"Aktion Berufsplan"

Persönliche Zukunftsplanung und Integrationsbegleitung im Übergang Schule/Beruf

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse 28, Dezember 2003, Seite 17-20. impulse (28/2003)
Copyright: © Theresia Adelfinger 2003

1. Ausgangssituation und Zielsetzung

Junge Menschen mit einer Behinderung besuchen in der Regel - je nach Art der Behinderung - eine entsprechende Förderschule, in Bayern in Ausnahmefällen Schulen, die integrativ arbeiten. Beim Übergang ins Berufsleben werden sie vielfach mit hohem Engagement von Lehrern und Lehrerinnen, der Berufsberatung des Arbeitsamtes oder von Integrationsfachdiensten unterstützt.

Die Wege für behinderte Jugendliche nach der Schule bewegen sich in ähnlichen Bahnen, eher leistungsstarke Schüler-/innen besuchen ein Berufsvorbereitungsjahr oder einen Förderlehrgang, andere die Werkstatt für behinderte Menschen. Einige körperbehinderte Jugendliche machen eine Ausbildung in den Berufsbildungswerken oder auf dem normalen Arbeitsmarkt.

Für Jugendliche mit einer Behinderung gestaltet sich der Übergang ins Berufsleben aus verschiedenen Gründen schwierig. Ihre beruflichen Möglichkeiten sind in der Regel durch die Behinderung eingeschränkt, z.B. durch kognitive Einschränkungen, Lernbehinderungen, oder durch Einschränkungen der Mobilität. Zusätzlich erschweren die Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes eine Beschäftigung oder Qualifizierung in den Betrieben.

Dennoch gibt es Schüler und Schülerinnen mit einer Behinderung, die den Wunsch haben auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen und gleichzeitig Fähigkeiten und Eigenschaften mitbringen, die eine Integration möglich erscheinen lassen. Sie sind motiviert und bereit sich auf dem Arbeitsmarkt auszuprobieren.

Hier setzt das Projekt "Aktion Berufsplan" der Integrationsbegleitung ACCESS in Erlangen an. Schüler und Schülerinnen werden frühzeitig und langfristig auf den Übergang in das Berufsleben vorbereitet. Seit 1998 ist ACCESS in Zusammenarbeit mit Schulen in der Integrationsbegleitung (vormals Arbeitsassistenz) engagiert. Diese Arbeit wird mit diesem Projekt fortgesetzt und erweitert.

Für das Projekt infrage kommen Schülerinnen und Schüler aus den entsprechenden Förderschulen zwei Jahre vor Beendigung der Schullaufbahn bzw. des Berufsvorbereitungsjahres (BVJ), die in Zusammenarbeit mit der Schule ausgewählt werden. Voraussetzung ist der Wunsch von Schülerinnen und Schülern auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Erfahrungen zu sammeln und sich auszuprobieren, die eigene Motivation, sowie soziale Kompetenzen im Umgang mit anderen.

2. Rahmenbedingungen

Das Projekt ist eingebunden in die bundesweite Gemeinschaftsinitiative EQUAL, gefördert vom Europäischen Sozialfonds (ESF) und der "Aktion Mensch": "Keine Behinderungen trotz Behinderung" - Neue Qualitäten im Netz zwischen Schule und Beruf. Ziel des Gemeinschaftsprojektes ist es, den Übergang Schule - Beruf strukturell und konzeptionell zu verbessern. Personell stehen zwei pädagogische Fachkräfte in Teilzeit zur Verfügung. Die Projektlaufzeit beträgt drei Jahre (Juni 2002 - Mai 2005). Als Kooperationspartner konnten zwei Schulen für Körperbehinderte, zwei Schule der Lebenshilfe und eine Montessori-Schule, die integrativ arbeitet, in der Region gewonnen werden.

3. Methoden

3.1 Persönliche Zukunftsplanung

Die Arbeit mit "persönlichen Zukunftskonferenzen" erfordert das Verlassen gewohnter Denkmuster vom Beschützen und dauerhaften Betreuen von Menschen mit (geistigen) Behinderungen, ihre spezifischen Kompetenzen und Entwicklungspotenziale werden gesehen, Möglichkeiten der Unabhängigkeit und Selbständigkeit werden ihnen zugestanden. Dem liegt ein integratives Verständnis von Behinderung zugrunde, das auf Assistenz und Unterstützung, auf Dialog und Kooperation im Prozess der Selbstbestimmung setzt.

