Zu den Anfängen der Montessori-Pädagogik in Österreich

AutorIn: Franz Hammerer
Themenbereiche: Schule
Textsorte: Referat
Releaseinfo: erschienen in: Mit Kindern wachsen. NÖ Montessori-Werkstatt 18.-20. April 1996, Emmersdorf an der Donau, NÖ Schriften 101/Dokumentation, Neulengbach, Dezember 1997, ISBN 3-85006-093-4. Eröffnungsreferat zur "NÖ Montessori-Werkstatt 1996". Überarbeitete Abschrift der freien Rede.
Copyright: Franz Hammerer 1997

Einleitung

Ich bedanke mich recht herzlich für die Einladung zu dieser imposanten Tagung. Allen ein herzliches Willkommen!

Ich meine, dass diese Tagung auch eine Demonstration für die Aktualität der Montessori-Pädagogik und ein deutliches Zeichen dafür ist, dass sehr viele Pädagoginnen und Pädagogen gewillt sind, dieses Jahrhundert doch noch zu einem Jahrhundert des Kindes werden zu lassen, wie Ellen Key am Anfang dieses Jahrhunderts gefordert hat. Diese Tagung unter dem Motto „Mit Kindern wachsen“ ist dafür zweifellos ein Zeichen.

Nun gibt es doch aber auch Skeptiker gegenüber der Montessori-Pädagogik und Leute, die meinen, es handle sich hier vielleicht bloß um eine kurzlebige Modewelle, um eine neue Sache, die in Kürze wieder abflauen wird. Aber da meine ich, dass ich vielleicht heute einen Beitrag dazu leisten kann, dies zu widerlegen. Die Montessori-Pädagogik ist in Österreich nichts Neues, keine neue Bewegung, sondern kann auf eine große Tradition verweisen. Eine Tradition zwar, an der wir nicht direkt anknüpfen können, aber ein Stück Schulgeschichte, ein Stück österreichische Schulgeschichte, die auch der heutigen Montessori-Bewegung Rückhalt und Impulse geben kann. Ich denke, es ist gut zu wissen und tut uns in vielen Diskussionen auch wohl, wenn man sagen kann, ja, es gab in Österreich schon einmal eine Hochblüte der Montessori-Pädagogik, es gibt eine Montessori-Tradition in Österreich und auf die möchte ich heute eingehen, besonders auf den ersten Abschnitt Montessori-Pädagogik in Österreich in den 20er und 30er Jahren.

Drei wichtige Epochen in Österreich

Insgesamt lässt sich die Montessori-Bewegung in Österreich in drei große Abschnitte teilen. Der erste Abschnitt reicht von etwa 1917 bis 1938. Damals erlebte die Montessori-Pädagogik besonders in Wien eine Hochblüte.

1938 wurde die Montessori-Pädagogik in Österreich wie auch in anderen Ländern verboten. In Wien waren es viele jüdische Montessori-Pädagoginnen, die in die Emigration gehen mussten und nach dem Krieg nicht mehr zurück kamen, sodass in Österreich 1938 die erste Epoche ein jähes Ende fand. Es dauerte dann bis 1951, als auf Initiative der Montessori-Pädagogin Maria Josepha Retter – sie leitete ab 1930 in Innsbruck zusammen mit ihrer Schwester ein Kinderhaus – in Zusammenarbeit mit Dr. Agnes Niegl, im Unterrichtsministerium zuständig für die Kindergärten, mit einem internationalen Montessori-Ausbildungskurs in Innsbruck ein Neustart versucht wurde.

In Deutschland war das etwas anders, dort hatte die Montessori-Bewegung nach 1945 mit Helene Helming, um die sich mit Günter Schulz-Benesch und anderen eine Gruppe bildete, eine höchst engagierte Montessori-Pädagogin, die gleich nach dem Krieg mit dem Wiederauf der Montessori-Pädagogik begann. Dieses Glück hatten wir in Österreich nicht. Erst 1951 kam es zur bereits erwähnten Initiative in Tirol. Dort eröffnete Maria Montessori 1951 ihren letzten internationalen Ausbildungskurs, ihr Sohn Mario war damals als Referent dabei. Auf diesem Ausbildungskurs sollte aus Forschungsründen insofern ein besonderes Augenmerk geworfen werden, da ich mir erhoffe, über heute noch lebende Kursteilnehmerinnen mehr über das, was sich von dort aus bewegte, erfahren zu können. Montessori weilte damals im Landhaus Beck in Igls und führte u.a. Gespräche mit E. Mortimer Standing, dem langjährigen Wegbegleiter und Verfasser einer wichtigen Montessori-Biografie. Damals ging es in den Gesprächen unter anderem um Montessoris Haltung zur religiösen Erziehung und zur Kirche. Hier darf ich auch gleich auf ein Buch von Prof. Güter Schulz-Benesch hinweisen, das erst vor kurzem erschienen ist: "Gott und das Kind". In diesem Buch sind diese Gespräche, die Montessori mit Standing führte, aufgezeichnet. Es sind außerordentlich interessante und auch brisante Aussagen, die Montessori damals machte.

Das, was doch etwas verwunderlich ist, ist die Tatsache, dass aus diesem Ausbildungskurs keine größere Bewegung entstand. Es wurde zwar damals zwar wieder eine Montessori-Gesellschaft gegründet (Leitung Prof. Richard Strohal von der Universität Innsbruck), es gab auch einige Jahre eine Zeitschrift, aber es entwickelte sich daraus, jedenfalls wie ich das heute sehe, keine größere Bewegung. Maria Josefa Retter organisierte im August 1954 im Namen der Österreichischen Montessori-Gesellschaft eine Gedenkfeier in Innsbruck (Maria Montessori feierte am 30. August 1951 in Innsbruck ihren 80. Geburtstag). Zu diesem Anlass lud sie Dr. Mario Montessori und seine Frau Ada ein, ebenso Frau Sorge, die den Kurs in Innsbruck wesentlich gestaltet hatte, und Dr. Paul Scheid von der Deutschen Montessori-Gesellschaft. Ebenfalls sollte zu diesem Anlass ein Treffen des Bozener-Montessori-Ausbildungskurses mit österreichischen Kolleginnen stattfinden.

Auf Initiative der Österreichischen Montessori-Gesellschaft fand unter Leitung von Prof. Joosten im Juli 1957 ein Mathematik-Kurs statt, von dem Johann Hofmair, er führte bereits 1921 in Wartberg ob der Aist/Oberösterreich eine offiziell zugelassene Montessori-Versuchsklasse, schreibt: „Der Montessori-Kurs 1957 in Rotholz in Tirol über Rechnen vermittelte in 12 Tagen intensivster Arbeit einen Einblick in den logischen Aufbau des Materials, das es den Kindern wirklich ermöglicht, selbsttägig und selbstständig sich im Rechnen auszubilden. Die enge Mitarbeiterin Montessoris und derzeitige Sekretärin der Association Montessori Internationale in Amsterdam, Frau Prof. Joosten, verstand es ausgezeichnet, alle Fragen in ihren Vorträgen und Vorführungen zu klären.

Dr. Mario Montessori hielt über die AMI in den 50er Jahren persönlich Kontakt mit MR Dr. Peter vom Unterrichtsministerium, Dr. Agnes Niegl und mit der Österreichischen Montessori-Gesellschaft und war interessiert, an der Verbreitung der Montessori-Pädagogik in Österreich mitzuwirken. Die Teilnahme von Prof. Richard Strohal am internationalen Montessori-Kongress in Bad Godesberg weist darauf hin, dass die Österreichische Montessori-Gesellschaft auch 1960 noch bestand. Es scheint, dass die Initiativen der 50er Jahre sich in den 60er Jahren verliefen, und auch für die erste Hälfte der 70er Jahre finden sich derzeit keine dokumentierten Aktivitäten.

