erschienen in: Mit Kindern wachsen. NÖ Montessori-Werkstatt 18.-20. April 1996, Emmersdorf an der Donau, NÖ Schriften 101/Dokumentation, Neulengbach, Dezember 1997, ISBN 3-85006-093-4. Eröffnungsreferat zur "NÖ Montessori-Werkstatt 1996" Überarbeitete Abschrift der freien Rede.
Inhaltsverzeichnis
Ich bedanke mich recht herzlich für die Einladung zu dieser wirklich imposanten Tagung, allen ein herzliches Willkommen hier.
Ich meine, daß diese Tagung auch eine Demonstration für die Aktualität der Montessori-Pädagogik und ein deutliches Zeichen dafür ist, daß sehr viele Pädagoginnen und Pädagogen gewillt sind, dieses Jahrhundert doch noch zu einem Jahrhundert des Kindes werden zu lassen, wie Ellen Kay am Anfang dieses Jahrhunderts gefordert hat. Die heutige Tagung oder diese Tagung scheint mir dafür ein Zeichen zu sein.
Nun gibt es doch aber auch Skeptiker gegenüber der Montessori-Pädagogik und Leute, die meinen, es handle sich vielleicht hier bloß um eine kurzlebige Modewelle, um eine neue Sache, die in Kürze wieder abflauen wird, und da meine ich, daß ich vielleicht heute einen Beitrag dazu leisten kann, dies zu widerlegen. Die Montessori - Pädagogik ist in Österreich nichts Neues, keine neue Bewegung, sondern kann sehr wohl auf eine Tradition verweisen. Eine Tradition zwar, an der wir nicht direkt anknüpfen können und sollen, aber ein Stück Schulgeschichte, ein Stück Österreichische Schulgeschichte, die auch der heutigen Montessori-Bewegung Rückhalt und Impulse geben kann. Ich denke, es ist gut zu wissen und tut uns in vielen Diskussionen auch wohl, wenn man sagen kann, ja es gab in Österreich schon einmal eine Hochblüte der Montessori-Pädagogik, es gibt eine Montessori-Tradition in Österreich und auf die möchte ich heute eingehen, besonders auf den ersten Abschnitt Montessori-Pädagogik in Österreich in den 20er und 30er Jahren.
Insgesamt läßt sich die Montessori-Bewegung in Österreich in drei große Abschnitte teilen. Der eine Abschnitt reicht von 1917 bis 1938. Damals erlebte die Montessori-Pädagogik besonders in Wien eine Hochblüte.
1938 wurde die Montessori-Pädagogik in Österreich wie auch in anderen Ländern verboten. In Wien waren es weitgehend jüdische Lehrerinnen, die in die Emigration gehen mußten und nach dem Krieg nicht mehr zurückkamen, sodaß in Österreich 1938 die erste Epoche sozusagen zu Ende ging (und es dauerte dann bis 1951).
In Deutschland, da war das anders, da hatten sie nach 1945 Helene Helming, um die herum Prof. Schulz und andere eine Gruppe gebildet haben, die in Deutschland gleich nach dem Krieg wieder Aufbauarbeit in Sachen Montessori-Pädagogik leisten konnten. Dieses Glück hatten wir in Österreich nicht. Erst 1951 kam es dann zu einer weiteren größeren Initiative und zwar in Tirol. Dort eröffnete Montessori selber 1950 einen Ausbildungskurs für Kindergärtnerinnen, und ihr Sohn Mario war damals auch als Referent dabei. Auf diesem Ausbildungskurs in Tirol sollte man vielleicht noch ein größeres Augenmerk werfen und ich hoffe, daß ich vielleicht im Rahmen weiterer Forschungen über das, was sich von dort aus bewegte, Genaueres erfahren kann. Montessori weilte damals im Landhaus Pegg bei Igls und führte auch Gespräche mit Standing. Diese drehten sich über Montessoris Haltung zur religiösen Erziehung und zur Kirche.
Hier darf ich auch gleich auf ein Buch von Prof. Schulz hinweisen, das erst vor kurzem erschienen ist: "Gott und das Kind". In diesem Buch sind diese Gespräche, die Montessori mit Standing in Igls führte, aufgezeichnet. Es sind außerordentlich interessante und auch brisante Aussagen, die Montessori damals machte. Das, was doch etwas verwunderlich ist, ist die Tatsache, daß aus diesem Ausbildungskurs für Kindergärtnerinnen keine größere Bewegung entstand. Es wurde zwar damals wieder ein Montessori-Verein gegründet, es gab auch einige Jahre eine Zeitschrift, aber es entwickelte sich daraus, jedenfalls wie ich das heute sehe, keine größere Bewegung. Einige Jahre dürfte besonders natürlich in den Kindergärten eine größere Wirkung erzielt worden sein, aber die ist so nach sechs, sieben Jahren wieder abgeflacht. Das war die zweite Epoche der Montessori-Pädagogik in Österreich, eine eher kurze.
1978/79 kam es dann aber zu einem sehr kräftigen Anstoß und zwar in Salzburg. Die Gruppe um Willi Weinhäupl und Ingrid Stratzka, die in München den Ausbildungskurs besuchten, ging sehr intensiv daran, in Liefering eine Schule im Sinne Montessoris aufzubauen. Sie organisierten auch Ausbildungskurse. Etwa zur selben Zeit, haben wir in Vorarlberg Frau Prof. Holstiege mit Frau Pilkes zusammen eingeladen, die auch dort Referate und kürzere Seminare zur Montessori-Pädagogik hielten, so daß wir dort auch erste Impulse setzen konnten. Heute haben wir ja in Vorarlberg mit der privaten Volksschule Alltach eine Modellschule in Sachen Montessori-Pädagogik.
In den 80er Jahren entstanden dann eine ganze Reihe von Initiativen und es wurden Montessori-Vereine gegründet, die zum größten Teil im Österreichischen Bundesverband für Montessori-Pädagogik zusammengeschlossen sind. In den letzten Jahren, also in den 90er Jahren, hat durch die enorme Aktualität der Montessori-Pädagogik auch die Vielfalt der Ausbildung und der Tendenzen innerhalb der Montessori-Pädagogik zugenommen. Manche meinen, es sei geradezu zu einer Unüberschaubarkeit gekommen. In dieser Vielfalt gibt es auch in Wien, so kann man das ein bißchen sagen, eine Tendenz zu einer Montessori-Inflation. Da müssen wir in Zukunft etwas acht geben. Ich denke aber einerseits, daß diese Vielfalt in der Entwicklung gut ist, andererseits müssen wir aber auch um eine gewisse Einheitlichkeit ringen und um eine Orientierung an den pädagogischen Wurzeln, wenn die derzeitige Bewegung über längere Zeit Bestand haben soll. Aber wenn man an so einer Tagung teilnimmt, dann kann man hier sehr hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Es ist auch die heutige Tagung ein Beispiel dafür, daß die vielfältigen Initiativen in Österreich auch an bestimmten Orten wieder zusammenzuführen und zusammenzubringen sind.
