Psychosoziale Aspekte des Cochlea-Implantats

Gedanken gegen den Trend

Themenbereiche: Rezension
Textsorte: Rezension
Copyright: © Manfred Hintermair 1996

Buchinformationen:

AutorIn/Hrsg.: Manfred Hintermair

Titel: Psychosoziale Aspekte des Cochlea-Implantats - Gedanken gegen den Trend

Infos: Heidelberg: Julius Groos Verlag, 1996, 36,00 DM

Kurzbeschreibung:

Buchbesprechung von Christiane Lutz, Heidelberg

Das Cochlea-Implantat (CI), sehr vereinfacht gesagt eine Innenohr-Prothese, wird in Deutschland seit einigen Jahren immer mehr Gehörlosen empfohlen, um deren Hörfähigkeit zu verbessern. Dieses Produkt des medizinisch-technischen Fortschritts jüngster Vergangenheit wird bei verschiedenen Personengruppen sehr unterschiedlich aufgenommen. Die Reaktionen und Einstellungen reichen von Euphorie (vor allem bei Medizinern und Sonderpädagogen) bis zur völligen Ablehnung (vor allem bei erwachsenen Gehörlosen).

HINTERMAIR setzt sich aus psychologisch-sozialwissenschaftlicher Perspektive mit diesem Produkt, seinen Implikationen und seinem Anwendungsbereich intensiv auseinander. Sein Anliegen ist eine kritisch-konstruktive Reflexion, in der er seinem eigenen Standpunkt durchaus Ausdruck verleiht.

In einem ersten Schritt ordnet HINTERMAIR - unter Bezugnahme vor allem auf Arbeiten von Neil Postman und Beck-Gernsheim - das CI in die Kategorie neuer Technologien und deren Grundsatzdiskussion ein. Allgemeine Ambivalenzen der Durchsetzung und des Gebrauchs neuer Technologien gelten für ihn auch in Bezug auf das CI. Technik ist nicht "neutral". Sie hat prägenden Einfluß auf die sozialen Beziehungen, die psychischen Gewohnheiten und Denkweisen sowie das moralische Empfinden eines Menschen. Jede Technik hat "ihre Philosophie". HINTERMAIR gibt einige Denkanstöße, sich dieser am konkreten Beispiel CI bewußt zu werden.

Sein Buch gliedert sich in vier Kapitel: Zunächst fragt er nach dem Verhältnis von Psychologie und der Anwendung der medizinisch-technischen Neuentwicklung. Der Autor konstatiert ein Hinterherhinken der Psychologie hinter der bereits im wesentlichen ohne sie gelaufenen Entwicklung des CI und dessen Einsatz bei hörgeschädigten Kindern. Seiner Einschätzung nach verbleibt der Psychologie die Funktion von "Zulieferdiensten" (Erstellen von Gutachten vor dem operativen Eingriff) und "Lückenbüßern" (Einspringen bei Schwierigkeiten in der Rehabilitationsphase). HINTERMAIR plädiert dagegen für eine deutlich konsequentere und umfassendere Mitsprache und Einmischung von Psychologen in den Anwendungsbereich dieser Technik. Die Spezifik psychologischer Mitarbeit sollte sich nicht darin ausdrücken, möglichst schnell und reibungslos die technologische Erneuerung an den Mann bzw. an das Kind zu bringen, sondern sollte bei der Entscheidungsfindung wie auch bei der Arbeit mit implantierten Kindern deren jeweilige Situation und Interessen in umfassenderer Weise Geltung verschaffen.

(Daß dies leider durchaus nicht selbstverständlich ist, wird m.E. deutlich in solchen Aussagen wie auch der von HINTERMAIR zitierten: "... wird entschieden, ob das im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung vorgestellte Kind für eine CI-Versorgung geeignet ist". - Das Kind muß also geeignet sein für die Technik! Sollte die Frage nicht stets umgekehrt lauten: Ist die Technik evtl. geeignet für das Kind?)