Erst Ende der 70er Jahre begann in Salzburg mit Inge Strotzka, Ulli Margreiter und Dr. Willi Weinhäupl in Zusammenarbeit mit dem PI Salzburg unter Leitung von Dr. Herbert Haberl eine neue Ära. Die VS Liefering wurde zu einer Modellschule und über das PI Salzburg wurden Kurse zur „Freien Arbeit“ angeboten, die 1990 in einen ersten Montessori-Kurs mündeten. Anfang der 80er Jahre gab es erste Initiativen in Vorarlberg (Prof. Dr. Eleonore Zlabinger, Prof. Dr. Leopold Kratochwil, Franz Hammerer – 1981 Gründung der Arbeitsgruppe Freie Lernphase), die 1985 zu einem mehrtägigen Montessori-Einführungskurs durch Prof. Hildegard Holtstiege und Dr. Thielkes führten. In Wien war es vor allem Prof. Dr. Harald Eichelberger, der in dieser Zeit die Montessori-Pädagogik vorantrieb.

In den 80er Jahren entstand eine ganze Reihe an Initiativen. Es wurden Montessori-Vereine gegründet, die zum größten Teil im Österreichischen Bundesverband für Montessori-Pädagogik zusammengeschlossen sind. In den letzten Jahren, also in den 90er Jahren, hat durch die enorme Aktualität der Montessori-Pädagogik auch die Vielfalt der Ausbildungen und der Tendenzen innerhalb der Montessori-Pädagogik zugenommen. Manche meinen, es sei geradezu zu einer Unüberschaubarkeit gekommen. In dieser Vielfalt gibt es auch in Wien, so kann man das vielleicht sagen, eine Tendenz zu einer Montessori-Inflation. Da müssen wir in Zukunft in Bezug auf eine mögliche Verflachung etwas achtgeben. Ich denke aber einerseits, dass eine gewisse Vielfalt in der Entwicklung gut ist, andererseits müssen wir aber auch um eine Einheitlichkeit ringen, um eine gemeinsame Orientierung an den pädagogischen Wurzeln, wenn die derzeitige Bewegung über längere Zeit Bestand haben soll. Aber wenn man an einer Tagung wie dieser teilnimmt, dann kann man diesbezüglich sehr hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Diese Tagung ist zweifellos ein Beispiel dafür, dass die vielfältigen Montessori-Initiativen in Österreich an bestimmten Orten (wie etwa auch bei den Krimmler Montessori-Tagen) gut zusammenzuführen und zusammenzubringen sind.

Ich möchte mich heute in meinem Vortrag schwerpunktmäßig auf die erste Epoche konzentrieren. Wenn ich den Beginn der Montessori-Pädagogik in Österreich mit 1917 ansetze, so stimmt das nur bedingt, denn einzelne Kindergärtnerinnen sind auch schon früher auf die Werke Montessoris gestoßen und haben Elemente in ihre Kindergartenarbeit übertragen. So schreibt zum Beispiel eine Kindergärtnerin aus St. Pölten, sie habe sich bereits 1910 mit den Sinnesmaterialien beschäftigt und diese Sinnesmaterialien in ihrem Kindergarten eingesetzt. Und solche Einzelpersonen dürfte es eine ganze Reihe gegeben haben, aber es ist schwer, daraus jetzt schon eine Bewegung abzuleiten.

1917 gab es jedoch in Wien eine entscheidende Initiative und zwar jene, die vom Orden der Franziskanerinnen, die in der Leystraße in Wien einen Kindergarten führten, ausging. Und zwar hatte Montessori in Rom über Vorträge Franziskanerinnen in die Montessori-Pädagogik eingeführt, hier waren auch zwei Schwestern aus Wien dabei. In Mailand machten diese dann eine Ausbildung, und so konnten sie eine Gruppe in diesem Kindergarten in der Leystraße ganz nach Montessori führen, die anderen nach Fröbel. 1923 wurde vom Orden in Wien noch ein zweiter Kindergarten, ein zweites Kinderhaus, gegründet, welches ganz im Sinne Montessoris geführt wurde.

Nun, wenn man dann die Geschichte in Wien, auch die politische Geschichte, weiter verfolgt, so fällt auf, dass sich in den 20er Jahren, als sich in Wien die sozialistische Seite für die Montessori-Pädagogik engagierte, die Kirche eher wieder aus der Montessori-Pädagogik zurückzog, obwohl hier die Franziskanerinnen einen ersten und bedeutsamen Schritt setzten. Aus der Geschichte könnten wir lernen, dass sich nicht, indem sich eine Seite einer Sache besonders annimmt, die andere wieder zurückzieht. Und dass auch keine Seite Montessori für sich „pachten kann“ und vereinnahmen darf.

Die Anfänge – Montessori-Schule Wien 10, Troststraße

1920 kam die junge Frau Lili Roubiczek von Prag nach Wien. Sie studierte in Wien bei Karl und Charlotte Bühler und ging 1920 nach London, um dort bei Montessori einen Ausbildungskurs zu absolvieren. Bei diesem Kurs waren u.a. auch der Australier Lawrence Benjamin und die Engländerin Margreth Priestman. Diese drei setzten sich in London mit Montessori zusammen und überlegten Möglichkeiten, in Wien eine Montessori-Schule zu gründen. Montessori selber stand diesem Anliegen sehr positiv gegenüber, Lawrence Benjamin war bereits bei einer Quäker-Hilfsaktion nach dem ersten Weltkrieg in Wien und mit großem Enthusiasmus sagte er: "Wien, das ist eine Stadt, in der müsste doch diese neue Erziehung durchzuführen sein. Wien ist im Aufbruch, hier sollte man unbedingt etwas tun." Und sie bekamen dann von der Stadt Wien ein Gebäude, das sogenannte Zita-Heim in der Troststraße im 10. Bezirk. In diesem Gebäude konnten sie die erste Montessori-Schule in Österreich aufbauen. Ich verweise hier auf den Begriff Montessori-Schule. Obwohl es am Anfang ein Kinderhaus war, nannten sie es von Anfang an Schule. Ich komme dann noch auf die Bedeutung dieser Sache zurück.

(Diaeinblendungen ab Beginn des nächsten Absatzes)

Das hier war das Gebäude, in dem Lili Roubiczek mit Lawrence Benjamin und Margreth Priestman die Montessori-Schule eröffnen konnte. Hier gab es einen großen Saal, eine Küche, ein Büro, eine Veranda und den Garten. Wir wissen alle, welche Bedeutung die vorbereitete Umgebung für die Entwicklung des Kindes hat. Denken wir daran, was Peter Petersen sagte: "Der Raum im Kleinen hat seelenformende Kraft wie der Raum im Großen." Also die Räume, die wir Kindern zur Verfügung stellen, die wir Kinder vorbereiten, haben seelenformende Kraft. In diesem Sinne ging Roubiczek auch daran, dieses Gebäude herzurichten. Es gab hier diese Veranda, von der Roubiczek sagt, dass sie für sie etwas ganz Besonderes sei – eine Veranda hat den Vorteil eines Gartens, aber gleichzeitig auch der Geschlossenheit. Sie schreibt: "Die Terrasse, die Veranda, gibt die Ruhe des begrenzten Raumes und doch die Gelöstheit, die wir im Freien empfinden."