Ich möchte mich heute in meinem Vortrag schwerpunktmäßig auf die erste Epoche konzentrieren. Wenn ich den Beginn der Montessori-Pädagogik in Österreich mit 1917 ansetze, so stimmt das nur bedingt, denn einzelne Kindergärtnerinnen sind auch schon früher auf die Werke Montessoris gestoßen und haben Elemente aus den Werken in ihre Kindergartenarbeit übertragen. So schreibt zum Beispiel eine Kindergärtnerin aus St.Pölten, sie habe sich bereits 1910 mit den Sinnesmaterialien beschäftigt und diese Sinnesmaterialien in ihrem Kindergarten eingesetzt. Und solche Einzelpersonen dürfte es eine ganze Reihe gegeben haben, aber es ist schwer, daraus jetzt schon eine Bewegung abzuleiten.
1917 gab es aber in Wien zwei entscheidende Initiativen und zwar eine, die von Montessori selber, und eine zweite, die von den sogenannten "Weißen Franziskanerinnen", die in der Leihstraße in Wien einen Kindergarten führten, ausging. Montessori selber nahm 1917 Kontakt zu verschiedenen Persönlichkeiten in Wien auf. Es sollte ein kleines Institut gegründet werden, das sich mit der Verbreitung der Montessori-Pädagogik in Österreich beschäftigt. Unter anderem schrieb sie einen Brief an Siegmund Freud und bat ihn um Unterstützung des Vorhabens und ich kann ihnen vorlesen, was Siegmund Freud ihr damals zurückschrieb:
"Verehrteste Frau! Ich habe mich ungemein gefreut, einen Brief von Ihnen zu erhalten. Von jeher mit dem Studium der kindlichen Seele beschäftigt, bringe ich Ihren ebenso menschenfreundlichen wie verständnisvollen Bestrebungen große Sympathie entgegen und meine Tochter, die analytische Pädagogin ist, zählt sich zu ihren Anhängerinnen. Ich bin sehr gerne bereit den Aufruf zur Gründung eines kleinen Institutes, wie es von Frau Schatz geplant wird, neben Ihnen zu unterschreiben. Der Widerstand, den mein Name beim Publikum erwecken könnte, muß durch den Glanz, der von Ihrem Namen ausstrahlt, überwältigt werden. Ihr herzlich ergebener Siegmund Freud."
Das war eine erste Initiative, die Montessori selber startete. Es wurde aus der Gründung dieses Institutes 1917 nichts, aber später kam es dann sehr wohl zu einer engeren Zusammenarbeit der Montessorianerinnen mit Anna Freud. Darauf komme ich dann noch zu sprechen.
Im selben Jahr 1917 stießen aber die Weißen Franziskanerinnen auf die Montessori-Pädagogik und zwar hatte Montessori in Rom die Weißen Franziskanerinnen in die Montessori-Pädagogik eingeführt. Eine Schwester aus Mailand führte die Schwestern in Wien in die Montessori-Pädagogik ein. So konnten sie eine Gruppe in diesem Kindergarten nach Montessori führen. Zwei Schwestern besuchten dann später auch bei Montessori selber einen Ausbildungskurs und die Weißen Franziskanerinnen gründeten dann 1923 noch einen zweiten Kindergarten, ein zweites Kinderhaus, das ganz im Sinne Montessoris geführt wurde.
Nun, wenn man dann die Geschichte in Wien, auch die politische Geschichte, weiter verfolgt, dann fällt auf, daß sich in den 20er Jahren die Kirche eher wieder aus der Montessori-Pädagogik zurückzog, obwohl hier die Weißen Franziskanerinnen einen ersten Schritt setzten und sich sehr intensiv mit der Montessori-Pädagogik auseinandersetzten. Aus der Geschichte könnten wir lernen, daß sich nicht, indem sich eine Seite einer Sache besonders annimmt, die andere wieder zurückzieht. Und daß auch keine Seite Montessori für sich pachten kann und pachten sollte.
1920 kam die junge Frau Lilli Rubitschek von Prag nach Wien. Sie studierte in Wien bei Karl und Charlotte Bühler Psychologie und ging 1920 nach London und machte in London bei Montessori den Ausbildungskurs. Bei diesem Ausbildungskurs waren auch noch ein Australier, Lorenz Benjamin, und eine Frau Pristmen, diese drei setzten sich in London mit Montessori zusammen und überlegten, wie man in Wien eine Montessori-Schule gründen könnte. Montessori selber stand diesem Anliegen sehr positiv gegenüber, Lorenz Benjamin war bereits bei einer Quäker-Hilfsaktion in Wien und mit großem Enthusiasmus sagte er: "Wien, das ist eine Stadt, in der müßte doch diese neue Erziehung durchzuführen sein. Wien ist im Aufbruch, hier sollte man unbedingt etwas tun." Und sie bekamen dann von der Stadt Wien ein Gebäude und in diesem Gebäude konnten sie die erste Montessori-Schule in Österreich gründen. Ich verweise hier auf den Begriff Montessori-Schule, obwohl es am Anfang ein Kinderhaus war, sie nannten es von Anfang an Schule. Ich komme dann noch auf die Bedeutung dieser Sache zurück.
(Diaeinblendungen ab Beginn des nächsten Absatzes)
Das hier war das Gebäude in dem Lilli Rubitschek mit Lorenz Benjamin und Pristmen die Montessori-Schule eröffnen konnte. Es war das sogenannte Zitter-Heim. Es gab hier einen großen Saal, eine Küche, ein Büro, eine Veranda und den Garten. Und wir wissen alle, welche Bedeutung die vorbereitete Umgebung für die Entwicklung des Kindes hat. Denken wir daran, was Peter Petersen sagt: "Der Raum im Kleinen hat seelenformende Kraft, wie der Raum im Großen." Also die Räume, die wir Kindern zur Verfügung stellen, (wie wir Kinder vorbereiten) haben seelenformende Kraft. So gingen sie auch daran, dieses Gebäude herzurichten. Es gab hier eine Veranda, Rubitschek sagt, daß diese Veranda für sie etwas ganz Besonderes sei; eine Veranda hat gleichzeitig den Vorteil eines Gartens, aber gleichzeitig auch die Geschlossenheit. Sie schreibt: "Die Terrasse, die Veranda gibt die Ruhe des begrenzten Raumes und doch die Gelöstheit, die wir im Freien empfinden."
Interessant ist auch, wie dieser Garten gestaltet wurde. Es gab hier verschiedene Wege, es gab Wege, die eher für die kleinen Kinder geeignet waren, die eher einen kleineren Radius hatten, um schnell auch wieder zurück zur Lehrerin zu können, für die Größeren waren weite Spuren gelegt, wo sie sich auch in einer größeren Entfernung zu den Erzieherinnen aufhalten konnten. Also auch der Garten, hier auch mit einem kleinen Becken, war eine Welt für Kinder, mit schmalen und breiteren Wegen. Das hier ist der große Saal. Für die Einrichtung mußten diese jungen Leute selber aufkommen. Das Gebäude stellte ihnen die Stadt Wien zur Verfügung, aber die Möbel und die anderen Dinge im Raum, die mußten sie selber besorgen. Und sie hatten das Glück, in der Nachbarschaft einen tschechischen Tischler zu haben, und dieser Tischler machte ihnen die Möbel, die sie brauchten, und Benjamin, das war ein ganz engagierter Kerl, der fuhr nach Mailand und besorgte in Mailand sehr schöne Stoffe für die Vorhänge. Er fuhr nach Berlin, um gewisse Sachen zu holen. Sie hatten dann auch schnell eine Partnerschule, nämlich in Jena, da bekamen sie Geschirr aus Bauhaus-Design und konnten dieses Geschirr dann in Wien im Kinderhaus einsetzen.