Das Konzept der persönlichen Zukunftsplanung (beschrieben z.B. von Hinz/Boban: "Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft", Nr. 4/4/99) stellt eine Methode dar, die eine langfristige Begleitung ermöglicht. Zukunftskonferenzen können helfen in Übergangssituationen klärend und orientierend zu sein und stellen einen organisierten Prozess zur Selbstbestimmung des Jugendlichen dar.

Da es sich bei der Suche nach Arbeit auch immer um die Gestaltung von Lebensperspektiven geht, ist die persönliche Zukunftskonferenz eine geeignete Methode für die Zielsetzung des Projektes. Sie orientiert sich an den Stärken und Fähigkeiten der Person und fragt nach Träumen und Wünschen für die Zukunft und plant deren Verwirklichung. Das soziale Umfeld der Person wird stark mit einbezogen, Freunde, die Familie, Lehrer oder sonstige Personen, die dem Schüler/der Schülerin nahe stehen, bilden den sog. "Unterstützerkries", der die Person langfristig unterstützen soll. Wichtig ist hier auch die Einbeziehung Gleichaltriger, da sie andere Ideen und Vorstellungen einer lebenswerten Zukunft haben als Erwachsene und den Prozess ergänzen.

Ein methodisches Beispiel ist "Making Action Plan". Der Schüler/ die Schülerin lädt zu einer Zukunftskonferenz mit Gästen, die die Person selbst auswählt, in der Regel Eltern, Lehrer, Verwandte, Freunde etc.. Moderiert wird die Zukunftskonferenz von einer außen stehenden Person. Erarbeitet wird die Geschichte der Person, ihre Träume und Vorstellungen von der eigenen Zukunft und - kurz - ihre Alpträume (siehe Abbildung).

Besonderer Wert wird auf die Eigenschaften der Person, ihre Begabungen und Fähigkeiten und auf die Bedürfnisse gelegt, die sie/er zur Umsetzung ihrer Träume braucht. Zum Schluss wird ein konkreter Aktionsplan erarbeitet, der beinhaltet, was jede/r der "Unterstützer" für die Person tun kann.

3.2 Integrationsbegleitung

Die Planungen der persönlichen Zukunftskonferenz werden zur beruflichen Orientierung genutzt. Mit Hilfe von Gesprächen mit den Schüler/-innen und deren Bezugspersonen werden die Interessen und Fähigkeiten und ihre Motivation erkundet. Ebenso zu berücksichtigen sind Hemmnisse oder Einschränkungen, die durch die Behinderung objektiv gegeben sind.

Zusätzlich werden durch Praktika Informationen gewonnen, die das Fähigkeitsprofil des Schülers/der Schülerin entscheidend ergänzen. Ein erstes Bewerberprofil kann erstellt werden und die Eignung für den allgemeinen Arbeitsmarkt überprüft werden. Ebenso können Informationen darüber gewonnen werden, wie ein geeigneter Arbeitsplatz aussehen kann.

Damit der vielschichtige Prozess der Integration gelingen kann, ist die gezielte Zusammenarbeit und Koordination mit allen Bündnispartnern, Schule, Eltern, Arbeitsamt, Betriebe etc. unerlässlich.

Betriebliche Erfahrungen - Praktika

Schüler haben in der Regel die Arbeitswelt noch kaum kennen gelernt. Durch erste Praktika in Betrieben - die je nach Schule unterschiedlich lang und flexibel sein können - werden erste Erfahrungen gemacht und Kompetenzen erworben. Betriebliche Anforderungen werden kennen gelernt, die eigenen Fähigkeiten können überprüft werden, erforderliche soziale Umgangsformen werden gestärkt. Bei Schülern, die ihre eigenen Interessen und Fähigkeiten wenig kennen, bieten Praktika in unterschiedlichen Arbeitsbereichen eine berufliche Orientierung.

Bei der Akquise der Praktika durch die Integrationsbegleiterin von ACCESS werden die Interessen und Neigungen der Schüler und Schülerinnen weitestgehend berücksichtigt.