Um das CI innerhalb des Arbeitsfeldes der Hörgeschädigtenpädagogik und -psychologie überhaupt angemessen einordnen zu können, ist für HINTERMAIR eine allgemeine, übergeordnete Betrachtung des Verhältnisses von Mensch und Technik notwendig. Dem folgend, beinhaltet sein nächstes Kapitel zentrale Aspekte hierzu. Noch einmal detaillierter geht er auf die Ambivalenzen des technologischen Fortschritts ein, mit dem nicht nur Faszination und Verheißungen verbunden sind, sondern ebenso Risiken und Gefahrenpotentiale. Zunehmende wissenschaftlich-technische Rationalität, die Entschlüsselung aller Geheimnisse der Welt, hier des menschlichen Körpers, machen den Menschen als Subjekt immer weniger erkennbar und engen seine individuellen Entscheidungsspielräume ein. Die technische Verfügbarkeit über Leben berührt auch das Menschenbild: Ziel ist der maßgeschneiderte, perfekte Mensch. Sogenannte "Negativmerkmale" einer Person gelten als beseitigbar, minimierbar oder vermeidbar. Solche Auffassungen weist HINTERMAIR an Aussagen einiger Mediziner und Sonderpädagogen nach. Nach seinen kritischen Einschätzungen zum Verhältnis Mensch-Technik formuliert HINTERMAIR abschließend in diesem Kapitel einige Ideen zum konstruktiven Umgang mit neuen Technologien, den er grundsätzlich für offen und steuerbar ansieht. Dazu greift er die Idee einer "Ethik der Wissenschaft" (vgl. Mittelstrass) auf, in der die persönliche Verantwortung für das eigene wissenschaftliche Handeln und der Dialog über die Auswirkungen dieses Handelns gesucht und gefordert wird.

Nach seinen grundsätzlichen Überlegungen läßt HINTERMAIR die Personengruppen, die unmittelbar mit der CI-Problematik befaßt sind, zu Wort kommen: Fachleute (Mediziner und Sonderpädagogen), Eltern hörgeschädigter Kinder und erwachsene Gehörlose.

Vertreter der Medizin und der Hörgeschädigtenpädagogik sind vielfach davon überzeugt, daß das "Lebensschicksal" eines Menschen vom Grad der Hör- und Sprechfähigkeit abhängt. Durch ihr Engagement (und dem der Eltern) seien diese beeinflußbar und verbesserungsfähig. Sehr kritisch schätzt HINTERMAIR solche Konzepte der Fachleute ein, die ausschließlich die Hörgerichtetheit und Lautsprache als einzige Kommunikationsmodalität implantierter Kinder zulassen wollen.

HINTERMAIR mahnt nachdrücklich zu kritischer Reflexion eigener Machbarkeitsvorstellungen und zu konsequenter Besinnung auf das Kind und dessen spezifische Situation. Im Verhältnis gegenüber den Eltern warnt er vor einem Expertentum, das die Eltern zu "Handlangern" der von den Fachleuten ausgewiesenen "richtigen Wege" der Förderung degradiert. Oftmals sind die Eltern hörgeschädigter Kinder für die Ratschläge der Fachleute sehr offen und befolgen diese bereitwillig, da sie stark verunsichert sind und sich einen Zugewinn an "Normalität ihres Kindes" erhoffen.

Die kritische bis ablehnende Haltung erwachsener Gehörloser zum CI erwächst aus der Sorge um die Zerstörung der Gehörlosengemeinschaft und -kultur, aus einer Infragestellung der Grundannahme "besseres Hören bedeute bessere Lebensqualität" sowie der Frage nach der ethischen Verantwortbarkeit einer Operation an gesunden Kindern. Diese Sichtweisen wirken auf viele Hörende befremdlich. HINTERMAIR versucht nicht, mit Gegenargumenten aufzuwarten, sondern diese Überlegungen im Zusammenhang des sich heute stärker entwickelnden Bewußtseins Gehörloser über ihre eigene sprachliche Kultur und ihren Minderheitenstatus in unserer Gesellschaft nachvollziehbar und verstehbar zu machen. Dazu arbeitet er die unterschiedlichen Bezugssysteme und auch Lebensentwürfe Gehörloser heraus. Der Autor selbst spricht sich für eine wechselseitige Akzeptanz und kulturelle Pluralität aus.