Sie versuchten von Anfang an Dinge im Raum sehr schön zu gestalten. Rubitschek sagte: "Wir fordern einen schönen Raum und schöne Gegenstände, weil schöne Dinge uns einladen sie zu gebrauchen." Und es ist, wenn man Kindern die Dinge schön gestaltet, so, als ob das Kind mit den Dingen Freundschaft schließen könnte. Mit den kleinsten Dingen im Raum sollte das Kind Freundschaft schließen können, und wenn diese Freundschaft eine anhaltende sein soll, dann müßten die Dinge im Raum auch haltbar sein. Sie müssen schön sein, sie müssen dem Merkmal der Ästhetik entsprechen und sie müßten über längere Zeit schön sein. Hier sieht man diese kleinen angepaßten Möbel, oben eine Galerie für Besucher, auf dieser Galerie saß dann auch Montessori, wenn sie in Wien auf Besuch war. Es waren auch Eltern da und Rubitschek schreibt: Sie erlebte einmal, daß jemand sagte: "Mei, wie sind diese Möbel aber da unten schön klein." Und Rubitschek sagte zu dieser Frau: "Diese Möbel da unten sind überhaupt nicht schön klein, sind etwa Ihre Möbel in Ihrer Wohnung schön groß?. Nein, diese Möbel sind den Kindern angepaßt, sie sind den körperlichen Kräften und Maßen der Kinder angepaßt."
Das war die Gruppe von jungen engagierten Frauen. Im ersten Jahr waren es so fünf bis sieben Frauen. Rubitschek war die Älteste, sie war 24 Jahre alt, die anderen waren alle jünger, zwischen 16 und 20. Sie hatten damals eine ähnliche Zeit, wie wir sie auch heute haben, sie wären zum Teil gerne in den Lehrberuf eingestiegen, aber die Aussichten waren nicht besonders gut, um sehr schnell eine Stelle zu bekommen. Emma Blank erzählte mir, sie sei damals mit der Ausbildung fertig geworden, und sie hörte dann, daß es im 10. Bezirk ein Montessori-Kinderhaus geben sollte. Sie sagt dann: "Wir gingen hinaus und haben zu Lilli Rubitschek gesagt, daß wir uns sehr gern ausbilden lassen möchten. Und da hat Lilli uns mitgeteilt: "Ja wenn ihr die Küche übernehmt, so verspreche ich euch eine Ausbildung im Laufe der Jahre und ihr könnt auch hier wohnen." Wir haben hier auch eine kleine Arbeitsgemeinschaft." Also wer hier an der Montessori-Schule mitarbeiten wollte, mußte zuerst seine pädagogischen Ambitionen etwas zurückstellen und Hand anlegen. Es mußte so etwas wie ein praktisches Jahr absolviert werden. Und jetzt komme ich auf die Ausbildung zu sprechen, die Rubitschek von ihren Mitarbeiterinnen gefordert hat.
Es war eine dreifache:
-
eine praktische Ausbildung
-
eine soziale Ausbildung
-
eine wissenschaftliche Ausbildung
Um zur praktischen Ausbildung zugelassen zu werden mußte man zuerst seine pädagogischen Pläne zurückstellen und bei allen Arbeiten, die es da in der Schule gab mithelfen und sich bewähren. Und je nach Eignung erhielt man dann nach einigen Wochen einen bestimmten Arbeitsbereich zugewiesen: entweder die Küche, die Bibliothek, andere Hausarbeit, pädagogische Assistenz, Körperpflege der Kinder, usw. Es waren am Anfang 25 Kinder im Alter von zweieinhalb bis vier Jahren da.
Der zweite Aspekt, den Rubitschek für sehr wichtig hielt, war die soziale Erziehung. Sie sagt: "Junge Erzieherinnen, Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen, brauchen eine starke Lebensfreude und einen Gemeinschaftssinn. Sie müssen Feinfühligkeit und Hingabe besitzen."Und - dieses Gemeinschaftsleben, meint sie, das muß man auch miteinander leben, damit man es glaubhaft den Kindern übertragen kann. Wenn man ein soziales Leben und ein Gemeinschaftsleben weitergeben will, dann muß das auch innerhalb der Lehrergemeinschaft gepflegt werden.
Und so hatten sie in dem Kinderhaus, in der Montessori ihr erstes Kinderhaus gegründet hat - es war ein Arbeiterbezirk - sehr viele arme Familien. Und hier hätte es Rubitschek nicht für günstig befunden, wenn die Kolleginnen vom ersten oder von anderen Bezirken täglich hinausgefahren wären in den 10. Bezirk und wieder zurück nach Hause, in die doch etwas andere Welt. Man mußte auch, so Emma Blank, wenn ein Kind kam und sagte: "Du wir haben ein Baby bekommen.", sagen können: "Ja ich komme, ich schau mir das Baby an." Sodaß hier ein besonderes soziales Leben, ein Gemeinschaftsleben entstehen konnte.
Der dritte Bereich war die wissenschaftliche Ausbildung. Und da können wir uns auch heute noch einiges abschauen, was diese jungen Frauen sich damals angetan haben. Sie saßen mehrmals in der Woche am Abend zusammen, lasen die Werke Montessoris, und zwar in Italienisch. Sie eigneten sich die italienische Sprache an, um dann später bei einem Ausbildungskurs bei Montessori sie selber auch verstehen zu können. Also sie lasen die Werke Montessoris. Rubitschek, die den Ausbildungskurs gemacht hatte, gab ihnen Einführungen in die Materialien. Die Kolleginnen hatten während der Woche auch ganz bestimmte Beobachtungsaufträge bei den Kindern. Über die gemachten Beobachtungen und die Tagebücher, die da über jedes Kind geführt wurden, wurde ebenfalls am Abend gesprochen. Es gab aber auch Einführungen in andere pädagogische, didaktische Bereiche, wie die rhythmische Erziehung und die Kunsterziehung.
Was sehr interessant ist: Rubitschek schickte ihre Mitarbeiterinnen alle auf das Biologieinstitut zu einem Mikroskopierkurs. Sie orientierte sich da auch an den Schriften Montessoris. Montessori selber sagt: "Um das Auge fürs Detail zu schulen, um das Auge zu schulen für die feinen Bewegungen des Lebens ist das Mikroskopieren eine sehr geeignete Übung. Wer nämlich an einem Mikroskop schnell herumdreht, sieht gar nichts. Man muß der Sache langsam nachgehen. Man muß sich auf die Sache einstellen, damit sich die Sache eröffnen kann. Wer hier schnell dreht, sieht unter Umständen nichts anderes als wilde Fäden. Wer aber der Sache nachgeht, kann unter Umständen das Herz eines Wasserflohs schlagen sehen."