Praktika geben Aufschluss über viele Fähigkeiten, die für eine Eingliederung in den Arbeitsmarkt notwendig sind: über Pünktlichkeit, Durchhaltevermögen, Arbeitstempo oder das Verhalten gegenüber Kollegen. Eine fachliche Eignung für bestimmte Tätigkeiten lässt sich am besten in der Praxis überprüfen, besonders wenn es um einfach strukturierte Arbeitsplätze geht. In unserer immer komplexer werdenden Arbeitsgesellschaft sind auch sog. Schlüsselqualifikationen (Anpassungsfähigkeit, Kontaktfähigkeit, Teamfähigkeit, Eigenverantwortung etc.) von entscheidender Bedeutung. Auch diese Fähigkeiten können durch ein längeres Praktikum gelernt und überprüft werden. Die Praktika werden fachlich begleitet und beurteilt.

Job-coaching

Bei Schülern und Schülerinnen mit kognitiven Einschränkungen werden längere Praktika durchgeführt, die - bei Bedarf - durch ein Job-coaching begleitet werden.

In der Regel haben die Schüler noch keine Arbeitserfahrung, weshalb eine Arbeitsbegleitung besonders sinnvoll sein kann. Sie übernimmt die Einarbeitung in neue Arbeitsvorgänge, qualifiziert am Arbeitsplatz und unterstützt bei der Orientierung im Betrieb.

Der Jobcoach nimmt eine Vermittlerfunktion zwischen Betrieb und Schüler/-in ein. Menschen mit Lernschwierigkeiten brauchen häufig Wiederholungen de Handlungsschritte oder zusätzliche Anleitungen, um bestimmte Tätigkeiten auszuführen. Da Betriebe hierin bei Menschen mit Lernschwierigkeiten häufig keine Erfahrung haben, unterstützt dies der Job-coach.

Die Begleitung hat die Integration in den allg. Arbeitsmarkt zum Ziel. Idealerweise gelingt die Integration in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis oder bei körperbehinderten Schüler/-innen in ein Ausbildungsverhältnis.

4. Erste Erfahrungen

Nach einer gewissen Einarbeitungszeit - auch bedingt durch Rhythmus des Schuljahres - konnten seit Beginn des Schuljahres 2002/2003 die ersten Schüler/-innen gewonnen werden. Zunächst ging es darum, das Projekt an den Schulen und bei den Eltern bekannt zu machen und interessierte und geeignete Schüler und Schülerinnen dafür zu gewinnen. Die Zusammenarbeit mit den beteiligten Schulen und der Berufsberatung des Arbeitsamtes ist inzwischen durch reges Interesse an unsere Arbeit gekennzeichnet, unser Angebot wird angenommen.

Erste Erfahrungen zeigen, dass "Persönliche Zukunftskonferenzen" als neue Methode nicht sofort zugänglich sind und nicht für jede Person geeignet sind. Hier muss viel Informationsarbeit geleistet werden. Es besteht zunächst der Wunsch nach "beruflicher Eingliederung" von Seiten der Eltern und/oder Schüler. Persönliche Zukunftsplanung ist aber auch eine Methode, die neuen "Schwung" geben kann und sich besonders zur Planung weiterer Schritte eignet. Sehr hilfreich ist persönl. Zukunftsplanung um eine Person kennen zu lernen und deren Fähigkeiten heraus zu finden. Von den bisher beteiligten Personen, werden Zukunftskonferenzen als hilfreiches planerisches Instrument erlebt. Der Aufbau eines "Unterstützerkreises" hängt viel davon ab, wie viele Kontakte und Unterstützungsmöglichkeiten ein Schüler/eine Schülerin und deren/dessen Eltern bisher schon aktivieren konnten oder ob sie eher sozial isoliert leben. Viele Aspekte der sozialen Lebenssituation spielen hier eine Rolle.

