Inklusion im Öffentlichen Dienst: Beispiel Paul-Ehrich-Institut

AutorIn: Annetraud Grote
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Annetraud Grote: Inklusion im Öffentlichen Dienst: Beispiel Paul-Ehrich-Institut In: Theresia Degener/Elke Diehl (Hrsg.): Handbuch der Behindertenrechtskonvention. Teilhabe als Menschenrecht – Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015. S. 124-129.
Copyright: © Annetraud Grote 2015

Inklusion im Öffentlichen Dienst: Beispiel Paul-Ehrich-Institut

Inklusion bedeutet in der Arbeitswelt, dass Menschen mit und ohne Behinderung unter passenden Rahmenbedingungen beweisen können, dass sie einen gleichwertigen Beitrag leisten, beispielsweise im Arbeitsfeld von Wissenschaft und Forschung. Um erfolgreiche Inklusion Wirklichkeit werden zu lassen, bedarf es eines Erkenntnisprozesses, dass dies keine Frage der Größe des Betriebs oder der Art der Branche ist, sondern bereits durch manchmal nur kleine Veränderungen viel erreicht werden kann. Ausschlaggebend ist das Bewusstsein, dass der Umgang mit Vielfalt dazu beiträgt, Barrieren aller Art und vor allem in den Köpfen der Menschen abzubauen.[1]

Dieser Herausforderung stellt sich das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) seit vielen Jahren, indem es Menschen mit – auch sehr schweren – Behinderungen und den unterschiedlichsten Bildungsabschlüssen ausbildet, weiterqualifiziert und beschäftigt. Das PEI, das als Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel Amtsaufgaben im Rahmen der Arzneimittelzulassung wahrnimmt, aber auch in der Forschung weltweit engagiert ist, stellt sich mit seiner inklusiven Beschäftigungsstrategie seiner Verantwortung als öffentlicher Arbeitgeber. Es zielt darauf, nicht nur als arbeitsmarktpolitisches Modell wahrgenommen zu werden, sondern bei anderen Arbeitgebern des Öffentlichen Dienstes, aber auch in der Privatwirtschaft, möglichst viel Nachahmung zu finden.



[1] Siehe dazu auch die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) herausgegebene Broschüre „Zusammenarbeiten – Inklusion in Unternehmen und Institutionen“, online abrufbar unter: http://www.bmas.de/DE/Service/Publikationen/a755-leitfaden-aktionsplaene.html (Aufruf am 17.06.2014).

Arbeitsmarktpolitische Modelle zur Nachahmung empfohlen

Tandem-Projekte

Seit 1996 widmet sich das PEI verstärkt der Integration (aus heutiger Sicht würde die Verfasserin sogar behaupten der Inklusion) behinderter Wissenschaftler_innen. Im Rahmen mehrerer Projekte beschäftigte das PEI seit dieser Zeit zunächst eine Vielzahl von Hochschulabsolvent_innen mit Behinderung in den Bereichen Forschung und Verwaltung. Bei Bedarf wurden sie im „Tandem“ von einer technischen Arbeitsassistenz unterstützt. Die Arbeitsassistenz bietet die notwendige arbeitsplatzbezogene Unterstützung und wird heute auch gesetzlich durch einen Rechtsanspruch gemäß § 33 Absatz 8 Nr. 3 SGB IX garantiert.[2] Im PEI bestand die Besonderheit, dass die eingestellten Assistenzen, die zumeist im Labor mit einer technischen Ausbildung Hilfestellungen leisteten, um die körperlichen Beeinträchtigungen eines Kollegen oder einer Kollegin mit Behinderung auszugleichen, teilweise selbst eine Behinderung hatten. Die Finanzierung dieser Assistenzen erfolgte über Eigenmittel und Zuschüsse des Integrationsamtes und der Arbeitsagenturen.