Und so ähnlich ist es beim Kind. Wenn wir Montessori-Pädagogik betreiben, dann hat die Beobachtung eine zentrale Bedeutung. Und auch dort müssen wir den feinen Regungen nachgehen, um so etwas wie ein Entstehen der Polarisation der Aufmerksamkeit auch erkennen zu können. Man sieht also mit welcher Ernsthaftigkeit diese jungen Frauen an der Arbeit waren. Und dann konnten alle auch bei Montessori selber einen Ausbildungskurs besuchen. Einige waren in Amsterdam, einige waren in Berlin und haben dort die Ausbildung gemacht. Frau Ulisch, eine alte Dame, die wir hier auch noch sehen werden, eine sehr liebenswürdige Frau sagt: "Oh es war schrecklich, es war schrecklich ....".
Sie mußte bei Montessori in Italienisch die Prüfung ablegen. Und sie hat gesagt, sie sei sprachlich gar nicht begabt gewesen. Aber sie haben sich da durchgebissen. Und hier denke ich manchmal, ja wir jammern schon, wenn es überhaupt so etwas gibt wie eine Prüfung bei einem Abschlußkurs in der Montessori-Pädagogik. Also, das waren sehr anspruchsvolle Prüfungen. Ich denke aber, wir können uns von diesen Standards, die damals eingehalten wurden, etwas abschauen. Da war Emma Lang, die in Amsterdam war und dann auch noch in Berlin den Kurs machte. Da ist diese Schar im Garten bei einem abendlichen Zusammensein. Und da war dann das Zeugnis, das Montessori ausstellte, und Montessori war hier sehr streng. Sie schrieb darunter: "Dieses Diplom berechtigt nur zur Führung von Montessori-Heimen und -Schulen, nicht zur Abhaltung von Lehrerausbildungskursen." Heute noch ist die internationale Montessori-Gesellschaft hier ziemlich streng in ihren Forderungen, wer Montessori-Ausbildungen machen darf.
Ja, nun kommen wir zur Arbeit in diesem Kinderhaus. Rubitschek sagt, sie konnte bei vielen Kindern beim Händewaschen erleben, daß sie sich zum ersten Mal tief konzentrierten, daß dort zum ersten Mal so etwas wie die Polarisation der Aufmerksamkeit zustande kam. Diese Übungen des täglichen Lebens sind besonders für die Bewegungskoordination wie für die Bewegungskontrolle des Kindes eine gute Hilfe. Hier kann man beobachten, daß Kinder eine Tätigkeit X und X-mal wiederholen. Ein Kind kann 10-mal hintereinander die Hände waschen, obwohl sie schon längst sauber sind. Erwachsene arbeiten sehr zielgerichtet auf einen Zweck hin. Das Kind arbeitet sinnorientiert. Das Kind will die Befriedigung an der Tätigkeit. Das Kind hat die Freude am Tun an sich. Weil es bei der Tätigkeit spürt, daß es freier und unabhängiger wird. In diesen Wiederholungen einer Tätigkeit findet so etwas wie der Selbstaufbau statt, der Ich-Aufbau des Kindes an frei gewählten Tätigkeiten.
Hier bei der Pflege der eigenen Person, dem Zähneputzen. Hier Frau Ulisch bei einer Lektion mit dem Schleifenrahmen. Das, was das Kind am Schleifenrahmen machte bzw. an anderen Rahmen machte, führt hier zum selbständigen Anziehen und führt dort auch zu einem sozialen Geschehen, wo ein Kind dem anderen hilft. Über die Übungen des täglichen Lebens hilft Montessori, daß sich soziales Leben in der Gemeinschaft entfalten kann. Die Kinder bereiteten selber die Mahlzeit vor. Sie hatten eine Küche und die Kinder konnten in der Küche an ganz konkreten Dingen arbeiten, nicht nur so tun als ob. Nein, das war eine Küche für die Kinder, und die Kinder bereiteten hier den Tisch vor und servierten dann auch den anderen Kindern die Mahlzeit.
Hier ein Bub bei der Arbeit mit den Einsatzzylindern.
Die Sinnesmaterialien Montessoris: Diese Sinnesmaterialien, die sie Entwicklungsmaterialien nennt, sind eine Hilfe zur Differenzierung der Wahrnehmung, eine Hilfe, zur Entwicklung der Wahrnehmung, eine Hilfe, daß das Kind die gemachten Erfahrungen ordnen und strukturieren kann, um sie dann wieder in die Umwelt transferieren zu können. Montessori nennt diese Sinnesmaterialien einen Schlüssel zur Welt. Es ist ganz klar, je differenzierter unsere Wahrnehmung, desto vielfältiger eröffnet sich uns die Welt. Und wenn die Kinder an den Materialien lernen gleiches zu erkennen, aber auch Dinge in ihren ganz feinen Unterschieden wahrzunehmen, dann wird auch die Welt viel- fältiger und reichhaltiger.
Hier ein Kind beim Schreiben. Ich konnte mit diesem Kind auch vor einem Jahre ein Interview führen. Dieses Kind ist inzwischen 68 Jahre alt. Sie erzählte mir auch über die Arbeit im Kinderhaus, über die Arbeit in der Montessori-Schule. Und hier, wenn wir dieses Kind beim Schreiben sehen, da stoßen wir bei Montessori auf etwas sehr Interessantes, was auch gerade für die Kindergärtnerinnen nicht immer ganz einfach war, anzunehmen: Montessori ist der Meinung, daß das Alter von vier bis fünf Jahren jene Zeit ist, in der die Kinder das Lesen und Schreiben am leichtesten lernen. Im Alter von vier bis fünf Jahren sagt Montessori haben die Kinder ein ganz besonderes Interesse an den Buchstaben, an Wörtern. Im Alter von sieben Jahren, wenn sie in unsere ersten Klassen kommen, da finden es viele Kinder sehr, sehr fad, und sie sind sprachlich sehr unterfordert, wenn sie tausende Male MIMI, MAMA, MIMI IST DA, IST MIMI DA ?, MIMI IST DA, wiederholen müssen.
Das ist für Kinder sprachlich eine gewaltige Unterforderung. Aber Kinder im Alter von vier fünf Jahren lieben die Arbeit an einzelnen Wörtern. Sie lieben das Lesen einzelner Wörter und Buchstabenkombinationen, weil sie in einem Alter sind, wo sie durch diese Tätigkeit ihren Sprachschatz erweitern können. Und noch etwas Interessantes, wo Montessori heute eine sehr große Aktualität hat. Sie ging davon aus: Schreiben kommt vor Lesen, über das Schreiben zum Lesen. Weil beim Schreiben sich der Mensch selbst ausdrückt und beim Lesen der Mensch Gedanken anderer aufnimmt, so liegt das Schreiben natürlich dem Kinde zuerst einmal näher. Dort ein Kind beim Lesen, hier bei der Arbeit an einer Tafel. Montessori spricht ja von der Explosion des Lesens, daß es bei Kindern manchmal in manchen Zeiten ganz plötzlich zu einem großen Interesse am Lesen kommt und die Kinder geradezu von einem Tag zum anderen lesen können. Wir erleben das in der Volksschule auch immer wieder, daß es Kinder von einem Tag zum anderen plötzlich erfaßt haben. Wir wissen oft auch gar nicht, wie das gekommen ist. Manchmal können sie es trotz unserer Methode, manchmal wegen unserer Methode.
