Kommunikative Zusammenarbeit zwischen Kindergarten und Elternhaus - zum Wohle unserer Kinder

Themenbereiche: Vorschulischer Bereich
Textsorte: Referat
Releaseinfo: Erschienen in: Mit Kindern auf dem Weg II. Referate zu NÖ Kindergartensymposien, NÖ Schriften 103/Dokumentation, Neulengbach, Oktober 1997, ISBN 3-85006-095-0
Copyright: © Anneliese Hasenörl 1997

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen !

Als globales Ergebnis unserer zweieinhalbtägigen Bemühungen können wir als Postulat die Wichtigkeit der Arbeit mit Eltern für unser weiteres berufliches Handeln mitnehmen. Meine folgenden Ausführungen richten sich ausschließlich an die Kleinkinderpädagogik. Wir haben die Sicht der Eltern gehört, wir haben uns sehr intensiv mit den Kindern beschäftigt und ich denke, daß es ganz wichtig ist, daß wir auch ein wenig meditieren über die Hauptpersonen des Symposions. Sind Sie, hoffe ich, damit einverstanden ? Diese Thematik mit Eltern behandelt, würde andere Schwerpunkte erfordern. Sie merken, ich bin auch ein wenig vorsichtig im Abgrenzen. Nun zu Ihnen:

Eine gezielte Arbeit mit Eltern steht und fällt mit der Persönlichkeit der Kleinkinderpädagogin und deren Engagement für diesen Arbeitsbereich. Das bedeutet, daß die Kindergärtnerin von sich aus aktiv den Stil der Zusammenarbeit prägt und vorgibt. Es gibt Möglichkeiten die Zusammenarbeit zu fördern, ich möchte Ihnen heute einige vorstellen, selbstverständlich ist die Auflistung unvollständig. Sie werden Ihnen zum Teil bekannt vorkommen, das ist natürlich beabsichtigt. Habe ich doch versucht, Anregungen, Erfahrungen, Erfolgsstrategien aber auch Mißerfolgsberichte, die mir Kindergärtnerinnen im Laufe der letzten Jahre anvertraut haben, einzubauen. Ich möchte hier die Gelegenheit wahrnehmen, mich bei diesen Kolleginnen für ihre Ehrlichkeit und ihr Vertrauen herzlich zu bedanken. Sie haben mich auch motiviert, dieses Referat hier zu übernehmen. Bei der Erarbeitung dieses Referats habe ich mich auch auf den Artikel "Elternmitwirkung im Kindergarten" von Elisabeth Sokup, Jänner 1991, gestützt. Ehe ich nun konkret auf die Zusammenarbeit mit Eltern eingehe, möchte ich kurz einige Gedanken aus meiner Sicht vorausstellen - einige Gedanken zu den Themen "Familie im Wandel", "Verschiedene Elterngruppen - Erwartungen der Elterngruppen" und auch einige Überlegungen zum Thema "Erziehungsunsicherheit mancher Eltern". Diese Themenbereiche haben tagtäglich Auswirkungen auf die Arbeit im Kindergarten.

Familie im Wandel

Nun zu "Familien im Wandel", hier fünf Gedanken:

Der erste Gedanke:Familienstrukturen haben sich gewandelt. Waren früher im Kindergarten überwiegend Kinder aus Kernfamilien, schaut es heute anders aus. Wir haben neben den Kindern aus traditionellen Kernfamilien auch Kinder aus Stieffamilien und Fortsetzungsfamilien (Kinder aus Lebensgemeinschaften und aus Einelternfamilien). Diese Kinder wiederum müssen sich neu orientieren und anpassen. Dort wo die Neuorientierung und Anpassung nicht gelingt, bringen diese Kinder ihre Probleme natürlich auch in den Kindergarten mit.

Die Einelternfamilienproblematik ist überwiegend eine Frauenproblematik (90 %). Auch wenn wir tun als ob es anders wäre, 47 % von diesen Frauen kriegen keinen oder keinen regelmäßigen Unterhalt durch den Kindesvater, 25 % der betroffenen Kinder kennen ihren Vater nicht und ca. 59 % wissen wohl, wer der Vater ist, haben jedoch keinen Kontakt zu ihm. 54 % der Kinder aus den Einelternfamilien haben unbegrenzen Zugang zum Fernsehen. Über ein Drittel der Kinder und Jugendlichen aus diesen Familien leiden unter schweren psychischen Störungen. 50 % der kinder- und jugendpsychiatrischen Patienten kommt aus Einelternfamilien.

