Autisten in der Sonderschule

Eine Fallgeschichte

AutorIn: Christa Hölzl
Themenbereiche: Schule
Textsorte: Diplomarbeit
Releaseinfo: Ausschnitte aus einer Diplomarbeit Innsbruck, Juni 1999 , S. 73 - 136, 142 - 148
Copyright: © Christa Hölzl 1999

Kommentar

Das Besondere an dieser Fallgeschichte ist, das die Autorin den Schüler Armin über 5 Schuljahre begleitet und beschrieben hat. Sie berichtet offen über ihre Erfahrungen und Probleme und hinterfragt dabei kritisch die Institution "Sonderschule für schwerstbehinderte Kinder". In ihren Reflexionen benennt sie immer wieder die fehlende Orientierungsmöglichkeit der Kinder am "Normalen". Beim Lesen der Fallgeschichte hatte ich das Gefühl von einer Horrorgeschichte zur nächsten zu gelangen. Die starke Hilflosigkeit und auch Orientierungslosigkeit aller Beteiligten (Ärzte, Lehrer, Eltern und Therapeuten) hat mich sehr erschreckt. (A.W. Oktober 99)

1. Armins Vorgeschichte

Bevor ich Armin persönlich kennenlerne, erhalte ich Informationen von verschiedenen Stellen über ihn. Diese Informationen liegen schriftlich gesammelt in einer Mappe in der Schule auf.

Ich werde aufgefordert, mir die Dokumente durchzulesen, um mir einen ersten Eindruck von dem Buben machen zu können.

Obwohl ich eigentlich dem Jungen gegenüber unvoreingenommen bleiben möchte, lese ich mir die Dokumente durch.

Dokument 2:

"Betrifft: Schulbesuch des Gastarbeiterkindes

Im September 1991 wurde XXX wegen seiner offensichtlichen Wahrnehmumgsstörungen in unseren Kindergarten aufgenommen. Da sich das Kind in diesem Jahr nicht so entwickelt hat, daß ein Schulbesuch bei uns möglich wäre, empfehlen wir die Aufnahme in eine Sonderschule für Schwerstbehinderte. Wegen der häuslichen Verhältnisse wäre der Besuch der Landes-Sonderschule XXX anzuraten." (Internet-Version, Original: Seite 74)

Das ist ein Schreiben des Kindergartens, den Armin besuchte.

Aus diesem Schreiben geht hervor, daß für Armin an der dem Kindergarten angeschlossenen Schule kein Schulbesuch möglich ist.

Man empfiehlt ihm aufgrund der "häuslichen Verhältnisse" eine Sonderschule mit angeschlossenem Internat.

Dokument 3:

"Er hatte dort eine intensive Förderung, dennoch ist es aber zu keinen wesentlichen Fortschritten gekommen. Es gelingt, ihn zeitweise zur Mitarbeit zu bringen, und er könne dann Farben zuordnen, er mache dies aber keinesfalls regelmäßig.

XXX sei häufig aggresssiv, er sei tagsüber noch nicht sauber und er kann noch nicht Knöpfe öffnen.

Insgesamt besteht ein massiver psycho-motorischer Entwicklungsrückstand, wobei die sprachliche Entwicklung am meisten betroffen ist.

DIAGNOSE: Massiver psycho-motorischer Entwicklungsrückstand unklarer Genese, am meisten betroffen ist die sprachliche Entwicklung, insgesamt beträgt das Entwicklungsalter bestenfalls 2 Jahre bei einem Lebensalter von 6 Jahren.

PROCEDERE: Kontrollen hier wurden nicht vereinbart, sind bei Bedarf aber jederzeit möglich." (Internet-Version, Original: Seite 75)

Das ist ein neurologischer Befund des Landeskrankenhauses, auf Anforderung von Armins Kindergärtnerin. In diesem Bericht wird Armin mit ein paar Worten beschrieben.

Danach wird eine Diagnose gestellt, von einem Besuch an der angeschlossenen Schule abgeraten und eine Sonderschule mit Internat empfohlen.

Dokument 4:

"O.g. Pat. Stand vom XXX bis XXX an der Kinder-Jugendpsychiatrischen-Abteilung in Betreuung und Behandlung.

Beurteilung: Massiver, disharmonischer Entwicklungsrückstand, insbesonders betroffen ist die sprachliche Entwicklung. Aufgrund der guten Motorik besteht der Eindruck einer intermodalen Wahrnehmungsstörung.

Auf Grund der schweren Entwicklungsstörung und zusätzlich massiven expansiven Verhaltensproblematik (Aggressivität) erscheint eine Einzelbetreuung auch in der Schule aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht durchaus gerechtfertigt und indiziert."

Das ist eine Beurteilung der kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses.

Daraus geht hervor, daß Armin von einem "massiven, disharmonischen Entwicklungsrückstand" betroffen ist. Es wird eine "intermodale Wahrnehmungsstörung" vermutet. "Auf Grund der schweren Entwicklungsstörung und zusätzlich massiven expansiven Verhaltensproblematik (Aggressivität) erscheint eine Einzelbetreuung auch in der Schule aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht durchaus gerechtfertigt und indiziert." (Internet-Version, Original: Seite 78)

Also ist Armin zwei Wochen nach Schulbeginn an die Sonderschule für schwerstbehinderte Kinder gekommen. Er war in der Zwischenzeit ein paar Tage in der kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses.

Dokument 5a, 5b, 5c: (nicht in der Internet-Version)

Im Aufnahmebogen der Sonderschule für schwerstbehinderte Kinder wird begründet, warum Armin diese Schule besucht.

Dieses Formular enthält auch den Anamnesebericht und eine kurze Beschreibung der sprachlichen Situation.

Auf die "geistige Behinderung" wird insofern eingegangen, als daß die Diagnose der vorangegangenen Bögen übernommen wird.

Weiters werden Verhalten und Persönlichkeit in wenigen Worten beschrieben.

Der Verbleib an der Schule ist wahrscheinlich.

Dokument 6:

Beobachtungsbericht für XXX

XXX ist nun seit September XX bei uns an der Schule XXX zur Beobachtung. Da XXX aufgrund seiner Verhaltensproblematik Einzelbetreuung benötigt, waren viele schulinterne Regelungen notwendig, um diese möglichts durchgehend zu gewährleisten.

Dies ist aber unbedingt notwendig, da XXX ohne direkte, konsequente Anleitung sehr häufig aggressives Verhalten gegen seine Mitschüler insbesondere gegen Schwächere (z.B. mehrfachbehinderte Kinder) zeigt. Unter diesen Umständen ist es nicht möglich, daß nur eine Lehrperson mit XXX und anderen Kindern gleichzeitig effektiv arbeitet.

Entwicklungsstand: keine sinnvollen sprachlichen Äußerungen. (Wortschatz: 2 - 3 Wörter), Mitarbeit nur über kurzen Zeitraum möglich, nicht genauer definierte Wahrnehmungsstörung(en); XXX ist feinmotorisch sehr geschickt. Er versteht an ihn gerichtete Fragen und Anweisungen aus dem Lebenspraktischen Bereich.

Unter den derzeitigen Voraussetzungen darf erwartet werden, daß XXX bei einem verbleib an unserer Schule entsprechend gefördert werden kann und daher eine Aufnahme anzustreben ist. An zwei Tagen in der Woche wird XXX im Laufe des Vormittags von der Schule abgeholt und besucht dann das Therapiezentrum." (Internet-Version, Original: Seite 82)

Das ist ein Beobachtungsbericht nach dem ersten Halbjahr des Klassenlehrers, in dem sein "Entwicklungsstand" kurz beschrieben und ein Verbleib an der Schule empfohlen wird. Der Lehrer schreibt, daß Armin eine Lehrperson für sich alleine bräuchte, da er die mehrfachbehinderten Kinder attackiert. Außerdem scheint auf, daß Armin zweimal in der Woche eine ganztägige "Therapie" besucht.

2. Das Schuljahr 1991/92

2.1 "Guten Morgen, Armin!"

Armin lerne ich das erste Mal im Gang unserer Schule kennen. Er rennt von hinten an mir vorüber und gibt mir im Vorbeistreifen einen Stoß. Er verschwindet in einer Klasse.

Ich bin "Junglehrerin" und habe die Aufgabe, als Zweitlehrerin in verschiedenen Klassen einzelne Kinder zu betreuen.

Armin besucht zu dieser Zeit eine Klasse in einer Schwerstbehindertenschule, in der fünf Kinder bzw. Jugendliche zwischen 9 und 14 Jahren untergebracht sind.

Das Jahr zuvor war er in einer anderen Klasse mit ausschließlich mehrfachbehinderten Kindern, jedoch verhielt er sich diesen Kindern gegenüber so aggressiv und gewalttätig, daß ein Wechsel in eine neue Klasse mit älteren Kindern beschlossen wurde. (Der Lehrer erzählt mir, daß Armin bevorzugt auf die Kinder im Rollstuhl losgegangen sei, er habe ständig versucht, einen Rollstuhl zu erwischen und umzukippen, mehrmals habe er die Kinder gebissen und gekratzt.)

Armin kommt nur an drei Tagen in die Schule, an zwei Tagen geht er zur "Therapie".

Ich warte am ersten Schultag in der Klasse auf Armin. Ich bin auf unsere erste Begegnung sehr gespannt. Der Schulbus bleibt vor dem Schultor stehen, zwischen anderen Kinder sehe ich Armin aus dem Bus hüpfen. Ich beobachte, wie er ein anderes Kind an den Haaren reißt und daraufhin den Gang entlang rennt. Eine Kollegin macht Armin darauf aufmerksam, daß er ab jetzt in eine neue Klasse gehe, daß heuer die Frau M. seine Lehrerin wäre. Ich stelle mich bei Armin mit meinem Namen vor und erkläre ihm, daß ich für 2 Stunden in der Woche mit ihm arbeiten werde.

Armin beachtet mich nicht, ich versuche ihm die Hand zu geben, um ihn zu begrüßen. Armin kratzt mir die Hand blutig und lacht schallend.

Er nimmt seinen Rucksack und schleudert ihn mit Wucht zuerst gegen die Fensterscheiben, dann auf den Kasten.

In diesem Schuljahr bin ich nun für 2 Stunden in der Klasse eingeteilt, in der Armin Unterricht hat. Ich sollte während des Unterrichts - ein zweiter Lehrer ist stets in der Klasse - für Armin dasein, damit er sich an die Gruppe gewöhnen kann.

Armin bleibt in keiner Stunde länger als ein paar Minuten auf seinem Sessel sitzen. Blitzschnell huscht er auf und beißt oder zwickt einen Mitschüler. Ich versuche ihn beim Singkreis auf den Schoß zu nehmen, um ihm zu vermitteln, daß nun sein Platz hier sei. Er nimmt meine Hand, streicht kurz zart darüber und zerkratzt sie mir so fest, daß Blut rinnt. Er zeigt grinsend auf das Blut und ruft "anne!".

Während ich noch mit meiner schmerzenden Hand beschäftigt bin, attackiert Armin den Religionslehrer, wirbelt durch die Klasse und wirft Bücher, Hefte, Federpenale und Jausendosen von den Tischen und Fensterbänken. Zwischendurch reißt er an den Haaren eines anderen Kindes, in der Klasse herrscht pures Chaos.

Ich probiere in den beiden Stunden der Schulwoche, in denen ich Armin zu betreuen habe, verschiedenste Dinge aus, um herauszufinden, womit er sich gerne beschäftigen würde.

Schon das Spiel aus abgerundeten Holzteilen erweist sich aber als sehr gefährlich, da er gezielt mit den Teilen die anderen Mitschüler und die Lehrperson attackiert, ebenso mit Farbstiften, Bauklötzen etc.

Zeichenpapier oder Puzzles aus Karton haben keine lange Lebensdauer, im Nu zerreißt Armin sie in kleinste Teile.

Ich glaube, daß es Armin in der Klasse "zuviel" wird und schlage vor, mit ihm in der Stunde hinauszugehen. Leider ist der Turnsaal zu dieser Zeit besetzt.

Ich gehe mit Armin den Gang entlang und habe alle Hände voll damit zu tun, ihn daran zu hindern, sämtliche Bilder von den Wänden zu schleudern und die Blumentöpfe von den Fensterbrettern zu schlagen.

Ich bin jedesmal froh, wenn uns keine Lehrperson, der Schulwart oder Eltern von Schülern am Gang begegnen, denn ich nehme an, daß auch diese von Armin gleich angegriffen würden.

Armin macht den Eindruck, daß er alles versteht, was ich ihm sage.

Ich versuche daher oft mit ihm zu reden und ihm Dinge zu erklären.

An seinem Verhalten ändert sich in diesem Schuljahr aus meiner Sicht nicht viel.

Die Klassenlehrerin sagt am Ende des Schuljahres, sie könne Armin im nächsten Schuljahr nicht mehr in die Klasse nehmen, da sie bereits Aggressionen gegen ihn entwickle und ihr daher ein Zusammensein nicht mehr sinnvoll erscheine.