Rubitschek berichtet von zwei Buben, die sich an einem Vormittag dranmachten, Wortkarten zu lesen. Der eine war zuerst einmal Helfer, Werner hat Hans immer die Karten geholt und Werner hat so langsam die Karten gelesen und kam immer mehr hinein ins Lesen, und er rief dann auch plötzlich: "Mein Gott, mein Gott, was tun wir denn da, ich werde heute noch ganz verrückt." Der zweite Bub, der zuerst nur Bringer der Karten war, blieb dann plötzlich auch bei ihm stehen und begann auch mitzulesen. Und die zwei Kerle lasen an diesem Vormittag 150 Wortkarten. Und sie waren nachher so richtig fröhlich. Rubitschek sagt: "Werner war vorher die längste Zeit so ziemlich lästig und mühsam in der Klasse. Und nach dieser polarisierenden Tätigkeit war er wie ausgewechselt. Er und Hans wurden intensive Freunde und haben in den nächsten Wochen ganz intensiv und viel miteinander gearbeitet. Und diese Errungenschaft bei beiden regte auch in derselben Woche noch drei andere Kinder an, lesen zu lernen."
Sie haben auch häufig eigene Texte geschrieben. Emma Blank berichtet von solchen Texten, einer war z.B. Mimi schrieb der Leiterin Lilli Rubitschek zu ihrem Geburtstag: "Liebe Lilli, warum hast Du gerade heute Geburtstag, wo ich gar nichts für dich habe? Viele Küsse Elli." Und als Montessori auf Besuch war, schrieb so ein kleines Mädchen: "Liebe Frau Montessori, wie geht es Ihnen? Ich gebe Ihnen eine schöne Karte in den Brief hinein und eine schöne Rechnung. Ich küsse Sie tausendmal. Viele Grüße von Mini." Und als dann die ersten Kinder ins schulpflichtige Alter kamen, stellte sich natürlich auch die Frage nach einem zweiten Raum und auch nach einer schulmäßigen Laufbahn. Sie machten aus der Küche eine Klasse und die Sechsjährigen, die schulpflichtigen Kinder, hatten dort ihren Raum. Es waren aber nicht so viele, so daß sie sich überlegten, was man tun könnte. Man kann nicht mit sieben, acht Kindern eine Montessori-Klasse machen. So haben sie gesagt: "Wir nehmen einfach die Fünfjährigen dazu und diese Fünfjährigen haben die Möglichkeit, auch hier oder in der Gruppe der kleineren Kinder zu sein."
Diese Montessori-Schule ist also ein Beispiel dafür, wie Kinder, Haus und Schule in einem Gebäude vereinigt sind. Sie haben dann später vier Schulstufen in diesem Haus gehabt und das Kinderhaus - alles unter einem Dach. Und das ist es was Montessori eigentlich fordert, nämlich einen einheitlichen Bildungsweg ohne institutionelle Unterbrechung. Idealtypisch wäre das eine Montessori-Schule. Sie nannten es deshalb auch Schule. Montessori-Schule lernen von Anfang an. Prof. Schulz spricht in seinem Buch von einer Gesamtschule anderer Art, weil sich Montessori nicht an Institutionen orientiert, sondern Montessoris andere Gesamtschule orientiert sich am Kind und seiner Entwicklung, hat also ein anthropologisches Organisationsprinzip als Grundlage. Montessori selber sagt:"Bei unserer Methode läßt sich die vorschulische Periode von der schulischen nicht unterscheiden. Das Kinderhaus ist keine Vorbereitung auf die Schule, sondern ein Beginn des Unterrichts, der ohne Unterbrechung fortgesetzt wird."
Das ist auch etwas, was heute nach wie vor aktuell ist. Es ist auch nach wie vor aktuell der Forderung Montessoris nachzukommen, die Jahrgangsklassen aufzulösen. Aber das ist heute auch noch eine große Hürde. In Deutschland weist sich, daß auf Grund der Rückgänge der Schülerzahlen in manchen oder in relativ vielen Schulen die Notwendigkeit besteht, das zu tun, was man tun sollte, nämlich Kinder unterschiedlichen Alters in einer Gruppe beisammen zu haben, weil viele Wirkungen erst dadurch zustandekommen, wenn Menschen unterschiedlichen Alters beisammen sind. Dort, wo man nur alte Menschen in Altersheime steckt, das ist eine ungesunde Welt und so ist es auch in der Schule. Die Jahrgangsklasse ist eine Sache, die man pädagogisch nicht rechtfertigen kann. Wenn Schule aufs Leben vorbereiten möchte, dann müßten Menschen unterschiedlichen Alters beisammen sein. So wie es im Leben ist.
Ja, wenn Sie hier diesen Buben betrachten, der sehr intensiv bei einer Arbeit ist, hier ganz links ist der Bub wiederzusehen.
Hier vorne, die Dame mit dem weißen Kleid, ist die Lehrerin dieser Kinder. Sie hat im Rahmen meiner Nachforschungen zu mir einmal gesagt: "Herr Hammerer kommen Sie nächsten Samstag zu mir. Es sind auch meine Kinder da." Ich kam hin und sie war da und diese Gruppe ihrer Kinder. Das, was ich wirklich schön finde, ist, daß sich zwischen den Lehrerinnen und den Kindern eine sehr enge Beziehung aufgebaut hat. Die Kinder sagen: "Wir haben zu unseren Lehrerinnen eine ganz enge und freundschaftliche Beziehung. Diesen Lehrerinnen haben wir sehr viel zu verdanken für das, wir heute sind."
1924 kam Montessori zum ersten Mal nach Wien auf Besuch. Sie war auf dieser Galerie, die ich gezeigt habe. Hier zusammen mit Lilli Rubitschek. Bei diesen Besuchen hielt sie auch Vorträge. In der Schule waren natürlich alle unglaublich aufgeregt, wenn die Dotoressa kam. Liesl Braun, eine Lehrerin, die ich in New York vor zwei Jahren noch besuchen konnte, sagte mir: "Die Dotoressa kam bei uns gleich nach dem lieben Gott. Wenn die Dotoressa im Raum war, da war sonst nichts da - als sie." Montessori selber war von dieser Schule sehr angetan. Sie sprach von einer Scuola Modella - von einer Modellschule, die hier in Wien aufgebaut wurde. Sie schreibt einmal:" Viele glückliche Umstände sind hier zusammengetroffen. Eine schöne mit Liebe und Sorgfalt bis ins scheinbar unbedeutendste Detail ausgerichtete, ausgedachte Einrichtung. Ein wahres Haus der Kinder. Die Lage der Schule in einem Arbeiterbezirk, die die Gewißheit gibt, daß sie nicht nur die pädagogischen, sondern auch ihre soziale Aufgabe erfüllt, und nicht zuletzt junge, fröhliche, begeistere Menschen, die hier mit großem Einsatz und mit all ihrer Kraft für das Werk des Kindes arbeiten."