Der zweite Punkt, der uns auch bewegt: Es hat noch keine Zeit gegeben, wo so viele Generationen nebeneinander gelebt haben. Wenn wir von der Großfamilie sprechen, haben wir einen leichten Hauch von Romantik dabei. Bedenken Sie, daß jede Generation ihre eigenen Wertvorstellungen hat und daß die Urli, die Omi und wie sie alle heißen mögen, natürlich ihre Wertwelt gern in den kleinen Pepi stecken wollen. Sehr problematisch vor allem, wenn es sehr unterschiedliche Wertvermittlungen sind. Also vier Generationen leben nebeneinander. Dann durch Scheidung, Wiederverheiratung, Eingehen von Lebensgemeinschaften kommen immer wieder neue Partner dazu, auch mit ihren Sitten. Also das Kind erlebt immer mehr Bezugspersonen.

Und jetzt komme ich zum nächsten Punkt und der ist in diesem Zusammenhang für mich der wirklich schwierigste, weil er so oft übersehen wird. Kinder haben kaum eine Chance Personenverluste abzutrauern. Es gibt eine Untersuchung, die durchgeführt wurde im Jahr 1992 an der Grazer Universität, wo es heißt, maximal ein Drittel aller Kinder haben auch nach der Trennung engen Kontakt zum weggehenden Elternteil. Fast jedes fünfte Kind sieht ihn überhaupt nicht mehr. Begibt man sich wieder auf Partnersuche, so stehen die eigenen Interessen im Vordergrund und es kann immer wieder passieren, daß die emotionale Situation des Kindes keine Berücksichtigung erfährt.

Der nächste Punkt in diesem Zusammenhang: Übereinstimmende und nicht übereinstimmende Normen und Wertwelt, was das Kind betrifft. Dort wo für das Kind wichtige Bezugspersonen nicht übereinstimmende Werte und Normen vermitteln, wird es für das Kind sehr belastend. Die Reaktionsmöglichkeiten sind: Aggression gegen andere, Depression als Aggression gegen sich selbst, psychosomatische Störungen, Verhaltensauffälligkeiten, nur um einige aufzuzählen. Etwas was auch noch ganz kurz beleuchtet werden soll, ist, daß jede Familie, jede Sippe ein Mysterium ist, um es ein bißchen ausländisch zu formulieren. Jede Familie ist ein Geheimnis, hat eigene Spielregeln, eigene Wertvorstellungen, hat eigene Erziehungsziele und einen eigenen Erziehungsstil. Es gibt Familien, wo Spielregeln etwa gelten, die Eltern werden von den Kindern mit den Vornamen angesprochen. Nicht vor allzu langer Zeit war bei mir eine Großmutter, die sich von mir psychisch stützen lassen mußte, weil sie gedacht hat, die Welt geht unter, als sie gehört hat, wie der Enkelsohn zum Papa "Erwin" sagte. Oder, alle Familienmitglieder werden in Entscheidungsprozesse eingebunden. Also eigene Erziehungsziele, Erziehung soll so gestaltet sein, daß der Mensch ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft wird, oder Eigenwohl geht vor Gemeinwohl. Erziehungsstile kennen wir, autoritär, partnerschaftlich, demokratisch und den kurzen fairen Stil, wobei es hier darum geht, daß im Vordergrund das Gewährenlassen in der Erziehung steht. Ich habe das jetzt aufgefächert aus einem ganz bestimmten Grund, weil ich denke, daß es wichtig ist, daß Sie diese Fakten als Realität sehen. Es hilft Ihnen überhaupt nichts, wenn Sie so tun, als ob das nicht so wäre. Sie verpuffen alle Ihre Kräfte und im Endeffekt merken Sie, daß Sie dadurch nichts verändern. Akzeptieren Sie diese Fakten als Realität und hier kommt noch etwas dazu, was sehr wichtig ist, akzeptieren Sie es als Realität ohne sofort zu bewerten. Das Thema Wertung, Bewertung und Abwertung werde ich später noch anschneiden. Es erschwert die Zusammenarbeit oder macht sie sogar unmöglich.

