Umhüllt von peinlichem Schweigen

Die Suche nach der eigenen Identität als Mädchen und junge Frau mit Körperbehinderung

Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: AEP Informationen 1/2019: Trotz aller Barrieren. Ganz Frau-Sein mit Behinderungen, S. 5-7 AEP Informationen (1/2019)
Copyright: © Julia Golser, Eldina Woods 2019

Abbildungsverzeichnis

    Julia Golser und Eldina Woods im Gespräch

    Abbildung 1.

    hölzerne Hände, welche stricken

    ©Karin Flatz

    J. G. : Typischerweise werden ja geschlechtsspezifische, biographische Aspekte bei Menschen vorausgesetzt. Z.B. wird von jungen Männern automatisch angenommen, dass sie zur Musterung gehen und dann Bundesheer oder Zivildienst machen. Aber an junge Männer mit Behinderungen wird diese Erwartung automatisch nicht gestellt. Das gibt es bei Frauen auch sehr oft. Dass eine junge Frau eine Ausbildung macht, einen Partner findet, mit ihm zusammenzieht, ihn heiratet und dann Kinder bekommt, ist bei uns noch immer selbstverständlich. Vielen Frauen in meinem Umfeld werden diesbezüglich Fragen gestellt, aber solche Fragen habe ich nie bekommen. Hat mich dann doch einmal jemand gefragt, dann ist mir klar geworden, wie wenig normal das für mich ist. Es ist mir nie offen gesagt worden, dass ich diese typischen Erwartungen nicht erfüllen könnte, aber ich habe gespürt, dass diese Erwartung nicht da ist. Sie ist entweder weniger vorhanden oder anders.

    Frauen in Österreich stehen schnell unter einem Rechtfertigungsdruck, wenn sie die traditionellen Erwartungen nicht erfüllen. Es heißt dann: Du bist übrig geblieben? Wieso hast du keine Kinder? Du musst was falsch gemacht haben. Diese Erwartung wird aber an mich nicht gestellt. Ich kann also nichts falsch machen, sozusagen, das ist auch entlastend. Das ist einerseits angenehmer, aber andererseits ist das, was dahinter steckt, durch und durch abwertend. Es bedeutet nämlich, dass es nicht vorgesehen ist, dass ich von irgendjemandem die Partnerin sein oder Kinder haben könnte.

    Irgendetwas stimmt nicht

    Als Jugendliche habe ich nur gespürt, dass irgendetwas nicht stimmt. Einen Freund zu haben, das wurde bei mir nicht erwartet. Oft war es meinem Gegenüber unangenehm oder peinlich, mir gegenüber das Thema Sexualität anzusprechen. An mich als Frau mit Behinderung wurden andere Erwartungen gestellt als an Frauen ohne Behinderungen.

    E. W. : Auch ich werde auf solche Themen extrem selten angesprochen, in der Familie überhaupt nicht. Meiner ganzen Familie, auch Onkeln und Tanten, war unausgesprochen immer klar, dass ich keine Kinder bekommen würde.

    Als ich vor eineinhalb Jahren mit meinem Freund zusammengekommen bin, war das für andere Menschen häufig heroisierend. Auch in den Medien wird es oft als etwas Bewundernswertes dargestellt, einen Partner oder eine Partnerin mit Behinderung zu haben. Ich finde das zum Kotzen. Bei mir und meinem Freund ist es noch ärger, weil er auch eine Behinderung hat. Da wird dann gleich gesagt: Das muss die große Liebe sein! Das wird so überhöht und so entsteht noch mehr Druck. Dabei haben wir genau dieselben Probleme wie alle anderen Paare.

    Unvorstellbar

    J. G. : Vielleicht können sich die meisten überhaupt nicht vorstellen, mit einem behinderten Menschen eine Beziehung zu haben. Nichtbehinderte Partner oder Partnerinnen werden oft als PflegerInnen oder BetreuerInnen wahrgenommen, weil es nicht möglich zu sein scheint, dass Personen mit Behinderungen PartnerInnen sein können. Wenn ich mit einer Freundin ins Kino gehe, kann es passieren, dass vor allem ältere Leute sagen, was ich für eine gute Freundin habe, dass die mit mir ins Kino geht. Wie blöd sich meine Freundin dann fühlt.

    E. W. : Meine Freundin wurde gefragt, wie lange sie schon bei mir arbeitet. Und oft reden die Leute dann gar nicht mit mir, sondern nur mit meiner Freundin, was auch für sie schwierig ist, weil sie nicht will, dass ich ausgeschlossen werde. Dann wird sie eingeladen auf ein Getränk und ich sitze daneben und sie klopfen mir auf die Schulter und sagen: Heute sind wir aber lange auf.

    J. G. : Es läuft immer darauf hinaus, dass man außerhalb des Normrahmens steht. Das ist mal mehr, mal weniger arg. Bei manchen Dingen habe ich das Gefühl, dass sich was ändert, dass behinderte Menschen auch zur Norm gehören, aber bei anderen Dingen habe ich das Gefühl, dass sich gar nichts ändert.

    Angestarrt und angeglotzt

    In meiner späten Pubertät habe ich eine Phase gehabt, da war ich recht dünnhäutig. Wenn ich damals beim Ausgehen ganz viel angestarrt worden bin, hatte ich die Schnauze voll und wollte nicht mehr ausgehen. Mittlerweile reagiere ich mehr mit Aggression als mit Rückzug. Was ich mittlerweile gut kann, ist böse zurückschauen. Das funktioniert, wenn dem Glotzenden bewusst ist, dass er glotzt. Es kann natürlich auch sein, dass ich durch mein Zurück-Glotzen das Bild, das der Glotzende von mir hat, bestätige. Also im Sinne von „Die ist nicht ganz dicht“, aber in unseren Breiten ist das eher selten. Und man sieht den Leuten von außen nicht an, ob sie ein diskriminierendes oder ein nicht-diskriminierendes Bild von Menschen mit Behinderungen haben.

    E. W.: Ich merke es im Alltag gar nicht, dass ich angestarrt werde, weil ich mit meinem Leben selbst so beschäftigt bin. Meine Assistentinnen machen mich manchmal darauf aufmerksam, sie fragen, ob mich das nicht stört, aber ich habe es gar nicht gemerkt. In der Pubertät wollte ich nie wirklich ausgehen, vielleicht auch weil ich insgesamt eher introvertiert bin oder vielleicht war bzw. bin ich das auch gerade wegen der Behinderung.

    Was soll ich mit der reden?

    Als Jugendliche wollte ich gerne andere Leute kennenlernen. Aber es gab gar keinen Bezug zueinander und ich kam überhaupt nicht ins Gespräch. Und du merkst, dass du eigentlich was ganz Anderes bist. Und dann bist du auch noch ein Mädel und weißt, dass du gar nicht so wie das Ideal bist. Du merkst, du wirst nicht so eine Frau wie andere. Ehrlich, es ist eine sehr schwierige Phase. Und es umhüllt dich ein peinliches Schweigen. Ich bin daneben gestanden, habe versucht mitzureden, aber sie haben nicht gewusst, wie sie mit mir reden sollen. Einmal hat einer neben mir gesagt: „Ich weiß nicht, was ich mit der reden soll.“ Und gerade in diesem Alter ist es so wichtig, was andere über einen denken. Es ist dann leichter, dass du dich selbst ausgrenzt, weil du dich noch nicht so zu sein traust, wie du bist.

    J. G. : Und das in der Phase, wo du eh schon in der Selbstfindungskrise steckst, die bei jedem Scheiße ist, egal ob behindert oder nichtbehindert. Ich war in der Schule immer integriert, ich hatte immer Jugendliche um mich herum, die ich kannte und die mich kannten. Mit irgendwem war ich immer bekannt, und es waren auch altersmäßig sehr gemischte Gruppen. Das hat mir sicherlich sehr geholfen. Auch TouristInnen haben oft Leichtigkeit hineingebracht beim Ausgehen. Bei mir war außerdem wichtig, dass ich als Jugendliche noch ohne Rollstuhl in Lokale hineingekommen bin. Hätte ich damals schon immer einen Rollstuhl gebraucht, wäre ich in viele Lokale nicht reingekommen. Das ist ein massiver Ausgrenzungsfaktor.

    Rollstuhl-Effekte

    E. W. : Das stimmt. Mir hat immer gegraust, wenn wir in der Schule mit der Klasse unterwegs waren. Ich musste manchmal in den Schieberollstuhl, obwohl das für mich etwas total Unwohles ist. Es war mir sehr unangenehm, dass die SchulkollegInnen sehen, wie viel Hilfe ich brauche. Mit dem E-Rolli bewege ich mich selbst, und sogar meine Stimme ist anders, wenn ich nicht in meinem E-Rolli sitze.