Wie in allen anderen Schultypen wird auch an dieser Schule ein Zeugnis für Armin ausgestellt.

Durch das Zeugnis soll in verbaler Form das schulische Können von Armin beurteilt werden. (Dokument 7)

"Schulnachricht:

Erreichter Entwicklungsstand: XXX hat sich trotz anfänglicher Schwierigkeiten gut in die neue Klassengemeinschaft eingelebt. Ab und zu zeigt er bei verschiedenen Tätigkeiten agressives Verhalten. Im Singkreis macht er mit Begeisterung mit. Stecken, Fädeln und Puzzles gelingen schon recht gut. Große Freude bereitet ihm Schwimmen. XXX kann nur durch gezielte Einzelbetreuung gefördert werden.

Sprachheilunterricht: XXX ist ein sehr aufgewecktes, quicklebendiges Kind. Die Konzentration und Wahrnehmung ist nut kurzzeitig gegeben. Die mangelnde Sprechfähigkeit kompensiert er mit ständig wiederholten Gesten. Einzelne lebenswichtige Wörter beherrscht er schon recht gut." (Internet-Version, Original: Seite 86)

2.2 Reflexion

Damals lernte ich Armin sehr unvorbereitet kennen, da in meiner Ausbildung zum Sonderschullehrer das Thema Autismus nur kurz behandelt wurde: "Autistische Kinder sind Kinder, die in sich ("autos") zurückgezogen leben." (Skriptum, Geistigbehindertenpädagogik)

Mit keinem Wort werden Aggressionen, Verhaltensauffälligkeiten, Umgang mit diesen Kindern oder Möglichkeiten der schulischen Förderung erwähnt. Bevor mir Kollegen von Armin erzählten, erhielt ich die Beschreibungs- und Diagnosebögen, um mir ein Bild von Armin machen zu können.

Aus diesen Berichten ging für mich hervor, was Armin bereits konnte und in welchen Bereichen seine Entwicklung nicht mehr der Normalität entsprach. Vor ein paar Jahren dachte ich noch, mir durch die Diagnosebeschreibungen ein Bild (... spricht nur drei Wörter, massiver Entwicklungsrückstand, aggressives Verhalten ...) von Armin machen zu können, obwohl sich die Beschreibungen auf ein paar "äußerliche" Bereiche beschränkten.

So stand er dann auch vor mir, sprach in Drei-Wortsätzen, gebärdete sich unangemessen, "entwicklungsverzögert" und aggressiv. Wie konnte es auch anders sein, reduzierte ich doch selbst den Jungen eben auf diese entsprechenden Etikettierungen. Es stellt sich die Frage, inwieweit diese vorangegangenen Bögen zur self-fulfilling-prophecy beigetragen haben.

Wenn ich mir heute diese Bögen anschaue, fällt mir auf, daß mit keinem Wort Armins Lebensgeschichte erwähnt wird.

Der Einfluß und die Reaktion seiner Familie, seiner Umgebung und Umwelt auf Armin gehen durch die Diagnose- und Beschreibungsbögen komplett verloren.

Aus heutiger Sicht wäre es für mich sehr wichtig, viele der zustandegekommenen Daten zu hinterfragen.

Vor allem wäre es für mich und für das Verständnis für Armin von großer Bedeutung, mehr über seine bisherige Lebensgeschichte und über die Umfeldbedingungen zu erfahren.

3. Das Schuljahr 1992/93

3.1 "Eine neue Klasse für mich"

Eine neue Klasse mit drei Kindern (Schwerstbehindertenklasse) wird im Herbst an der Schule eröffnet. Eine Klasse mit einem "entwicklungsverzögerten" Mädchen, und zwei autistischen Buben einer davon ist Armin. Ich sollte diese Klasse übernehmen.

Armin hat also abermals einen Klassenwechsel vor sich. Die ersten Wochen und Monate sind das reinste Chaos.

Armin wütet in der Klasse: Er zerstört, was ihm in die Hände kommt: Bilder, Hefte, Schulbücher, Blumen mitsamt den Töpfen, er reißt Vorhänge herunter, zerbeißt Handtücher, schmeißt Tische und Stühle um und das schlimmste: Er attackiert seine zwei Mitschüler, andere Lehrpersonen und natürlich auch mich.

Ich versuche ihm klare Grenzen zu setzen. Wann immer er einen Mitschüler oder mich attackiert, gibt es "Jausenentzug". Ich weiß, daß ich ihn damit treffe, da er liebend gern jausnet.

Armin darf nun seine Jause nicht mit uns am Tisch essen, sondern erst ein wenig später, wenn wir mit dem Jausnen fertig sind.

3.2 "Endlich Pause!"

In der Pause sitzen wir vier um einen großen Tisch. Jedes Kind hat seinen Teller, auf dem die Jause liegt und einen Becher mit Saft mit. Normalerweise verspeist Armin seine Jause in kürzester Zeit, dann versucht er, die Jause der anderen Kinder zu erwischen. Dabei reißt er ihnen den Teller weg oder stößt sie hart vom Stuhl. Manchmal fegt er alles vom Tisch und wirft den Tisch und die Sessel um. Er lacht dabei.

Es sieht so aus, als ob Armins Hunger nie gestillt werden könnte: Was er in die Hände bekommt, stopft er sich gierig in den Mund und verschlingt es ohne zu kauen.

3.3 "Sind wir vier eine Klasse?"

Die "Klassensituation" erscheint mir sehr schwierig. Obwohl "nur" drei Kinder in der Klasse sind, fühle ich mich manchmal überfordert. Claudia und Johann tragen beide noch Windeln, die mindestens zwei mal am Vormittag gewechselt werden müssen. Muß ein Kind auf die Toilette, oder unter die Dusche, nehme ich immer alle drei Kinder mit, da ich sie so beaufsichtigen kann.

Claudia weint viel in den ersten Schulwochen. Sie kann sich kaum von der Mutter lösen, daher kommt diese in den ersten beiden Schulwochen mit in den Unterricht.

Johann, ebenfalls ein autistisches Kind, spielt am liebsten mit dem Boiler unter dem Waschbecken oder liegt am Boden, schaukelt sich hin und her und gibt kurze leise Schreie von sich.

Keines der Kinder spricht.

Ich habe manchmal das Gefühl, die Kinder bauen untereinander und mit mir keine Beziehung auf.

Am schwersten ist, die beiden Mitschüler vor den blitzschnellen Attacken Armins zu schützen.

Die Anforderungen, die an mich gestellt sind und die ich an mich auch selber stelle, sind groß: Ich möchte, daß die drei Kinder und ich ein WIR werden, ich möchte neben den pflegerischen Tätigkeiten genug Zeit für Aktivitäten haben, die mir für die Kinder sinnvoll scheinen (wie z.B. lebenspraktische Übungen) und natürlich sollte ich auch Kulturtechniken vermitteln.

Nach den ersten beiden Monaten erklärt sich Frau L., eine Kollegin, bereit, für vier Stunden in der Woche zusätzlich in unsere Klasse zu kommen.

Um die Klassensituation zu entspannen, geht sie in diesen Stunden mit Armin immer aus der Klasse. Meistens turnen die beiden im Turnsaal, manchmal gehen sie am Gang spazieren.

Ich bin mir nicht sicher, ob es eine gute Lösung ist, mit Armin stundenweise aus der Klasse hinauszugehen, da er aus dem Klassenraum, der doch einen gewissen Schutz bietet, herausgerissen wird und er sich in dieser Zeit auf eine andere Person einstellen muß.

Ich stelle fest, daß das "Hinausgehen" noch mehr Unruhe in den Ablauf des Vormittags bringt, als sowieso schon herrscht. Vor allem bemerke ich, daß Armin diese "Ausflüge" nicht gut zu verkraften scheint, da er beim Zurückkommen in die Klasse entweder orientierungslos herumgeht oder auf die Kinder mit verstärkter Aggression reagiert.

Ich bitte daher Frau L., es mit Armin in der Klasse zu "versuchen". Leider stellt sich nach einiger Zeit heraus, daß Armin die größten Probleme damit hat, zwei Bezugspersonen auf einmal zu haben. Ich bemerke, daß Armin sehr auf eine Bezugsperson fixiert ist.

Sobald Frau L. in die Klasse kommt, entwickelt Armin große Aggressionen gegen mich. Er reißt mich an den Haaren, spuckt mir ins Gesicht, kratzt und zwickt mich.

Seine Verhaltensweisen kränken mich, daher suche ich nach allerhand Erklärungen dafür. Eine davon ist folgende: Armin glaubt, er müsse sich von mir trennen, sobald die zweite Lehrerin in die Klasse kommt.

Gegen die Situation, Hin- und Hergerissen zu werden, wehrt er sich mit Aggressionen, die er gegen mich richtet.

Mit Frau L. kann ich nicht über diese Situation sprechen. Ich glaube, sie würde mich nicht verstehen.

3.4 "Armins Mutter kommt in die Schule"

Nach einigen Aufforderungen, schriftlich und auch telefonisch kommt Armins Mutter mit seiner Schwester in die Sprechstunde. Armins Familie stammt nicht aus Österreich, seine Mutter spricht und versteht kaum Deutsch, seine Schwester, die noch zur Schule geht, übersetzt jedoch das Gespräch.

Auf meine Frage, wie es denn mit dem Armin zu Hause gehe, antwortet seine Schwester nur kurz: "nicht gut".

Er reiße zuhause Tischtücher und Vorhänge herunter, die Lampen im Wohn- und Vorzimmer seien ständig zerbrochen.

Dann zeigt mir Armins Mutter ihre Arme: beide Arme sind blutig gekratzt, die blauen Flecken müssen von den Bissen stammen.

Armins Mutter erzählt, daß Armin noch am meisten Respekt vor dem großen Bruder und vor dem Vater hätte, auf sie und auf die Schwester gehe er aber oft los.

Sie berichtet mir von Armins Angewohnheiten, daß er immer sehr viel Essen in kurzer Zeit verschlinge, in der Nacht nicht schlafen könne und häufig aufstehe, um sich etwas aus dem Kühlschrank zu holen.

Gegen Ende des Schuljahres beobachte ich, daß sich Armin schon ein wenig in die "Klassengemeinschaft" eingewöhnt hat.

Armin bekommt wiederum ein Zeugnis, in dem die positiven schulischen Leistungen hervorgehoben werden. (Dokument 8)

"Jahreszeugnis

Erreichter Entwicklungsstand: Im Laufe des Schuljahres ist XXX gegenüber seinen Mitschülern toleranter geworden. Er hat gelernt gewisse Regeln für das Zusammenleben in der Klasse einzuhalten. Mit Handführung kann er einzelne Buchstaben schreiben und lesen, Vorschreibübungen macht er teilweise allein. Elemente einer Menge kann XXX nach Farbe, Form und Größe ordnen und sortieren. Viel Freude bereiten ihm Schwimm- und Musikunterricht.

Sprachheilunterricht: XXX kann seinen eigenen Namen richtig aussprechen.

Religion: XXX hat schon eine gute Ausdauer entwickelt und recht brav beim Singen, Tanzen und Spielen im Religionsunterricht mitgetan." (Internet-Version, Original: Seite 92)

3.5 Reflexion Schuljahr 92/93

Wenn ich mich an dieses Schuljahr zurückerinnere, spüre ich wieder viel an Emotionen, die ich während des Jahres erlebt habe.

An manchen Tagen stand ich unter Streß.

Ich sollte die Kinder vor den Angriffen von Armin schützen, ich selbst mußte mich vor den Attacken schützen und mich wehren und gleichzeitig wollte ich den Kindern ein Umfeld bieten, in dem sie gerne lernen.

An manchen Tagen hatte ich das Gefühl, "hilflos zu sein".

Das waren Momente, wenn Armin besonders arg wütete und ich das Gefühl hatte, "... jetzt nützt gar nichts mehr ..."

Immer wieder verletzte Armin andere Kinder und lachte dabei laut und schrill.

Für mich war es neu, mit Aggressionen gegen mich und die Mitschüler umzugehen. Es war mir oft unerklärlich, warum mich Armin plötzlich aus heiterem Himmel angriff.

Ich begann die Situation zu hinterfragen und nach einem "Warum?" zu suchen.

Leider fehlte mir zu dieser Zeit noch viel an Wissen und Erfahrung, die Arbeit mit den Kindern beanspruchte mich voll und ganz.

Die Situation in der Klasse wurde sicher auch dadurch erschwert, daß ich die "Hilfe" der "sehr erfahrenen Lehrerin" nicht als Hilfe, sondern eigentlich als zusätzliche Belastung sah. Ich empfand damals die Kollegin als sehr dominant.

Ich versuchte mein Problem zu äußern und Ideen im gemeinsamen Umgang mit Armin zur Sprache zu bringen, kam damit aber bei Frau L. nicht an.

