"DER ELEFANTENMENSCH"

Eine Filmbetrachtung unter dem Blickwinkel der Technik

AutorIn: Johannes Hofmayr
Themenbereiche: Kultur
Schlagwörter: Literatur, Film
Textsorte: Seminararbeit
Copyright: © Johannes Hofmayr 1995

Einleitung

Beim ersten Betrachten des Films sind mir primär John und seine Behinderung aufgefallen. Nur am Rande habe ich bemerkt, daß in dem Film auch sehr viele Szenen vorkommen, in denen die Technik vorkommt: Räder, Feuer, Dampfmaschinen, Fabrikschlote usw. Ich habe mich daraufhin entschlossen, den Film unter dem Gesichtspunkt der darin vorkommenden Technik zu untersuchen.

Sehr bald ist mir dabei klargeworden, daß die vielen Szenen mit Dampfmaschinen, Rauch, Feuer nicht nur zur Betonung der Zeit, in der der Film spielt - die 1. industrielle Revolution - dient, oder daß die aufwendigen Maschinenszenen gar nur zur Ausschmückung eines Monumentalschinkens dienen sollten. Vielmehr sind diese mit viel Feinsinn durchdacht und sehr bewußt eingesetzt worden. Allerdings wird das Thema Technik oft schon am Rande zur Mystik oder in Vereinigung mit den Naturgewalten dargestellt.

Ich habe es daher nicht auf eine eindeutige Interpretation der Bedeutung der Technik in diesem Film abgesehen, sondern versucht, meine Gedanken hierzu niederzuschreiben und durch einige andere Quellen zu erweitern. Dies geschieht im folgenden an sechs exemplarisch herausgenommenen Szenen. Am Schluß habe ich noch die fünf Hauptsymbole für die Technik einzeln herausgenommen und behandelt.

Sechs Szenen aus dem Film

SZENE 1: "Elefanten trampeln"

Zu Beginn des Filmes werden wilde Elefanten, abwechselnd mit dem Bild von John's Mutter gezeigt.

Der Elefant spielt im Film des öfteren eine Rolle und soll wohl vor allem eine Bedrohung von außen gegen John im Mutterleib darstellen. Es deckt sich dies auch mit der Geschichte, die der Schausteller über John erzählt: "Niedergetrampelt von einer Horde wilder Elefanten. Die Folgen sind unübersehbar. Das Leben ist voller Überraschungen." Kein anderes Tier ist vom Menschen wohl je zu so verschiedenen Zwecken eingesetzt worden, wie der Elefant. Die meisten Tiere, die für den Menschen Aufgaben verrichten, werden entweder zu Schutz- (Hund) bzw. Jagdzwecken (Falke) oder für Transportaufgaben (Pferd, Kamel) herangezogen. Selten, daß ein Tier mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllt. Anders der Elefant. Er wurde und wird zu den verschiedensten Zwecken eingesetzt.

Ivan Sandersson unterscheidet in seinem "Die Dynastie der Abu"[1] zwischen sechs verschiedenen Elefantentypen: "Man verwendete Elefanten zu Kriegshandlungen, zur Jagd, als Lasttiere und Arbeitstiere, zur Parade und zur Unterhaltung." Vor allem die Funktion des Arbeitstieres, das selbständige Heben und Befördern von Lasten mit dem Rüssel unterscheidet den Elefanten stark von allen anderen vom Menschen gehaltenen Tieren. Auch ist er bei weitem das größte von Menschen zu Arbeitszwecken herangezogene Tier. Man stelle sich einmal die Domestizierung eines Nashorns vor! Der Vergleich des Elefanten mit der Maschine wird im Film auch durch das stampfende Geräusch unterstrichen, das in dieser Szene mit den trampelnden Elefanten, später aber auch als das Geräusch von Maschinen ertönt.