Interessant ist auch, wie dieser Garten gestaltet wurde. Es gab hier verschiedene Wege, welche, die eher für die kleinen Kinder geeignet waren, die eher einen kleineren Radius hatten, um schnell auch wieder zurück zur Lehrerin zu kommen. Für die Größeren waren weite Spuren gelegt, sodass sie sich auch in einer größeren Entfernung zu den Erzieherinnen aufhalten konnten. Also auch der Garten, hier zu sehen mit einem kleinen Wasserbecken, war eine Welt für Kinder, mit schmalen und breiteren Wegen. Dieses Bild zeigt den großen Saal. Für die Einrichtung mussten die jungen Pädagoginnen und Pädagogen selber aufkommen. Das Gebäude stellte ihnen die Stadt Wien zur Verfügung, aber die Möbel und die anderen Dinge im Raum, die mussten sie selber besorgen. Sie hatten das Glück, in der Nachbarschaft einen tschechischen Tischler zu haben, und dieser Tischler machte ihnen die Möbel, die sie brauchten. Und Lawrence Benjamin, das war ein ganz engagierter Kerl, der fuhr nach Mailand und besorgte dort zum Beispiel sehr schöne Stoffe für die Vorhänge oder nach Berlin, um gewisse Materialen zu holen. Dort hatten sie auch eine Partnerschule, die von Elsa Ochs geleitet wurde. Von ihr bekamen sie sozusagen als Einstiegsgeschenk Geschirr für die Übungen des täglichen Lebens (Bauhaus-Design!)..

Die Wiener Montessori-Gruppe versuchte von Anfang an, Dinge im Raum sehr schön zu gestalten. Roubiczek schreibt: "Wir fordern einen schönen Raum und schöne Gegenstände, weil schöne Dinge uns einladen sie zu gebrauchen." Und es ist, wenn man Kindern die Dinge schön gestaltet, so, als ob das Kind mit den Dingen Freundschaft schließen könnte. Mit den kleinsten Dingen im Raum sollte das Kind Freundschaft schließen können, und wenn diese Freundschaft eine anhaltende sein soll, dann müssen die Dinge im Raum auch haltbar sein. Sie müssen schön sein, sie müssen dem Merkmal der Ästhetik entsprechen. Hier sieht man diese kleinen, auf die körperlichen Maße und Kräfte der Kinder angepassten Möbel im Saal, oben eine Galerie für Besucher. Auf dieser Galerie saß dann auch Montessori, wenn sie in Wien auf Besuch war. Von hier aus konnten auch Eltern und andere Interessiert die Arbeit mit den Kindern beobachten. Roubiczek schreibt, dass sie einmal erlebte, dass eine Besucherin sagte: "Mei, wie sind diese Möbel aber da unten schön klein." Roubiczek sagte zu dieser Frau: "Diese Möbel da unten sind überhaupt nicht schön klein, sind etwa Ihre Möbel in Ihrer Wohnung schön groß? Nein, diese Möbel sind den Kindern angepasst, sie sind den körperlichen Kräften und Maßen der Kinder angepasst."

Hier sehen wir das Bild mit der ganzen Gruppe der jungen, engagierten Frauen. Im ersten Jahr waren es so fünf bis sieben Pädagoginnen. Roubiczek war die älteste, sie war damals 24 Jahre alt, die anderen waren alle jünger, zwischen 18 und 20 Jahren. Sie hatten damals eine ähnliche Zeit, wie wir sie auch heute haben. Sie wären zum Teil gerne in den Lehrberuf eingestiegen, aber die Aussichten waren nicht besonders gut, um sehr schnell eine Stelle zu bekommen. Emma Plank erzählte mir, sie sei damals mit der Lehrerinnen-Ausbildung fertig geworden und hörte dann, dass es im 10. Bezirk ein Montessori-Kinderhaus geben soll. Sie berichtet: "Wir gingen hinaus und haben zu Lili Roubiczek gesagt, dass wir uns sehr gern ausbilden lassen möchten. Und da hat Lili uns mitgeteilt: ‚Ja wenn ihr die Küche übernehmt, so verspreche ich euch eine Ausbildung im Laufe der Jahre und ihr könnt auch hier wohnen.‘ Wir haben hier auch eine kleine Arbeitsgemeinschaft." Also wer hier an der Montessori-Schule mitarbeiten wollte, musste zuerst seine pädagogischen Ambitionen etwas zurückstellen und Hand anlegen. Es musste so etwas wie ein praktisches Jahr absolviert werden. Und jetzt komme ich auf die Ausbildung zu sprechen, die Roubiczek von ihren Mitarbeiterinnen forderte bzw. ihnen ermöglichte.

Es war eine dreifache Ausbildung:

  1. eine praktische Ausbildung

  2. eine soziale Ausbildung

  3. eine wissenschaftliche Ausbildung

Um zur praktischen Ausbildung zugelassen zu werden, musste man zuerst seine pädagogischen Pläne zurückstellen und bei allen Arbeiten, die es da in der Schule gab, mithelfen und sich bewähren. Und je nach Eignung erhielt man dann nach einigen Wochen einen bestimmten Arbeitsbereich zugewiesen: entweder die Küche, die Bibliothek, andere Hausarbeit, pädagogische Assistenz, Körperpflege der Kinder usw. Es waren am Anfang 25 Kinder im Alter von zweieinhalb bis vier Jahren im Montessori-Kinderhaus.

Der zweite Aspekt, den Roubiczek für sehr wichtig hielt, war der soziale. Sie schreibt: "Junge Erzieherinnen, Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen brauchen eine starke Lebensfreude und einen Gemeinschaftssinn. Sie müssen Feinfühligkeit und Hingabe besitzen." Und dieses Gemeinschaftsleben, so meint sie, das muss man auch miteinander leben, damit man es glaubhaft den Kindern übertragen kann. Wenn man den Geist des sozialen Lebens, eines Gemeinschaftslebens, weitergeben will, dann muss das auch innerhalb der Gemeinschaft der Lehrerinnen gepflegt werden.

Und so hatten sie in dem Kinderhaus, wie in jenem, das Montessori in San Lorenzo in Rom – in einem Arbeiterbezirk – gründete, sehr viele Kinder aus armen Familien. Hier hätte es Roubiczek nicht für angebracht befunden, wenn die Kolleginnen vom 1. Bezirk oder von anderen Innenbezirken täglich hinausgefahren wären in den 10. Bezirk und wieder zurück nach Hause, in die doch etwas andere Welt. Man musste auch, so Emma Plank, wenn ein Kind kam und sagte "Du wir haben ein Baby bekommen.", antworten können: "Ja ich komme, ich schau mir das Baby an." Auf diese Weise sollte hier ein besonderes soziales Leben, ein Gemeinschaftsleben entstehen.

Der dritte Bereich war die wissenschaftliche Ausbildung. Da können wir uns auch heute noch Einiges abschauen, was diese jungen Frauen sich damals angetan haben. Sie saßen mehrmals in der Woche am Abend zusammen, lasen die Werke Montessoris, und zwar in Italienisch. Sie eigneten sich die italienische Sprache an, um u.a. später Montessori bei einem Ausbildungskurs verstehen zu können. Also sie lasen die Werke Montessoris und Roubiczek, die den Ausbildungskurs bereits absolviert hatte, gab ihnen Einführungen in die Materialien. Die Kolleginnen hatten während der Woche auch ganz bestimmte Beobachtungsaufträge bei den Kindern. Über die gemachten Beobachtungen und die Tagebücher, die für jedes Kind geführt wurden, wurde ebenfalls am Abend gesprochen. Es gab aber auch Einführungen in andere pädagogische und didaktische Bereiche, wie etwa die rhythmische Erziehung oder die Kunsterziehung.

