Schöne schwule Welt?

Schönheit, Jugendkult und das Internet. Ein- und Ausschlüsse in der Schwulenszene

AutorIn: Hans Hengelein
Themenbereiche: Geschlechterdifferenz
Textsorte: Vortrag
Releaseinfo: Erschienen in: Inklusive Leidenschaft. Lesben, Schwule, transgeschlechtliche Menschen mit Behinderung. Dokumentation der Fachtagung am 21. und 22. September 2010 im Konferenzzentrum der Heinrich-Böll-Stiftung.http://www.berlin.de/lb/ads/index.html
Copyright: Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung 2010

Abbildungsverzeichnis

    Schöne schwule Welt?

    Zentrale Fragestellungen waren:

    • Welche Kritik gibt es an der jetzigen „schönen schwulen Welt“?

    • Wie soll eine „schöne schwule Welt“ für alle aussehen?

    In der Arbeitsgruppe wurden folgende Empfehlungen formuliert:

    1. Barrierefreiheit nicht nur vor Ort, sondern auch in den Köpfen (Umdenken, Zulassen, Probieren), sowohl gesamtgesellschaftlich, in der Szene als auch bei den Betroffenen!

    2. Schwule Vorbilder, die behindert / beeinträchtigt sind, etablieren und bei Events, zum Beispiel dem Christopher-Street-Day, einbeziehen und sichtbar machen.

    3. Idee eines Preises / Auszeichnung für Barrierefreiheit in der Szene (best-practice).

    Grenzgänger in Krüppel- und Schwulenbewegung

    Abbildung 1. Hans Hengelein

    Fotographie

    1955 bin ich in einem 200-Seelendorf geboren, 1958 erkrankten meine Zwillingsschwester und ich an Polio. Während sie keinerlei Lähmungen behielt, bin ich seitdem auf Hilfsmittel angewiesen. Ich hatte sowohl in meiner Familie (alle Geschwister meiner Mutter waren behindert) als auch in der Schule behinderte Vorbilder. Ich möchte diesen Aspekt schon hier einflechten, weil er später auch zu meinen Forderungen gehören wird.

    Zurück: 1977 habe ich mit anderen Behinderten und Nichtbehinderten in Erlangen die Studenteninitiative Behinderter (STIB) gegründet. Bis zu meinem Weggang 1984 habe ich bei der STIB mitgearbeitet und war jahrelang deren Vorsitzender. Heute sind die aktivsten Gründungsmitglieder (sofern sie nicht gestorben sind) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bzw. Vorstand des „Zentrums selbstbestimmtes Leben“ in Erlangen. Der Verein vertritt die Interessen Behinderter, chronisch Kranker oder anderer Behinderter, um ein selbstbestimmtes Leben in der Gesellschaft durchzusetzen und ihre Lebensbedingungen nachhaltig zu verbessern.

    Seit 1982 bin ich in der Schwulenbewegung aktiv. Zunächst beim Rosa Flieder[1] in Nürnberg, dann zusätzlich in der Schwulengruppe in Erlangen. Ich habe mich über Jahre hinweg in beiden Bewegungen engagiert, ohne dass es zwischen diesen damals jemals eine Verbindung gab. Neudeutsch würden wir dies heute „subkulturelle Parallelgesellschaften“ nennen.

    Während es für mich also ab Mitte der siebziger Jahre wichtig war, mich in Behinderten- und Krüppelgruppen zu organisieren und zu politisieren, blieb die Auseinandersetzung mit meiner Sexualität und insbesondere mit meinem Schwulsein bis Ende der Siebziger ein absolutes Tabu. Ich hatte meine Fantasien vom nicht-behinderten Mann, der sich mir bedingungslos unterordnet und gleichzeitig meine Wut auf die Schwulen, die ich ja nicht kannte, und auf deren vermeintlichen Hang zur Körperlichkeit. Ich hatte Angst, in eine Schwulengruppe zu gehen, weil ich mich als „Polit-Krüppel“, der sich über Jahre in der Behindertenbewegung mit der Scheinwelt intakter Körper kritisch auseinander gesetzt hatte, plötzlich einer Gruppe von Männern zu stellen hatte, die pure Sexualität mit reinen, perfekten Körpern zum politischen Programm erhoben hatte; zwar nicht offen, denn es war die große Zeit der theoretischen Revolution, aber doch zumindest heimlich. Ich hatte Angst, als Schwuler zu leben, denn meine Vorstellung von schwuler Sexualität war, Stricher zu kaufen, um mich dann anschließend von diesen auch noch ausrauben zu lassen. Ich hatte Angst vor unendlicher Einsamkeit, denn, wie gesagt, reden über Sexualität in Behindertengruppen war tabu, nur fortschrittliche Sozialarbeiter und Pädagoginnen und Pädagogen klagten lautstark ein Recht auf Sexualität für Behinderte ein, solange sie nicht selbst zum Objekt der Begierde wurden.

