Gleichstellung auf Amerikanisch

Themenbereiche: Recht, Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Gemeinsam leben - Zeitschrift für integrative Erziehung Nr. 2-98 Gemeinsam leben (2/1998)
Copyright: © Luchterhand 1998

Golf vor Gericht - Behinderter bekommt recht

Carsey Martin darf künftig bei Profiturnieren mitspielen - und dabei einen Elektrowagen benutzen

Als der ehrenwerte Richter Thomas Coffin das Urteil verlas, lächelte Carsey Martin für einen Moment, nickte seinen Eltern zu und sagte ergriffen zu seinen Anwälten: "Wir haben gewonnen." Er wirkte erleichtert, wenngleich man ihm ansah, daß er nicht glauben wollte, was er hörte. Coffin stellte nämlich fest, daß Martin unter die amerikanische Akte zum Schutz von Behinderten (ADA) falle und ihm fortan die Möglichkeit gegeben werden müsse, an Golfturnieren der Profiserien teilzunehmen. Die anwesende Journalistenschar eilte zu ihren Laptops und in die Übertragungswagen mit ihren Satellitenschüsseln, die seit dem 2. Februar den Parkplatz vor dem Gerichtsgebäude von Eugene (Oregon) bevölkerten.

Es war ein historischer Moment, der den vorläufigen Schlußpunkt einer landesweiten Debatte markierte und den Golfsport verändern könnte. Martin hat zuletzt eine Venenerkrankung namens Klippel-Trenaunay-Weber-Syndrom weltweit bekannt gemacht und mehr Schlagzeilen gehabt als der zum Halbgott der Fairways mutierte Tiger Halbgott der Fairways mutierte Tiger Woods. Der 25jährige trägt seit Jahren einen Stützstrumpf vom großen Zehn bis zur Leiste, er kann längere Strecken nur unter großen Schmerzen zurücklegen, weil aufgrund eines Blutstaus sein knie sonst anschwillt wie eine Pampelmuse und Blutsäcke in Wade und Oberschenkel entstehen. Weil zudem seine Knochensubstanz deformiert ist, muß er einen Golfcart benutzen, um nicht einen Knochenbruch zu riskieren.

Das wollte der Veranstalter von Golfturnieren, die PGA, mit dem Argument verhindern, Gehen und die damit körperliche Belastung sei ein wesentlicher Bestandteil des Sports. Coffins Urteilsspruch schafft einen Präzedenzfall, demzufolge Martin nun ein Elektrowagen zur Verfügung gestellt werden muß und für Behinderte generell der Weg in den elitären Kreis des Golfs freigemacht werden könnte.

Der Fall hatte wochenlang Kontroversen ausgelöst. Die PGA hatte sich dabei nachhaltig unbeliebt gemacht mit ihrer Position und Golflegenden wie Jack Nicklaus und Arnold Palmer als Zeugen aufrufen lassen, die zu ihren Gunsten aussagten. Der US-Profi Brad Faxon machte sich sogar lächerlich mit der Bemerkung: "Ich sehe auch keine verletzten Footballspieler, die Mopeds bekommen." Martin: "Manchmal konnte ich nur noch den Kopf schütteln.

Spätestens als der Sportartikelhersteller Nike einen Vertrag mit Martin schloß und Werbespots mit ihm sendete, befand sich die PGA in der Bredouille. Die amerikanische Öffentlichkeit reagierte mit einer Woge der Sympathie für Martin. Der Weltranglisten-Zweite Greg Normen aus Australien telefonierte mit seinem behinderten Kollegen und teilte ihm mit: "Die PGA will Druck auf mich ausüben, gegen dich auszusagen. Aber ich bin auf deiner Seite und freue mich, bald gegen dich anzutreten." Daß Martin mit den besten Akteuren mithalten kann, bewies er bei zwei Turnieren vor dem Prozeß, bei denen er aufgrund einer Ausnahmegenehmigung einen Cart benutzen durfte - eines davon gewann er.

Martin fühlte sich nach dem Medienwirbel und unzähligen öffentlichen Auftritten zuletzt "absolut erschöpft" und befürchtete, durch die Ablenkungen, "ganz zu verlernen, wie das Spiel funktioniert". Er sagte jedoch, die PGA habe ihm keine andere Chance gelassen: "Andernfalls hätte ich ganz aufhören müssen, Golf zu spielen." Außerdem verschlechtert sich der gesundheitliche Zustand seines Beins unaufhörlich, weshalb sein Vater mit bewegter Stimme sagte: "Mit Cart oder ohne Cart, ich wäre sehr überrascht, wenn er in zehn Jahren noch Golf spielen könnte."

Wäre die amerikanische Behindertenbewegung den vielen guten Ratschlägen gefolgt, die wir hier tagtäglich bekommen, daß Gesetze nicht das richtige Instrument für die Integration sind und daß wir die "Gesellschaft" nur aufklären müssen, dann wird alles automatisch besser, könnte sich Casey Martin das Golfspielen erst missionieren, daß auch Gehbehinderte Golf spielen können und dürfen. Mit Hilfe des Americans with Disabilities Acts war es Casey Martin jedoch möglich, gegen die Ungerechtigkeit und die Arroganz der Golfwelt mit Hilfe des Gesetzes vorzugehen und sein Recht zu erstreiten.

So fern dieses Beispiel vielleicht für viele behinderte Menschen hierzulande klingen dürfte, da viele von uns nicht einmal vom professionellen Golfspielen träumen wagen, um so deutlicher macht dieses Beispiel, worum es bei der Debatte um die Gleichstellung behinderter Menschen geht: Gleichstellung ist eine Frage, die viele Facetten des Alltags berührt und das Instrument für uns darstellt, unsere rechte mit Hilfe des Gesetzes auch durchzusetzen wie Carsey Martin. Wer nichts gegen diese Diskriminierungen tut stellt sich auf die Seite der Diskriminierer, so unsinnig deren Argumente auch sein mögen.

Der Autor

Ottmar Miles-Paul

ISL e.V.

Jordanstraße 5

34117 Kassel

Quelle:

Ottmar Miles-Paul: Gleichstellung auf Amerikanisch

Erschienen in: Gemeinsam leben - Zeitschrift für integrative Erziehung Nr. 2-98

Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied 1998

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 25.02.2005

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