Was sehr interessant ist: Roubiczek empfahl zur Schulung des Auges für die kleinen Dinge im Rahmen der Beobachtung von Kindern allen Mitarbeiterinnen den Besuch eines Mikroskopierkurses am Biologieinstitut der Universität. Sie orientierte sich hier an den Schriften Montessoris und ihrem Vorschlag: "Um das Auge fürs Detail zu schulen, um das Auge zu schulen für die feinen Bewegungen des Lebens, ist das Mikroskopieren eine sehr geeignete Übung.“ Wer nämlich an einem Mikroskop zu schnell herumdreht, sieht gar nichts. Man muss der Sache langsam nachgehen. Man muss sich auf die Sache einstellen, damit sich die Sache eröffnen kann. Wer hier schnell dreht, sieht unter Umständen bei einem Wasserfloh nichts anderes als irgendwelche Fäden. „Wer aber der Sache nachgeht, kann unter Umständen das Herz eines Wasserflohs schlagen sehen", so Emma Plank. Und so ähnlich ist es beim Kind. Wenn wir Montessori-Pädagogik umsetzen, hat die Beobachtung eine zentrale Bedeutung. Hier müssen wir den feinen Regungen nachgehen, um so etwas wie ein Entstehen der Polarisation der Aufmerksamkeit auch erkennen zu können. Man sieht also, mit welcher Ernsthaftigkeit diese jungen Frauen in Wien an der Arbeit waren.

Und dann konnten alle auch bei Montessori selber einen Ausbildungskurs besuchen. Einige waren in Amsterdam, einige waren in Berlin und haben dort die Ausbildung gemacht. Hilde Fischer (Uhlir), die wir hier auch noch sehen werden, eine sehr liebenswürdige Frau, sagt: "Oh, es war schrecklich, es war schrecklich". Sie musste bei Montessori die Prüfung auf Italienisch ablegen. Sie sagt, sie sei sprachlich gar nicht begabt gewesen, aber Montessori sei sehr wohlwollend gewesen. Sie haben sich da durchgebissen. Und hier denke ich manchmal, wir jammern schon, wenn es überhaupt so etwas gibt wie eine Prüfung bei einem Abschlusskurs in der Montessori-Pädagogik. Also, das waren sehr anspruchsvolle Prüfungen. Ich denke, wir können uns von diesen Standards, die damals eingehalten wurden, etwas abschauen. Auf diesem Bild sehen wir diese Gruppe Wiener Montessori-Pädagoginnen im Garten bei einem abendlichen Zusammensein. Und auf diesem Bild sehen wir das Zeugnis, das Montessori ausstellte. Sie war der Vergabe von Berechtigungen sehr streng. So schrieb sie beim Diplom dazu: "Dieses Diplom berechtigt nur zur Führung von Montessori-Heimen und -Schulen, nicht zur Abhaltung von Lehrerausbildungskursen." Heute noch ist die internationale Montessori-Gesellschaft streng in ihren Forderungen, wer Montessori-Ausbildungen anbieten und durchführen darf.

Ja, nun kommen wir zur Arbeit in diesem Kinderhaus. Roubiczek sagt, sie konnte bei vielen Kindern bei der Übung des Händewaschens erleben, dass sie sich zum ersten Mal so tief konzentrierten, dass die Polarisation der Aufmerksamkeit eintrat. Diese Übungen des täglichen Lebens sind besonders für die Bewegungskoordination sowie für die Bewegungskontrolle des Kindes eine gute Hilfe. Bei diesen Übungen kann man immer wieder beobachten, dass Kinder eine Tätigkeit X und X-mal wiederholen. Ein Kind kann 10-mal hintereinander die Hände waschen, obwohl diese schon längst sauber sind. Erwachsene arbeiten sehr zielgerichtet auf einen Zweck hin. Das Kind arbeitet sinnorientiert. Das Kind will die Befriedigung an der Tätigkeit. Es hat die Freude am Tun an sich, weil es bei der Tätigkeit spürt, dass es freier und unabhängiger wird. In diesen Wiederholungen einer Tätigkeit findet so etwas wie der Selbstaufbau statt, der Ich-Aufbau des Kindes an frei gewählten Tätigkeiten.

Hier sehen wir ein Kind bei der sogenannten Pflege der eigenen Person, beim Zähneputzen, und hier Hilde Uhlir bei einer Lektion mit dem Schleifenrahmen. Das, was sich das Kind am Schleifenrahmen bzw. an anderen Rahmen erarbeitete, führt hier zum selbständigen Anziehen und auch zu einem sozialen Verhalten, wenn ein Kind dem anderen hilft. Über die Übungen des täglichen Lebens verhilft Montessori dazu, dass sich soziales Leben in der Gemeinschaft entfalten kann. Die Kinder bereiteten selber die Mahlzeit vor. Sie hatten eine Küche und die Kinder konnten in der Küche an ganz konkreten Dingen arbeiten, nicht nur so tun, als ob. Nein, das war eine Küche für die Kinder, und die Kinder bereiteten hier den Tisch vor und servierten dann auch den anderen Kindern die Mahlzeit.

Hier sehen wir ein Kind bei der Arbeit mit den Einsatzzylindern als Beispiel für die Sinnesmaterialien Montessoris. Diese Sinnesmaterialien, die Montessori Entwicklungsmaterialien nennt, sind eine Hilfe zur Differenzierung der Wahrnehmung, eine Hilfe zur Entwicklung der Wahrnehmung, eine Hilfe, dass das Kind die gemachten Erfahrungen ordnen und strukturieren kann, um sie dann wieder in die Umwelt transferieren zu können. Montessori nennt diese Sinnesmaterialien auch „Schlüssel zur Welt“. Es ist ganz klar, je differenzierter unsere Wahrnehmung, desto vielfältiger eröffnet sich uns die Welt. Und wenn die Kinder an den Materialien lernen Gleiches zu erkennen, aber auch Dinge in ihren ganz feinen Unterschieden wahrzunehmen, dann wird auch die Welt vielfältiger und reichhaltiger.

Hier sehen wir ein Kind beim Schreiben. Ich konnte mit diesem Kind von damals vor einem Jahre ein Interview führen. Sie ist inzwischen 68 Jahre alt. Sie erzählte mir über die Arbeit im Kinderhaus, über die Arbeit in der Montessori-Schule. Wenn wir dieses Kind beim Schreiben sehen, da stoßen wir bei Montessori auf etwas sehr Interessantes, was auch gerade für die Kindergärtnerinnen nicht immer ganz einfach war, anzunehmen: Montessori ist der Meinung, dass das Alter von vier bis fünf Jahren jene Zeit ist, in der die Kinder das Lesen und Schreiben am leichtesten lernen. Im Alter von vier bis fünf Jahren, so Montessori, haben die Kinder ein ganz besonderes Interesse an den Buchstaben, an Wörtern. Im Alter von sieben Jahren, wenn sie in unsere ersten Klassen kommen, da finden es viele Kinder sehr, sehr fad, und sie sind sprachlich sehr unterfordert, wenn sie unzählige Male MIMI, MAMA oder MIMI IST DA. IST MIMI DA? MIMI IST DA. AMI IST AUCH DA. lesen und wiederholen müssen.

Das ist für Kinder sprachlich eine gewaltige Unterforderung. Aber Kinder im Alter von vier fünf Jahren lieben die Arbeit an einzelnen Wörtern. Sie lieben das Lesen einzelner Wörter und Buchstabenkombinationen, weil sie in einem Alter sind, in dem sie durch diese Tätigkeit ihren Sprachschatz erweitern können. Und noch etwas Interessantes, wo Montessori heute eine sehr große Aktualität hat. Sie ging davon aus: Schreiben kommt vor Lesen – über das Schreiben zum Lesen. Weil sich der Mensch bei Schreiben selbst ausdrückt und beim Lesen Gedanken anderer aufnimmt, liegt das Schreiben natürlich dem Kind zuerst einmal näher. Dort sehen wir ein Kind beim Lesen, hier bei der Arbeit an einer Tafel. Montessori spricht ja von der „Explosion des Lesens“, dass es bei Kindern manchmal ganz plötzlich zu einem großen Interesse am Lesen kommt und die Kinder geradezu von einem Tag zum anderen lesen können. Wir erleben in unseren Volksschulen auch immer wieder, dass Kinder von einem Tag zum anderen das Lesen plötzlich erfasst haben und wissen oft auch gar nicht, wie das gekommen ist. Manchmal können sie es trotz unserer Methode, manchmal wegen unserer Methode.