Wenn Armin mich im Beisein von Frau L. zwickte, mußte er auf ihr Kommando meine Wange streicheln und "ei, ei" machen, um ihr zu zeigen, wie man "richtig tut".

Sätze wie "... komisch, bei mir macht er das nie ..." ließen mich manchmal fast resignieren.

Rückblickend sehe ich natürlich die Klassenzusammensetzung für Armin als äußerst problematisch und ungünstig: Ich hatte immer das Gefühl, Armin bräuchte eine ruhige, klar strukturierte Umgebung. Genau das konnte ich ihm in dieser Klassensituation nie bieten.

Aufgrund der pflegerischen Tätigkeiten (Windeln wechseln, duschen etc.) konnte ich für Armin nicht viel Zeit aufbringen.

Da auch die anderen Mitschüler unruhig und verhaltensauffällig waren, konnte sich meines Erachtens Armin an niemandem "Normalen" orientieren.

Es ist mir wichtig anzumerken, daß ich trotz allem Negativen mit den Kindern auch viele positive, nette und lustige Tage erlebt habe. Ich hatte manchmal sogar das Gefühl, daß Armin mich allmählich akzeptierte, obwohl er mich, genauso wie andere Kollegen und Mitschüler, attackierte.

Manchmal war Armin charmant und humorvoll. Dann gelang es uns, unsere gegenseitigen Späßchen zu machen, und wir lachten gemeinsam darüber und für kurze Zeit verband uns ein gegenseitiges Verständnis.

4. Das Schuljahr 1993/94

4.1 "Die Klasse wird größer"

Abermals ändert sich für Armin die Klassensituation.

Vier neue Kinder kommen zur bestehenden Klasse dazu, im Februar folgt ein weiteres Kind.

Als Unterstützung kommt eine zusätzliche Klassenlehrerin hinzu, die den ganzen Vormittag in der Klasse bleibt.

Zu Armin, Johann und Julia gesellen sich nun Bernhard, ein mongoloider Bub, der im Rollstuhl sitzt, Sandra, ein 12-jähriges Mädchen mit Rett-Syndrom, welches auch im Rollstuhl sitzt, Marianne, ein mongoloides Mädchen, das ihr erstes Schulbesuchsjahr hat, und Dagmar, ein entwicklungsverzögertes Mädchen.

Im Februar kommt noch Manuela zu uns in die Klasse, ebenfalls ein Kind im Rollstuhl.

Die Klasse besteht nun aus sieben behinderten Kindern und zwei Lehrern: Drei Kinder sitzen im Rollstuhl, die restlichen Kinder sind sehr lebhaft und sausen gerne einmal aus der Klasse, vier der sieben Kinder müssen gewickelt werden, zwei davon in der Pause gefüttert.

Von den Kindern kann niemand sprechen, außer Bernhard, der ein paar Wörter nachlautieren kann.

Sandra, Johann, Julia und Manuela trgen Windeln und müssen mindestens einmal am Vormittag gewickelt werden, Marianne trägt zwar noch Windeln, teilt sich aber mit wenn sie auf die Toilette muß.

Sandra und Manuela werden in der großen Pause von uns gefüttert, da sie selber nicht essen können.

Es geht rund!

Für Armin bedeuten die neuen Kinder und die neue Lehrerin wiederum eine große Umstellung.

Meistens ist es sehr laut in der Klasse, Manuela schreit und weint oft laut und lang.

In den ersten Wochen kann sich Armin kaum an die neue Klassensituation gewöhnen: Unruhig wirbelt er im Klassenzimmer umher, zupft die Blätter von den Blumenstöcken, zeigt hierhin, dahin, dorthin und scheint keine Ruhe zu finden.

Mir fällt auf, daß er "alte Gewohnheiten" plötzlich wieder neu aufgreift und verstärkt in diese Verhaltensweisen verfällt:

So nimmt er z.B. Handtücher, Geschirrtücher, Rucksäcke, Tafeltuch, Schwamm usw. und wirft diese Dinge pausenlos gegen den Plafond.

Immer wieder, als könne er gar nicht mehr damit aufhören.

Armin blickt den Gegenständen nach; bleibt einmal ein Gegenstand auf der Tafel oder auf einem Kasten hängen, ist er ganz aus dem "Häuschen", zeigt mit dem Finger in die Richtung und ruft hocherfreut "e-e", "e-e". "E - E" ist mein Name.

Eigentlich hatte ich ihm letztes Jahr angeboten, nur mehr im Turnsaal Dinge nach oben zu schleudern, da in der Klasse einmal eine Lampe zerbrach.

Manchmal hält sich Armin aufgrund eines Hinweises daran, manchmal ist es ihm auch egal, er wirft weiter und scheint meine Stimme gar nicht mehr zu hören.

4.2 "Ich bin Armin - wer bist Du?"

Armin wickelt fremde Leute immer mit der gleichen "Masche" um den Finger und führt sie ein wenig an der Nase herum:

Er stellt sich breitbeinig vor eine Person, meistens sind es Lehrpersonen unserer Schule, und sagt: "anne - anne - anne - anne - anne", ganz schnell und oft hintereinander. Mittlerweile weiß jeder an der Schule, daß "anna" in einer anderen Sprache Mama heißt, und immer antworten die Personen: "Ja, zu Mittag darfst du zu deiner Mama."

Das Spiel kann Armin ganz oft wiederholen, und immer wieder antworten ihm die gleichen Leute das gleiche.

Ebenso macht er es mit einer Geste, indem er auf seinen Mund zeigt und "manne - manna" ruft.

Und wieder steigt fast jeder auf sein "Gespräch" ein, und es gibt kaum jemanden, der nicht : "Natürlich, zu Mittag darfst du essen gehen" sagt oder mit "Ja, hat denn der Arme Hunger?" reagiert.

Armin scheint sich zu freuen, wenn es ihm gelungen ist, daß wieder einmal wer auf sein Spiel einsteigt, und leitet sogleich sein "Gespräch" weiter:

Er beginnt hierhin und dorthin zu zeigen, die Blicke des Gegenüber folgen geschwind den Fingerzeigen, Armin dirigiert geradezu die Blicke des anderen.

Armin macht ein ganz unschuldiges Gesicht und scheint ganz in Ordnung zu sein, doch plötzlich, aus keinem ersichtlichen Grund, zwickt oder beißt er sein Gegenüber und erntet Entsetzen.

4.3 "Armin kann schreiben - kann Armin schreiben?"

Wir planen in diesem Schuljahr viele lebenspraktische Übungen im Unterricht ein.

Zusätzlich bieten wir den Kindern die Möglichkeit der Einführung in die Kulturtechniken, d. h. das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen.

Armin zeigt oft am Morgen mit einer kreisenden Handbewegung und mit dem Wort "tsn, tsn", daß er nun gerne schreiben möchte.

Offensichtlich genießt Armin es, daß sich beim Schreiben immer eine von uns zwei Lehrpersonen zu ihm hinsetzt und mit ihm ganz alleine arbeitet.

Armin sucht sich die Lehrerin, die sich zu ihm setzen sollte, selber aus. Der anderen Lehrerin deutet er klar und deutlich mit einer abwehrenden Handbewegung: "bleib weg".

Manchmal beschäftigt sich Armin für kurze Zeit alleine mit einem Arbeitsmaterial oder Schreibblatt. (Dokument 9, Internetversion-nicht verfügbar)

Er ist stolz, wenn er ein Blatt alleine bearbeitet hat, springt von seinem Sessel auf und läuft von Kind zu Kind, um es herzuzeigen. Dabei hält er sich im Nacken der Kinder an, hält ihnen das Blatt vor die Augen und schleckt ihnen plötzlich übers ganze Gesicht. Er gibt ihnen ein Küßchen nach dem anderen - das Arbeitsblatt in der Hand ist mittlerweile schon vergessen -, und schon müssen wir auf der Hut sein, denn binnen Sekunden kann das "Küßchen-geben" in ein " Ins-Gesicht-Beißen" übergehen.

Armin zieht den Mitschüler solange am Nacken nach unten, bis dieser vom Stuhl kippt.

Meistens zerreißt er sein Arbeitsblatt in kleine Teile. (Dokument 10, Internetversion-nicht verfügbar)

Dann verwüstet er seinen Schreibtisch, indem er alle Stifte, Federpenal und Papier vom Tisch fegt und hinterher den ganzen Tisch umwirft.

Armin hat kein Heft, das nicht zerrissen ist. Neben seinen Heften zerreißt er alles, was ihm in die Hände fällt: Zeichenblöcke, Klassenbücher, Bilderbücher, Schulbücher.

Die Papierschnitzel steckt er mit Lachen hinter den Heizkörper, hinter die Tafel oder in den Spalt zwischen Kasten und Wand.

Obwohl sich Armin für die Schreibübungen eine Lehrerin "für sich allein" wünscht, wird diese auch hin und wieder massiv attackiert.

Täglich läßt Armin seine Aggressionen Lehrer und Schüler spüren.

Einer Lehrperson beißt Armin im Vorübergehen im Gang des Schulhauses in den Oberkörper und lacht dabei schallend. Imme wieder schreit er "aua" und deutet auf diese Lehrperson.

Jedesmal, wenn Armin diese Lehrperson sieht, ruft er nun "aua" und deutet auf die Stelle, in die er gebissen hat.

4.4 "1, 2, 3 und 4" - die Rechenstunde

In der ersten Stunde ist Rechenunterricht. Jedes Kind hat Material, mit dem es arbeiten kann, Armin arbeitet alleine. Er versucht die Zahl 3 anzumalen und 3er Mengen mit Kugeln, Kastanien etc. zu bilden. (Dokument 11, Internetversion-nicht verfügbar)

Aus keinem für uns ersichtlichen Grund springt er plötzlich und ganz unerwartet von seinem Platz auf. Er saust zu Sandra, dem Mädchen im Rollstuhl, zwickt ihr in die Innenseite des Oberarms und reißt dann von hinten so stark und so lange an ihrem Zopf, bis sie mitsamt ihrem Rollstuhl nach hinten kippt.

Frau G. und ich stürzen zu dem Kind im liegenden Rollstuhl.

Noch während wir uns mit Sandra beschäftigen, reißt Armin zwei weitere Mitschüler an den Haaren von ihren Stühlen.

Armin läuft zum Fensterbrett und kippt alle Blumentöpfe vom Fensterbrett, klettert in Windeseile auf das Fensterbrett hinauf und zieht sich splitternackt aus.

Seine Kleidung wirft er in die Klasse, die Unterhose in hohem Bogen aus dem geöffneten Fenster. Auf dem Fensterbrett veranstaltet er eine Art Tanz, hüpft von einem Bein auf das andere, hält die Arme in die Höhe und schnippt mit den Fingern. Er kreischt vor Lachen.

Ich versuche ihm zuzureden, von der Fensterbank herunterzukommen. Als ich mich ihm nähere, springt er zuerst auf einen Tisch und dann auf den Boden.

Automatisch stelle ich mich als Schutz vor die anderen Kinder hin. Und sage zu Armin ganz deutlich und bestimmt: "Du rührst jetzt diese Kinder nicht mehr an".

Er schnappt sich ein Lineal und wirft damit nach mir, er versucht, eines der Kinder zu erwischen und tritt mit Händen und Fäusten gegen mich.

Frau G. versucht Armin einzufangen, schnappt sich die Kleidung und geht mit ihm aus der Klasse hinaus.

Ich versuche die Kinder in der Klasse zu beruhigen.

4.5 "Auf, ins Hallenbad"

Einmal pro Woche fahren wir mit dem Schulbus ins Hallenbad.

Die Kinder freuen sich aufs Schwimmen, wir machen oft gemeinsame Spiele und Übungen im Wasser, häufig dürfen die Kinder aber auch alleine Erfahrungen mit und im Wasser machen.

Auch Armin hat Spaß am Schwimmen, manchmal fragt er mit einer schwimmenden Handbewegung, ob denn heute unser Schwimmtag wäre.

In der Garderobe des Schwimmbads angekommen, zieht sich Armin flink aus. Er wirft seine Kleidungsstücke über die Garderoben in die Nebengarderoben, springt nackt auf die Garderobenbank und verrichtet von dort in hohem Bogen sein Geschäft.

Ich besorge ein Wischtuch, und gemeinsam wischen wir die "Pfütze" auf. Armin will nicht wischen und versucht mir in die Hände und in den Arm zu beißen.

Ich kann ihm immer wieder ausweichen.

Blitzartig erwischt er jedoch ein Kind und kratzt ihm den Rücken blutig.

Obwohl ich nun seine Hände in den meinen halte, gelingt es ihm abermals, ein Kind in die Schulter zu beißen.

Armin darf zur Strafe heute nicht ins Wasser gehen. Er entwischt uns aber und rennt in die Schwimmhalle. Im Handumdrehen wirft er fremde Handtaschen, Föns, Badetücher, die auf Liegestühlen liegen, ins Wasser. Blitzschnell saust er auch noch ins Buffet, reißt den Brezelständer um und verschlingt eine der Brezeln.