Nun erlauben Sie mir eine kurze Überlegung zum Thema Eltern: "Was erwarten Eltern vom Kindergarten ?" Hier können wir sehr vereinfacht drei Gruppen beobachten. Die erste Gruppe sind Eltern, die den Kindergarten überwiegend als Betreuungs- und Aufsichtsstätte sehen wollen. Zweitens Eltern, die die Erziehung an den Kindergarten delegieren müssen. Hier denke ich an Alleinerzieher oder an Eltern, die wegen geringen Verdienstes arbeiten müssen, um die Existenz zu sichern, sodaß für eine umfassende Betreuung ihrer Kinder kaum Zeit bleibt. Und drittens Eltern, die den Kindergarten als Erziehungsergänzungs- und Bildungsstätte sehen wollen. Eltern also, die mehr Mitsprache im Kindergarten bzw. am Geschehen teilhaben wollen. Diese einzelnen Gruppen haben nun unterschiedliche Erwartungen an den Kindergarten. Diese können von "Familie ergänzend" bis zu "Familie ersetzend" reichen. Einige kurze Überlegungen zum Thema Erziehungsunsicherheit. Viele Eltern sind mit ihrer Rolle als Erzieher überfordert. Es kann und hier lege ich ganz großen Wert darauf hinzuweisen, - quer durch alle Gesellschaftsschichten eine gewisse Erziehungsunsicherheit beobachtet werden. Es ist modern, modern unter Anführungszeichen, dem Kind im Rahmen der Erziehung kaum Grenzen zu setzen. Der autoritäre Erziehungsstil ist verpönt, der partnerschaftliche oder demokratische Erziehungsstil wird oft nicht beherrscht, sodaß viele Eltern aus Unsicherheit zwischen den unterschiedlichen Stilen ständig wechseln. Bert Hellinger spricht vom autoritär antiautoritären Erziehungsstil. Die Folgen davon kennen Sie, völlig irritierte Kinder, die verhaltensauffällig oder in schweren Fällen verhaltensgestört agieren. Wie belastend und mühevoll diese Kinder in einer Gruppe sein können, wissen Sie aus Ihrer täglichen Arbeit. Kolleginnen haben mir berichtet, daß die Zahl dieser Kinder stark im Steigen begriffen ist. Im Zusammenhang mit der Erziehungsunsicherheit möchte ich auf ein in Niederösterreich flächendeckendes Netz von Beratungsstellen, von psychologischen Beratungen, Erziehungs-, Ehe- und Familienberatungen, die kostenlos angeboten werden, hinweisen. Darüberhinaus bieten die verschiedenen Bildungshäuser einschlägige Elternseminare an. Auch Volkshochschulen nehmen diese Fragen immer öfter in ihre Programme auf. Informationen darüber erhalten Sie in den Jugendabteilungen der Bezirkshauptmannschaften bzw. in den Sekretariaten der Bildungshäuser und Volkshochschulen. Eltern, die Hilfe benötigen, sind für diesbezügliche Informationen sicher dankbar. Es ist unrealistisch anzunehmen, daß die Kindergärtnerin alle auftauchenden Probleme selbst lösen kann bzw. muß. Delegieren Sie an Fachleute. Delegieren können, hat etwas zu tun mit sozialer Reife.

Elternarbeit - praktische Überlegungen

Jetzt möchte ich Ihnen einige praktische Überlegungen zum Thema Elternarbeit vermitteln, es würde mich freuen, wenn Sie die eine oder andere in Ihr Programm einbauen könnten. Das Wichtigste ist, vermitteln Sie den Eltern, daß Sie an einer Zusammenarbeit interessiert sind. Signalisieren Sie Ihre Bereitschaft etwa durch bewußte Begrüßung. Zur bewußten Begrüßung gehört der Augenkontakt und die Namensnennung. Sprechen Sie aber auch klar aus, daß Sie die gute Zusammenarbeit als sehr wichtig erachten. Vor allem die neuen Eltern werden für Ihr Entgegenkommen sehr dankbar sein. Es gibt jetzt so ein paar kleine Überlegungen, Anregungen, wie man nun in die Elternarbeit konkret einsteigen kann.