Montessori wollte auch in Wien ein Ausbildungszentrum einrichten. Sie hielt in Wien auch einige Vorträge und über einen dieser Vorträge schreibt Frau Genie Schwarzwald, eine Lehrerin, eine Direktorin eines Mädchengymnasiums, die hier anwesend war: "Die Montessori steht zum Kind richtig. Sie glaubt nicht, daß es des Erziehers wegen auf die Welt gekommen ist. Erziehung heißt für sie, einer Rose gestatten, daß sie sich zur Rose entwickle. Alles was Frau Montessori sagt, ist so einleuchtend, daß es der Plumpste einsieht und infolgedessen so bedeutungsvoll, daß der feinste Kopf es wunderbar vertieft findet." Über den Eindruck, den Montessori als Persönlichkeit machte, schreibt sie: "Die Dotoressa Montessori ist schön, man ist froh, wenn man sie sieht. Frieden auf der Stirn, Wahrheit um den Mund. Aus dunklen italienischen Augen voll verdeckten Feuers blickt heiterer Ernst."
Sie schreibt auch: Die Stimmung, die Montessori in einem Saal zu verbreiten vermochte - es herrscht Stille. Aber schon nach wenigen Augenblicken begreift man, daß es jene ist, die zwischen vertrauten Freunden herrscht und nicht die trennende zwischen Fremden. Und nun erkennt man sie auch - das ist jene wunderbare, beinahe hörbare Stille, die die Montessori in ihren Schweigestunden die Kinder zu lehren pflegt. Dann sagt sie ein leises Wort. Sie weiß, daß nur das Leise rührt und fesselt. Wir sind Erwachsene. Sie spricht zu uns als ob wir Kinder wären: Jetzt weiß ich auch, wie sie zu Kindern spricht; als ob sie Erwachsene wären. Das haben die Kinder gern. Sacht setzt sie das Gespräch fort und nun haben wir die Gelegenheit, all jene Eigenschaften an ihr zu bewundern, die sie in den Kindern zu wecken versteht. Mündigheit, Einfachheit, Sachlichkeit. Aber noch sieht sie ernst aus und da macht ihr jemand, einer von jenen, der das Persönliche nie lassen kann, ein Kompliment. Sie lächelt zum ersten Mal wissend, verzeihend, ablehnend, mit der Welt versöhnend. In diesem Lächeln liegt, die Kenntnis aller Unvollkommenheit der Welt, auch der eigenen, die Bitte, nicht überschätzt zu werden. Plötzlich weiß man, hier ist ein Künstler, der den heißesten Wunsch hat, hinter seinem Werk zurückzutreten zu dürfen.
Das war Montessori, wenn man ihr persönlich bei einem Vortrag begegnete. Zwischen Montessori und einzelnen Lehrerinnen in Wien entstand eine enge Beziehung, zum Beispiel mit dieser jungen Frau Liesl Braun. Sie war Musikerin und sie übernahm in der Montessori-Schule die Musik. So um 11.00 Uhr setzte sie sich dann meistens ans Klavier und begann verschiedene Stücke zu spielen. Die Kinder, die eine Arbeit beendet hatten, die hier mitmachen wollten, kamen. Vielleicht haben manche von Ihnen im Saal beim Dia beobachtet, daß da zwei Linien waren. Die Kinder kamen zum Kreis und bewegten sich in diesem Kreis nach dem Rhythmus, den sie mit dem Klavier spielte. Die einzelnen Musikstücke, die sie spielte, hatten eine ganz bestimmte rhythmische Qualität, die die Kinder zu spontanen Bewegungen anregten. Montessori sagt, man muß eine musikalische Umgebung schaffen, um das musikalische Potential zu aktivieren. Kinder drücken Gefühle, die die Musik auslöst, in Bewegung aus.
Hier sieht man nun Arbeit mit Glocken.
Hier sieht man auch das Gehen auf der Linie.
Als Montessori Liesl Braun bei ihrer Arbeit am Klavier sah, sagte sie nachher zu ihr, sie soll nach London kommen und dort den Kurs machen, um dann noch intensiver im Bereich der Musik arbeiten zu können. Liesl Braun ging nach Hause und sagte den Eltern: "Ich möchte nach London, ich möchte dort einen dreimonatigen Ausbildungskurs bei Montessori machen." Die Eltern sagten: "Bist verrückt! Jetzt nimmt sie schon jedes Wochenende das Zeug aus dem Kühlschrank mit, und jetzt soll man ihr noch Geld geben, um nach London zu fahren und den Kurs zu machen. Kommt überhaupt nicht in Frage. Verdiene zuerst einmal selber Geld und dann kannst Du Kurse machen!" Liesl Braun schrieb Montessori: "Ich kann leider nicht kommen, meine Eltern erlauben das nicht." Montessori schrieb zurück: "Ich übernehme die Kosten für diesen Kurs." Liesl Braun konnte nach London fahren und dort den Ausbildungskurs machen. Im Kurs selber durfte sie schon mit den anwesenden anderen Teilnehmern die Übungen zum Gehen und Bewegen auf der Linie nach Musik machen. Liesl Braun entwickelte dann eine ganze Reihe von Musikstücken auch in Anlehnung an das, was Makkaroni schon gemacht hat bei Montessori. In Zusammenarbeit mit Montessori entwickelte sie Musikstücke und auch andere Materialien, die sie z B. in Rom mit den Enkelkindern Montessoris mit Mario und Marilena im Haus von Montessori zeigte. Sie setzte sich dort ans Klavier und die zwei Enkelkinder und andere Kinder bewegten sich nach der Musik. Sie entwickelte dann auch Materialien zum Gehen.
Hier ein begehbares Notenblatt. Montessori war über die Qualität dieser Materialien (hier wird zuerst mit Glocken gearbeitet) sehr angetan. Ich hatte das Glück vor zwei Jahren Liesl Braun und eine andere Montessori Lehrerin im Alter von 90 Jahren noch in New York besuchen zu dürfen und mit ihnen diese Anfänge der Montessori-Pädagogik zu bearbeiten. Es war für mich wirklich ein ganz großes Erlebnis mit diesen Frauen zu arbeiten, die sich bis ins hohe Alter ein unglaublich positives Bild vom Kind bewahrt haben. Da sagt man sich als Lehrer: "Mein Gott, wenn ich mir das nur eine bestimmte Zeit erhalten kann, diese positive Sicht, diesen pädagogischen Optimismus."