Nicht umsonst hat Jule Vernes für seinen Roman "Der Stahlelefant"[2] eine Maschine in Form eines Elefanten gewählt. Der Übergang zwischen Elefant und Maschine ist hier fließend, orientiert sich der Stahlelefant doch weitestgehend an seinen natürlichen Vorbildern: "Ich bastelte also an diesem Elefanten herum, in dessen Stahlhaut ich einen Dampfkessel, eine Antriebsmaschine und ein Fahrgestell unterbrachte. Der Rüssel sollte als Auspuff dienen und mußte nach allen Seiten hin beweglich sein. Ich installierte in den Augen des Tieres zwei kräftige Tiefstrahler, setzte auf den Rücken einen Beobachtungsturm..."[3] Hätte Jules Vernes nicht ebensogut eine Lokomotive oder eine Art Traktor durch den indischen Urwald rollen lassen können?

Auch Sandersson bringt einen Vergleich zwischen Elefant und Maschine: "...beim Hausbau zu helfen, sowie Lasten und Jäger auf dem Rücken zu tragen. Das Ansehen eines Stammesführers wurde durch den Besitz solch großer und praktischer 'Maschinen' zweifellos sehr gehoben. Der Dorfhäuptling, der auf seinem Elefanten geritten kam, kann mit dem im Cadillac anrollenden Generaldirektor verglichen werden."[4]

In einer späteren Szene geht das Pfeifen eines Zuges in das Trompeten eines Elefanten über. Der Elefant hier als ein letztes Aufbäumen der Natur gegen die fortschreitende Technisierung? Auch Jules Vernes stellt diese Frage im Kräftemessen seines Stahlelefanten mit drei echten Elefanten auf.

Es war für den Menschen auch stets mit sehr großen Problemen verbunden, Elefanten zu fangen. Dazu wurden die unterschiedlichsten Methoden von Fallgruben, Drahtschlingen bis zu weiblichen Locktieren verwendet. Wegen der überaus starken Schädelknochen der Elefanten war die Jagd auch mit dem Gewehr eine äußerst schwierige und gefährliche Sache. Erst die Technik in Form des den Elefanten ebenbürtigen Automobils brachte hier den entscheidenden Umschwung.

Wenn aber nun der Elefant als Symbol für die Technik verstanden wird, soll John's Behinderung ihre Ursache dann in der Technik haben? Man könnte hier zwei Fragen aufwerfen:

1. Wie weit behindert bzw. nützt uns die Technik?

2. Wie weit hilft Technik Behinderten?

Die erste Frage möchte ich im folgenden Abschnitt, die zweite bei Szene 5 etwas näher behandeln.

SZENE 2: "Die Operation"

Die Szene beginnt mit dem Blick auf das Feuer in einem Sterilisationsofen und ist ohne Musikuntermalung. Dr. Treves operiert einen Mann, der bei einem Maschinenunfall schwerste Verbrennungen erlitten hat. Folgendes Gespräch:

"Treves: Bekommen wir noch mehr von diesen Maschinenunfällen zu sehen, Mr. Merges?

Merges: Ja, Sir.

Treves: Diese Maschinen sind etwas Furchtbares, und wir können sie nicht zur Vernunft bringen.

Merges: Sieht ja schlimm aus.

Treves: Ziehen Sie das Seil an. Die Eisen bitte."

Dr. Treves operiert nicht einen x-beliebigen Patienten, sondern einen, der von einer Maschine verletzt worden ist. Die Szene bzw. der Film spielt zur Zeit der ersten industriellen Revolution, Mitte des vorigen Jahrhunderts. Sie setzte ein Ende des 18. Jhdts. mit der Erfindung der Dampfmaschine, welche auch in diesem Film einen zentralen Platz einnimmt. Die industrielle Revolution brachte der Menschheit zweifellos ungeahnten materiellen Wohlstand, warf gleichzeitig aber auch eine große Anzahl bis heute ungelöster Probleme auf.