Suchen Sie bei der ersten Kontaktnahme mit den Eltern systematisch das Gespräch, um zu erkunden, welche Bedürfnisse vorliegen. Und nun werden Sie folgendes beobachten: Sie werden sehen, daß es Eltern gibt, die genau Ihren Vorstellungen entsprechen, es ist die Minderheit, aber es gibt sie. Zweitens, daß es Eltern gibt, die nicht genau Ihren Vorstellungen entsprechen, aber eine gewisse Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisieren. Drittens, daß es Eltern gibt, die in ihrer Hilflosigkeit unfähig sind, ihre Bereitschaft zu vermitteln. Viertens, Eltern, die geringes Interesse haben, aber nicht ablehnend sind und fünftens Eltern, die aus irgendwelchen Gründen auch immer kein Interesse haben oder aktiv jede Zusammenarbeit ablehnen. Beginnen Sie mit denen, die zur Zusammenarbeit bereit sind. Vermeiden Sie ein zu langes Verweilen bei der ersten Gruppe, sonst fühlen sich andere Eltern benachteiligt. Lassen Sie sich für den Auf- und Ausbau der Elternarbeit Zeit. Dialog braucht eben Zeit, um sich entwickeln zu können.

Hier einige Hilfen: Erstens, verabschieden Sie sich von der Vision, wie Eltern sein sollen. Zweitens, verabschieden Sie sich von der Vorstellung, daß alle Eltern von Ihnen gerettet werden wollen oder müssen. Drittens, akzeptieren Sie, daß es Eltern gibt, die von Ihnen nicht gerettet werden wollen, auch diese haben trotzdem eine Lebensberechtigung. Das heißt, eines ist wichtig: Haben Sie eine realistische Vorstellung, eine realistische Sicht von der Elternarbeit. Wählen Sie in Ihrer Elternarbeit einen partnerschaftlichen Kommunikationsstil. Vermeiden Sie jede hierarchische Struktur, also keine Über- oder Unterordnung und lassen Sie eine solche auch nicht zu, wenn Sie seitens der Eltern (Ihnen) vermittelt wird. Das Ziel wäre, Kommunikation auf der Erwachsenebene. Alle jene, die sich schon mit der Transaktionsanalyse von Charlotte Bühler, 1939, beschäftigt haben, haben jetzt das sogenannte "Aha-Erlebnis". Gegenseitige Anerkennung und Bestätigung fördern das Klima der Zusammenarbeit.

Ich möchte darauf hinweisen (in der Transaktionsanalyse haben wir uns ausführlich damit beschäftigt), wie wichtig es ist, daß wir loben, daß wir Lob annehmen, daß wir uns Lob holen bzw., daß wir ungewolltes, unehrliches Lob auch ablehnen. Wenn Ihnen eine Mutter sagt, Sie sind die Beste der ganzen Welt, hätte ich das Gefühl, daß das übertrieben ist. Dann wäre es vielleicht angebracht es zu sagen, um es zu beenden. Und jetzt kommt der nächste Punkt: Auch gegenseitige Kritik wird fallweise notwendig sein. Achten Sie hier auf eine Form des Respekts, daß Kritik auch wirksam werden kann. Besserwisserei, Belehrung, Überheblichkeit im Ton oder Inhalt führten zu schlechten Lösungen. Sollte es zu Konflikten kommen zwischen Kindergärtnerin und Eltern, vermeiden Sie bitte jedes Sieg-, Niederlagedenken, es gibt eine andere Alternative: Die niederlagenlose Methode, alle gewinnen und niemand verliert. Beide suchen gemeinsam einen akzeptablen Ausweg. Die Lösung berücksichtigt die Bedürfnisse aller Bedeiligten. Sie spüren, wenn wir das auf uns wirken lassen, wie gut es uns dabei geht. Die Entwicklung "Einer auf Kosten des Anderen" erleben wir pausenlos im Kleinen und in der Weltpolitik. Daß das eine schlechte Lösung ist, wissen wir alle.