Wir bemühen uns, Ruhe zu bewahren: Die anderen Kinder sind zu beaufsichtigen, mit den betroffenen Leuten im Hallenbad ist zu verhandeln, dem aufgebrachten Verkäufer muß das Brezel gleich bezahlt werden.

Wir erklären die Situation mit Armin und ernten statt angedrohten Schadensersatzansprüchen letztendlich sogar ein wenig Verständnis.

Das Umziehen artet beinahe zum "Zweikampf" aus, Armin will sich nicht anziehen, er weigert sich, in seine Unterwäsche und Oberbekleidung zu schlüpfen.

Darum beißt er ein großes Loch in sein Hemd. Nur mit Jeans, Pullover, Jacke und Schuhen angezogen, tritt Armin mit uns den Rückweg zur Schule an.

4.6 "Zu Besuch bei Armins Familie"

Da Armins Eltern nie von sich aus Kontakt mit uns aufnehmen und auch trotz mehrmaligen Aufforderungen nie in die Sprechstunde kommen, beschließe ich, die Familie K. anzurufen und eine Sprechstunde bei ihnen zu Hause zu vereinbaren.

Schon am nächsten Abend bieten sie mir einen Termin an, um über Armin bei ihnen daheim zu sprechen. Ich nehme den Termin dankend an, da ich mir erhoffe, durch Erzählungen von Armins Mutter und Geschwistern mehr Einblick in Armins Geschichte zu bekommen.

Armin wohnt mit seinen beiden Eltern, den drei älteren Geschwistern und einer Schwägerin in einer eher kleinen Wohnung in G. Armins Schwester begleitet mich ins Wohnzimmer, wo mich seine Mutter bereits erwartet. Wilma, die Schwester übersetzt die Erzählungen der Mutter.

Armin flitzt plötzlich zur Tür herein und ist im gleichen Augenblick wieder weg. Ich rufe ihm: "Hallo Armin!" hinterher. Nach kurzer Zeit spaziert er schüchtern bei der Tür herein. Er ist etwas verwundert, daß ich bei ihm zu Hause bin. Sein Blick schweift von mir zu seiner Mutter und zurück.

Er holt sich Spielkarten, setzt sich neben mich auf die Couch und beginnt ein Kartenspiel, das wie "Watten" aussieht.

Im Wohnzimmer von Familie K. gibt es keine Vorhänge, keine Polster oder Decken auf der Couch, keine Tischtücher, in der ganzen Wohnung sind keine Lampenschirme, sondern vergitterte Glühbirnen am Plafond.

Es stehen keine Ziergegenstände oder Pflanzen in den Regalen, die Glaskästen sind versperrt.

Armins Mutter erzählt mir, daß sie alle Dinge wegsperren muß, ansonsten würde Armin alles zerreißen und kaputt machen. Da Armin auch daheim immer wieder durch das Hinaufwerfen von Gegenständen die Lampenschirme zerstört hat, hat sich die Familie auf bruchsichere, vergitterte Lampen geeinigt.

Armin hat in der Wohnung kein eigenes Zimmer. Meistens schläft er im Ehebett der Eltern, oft schläft er einfach im Wohnzimmer vor dem Fernseher.

Die Mutter erzählt, daß Armin sieben oder acht mal in der Nacht aufstehe, durch die Zimmer wirble, sich aus dem Kühlschrank etwas zu essen hole, Karten spiele oder Gegenstände gegen den Plafond werfe.

Am Morgen ist er dann zwar oft müde, aber er freut sich auf die Schule. Noch im Pyjama packe er seine Schultasche und rufe "edi, edi, edi". Das heißt, er möchte jetzt zum Schulbus gehen. (Edi ist ein Junge, der im gleichen Schulbus wie Armin zur Schule fährt.)

Die Mutter, eine sehr ruhige, in sich gekehrte Frau, erzählt, daß Armin ihr überhaupt nicht folge. Immer wieder würde er sie attackieren und sie beißen und zwicken. Auf meine Frage, wie denn Frau K. die Attacken aushalte, meint sie, es wäre oft gar nicht mehr auszuhalten und sie warte dann immer, bis ihr Mann nach Hause käme, denn vor dem hätte Armin noch ein bißchen Respekt.

Wenn er ganz unerträglich wäre, komme er übers Wochenende oder in den Ferien in die "Therapie".

Armins Schwester erzählt, daß sie am Nachmittag mit ihm die Hausübungen zu machen versuche, aber er zerreiße immer alles.

Nach der Aufgabe spiele er. Am Abend dürfe er sogar manchmal mit dem großen Bruder Billard spielen gehen.

Armins Mutter erzählt nur mehr wenig. Leider muß die Schwester gehen, daher ist eine Kommunikation mit der Mutter nicht mehr möglich.

4.7 "Happy Birthday, Armin!"

Armin hat heute Geburtstag. Es gibt, wie bei jeder Geburtstagsfeier in der Schule, selbstgemachten Kuchen und Saft. Wir sitzen alle um den Tisch herum.

Armin darf sich als "Unser Geburtstagskind heute" auf den Sessel stellen, und wir singen ihm ein Lied.

Es ist ihm ein bißchen peinlich, alleine auf dem Stuhl zu stehen und alle Blicke auf sich gerichtet zu haben, daher versteckt er sein Gesicht hinter seinen Armen.

Armin bekommt ein Geschenk von uns, Farbstifte und Photos von unserer Klasse.

Er freut sich, besonders aber haben es ihm die Photos angetan.

Er ist ganz aufgeregt und möchte essen, schreiben ("tsn, tsn"), schwimmen, hinausgehen und Musik hören zugleich. Schon fängt er an, die Geschirrtücher in die Luft zu werfen.

Wir können ihn ein wenig beruhigen, indem er sich neben Frau G. setzen darf.

Mit Wonne schaut er die Photos an und benennt die Kinder mit Lauten.

Die Geburtstagsfeier scheint uns gut gelungen, wir freuen uns mit Armin über das nette Fest.

Armin fährt dann wie gewohnt mit dem Schulbus nach Hause.

An diesem Tag attackiert er den Schulbusfahrer besonders fest. Er reißt ihn während der Fahrt an den Haaren, erwischt dann die Handbremse und reißt daran.

Armin wird darauf hin in der letzten Reihe des Busses angeschnallt.

Aus Wut zerrreißt er ein Schulheft und die Photos, öffnet das Fenster einen kleinen Spalt und wirft die Schnipsel samt den neuen Farbstiften zum Fenster hinaus.

Der Busfahrer droht nun, Armin nicht mehr mitzunehmen, sollte er ihn noch einmal so angreifen.

Wir können uns nicht erklären, warum Armin nach der Geburtstagsfeier so einen Wutanfall bekommen hat.

4.8 "Pst - wir sind ganz still!"

Jeden Donnerstag in der letzten Stunde machen wir mit den Kindern "stille Übungen".

Am Boden der Klasse werden Decken ausgebreitet, wir ziehen die Vorhänge zu, zünden die Duftlampe an und machen leise Entspannungsmusik.

Die Kinder dürfen sich auf die Decken am Boden legen.

Jede Lehrerin bleibt bei einem Kind und streicht von den Schultern, die Arme entlang, die Handflächen usw. Wir sprechen ganz leise mit dem Kind (... der Arm ist jetzt ganz schwer usw.). Wir nehmen uns für jedes Kind viel Zeit.

Zu Beginn des Schuljahres fiel es den Kindern ziemlich schwer, auf den Decken liegen zu bleiben, immer gab es etwas zu schauen oder zu hören, immer gab es irgend einen Grund aufzustehen.

Jetzt scheinen einige von ihnen die "stillen Übungen" so richtig zu genießen, sie lassen die Augen geschlossen und ihr Gesicht ist entspannt, die Atmung geht ruhig und regelmäßig.

Auch Armin legt sich gerne auf die Decke. Nach kurzer Zeit jedoch setzt er sich plötzlich auf und beginnt loszulachen. Das Lachen wird immer schriller.

Ich setze mich neben ihn, nehme seinen Arm und streiche von der Schulter zu den Handinnenflächen.

Er beginnt tief auszuatmen. Seine Augen verändern sich, sie bekommen zuerst einen traurigen, dann einen schreckhaften Ausdruck. Mit angsterfüllten Augen beginnt Armin zu wimmern: "annemanne, manne manne...". ("Annemanne" ist der Name einer Mitschülerin, "manne" heißt für ihn essen.) Armin beginnt nun ganz fest zu weinen. Ich bleibe neben ihm sitzen und lasse die Hände leicht auf seinem Bauch ruhen.

Auf einmal schlägt Armins herzzerreißendes Weinen in schrilles Lachen um, er kann sich fast nicht mehr beruhigen. Plötzlich, zwischendurch wimmert er und weint - es ist wieder dieser ängstliche Ausdruck in seinen Augen - kurze Zeit darauf lacht er laut und schrill. Die Augenfarbe ist ganz dunkel.

Sein Augenausdruck ändert sich mit seinen Emotionsäußerungen, die Augen sind ganz kurz entspannt, werden angsterfüllt, traurig, während er lacht sind sie klein und schwarz und hervorstechend.

Armin darf ab nun selber entscheiden, ob er bei den stillen Übungen mitmachen will oder nicht. Wir wollen ihn mit diesen "Meditationsübungen", die ihm vielleicht Angst machen könnten, nicht überfordern.

Obwohl Armin meistens diesen Emotionswechsel durchmacht, läßt er sich keine einzige der stillen Übungen entgehen.

Im Anschluß ist das Jahreszeugnis von Armin beigelegt (Dokument 12).

"Jahreszeugnis

Erreichter Entwicklungsstand: In diesem Schuljahr merkte man gut, daß XXX gerne in die Schule geht. Sein aggressives Verhalten gegenüber seinen Mitschülern hat sich ein wenig gebessert. Mit den neu dazu gelernten Buchstaben P,T und N kann XXX nun ganze Wörter mit Handführung schreiben und unterscheiden; MAMA, PAPA, XXX, MIA, OPA, OTTO und MIMI kann er treffend zu Bildern zuordnen und auch aussprechen. In Rechnen wurde durch unterschiedlichste Übungen der Zahlenraum bis 4 erweitert. Leider zerreißt XXX immer wieder seine Hefte, verlangt aber oft durch seine ausgeprägte Mimik und Gestik nach Schreiben und Rechnen im Heft. Er mag es! Ebenso freut er sich auf den Schwimm- und Werkunterricht. In Werken kann er die Fertigstellung seiner Bastelarbeiten kaum erwarten und arbeitet auch dort zeitweise recht fleißig mit.

Religion: XXX fügt sich gut in die Klassengemeinschaft ein und macht recht fleißig beim Religionsunterricht mit. Große Freude zeigt er beim Erlernen des Kreuzzeichens." (Internet-Version, Original: Seite 109)

Seine schulischen Leistungen werden kurz geschildert, sein Verhalten ist im Religionsunterricht beschrieben.

Bei Betrachtung des Zeugnisses stelle ich mir nun die Frage, ob die Dinge, die dort beschrieben sind, von Bedeutung sind.

Vergleiche ich den Inhalt des Zeugnisses mit meinem Bericht, entsteht bei mir der Eindruck, daß wir uns manchmal in bezug auf schulische Leistungen etwas vorgemacht haben könnten.

4.9 Reflexion: Schuljahr 1993/94

Wenn ich mir meine Berichte von den Ausschnitten des Jahres so anschaue, gerate ich immer wieder in den Zwiespalt, ob ich denn nicht auch die "guten Seiten" hätte mehr beschreiben sollen, damit ein ausgeglicheneres Bild des Buben entsteht.

Immerhin gab es auch Tage, an denen wir gut miteinander zurecht kamen.

Aber gerade die Stunden, in denen Armin nicht zu halten war, regten mich dazu an, am Verständnis für den Jungen zu arbeiten, Situationen zu hinterfragen, Hintergründe zu erkunden, Einzelbilder zu einem Gesamtbild zusammenzufügen.

Immer wieder reflektierte ich einzelne Stunden, um danach mit der Kollegin nach passenden Lösungsmöglichkeiten für schwierige Stunden zu suchen.

Eine Situation, die mir heute wiederum sehr bedenklich erscheint, war die damalige Klassensituation:

Es waren acht Kinder mit den unterschiedlichsten Behinderungsarten in der Klasse, niemand konnte sprechen, jedes Kind war verhaltensauffällig.

Die Verhaltensauffälligkeiten verstärkten sich dadurch, daß die Kinder verschiedenste Verhaltensmuster der anderen Mitschüler nachahmten. Es gab keine Orientierung am "normalen" Verhalten.

Es war uns Lehrpersonen unmöglich, jedem Kind Anregungen zum Lernen zu bieten.