Die Szene ist unter dem Aspekt zu sehen, daß sie nicht zu der im Film dargestellten Zeit, sondern erst viel später gedreht wurde. Ich halte deshalb Interpretationen, die über diese Zeit hinausgehen, durchaus für zulässig. Der Mensch als Opfer der Maschine bzw. der Technik. Es ist nach wie vor der Preis, den wir für die Segnung der Technik zu bezahlen haben. "Die Triumpfstraße der aufsteigenden Technik ist gepflastert mit vernichteten Berufsgruppen und dem Elend zahlloser Existenzen", schreibt Robert Dvorak in dem Aufsatz "Dämon Technik"[5]. Seien es die Verbrennungen dieses Mannes zur Zeit der ersten, die Millionen von Todesopfern und Krüppeln im Straßenverkehr als Folge der zweiten oder die Entpersönlichung und totale Kontrolle mittels Computer heute, zur Zeit der dritten industriellen Revolution.

So rasant sich die Technik in den letzten 200 Jahren auch entwickelt haben mag, die Fragestellungen und die Argumente für und wider haben sich kaum gewandelt. So schreibt Otto Veit in "Die Tragik des technischen Zeitalters" bereits 1935: "Das Erstaunliche dabei ist, daß dieses Pro und Contra in der seit Jahrhunderten schwebenden Debatte sich kaum gewandelt hat. Die Beispiele haben sich entsprechend den Fortschritten der Technik geändert - die Argumente sind geblieben. Liest man etwa eine Schrift aus dem Jahre 1832 mit dem vielsagenden Titel Die Maschine ist notwendig', so glaubt man, einen der heutigen Verteidiger der Technik zu hören, die ihre Apologie oft mit ähnlicher Leidenschaft vortragen, wie es in jener hundert Jahre zurückliegenden Kampfschrift geschah. Auch war die in ihr enthaltene Verkündigung eines goldenen Zeitalters, wo die Maschine dem Menschen alle Arbeit abnimmt, schon damals weder neu noch originell." [6]

Noch interessanter werden diese Gedanken, wenn man sich auch den von Veit zitierten Oswald Spengler anhört: "Maschinen, die in ihrer Gestalt immer mehr entmenschlicht, immer asketischer, mystischer, esoterischer werden. Sie umspinnen die Erde mit einem unendlichen Gewebe feiner Kräfte, Strömungen und Spannungen. Ihr Körper wird immer geistiger, immer verschwiegener."[7] Spengler schrieb dies im Jahre 1931, ohne Ahnung von modernen Kommunikationstechniken, wie TV, Telefax und Satellitenübertragungen. Ähnlich schreibt "Die Zeit" 60 Jahre später: "Auch wenn niemand weiß, wozu das gut sein soll - die Republik wird vernetzt und verkabelt, mit allem, was die digitale Welt zu bieten hat: mit Kupfer und Glasfaser, mit Mailboxen und Datenbanksystemen." [8]

Oswald Spengler schreibt weiter, die Menschen der Spätzeit würden nicht allein zu Sklaven der Maschine, sondern sie wurden auch durch die Technik aus ihrer Arbeit verdrängt. In der heutigen Zeit müssen tatsächlich schon viele Arbeitnehmer dem Kollegen Roboter oder Computer ihren Platz räumen. Und wieviele Wirtschaftheoretiker und Nationalökonomen haben sich schon mit der Verdrängung des Menschen aus der Arbeitswelt durch die Technik beschäftigt? Beginnend mit Adam Smith und den Klassikern, später dann bei Marx, der den einzigen Ausweg aus diesem Dilemma in einer zentralen Wirtschaftssteuerung und staatlicher Eindämmung der Technik sah. Der Effekt war dann die totale Verherrlichung der Technik im totalitären Kommunismus unseres Jahrhunderts. Die Darstellungen, die uns die negativen Auswirkungen der Technik vor Augen führen, sind beliebig in die heutige Zeit übertragbar, oder untereinander austauschbar. Ich denke an Goethes "Zauberlehrling", Charlie Chaplins "Moderne Zeiten", den "big brother" von George Orwell oder die Hochjagd zu Automobile in Hesses "Steppenwolf".