Lili Roubiczek berichtet von zwei Buben, die sich an einem Vormittag daran machten, Wortkarten zu lesen. Der eine Bub war zuerst einmal Helfer. Werner hat Hans immer die Karten geholt. Hans hat langsam die Karten gelesen und kam immer mehr hinein ins Lesen. Und dann rief er plötzlich: "Mein Gott, mein Gott, was tun wir denn da, ich werde heute noch ganz verrückt." Der zweite Bub, der zuerst nur Bringer der Karten war, blieb dann plötzlich auch bei ihm stehen und begann auch mitzulesen. Die zwei Kerle lasen an diesem Vormittag 150 Wortkarten, und sie waren nachher richtig fröhlich. Roubiczek sagt: "Werner war vorher die längste Zeit so ziemlich lästig und mühsam in der Klasse. Und nach dieser polarisierenden Tätigkeit war er wie ausgewechselt. Er und Hans wurden intensive Freunde und haben in den nächsten Wochen ganz intensiv und viel miteinander gearbeitet. Und diese Errungenschaft bei beiden regte in derselben Woche noch drei andere Kinder an, das Lesen zu lernen."

Die Kinder haben in diesem Kinderhaus auch häufig eigene Texte geschrieben. Emma Plank berichtet von solchen Texten. Einer war z.B. von Elli. Sie schrieb der Leiterin, Lili Roubiczek, zu ihrem Geburtstag: "Liebe Lili, warum hast Du gerade heute Geburtstag, wo ich gar nichts für dich habe? Viele Küsse Elli." Als Montessori 1924 erstmals auf Besuch war, schrieb ein kleines Mädchen: "Liebe Frau Montessori, wie geht es Ihnen? Ich gebe Ihnen eine schöne Karte in den Brief hinein und eine schöne Rechnung. Ich küsse Sie tausendmal. Viele Grüße von Minni."

Als dann die ersten Kinder ins schulpflichtige Alter kamen, stellte sich natürlich die Frage nach einem zweiten Raum und nach der grundsätzlichen Möglichkeit, eine Volksschule ans Kinderhaus anzuschließen. Dies wurde genehmigt. Sie machten aus der Küche eine „Klasse“, die schulpflichtigen Kinder hatten dort ihren Stammraum, konnten aber auch wieder mal im Saal bei und mit den jüngeren Kindern arbeiten. Es waren aber nicht so viele schulpflichtige Kinder, sodass die Pädagoginnen überlegten, wie sie das gestalten könnten. Man kann schwer mit drei, vier Kindern eine Montessori-Klasse machen. So haben sie, wie Emma Plank berichtet, gesagt: "Wir nehmen einfach die Fünfjährigen dazu und diese Fünfjährigen haben die Möglichkeit, auch hier oder in der Gruppe der kleineren Kinder zu sein."

Diese Wiener Montessori-Schule ist also ein Beispiel dafür, wie Kinderhaus und Schule in einem Gebäude vereinigt werden können. Sie haben dann später vier Schulstufen in diesem Haus gehabt und das Kinderhaus – alles unter einem Dach. Und das ist es, was Montessori eigentlich fordert, nämlich einen einheitlichen Bildungsweg ohne institutionelle Unterbrechung. Dies macht eine idealtypische Montessori-Schule aus. Die Wiener Montessori-Lehrerinnen nannten die Einrichtung in der Troststraße deshalb von Anfang an Schule. Günter Schulz-Benesch spricht von einer Gesamtschule anderer Art, weil sich Montessori nicht an Institutionen orientiert. Montessoris „andere Gesamtschule“ orientiert sich am Kind und seiner Entwicklung, hat also ein anthropologisches Organisationsprinzip als Grundlage. Montessori selber sagt: "Bei unserer Methode lässt sich die vorschulische Periode von der schulischen nicht unterscheiden. Das Kinderhaus ist keine Vorbereitung auf die Schule, sondern ein Beginn des Unterrichts, der ohne Unterbrechung fortgesetzt wird."

Diese Verbindung von Kindergarten und Schule ist etwas, das heute nach wie vor aktuell ist. Ebenso ist nach wie vor aktuell, der Forderung Montessoris nachzukommen, die Jahrgangsklassen aufzulösen. Aber das ist nach wie vor eine große Hürde. In Deutschland, aber zunehmend auch in Österreich, zeigt sich, dass aufgrund rückläufiger Schülerzahlen in manchen bzw. relativ vielen Schulen die Notwendigkeit besteht, das zu tun, was ohnehin getan werden sollte: nämlich Kinder unterschiedlichen Alters in einer Gruppe beisammen zu haben. Viele positive Wirkungen kommen erst dadurch zustande, dass Menschen unterschiedlichen Alters miteinander leben und arbeiten. Das sieht man z.B. auch bei Altersheimen – das ist oft eine anregungsarme, ungesunde Welt. Und so ist es auch in der Schule. Die Jahrgangsklasse ist eine Organisationsform, die sich pädagogisch nicht rechtfertigen lässt. Wenn Schule aufs Leben vorbereiten soll, dann müssen Kinder unterschiedlichen Alters beisammen sein. So wie es im Leben ist.

Hier auf dem Bild sehen wir einige der ersten Schulkinder der Wiener Montessori-Schule. Richten Sie den Blick auf den Buben, der sehr intensiv bei einer Arbeit ist.

Und hier ein besonderes Bild – vorne, die Dame mit dem weißen Kostüm, ist Hilde Uhlir, die Lehrerin dieser Kinder. Sie hat im Rahmen meiner Forschungsarbeiten einmal gesagt: "Herr Professor Hammerer, kommen Sie nächsten Samstag zu mir. Es werden auch meine Kinder da sein." Ich kam hin und sie war da, die Kinder von damals. Das, was ich wirklich schön und berührend finde, ist, dass sich zwischen der Lehrerin und den Kindern eine so enge und lang andauernde Beziehung aufgebaut hat. Hier sehen wir auch den Jungen vom vorigen Bild und Minni, die Montessori das nette Briefchen schrieb. Die „Kinder“ sagen: "Wir haben zu unseren Lehrerinnen eine ganz enge und freundschaftliche Beziehung. Diesen Lehrerinnen haben wir sehr viel zu verdanken für das, was wir heute sind."

1924 kam Montessori zum ersten Mal nach Wien auf Besuch. Sie war auf dieser Galerie, die ich gezeigt habe. Hier sehen wir sie zusammen mit Lili Roubiczek. Bei ihren Wien-Besuchen hielt Montessori auch vielbeachtete Vorträge. In der Schule waren natürlich alle aufgeregt und nervös, wenn die Dottoressa kam. Lisl Braun, eine Lehrerin, die ich in New York vor zwei Jahren noch besuchen und interviewen konnte, sagte mir: "Die Dottoressa kam bei uns gleich nach dem lieben Gott. Wenn die Dottoressa im Raum war, da war sonst nichts da als sie." Montessori selber war von der Montessori-Schule sehr angetan. Sie sprach von einer Scuola modella – von einer Modellschule, die hier in Wien aufgebaut wurde und schreibt in einem Heimatbuch für Favoriten: "Viele glückliche Umstände sind hier zusammengetroffen. Eine schöne mit Liebe und Sorgfalt bis ins scheinbar unbedeutendste Detail ausgerichtete, ausgedachte Einrichtung. Ein wahres Haus der Kinder. Die Lage der Schule in einem Arbeiterbezirk, die die Gewissheit gibt, dass sie nicht nur die pädagogische, sondern auch ihre soziale Aufgabe erfüllt, und nicht zuletzt junge, fröhliche, begeistere Menschen, die hier mit großem Einsatz und mit all ihrer Kraft für das Werk des Kindes arbeiten."

