ständig wachsende Anforderungen, Millionen von Arbeitssuchenden verringern die Chancen auf Beschäftigungen für Werkstattbeschäftige. Dennoch kann und muss man die Chancen verbessern. Dies gelingt, wenn Erwartungen der Arbeitgeber und der Werkstattmitarbeiter abgeklärt, Anforderungs- und Fähigkeitsprofile in Einklang gebracht sind. Für Werkstattmitarbeiter und Unternehmen ist eine zuverlässige Unterstützung aus einer Hand notwendig, um den Eingliederungsprozess zu gestalten. Die Unternehmen brauchen unbürokratische, ausreichende und langfristige finanzielle Nachteilsausgleiche.

Hürde Arbeitsvertrag

Das AIM-Projekt hat gezeigt: Es gibt die Bereitschaft von Unternehmen und Verwaltungen, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen, an deren Qualifizierung am Arbeitsplatz mitzuwirken und mit den Werkstätten fair zusammen zu arbeiten. Sie sind auch bereit, für die erbrachte Leistung ein angemessenes Entgelt zu zahlen. Die Hürde ist der Arbeitsvertrag. Denn - so die Erfahrungen im Projekt - oft gelingt es dem Werkstattbeschäftigten wegen seiner Behinderung nicht, sich so weit zu qualifizieren, dass er den Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes gewachsen ist. Konnte er die Hürde Arbeitsvertrag nicht nehmen, kehrte er bislang unter das Dach der Werkstatt zurück oder verließ es erst gar nicht. Heute erbringen Werkstattmitbeschäftige Leistungen im Unternehmen. Sie finden ihren Platz im Arbeitsleben außerhalb der Werkstatt, ohne die notwendige Unterstützung und Förderung durch die Werkstatt zu verlieren. An solche Beschäftigungsformen sollte weiter gearbeitet werden.

Ein Gewinn

Integrationsarbeit im oben beschriebenen Sinne betrifft unmittelbar nur einen Teil der Beschäftigten der Werkstätten. Allerdings nicht nur die "Fitten". Nicht Art und Schwere der Behinderung ist oft der entscheidende Faktor, sondern Motivation und Mut Neues anzugehen.

Integrationsarbeit in den Werkstätten kann allen Werkstattbeschäftigten Mut machen, auch innerhalb der Werkstatt die eigenen Kräfte und Fähigkeiten weiter zu entwickeln, Neues lernen und sich mit der Frage zu beschäftigen: Wo will ich arbeiten?

Für diese Integrationsarbeit müssen neue und vielfältige Formen der Motivation und Förderung entwickelt und unsetzt werden. Das kommt allen Werkstattbeschäftigten zugute. Eine Werkstatt, die zeigt, dass sie Menschen mit Behinderung in die Lage versetzten kann, auch in Betrieben des ersten Arbeitsmarktes zu arbeiten, beweist die großen Fähigkeiten derWfbM Menschen mit Behinderungen zu fördern und zu begleiten.

Das Magazin "Integration" kann unter aim@gpe-mainz.de angefordert werden und steht unter www.aim.gpe-mainz.de als Download bereit. Auf dieser Website finden Sie auch weitere Informationen zum Projekt und zur wissenschaftlichen Begleitung durch das Institut für Technologie und Arbeit der Universität Kaiserslautern.

Kontakt

Joachim Storck -Geschäftsführer

Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen

GPEgGmbH

Galileo-Galilei-Straße 9a, 55129 Mainz

Fon: 06131/66940-11; Fax: 15

eMail: info@gpe-mainz.de

internet: www.aim.gpe-mainz.de

Quelle:

Joachim Storck: Modellprojekt "Arbeitsweltbezogene Integrationsprojekte" -AIM

erschienen in: impulse Nr. 34, Juli 2005, Seite 16 - 17.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 12.11.2007

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