War ich vor drei Jahren noch überzeugt, daß behinderte Kinder in Kleingruppen gefördert werden können, so sehe ich heute ein großes zeitliches Problem darin.

Uns Lehrern war es aufgrund der Zusammensetzung der Klasse unmöglich, den Kindern einen Unterricht zu bieten, aus dem sie sich herausholen konnten, was für sie wichtig war.

Wir hatten alle Hände voll damit zu tun, einzelne Schüler zu wickeln, zu füttern, zu schauen, daß kein Kind zur Tür hinausläuft und sich versteckt, daß niemand durch Armins aggressives Verhalten verletzt wird, und trotzdem den Kindern einen interessanten Vormittag zu bieten.

In dieser Klasse konnte ich, so gut es ging, die Kinder zwar am Vormittag in kleinen Bereichen, wie lebenspraktische Übungen, Musik oder bildnerische Erziehung fördern, viele wichtige Bereiche, wie soziales Lernen, sprachlicher Ausdruck usw. gingen jedoch wegen der Zusammensetzung der Klasse und wegen Zeitmangels einfach unter.

Als sprachliche Anregung für die Kinder gab es nur uns Lehrpersonen.

So war auch für Armin die Klassensituation sicher belastend. Oft gab es ein Durcheinander, immer wieder weinte oder schrie ein Kind, was den Lärmpegel in der Klasse erhöhte.

Durch dieses ständige Chaos konnte Armin nicht zur Ruhe kommen.

Der ständige Wechsel von "Therapie" und Schule schien mir für Armin sehr anstrengend gewesen zu sein. Zweimal in der Woche war er einen ganzen Tag in der "Therapie", manchmal auch mehr, manchmal zwischendurch eine ganze Woche lang, manchmal hatte er am Vormittag Unterricht, am Nachmittag hatte er "Therapie".

Obwohl wir Lehrpersonen mehrmals Kontakt mit dem Leiter des "Therapiezentrums" aufnehmen wollten, wurde uns jegliche Zusammenarbeit verweigert, mit der Begründung, daß die Lehrer die "Therapie" nichts angehe. Wir wußten daher nicht welche Art von "Therapie" mit Armin gemacht wurde. Wir nahmen an, daß es sich um eine Festhaltetherapie handelte.

Ich überlege mir oft, ob Schreiben und Rechnen für Armin überhaupt von Bedeutung waren. Im "Lehrplan für schwerstbehinderte Kinder" ist der Auftrag gegeben, den Kindern eine Einführung in die Kulturtechniken zu geben.

Noch heute spüre ich den Widerspruch in mir:

War es sinnvoll, Armin ein paar Buchstaben und Zahlen zu lehren?

Wäre es nicht sinnvoller gewesen, statt dessen für ihn eine Situation zu schaffen, in der er sich zurückziehen und sich mit sich selbst ungestört beschäftigen konnte?

Hätte ich ihm andererseits eine Einführung in das Schreiben und Lesen gänzlich unterschlagen sollen?

Vielleicht hätte er sich später mit Hilfe von Schreiben und Lesen ausdrücken können?

Als Lehrer wird man daran gemessen, ob man den Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen oder, im sonderschulischen Bereich, zumindest lebenspraktische Dinge beibringen kann.

Da auch in dieser Schule ein gewisser Erfolgsdruck herrschte und immer wieder Sätze wie "... ich habe ihn soweit gebracht, daß er nun Schuhe binden kann ..." zu hören waren, fehlte mir damals der Mut, als Anfängerin aus diesem System auszubrechen.

Ein ständiger Zwiespalt machte sich jedoch schon bald bemerkbar.

Heute glaube ich, daß es gut ist, diesen Zwiespalt gefühlt zu haben.

Schließlich ist es der erste Schritt dazu, mehr Eigenverantwortung für den Schüler zu übernehmen und sich von "altbewährten Methoden" loszulösen.

Ich stelle mir die Frage, warum Armin nach seiner Geburtstagsfeier so aggressiv reagierte. Vielleicht konnte er "nette Dinge" einfach nicht oder nur begrenzt annehmen?

Der Widerspruch, der sich oft darin zeigte, daß Armin jemanden nett streichelte und im nächsten Moment zwickte, setzt sich für mich in der Geburtstagsfeier fort: Zuerst zeigt er Freude an seiner Party, er freut sich über sein Geschenk, dann zerstört er es.

Ebenso macht Armin sehr gern bei den stillen Übungen mit, trotzdem muß er durch lautes Schreien die angenehme Situation stören.

Es drängt sich mir der Gedanke auf, ob es Armins Mutter nicht ähnlich ergeht: Einerseits hat sie ihr Kind gern - es ist schließlich ihr Sohn - andererseits kann sie ihr behindertes Kind nicht annehmen, ist wütend auf dieses und würde es am liebsten weggeben.

Wahrscheinlich hat diese Mutter, wie viele andere Mütter behinderter Kinder, erfahren müssen, daß für ihr Kind kein Platz ist.

Niedecken spricht dabei von einem gesellschaftlichen Mordauftrag. (vgl. Niedecken, 1989).

"Wo bleibt die Mutter nun, über die der Herrenmensch seinen Fluch ausgesprochen hat, die allein mit diesem Kind ihren Gefühlen überlassen wird, die für ihr Entsetzen und ihren Haß kein Gegenüber mehr hat als dieses Kind? Wie soll sie dieses Kind nicht hassen, nicht seinen Tod wünschen?" (Niedecken, D. 1989, S. 54)

5. Das Schuljahr 1994/95

Inhaltsverzeichnis

5.1 "Schon wieder eine Neue!"

Dieses Schuljahr möchte ich nur kurz beschreiben.

Frau G. geht in Karenz, eine Kollegin, Frau M., die schon mehrere Jahre an der Schule arbeitet, kommt zu uns in die Klasse.

Die Zusammenarbeit mit Frau M. stellt sich für mich leider als sehr belastend heraus.

Abermals gibt es einen Wechsel für Armin in bezug auf die Lehrperson, ebenso in bezug auf die Kinder: Manuela und Bernhard wechseln in eine andere Klasse, hinzu kommt Sigi, ein Schulanfänger.

Für Armin tritt keine Verbesserung der Klassensituation ein.

Während dieses Schuljahres gibt es immer wieder Tage, an denen es Armin in der Klasse ganz gut zu gehen scheint, immer wieder sind jedoch Situationen, in denen er äußerst aggressiv und unberechenbar ist.

Wie in den letzten Jahren treten Verhaltensmuster auf wie:

  • Zerreißen von Büchern, Papier und Stoffen

  • Unerwartetes Schlagen auf Kinder und Kollegen

  • Beißen in Hände und Wangen von Mitschülern

  • Schrilles und lautes Lachen in nicht adäquaten Situationen

  • Angsterfülltes Wimmern in Ruhephasen

  • Weinen aus "heiterem Himmel"

  • stereotype Sprechweisen (annemanne, annemanne; manna, manna,

  • tsn, tsn ...)

  • Attacken auf schulfremde Personen (Busfahrer, Elternteile usw.)

  • Genaues Beobachten der Abläufe in der Klasse

  • Werfen von Gegenständen in der Klasse

  • Stereotypien (Drehen von Schnüren, ständiges Hinaufwerfen von

  • Seilen, Geschirrtüchern, Wollfäden ...)

In diesem Schuljahr entwickelt er eine besondere Vorliebe für Bildkarten und Photos.

Schon am Morgen holt Armin sich selbst Spielkarten oder ein Bilderlotto aus dem Kasten und beschäftigt sich damit eine Zeit lang. Die Karten müssen aus festem Karton und sehr stabil sein, denn Armin versucht sie immer wieder zu zerreißen.

An manchen Tagen wütet Armin so heftig, daß wir zu zweit versuchen, ihn fest zu halten.

Er zerkratzt uns dabei die Arme. Oft kommen wir mit blauen Flecken von der Schule nach Hause.

Armin wird immer größer und kräftiger. Wir malen uns manchmal aus, wie es wohl sein wird, wenn Armin 18 Jahre alt ist. Wird er dann auch noch so aggressiv sein?

Den Tip einer Kollegin, Armin seine eigenen Äußerungen auch selbst spüren zu lassen, kann ich nicht annehmen, denn das hieße, ich solle ihn immer in leichter Form zurückkratzen und zurückbeißen, wenn er beißt oder kratzt.

Ich versuche es zwar einmal, gelange aber dann in eine für mich nicht sehr befriedigende Situation: Armin wird nur noch aggressiver, es wäre ein ewiges Hin- und Herbeißen und Zwicken, das sich zunehmend verstärken würde.

Ich überlege mir eine andere Lösung, vor allem auch für Armins Mitschüler, denn einige von ihnen können sich nicht wehren, indem sie zurückbeißen, da sie kleiner und schwächer sind als er.

Ich möchte meine Aggressionen, die sich im Laufe eines Vormittages anstauen, nicht an dem Jungen auslassen. Ich sage ihm, daß ich nun sehr wütend bin und daher für ein paar Minuten aus der Klasse hinausgehe müsse. Oft hilft es mir, für zehn Minuten aus der Klasse zu gehen, um Abstand zu gewinnen, manchmal hilft es mir nicht und ich arbeite wütend weiter.

Das "Machtspiel" zwischen Armin und mir ist kräfteraubend. Er weiß genau, daß ich immer auf seine Attacken gegenüber den Mitschülern reagiere. Ich kann und will die Angriffe nicht übergehen und nehme dadurch mit Armin stets eine Beziehung auf.

Armin fordert mich gekonnt heraus, beobachtet mich und meine Reaktionen.

Obwohl ich mich manchmal dazu zwinge, so zu tun, als ob ich ihn gerade nicht sehe, ist es mir natürlich nicht gleichgültig, wenn er Blumenstöcke und Bilder zerstört. Dieses erzwungene "Ich seh dich nicht" gebe ich schleunigst wieder auf.

Ich wünsche mir einen Raum, in den ich Armin schicken kann und in dem er wüten kann, so viel er will.

Der schulische Rahmen und die personellen Bedingungen lassen jedoch weder einen eigenen Raum noch eine Einzelbetreuung für den Jungen zu.

6. Das Schuljahr 1995/96

6.1 "Armin und die zwei"

Voll Schwung und Elan gehe ich ins neue Schuljahr.

Ich freue mich schon auf die Zusammenarbeit mit meiner "neuen" Kollegin. Sie strahlt sehr viel Ruhe aus, und ich habe das Gefühl, daß wir "auf der gleichen Wellenlänge" sind.

Schon bevor der Unterricht im Herbst beginnt, besprechen wir, wie wir uns den Ablauf eines Vormittages vorstellen.

Heuer haben wir sieben Kinder in der Klasse, eine Mitschülerin kommt als Schulanfängerin dazu, ein Mitschüler kommt aus einer anderen Klasse dazu und Dagmar und Sandra wechseln in eine höhere Klasse.

Zu Schulbeginn diskutieren wir viel über die einzelnen Kinder und überlegen uns, wie wir jedem Kind den bestmöglichen Unterricht bieten können. Dementsprechend wollen wir unseren Stundenplan gestalten.

Wir möchten heuer z.B. zweimal im Monat mit den Kindern einen Lehrausgang in Geschäfte, Ämter oder öffentliche Einrichtungen machen, damit sie "für das Leben lernen und nicht nur für die Schule".

Obwohl wir "nur" sieben Kinder gemeinsam im Unterricht haben, fordern wir eine zusätzliche Begleitperson für unsere geplanten Lehrausgänge an.

6.2 "Heute gehen wir zur Post!"

Ein Freitag im Oktober 1995

In der ersten Stunde machen wir mit den Kindern Leseübungen.

Armin scheint heute etwas unruhig zu sein. Er sieht aus, als wäre er noch etwas müde oder hätte schlecht geschlafen.

Beim morgentlichen Begrüßen gibt er keinen Ton von sich, reicht uns aber seine Hand zum Gruß.

Er huscht auf seinen Platz, packt seine Jause und seine Hefte aus und verräumt sie auf die dafür vorgesehenen Plätze in der Klasse.

Dann schnappt er sich seine "Lieblingsspielkarten" und beginnt mit sich selbst das Kartenspiel, das wie "Watten" aussieht.

Nach dem kurzen Morgensingkreis, bei dem Armin ruhig dabeisitzt, lesen wir mit den Kindern von den Leseblättern.

Armin will auch mitlesen und zeigt mit dem Finger mit.

Armin fragt, ob wir heute ins Schwimmbad fahren ("swm?, swm?") und macht die Handbewegung für Schwimmen dazu.

Wir erklären ihm, daß wir heute zur Post gehen würden.

Da wir mit den Schülern Postkarten gebastelt haben, entschließen wir uns, am Freitag zur Post zu gehen, um Briefmarken zu kaufen und die Karten dann am Schalter aufzugeben.