Montessori wollte in Wien ein Ausbildungszentrum einrichten und nahm 1927 Kontakt zu verschiedenen Persönlichkeiten auf. Es sollte ein kleines Institut gegründet werden, das sich mit der Verbreitung der Montessori-Pädagogik in Österreich beschäftigt. Unter anderem schrieb Montessori einen Brief an Sigmund Freud und bat ihn um Unterstützung des Vorhabens. Ich möchte ihnen vorlesen, was Freud ihr damals antwortete: "Verehrteste Frau! Ich habe mich ungemein gefreut, einen Brief von Ihnen zu erhalten. Von jeher mit dem Studium der kindlichen Seele beschäftigt, bringe ich Ihren ebenso menschenfreundlichen wie verständnisvollen Bestrebungen große Sympathie entgegen. Und meine Tochter, die analytische Pädagogin ist, zählt sich zu ihren Anhängerinnen. Ich bin sehr gerne bereit, den Aufruf zur Gründung eines kleinen Institutes, wie es von Frau Schaxl geplant wird, neben Ihnen zu unterschreiben. Der Widerstand, den mein Name beim Publikum erwecken könnte, muss durch den Glanz, der von Ihrem Namen ausstrahlt, überwältigt werden. Ihr herzlich ergebener Sigmund Freud."

Zur Gründung des Instituts kam es zwar nicht, aber Montessori hielt bei ihren mehrmaligen Wienbesuchen Vorträge und besuchte verschiedene Montessori-Einrichtungen. Über einen dieser Vorträge schreibt Frau Eugenie Schwarzwald, Direktorin eines Mädchengymnasiums: "Die Montessori steht zum Kind richtig. Sie glaubt nicht, dass es des Erziehers wegen auf die Welt gekommen ist. Erziehung heißt für sie, einer Rose gestatten, dass sie sich zur Rose entwickle. Alles was Frau Montessori sagt, ist so einleuchtend, dass es der Plumpste einsieht und infolgedessen so bedeutungsvoll, dass der feinste Kopf es wunderbar vertieft findet." Über den Eindruck, den Montessori als Persönlichkeit machte, schreibt sie: "Die Dottoressa Montessori ist schön, man ist froh, wenn man sie sieht. Frieden auf der Stirn, Wahrheit um den Mund. Aus dunklen italienischen Augen voll verdeckten Feuers blickt heiterer Ernst."

Weiter schreibt sie über die Stimmung, die Montessori in einem Saal zu verbreiten vermochte: „Es herrscht Stille. Aber schon nach wenigen Augenblicken begreift man, dass es jene ist, die zwischen vertrauten Freunden herrscht und nicht die trennende zwischen Fremden. Und nun erkennt man sie auch – das ist jene wunderbare, beinahe hörbare Stille, die die Montessori in ihren Schweigestunden die Kinder zu lehren pflegt. Dann sagt sie ein leises Wort. Sie weiß, dass nur das Leise rührt und fesselt. Wir sind Erwachsene. Sie spricht zu uns, als ob wir Kinder wären. Jetzt weiß ich auch, wie sie zu Kindern spricht – als ob sie Erwachsene wären. Das haben die Kinder gern. Sacht setzt sie das Gespräch fort und nun haben wir die Gelegenheit, all jene Eigenschaften an ihr zu bewundern, die sie in den Kindern zu wecken versteht. Mündigkeit, Einfachheit, Sachlichkeit. Aber noch sieht sie ernst aus und da macht ihr jemand, einer von jenen, der das Persönliche nie lassen kann, ein Kompliment. Sie lächelt zum ersten Mal wissend, verzeihend, ablehnend, mit der Welt versöhnend. In diesem Lächeln liegt die Kenntnis aller Unvollkommenheit der Welt, auch der eigenen, die Bitte, nicht überschätzt zu werden. Plötzlich weiß man, hier ist ein Künstler, der den heißesten Wunsch hat, hinter seinem Werk zurücktreten zu dürfen.“

Das war Montessori, wenn man ihr persönlich bei einem Vortrag begegnete. Zwischen ihr und einzelnen Lehrerinnen in Wien entstand eine enge Beziehung, zum Beispiel zu dieser jungen Frau, Lisl Braun. Sie war Klavierlehrerin und übernahm in der Montessori-Schule die Musik. So gegen 11.00 Uhr setzte sie sich ans Klavier und begann verschiedene Stücke zu spielen, und die Kinder, die ihre Arbeit beendet hatten und hier mitmachen wollten, kamen. Vielleicht haben manche von Ihnen beim Diabild vom großen Saal wahrgenommen, dass hier zwei ellipsenförmige Linien mit größerem Abstand auf dem Boden markiert waren. Die Kinder kamen und begannen sich in dieser Bahn nach dem Musikstück zu bewegen, das Lisl Braun auf dem Klavier spielte. Die einzelnen Stücke, die sie spielte, hatten eine ganz bestimmte rhythmische Qualität, die die Kinder zu spontanen Bewegungen anregten. Montessori sagt, man muss eine musikalische Umgebung schaffen, um das musikalische Potential zu aktivieren. Kinder drücken Gefühle, die die Musik auslöst, in Bewegung aus.

Als Montessori Lisl Braun bei ihrer Arbeit am Klavier sah, sagte sie nachher zu ihr, sie möge doch nach London kommen und dort den Ausbildungskurs absolvieren, um dann noch intensiver im Bereich der Musik arbeiten zu können. Lisl Braun ging nach Hause und teilte den Eltern mit: "Ich möchte nach London, ich möchte dort einen dreimonatigen Ausbildungskurs bei Montessori machen." Die Eltern sagten: "Bist verrückt! Jetzt nimmst du schon jedes Wochenende das Zeug aus dem Kühlschrank mit, und jetzt soll man dir noch Geld geben, um nach London zu fahren und den Kurs zu machen. Kommt überhaupt nicht in Frage. Verdiene zuerst einmal selber Geld und dann kannst du Kurse machen!" Liesl Braun schrieb Montessori: "Ich kann leider nicht kommen, meine Eltern erlauben das nicht." Montessori schrieb zurück: "Ich übernehme die Kosten für diesen Kurs." Liesl Braun konnte somit nach London fahren und dort den Ausbildungskurs absolvieren. Im Kurs selber durfte sie schon mit den anwesenden anderen Teilnehmerinnen die Übungen zum Gehen und Bewegen auf der Linie nach Musik durchführen. Lisl Braun sammelte und bearbeitete dann eine ganze Reihe von Musikstücken, auch in Anlehnung an jene, die Anna Macaroni, eine Mitarbeiterin Montessoris im Bereich Musik, schon gesammelt hatte. In Abstimmung mit Montessori arbeite sie den Bereich der Musik weiter aus und entwickelte Materialien, die sie z.B. in Rom mit den Enkelkindern Montessoris ausprobierte. Sie setzte sich dort ans Klavier und die Kinder bewegten sich zur Musik. Unter den Materiealien, die Braun entwickelte, ist auch das sogenannte „begehbare Notenblatt“. Montessori war über die Qualität dieses Materials, das in Kombination mit den Glocken eingesetzt wird, sehr angetan. Ich hatte das Glück, vor zwei Jahren Lisl Braun und eine zweite emigrierte Wiener Montessori-Lehrerin in New York besuchen und mit ihnen diese Anfänge der Montessori-Pädagogik erschließen zu können. Es war für mich wirklich ein ganz großes Erlebnis, mit diesen Frauen zu arbeiten, die sich bis ins hohe Alter ein unglaublich positives Bild vom Kind bewahrt haben. Da sagt man sich als Lehrer: "Mein Gott, wenn ich mir das nur eine bestimmte Zeit erhalten kann, diese positive Sicht, diesen pädagogischen Optimismus."