"Diese Maschinen sind etwas Furchtbares, und wir können sie nicht zur Vernunft bringen." - Dr. Treves hat sich also bereits mit den Maschinen abgefunden. Sie haben sich selbständig gemacht, und die Maschinen können nicht mehr zur Vernunft gebracht werden, die einmal ausgelöste Techniklawine kann nicht mehr gestoppt werden. Wieviele technische Neuerungen dienen uns nur dazu, die negativen Folgen ihrer Vorgänger zu beheben?

In der Medizin verabreichen uns die Ärzte bereits Medikamente gegen die Nebenwirkungen der Nebenwirkungen anderer Arzneien. Das Auto ist unser Mittel zur Flucht aus einer durch es selbst unlebenswert gewordenen Stadt geworden. Unzählige solche Teufelskreise ließen sich aufzählen. Bleibt wirklich nur noch zu hoffen, daß die Maschinen eines Tages selbst zur Vernunft kommen werden?

Dabei ist es doch gerade die von Dr. Treves beschworene Vernunft, die das Dilemma ausgelöst, die Lawine losgetreten hat. Erst durch die in der Aufklärung aufgetretene Betonung der Vernunft und die Hervorhebung der Ratio im Positivismus wurde der Aufstieg der Technik möglich gemacht. Die damals aufgetretene Orientierung an Ratio, Vernunft und Naturwissenschaften hat sich bei der Entwicklung der Technik bis heute aufrecht erhalten. Otto Veit spricht von einer Spaltung zwischen Materiellem und Immateriellem, wobei die Ratio gegenüber dem Irrationalen viel zu stark in den Vordergrund getreten ist. Vielleicht hätte Dr. Treves besser die Götter oder die Metaphysik als die Vernunft angerufen. Aber auch in der folgenden Szene ist dies nicht der Fall.

SZENE 3: "Handwerkerviertel"

Nach der Operation verläßt Dr. Treves das Hospital und schreitet durch ein Handwerkerviertel. Hauptsächlich Schmiede arbeiten hier an Essen. Es herrscht geschäftiges Treiben und alles ist in Rauch gehüllt. Beim Verlassen des Viertels fragt Dr. Treves einen Mann an einer großen Dampfmaschine nach dem Weg.

Die Gestalt von John Merrick hat mich stark an Hephaistos, den verkrüppelten Schmied der griechischen Götter, selbst Sohn der Göttermutter, erinnert. Dieser versucht seine Behinderung durch überaus geschickten Einsatz seiner handwerklichen Fähigkeiten bzw. der Technik wettzumachen. Über ihn berichtet die griechische Mythologie folgendes:

"Älter als die Vorstellung des an unterirdischer Esse gewaltig hämmernden Schmiedes ist die Verehrung des Feuers selbst. In dem Maße aber, nach dem die gestaltende Macht des Menschengeistes die Naturkräfte dem Willen der Götter unterzuordnen begann, trat auch die Gestalt des Hephaistos aus ihrem Schleier von Rauch und Flammen hervor. Das Feuer war nun nicht mehr sein Wesen und Kleid, zum Herdfeuer der Esse wurde es und seinem Willen untertan." [9]

Die Esse steht hier als Symbol für die Bewältigung bzw. Nutzbarmachung des Elements Feuer durch den Menschen. Das Feuer spielt während des ganzen Films eine große Rolle. Feuer brennt als Beleuchtung in den Lampen auf den Gängen des Hospitals, ebenso in dessen Küche und im Heizraum. Feuer brennt in den offen Kaminen der Wohnungen, Feuer brennt offen als Lagerfeuer im Zirkus. Auch Rauch, oft in Verbindung mit Wolken, kommt in vielen Szenen vor.