In den wissenschaftlichen Tandems hingegen forschten und arbeiteten behinderte und nicht behinderte Akademiker_innen jeweils gleichberechtigt im Team an einem definierten Forschungsprojekt. Die akademische Unterstützungsleistung ging hier über die rein technische Assistenz hinaus: Sie lag beispielsweise bei einem sprachbehinderten Wissenschaftler in der Unterstützung bei Vorträgen, die nur durch eine Arbeitsassistenz nicht gewährleistet werden konnte. Dies stellte ein Novum dar, da sich durch die Schaffung von gleichberechtigten Kooperationen von behinderten und nicht behinderten Beschäftigten sowie die Bereitstellung von barrierefreien Arbeitsplätzen neue Integrations- und Qualifikationsmöglichkeiten eröffneten.[3]

Modellcharakter erhielten diese Projekte auch durch die Bemühungen, durch Gebäudeumbauten weitere Arbeitsplätze barrierefrei zu gestalten, wofür die bereits bestehende behindertenfreundliche Infrastruktur im Institut eine gute Voraussetzung bot. Neben der Installation einer Vielzahl von automatischen Türöffnern und dem Einbau barrierefreier Sanitärbereiche wurden Gehwege und Zufahrten geebnet.

Das innovative Element bestand insbesondere darin, dass auch Menschen mit Rollstuhl oder anderen schweren Einschränkungen die Möglichkeit gegeben wurde, experimentell im Labor zu forschen. Durch manchmal nur geringfügige Anpassungen in den Laborräumen wurden Tätigkeiten in diesem Bereich bis zur Sicherheitsstufe 3 möglich. So kam etwa die Höhenverstellbarkeit der Sterilbänke, an denen im Labor gearbeitet wird, dem Anspruch des selbstbestimmten und unabhängigen Arbeitens entgegen. Selbstverständlich erfolgte die Realisierung unter Einhaltung der Vorgaben der Arbeitssicherheit.

„Vieles ist möglich …“ – ein EQUAL-Projekt

Von 2005 bis 2007 koordinierte das PEI im Rahmen der EQUAL-Initiative[4], eines arbeitsmarktpolitischen Programms der EU, das Projekt „Vieles ist möglich – Tandem-Partner in der Wissenschaft“[5]. Die Zielgruppe dieses Projekts wurde neben Wissenschaftler_innen auf Promovierende und Auszubildende mit Behinderung ausgeweitet. Zu den Projektpartner_innen zählten deutschlandweit mehrere Universitäten, Behörden sowie Industrieunternehmen. Europaweit waren weitere Partner beteiligt. In der Projektlaufzeit beschäftigte das PEI zusätzlich dank der Unterstützung des Europäischen Sozialfonds, nationaler Zuschüsse sowie aus Eigenmitteln drei Promovierende, zehn wissenschaftliche, sieben nichtwissenschaftliche Mitarbeiter_innen und drei Auszubildende mit den unterschiedlichsten Behinderungen. Ein wichtiger Effekt des Projekts war unter anderem auch der Aufbau eines aus den Projektpartner_innen hervorgegangenen dauerhaften Netzwerkes zur Förderung der Integration schwerbehinderter Wissenschaftler_innen in Deutschland. Auf der Basis dieses hieraus resultierenden Erfahrungsaustauschs und Wissenstransfers sowie aufgrund seiner koordinierenden Rolle im EQUAL-Projekt hat sich das PEI deutschlandweit und international zu einem gefragten Ansprechpartner für interessierte Arbeitgeber aus der freien Wirtschaft, für Universitäten und andere Forschungseinrichtungen entwickelt. Dementsprechend wurde das Institut auf nationaler und internationaler Ebene für seine Netzwerkarbeit ausgezeichnet.[6]

Weiterqualifikation nach dem Bachelor-Abschluss

Bereits während des EQUAL-Projekts wurde für die Projektverantwortlichen ein neues Problemfeld der akademischen Ausbildung von Menschen mit Behinderung offenbar. Ursache ist die Umstellung vieler Studiengänge auf das bestehende Bachelor-Master-System. Da der Bachelor-Abschluss bereits als berufsqualifizierender Abschluss gilt, verweigern einige Sozialhilfeträger eine Finanzierung des behinderungsbedingten Mehrbedarfs während des zweiten Teils der Ausbildung, dem „Master-Studium“. Ein fehlender Nachteilsausgleich führt dazu, dass Menschen mit Behinderung vom Erwerb weiterführender akademischer Qualifikationen ausgeschlossen werden. Um zumindest einige betroffene schwerbehinderte Bachelor-Absolvent_innen dennoch weiter zu qualifizieren und daneben die Öffentlichkeit für diesen Problemkreis zu sensibilisieren, initiierte das PEI von 2010 bis 2013 das bundesweit einzigartige ProBAs-Projekt[7], das sowohl im wissenschaftlichen als auch im administrativen Bereich die Möglichkeit zur Weiterqualifikation im Sinne eines Trainings on the Job bot. Projektpartner_innen waren wiederum Arbeitgeber aus dem öffentlichen und privaten Bereich, aber auch Universitäten, Beratungs- und Selbsthilfeverbände. Im PEI selbst wurden sieben Absolvent_innen aus verschiedenen Disziplinen weiterqualifiziert, sieben weitere Bachelors wurden bei den genannten Projektpartner_innen eingestellt. Ziel des Projekts war es, den 14 Teilnehmer_innen im PEI und bei den Partnerorganisationen durch einen strukturierten Erfahrungs- und Wissenszuwachs bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen. Eine Reihe von Weiterbildungs- und Schulungsangeboten und Hospitationen bei Unternehmen aus der Wirtschaft boten entsprechende Qualifizierungsmöglichkeiten. Nach Abschluss des ProBAs-Projekts kann auf eine erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit mit zahlreichen Veranstaltungen und einem großen Presseecho zurückgeblickt werden. Aber insbesondere die Tatsache, dass die meisten der im Rahmen des Projekts Beschäftigten eine Anschlussposition gefunden haben, spricht für dessen Erfolg.

Inklusionsprojekt für Auszubildende

Ein Effekt der Netzwerkarbeit ist die seit 2009 bestehende Mitgliedschaft des PEI im UnternehmensForum e. V. (siehe dazu den Beitrag von Olaf Guttzeit S. 122), einem branchenübergreifenden Zusammenschluss von Konzernen und mittelständischen Firmen, der sich für mehr Inklusion von Menschen mit Behinderung in das Arbeitsleben engagiert. So besteht ein Ziel des UnternehmensForums darin, Menschen mit Behinderung den Zugang zu einer dualen Ausbildung zu ermöglichen. Daher hat das Forum in Zusammenarbeit mit Schulen, Unternehmen, Behörden und anderen Partnern das Inklusions-Projekt „Inklusive Ausbildung von Jugendlichen mit und ohne Behinderung“ (InkA) gestartet, das vom PEI koordiniert wird.[8] In den Jahren 2013 und 2014 werden bundesweit jeweils 20 zusätzliche schwerbehinderte Auszubildende in verschiedenen Berufen eingestellt, die gemeinsam mit nicht behinderten Auszubildenden ihre Ausbildung absolvieren. Dabei werden vorhandene Ausbildungsstrukturen an die Bedürfnisse der schwerbehinderten Jugendlichen angepasst.



[2] Nähere Informationen zur Arbeitsassistenz siehe unter http://www.integrationsaemter.de/Fachlexikon/Arbeitsassistenz/77c545i1p/index.html (Aufruf am 17.06.2014).

[3] Die seinerzeit bestehende Rechtsgrundlage zur Erlangung von Zuschüssen für dieses einzigartige Modell, das durch die damalige Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) unterstützt wurde, ist leider zwischenzeitlich entfallen.

[4] Die aus dem Europäischen Sozialfonds geförderte Gemeinschaftsinitiative EQUAL endete zum 31. Dezember 2007, siehe unter http://www.equal.esf.de (Aufruf am 17.06.2014).

[5] Siehe unter http://www.tandem-in-science.de/ (Aufruf am 17.06.2014).

[6] Am 23.06.2010 wurde das Projekt „Tandem in Science – Network for Integration Projects „ in der Kategorie „Improving transparency, accountability and responsiveness in the Public Service“ von den Vereinten Nationen mit dem ersten Preis des United Nations Public Service Award 2010 (UNPSA) für die Region Europa und Nordamerika ausgezeichnet.

[7] Das „Projekt zur Weiterqualifikation für schwerbehinderte Bachelor-Absolventen/-innen“ (ProBAs) startete am 1. Januar 2010. Siehe dazu http://www.projekt-probas.de (Aufruf am 14.04.2014).

[8] Informationen dazu siehe unter http://www.unternehmensforum.org/inklusionsprojekt.html (Aufruf am 17.06.2014).

Inklusion im Arbeitsleben – ein Gewinn für alle

Während der Laufzeit der beschriebenen Inklusions-Projekte wurden verschiedene Barrieren identifiziert, deren Abbau eine erfolgreiche Inklusion von Menschen mit Behinderung in das Berufsleben erleichtern. Neben der Beseitigung der genannten physischen Barrieren sind Angebote wie zum Beispiel flexible Arbeitszeitmodelle und die Einführung von Telearbeit weitere förderliche Faktoren. Nicht zuletzt die beschriebenen Projekte und Maßnahmen – baulich, verwaltungstechnisch, finanziell und personell – haben dazu geführt, dass die Beschäftigungsquote schwerbehinderter Menschen am PEI im Jahr heute bei nahezu 20 Prozent liegt. Dies ist eine ausgesprochen hohe Quote angesichts der Tatsache, dass nach dem SGB IX Arbeitgeber verpflichtet sind, 5 Prozent ihrer Arbeitsplätze mit behinderten Menschen zu besetzen.

Viele der ehemals im Zuge der Projekte befristet eingestellten Menschen mit Behinderung arbeiten auch heute noch mit großem Engagement im Institut und zeigen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl. Manche erlangten im Rahmen dieser Programme ihren Doktortitel. Andere kamen als bereits promovierte Forscher_innen für eine Postdoc-Phase und nehmen heute im Bereich der nationalen wie auch europaweiten Arzneimittelzulassung Aufgaben im PEI wahr. Bereits früh hat man im PEI realisiert, dass die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung eine Win-win-Situation für das Institut als Arbeitgeber und die Beschäftigten gleichermaßen darstellt.

Zusammenfassung

Der Beitrag stellt verschiedene Inklusions-Projekte des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) vor, die Beispiele für das Gelingen von Inklusion in Ausbildung, Weiterqualifizierung und Beschäftigung von Menschen mit – auch sehr schweren – Behinderungen und unterschiedlichsten Bildungsabschlüssen sind. Entscheidend für den Erfolg der Projekte des PEI ist das gewachsene Bewusstsein für die Leistungsfähigkeit behinderter Menschen und die Erkenntnis, dass auch das Institut selbst erheblich von der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung profitiert. Die Inklusion behinderter Menschen fördert die interne Zusammenarbeit und trägt so wesentlich zum Erfolg sowohl des Arbeitgebers als auch der Beschäftigten bei. Dem PEI gelang die Entwicklung verschiedener arbeitsmarktpolitischer Modelle. Dabei wurde im Institut der Weg zu einer behindertenfreundlichen “Institutsphilosophie“ weiter geebnet.

Quelle

Annetraud Grote: Inklusion im Öffentlichen Dienst: Beispiel Paul-Ehrich-Institut In: Theresia Degener/Elke Diehl (Hrsg.): Handbuch der Behindertenrechtskonvention. Teilhabe als Menschenrecht – Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015. S. 124-129.

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Stand: 15.11.2018

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