Aileen sitzt im Rollstuhl, na und?

AutorIn: Alina Holz
Themenbereiche: Kultur
Textsorte: Artikel
Copyright: © Alina Holz

Aileen sitzt im Rollstuhl, na und?

Heute ist mein erster Tag in der neuen Klasse. Ich bin ganz schön aufgeregt. Ich komme in die fünfte Klasse mit meiner besten Freundin Hannah. Und es kommt eine Behinderte in unsere Klasse, auf die bin ich schon gespannt.

Jetzt sitze ich auf meinem Platz neben Hannah, und an meinem Tisch sitzt auch die Behinderte. Sie ist richtig hübsch, sie hat dunkle Haut und dunkle große Augen, viele kleine Locken auf dem Kopf (es sieht aus wie kleine Würmer, aber hübsch). Sie hat einen roten Rollkragenpullover an und darüber eine blaue Latzhose. Ich betrachte sie von oben bis unten. Sie sitzt im Rollstuhl. Ich gucke unter den Tisch, um auch ihre Schuhe zu sehen. Als ich die Füße sehe, erschrecke ich: Ihre Füße sind bestimmt nur halb so groß wie meine! Sie hat blaue Socken an, das kann ich durch die schwarzen Sandalen sehen.

Als wir uns vorstellen sollen und sie dran ist, wirkt sie schüchtern. Alle gucken sie an, als sie sich vorstellt. Da bemerke ich erst, daß ihre Füße ganz falsch stehen. Und daß sie ihr Bein nur bewegen kann, wenn sie mit ihrer Hand daruntergreift und es anhebt. Irgendwie tut sie mir leid.

Nach ein paar Wochen habe ich sogar ein paar neue Freunde - nur Aileen nicht. Irgendwie mag ich sie nicht, und anstatt mit ihr zu spielen, ärgern wir sie. Denn sie hat immer Vorteile und die Lehrer wimmeln nur so um sie rum. Aber daß wir sie ärgern, trifft sie gar nicht. Sie sitzt da und rührt sich nicht - und das ärgert uns noch mehr. Jetzt soll sie auch noch ein eigenes Klo bekommen! Sie hat immer extragroße Blätter und immer nur was Leichtes. Dabei sitzt sie doch nur im Rollstuhl. Sie hat außerdem noch Freunde aus höheren Klassen, und das hätten wir wirklich auch gern.

Eines Tages kommt sie nicht mit dem Rollstuhl in die Klasse, sondern mit Krücken. Sie sagt gar nichts. Sie setzt sich auf ihren Platz, und in der Stunde frage ich sie, ob sie auch ohne Krücken laufen kann. Sie zuckt nur die Schultern und sagt: "Ich weiß nicht." Vielleicht war sie sauer auf mich - na, immerhin habe ich sie mitgeärgert. Irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen. Sie hat ja eigentlich gar nichts getan.

Mit dem schlechten Gewissen gehe ich nach Hause. Ich habe einen Alptraum, daß ich mitten in der Nacht aus meinem Bett gehoben werde und von Riesen angeschrien werde. Sind wir etwa die Riesen?

Am nächsten Morgen sehe ich Aileen ganz anders und sage, daß, wenn sie Lust hat, ich ihr helfen würde zu laufen - ohne Krücken. Sie gibt keine Antwort, doch in der Pause kommt sie zu mir und sagt, sie will es versuchen. Es klappt nur, wenn ich ihr von hinten unter die Arme greife und ihre Füße mit meinen leicht anstupse. Aber wir sind nicht enttäuscht - im Gegenteil. Sie sagt mir, es habe großen Spaß gemacht. Das finde ich auch, und seitdem mache ich viel öfter was mit Aileen.

Alle finden mich doof, auch Hannah. Aber das macht nichts. Ich habe Aileen und wir verstehen uns prima. Und jetzt nach den Ferien finden die anderen Aileen auch nett und wollen auch mit ihr spielen. Und jetzt sage nicht nur ich es, sondern die ganze Klasse: "Aileen sitzt im Rollstuhl - na und?"

Quelle:

Alina Holz: Aileen sitzt im Rollstuhl, na und?

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 14.03.2006

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