Nächster Punkt in der Elternarbeit: Legen Sie großen Wert auf die gegenseitige Information. Geben Sie sorgfältig Informationen darüber, was den Organisationsablauf, aber auch was die Organisationsziele betrifft. In Ihrem Fall die Bildungsziele. Eltern sind im allgemeinen sehr interessiert an diesen Informationen, weil Sie das eigene Kind betreffen. Auch die Kindergärtnerin ist auf Information der Eltern angewiesen, nur eine Kenntnis der Lebenssituation der Kinder macht ein kindzentriertes Planen und Arbeiten möglich. Gegenseitige Information ist Voraussetzung für jedes weiteres Zusammenwirken von Kindergarten und Elternhaus. Lassen Sie Eltern an Ihren Entscheidungsprozessen teilhaben. Egal ob es um Veränderungen im Ablauf geht, z.B.: um Vorverlegung des Mittagstisches um 15 Minuten. Jede sachliche Begründung wird eine Voreingenommenheit der Eltern vermeiden. Ebenso sollen die, durch verschiedene Aktivitäten angestrebten Erziehungsziele, für Eltern erkennbar gemacht werden. Mitdenken lassen schließt Ablehnung aus, daher ist die sogenannte Transparenz so wichtig. Erzieherwissen und Elternwissen sollten sich ergänzen. Dort, wo diese Ergänzung geschieht, wird sie vom Kind als Übereinstimmung erlebt. Dort, wo Erzieher und Eltern in bestimmten Fragen unterschiedlicher Meinung sind und eine Übereinstimmung nicht zu erzielen ist, wäre eine Lösung der Gleichwertigkeit anzustreben. Z.B.: Zu Hause machen wir es so, im Kindergarten anders, beides ist in Ordnung. Hier hat ein Kind dann die Chance, verschiedene Lösungsmöglichkeiten kennen zu lernen, die nebeneinander sein dürfen. Jeder Machtkampf zwischen Kindergärtnerin und Eltern stürzt ein Kind in Loyalitätskonflikte. Hier wird es wichtig sein, daß die Kindergärtnerin die Eltern als Verbündete für Ihre Anliegen gewinnt. Geben Sie den Eltern eine klare Information über Chancen und Grenzen des Beirates. Hier wäre vor allem die beratende Funktion des Beirates in organisatorischen Fragen hervorzuheben. Dort, wo sich der Elternbeirat als Anwalt des Kindergartens versteht, ist er auch eine große Hilfe für den jeweiligen Kindergarten. Er hat die Möglichkeit dessen Anliegen zu verdeutlichen und in der Folge personelle und räumliche Verbesserungen einzuleiten (z.B.: Kindergartenerhalter ist die Gemeinde, Eltern sind die Wähler, Kinder sind die Wähler der Zukunft). In der Praxis haben Kindergärtnerinnen gute Erfahrungen damit gemacht, Mitglieder des Elternbeirates, aber auch andere Eltern, zur praktischen Mithilfe im Kindergarten zu motivieren. Hier haben dann die Eltern die Möglichkeit gehabt, hautnah auch die Sorgen und Belastungen der Kindergärtnerin und die oft sehr schweren Rahmenbedingungen kennen zu lernen. Plötzlich wird die Realität im Kindergarten gesehen, z.B. ein Lärmpegel, der jeden Laien schwindlich werden läßt und vielleicht Kinder, die auf Grund ihrer Störungen zur Belastung der Kindergärtnerin und Gruppe werden. Eltern sollten aber auch über die Grenzen des Elternbeirates informiert werden. Pädagogische Maßnahmen liegen außerhalb des Einflußbereiches der Eltern. Hierfür stellt das Land Niederrösterreich Experten aus Theorie und Praxis zur Verfügung, die die pädagogische Arbeit jeweils nach den letzten wissenschaftlichen Erkenntnissen ausrichten.

Heikler Punkt: Zeitmanagement. Es ist eine Realität, daß die Freistellung der Kindergärtnerin von der Erziehungszeit für die erforderliche Elternarbeit extrem knapp bemessen ist. Es wird also an Ihnen liegen, die knapp bemessene Zeit gut zu strukturieren. Lassen Sie die Eltern wissen, wann und wo Sie für Gespräche zur Verfügung stehen. Ersuchen Sie die Eltern um Verständnis dafür, daß Elternarbeit nicht auf Kosten der Kinder gehen soll. In der Schule ist das klar und wird auch akzeptiert. Selbstverständlich werden Sie in Extremsituationen flexibel bleiben, kleine Scherzchen sind jederzeit möglich und lockern die Stimmung auf. Wichtige Anliegen von Eltern zwischen Tür und Angel angesprochen, lehnen Sie in geeigneter Form ab. Ebenso wichtige Anliegen, die Ihnen Eltern über dritte Personen mitteilen lassen. Nützen Sie Weiterbildungsangebote in Richtung Erwachsenenbildung. Oft äußern Kindergärtnerinnen ihr Bedauern darüber, daß sie auf die Elternarbeit im Rahmen ihrer Ausbildung zu wenig vorbereitet wurden. Daher empfehle ich Weiterbildungsangebote zu nützen, egal ob es um das Argumentieren, um die sogenannte Verkaufsstrategie ihrer Anliegen oder um Konfliktmanagement geht. Liebe Kolleginnen, alles kann man lernen, man muß nur wollen. Das wären jetzt Punkte zur Elternarbeit gewesen und jetzt möchte ich zum letzten Punkt kommen.