Liesl Braun kam nach dem Kurs nach Wien zurück, hat hier in der Montessori-Schule die Musik weitergemacht und bekam dann einen Brief aus Indien von einer Kollegin, von der Kitischiwerau, einer Wiener Montessori-Lehrerin, die in Indien eine Montessori-Schule aufbaute. Sie sagte: "Du mußt unbedingt nach Indien kommen. In Indien ist ein so großer Bedarf an Montessori-Schulen und wir sollen gerade eine Schule aufbauen. Das könntest Du übernehmen.
Montessori hatte aber zu dieser Zeit vor, in Wien dieses Ausbildungszentrum zu gründen und hier hätte Liesl Braun in der Musik einen wesentlichen Beitrag leisten sollen und so kam sie in große Gewissensnöte - "Soll ich nach Indien oder soll ich hier bleiben, um hier mitzuhelfen?" Sie ging nach Indien. Montessori war ihr da zuerst sehr böse. Das ist die Schule, die sie in Indien aufbaute. Hier sieht man auch schon, was für eine Tradition wir hier in Österreich haben und welche Bedeutung einzelne Frauen doch in dieser Montessori-Pädagogik spielten. Ich könnte von einer anderen Frau, von Betty Prager, erzählen, die von Montessori das Angebot bekam, sie als Dolmetscherin auf ihren Reisen zu begleiten. Hier eines der indischen Kinder mit dem rosa Turm.
Ja, das ist so der Stolz von Liesl Braun: Karten, die ihr Montessori schrieb. Sie hatte mit Montessori einen engeren Briefkontakt. Montessori war auch Patin ihres Kindes Hedi-Maria (Maria zu Ehren von Dotoressa Montessori). Hier ein Brief von Mario Montessori, wo Maria Montessori dann handschriftlich noch besonders für die kleine Hedi-Maria etwas dazuschrieb.
Ganz besonders stolz war sie auf diesen Brief, den Montessori ihr selber überreichte und zwar in Indien. Sie schreibt: "Liesl Braun war meine Schülerin seit 1920, sie arbeitete in meinen Schulen in Österreich und Indien und sie war meine Mitarbeiterin bei der Ausarbeitung eines Buches mit Märschen und anderen Musikstücken, die für kleine Kinder geeignet sind. Während der schweren Zeit,die alle durchzustehen hatten, die in Opposition zum Faschismus und Nationalsozialismus standen, behielt sie den Optimismus bei und auch die Sanftheit und Gelassenheit, zu der nur die Tapfersten fähig sind. Bei ihrer Arbeit mit den Kindern, zeigte sie sich als außergewöhnliche Lehrerin, sie ermöglichte den Kindern Freiheit. Friedvolle Freude durchdrang die Klassen, die sie führte, ich bin stolz, daß ich sie nicht nur meine Schülerin und Mitarbeiterin, sondern auch Freundin nennen darf. Ich bin sicher, sie wird in jedem Land, in das sie kommt, eine wertvolle Bereicherung sein."
Das soll uns zeigen, welche Beziehungen es hier von Montessori persönlich zur österreichischen Montessori-Bewegung gab. Und das ist Liesl Braun im Alter von 90 Jahren und sie hatte noch täglich zwischen fünf und acht Klavierstudenten, denen sie Unterricht erteilte und zwischendurch durfte ich am Boden nach ihren Märschen, die sie am Klavier spielte hüpfen, hopsen usw. aber es war mir eine große Ehre.
1930 bekamen diese jungen Leute die Möglichkeit in Wien am Rudolfsplatz ein völlig neues Kinderhaus zu bauen, und zwar zusammen mit dem Architekten Franz Schuster. Er hatte ein Kind in der Montessori-Schule in der Troststraße. Zwei Jahre setzten sich die Lehrerinnen vierzehntägig zusammen und planten und planten und planten. Jede Türschnalle, jeder Klodeckel, jeder Lichtschalter, alles wurde genau abgestimmt auf die Maße der Kinder, jede Schwelle bei einer Stiege wurde genau auf die Maße der Kinder abgestimmt. So entstand dort architektonisch ein Modell eines Kinderhauses, von dem wir uns auch heute noch so manches abschauen können, z.B. waren die Garderoben so groß, daß sich Kinder tatsächlich umziehen konnten, und nicht zusammengepfercht waren. Jedes Kind hatte einen extra Kleiderbügel, um seine Kleidung aufzuhängen. Es war hier ein Spiegel, wo das Kind vor dem Spiegel die Knöpfe zumachen konnte. Es war hier auf diesem Podest eine Hilfe, daß das Kind die Schuhe anziehen konnte. Es gab eine Terrasse, eine Veranda, wo man hinaus konnte. Es gab auch angeschlossen an den Gruppenraum einen Werkraum. Kinder konnten dann werken, wenn ihnen zum Werken war und nicht alle kollektiv werkten.
In diesem Kinderhaus war unter anderem auch einer, der sich sehr viel in diesem Werkraum aufhielt, nämlich Friedensreich Hundertwasser. Und dieser kleine Fritz Stowasser ging immer wieder in diesen Raum und malte und werkte und arbeitete, ein Jahr später ging er dann in der Großen Torgasse in die Montessori-Schule, weil hier dieses Gebäude ganz fürs Kinderhaus benötigt wurde und auch in der Montessori-Schule werkte er, schlug Nägel ein, malte. Nach einem Jahr nahm ihn die Mutter heraus aus dieser Montessori-Schule, weil in den Elternbriefen stand, daß er ein unglaublich kreatives Kind sei und sich sehr viel in der Werkstätte aufhielt und sehr gute Arbeit leistete und auch außerordentlich konzentriert dort arbeiten könne. Die Mutter dachte, naja aber was ist denn das schon, aus dem wird da nichts anderes als vielleicht einmal ein besserer Korbflechter. Aber eigentlich hab ich gedacht, der soll doch lesen und schreiben lernen. Nein, er malte und wie sich heute zeigt, war es gar nicht so schlecht.
Ja, hier Kinder bei der Arbeit im Werkraum. Malarbeiten - das war nicht Friedensreich Hundertwasser. Eine Besonderheit in der Wiener Montessori-Schule war das freie Zeichnen. Sie kooperierten mit der Malschule von Franz Tschischek und führten hier die Lehrerinnen ins freie Malen ein. Montessori hatte zum freien Malen ein etwas distanziertes Verhältnis. Sie schreibt aber in einem Nachruf über eine der Ausbildnerinnen äußerst positiv über die Arbeit, die diese Frau hier geleistet hat - das Werke aus dem Bildnerischen. Das gefiel Montessori gut.
Hier in diesem Modellkinderhaus - wieder die Kinder beim Auftischen. Bei der Eröffnung 1930 war Montessori auch da, und hier wurde zum ersten Mal auch eine Radiosendung ausgestrahlt. Da wird berichtet, ein Reporter sei da gewesen und habe ein Kind, das beim Abwaschen war, gefragt und zu ihm gesagt: "Ja, das finde ich aber ganz interessant, daß da auch Buben aufwaschen müssen." Da sagt der Bub zu ihm: "Müssen tun wir nicht, aber alle, die wollen, dürfen."