Wir bitten eine Kollegin, als Begleitperson mit uns mitzugehen. Bis zum nächsten Postamt sind es ungefähr 15-20 Minuten zu Fuß.

Bei der Post angekommen, stellen wir uns am Schalter an, um die Briefmarken zu kaufen. Jedes Kind sollte seine Marke selber auf die Karte kleben.

Johann reißt sich los und rennt in eine der Telefonzellen in der Post. Da er an der Telefonschnur zu reißen beginnt, versucht die Kollegin, ihn aus der Zelle herauszuholen. Johann wird sehr zornig, reißt sich seine Schuhe von den Füßen und wirft sie quer durch das Postamt.

Armin beginnt laut zu lachen. Während er lacht, zwickt er den Kindern in die Oberarme.

Armin greift blitzschnell nach einem Stoß Erlagscheine, die am Schalter liegen und wirft ihn mit Schwung in die Luft. Die Erlagscheine flattern hinter den Schalter und vor den Schalter und landen auf dem Boden.

Einige der Kunden beginnen zu schimpfen. Armin gibt einem der Kunden einen Fußtritt und lacht weiterhin laut und schrill.

Ich möchte, daß Armin die Erlagscheine wieder aufsammelt, kann ihn jedoch nicht dazu bringen, da er sich sofort mit Beißen und Zwicken dagegen wehrt.

In seiner Wut rennt Armin zu den Telefonbüchern und reißt an den Seiten.

"Nichts wie hinaus!", denke ich mir.

Frau K. schnappt Armin bei der Hand und zieht ihn zur Post hinaus.

Ich sammle noch Johanns Schuhe sowie die Erlagscheine ein und gehe mit zwei Kindern nach draußen; die zweite Kollegin folgt mit Julia und Sigi. Frau K. wartet auf uns mit Armin vor der Post. Ich sehe, daß Armin immer wieder versucht, Frau K. zu zwicken und zu treten. Ihre Hände sind bereits blutig gekratzt. Wir machen uns auf den Weg zur Schule zurück.

Armin tobt - er schreit ganz schrill, beißt und zwickt ohne Ende.

Armin muß zwischen mir und Frau K. gehen, wir halten ihn an den Händen, ansonsten würde er die Mitschüler angreifen.

Immer wieder gelingt es ihm, eine von uns zu kratzen.

Armin will seine Wut an den Autos, an denen wir vorbeikommen, auslassen. Er versucht sich ständig loszureißen; es gelingt ihm in einem Moment, als ich mich nach Johann umdrehe, der wieder einmal auf dem Boden sitzt, seine Schuhe ausgezogen hat und keinen Schritt weitergehen will.

Armin verpaßt einem parkenden Auto einen Fußtritt, er versucht auch gegen die Fahrertür zu treten. Frau K. kann ihn an seiner Kapuze zurückziehen.

Armin stürzt sich auf die Antenne und zieht daran. Er lacht.

Wir nehmen seine Hände und halten ihn wieder fest.

Um jede Person, die uns am Gehsteig begegnet, machen wir einen großen Bogen. Armin versucht jedesmal sie zu bespucken, sie zu treten oder zu zwicken.

Sogar auf einen Hund versucht er loszugehen, indem er nach ihm tritt.

Immer wieder stößt er laute und schrille Schreie aus und versucht unentwegt uns zu beißen.

Ich versuche, Armin anzusprechen und herrsche ihn mit "hör auf!" an; er scheint mich nicht zu hören und macht weiter.

Ich habe das Gefühl, daß sich Armin immer weiter in seine Wut hineinsteigert und nicht mehr herausfinden kann.

Endlich kommen wir in der Schule an. Die Kollegin, die uns begleitet hat, muß in die nächste Unterrichtsstunde eilen.

Wir nehmen Armin mit in die Klasse. Er ist immer noch sehr aufgeregt.

Ich beobachte seine Augen, die schwarz und klein geworden sind.

Wir decken unseren Jausentisch. Armin soll sich zu uns setzen.

Frau K. und ich sind der Meinung, daß wir Armins und unsere Situation nicht verbessern, wenn wir ihn allein an einen Tisch setzen.

Also sitzt er zwischen uns und verschlingt im Nu seine Semmel. Natürlich versucht er immer, wieder die Jause der anderen Kinder zu erhaschen, wird von uns aber davor zurückgehalten.

Armin ist noch immer sehr unruhig und meiner Meinung nach unberechenbar, was seine Aggression gegenüber den Mitschülern angeht.

Daher bleibt Frau K. die nächste Stunde neben Armin sitzen, um mit ihm zu "schreiben", während ich den anderen Kindern helfe, sich für die Heimfahrt anzuziehen, die Schultaschen zu packen und in den richtigen Taxibus zu steigen. Armin darf nun auch zum Bus gehen.

6.3 "Armin hat schlechte Laune"

Ein Mittwoch im Oktober, 1995

Armin steigt heute sichtlich schlecht gelaunt aus dem Bus aus. Ich sehe, wie er im Bus ein Mädchen an den Haaren zieht und lacht. Er knallt uns die Schultasche vor die Füße und verschwindet in einer Nachbarklasse. Es herrscht helle Aufregung in der Nachbarklasse, als Armin dort auftaucht. Die Kinder haben Angst vor ihm und es entsteht ein lautes Stimmengewirr und Schreien. Ich höre Armin dazwischen "annemanne" und "anne, anne" schreien. Frau K. holt Armin zu uns in die Klasse.

Heute hat er einen besonders schlechten Tag. Er kann nicht auf seinem Platz bleiben, rennt durch die Klasse, reißt Blumenstöcke von den Fensterbrettern, attackiert die Mitschüler auf gröbste Weise. Obwohl ich im Sesselkreis neben ihm sitze und wir einen größeren Abstand zu den anderen Kindern halten, gelingt es ihm immer wieder, eines der Kinder mit einem kräftigen Fußtritt vom Stuhl zu stoßen.

Ich gehe mit Armin aus der Klasse und in den Turnsaal, wo er mit seinem Lieblingsspielzeug Ball zu spielen beginnt. Er wirft den Ball gegen den Plafond; ich lasse ihn dabei in Ruhe und sehe nur zu. Nach einer halben Stunde biete ich ihm an, den Ball doch einmal mir zuzuwerfen.

Armin sieht mich kurz an, wirft mir den Ball zu, und während ich ihn fange, saust er blitzschnell auf und davon in Richtung Klasse. Auf dem Weg dorthin reißt er Bilder von den Wänden, Blumenstöcke aus den Töpfen und, in der Klasse angekommen, versucht er eines der Kinder zu erwischen.

Nach dem Unterricht fahren die Kinder mit den verschiedenen Taxibussen nach Hause.

6.4 "... helle Aufregung ..."

Ein Donnerstag im Oktober 1995

Einige der älteren Schüler laufen uns heute am Morgen aufgeregt entgegen und erzählen, daß Tanja, die jüngste Schülerin unserer Klasse, heute nicht in die Schule gehen kann, da Armin ihr gestern im Bus sehr fest ins Auge gebissen hätte.

Wir können die Geschichte zuerst gar nicht glauben. Frau L., die täglich mit den Kindern im gleichen Taxibus wie Armin mitfährt, bestätigt uns jedoch das Ereignis: Armin hat die vor ihm sitzende Tanja im Bus an den Haaren über die Rückenlehne nach hinten gezogen; erst hat er ihr einen "Kuß" verpaßt und gleich darauf in ihr linkes Auge gebissen und nicht mehr losgelassen.

Einige der älteren Schüler haben noch versucht, ihn von Tanja loszureißen, konnten ihn aber kaum mehr von dem Mädchen wegbringen, da Armin sich richtig "festgebissen" hat.

Als Armin die Stufen zur Eingangstür heraufkommt, zögert er kurz vor dem Eintreten ins Schulhaus.

Ganz leise kommt er zur Klasse. Auf die Frage, was denn gestern im Bus losgewesen wäre, erzählt er von selbst mit Gesten und dem Wort "aua, aua, aua, aua, aua", daß er Tanja wehgetan hätte.

Ich empfinde plötzlich Mitleid mit dem Jungen; ihn zu schimpfen scheint mir ebenso sinnlos wie ihn z.B. später jausen zu lassen.

Eher habe ich das Gefühl, daß Armin nun Trost braucht. Eine Umarmung würde er nicht annehmen, aber er setzt sich gerne zwischen mich und Frau K. in den Morgenkreis.

Mit einem hilflosen "ach, Armin!" beginnen wir den Morgenkreis. Meine Kollegin und ich sind traurig wegen dem Vorfall.

An diesem Tag verhält sich Armin auffällig ruhig.

6.5 "Tanja hat Angst vor Armin"

Ein Freitag im Oktober 1995

Tanja kommt mit einem geschwollenen, blutunterlaufenem Auge in die Schule.

Armin kann sich kaum beruhigen. Immer wieder muß er an diesem Vormittag zu Tanja hinlaufen, zuerst auf ihr Auge zeigen, dann auf sich und "aua, aua, aua" rufen.

Tanja hat eine panische Angst vor Armin, sobald er sich ihr nähert, beginnt sie zu schreien.

6.6 "Armin und die Familienfeier"

Ein Montag im November 1995

Armin war nun zwei Wochen nicht in der Schule. Wir erfahren, daß er mit seinen Eltern in deren Heimatland (Armins Familie stammt ursprünglich nicht aus Österreich) war, um, laut seiner Familie, bei der Hochzeit seiner älteren Schwester dabeizusein. (Erst später erfahren wir, daß Armins Familie ihn gar nicht auf die Hochzeitsfeier mitgenommen hat, sondern für zwei Wochen zur Therapie gebracht hat.)

Armin ist heute sehr unzugänglich und verwirrt. Er geht in der Klasse auf und ab, auf Zurufe reagiert er nicht, Blickkontakt ist keiner möglich.

Gegen Ende des Vormittages reagiert Armin wieder mit massiven Aggressionsausbrüchen.

Der Direktor unserer Schule "empfiehlt" meiner Kollegin und mir im Vorbeigehen am Gang, Armin doch probeweise für eine Zeit lang in eine Klasse mit älteren Kindern zu geben, denn bei "Größeren" würde er sich bestimmt nicht trauen, ihnen weh zu tun.

Ich stimme zu und ärgere mich hinterher sehr, daß ich auf dieses "Angebot" ohne nachzudenken eingegangen bin.

6.7 "Wo ist Armin?"

Ein Dienstag im November 1995

Frau K. und ich sehen Armin aus dem Bus aussteigen, aber beim Läuten ist Armin immer noch nicht in der Klasse. Wo ist er?

Armin ist bereits seit heute in der anderen Klasse bei den größeren Kindern. Ich bin sehr verwundert, dachte ich doch, das "Angebot" würde erst ab nächster Woche gelten. Außerdem wollte ich mit Armin darüber reden und ihn fragen, ob er sich eine andere Klasse anschauen wolle.

Frau L. erklärt meiner Kollegin und mir, daß sie Armin gleich aus dem Bus mit in ihre Klasse genommen hätte, damit er nicht mitbekommt, daß er ab heute in einer neuen Klasse sei.

Nach dem Unterricht ist es Frau K. und mir ein Bedürfnis, mit dem Direktor und mit Frau L. ein klärendes Gespräch über Armin zu führen.

Leider funktioniert die Kommunikation nicht sehr gut; meine Kollegin und ich werden das Gefühl nicht los, daß es bei dem "Angebot" eher darum geht, zu sehen, wer "es mit Armin besser kann", bei wem er sich weniger traut, und nicht um den Jungen selbst.

Nach zwei Wochen stellt sich heraus, daß es Armin egal ist, ob er Große oder Kleine vor sich hat, wenn er seine Aggressionsausbrüche hat, geht er sowohl auf die einen, als auch auf die anderen los.

Daher schickt man Armin wieder zu uns in die Klasse.

6.8 "Es geht ihm nicht gut!"

Ein Freitag im November 1995

Armin scheint es immer schlechter zu gehen.

Er rennt orientierungslos in der Klasse umher. Manchmal lacht er schallend laut, dann beginnt er plötzlich für ein paar Sekunden zu heulen, um dann wieder in hysterisches Lachen zu verfallen.

Vor seinen Aggressionsausbrüchen ist nichts und niemand sicher:

Marianne trägt heute ein Würgemal am Hals davon.

Alle Pflanzen in der Klasse sind bis auf das letzte Blatt abgerupft.

Es hängt kein Bild mehr an den Wänden. In der vorletzten Stunde zieht sich Armin plötzlich aus und entleert seine Blase mitten in die Klasse.

In der letzten Stunde kotet er sich ein.

Der Schulbus nimmt Armin für ein paar Tage nicht mehr mit, da er auch dort die Sitzbank "naßgemacht" hat.

6.9 "Wir brauchen Hilfe!"

Im Dezember 1995

Da Frau K. und ich dem Verhalten Armins nun total hilflos und überfordert gegenüberstehen, wenden wir uns an die Kinderpsychiatrie, um dort für Armin und für uns Hilfe zu holen.