Oft erscheinen auch sich drehende Räder, sei es bei den Maschinen im Traum, bei der Reise auf dem Dampfschiff oder das Räderwerk der schlagenden Kirchturmuhr. Im Gegensatz zu der nutzbar gemachten Naturgewalt Feuer ist das Rad ein rein dem Intellekt des Menschen entsprungenes Stück Technik, etwas, das in der Natur kein direktes Vorbild findet.

Das Rad und das Feuer, diese beiden Meilensteine in der Entwicklung des Menschen, finden ihre Vereinigung in der Dampfmaschine. Sie nutzt die Energie der Kohle bzw. des Feuers und verwandelt sie in die Kraft des Wasserdampfes. Diese verwandelt die Dampfmaschine stets in die drehende Bewegung.

"In Ehrfurcht verharren wir vor dem allumfassenden Walten der Natur, Dankbarkeit gebührt den lebensspendenden Strahlen der Sonne, der drängenden Wucht des Windes, der vielgestaltigen Kraft des strömenden Wassers. Ein Lob aber auch unseren treuen Maschinen, die uns das Leben von einstiger Fron zu stetiger Freude gewandelt haben."[10]. Zum ersten Mal in seiner Entwicklung ist der Mensch bei der Gewinnung von Energie nicht mehr von den launischen Naturgewalten Wind und Wasser abhängig, sondern kann die viel zuverlässigere Kohle aus dem Boden für seine Zwecke einsetzen.

Am Ende der Szene fragt Dr. Treves den Wärter einer Dampfmaschine nach dem Weg. Auch diese Szene hat für mich symbolische Bedeutung. Nachdem Dr. Treves bei der Operation schon das eigenständige Werken der Maschinen erkannt hat, vertraut er sich ihnen jetzt ganz an. Er fragt nicht irgendeinen gewöhnlichen Passanten nach dem Weg, sondern genau jenen, der die große Maschine bedient. Ist es wirklich schon so weit, daß uns die Technik den Weg vorgibt, schon damals vorgegeben hat? "Konnte es zu Beginn scheinen, als wenn der Mensch das Gesetz der technischen Entwicklung in seinen Händen hielt,...so hat sie sich in der Folge...der menschlichen Verfügungsgewalt entwunden und hat nun begonnen, ihre eigenen Gesetze vorzuschreiben."[11]

SZENE 4: "Der Traum"

Man sieht John kurz schlafend und blickt dann durch seine Kapuze, die an der Garderobe hängt. Es erscheinen unterirdische Röhren und ein hallendes Geräusch, das in Elefantentrompeten übergeht. Ein Mensch schüttelt voller Angst im Traum seinen Kopf hin und her, das Brüllen geht in Stampfen über. Arbeiter stehen an einer Maschine. Rauschen. Wolken und Rauch. Atemgeräusche von John. Jim kommt mit einem Rahmen in der Hand auf John zu. Ein Mann stampft mit dem Fuß auf den Boden. Augen, Rüssel, der Schlund eines Elefanten. John, wie er Elefantengeräusche von sich gibt. Wolken und Sturmbrausen, jetzt jedoch nicht mehr technisch klingend.

Es tritt hier wieder der, schon in Szene 1 erwähnte Vergleich des Elefanten mit der Technik auf: Das Hallen der Röhren geht in das Trompeten von Elefanten über, dieses wieder in ein Stampfen, das den Takt der Menschen an der Maschine bestimmt. Es ist keine Maschine, die von Menschen bedient wird. Die Maschine gibt hämmernd den Rhythmus vor, und die Arbeiter, geknechtet von Rauch und Hitze, haben sich diesem zu unterwerfen. Die Verbindung des Rauschens der Technik (Gasbrenner?) mit dem Rauschen des Windes hat dieselbe Bedeutung, wie die Vermengung von Maschinenrauch und Wolken. Es ist die Gleichsetzung bzw. der Kampf der Technik mit den Naturgewalten.