Der erste wichtige Punkt ist: Bejahung der eigenen Begrenztheit. Ich möchte Ihnen, selbstverständlich humoristisch, die ideale sozialpädagogische Fachkraft vorstellen. Sie steht über den Problemen, ist standhaft, hat Interesse an der Zusammenarbeit mit allen, ist praktisch veranlagt, ist kreativ, ist Sprachrohr für ...(lassen wir offen für wen), ist gut informiert über alles, ist trinkfest, egal ob Bier oder Wein (in manchen Gegenden wichtig), hat einen Weitblick, hat ein offenes Ohr für jeden, hat einen klugen Kopf, versteht alles, kann alles und hat einen heißen Draht nach oben. Liebe Kolleginnen, eine ehrliche Frage: Haben Sie sich wiedererkannt ? Lernen Sie sich abzugrenzen, kein Mensch ist grenzenlos. Sie müssen weder alles verstehen, noch alles können, Sie müssen weder perfekt sein, noch alles hinnehmen, Sie müssen es auch nicht allen recht machen können, üben Sie sich in der Abgrenzung. Ein Problem vieler in sozialen Berufen Tätiger.

Nächster Punkt: Individualisieren, vor allem in der Arbeit mit Eltern, gilt aber auch mit anderen Bezugspersonen. Individualisieren bedeutet nicht verallgemeinern, nicht schematisieren, nicht etikettieren. Jeder Mensch ist ein einmaliges Wesen mit einer einzigartigen Kombination von biologischen, psychologischen und sozialen Elementen, mit einer Reihe ganz spezifischer Bedürfnisse. Vieles ist anderen Schicksalen sehr ähnlich, doch nicht auch nur annähernd alles. Ich denke an Intelligenz, Stufe der Gewissensbildung, gefühlsmäßige Kräfte, Bildungsfähigkeit, Tragfähigkeit u.s.w. Wenn Sie ein Problem schon gehört haben, bitte ich Sie inständig, auch wenn es eine ähnliche Konstellation gibt, daß Sie trotzdem auch diesem Menschen die Chance geben, daß er sich mit seinem Hintergrund und mit seiner Lebensgeschichte im Gespräch einbringen darf. Zum Thema Kommunikation - hier denke ich, daß drei Überlegungen wichtig sind. In Gesprächen, die wir mit Nichtfachleuten führen, wird es angebracht sein, nur jene Begriffe zu verwenden, die alle Beteiligten verstehen. Nicht daß wir eine Aneinanderreihung von Fachbegriffen niederprasseln lassen und wir nur merken, wie unser Gegenüber immer mehr zusammensackt. Was noch wichtig ist, ist daß allen Beteiligten klar sein muß, was man voneinander erwarten kann. Hier bitte ich Sie, erwecken Sie nicht falsche Hoffnungen, die Sie nicht erfüllen können. Hier denke ich, daß oft Ihr Wollen und die Rahmenbedingungen auseinander klaffen. Nun sind Rahmenbedingungen auch Realitäten. Und der dritte Punkt: Sollten Eltern falsche Vorstellungen vom Image der Kindergärtnerin haben, bedürfen diese im Interesse gegenseitiger Verständigung der Korrektur. Liebe Kolleginnen, Image verändern können nur Sie, niemand anderer kann's für Sie. Wenn's jemand anderer für Sie in die Hand nimmt, geschieht's vielleicht auch, aber nicht so wie Sie wollen. Wenn Sie sich entschuldigen, daß Sie auf der Welt sind, dürfen Sie sich nicht wundern, daß Ihr Anliegen nicht so griffig verstanden wird in der Gesellschaft. Wer sich selbst verkleinert, warum soll uns der andere vergrößern ?