Das Projekt kennzeichnet sich durch "Prognosen für die Zukunft, durch einen Prozess, der am Beginn steht. Die teilnehmenden Schüler/-innen sind zwischen 14 und 18 Jahre alt, leben bei den Eltern und haben in der Regel keine beruflichen Erfahrungen. Zu Anfang gibt es keine gesicherten Informationen z.B. über Ausbildungsfähigkeit oder über den Schulabschluss der möglicherweise erreicht wird. Viele Schüler der Körperbehindertenschulen "verlängern" auch ihre Schulkarriere mit einem zusätzlichen Schuljahr oder zwei Jahren im Berufsvorbereitungsschuljahr, so dass anfangs die Planung der zeitlichen Perspektive schwierig ist. Es gilt deshalb immer wieder neue Wege und Möglichkeiten zu suchen und die Perspektiven zu verändern.

Die Schüler/-innen befinden sich noch im oben beschriebenen Prozess, der - wie dargestellt - über zwei Jahre dauert. Über konkrete Erfolge liegen noch keine weiteren Ergebnisse vor.

5. Ein Beispiel

Eine 18-jährige Schülerin aus einer Schule zur individuellen Lebensbewältigung (Schule der "Lebenshilfe", d. Red.) besuchte im letzten Schuljahr die letzte Klasse der Werkstufe. Durch den Kontakt mit ihrer sehr engagierten Lehrerin lernte ich sie kennen. Sie hatte bereits in den Schuljahren vorher Praktika gemacht und will auf dem freien Arbeitsmarkt arbeiten. Nach einigen Gesprächen mit ihr, den Eltern und der Lehrerin gestalteten wir im Herbst ein "kleine" Zukunftskonferenz mit ihrer Familie, und einer Lehrerin, insbesondere um Arbeitsbereiche und Fähigkeiten herauszufinden, die ihr liegen. Andere Themen ihrer Zukunft waren wenig relevant, da es für sie klar ist, dass sie zunächst weiter zu Hause leben möchte. Ihre Eltern fördern ihre Selbständigkeit. Ihre Stärken liegen vor allem in ihrer Motivation zu arbeiten und in ihrem Durchhaltevermögen.

In Zusammenarbeit mit der Schule legten wir fest, durch Langzeitpraktika im zweiten Schulhalbjahr eine Anstellung auf dem freien Arbeitsmarkt zu erreichen. Die Schülerin machte zunächst ein Praktikum in einer großen Jugendherberge im Küchen - und im Reinigungsbereich, danach als "Regalauffüllerin" im Lebensmitteleinzelhandel um verschiedene Arbeitsfelder kennen zu lernen und sich zu qualifizieren. Beide Praktika wurden durch Job-coaching begleitet, um sie in der Situation im Betrieb zu unterstützen, z.B. um Arbeitsabläufe zu wiederholen oder durchzusprechen, die Kolleg(-inn)en über ihre Behinderung und ihre Möglichkeiten zu informieren oder ihr Anregungen im Umgang mit Kollegen zu geben. Sie arbeitet sehr motiviert und hat ihre Fähigkeiten im Laufe der Praktika erweitert, sie ist selbständiger und selbstbewusster geworden. Eine Anstellung im Betrieb konnte noch nicht erreicht werden, u.a. da der zeitliche Rahmen eines halbjährigen Eingliederungspraktikums noch zu kurz war und sich die Routine ihrer Tätigkeit noch verbessern muss. Glücklicherweise kann ACCESS im Anschluss das Projekt "Betriebliches Arbeitstraining" anbieten, das mit Hilfe weiterer Praktika in Betrieben qualifiziert und eine Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt zum Ziel hat. Sie absolviert jetzt einen Förderlehrgang und macht ein weiteres Praktikum im Einzelhandel, um dort ihre Fähigkeiten weiter zu verbessern. Wünschen wir ihr Glück!

Anmerkung der bidok-Redaktion

Das Konzept des Projekts "Aktion Berufsplan" wird heute unter dem Namen "BerufsStart" von ACCESS in Erlangen angeboten. (12.12.12)

Kontakt:

ACCESS Integrationsbegleitung

Frau Adelfinger/Frau Schmidtlein

Michael-Vogel-Str. 1c, 94052 Erlangen

Tel: 09131/897 444

Fax: 09131/897 449

eMail: th.adelfinger@access-ifd.de

Quelle:

Theresia Adelfinger: "Aktion Berufsplan" Persönliche Zukunftsplanung und Integrationsbegleitung im Übergang Schule/Beruf

Erschienen in: impulse 28/2003, Seite 17-20.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 18.12.2012

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