Ein Mensch wehrt sich verzweifelt im Traum gegen etwas Unabwendbares, Übermächtiges. Ist es die Technik, die fortschreitende Technisierung, die er abschütteln will? Ebenso Jim, der im Film als Hüter der Maschine und des Feuers im Heizkessel dargestellt wird. Er will John in einen Rahmen pressen. Steht der Rahmen für eine Rolle, in die John hineingepreßt werden soll, oder etwa wieder für die Technik?

Die stampfenden Männerfüße erscheinen als eine Art Gewalteinwirkung. Das Stampfen verbindet den Elefanten mit der Technik und nun auch den Menschen, den Mann allerdings, denn das Stampfen wird auch als eine Gewalteinwirkung gegen Johns Mutter dargestellt. In einer späteren Szene tritt Jim im Keller einen Blasebalg und facht dadurch das Feuer an. Die Männliche Gewalt macht sich die Naturgewalten in Form der Technik untertan und schadet dadurch dem Menschen im allgemeinen, behindert Frauen, Kinder und zukünftige Generationen.

Am Ende des Traums verbindet sich John mit den Elefanten - er gibt Elefantengeräusche von sich. Das Rätsel Elefant bleibt ungelöst. Er tritt zwar als Symbol für die Technik auf, ist hier aber, gleichgesetzt mit John, ein ihr Unterworfenes.

SZENE 5: "Die Flucht"

John wird im Zirkus von den anderen Krüppeln befreit und flüchtet mit dem Dampfschiff und per Eisenbahn zurück nach London.

Die Flucht wird John zwar zuerst durch die Mithilfe der anderen Behinderten erst ermöglicht, aber dann beruht sie nur noch auf den Möglichkeiten der Technik. Zuerst fährt John mit dem Dampfschiff. Von diesem werden im Film vor allem die Bewegung der Stangen und die Räder und Stangen im Inneren des Schiffes und der Kampf der Schaufelräder mit der See. Wieder an Land steigt John auf die Eisenbahn um. Die Dampflokomotive kämpft sich rauchend und stampfend, einem Elefanten gleich, durch die Landschaft. Es werden keine anderen Details von der Reise, als nur Maschinen gezeigt. Selbst die Ankunft im Bahnhof wird nur durch den Blick auf die Stahlkonstruktion der Hallendecke dargestellt.

John, der Behinderte, kann nur mit der Technik flüchten. Wie weit kann Behinderung durch Technik kompensiert werden? Wie weit soll dies gemacht werden? In dieser Szene gebraucht John die Technik in demselben Maße, wie alle anderen, Nichtbehinderten, auch. Diese Art von Nutzung der Technik durch Behinderte ist akzeptiert. Anders schaut die Sache schon aus, wenn Behinderte die Technik spezifisch, um fehlende Körperfunktionen zu ersetzen, verwenden. Das Ansehen von Behinderten steigt, wenn sie möglichst ohne Hilfsmittel auskommen, z.B. mit Krücken Treppen selbst erklimmen, anstatt sich im Rollstuhl tragen zu lassen. Die sportliche Leistung ist gefragt. Auch ein Elektrorollstuhl wird als übertriebene Erleichtungerung angesehen. Ein Auto hingegen, als nichtbehindertenspezifische Krücke, wird akzeptiert.

Wir haben es offenbar verlernt, die Technik sinnvoll einzusetzen. Minutenlang warten Studenten an der Uni auf Fahrstühle, obwohl sie mittels der Treppe das gewünschte Stockwerk in Sekundenschnelle erreichen könnten. Ganze Großstädte brechen zu den Stoßzeiten unter den Automassen zusammen, während man als Radfahrer mit doppelter und dreifacher Geschwindigkeit vorwärtskommt. Unsere Augen und Ohren beginnen durch die Reizüberflutung zu schwirren, aber die Medienbranche feiert die höchsten Zuwächse. In vielen Bereichen ist die Technik über das Ziel der Lebenserleichterung schon längst hinausgeschossen, ernährt nur noch der Selbsterhaltung dienende Industrien.