    Für diejenigen unter uns Behinderten, denen es neben dem Absenken von Bordsteinen, dem Einklagen von rollstuhlgerechten Wohnungen und Theatern, materieller Grundsicherung, dem Recht auf Schule und Ausbildung, Mitspracherecht bei städtebaulichen Veränderungen, darüber hinaus auch um die Artikulation ureigenster emotionaler Bedürfnisse ging, begann ein sehr schmerzhafter Prozess. Einige wenige entschieden sich, nur noch mit anderen Behinderten arbeiten und leben zu wollen. Es entstand in den frühen 80-er Jahren der trotzige Begriff des „Krüppels“ und der „Krüppelgruppe“, von denen aus vielerlei Gründen, die vielleicht heute Nachmittag auf dem Podium angesprochen werden können, kaum mehr Impulse übrig geblieben sind.

    Wenn es um Kritik an manchen Verhaltensweisen der Nichtbehinderten ging, mit denen wir zusammenlebten und unsere Bedürfnisse teilten oder die als Zivildienstleistende Dienstleistungen erbringen sollten, haben wir als Menschen mit einer Behinderung zu oft geschwiegen. Eine öffentliche Auseinandersetzung um die vielfältigen Abhängigkeiten von Nichtbehinderten fand kaum statt. Und sie ist auch heute nach wie vor sehr selten, weil sie schlichtweg sehr schmerzhaft ist.

    Nichtsdestotrotz – ich habe mich ab Anfang der achtziger Jahre erst langsam und dann immer selbstbewusster für die schwule nichtbehinderte Welt entschieden. Ich habe in schwulen Projekten gearbeitet, habe kritisiert und eingeklagt – Schwules in erster Linie. Eine öffentliche Auseinandersetzung über schwule Verkehrsformen untereinander gab es nicht. Habe ich mich wirklich einmal geäußert, blieb diese Kritik im Halböffentlichen stecken. Wenn ich daran denke, mit welchem Medienaufwand die Schwulenbewegung in den achtziger Jahren jede Diskriminierung etwa eines nicht genehmigten „schwulen Bücherstandes“ in der Fußgängerzone durch die „heterosexuelle Feindeswelt“ dokumentierte, kommen mir heute noch die Tränen. Die Ausgrenzung in den eigenen Reihen wurde geflissentlich übersehen. „Wer nicht wahrgenommen werden kann, weil er oder sie nicht dabei sein kann, den oder die gibt es nicht – so einfach ist das.“ So aggressiv habe ich mich vor über 20 Jahren in einem Artikel zum Spannungsverhältnis zwischen behinderten schwulen Männern und der schwulen Subkultur geäußert.

    Diese Mechanismen kurz aufzuzeigen, ist mir wichtig. Denn wollen wir berechtigterweise während dieser Tagung Ansätze der UN-Behindertenrechtskonvention, der strukturellen Prävention und der Partizipation schwuler Behinderter zusammenbringen und mit einander verweben, brauchen wir neue Denk- und Handlungsansätze. Und die beginnen wie immer im Kleinen und Persönlichen.

    Schon lange vor dem theoretischen Überbau der strukturellen Prävention oder der Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention in nationales und Landesrecht beschäftigte sich die Deutsche Aids Hilfe mit dem Recht Kranker auf Sexualität. Wir verdanken es hauptsächlich den Aids-Hilfen, dass Themen wie chronische Erkrankung, Behinderung und Sterben auf der einen Seite, Sexualität – und hier insbesondere Homosexualität – auf der anderen Seite in den letzten 25 Jahren nun miteinander verwoben ins öffentliche Bewusstsein gerückt wurden.

    Umgekehrt hat die Selbsthilfebewegung der Menschen mit HIV und Aids ihren Weg in die Behindertenbewegung hier in Deutschland noch nicht gefunden bzw. erst gar nicht angetreten. Sie bleibt nach wie vor ihren Herkunfts-Communities, also vor allem der Schwulengemeinde deutlich enger verbunden. Zwar tragen sehr viele Menschen mit HIV und Aids den Behindertenausweis in der Tasche, die Bezeichnung „behindert“ würden viele nach wie vor von sich weisen, sie ist anscheinend nicht „sexy“ genug.

    Dies ist umso erstaunlicher, als in der Altersgruppe der 18- bis 65-jährigen schwulen Männer überproportional viele über einen Behindertenausweis verfügen. Da viele Kompensationsleistungen der Schwerbehindertenausweise nur im Zusammenhang mit Erwerbstätigkeit gewährleistet werden, liegt die Bearbeitung dieses Themas sicher noch vor uns.

    In Berlin gibt es schätzungsweise 350.000 Menschen mit Behinderungen. Bei etwa 150.000 schwulen Männern reden wir immerhin von 15.000 schwulen Männern mit Behinderungen.