Armins Eltern sind sofort mit unserem Vorschlag einverstanden.

Bei dem ersten Termin mit Dr. I. stellt sich heraus, daß Armin schon vor ein paar Jahren für eine längerdauernde Untersuchung im Landeskrankenhaus war; diese Untersuchung wurde jedoch auf Wunsch der Schwester abgebrochen.

Nun sollten für Februar drei Wochen vereinbart werden, in denen Armin im Krankenhaus für Beobachtungen und Untersuchungen bleiben würde. Ein passender Termin wird vereinbart.

Für die Zeit bis dahin bekommt Armin ein Medikament (ein Neuroleptikum namens Truxal) verschrieben, welches sich positiv auf seinen Schlaf auswirken und angsthemmend wirken soll. Jeden Morgen und Abend sollen ihm die Eltern davon einen Löffel voll geben.

Wir hoffen, daß Armin endlich wieder einmal schlafen kann und sich dadurch ein wenig erholt.

In den Tagen bis zu den Weihnachtsferien können wir jedoch keine Besserung bei Armin feststellen.

Armin kommt nach wie vor aggressiv und unausgeglichen in die Schule, die Aggressionsausbrüche nehmen nicht ab.

Später erzählt uns Armins Schwester, daß sie auf Anraten von Armins "Therapeuten" des Therapiezentrums das Medikament dem Jungen nicht mehr gegeben hätten.

Laut den Erzählungen der Schwester hat der "Therapeut" den Eltern mitgeteilt, daß es unverantwortlich wäre, einem Kind Drogen zu verabreichen. Die Eltern waren darauf hin sehr verunsichert.

6.10 "Was ist denn nur los?"

Im Jänner 1996

Armins Zustand hat sich über die Ferien weiterhin verschlechtert.

Manchmal habe ich das Gefühl, den Zugang zu ihm verloren zu haben.

Auch ich habe begonnen, mich ein wenig von Armin zurückzuziehen, zum Selbstschutz und um mit meinen Kräften besser haushalten zu können.

An manchen Tagen können wir in der Klasse keinen Unterricht mehr halten (Dokument 13, Internetversion-nicht verfügbar).

Wir sind nur mehr damit beschäftigt, die Mitschüler vor Armin zu schützen, denn die Folgen seiner Aggressionsausbrüche könnten mittlerweile verheerend ausgehen.

Immer wieder versucht er die Kinder ganz massiv zu attackieren.

Ich bin mir nicht sicher, ob Armin beim Einschlagen auf ein Kind noch irgendwann innehalten könnte.

Der Gedanke, ein Mitschüler könnte von ihm schwer verletzt werden, beunruhigt mich sehr.

Trotz unserer Vorsicht passiert es immer wieder, daß Armin ein Kind schlägt, beißt und zwickt. Immer häufiger versucht er die Kinder zu erwischen und ihnen durch Würgen die Luft abzudrehen.

Immer wieder zieht sich Armin in der Klasse splitternackt aus und verrichtet dort sein "Geschäft".

(Armin besuchte sonst immer allein die Toilette).

6.11 "Ich bin sprachlos"

Ein Donnerstag im Jänner 1996

Armin stürmt schreiend in das Schulhaus. Er zieht seine Schuhe aus und verschwindet in der Klasse.

Er wirft die Tische um, beißt in die Vorhänge und zerreißt sie.

Er macht einen sehr verwirrten Eindruck auf uns, lacht und schreit und weint fast gleichzeitig.

Armin muß auf die Toilette. Ich gehe mit ihm hinaus, respektiere aber, daß er mir deutet, ich solle draußen bleiben.

Als das hysterische Lachen immer lauter wird, gehe ich nachschauen und finde Armin splitternackt in der Klomuschel stehend vor.

Seine Hände sind voller Kot, die Wände und Türen beschmiert, Armins Kleidung liegt am Boden und ist voll Urin.

Es bedrückt mich, Armin so außer sich in der Toilette stehen zu sehen.

Ich hole Frau K. zu Hilfe. Da Armin wie erstarrt im WC steht und schrill lacht, sage ich zu ihm: "Komm, Armin, steig jetzt heraus." Meine Kollegin und ich helfen Armin aus der Toilette und gehen mit ihm zum Waschbecken, damit er sich die Hände waschen kann. Ich hole inzwischen seine Turnsachen aus der Klasse, damit er sich frisch einkleiden kann.

Als ich zurückkomme, hat Armin zu lachen aufgehört. Er läßt das Anziehen der Turnsachen einfach mit sich geschehen. Ich habe das Gefühl, daß sich Armin plötzlich zurückzieht, sein Blick wird leer, er scheint uns nicht mehr wahrzunehmen und er gibt keinen Ton mehr von sich. Ich empfinde Mitleid mit Armin, als er so stumm und teilnahmslos vor uns steht.

Wir nehmen Armin mit in die Klasse. Er setzt sich auf seinen Platz.

Noch während ich mir über Armins Handlungen Gedanken mache, die mir ein Ausdruck tiefster Verzweiflung zu sein scheinen, reißt er sich abermals die Kleidung vom Leib, springt auf den Tisch und beginnt nackt eine Art von Tanz. Er kreischt vor Lachen, bis ihm die Tränen die Wangen herunterkollern. Zwischendurch versucht er immer wieder, eines der Kinder zu treten oder zu zwicken.

Der Direktor der Schule kommt plötzlich in die Klasse.

Mit einem "Was ist denn hier los?" holt er Armin an der Hand vom Tisch herunter und zieht ihm das T-Shirt über. Armin lacht wieder laut und schrill.

Der Schulleiter fischt sich das alte Tier-Bilderlotto aus dem Regal und zieht Armin, noch immer an der Hand haltend, in die letzte Bank.

Die beiden beginnen nun wortlos das Lotto zu legen, der Direktor zeigt eine Karte, Armin, nur mit dem T-Shirt bekleidet, muß die Karte auf den richtigen Spielplan legen. Er lacht noch immer schrill und schreit zwischendurch ganz laut "annemanne ..."

Es macht mich sehr betroffen zu sehen, daß nicht einmal ein Versuch gemacht wird, Armins Verhalten zu verstehen. Sein Ausbruch an Gefühlen wird durch ein Legespiel kommentarlos übergangen. Der Anblick macht mich sehr traurig, ich spüre Resignation in mir aufsteigen und daher gehe ich wortlos aus der Klasse.

6.12 "Da wohnt er nun"

Ende Jänner 1996

Armin ist nun seit einer Woche in der Kinderpsychiatrie des Landeskrankenhauses.

Frau K. und ich besuchen ihn.

Als Armin uns erblickt, saust er zuerst sofort davon und ist auch schon in einem der Zimmer verschwunden. Wir warten im Gemeinschaftsraum.

Nach kurzer Zeit kommt er zur Tür herein, ein wenig schüchtern, das Gesicht hinter einer Hand versteckt. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. Wir haben Armin Kekse, die er im Nu verschlingt, und Photos von seinen Mitschülern mitgebracht. Voller Freude begutachtet er jedes Bild, stellt Fragen durch Gesten, ruft, "aua, aua", als er Tanja sieht, und hört unseren Geschichten über die Klasse zu.

Ich freue mich, Armin zu sehen, und ich habe den Eindruck, daß auch er sich über unseren Besuch freut.

Später zeigt er uns noch sein Bett und erzählt durch Gesten, was er in seinem Zimmer alles angestellt hat. Diesem Blumenstock hätte er die Blätter abgerissen, das Handtuch hätte er in zwei Teile zerrissen, den Vorhängen hätte er die Ecken abgebissen usw.

Bevor wir gehen, lesen wir ihm noch eine Geschichte aus einem Bilderbuch vor. Armin hört aufmerksam zu.

Beim Gehen schenkt uns Armin keine Aufmerksamkeit mehr.

6.13 "Das Gespräch"

Im Februar 1996

Ein Gespräch mit Armins Arzt findet statt (Dokument 14).

"Fr. Hölzl erzählt, XXX hätte in der Schule Kinder attackiert. Die Lehrer waren überfordert. Jeder Tag war schwierig. Hat hysterisch gelacht und geschrien. Total unberechenbares Verhalten. Mit XXX besteht keine Voraussetzung für eine Zusammenarbeit. Fr. Hölzl wird A/März Dr. XXX anrufen.

Dr. XXX erklärt, daß XXX weiterhin auf der XXX bleibt. Es wird beobachtet, wie er auf eine eventuelle größere Ki-Gruppe reagiert. Im März wird beim Gespräch mit Fam. XXX abgeklärt, welche Entscheidung über den weiteren Verlauf von XXX Aufenthalt getroffen wird. (Ev. Schulaufnahme kommt in Frage)." (Internet-Version, Original: Seite 131)

Das Gespräch wird schriftlich protokolliert. Meine Beschreibungen von Armin werden in diesem Dokument zusammengefaßt. Der Arzt erklärt, daß Armin auf der kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung des Krankenhauses beobachtet werden wird.

6.14 "Die letzten Tage an unserer Schule"

Im März 1996

Armin kommt noch einmal für zwei Wochen zu uns in die Klasse. Er wohnt jedoch noch immer im Krankenhaus.

Armin bekommt das Medikament nun regelmäßig; er ist daher etwas ruhiger geworden, jedoch nicht apathisch oder "niedergedämpft".

Da Armins Eltern den Kontakt zu ihm endgültig abgebrochen haben, ist nun die kinderpsychiatrische Abteilung des Landeskrankenhauses für Armin erziehungsberechtigt.

Im Landeskrankenhaus ist eine Schule angeschlossen. Um Armin den täglichen Schulweg mit einem "Extra-Taxi" vom Krankenhaus zu unserer Schule und zurück zu ersparen und um ihn und die Wirkung der Medikamente besser beobachten zu können, soll er von nun an dort für 2 Stunden am Tag von einer zusätzlichen Lehrperson unterrichtet werden.

Armin kommt in eine Klasse mit vier Kindern, die in der gleichen Station wie Armin sind.

Ab Mitte März ist Armin nicht mehr an unserer Schule.

6.15 "Gibt es einen Platz für Armin?"

Die folgenden Monate

Armin wohnt nun seit einigen Monaten im Krankenhaus.

Ich besuche ihn manchmal. Armin setzt sich gerne zu mir her.

Ich erzähle ihm von der Schule, von den Kindern, Ausflügen, Lehrausgängen und Geburtstagsfeiern.

Armin malt nebenbei im Malbuch. Ich weiß nicht, ob er mir zuhört, ich vermute es aber, darum erzähle ich weiter.

Armin "droht" mir auf einmal mit einem Lächeln im Gesicht, das Malbuch zu zerreißen; er setzt an und ruft laut "tsn, tsn". Ich fasse es als Spaß auf und muß lachen.

Armin grinst und legt das Malbuch wieder auf den Tisch zurück.

Im Rahmen meines Besuches fällt es mir leicht, mich mit Armin zu unterhalten:

Er attackiert mich bei keinem meiner Besuche; während ich mit ihm rede, muß ich mich nicht um andere Kinder kümmern; ich kann gelassen dasitzen und ihm zuhören, ohne den Druck zu verspüren, Mitschüler vor ihm schützen zu müssen, und es ist mir egal, wenn er die Pflanze im Zimmer abrupft.

Die Umstände allein lassen eine oft amüsante Unterhaltung zu.

6.16 "Auf Wiedersehen, Armin!"

Im Juli 1996

Am letzten Schultag vor den Sommerferien spreche ich noch einmal mit dem Arzt von Armin.

Der Arzt meint, Armin wäre medikamentös sehr schwer einzustellen: Die Medikamente, die bis jetzt ausprobiert wurden, hätten bei Armin zu vielen Nebenwirkungen geführt und könnten daher nicht mehr verabreicht werden.

In der Phase, in der die Medikamente abgesetzt werden, reagiere Armin jedoch wieder äußerst aggressiv und zerstörerisch.

Man müsse weitere Medikationen und Dosen ausprobieren.

Ich besuche Armin auf der kinderpsychiatrischen Station des Krankenhauses. Ich sage ihm, daß ich ihn nun eine Zeit lang nicht mehr besuchen käme, weil ich in den Ferien nicht da wäre.

Armin nimmt sein Bilderbuch und zeigt auf dieses und jenes Bild und möchte, daß ich die Bilder benenne. Ich bin mir nicht sicher, ob er mir zugehört hat.

Es fällt mir schwer, von ihm Abschied zu nehmen.

Ich sage ihm, daß ich sehr traurig bin, ihn hier allein zu lassen.

Armin steht nur da und betrachtet ganz genau seine Handinnenflächen.

Ich umarme Armin und verlasse das Krankenhaus.

Das ungute Gefühl, Armin hierher gebracht zu haben und zu sehen, daß auch das keine Hilfe für ihn ist, läßt mich nicht mehr los.