Manchen Gruppen, wie Behinderten oder primitiven Kulturen wollen wir sie aber auch zu wirklich lebenserleichternden Zwecken vorenthalten. Behinderte müssen nach wie vor um die einfachsten technischen Hilfestellungen kämpfen. Unsere Städte sind nach wie vor extrem behindertenfeindlich, daran können auch Blindenampeln und vereinzelte Rampen für Rollstuhlfahrer nichts ändern. Auf den ersten Blick erscheint es auch mir recht schwierig, ganze Städte auf die Bedürfnisse Behinderter abzustimmen. Wenn ich mir dann aber überlege, innert welch kurzer Zeit wir es geschafft haben, unsere Wohn- und Lebensräume der Nichtbehinderten-Krücke Nr. 1, dem Automobil, unterzuordnen, erscheint mir die technische Lösung des Problems "behindertengerechte Lebensräume" geradezu als Lapalie.

Aber es wird stets nur auf die Überwindung der Behinderungen der breiten Masse hin gearbeitet. Jedem fettbäuchigen Touristen wird mittels Panoramastraße und Gondelbahn der Eintritt in noch so wilde und extreme Naturlandschaften ermöglicht, während für Behinderte schon der Besuch eines Amtes oder eines Schwimmbades zum Abenteuer wird. Für mich stellt sich Behindertsein daher weniger als ein qualitatives, als vielmehr ein quantitatives Problem dar.

SZENE 6: "Schluß"

John legt sich ohne seine stützenden Kissen schlafen und erstickt dadurch. Das Gesicht seiner Mutter erscheint mit den Worten: "Niemals, niemals, nichts wird vergehen. Der Strom fließt dahin, der Wind weht, die Wolke schwebt, das Herz schlägt. Nichts wird vergehen."

John praktiziert in dieser Szene den totalen Verzicht auf jegliche Technik, wie dies auch heute noch von vielen Fundamentalisten gefordert wird. Für John ist die Wirkung tödlich, nicht viel anders würde es wahrscheinlich der Menschheit ergehen, wenn sie jede Form der Technik plötzlich beiseite legen würde. Zu tief ist die Technik mit der Speerspitze der Ökonomie bereits in alle unsere Lebensbereiche eingedrungen. Die Geister, die wir riefen, werden wir nicht mehr los, und auf den rettenden Lehrmeister werden wir wahrscheinlich vergeblich warten.

Die in Szene 2 erwähnte Lawine haben wir losgetreten, damit müssen wir uns abfinden. Wir können uns aber unseres Verstandes bedienen, Wege suchen, uns aus der Sklaverei der Technik zu befreien, sie dort zu entlarven, wo sie bereits zum Selbstzweck geworden ist und dieses Kind der Aufklärung, der Ratio wieder der Vernunft zu unterwerfen, damit neben ihr auch noch Platz für die anderen Werte des Menschen bleibt.



[1] Sandersson, Ivan T.: Dynastie der Abu. Bern, Stuttgart: Hallwag 1966

[2] Vernes, Jules: Der Stahlelefant

[3] Vernes, Jules: Der Stahlelefant, Seite 18

[4] Sandersson, Ivan T, 1966

[5] Dvorak, Robert: Dämon Technik, aus: Technik, Macht und Tod. Hamburg: Claassen und Goverts, 1948; aus: Killinger u.a.: Spiegelungen/4 (S.224-226) Wien 1984, S.224

[6] Veit, Otto: Die Tragik des technischen Zeitalters. Berlin: S. Fischer Verlag 1935. S.70