Der vierte Schwerpunkt seines Buches umfaßt Zielperspektiven und alternative Zugangsmöglichkeiten zu den oben angedeuteten Umgangsweisen mit der CI-Versorgung und der Begleitung implantierter Hörgeschädigter. Hier interessieren den Autor unter psychologischem Blickwinkel vor allem Fragen der Identitätsbildung betroffener Kinder und Jugendlicher. Er skizziert einige identitätsrelevante Aspekte, insbesondere solche der Entwicklungs-, Interaktions- und Persönlichkeitspsychologie. Seine Ausführungen orientieren sich vor allem am Empowermentansatz in der Psychologie.

HINTERMAIR schreibt in seinem Schlußwort: "Neue Technologien bergen neben allen augenscheinlichen Erleichterungen für den Menschen immer auch die Gefahr in sich, Leben zu standardisieren. Das, was die Lebenszufriedenheit hörgeschädigter Menschen ausmacht, muß sich also auch noch aus anderen Maßstäben heraus definieren, als zu ausschließlich und vehement auf den Hoffnungsträger 'Technik' ... zu setzen. Das Cochlea-Implantat löst ... die entscheidenden Probleme der Entwicklung eines hörgeschädigten Kindes nicht." - Diesen Tatbestand hat er in seinen Ausführungen deutlich herausgearbeitet und engagiert, d.h. mit einem eigenen Standpunkt, der als technikkritisch aber nicht apodiktisch technikfeindlich zu bezeichnen ist, vorgetragen.

Was das Buch über den Kreis der Hörgeschädigtenpädagogen und -psychologen hinaus empfehlenswert macht, ist zum einen die Einordnung des Cochlea-Implantats in die allgemeine Technikkritik (wie sie übrigens außer durch Postman und Beck-Gernsheim von Günther Anders und Ivan Illich bekannt ist) und zum anderen die Darstellung des Eindringens medizinisch-technischer Erneuerungen in die konkreten Arbeitsbereiche von Pädagoginnen und Pädagogen sowie Psychologinnen und Psychologen, die unter der Vorherrschaft von Medizin und Technik leicht der Zweit- und Drittrangigkeit verwiesen werden können.

Seine kritische Reflexion bei gleichzeitigem Bemühen um Konstruktivität im Umgang mit dieser nun vorhandenen Technik ist, vor allem angesichts der häufig vorfindlichen Diskussions(un)kultur innerhalb der Hörgeschädigtenpädagogik, anzuerkennen und als gelungen zu bezeichnen.

HINTERMAIR schreibt - übrigens in einem flüssig zu lesenden Sprachstil - aus der Perspektive des Psychologen. Eine vergleichbare kritische Arbeit aus pädagogischem Blickwinkel zum Verhältnis von Pädagogik und CI-Technik steht noch aus. Auch wenn HINTERMAIR keine expliziten Bezüge herstellt zu bildungstheoretischen Überlegungen, so geben seine Hinweise auf die Verknüpfung von Technik, Herrschaft und Selbstbestimmung doch Anregungen zum weiteren Nachdenken.

In verschiedener Hinsicht beinhaltet sein Buch einige spannend zu lesende Gedanken gegen den Trend.

Christiane Lutz, Heidelberg

Quelle:

Rezensiert von Christiane Lutz

Entnommen aus: Behindertenpädagogik 4/99

bidok-Rezensionshinweise

Stand: 14.03.2006

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation