Bericht über die integrative Beschulung am Weimarer Sophiengymnasium

AutorIn: Anne Günther
Themenbereiche: Schule, Kultur
Textsorte: Bericht
Copyright: © Anne Günther

Bericht über die integrative Beschulung am Weimarer Sophiengymnasium

Mein Name ist Anne Günther, ich bin jetzt 19 Jahre alt, und werde in Kürze mein Abitur ablegen. Seit August 1996 besuche ich das Weimarer Sophiengymnasium. Ich möchte versuchen einige meiner persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse darzustellen, in der Hoffnung Lehrern Schülern und Eltern bei der Entscheidung für oder gegen eine integrative Beschulung helfen zu können.

Als meine Schulzeit an dieser Schule begann, kam ich in die siebente Klasse. Die vorherigen Schuljahre hatte ich die "Schule für Sehbehinderte und Blinde " in Weimar besucht. Da ich in Erfurt wohne, bin ich bis heute auch nach wie vor im Internat dieser Schule. Das hat Vor- aber auch Nachteile. Ein wesentlicher Vorteil ist der, dass es leichter ist Hilfe für Hausaufgaben oder ähnliche Dinge zu bekommen, einfach aufgrund der Tatsache, dass mehr Menschen da sind die man fragen kann. Ein Nachteil besteht darin, dass der Mitteilungsweg zwischen Schule und Elternhaus dadurch verlängert ist. So ist es schwer zu bewerkstelligen einen Zettel, etwa einen Erlaubniszettel für den Wandertag, von Montag auf Donnerstag ausfüllen zu lassen, wenn man nur am Wochenende zu Hause ist. Ich persönlich würde trotzdem Kindern die weiter weg wohnen und die keine ausgesprochenen Einzelgänger sind das Internat empfehlen, da es in vieler Hinsicht günstiger ist.

In meinem ersten Schuljahr hier besuchte ich folgende Unterrichtsfächer:

Deutsch, Mathematik, Englisch, Französisch, Geographie, Biologie, Geschichte, Musik, Physik, Kunsterziehung, Ethik, Informatik und Sport. In den beiden letzteren nahm ich am Unterricht an der Sehschwachenschule teil. In Informatik aufgrund der erforderliche technischen Ausrüstung, in Sport der Blindenspezifik wegen. Denn Sportunterricht für Blinde kann nicht genauso von statten gehen, wie der für sehende Schüler. Daher blieb diese Regelung für den Sportunterricht auch in den späteren Schuljahren bestehen.

Meine erste Klasse bestand aus nur zwölf Schülern. Ich kann bis heute nicht genau sagen, ob dieses bewusste Kleinhalten der Klasse nötig war oder nicht. Als ich einige Monate für einige Tage zur Probe hier gewesen war, bestand die Klasse aus 26 Schülern. Ich hatte mich in dieser Klasse genauso wohlgefühlt, wie in der kleinen, auch wenn es mir natürlich schwerer fiel, mir sowohl die verschiedenen Namen zu merken, als auch die einzelnen Schüler letztendlich zu erkennen und auseinander zu halten. Aber trotzdem, mich hätte auch eine große Klasse nicht gestört. Ich kann allerdings nicht einschätzen wie die Situation für die Lehrer und Schüler aussah. Ich weiß dass unsere Klasse zuerst sieben dann 8-EF-2, einen allgemein schlechten Ruf hatte. Wobei ich auch hier nicht genau weiß, woran es lag. Vermutlich einfach am Alter, denn der nach uns kommenden Klasse ging es genauso.

Das Verhältnis zu meinen Mitschülern würde ich als wohlwollende Neutralität bezeichnen. Ich hatte kein schlechtes Verhältnis zu ihnen, war aber auch mit niemandem wirklich fest befreundet. Die Freundschaft zu einem Mädchen, mit dem ich mich anfangs recht gut verstand, ging nach und nach zunehmend auseinander. Nicht das wir uns gestritten hätten, wir redeten einfach immer weniger miteinander. Das stimmte mich zuerst etwas traurig, aber wie gesagt, da wir uns nicht stritten, hatte das keine wirklichen Konsequenzen. Insgesamt gab es außer einem einzigen, sagen wir, bösartigen Reaktionstest, keinerlei Schwierigkeiten, weder blöde Bemerkungen noch sonst irgendwelche Streiche oder ähnliches. Vielleicht ist mir gerade deshalb das eine Erlebnis in Erinnerung geblieben. Man kann sagen, dass ich dieses erste Schuljahr meist neben der Klasse her, als mit der Klasse zusammenlebte. Ich weiß bis heute nicht woran das lag, ob an mir selbst, an meiner Blindheit, oder an den anderen Schülern.

Den Unterricht selbst empfand ich nicht als irgendwie problematisch. Die Lehrer sahen das wahrscheinlich anders. Ein Problem war sicher der Fakt, dass es in den meisten Fächern keine Schulbücher gab. In Mathematik hatte ich zudem anfangs keinen Taschenrechner. Eine Umstellung für einige Lehrer war vermutlich auch die Tatsache, dass sie ihre Tafelbilder erklären und oder, diktieren mussten. Ein Fakt der mich persönlich ärgerte, der sich aber aus technischen Gründen nicht vermeiden ließ, war die Tatsache, dass ich Arbeiten fast immer erst Wochen nach den anderen zurückbekam. Auch waren gelegentlich Übersetzungsfehler enthalten. Daher gewöhnte ich mir an, mir von den Lehrern jeden Fehler genau zeigen zu lassen, um nachzuprüfen, ob ich wirklich etwas Falsches geschrieben hatte, oder ob es nur falsch übersetzt worden war. Besonders in Französisch und Mathe, also Fächer in denen es auf einzelne Zeichen ankommt, war es kein Einzelfall dass es durch falsche Übersetzung zu einer zunächst schlechteren Bewertung kam. Aber mit Hilfe des genauen Nachkontrollierens ließen sich auch diese Probleme klären.

Im Laufe der siebenten Klasse bekam ich ein sogenanntes Lapbraille. Das ist ein Computerähnliches Gerät. Allerdings kann man damit lediglich schreiben und seine Daten darin abspeichern. Ich konnte damit im Unterricht mitschreiben. Das brachte beiden Seiten eine Entlastung. Für mich, da ich weniger beschriebene Blätter zu sortieren und zu verwalten hatte, was meinem ohnehin nicht besonders ausgeprägten Ordnungssinn entgegenkam. Und für die Mitschüler und Lehrer, da dieses Gerät längst nicht so laut war wie die normale Braillemaschine. Da es allerdings kein Diskettenlaufwerk besaß, musste ich Arbeiten, und andere Dinge die abgegeben werden sollten weiterhin mit der anderen Schreibmaschine anfertigen. Das stellte in gewisser Weise ein Problem dar. Denn die Lehrer konnten keine Übungen oder andere Unterrichtsarbeiten spontan einsammeln. Wir Schüler empfanden das durchaus als Vorteil die Lehrer weniger. Eine andere Ausnahme bildete das Fach Mathematik. Da man bei allen Computern nur eine Zeile auf einmal zum Lesen zur Verfügung hat, und das beim Lösen von Rechnungen hinderlich sein kann, schrieb ich auch hier weiter auf der mechanischen Schreibmaschine.

Im folgenden Schuljahr änderte sich unsere Klassenzusammensetzung kaum. In den meisten Fächern behielten wir auch unsere bisherigen Lehrer. An Fächern selbst änderte sich auch nicht fiel außer das Informatik wegfiel und wir dafür Wirtschaft und Recht sowie Chemie als neue Fächer hinzubekamen.

Im Laufe des Schuljahres entwickelte sich doch eine Art Zugehörigkeit zu einem Teil der Klasse. diese spaltete sich im Laufe des Schuljahres mehr oder weniger deutlich und endgültig in zwei Gruppen.

Außerdem war in diesem Schuljahr ein weiteres blindes Mädchen an die Schule gekommen. Ich kannte Therese schon sehr lange, und fühlte mich deshalb aus freundschaftlichen Gründen für sie verantwortlich. Außerdem gaben mir auch die Lehrer der Sehschwachenschule gewollt oder ungewollt das Gefühl, das sie von mir erwarteten ich würde mich um Therese kümmern. Letztendlich brauchte sie weniger Eingewöhnungshilfe als befürchtet. Allerdings hatte sie weniger Glück mit ihrer Klasse als ich. Denn obwohl ich auch im ersten Schuljahr auch manchmal das Gefühl hatte nicht wirklich dazuzugehören, hatte ich doch kaum wirklich schlechte Erfahrungen mit Mitschülern gemacht. Anders Therese in ihrer Klasse gab es einige Mitschüler die es offenbar amüsant fanden, sie heimlich von hinten mit Kuli anzumalen, ihr bewusst Stühle in den Weg zu stellen oder ihr den Blindenstock wegzunehmen. Aufgrund dieser Dinge wurde eine von Thereses Mitschülerinnen im Nächsten Schuljahr in eine der Parallelklassen versetzt. Danach hörten die "Anschläge" auf.

Im wirklichen Unterricht gab es auch in diesem Schuljahr keine großen Probleme. In den meisten Fächern hatte ich recht gute Noten. Ein Problem bestand allerdings darin, dass mein Englischbuch in englischer Kurzschrift geschrieben war. Diese war mir bis auf sehr wenige Zeichen unbekannt. Das führte dazu dass ich Texte manchmal nur sehr schwer verstand. Außerdem ist es ziemlich peinlich, wenn man ständig fragen muss was eine Zeichengruppe für ein Wort darstellt, weil man es selbst nicht lesen kann.

Ein anderes Problem, das allerdings nichts mit meiner Blindheit zu tun hatte bestand darin, dass wir in diesem Schuljahr sehr viel Ausfallstunden hatten. Auch wenn diese durch Vertretungsstunden ersetzt wurden brachte das nicht unbedingt Vorteile. So wurde uns ein mathematisches Thema innerhalb zweier Wochen von drei verschiedenen Lehrern erklärt, und von jedem natürlich etwas anders. Das Ergebnis war, das wir Schüler am Ende überhaupt nicht mehr wussten, wie wir die entsprechenden Aufgaben lösen sollten.

Für mich selbst änderte sich in diesem Schuljahr ansonsten nur in sofern etwas, dass ich jetzt in der Lage war allein mit dem Bus vom Internat zur Schule und entsprechend zurückzufahren. Dadurch war ich nicht mehr auf den Fahrdienst des Taxiunternehmens angewiesen. Das machte vieles einfacher, so musste ich nicht mehr auf Therese warten oder umgekehrt. Wenn einer von beiden unerwartet eher Schluss hatte. Vorher waren wir immer zusammen mit dem Taxi zum Internat gefahren. Es war überhaupt z.t. recht stressig. Wenn wir am Sophiengymnasium sechs Stunden, also bis 13.30, Unterricht hatten, und um 14.20 Uhr in der Sehschwachenschule zum Sportunterricht mussten. Zwischendurch mussten wir schließlich noch zum Internat fahren Mittag essen und zur Sehschwachenschule gehen. Wenn wir unterwegs in einen Stau gerieten, oder sich der Fahrdienst aus anderen Gründen verspätete, kamen wir öfter zu spät. Die Regelung der späteren Schuljahre, in denen wir erst in der neunten Stunde Sport hatten, war für alle beteiligten angenehmer.

In der neunten Klasse wurden die Klassen neu zusammengesetzt. Die Aufteilung richtete sich danach ob die Schüler sich für eine dritte Fremdsprache (russisch oder Latein) oder verstärkten Unterricht in den Naturwissenschaften entschieden hatten. Es gab letztendlich zwei Klassen mit naturwissenschaftlicher Ausrichtung und eine, deren Mitglieder sich für Latein als dritte Fremdsprache entschieden hatten. Zu dieser Klasse gehörte ich. Wir waren insgesamt 17 Schüler. Als weiteres Unterrichtsfach kam außerdem Sozialkunde hinzu. Die Schüler mit denen ich mich in der achten Klasse am besten verstanden

hatte, hatten sich leider nicht für Latein entschieden. Ich fühlte mich jetzt wieder ähnlich wie in meinem ersten Schuljahr. Nicht wirklich fremd, aber auch nicht wirklich dazugehörig. Im Übrigen war unsere Klasse nach wie vor verschrien.

Mit den neuen Fächern kam ich gut zu recht. In Latein hatte ich sogar ein Buch. Dazu muss man sagen, das Latein im Gegensatz zu den meisten anderen Fächern ohne Lehrbuch kaum zu bewältigen ist. Denn die Texte zu übersetzen, ohne sie gedruckt vor sich zu haben, ist so gut wie unmöglich. Zu den anderen Fächern lässt sich nicht viel sagen. Ich hatte meist recht gute Noten, auch wenn ich vor Arbeiten jetzt mehr lernen musste als in früheren Jahren. Aber das ist schließlich normal. Das einzige Fach in dem ich mich verschlechterte war französisch. Das lag aber wahrscheinlich nicht an den höheren Anforderungen, sondern an meinem mangelnden Interesse, und meiner deshalb nicht allzu großen Bereitschaft mich in diesem Fach wirklich anzustrengen. Mit dieser Einstellung war ich allerdings nicht die einzige.

In der zehnten Klasse änderte sich mein persönliches Umfeld in sofern, dass meine bisherige Internatsgruppe, mit der ich jahrelang zusammengewesen war, die Schule beendet hatte und deshalb das Internat verließ. Ich kam also in eine neue Gruppe, die nachfolgende zehnte Klasse. In der Schule änderte sich für mich nur wenig. Allerdings besuchten ab diesem Schuljahr noch zwei weitere blinde Schüler das Sophiengymnasium. Sebastian kam in eine meiner Parallelklassen. Er war genau wie ich im Internat. Peggy kam in die siebte Klasse. Sie war wie Therese jeden Tag zu Hause. Wir trafen uns fast täglich in der Hofpause. Zum einen um über das leben im allgemeinen und Schule im Besonderen zu reden, zum anderen aber auch um zu klären wer mit dem Taxi, und wer mit dem Bus ins Internat fahren würde. Denn an den Tagen an denen wir Sport hatten, kamen auch Peggy und Therese mit dorthin. Unsere Kontakte zu den sehenden Mitschülern waren sehr unterschiedlich. Meine eigenen waren ähnlich wie in der neunten Klasse. Allerdings kannten wir uns jetzt alle etwas besser, daher waren auch die Gespräche untereinander etwas intensiver geworden. Sebastian ging es ähnlich wie mir, zumal er neu war, und seine Mitschüler erst kennen lernen musste. Peggy dagegen lebte sich in ihrer Klasse schnell ein, und fand zumindest zu meinem Erstaunen recht schnell eine feste Freundin. Auch Therese, die ja jetzt im neunten Schuljahr in eine neue Klasse kam, gelang es sich einigen Mädchen enger anzuschließen. Ich weiß nicht ob das an Therese oder an ihren Mitschülern lag. Diese Dinge machten mich manchmal fast ein bisschen traurig.

Am Unterricht selbst änderte sich kaum etwas. Außer dass wir im zweiten Halbjahr das sogenannte Seminarfach dazubekamen. Zwar sackte ich im ersten Halbjahr in einigen Fächern ab. Ich konnte diese Schwächen im zweiten Halbjahr größtenteils wieder ausgleichen. Außerdem legte ich am Ende dieses Schuljahres meinen externen Realschulabschluss ab. Dabei hatte ich es in gewisser Hinsicht sogar leichter als die sehenden Gymnasiasten mit der selben Absicht. Wenn Gymnasiasten den Realschulabschluss extern ablegen wollen, müssen sie sich erstens, den Stoff der Regelschüler besorgen, der in vielen Fächern nicht mit dem der Gymnasiasten übereinstimmt. Außerdem werden sie zum ablegen der Prüfungen willkürlich auf die verschiedenen Regelschulen verteilt. Sind also fast immer völlig fremd. Dazu kommt, dass man als Gymnasiast nicht die freie Wahl der Prüfungsfächer hat, aber mehr mündliche Prüfungen ablegen muss.

Meine Vorteile bestanden zum einen darin, dass ich vorher wusste, dass ich die Prüfungen an der Sehschwachenschule ablegen würde. Ich war dort nicht fremd kannte die Lehrer und auch die anderen Schüler. Aus dem letzteren Grund, konnte ich mir auch die nötigen Hefter besorgen, die ich zum Lernen benötigte. Trotzdem war die Prüfungszeit recht stressig. Denn im Gegensatz zu wirklich abschließenden hatten externe zwischen den eigentlichen Prüfungstagen nicht frei. Letztendlich bestand ich die Prüfungen, bis auf Mathematik und Geographie mit recht guten Noten, und bekam den Abschluss. Anderen Gymnasiasten würde ich nur dazu raten, wenn sie gute Kontakte zu Regelschülern haben und sich dementsprechend den Lernstoff besorgen, und gegebenenfalls auch bestimmte Dinge erklären lassen können.

Ab dem elften Schuljahr begann das Kurssystem. Wir hatten bereits in der zehnten Klasse die Kurse auszuwählen die wir belegen wollten. Ich wählte als Leistungskurse Deutsch und Geschichte, als Grundkurse Mathematik, Englisch, Biologie, Latein, Wirtschaft und Recht, Musik, Ethik und Sport. Die bisherige Struktur des Klassenverbandes fiel weg. Damit wurde das ganze zwar etwas anonymer aber auch offener. Ich lernte jetzt Mitschüler kennen denen ich bisher noch nie bewusst begegnet war, obwohl wir von Anfang an in Parallelklassen waren. Soweit Sebastian und ich zusammen Unterricht hatten, was in Geschichte, Musik Ethik und im letzten Jahr auch in Mathematik der Fall war, versuchten wir den Kontakt zu den Mitschülern dadurch zu verstärken, dass wir uns zumindest nicht zusammensetzten, und dadurch abgrenzten. Es kam allerdings auch in den letzten beiden Schuljahren nicht zu wirklichen Freundschaften zwischen mir und sehenden Schülern.

Ein gewisses Problem stellte in diesem Zusammenhang die Seminarfacharbeit dar. Diese Belegarbeit soll als Gruppenarbeit angefertigt werden. Da ich in der allgemeinen Gruppenfindungsphase krank war, und keine Gruppe hatte, zu der ich aus freundschaftlichen Gründen dazugehörte, stand ich am Beginn der elften Klasse ohne Gruppe da. Ich wurde daraufhin zusammen mit einer neuen Schülerin einer Gruppe zugeteilt. Deren Mitglieder erklärten jedoch nach der Stunde, sie könnten nicht mit mir zusammenarbeiten, weil wir alle so weit auseinander wohnten und es ohnehin schon schwierig genug sein würde sich außerhalb der Schule zu treffen. An diesem Tag hatte ich zum ersten mal das Gefühl: "Die wollen dich nicht, und die wollen dich deshalb nicht, weil du blind bist". Ich kann nicht einmal sagen was mich dabei mehr verletzte. Die Tatsache, das sie nicht mit mir zusammenarbeiten wollten, ohne mich zu kennen, denn es waren Schüler mit denen ich bis dahin kaum zu tun gehabt hatte. Oder die Tatsache, dass sie zu feige waren ihre Berührungsängste zuzugeben. Ich fragte am nächsten Tag zwei Schülerinnen die das Thema Satanismus bearbeiteten, für das ich mich interessierte, ob sie bereit wären mit mir zusammenzuarbeiten. Sie waren einverstanden. Einigen Gerüchten zufolge hatten zwar auch sie nur ja gesagt um nicht nein zu sagen, aber ich will ihnen nichts unterstellen.

Insgesamt wurde es sowohl für uns als auch für die Lehrer dadurch einfacher, dass wir Laptops mit einer Braillezeile, und die Schule außerdem einen Blindenschriftdrucker bekam. Mit dem Drucker war es jetzt möglich direkt in der Schule Texte aus Lehrbüchern o.ä. für uns auszudrucken ohne den Umweg über die Sehschwachenschule. Durch die Computer wurde es uns möglich geschriebenes, etwa Klassenarbeiten o.ä. auf einer Diskette

abzugeben. Die Lehrer konnten sich das geschriebene ausdrucken lassen, und korrigieren, ohne dass es erst von jemandem übertragen werden musste. Außerdem konnten uns Lehrer die sich mit Computern auskannten selbst Texte auf Disketten geben, oder auch unsere Arbeiten auf der Diskette korrigieren, so dass wir unsere Fehler selbst nachlesen konnten. Das war so komisch das klingen mag, eine neue Erfahrung für mich. Eine weitere Neuheit war die Tatsache, dass ich bei Arbeiten viel leichter Wörter oder ganze Sätze ändern oder korrigieren konnte. Bisher war mir das gerade bei längeren Texten nur schwer möglich gewesen, denn eine Textstelle einfach wegzuradieren oder zu -killern, ging ja nicht. Außerdem wurde der gesamte nachstehende Text im wahrsten Sinne des Wortes platt gewalzt, wenn ich das Blatt zur entsprechenden Stelle zurückdrehte. Mit Hilfe des Computers wurde das jetzt wesentlich einfacher.

Ein Ausnahmefach blieb natürlich Mathematik. Hier musste ich nach wie vor mit der Braillemaschine schreiben, sowohl im Unterricht als auch Arbeiten. Im Bezug auf Arbeiten kam noch etwas neues hinzu. Dazu muss man sagen, dass es in der Schule einen sogenannten "Blindenraum" gibt. In diesem Raum halten sich meist die Lehrer der Sehschwachenschule auf. Außerdem stellen wir dort unsere Hilfsmittel ab, und halten uns in Freistunden dort auf. Wenn Lehrer der Sehschwachenschule anwesend waren, schrieben wir in den letzten Jahren auch unsere Arbeiten in diesem Raum. Das war deshalb oft von Vorteil, weil blinde Schüler das Recht haben für eine Arbeit bei gleicher Aufgabenstellung mehr zeit zu bekommen. In wie weit wir diese Zeit wirklich brauchen ist sehr unterschiedlich, und hängt unter anderem davon ab, wie viel bei einer Arbeit jeweils geschrieben oder gelesen werden muss. Denn während wir beim Schreiben z.t. sogar schneller als die sehenden sind, brauchen wir zum Lesen eines Textes oft mehr Zeit. Da es Schwierigkeiten bringen kann, wenn ein Schüler noch seine Arbeit schreibt während die anderen schon fertig sind, wurde diese Regelung oft in Anspruch genommen. Besonders bei Klausuren, bei denen unsere Zeitverlängerung über die eigentliche Unterrichtszeit hinaus ging, und sowohl Lehrer als auch Unterrichtsraum nicht mehr zur Verfügung standen.

Zum Gebrauch des Computers möchte ich noch hinzufügen, das wir feststellten, dass es wichtig war das wir in der Sehschwachenschule Schreibmaschinenunterricht gehabt hatten. Denn sonst hätten wir kaum so schnell mitschreiben können wie es im Unterrichtsalltag erforderlich war.

Am Schluss möchte ich noch etwas über die Dinge erzählen die Besonderheiten im Schülerleben darstellen. Also, Wandertage Klassenfahrten und Projektwochen. Zu den Wandertagen und auch zu den Ausflügen bei Klassenfahrten kann ich sagen, dass es mir fast immer gelang von Schülern mitgenommen zu werden. Meist waren es die selben. Manchmal machten sie sich untereinander aus, wer mich wann und wie lange mitzunehmen hatte. Diese Regelung gefiel mir nicht wirklich. Zum einen, weil ich mir dabei wie eine Art Gegenstand vorkam den man zu bewachen hat, zum anderen, weil ich mich bei Schülern mit denen ich sonst kaum zu tun hatte irgendwie unbehaglich fühlte. Nicht dass ich Angst davor gehabt hätte sie würden mich irgendwo davor rennen lassen, aber trotzdem ein irgendwie unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Ich trautre mich aber auch nicht gegen diese Organisationsform zu protestieren aus Angst, dass mich dann vielleicht überhaupt niemand mehr mitnehmen würde.

Eine Ausnahme bildete die Klassenfahrt in der zehnten Klasse nach Dresden. Auf dieser Fahrt mussten wir jeder z.T. einzeln, z.T. in Gruppen, eine Belegarbeit schreiben. Deshalb waren wir alle zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten, und kaum einmal wirklich als Klasse unterwegs. Bei dieser Fahrt hatte ich das Gefühl, dass diejenigen mit denen ich die meiste Zeit unterwegs war, mich wirklich dabeihaben wollten, und mich nicht nur aus Pflichtgefühl mitnahmen.

Jetzt zu den Projektwochen. Insgesamt nahm ich an vier dieser Veranstaltungen Teil. In der siebten Klasse war ich im Projekt "Integration von Behinderten" Ich war darum gebeten worden, und dachte mir, dass es ganz sinnvoll sei andere Schüler über "uns" aufzuklären. Zur Projektwoche in der neunten Klasse war ich krank. In der zehnten Klasse sollten die Projekte des vorigen Schuljahres weitergeführt werden. Da ich nun kein Projekt hatte zu dem ich gehörte, musste ich sehen, wo ich mich anschließen konnte. Ich landete wieder bei "Integration von Behinderten". In der elften und zwölften Klasse war es wieder so, dass die Projekte des ersten im zweiten Schuljahr weitergeführt werden sollten. Ich meldete mich für das Projekt "Bildhauerarbeiten". Dabei sollten wir Gasbeton und Speckstein zu einer Plastik verarbeiten. Innerhalb dieser Projekttage gelang es mir Kontakt zu Schülern des nach uns folgenden Jahrgangs aufzunehmen. Wir verstanden uns recht gut, und unterhielten uns z.t. auch später noch wenn wir uns zufällig begegneten.