Lisl Braun kam nach dem Ausbildungskurs in London nach Wien zurück und hat hier weiter im Bereich der Musik gearbeitet. Doch bald bekommt sie einen Brief aus Indien von einer ehemaligen Wiener Montessori-Kollegin, die dort inzwischen am Aufbau von Montessori-Schulen mitwirkte. Sie schrieb: "Du musst unbedingt nach Indien kommen. In Indien ist ein so großer Bedarf an Montessori-Schulen und wir sollen gerade eine Schule aufbauen. Das könntest Du übernehmen.“ Montessori hatte aber zu dieser Zeit vor, in Wien dieses Ausbildungszentrum zu gründen. Lisl Braun sollte dabei in der Weiterentwicklung der Musik-Materialien einen wesentlichen Beitrag leisten. Und so kam sie in große Gewissensnöte: "Soll ich nach Indien oder soll ich hier bleiben, um hier mitzuhelfen?" Sie ging nach Indien. Montessori war ihr da zuerst sehr böse. Hier auf diesem Bild sehen wir die Schule, die Braun in Indien aufbaute. Hier zeigt sich auch schon, welche Montessori-Tradition wir in Österreich haben und welch wichtige Rolle einzelne Frauen der Wiener Montessori-Bewegung innerhalb Montessori-Pädagogik spielten. Ich könnte von einer anderen Frau, von Betty Prager, erzählen, die von Montessori das Angebot bekam, sie als Dolmetscherin auf ihren Reisen zu begleiten.

Das ist der Stolz von Lisl Braun: Karten und Briefe, die ihr Montessori schrieb. Sie hatte mit Montessori einen engen Briefkontakt. Montessori war auch Patin ihres Kindes Hedi-Maria (Maria zu Ehren der Dottoressa). Hier sehen Sie einen Auszug aus einem Brief von Mario Montessori, auf dem Maria Montessori dann handschriftlich noch besonders für die kleine Hedi-Maria etwas schrieb.

Ganz besonders stolz war sie auf diesen Brief, den Montessori ihr selber überreichte und zwar in Indien. Montessori schreibt: "Lisl Braun war meine Schülerin seit 1920, sie arbeitete in meinen Schulen in Österreich und Indien und sie war meine Mitarbeiterin bei der Ausarbeitung eines Buches mit Märschen und anderen Musikstücken, die für kleine Kinder geeignet sind. Während der schweren Zeit, die alle durchzustehen hatten, die in Opposition zum Faschismus und Nationalsozialismus standen, behielt sie den Optimismus bei und auch die Sanftheit und Gelassenheit, zu der nur die Tapfersten fähig sind. Bei ihrer Arbeit mit den Kindern zeigte sie sich als außergewöhnliche Lehrerin. Sie ermöglichte den Kindern Freiheit, friedvolle Freude durchdrang die Klassen, die sie führte. Ich bin stolz, dass ich sie nicht nur meine Schülerin und Mitarbeiterin, sondern auch Freundin nennen darf. Ich bin sicher, sie wird in jedem Land, in das sie kommt, eine wertvolle Bereicherung sein."

Diese Beispiele zeigen die sehr persönlichen Beziehungen, die es zwischen Montessori und den Wiener Montessori-Pädagoginnen gab. Auf diesem Bild sehen wir Lisl Braun im Alter von über 90 Jahren bei meinem Besuch im Jahr 1993. Sie hatte noch zwischen fünf und acht Klavierstudenten pro Woche, denen sie Unterricht erteilte. Und zwischendurch durfte ich nach ihren Märschen und anderen Musikstücken aus dem Buch „Montessori & Music. Rhythmic Acitvities for Young Children“, die sie am Klavier spielte, gehen, laufen, hüpfen, hopsen usw.

Das neue Kinderhaus am Rudolfsplatz

1929 bekamen diese engagierten Montessori-Pädagoginnen die Möglichkeit, in Wien am Rudolfsplatz ein völlig neues Kinderhaus zu errichten, und zwar in Zusammenarbeit mit dem Architekten Franz Schuster. Er hatte sein Kind in der Montessori-Schule in der Troststraße. Zwei Jahre setzten sich die Lehrerinnen vierzehntägig zusammen und planten und planten und planten. Jede Türschnalle, jeder Klodeckel, jeder Lichtschalter, alles wurde genau abgestimmt auf die Maße der Kinder, jede Schwelle bei einer Stiege wurde genau auf die Maße der Kinder abgestimmt, so berichtet die Montessori-Pädagogin Hilde Uhlir. Es entstand somit ein architektonisch idealtypisch konzipiertes und gebautes Kinderhaus, von dem wir uns auch heute noch viel abschauen können: So war etwa die Garderobe, wie das Dia zeigt, so geräumig, dass sich Kinder im Sinne der Übungen des täglichen Lebens tatsächlich umziehen konnten und nicht, wie in vielen Garderoben, zusammengepfercht waren. Jedes Kind hatte einen eigenen Kleiderbügel, um seine Kleidung aufzuhängen. Es gab einen Spiegel, vor dem das Kind die Knöpfe seiner Kittels zumachen konnte. Das hier sichtbare Podest war eine Hilfe für die Kinder beim An- und Ausziehen ihrer Schuhe.

Es gab in diesem Kinderhaus natürlich auch eine Terrasse, eine Veranda, auf die man gehen konnte. Eingerichtet wurde ebenfalls ein Werk- und Malraum. Kinder konnten dann werken und malen, wenn ihnen zum Werken oder Malen war und nicht, weil alle kollektiv eine Mal- oder Werkaufgabe zu erledigen hatten In diesem Kinderhaus war unter anderem auch einer, der sich sehr viel in diesem Werk- und Malraum aufhielt, Friedensreich Hundertwasser. Der kleine Fritz ging immer wieder in diesen Raum und malte und werkte und arbeitete. Ein Jahr später besuchte er dann die Montessori-Volksschule in der Grünentorgasse im 9. Bezirk. Die Erzieherin Anni Hermann berichtet, dass der kleine Fritz am Rudolfplatz sehr oft bei ihr in Malatelier war und malte. In den Elternbriefen stand, Fritz sei ein unglaublich kreatives Kind, leiste tolle Arbeit und könne außerordentlich konzentriert arbeiten. Die Mutter dachte naja, aber was ist denn das schon, aus dem wird nichts anderes als vielleicht einmal ein besserer Korbflechter. Sie dachte, ihr Sohn sollte doch wie andere Kinder bereits auch das Lesen und Schreiben im Kinderhaus lernen. Nein, er malte und wie sich heute zeigt, war es gar nicht so schlecht.

Auf diesem Dia sehen wir Kinder bei der Arbeit im Werk- und Malatelier. Eine Besonderheit in der Wiener Montessori-Schule war das freie Zeichnen. Sie kooperierten mit dem Kunsterzieher Franz Cicek, der in Zusammenarbeit mit Trude Hammerschlag die Montessori-Lehrerinnen ins freie Malen und Gestalten einführte. Montessori hatte zu dieser Form grundsätzlich ein etwas distanziertes Verhältnis. Sie schreibt aber in einem Nachruf auf Trude Hammerschlag äußerst positiv über ihre Arbeit. Montessori lud Hammerschlag auch zur Mitarbeit in Ausbildungskursen, zum Beispiel in Mailand, ein.

Bei der Eröffnung des Kinderhauses am Rudolfsplatz – hier sehen wir Kinder beim Auftischen – im Jahr 1930 war Montessori persönlich anwesend. In einer Radiosendung, die anlässlich der Eröffnung ausgestrahlt wurde, soll der Reporter zu einem Kind, das beim Abwaschen war, gesagt haben: "Ja, das finde ich aber ganz interessant, dass da auch Buben aufwaschen müssen." Da antwortete der Bub: "Müssen tun wir nicht, aber alle, die wollen, dürfen."