Ja, hier eine Lektion beim Türöffnen. Das Interesse an der Montessori-Pädagogik nahm natürlich durch diese Modellschulen sehr zu und Rubitschek machte auch einen Ausbildungskurs. An diesem Ausbildungskurs 1930 nahmen unter anderem Erik Erikson und Tina Bettelheim, die Frau von Bruno Bettelheim teil. Es war damals eine unglaublich interessante Zeit. Sehr viele Leute aus verschiedenen Bereichen interessierten sich für die Montessori-Pädagogik.
Hier Bilder, die sehr geeignet sind zum Studium der Polarisation der Aufmerksamkeit. Das war Dugli Hammerschlag, die die Lehrerin ins freie Zeichnen einführte und über die Montessori dann sehr positiv schreibt. Sie lud sie nach Mailand ein, bei einem Ausbildungskurs das Werken und das bildnerische Gestalten zu übernehmen.
Das ist auch eine dieser alten Damen, die die Werkstatt am Rudolfsplatz leiteten. Äußerst interessant in dieser Wiener Montessori-Zeit ist auch die Zusammenarbeit mit anderen Bewegungen z.B. mit der Rhythmikschule Helero Laxemburg. Diese Rhythmikschule kam von Dresden nach Wien und hier suchten die Montessori-Lehrerinnen die enge Zusammenarbeit mit den Rhythmikerinnen. Sie kamen regelmäßig ins Montessori-Kinderhaus und machten hier mit den Kindern rhythmische Arbeit.
Ebenfalls sehr interessant ist die Zusammenarbeit mit Anna Freud. Anna Freud hat in den 30-er Jahren am Rudolfsplatz eine Gruppe für ganz kleine Kinder eingerichtet, aber nicht direkt nach Montessori, sondern sie machte dort mit Dorothy Burlingham Untersuchungen mit diesen Kindern. Sie arbeitete aber mit den Montessorianerinnen eng zusammen. Alle 14 Tage trafen sich die Montessori-Lehrerinnen aus Wien. Es war eine Gruppe von etwa 20 Leuten mit Anna Freud in der Berggasse, und sie hatten jeweils die Aufgabe ganz bestimmte Dinge bei Kindern zu beobachten. Sie beobachteten, schrieben das auf und brachten es in diesen Sitzungen ein.
Ich habe z.B. von einer Lehrerin in Basel noch Unterlagen bekommen. Ein Protokoll, wo es um stehlende Kinder ging. Die Lehrerinnen haben berichtet, wie sich das bei den Kindern zeigt. Anna Freud hat ihnen Hilfen angeboten. Es war also eine Zeit, in der die Wiener Montessori-Lehrerinnen mit den verschiedensten anderen Bewegungen zusammenarbeiteten.
Rubitschek wollte auch Montessori mit Anna Freud in Verbindung bringen. Sie kamen auch zusammen. Anna Freud schreibt auch in einem Vorwort der Rita Kramer sehr, sehr wohlwollende Worte über die Montessori-Pädagogik, aber so wirklich konnten die zwei Frauen nicht miteinander. Lilli Rubitschek, die auch Mitglied der Psychoanalytischen Gesellschaft war, hat sich dann im Lauf der Jahre auch stärker der psychoanalytischen Bewegung zugewandt.
Es gab neben diesem Kinderhaus auch eine Reihe von anderen Kindergärten in Wien, die nach Montessori geführt wurden. Architektonisch auch ganz interessant ist dieses Kinderhaus im Goethe Hof. Da hinten, das braune Quadrat, das ist ein Garten im Gruppenraum. Blumen- und Pflanzenkistchen wurden da in den Boden eingelassen. Die Kinder konnten auf kleinen Wegen im Raum drinnen gehen und die Blumen und Pflanzen pflegen. Hier sieht man die Kinder bei der Arbeit im Garten im Haus. Auch hier war ein sehr bekannter Wiener, nämlich hier links lesender Weise der Komponist und Musiker Georg Eisler. Hier sieht man ihn beim Abwaschen.
Auch außerhalb von Wien entstanden in dieser Zeit Einrichtungen. Es entstand in Eisenstadt im jüdischen Viertel eine Montessori-Schule. Es entstand in Wiener Neustadt eine Montessori- Schule, in Marienthal ein Montessori-Kinderhaus. Es verbreitete sich die Montessori-Pädagogik in diesen Jahren nicht nur in Wien, aber aufgrund der politischen Situation in Österreich schwerpunktmäßig in Wien und Umgebung.
In der Grüllentorgasse richtete Emma Blank mit Trude Weinfeld, der ersten Frau von Bruno Bettelheim, die erste Montessori-Schule ein und zwar in einer öffentlichen Schule. Die Montessori-Arbeit wurde in der ersten und zweiten Klasse, sowie dritten und vierten Klasse jahrgangsübergreifend gemacht.
Hier Emma Blank bei der Arbeit mit einem Kind. Hier ein Bub mit einem Rechenrahmen. Ich konnte aus Amerika noch einige dieser Materialien aus dieser Zeit mitbringen. Hier ein Bub - er ist inzwischen Medizinalrat. Ich hab mit ihm gesprochen, und er hat gesagt, er hat in der Montessori- Schule alle vier Jahr nicht gewußt, in welcher Klasse er sei. Er hat gesagt, für ihn war nur am Sonntag wichtig, daß bald der Montag kommt, daß er wieder da hin kann.
1938 nahm die Montessori-Pädagogik ein jähes Ende und wenn wir uns vorstellen, was aus dieser Idee geworden wäre, vielleicht heute, wenn sie nicht unterbrochen worden wäre. Es dauerte dann eben bis 1950/51 als Montessori hier mit ihrem Sohn Mario in Tirol wieder einen Ausbildungskurs machte. Das war die zweite Epoche und in der dritten stehen wir mitten drin. Das, was sich hier in diesen Tagen abspielt, das gibt Mut und Zuversicht, daß wir die Geschichte der Pädagogik, daß wir aus der Tradition der österreichischen Montessori-Pädagogik einiges übernehmen und in eine gute Zukunft leiten können.
Prof. Dr. Franz Hammerer
Geb. 1956; Lehramtsprüfung für Volksschulen, Studium der Pädagogik, Sonder- und Heilpädagogik; von 1978-84 Volksschullehrer in Vorarlberg, von 1984-93 Lehrer an der Übungsvolksschule, seit 1993 Professor für Grundschuldidaktik und Unterrichtswissenschaft an der Pädagogischen Akademie der Erzdiözese Wien. Referent des Österreichischen Bundesverbandes für Montessori-Pädagogik, Mitglied der Dozentenkonferenz der Montessori-Vereinigung e.V., mit Sitz in Aachen.
Quelle:
Franz Hammerer: Zu den Anfängen der Montessori-Pädagogik in Österreich
Erschienen in: Mit Kindern wachsen, NÖ Montessori-Werkstatt 18.-20. April 1996, Emmersdorf an der Donau, NÖ Schriften 101/Dokumentation, Neulengbach, Dezember 1997, ISBN 3-85006-093-4
Stand: 12.06.2006