    J. G. : Ich habe im E-Rollstuhl auch ein ganz anderes Auftreten als im Schieberollstuhl, krieg schlagartig eine andere Persönlichkeit, wenn ich nicht im E-Rollstuhl sitze.

    E. W. : Was Barrierefreiheit betrifft, sind für mich Waxing-Studios ein großes Thema. Barrierefreie Salons findet man eher, aber barrierefreie Studios, die Waxing anbieten, sind praktisch gar nicht zu finden.

    J. G. : Bei den FriseurInnen ist oft das Problem, dass die Waschbecken für Rollstuhlfahrerinnen nicht benutzbar sind.

    E. W. : Ja, ich könnte meine Haare nicht färben lassen, weil ich keinen Salon kenne, wo ich das Waschbecken benützen kann. Zum Haareschneiden komme ich immer mit gewaschenen Haaren hin.

    J. G. : Die alten Waschbecken, die schwenkbar sind, kann ich gut benützen. Modern sind jetzt aber fix montierte Fauteuils vor dem Waschbecken, da kann ich mit dem Rollstuhl nicht zum Waschbecken fahren.

    Abbildung 2.

    Fotocollage

    ©Karin Flatz

    Die innere Sehnsucht nach Persönlicher Assistenz

    E. W. : Es ist für uns Frauen mit Behinderungen schwieriger, einem Schönheitsideal zu entsprechen, weil wir die Dienstleistungen dafür nicht nützen können. Für mich war das in der Pubertät sehr schwierig. Ich hätte mich gerne mehr gepflegt, und konnte mich nie hundertprozentig so pflegen, wie ich es wollte. Ich hätte mich z.B. im Intimbereich gerne rasiert, so wie das alle anderen gemacht haben, aber ich konnte es nicht. Meine Mutter hat mir dann geholfen, aber das ist nicht ideal. Junge behinderte Mädchen sollten Informationen bekommen, wie sie Körperpflege nach ihren Wünschen erhalten können. Das ist auch ganz wichtig für ein positives Körpergefühl.

    Ich habe schon mit 13 Jahren eine innere Sehnsucht nach persönlicher Assistenz gehabt. Einmal habe ich mit meiner Schwester unglaublich gestritten, weil sie meine Zahnbürste nicht so abgestellt hat, wie ich es wollte. Ich hätte sie sogar mit meinem Taschengeld bezahlt, dass sie die Zahnbürste nach meiner Anleitung hinstellt. Wenn man früh mit Persönlicher Assistenz anfängt, wächst man mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein auf. Man kann sich dann mehr mit dem Gedanken anfreunden, mit Unterstützung zu leben und das organisieren zu müssen. Ich habe mit 15 zum ersten Mal Persönliche Assistenz erhalten. Hätte ich erst mit 20 nach der Schule und gleichzeitig mit dem Ausziehen angefangen, mich mit diesen Fragen zu beschäftigen, wäre das eine totale Überforderung gewesen. Auch für Mädchen und junge Frauen sollte es schon Persönliche Assistenz für alle Lebensbereiche geben.

    Autorinnen

    JULIA GOLSER, Mag.a, geb. 1981, lebt mit einer progressiven Muskelerkrankung. Seit dem Jahr 2000 nimmt sie Persönliche Assistenz in Anspruch, seit ihrem Psychologiestudium ist sie behindertenpolitisch aktiv. Sie arbeitet als Koordinatorin bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck.

    ELDINA WOODS, 25, arbeitet als Koordinatorin bei Selbstbestimmt Leben Innsbruck. Sie ist aufgrund einer Muskelkrankheit auf einen elektrischen Rollstuhl sowie Persönliche Assistenz angewiesen.

    Das Gespräch zwischen Julia Golser und Eldina Woods wurde von Petra Flieger aufgezeichnet.

    Quelle

    Julia Golser, Eldina Woods: Umhüllt von peinlichem Schweigen; Erschienen in: AEP Informationen 1/2019: Trotz aller Barrieren. Ganz Frau-Sein mit Behinderungen, S. 5-7

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 10.07.2019

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