Ich sehe Armin zum letzten Mal.

6.17. Nachtrag

In den nächsten zwei Monaten versuchte das Team der kinderpsychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses, für Armin einen Platz in einem Heim oder Internat zu finden.

Von den meisten Heimen wurde er gar nicht erst aufgenommen, in manchen Internaten blieb er nur für eine kurze Probezeit, bevor er abgelehnt wurde.

Anfang September konnte ein Heim in einem anderen Bundesland gefunden werden, welches sich bereit erklärte, Armin aufzunehmen.

Zwei Monate später habe ich gehört, daß Armin nun dort bleiben könne und daß es ihm in dem Internat für autistische Kinder gut gehe.

7. Abschließende Gedanken

Diese schriftliche Arbeit hat mir sehr geholfen, Armins Fallgeschichte für mich persönlich aufzuarbeiten. Viele neue Einsichten und Erfahrungen habe ich erst während des Schreibens dazugewonnen.

Nach meinen mehrjährigen praktischen Erfahrungen in der Arbeit mit behinderten Menschen, der Zusammenarbeit mit Institutionen und meiner Reflexion der pädagogischen Arbeit mit Menschen, die als Autisten bezeichnet werden, stelle ich fest:

Armins Verhalten war von der gewünschten Norm stark abweichend. Die Personen, die für den Jungen die Zuständigkeit übernehmen sollten, waren überfordert und hilflos.

Die für Kinder und Lehrpersonen belastenden Situationen in der Schule wurden nicht als solche anerkannt.

Die "Schule für Geistigbehinderte" kann dem gesellschaftlichen Druck, das Problem im Umgang mit geistig behinderten oder autistischen Menschen" einfach verschwinden zu lassen, nicht standhalten.

Trotz verschiedener Versuche konnten für Armin keine passenden Alternativen zu dieser Schule angeboten werden.

Die medizinische Unterstützung konnte meiner Ansicht nach Armins Situation nicht wirklich verbessern.

Schulische und gesellschaftliche Integration kann nur dann gelingen, wenn die MitarbeiterInnen aller beteiligten Institutionen besser ausgebildet werden und wenn sie die Möglichkeit einer Supervision zur Reflexion ihrer Arbeit in Anspruch nehmen können.

Es kann nicht sein, daß sich nur drei Institutionen (Schule, Krankenhaus, Therapiestätte) für einen Jungen wie Armin verantwortlich fühlen. Es ist eine breitere gesellschaftliche Basis notwendig, wenn verhindert werden soll, daß behinderte Menschen letztendlich ohne Unterstützung überleben müssen.

Echte Solidarität mit Menschen mit geistiger Behinderung setzt sich nur schwer durch.

Ich schließe mich den Worten Fragners an, der in der Entwicklung

von "Zwischen-Räumen" eine Chance sieht:

"Es gilt wieder Raum zu schaffen. Lebensräume zwischen behinderten und nichtbehinderten, zwischen alten und jungen, zwischen kranken und gesunden Menschen. Diese Lebensräume sollen dem einzelnen behinderten Menschen - unabhängig von der Schwere der Behinderung - die Möglichkeit eröffnen, frei, selbstgestaltend und mitbestimmend zu leben und sich zu entfalten." (Fragner, J. 1998, S. 106)

X Schlußbetrachtungen - Was wäre, wenn .Phantasien über ein "happy end"

Ich denke noch oft an Armin.

Seine Geschichte macht mich sehr traurig.

Ich mache mir Gedanken darüber, ob die Geschichte für Armin wohl besser ausgegangen wäre, wenn ...

Ich denke auch daran, ob sich für Armin jetzt noch was ändern könnte, wenn ...

Diese "wenn ..." nenne ich nun Phantasien.

Und diese möchte ich nun spielen lassen. Ich möchte mir Möglichkeiten ausdenken, die für Armin bessere Bedingungen hätten schaffen können, und mir vielleicht geholfen hätten, ihn besser zu verstehen.

Vielleicht gäbe es auch jetzt noch Möglichkeiten, um ihm den Verbleib im Internat oder, noch schlimmer, das Einweisen in eine geschlossene Anstalt , wie man mir vorausgesagt hatte, zu ersparen.

Phantasie 1

Was wäre, wenn ... Armin eine Pflegefamilie gefunden hätte, die ihn gern bei sich aufgenommen hätte?

Obwohl man mir gesagt hat, daß es eine Utopie ist, habe ich mir oft vorgestellt, eine geeignete Familie für Armin zu finden, die ihn gerne aufnimmt. Armin hätte einen Platz, an dem er Ruhe und Geborgenheit findet, gut brauchen können.Sein Tagesablauf wäre dadurch geregelter gewesen, am Morgen wäre er zur Schule gegangen, zu Mittag nach Hause, nach dem Essen hätte er geruht, gespielt oder vielleicht mit einem Familienmitglied etwas unternommen.

Das Gefühl, angenommen zu sein, so wie man ist, wäre eine große Bereicherung für ihn gewesen. Vielleicht hätte ihm dieses neue Gefühl geholfen, die Aggressionen zu mindern.

Phantasie 2

Was wäre, wenn ... Armin eine adäquate Therapie erhalten hätte?

Ich spreche hier nicht von einer Verhaltens-, Festhalte- oder Wahrnehmungstherapie, sondern von einer psychoanalytischen Einzeltherapie, die die Äußerungen behinderter Menschen miteinbezieht und die es zuläßt, diese in der lebensgeschichtlichen Bedeutung aufzuarbeiten.

Armins Mutter wäre in die Therapie involviert worden. Vielleicht hätte sich ihr Verhältnis zu ihrem behinderten Kind gebessert.

Vielleicht hätte sie es mit der Zeit wieder annehmen können.

Vielleicht wären dann auch Armins aggressive Handlungen seiner Mutter gegenüber seltener geworden?

Eine gute Beziehung zu seiner Mutter wäre für Armin sicher von großer Bedeutung gewesen.

Phantasie 3

Was wäre, wenn ... ich Fallsupervisionen während der Schulzeit in Anspruch hätte nehmen können?

Es hätte mir rückblickend sicher sehr gut getan, mit jemandem Außenstehenden über Armin zu reden. Im Rahmen der Fallsupervision hätte ich offen über meine Ängste, Unsicherheiten, Aggressionen dem Kind gegenüber sprechen können. Ich hätte mir kein "Patentrezept" für den Umgang mit Armin erwartet, sondern einfach nur Verständnis für uns beide.

Ich glaube, ich hätte durch das Besprechen von verschiedenen Situationen gelernt, Armin in mancher Hinsicht besser zu verstehen und aufgrund dieses Verständnisses auf gewisse Äußerungen anders zu reagieren. Wahrscheinlich hätte mir die Fallbesprechung wieder neuen Mut gegeben, im Umgang mit Armin und mit meinen Schwächen, ohne dadurch zum "schwachen Lehrer" abgestempelt zu werden.

Phantasie 4

Was wäre wenn ... Armin in einer anderen Schule gewesen wäre?

Ich glaube zwar nicht, daß es Armin in einer Integrationsklasse ohne Hilfe besser ergangen wäre als in der Klasse, die er besuchte.

Ich glaube aber, daß er sich in einem kleineren Klassenverband einer "ganz normalen" Schule wohler gefühlt hätte.

Das Chaos in der Klasse und der ständig ungeregelte Ablauf des Vormittages wäre ihm erspart geblieben.

Er hätte mit einer begleitenden Hilfe (vielleicht Therapeutin?) am Unterricht teilgenommen und wäre mit den gleichaltrigen Mitschülern in Kontakt getreten.

Vielleicht hätte er einen gleichaltrigen Freund gefunden?

Phantasie 5

Was wäre, wenn ... ich mir während des Unterrichts die Freiheit genommen hätte, mit Armin täglich für Stunden in einen Raum zu gehen und einfach nur da zu sein?

Ich hätte mir einen Raum gesucht, in dem Armin seiner Wut und seinen Aggressionen freien Lauf hätte lassen können.

Ich hätte mich in den gleichen Raum gesetzt und Zeitung oder ein Buch gelesen.

Ich wäre also für Armin einfach nur da gewesen, ohne den Zwang zu haben, ständig mit ihm in Beziehung treten zu müssen.

In diesem Rahmen wäre unsere Beziehung sicher streßfreier gewesen, Armin hätte sich aussuchen können, wann er mit mir Kontakt aufnehmen möchte, und wenn dies erst nach Stunden geschehen wäre, hätte es auch gepaßt.

Ich glaube, daß dadurch viel an Spannung, die zwischen uns stand, verloren gegangen wäre. Ich hätte keine Rücksicht darauf genommen, für Stunden bezahlt zu bekommen, in denen man nichts "Schulisches" leistet.

Phantasie 6

Was wäre, wenn ... Armin nun einen Platz in einer integrierten Wohngemeinschaft findet?

Vielleicht schafft es Armin, in eine Wohngemeinschaft integriert zu werden. Er hätte ein Zuhause, in das er sich immer zurückziehen könnte.

Da Armin immer gerne beim Zubereiten von Speisen mitgeholfen hat und Stärken beim Schneiden von Gemüse, Obst oder anderen Lebensmitteln gezeigt hat, könnte er z.B. als Küchengehilfe einen Beitrag für ein angenehmes Zusammenleben in der Wohngemeinschaft

liefern.

Es würde ihm vielleicht in der Wohneinheit so gut gehen, daß er dort bleiben könnte.

Ich wünschte, Phantasie Nr. 6 könnte für Armin in Erfüllung gehen.

Ich hoffe, daß die Realität für ihn nicht so ausgeht, wie man es mir im Krankenhaus vorausgesagt hat - nämlich, daß Armin eines Tages in eine geschlossene Anstalt kommen wird.

XI Resümee

Seit der ersten Beschreibung des kindlichen Autismus gibt es eine Vielzahl von Forschern und Wissenschaftlern, von PädagogInnen und PsychologInnen, die sich dem "Phänomen" Autismus angenommen haben.

Beim "Durcharbeiten" der Literatur fiel mir auf, daß die einzelnen Beschreibungen des autistischen Erscheinungsbildes ähnlich sind, die Theorien zur Ursachenklärung jedoch weit auseinanderklaffen.

Es stellte sich heraus, daß Forschungsarbeiten bezüglich der therapeutischen und schulischen Maßnahmen sehr stark unter den unterschiedlichen Meinungen der einzelnen Wissenschaftler leiden.

Wegen der Ähnlichkeit zu anderen Zustandsbildern aufgrund gemeinsamer Symptome und der Tatsache, daß es kein typisches Symptom für Autismus gibt, besteht die Schwierigkeit, Autismus zu diagnostizieren.

Die Absicht der Integrationspädagogik ist es, adäquate Hilfe und Förderung anzubieten unter der Berücksichtigung der sozialen Integration.

Die Integrationspädagogik orientiert sich an Selbstbestimmung und Mündigkeit des Menschen und lehnt daher Isolation in Spezialschulen ab.

Ein in meiner Arbeit gesetzter Schwerpunkt war die Beschreibung und Reflexion von Situationen, die ich mit Armin, einem autistischen Schüler, während fünf Jahren in einer Sonderschule erlebt habe. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Autismus, die Suche nach Zusammenhängen zwischen seinen Reaktionen und die seines Umfeldes sowie eine Fallsupervision nach diesen fünf Jahren halfen mir bei der Aufarbeitung dieses Fallbeispiels.

Obwohl es mir manchmal schwer fiel, Hintergründe für bestimmte Verhaltensweisen Armins zu finden und diese zu verstehen, konnte ich viel an neuen Erfahrungen dazulernen. Die Arbeit mit Armin sowie deren schriftliche Aufarbeitung stellten für mich eine große persönliche Bereicherung dar und ich glaube, daß ich in meiner zukünftigen Arbeit mit behinderten Menschen von diesen Erfahrungen profitieren kann.

Da seit der Mitte unseres Jahrhunderts das Interesse am Autismus gestiegen ist, vermute ich, daß Autismus nicht nur mehr ein Thema der Medizin, der Psychologie oder Pädagogik ist, sondern sich als gesellschaftliches Problem entpuppen könnte. Viele Verhaltensweisen von Menschen in unserer Gesellschaft ähneln den Symptomen des Autismus, wie z.B. die Isolation des einzelnen in der Masse, fehlender Blickkontakt, Beziehungsarmut oder der Versuch der Gleicherhaltung der Umwelt. Um eine lebenswerte Umgebung für autistische Kinder zu schaffen, sollten wir uns daher nicht nur mit dem Problem Autismus in medizinischer, psychologischer und pädagogischer Hinsicht befassen, sondern auch mit zentralen gesellschaftlichen Problemen.

Quelle:

Chista Hölzl: Autisten in der Sonderschule. Eine Fallgeschichte. Diplomarbeit, Innsbruck Juni 1999; S. 73 - 136, 142 - 148

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 05.10.2005

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