Diese letzte Projektwoche und die >Klassenfahrt nach Dresden zählen für mich zu den schönsten Erlebnissen die ich in meiner Schulzeit hatte.

Um die Sache abschließend zu beurteilen werde ich die Begriffe Integration und Beschulung auseinander nehmen.

Die Beschulung halte ich für erfolgreich abgeschlossen. Ich werde in Kürze mein Abitur machen, und bin guter Hoffnung die Prüfungen zu bestehen. In wie weit man die Integration als gelungen bezeichnen kann, weiß ich nicht. Ich selbst würde sie als teilweise gelungen bezeichnen. Ich wurde zwar mit den sehenden Schülern gemeinsam unterrichtet, aber oft genug hatte ich das Gefühl nicht wirklich dazuzugehören. Ich habe zu diesem Problem im Laufe der Zeit zwei Aussagen gehört. Die einen sagen, das sei meine Schuld weil ich nicht genug auf die anderen zu gegangen wäre. Die anderen sagen das sei die Schuld der anderen, weil sie nicht auf mich zugegangen wären. Ich weiß nicht wer Recht hat. Ich weiß dass es für beide Seiten nicht ganz einfach ist. Für mich nicht, weil ich oft Angst habe jemanden zu belästigen, wenn ich ihn etwas frage. Die Aussage, "die werden dir schon sagen wenn sie nicht wollen. " trifft leider in den seltensten Fällen zu. Denn selbst wenn Mitschüler nicht wirklich mit einem Blinden zusammenarbeiten wollen sagen sie das in den wenigsten Fällen offen. Zum einen wohl weil sie Angst haben denjenigen zu verletzen, zum anderen wohl auch aus Angst von Lehrern und Mitschülern schief angeguckt zu werden. Vielleicht wäre eine höfliche aber direkte Ablehnung aber günstiger als eine ungewollte Zusammenarbeit. Ich habe oft erlebt, das z.B. "zugeteilte" Gruppenarbeiten wenig fruchtbar waren. Ich muss allerdings zugeben, dass ich auch nicht genau weiß wie ich mich in der Situation der anderen verhalten würde. Eine Mitschülerin hat einmal gesagt "Ich glaube das Problem ist, das man für eine wirkliche Freundschaft, die auch außerhalb der Schule stattfinden muss eine Menge von seiner eigenen Freiheit aufgeben muss weil der Blinde doch oft Hilfe braucht, und das will niemand. Eine Freundschaft nur während der Schulzeit ist Quatsch."

Auch wenn bestimmte Dinge rechtnegativ klangen, habe ich meine Entscheidung nie bereut. Ich würde auch anderen blinden Schülern zu dieser Form der Beschulung raten, und sei es nur, um zu verstehen, wie wichtig Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit sind.

Noch ein Hinweis für Eltern. Es muss ihnen klar sein, dass ihr Kind ihre Hilfe braucht, selbst wenn es im Internat ist. Da es kaum Lehrbücher gibt, wird es immer wieder Situationen geben, in denen sie Matheaufgaben diktieren, oder einen Text vorlesen müssen. Auch kann es vorkommen, dass die Schüler eine Aufgabe bekommen, bei der Photos zu machen sind. Auch dabei wird ihr Kind auf ihre Hilfe angewiesen sein. Es ist natürlich möglich, dass es ihrem Kind gelingt wirklich gute Freunde zu finden, die ihm in solchen Situationen helfen. Aber so etwas ist schließlich nicht planbar. Besonders wenn ihr Kind jeden Tag zu Hause ist, sollten sie vorher überlegen, ob sie diese Hilfe leisten können und wollen.

Quelle:

Anne Günther: Bericht über die integrative Beschulung am Weimarer Sophiengymnasium

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 09.03.2006

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