    Zusammenfassend bleibt festzuhalten: Das Recht, eigene Bedürfnisse zu artikulieren, und das Recht auf die eigene Sexualität sind aufgrund der offenen Auseinandersetzung um HIV und Aids heute leichter anzusprechen als vor der Aids-Krise. Es gibt nun mal gehörlose Schwule oder lesbische Rollstuhlfahrerinnen. Als Teil der Community müssen wir lernen, mit den Minderheiten in unseren eigenen Reihen respektvoll umzugehen. Dabei sollten wir bei aller berechtigter Inklusionseuphorie, die besonderen Eigenheiten der Einzelnen und des Einzelnen, die sie / ihn zu etwas ganz Besonderem machen, niemals „aus den Augen verlieren“.

    Mir ist bewusst, dass es keine Kochrezepte eines guten Miteinanders gibt. Und das ist auch gut so. Sollte es mir gelungen sein, einige Denkanstöße gegeben zu haben, um miteinander ins Gespräch zu kommen, voneinander zu lernen, würde ich mich darüber sehr freuen.

    Folgende Punkte sind mir besonders wichtig:

    1. Menschen mit Behinderung sind Menschen mit emotionalen und sexuellen Bedürfnissen. Das Schönheitsideal, sexualisierte Träume unterscheiden sich kaum von denen der Nichtbehinderten. Allerdings werden den heute gesetzten Standards des schwulen Jugendwahns, nicht einmal die Mehrzahl der schwulen Nichtbehinderten gerecht.

    1. Auf die Checkliste jeder Schwulenveranstaltung gehört unabdingbar: Für diejenigen, die am subkulturellen Geschehen, an CSDs oder Straßenfesten teilnehmen wollen, muss eine gleichberechtigte Teilnahme möglich sein. Das lässt sich auch dadurch lösen, dass schwule Behinderte als Experten in eigener Sache von vornherein in die Abläufe einbezogen werden.

    2. „Good Practice“ beispielsweise aus Heimen, Institutionen oder aus der Jugendhilfe sollen anderen Einrichtungen zugänglich gemacht werden.

    3. Wollen wir Diversity wirklich ernst nehmen,

    4. sind Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen selbstverständlich in allen Safer-Sex-Kampagnen zu berücksichtigen und müssen sichtbar sein.

    5. brauchen wir Grenzgänger zwischen den verschiedenen Welten, denn sonst stehen die Inhalte als monolithische Blöcke unverknüpft nebeneinander.

    6. Dass Menschen mit Behinderung, Menschen mit sexuellen Bedürfnissen sind, diese Erkenntnis muss sich in allen drei Phasen der strukturellen Prävention passgenau / adäquat und barrierefrei wiederfinden, seien es Safer-Sex-Regeln, psycho-soziale und medizinische Beratung oder der Zugang zu klinischer Versorgung. Dies gilt auch und gerade für Aids-Hilfen.

    7. Der Anspruch auf gleichberechtigten Zugang zu Verhütungsmitteln, adäquater / passgenauer Beratung sowie nicht diskriminierender medizinischer Versorgung für Menschen mit Behinderung muss immer wieder betont und herausgearbeitet werden.

    8. Für mich war der Besuch von Regelschulen sehr wichtig. Nur so konnte ich mich auf gleicher Augenhöhe mit Nichtbehinderten erproben und auch lernen, mich durchzusetzen.

    9. Wenn ich in den USA zu Vorträgen geladen bin, geht es dabei immer darum, was ich kann und nicht, was ich nicht kann.

    Die momentane Arbeitsteilung, dass die Aids-Hilfen exklusiv für die Behinderten zuständig sind, die Bürgerrechtsbewegung für die Homoehe und die schwulen Medien für die Perpetuierung des Dorian-Gray-Syndroms[2] muss mindestens in Frage gestellt werden dürfen.

    Hans Hengelein

    Schwulenreferent & Aids Koordinator des Niedersächsischen Ministeriums

    für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration30159 Hannover | Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz 2

    Telefon (0511) 120-40 10

    hans.hengelein@ms.niedersachsen.de

    Quelle

    Hans Hengelein: Schöne schwule Welt? Schönheit, Jugendkult und das Internet. Ein- und Ausschlüsse in der Schwulenszene

    Erschienen in: Inklusive Leidenschaft. Lesben, Schwule, transgeschlechtliche Menschen mit Behinderung. Dokumentation der Fachtagung am 21. und 22. September 2010 im Konferenzzentrum der Heinrich-Böll-Stiftung. Original: http://www.berlin.de/imperia/md/content/lb_ads/gglw/veroeffentlichungen/doku25_bf_inklusive_leidenschaft.pdf?download.html

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 04.03.2015



    [1] Der Rosa Flieder war eine bundesweit verbreitete in Nürnberg publizierte Schwulenzeitung, die zwischen 1981 und 1989 erschienen ist. (Der Autor hat mehrere Jahre mitgearbeitet)

    [2] Das Dorian-Gray-Syndrom bezeichnet eine Zeiterscheinung, die durch die seelische Unfähigkeit zu altern und zu reifen, durch Ablehnung der eigenen Gestalt (Dysmorphophobie) und durch exzessiven Gebrauch sogenannter Lifestyle-Angebote der Medizin gekennzeichnet ist. Quelle: www.wikipedia.org vom 27.6.2011

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