[7] Spengler, Oswald: Der Mensch und die Technik, 1931; aus (4). S.68

[8] Zeitmagazin Nr. 22, 26. Mai 1989

[9] Kaschnitz, Marie-Luise: Griechische Mythen, dtv München 1984. S.38

[10] Zimnik, Reiner: Die Maschine. Zürich: Diogenes 1981. S.5

[11] Dvorak, Robert: Dämon Technik, aus: Technik, Macht und Tod. Hamburg: Claassen und Goverts, 1948; aus: Killinger u.a.: Spiegelungen/4 (S.224-226) Wien 1984.S.225

Die Symbole im Film

Ich möchte zum Schluß noch einmal jene Elemente bzw. Symboliken herausheben, die für mich unter dem Blickwinkel der Technik am stärksten herausgetreten sind:

1) John

Er wird einerseits als ein Opfer der Technik bzw. einer anderen Form von Gewaltanwendung im Mutterleib dargestellt, welche aber auch ein Mann, ein Elefant, die Naturgewalten verursacht haben könnten. Andererseits profitiert John von der Technik und dem ihn umgebenden Materialismus. Sie machen John erst zum Bürger.

2) Der Elefant

Auch die Elefanten haben im Film eine zwiespältige Bedeutung. Sie stehen für die Technik und werden auch durch gemeinsame Geräusche (Stampfen, Trompeten) mit ihr verbunden. Während des Traumes kommen sie jedoch synonym mit John als von der Technik Unterworfene vor.

3) Die Naturgewalten

Sie sind durch die Geräusche und durch Überblendungen mit den Elefanten (Stampfen) und der Technik (Wolken - Rauch, Feuer, Stampfen, Rauschen) verbunden. In manchen Szenen sind sie wild und unbändig, in anderen wieder dem Menschen mit Hilfe der Technik unterworfen (Feuer).

4) Der Mann

Dr. Treves, ganz der Typ des aufgeklärten Wissenschaftlers, vermag mit Hilfe der Technik Probleme zu lösen, das Leiden der Menschen zu verringern.

Die arbeitenden Männer auf der Straße und in den Fabriken sind der Technik unterworfen. Rußverschmiert, mit nackten Oberkörpern, Hitze und Lärm preisgegeben, sind sie Sklaven der Maschine.

Jim, der Hüter des Dampfkessels, tut John Gewalt an. Sein Stampfen, mit dem er sich mittels des Blasebalgs das Feuer des Ofens untertan macht, kommt auch als Gewalt in Johns Traum vor.

Im ganzen Film kommt nie eine Frau direkt an einer Maschine vor. Der Mann ist Herr, Hüter und Opfer der Technik zugleich.

5) Die Maschinen

Zeitbedingt kommen im Film vor allem Dampfmaschinen vor, Rad und Feuer. Sie stehen zwischen dem Mensch und den Naturgewalten. Der Mensch ist ihnen bereits untertan. Der Streit mit den Naturgewalten zeigt sich durch die Verbindung von Rauch und Wolken, den Kampf des Dampfschiffes mit der See usw.

LITERATUR

Sandersson, Ivan T.: Dynastie der Abu. Bern, Stuttgart: Hallwag 1966

Vernes, Jules: Der Stahlelefant

Dvorak, Robert: Dämon Technik, aus: Technik, Macht und Tod. Hamburg: Claassen und Goverts, 1948; aus: Killinger u.a.: Spiegelungen/4 (S.224-226) Wien 1984

Veit, Otto: Die Tragik des technischen Zeitalters. Berlin: S. Fischer Verlag 1935

Spengler, Oswald: Der Mensch und die Technik, 1931; aus (4)

Zeitmagazin Nr. 22, 26. Mai 1989

Kaschnitz, Marie-Luise: Griechische Mythen, dtv München 1984

Zimnik, Reiner: Die Maschine. Zürich: Diogenes 1981

Quelle:

Johannes Hofmayr: "Der Elefantenmensch". Eine Filmbetrachtung unter dem Blickwinkel der Technik

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 08.06.2006

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