Das Interesse an der Montessori-Pädagogik nahm natürlich durch diese modellhaften Einrichtungen zu und so entschied sich Lili Roubiczek, einen Ausbildungskurs anzubieten. An diesem Kurs nahmen unter anderen Erik Erikson und Regina Bettelheim, die Frau von Bruno Bettelheim, teil. Anfang der 30er Jahre gab es in Wien etwa 30 ausgebildete Montessori-Pädagoginnen und etwa zehn Montessori-Einrichtungen. Jedoch entstanden auch in den Bundesländern Montessori-Kinderhäuser und Initiativen, von denen bisher wenig bekannt ist. Wir wissen von Einrichtungen in Eisenstadt, Wiener Neustadt, Mariental oder Innsbruck. Neuere Nachforschungen zeigen, dass es an weiteren Orten interessante Aktivitäten gab. So arbeitete etwa der Oberlehrer Johann Hofmair in Wartberg ob der Aist/Oberösterreich bereits 1921 nach der Montessori-Methode, führte eine ausgewiesene Versuchsklasse und gab 1923 einen Einführungskurs für die Lehrerschaft des Bezirkes Freistadt. Hofmair schreibt in einem Brief an MR Dr. Peter: „Gegen Ende des ersten Weltkrieges machte ich Bekanntschaft mit folgendem Werke Montessoris: Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter. Später kam noch dazu: Mein Handbuch. Nach begeistertem Studium beschloss ich, von 1921 an ihre Ideen im Volksschulunterrichte, besonders in der Elementarklasse anzuwenden (Versuchsklasse). Die Erfolge brachte ich mit behördlicher Genehmigung in einem dreitägigen Kurse der Lehrerschaft zur Kenntnis. Auch durch Einzelvorträge versuchte ich die Lehrerschaft auf Montessori aufmerksam zu machen.“

Äußerst interessant in der Wiener Montessori-Zeit ist auch die Zusammenarbeit mit anderen Bewegungen, z.B. mit der Rhythmikschule Hellerau-Laxenburg. Diese Rhythmikschule kam von Dresden nach Wien. Die Montessori-Lehrerinnen suchten die Zusammenarbeit mit den Rhythmikerinnen und verbanden etwa die Arbeit mit Reifen mit den Montessori-Glocken.

Ebenfalls sehr interessant ist die Zusammenarbeit mit Anna Freud. Sie hatte sich Anfang der 30er Jahre am Rudolfsplatz für ihre Untersuchungen mit Dorothy Tiffany Burlingham mit einer Gruppe sehr junger Kinder einmietet. Sie arbeitete nicht direkt nach der Montessori-Methode, suchte aber für die Arbeit mit den Kindern gerne Montessori-Pädagoginnen und arbeitete mit den Montessori-Pädagoginnen eng zusammen. Alle 14 Tage trafen sich die Montessori-Lehrerinnen aus Wien mit ihr. Es war eine Gruppe von etwa 20 Leuten, die mit Anna Freud in der Berggasse Probleme von Kindern und mögliche Interventionen besprach. Die Pädagoginnen hatten die Aufgabe, ein bestimmtes Verhalten von Kindern zu beobachten und zu dokumentieren. Bei den Sitzungen mit Anna Freud wurde das dann besprochen. Ich habe z.B. von einer heute in Basel lebenden Montessori-Pädagogin ein Protokoll, in dem es um Kinder ging, die stehlen. Die Lehrerinnen mussten berichten, wie sich das bei den Kindern zeigt und Anna Freud erarbeitete mit ihnen mögliche Hilfen.

Lili Roubiczek wollte Montessori mit Anna Freud in Verbindung bringen. Sie trafen sich auch. Anna Freud schreibt im Vorwort der Montessori-Biografie von Rita Kramer sehr, sehr wohlwollende Worte über die Montessori-Pädagogik. Aber so wirklich konnten die zwei Frauen offensichtlich nicht miteinander. Montessori lehnte die von Roubiczek angestrebte Verknüpfung der Psychoanalytischen Pädagogik mit ihrem pädagogischen Konzept ab. Und so kam es zwischen Roubiczek und Montessori zu einer Entfremdung. Roubiczek wandte sich im Laufe der Jahre stärker der psychoanalytischen Bewegung zu.

Neben dem Kinderhaus am Rudolfplatz gab es in Wien, vor allem in den damals neu errichteten Gemeindebauten, eine Reihe von Einrichtungen, die nach Montessori geführt wurden. Architektonisch interessant ist etwa das vom Architekten Singer geplante Kinderhaus im Goethehof. Wir sehen auf dem Bild die braunen Quadrate, das ist ein Garten im Gruppenraum. Blumen- und Pflanzenkistchen wurden in den Boden eingelassen. Die Kinder konnten auf schmalen Wegen im Raum gehen und die Blumen und Pflanzen pflegen. Auch in dieser Einrichtung war ein heute sehr bekannter Wiener, nämlich der Komponist und Musiker Georg Eisler. Hier sehen wir ihn beim Abwaschen.

In der Grünentorgasse im 9. Bezirk eröffnete Emma Plank mit Trude Weinfeld, der ersten Frau von Bruno Bettelheim, die erste Montessori-Volksschule, und zwar im Obergeschoß der heute noch bestehenden öffentlichen Volksschule. Die Montessori-Arbeit wurde in der ersten und zweiten Klasse sowie dritten und vierten Klasse jahrgangsübergreifend gestaltet. Auf diesem Bild ein Bub – er ist inzwischen pensionierter Medizinalrat. Ich habe mit ihm gesprochen und er hat gemeint, er sei vier Jahre in diese Montessori-Schule gegangen und habe nie gewusst, in welcher Klasse er sei. Er habe nur am Sonntag darauf gewartet, dass bald der Montag kommt, damit er wieder dorthin kann.

1938 nahm die Montessori-Pädagogik auch in Österreich ein trauriges Ende. Alle Montessori-Einrichtungen wurden von den Nationalsozialisten geschlossen, die Bücher kamen auf die Verbotsliste. Wenn wir uns vorstellen, was aus dieser so hoffnungsvollen Montessori-Bewegung Idee hätte werden können, wo wir vielleicht heute stehen könnten? Es dauerte dann eben bis 1950/51, als Montessori, auf diesem Bild sehen wir sie mit ihrem Sohn Mario, in Innsbruck wieder einen Ausbildungskurs durchführte. Da begann die erwähnte zweite Epoche und in der dritten stehen wir heute. Das, was sich hier bei dieser Tagung in diesen Tagen abspielt, gibt Mut und Zuversicht, dass wir an der Geschichte der Montessori-Pädagogik anknüpfen, dass wir aus der Tradition der österreichischen Montessori-Pädagogik einiges übernehmen und in eine gute Zukunft führen können.

Zur Person

Mag. Dr. Franz Hammerer, geb. 1956; Lehramt für Volksschulen, Studium der Pädagogik und Sonder- und Heilpädagogik; von 1978-84 Volksschullehrer in Vorarlberg, von 1984-93 Lehrer an der Übungsvolksschule der PÄDAK der Erzdiözese Wien; seit 1993 Professor für Unterrichtswissenschaft an der Pädagogischen Akademie der Erzdiözese Wien bzw. Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems. Theoriedozent in Montessori-Diplomkursen des Bundesverbandes Montessori Österreich sowie der deutschen Montessori-Vereinigung

Quelle

HAMMERER, Franz (1997): Maria Montessoris pädagogisches Konzept. Anfänge der Realisierung in Österreich. Jugend& Volk: Wien. Der Beitrag „Zu den Anfängen der Montessori-Bewegung in Österreich“ ist erschienen in: Mit Kindern wachsen, NÖ Montessori-Werkstatt 18.-20. April 1996, Emmersdorf an der Donau, NÖ Schriften 101/Dokumentation, Neulengbach, Dezember 1997, ISBN 3-85006-093-4

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 05.05.2015

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