Eines der heikelsten und wichtigsten Punkte in unserer Arbeit ist die Einhaltung der Verschwiegenheit gegenüber Dritten. Im Rahmen ihrer Tätigkeit erfährt die Kindergärtnerin eine Reihe von Umständen, deren Bekanntwerden Eltern keinesfalls wünschen. Prinzipiell ist es meines Erachtens Pflicht der Kindergärtnerin über alle diese Tatsachen zu schweigen und prinzipiell steht dieser Pflicht das Recht der Eltern auf Diskretion gegenüber. Es soll den Eltern vermittelt werden, daß sie mit Ihrer Diskretion rechnen können.

Nun die partnerschaftliche Haltung. Eine Haltung besteht immer aus intellektuellen und emotionellen Komponenten. Die Wurzeln des partnerschaftlichen Prinzips sind die Ideale der Demokratie. Das Prinzip der Partnerschaft in all unseren Einrichtungen und Organisationen löst die bisher vorherrschenden patriarchalischen Strukturen ab. Die Autorität soll damit nicht abgeschafft, sondern auf eine neue sachliche Basis gestellt werden - nicht Autorität kraft einer Position.

Nun auch ein heikler Punkt, der für uns wichtig ist: nicht-richtende Haltung. Richten bedeutet, eine Entscheidung darüber fällen, ob jemand schuldig oder unschuldig sei. Jede Gesellschaft hat zur Feststellung von Schuld und Unschuld ganz bestimmte Autoritäten, z.B. die Behörden und Gerichte eingesetzt. Ihre Funktion ist es, zu bestimmen, ob jemand schuldhaft gegen die Norm der Gesellschaft verstieß und ihn dafür zu bestrafen. Es sind dies nie Aufgaben von sozial Tätigen.

Der vorletzte Punkt ist der Punkt der Abstinenz. Ich biete Ihnen hier einige Punkte, womit Sie Ihr ganzes Gesprächsklima, Ihre Gesprächsatmosphäre wunderbar verbessern können, wenn Sie sich daran halten. Vermeiden Sie in Elterngesprächen von der eigenen Familie zu erzählen. Vermeiden Sie jede Überidentifikation mit dem Kind, sonst haben Eltern keine Chance mehr. Vermeiden Sie, die Eltern als Schuldige zu sehen. Vermeiden Sie im Gespräch starkes Einfließen der eigenen Wertvorstellungen. Ich lebe meine Wertwelt nach meinen Erkenntnissen, aber ich muß zugestehen, daß ein anderer Mensch eine andere Situation hat und auch eine andere Wertwelt. Ohne Wertwelt, davon bin ich überzeugt, können wir gar nicht zurechtkommen. Vermeiden Sie aber auch, Kinder als Schuldige zu sehen und vor allem vermeiden Sie Fragen im Gespräch mit den Eltern zu stellen, die nur die eigene Neugierde befriedigen würden. Also, es gibt bestimmte Dinge, die uns nichts angehen, auch wenn sie uns noch so interessieren.

Letzter Punkt: Zielsetzung in der Arbeit inklusive Elternarbeit. Setzen Sie sich Ziele, die Sie erreichen können. Utopische Ziele kosten Substanz und bringen nichts außer Streß und Frustration. Nur grenzenlose Menschen können sich utopische Ziele setzten. Zweite Überlegung: Haben Sie in Ihrer Arbeit ein Ziel erreicht ? Verweilen Sie dabei und kosten Sie es aus, ohne leistungsdressiert, sozialisiert sofort Ausschau zu halten nach dem nächsten Ziel. Ganz wichtig, es hat etwas zu tun mit leben können. Und drittens lassen Sie ihre Ziele nicht durch andere definieren. Wobei ich offen lassen möchte, wer die anderen sind.

Gehen Sie mit sich selbst behutsam um! Nehmen Sie sich wichtig! Kinder aber auch Eltern wahrzunehmen setzt voraus, sich selbst wahrzunehmen. Mauricio Wild sprach gestern vom Respekt vor Lernprozessen. Ich denke, daß uns diese Aussage alle angeht. Ich möchte Ihnen für Ihre Arbeit viel Freude, viel Kraft, viel Elan wünschen und mich bedanken, daß Sie mir zugehört haben.

Quelle:

Anneliese Hasenörl: Kommunikative Zusammenarbeit zwischen Kindergarten und Elternhaus - zum Wohle unserer Kinder

Erschienen in: Mit Kindern auf dem Weg II. Referate zu NÖ Kindergartensymposien, NÖ Schriften 103/Dokumentation, Neulengbach, Oktober 1997, ISBN 3-85006-095-0

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Stand: 04.04.2005

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