Zu Hause in der »Welt der Hörenden«

Eine junge gehörlose Frau berichtet von ihrem Leben nach der Schulzeit, die sie im Gemeinsamen Unterricht verbracht hat

AutorIn: Ariane Jaeger
Themenbereiche: Kultur
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Gemeinsam leben - Zeitschrift für integrative Erziehung Nr. 1-00 Gemeinsam leben (1/2000)
Copyright: © Luchterhand 2000

Eine junge gehörlose Frau berichtet von ihrem Leben nach der Schulzeit, die sie im Gemeinsamen Unterricht verbracht hat

»Sie sehen, auch Frau Jaeger braucht einen Dolmetscher!« Ich war verblüfft.

Für die hörenden und gehörlosen TeilnehmerInnen der Tagung in Köln unübersehbar hatte mir mein Vater die Beiträge der anderen Podiumsmitglieder über ihre Erfahrungen mit der Sonderschule für Gehörlose übersetzt. Zuletzt hatte ich dann kurz meine Erfahrungen mit dem Gemeinsamen Unterricht wortsprachlich vorgetragen.

Hatte Herr Donath, Moderator und Vater eines inzwischen erwachsenen Gehörlosen sich Sorgen gemacht, dass integratives Aufwachsen und gemeinsames schulisches Lernen eine (Hör-)Beeinträchtigung aufheben würde, oder zumindest befürchtet, dass andere das annehmen könnten?

Wenn die Lippen des Sprechenden nicht deutlich zu sehen sind, wenn er zu schnell oder mit »schlechtem« Mundbild (wie z.B. Herr Donath) spricht, wenn in einer Gruppe die Beiträge schnell hin und her gehen, brauche ich selbstverständlich wie alle Gehörlosen einen - allerdings nicht gebärdenden, sondern sprechenden - Dolmetscher, damit ich dem Gespräch folgen und daran teilnehmen kann.

Das ureigenste, natürliche Kommunikationsmedium der Gehörlosen miteinander, die Gebärdensprache, beherrsche ich nur sehr mangelhaft. Die Wortsprache konnte ich zwar nicht auf normalem Weg über mein Gehör erwerben. Aber der alltägliche Umgang mit hörenden Gleichaltrigen in Schule und Freizeit bot ständig Vorbild und Anregung für den mühevollen Spracherwerb, gab mir die Möglichkeit, den Gebrauch der Lautsprache und das Lippenlesen permanent zu üben und zu verbessern, Fehler und Mängel zu erkennen und zu korrigieren, meinen Wortschatz bedarfsgerecht zu erweitern.

Damit hatte ich wesentlich bessere Bedingungen als an der Gehörlosenschule. Der wenig lebendige »Systematische Sprachaufbau« auf reduziertem Niveau, das vorgeschriebene ständige sprachliche Führen und Korrigieren in allen Fächern durch die Lehrperson als einzige Hörende, die geringe Brauchbarkeit der Wortsprache für die alltägliche Kommunikation der gehörlosen SchülerInnen miteinander machen das so mühsame Lernen von Sprache und Lippenlesen - nur etwa 30% des Gesprochenen erscheint ablesbar im Mundbild, der Rest muss aus dem Zusammenhang erschlossen werden- ziemlich unattraktiv und wenig effektiv.

Kein Wunder also, dass sich in einer Pause der Tagung eine pensionierte Lehrerin, die arbeitslose junge Gehörlose betreut, darüber beklagte, dass ein erschreckend hoher Prozentsatz der Gehörlosenschulabgänger nur über eine äußerst geringe Wortsprachkompetenz verfügt. Und selbst die Gebärdensprachfähigkeit sei wenig differenziert ausgebildet, weil diese Kommunikationsform oft noch verpönt, zumindest aber nicht Gegenstand schulischer Förderung ist. Außerdem dominiere der Sprachaufbau das Unterrichtsgeschehen so sehr, dass für andere Lerninhalte zu wenig Raum bleibt und auch nur das vermittelt werde, was von den SchülerInnen jeweils sprachlich korrekt bewältigt werden kann. So komme es neben der geringen Sprachkompetenz zusätzlich zu einem verminderten Schulbildungsniveau.

Das ist mir erspart geblieben! Der gemeinsame Schulbesuch von uns SchülerInnen mit unterschiedlicher und ohne besondere Beeinträchtigung verhinderte, dass unsere LehrerInnen den Unterricht frontal und einseitig auf eine bestimmte »Behinderung« ausrichten konnten. Durch Maßnahmen der Differenzierung und Individualisierung - z.B. Partner-, Kleingruppen-, Freiarbeit - gelang es, Wege des Lehrens und Lernens zu erkunden und zu finden, die die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen angemessen berücksichtigten und das Lernen mit und vor allem auch voneinander ermöglichten.

Nach dem Abitur entschied ich mich, Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln und Sonderpädagogik für Geistigbehinderte und zunächst für Hörgeschädigte, später dann für Erziehungsschwierige an der Universität zu studieren. Nach der Ausbildung zur Sonderschullehrerin möchte ich gerne im Gemeinsamen Unterricht mitwirken, der mir als Schülerin so hilfreich gewesen ist.

Die Hochschulen sind weder konzeptionell noch faktisch auf StudentInnen mit Beeinträchtigung, schon gar nicht mit Gehörlosigkeit eingerichtet: Frontale Vorlesungen und Vorträge, viele noch unbekannte Fachbegriffe, komplexe, aber keineswegs immer gedanklich klar strukturierte, schnelle Sprache, die Lippenlesen auch unter günstigen Bedingungen nur bruchstückhaft zulässt, keine DolmetscherInnen, die zusätzlich zumindest über ein Basisverständnis und -wissen im Studienfach verfügen müssen, wenig Anschaulichkeit.

Ein weiteres Problem: Hatte ich mich in einem Semester an das Mundbild der Dozenten und KommilitonInnen und sie sich an meine Sprache gewöhnt und waren für meine Teilnahme notwendige Hilfen gefunden worden, dann sah ich mich im nächsten Semester oft mit anderen Dozenten und StudentInnen konfrontiert. Erneut musste ich meine Hörbeeinträchtigung in ihren studienbezogenen Konsequenzen deutlich machen, musste erklären, was ich leisten kann, was nicht, welche Voraussetzungen ich für ein erfolgreiches Studieren unbedingt brauche.

Anders als in der Schule fühlte ich mich mitunter etwas verloren und heimatlos - ein Gefühl, das allerdings auch andere gelegentlich beschlich. Dann tat es besonders gut, wenn ich DozentInnen begegnete, die Zeit dafür opferten, gemeinsam Maßnahmen zu überlegen, durch die ich im Sinne eines gewissen Nachteilausgleichs einigermaßen vergleichbare Bedingungen wie hörende Studierende bekomme, oder wenn mir KommilitonInnen ganz spontan übersetzten oder ihre Mitschriften zum Kopieren zur Verfügung stellten.

Natürlich ist es nicht immer leicht, im Massenbetrieb der heutigen Hochschulen besondere Bedürfnisse Einzelner zu berücksichtigen. Nicht alle Lehrenden waren zu Konzessionen und zusätzlichem Zeitaufwand bereit.

Zur unüberwindlichen Hürde wurde ausgerechnet der leitende Professor des Seminars für Hör- und Sprachbehinderte: Zunächst getroffene Absprachen, die meine Gehörlosigkeit bei dem Erwerb von Seminarscheinen sinnvoll berücksichtigen, wurden nachträglich ignoriert. Nun sollten sogar rückwirkend Bedingungen gelten, die erst für folgende Semester eingeführt worden waren und für mich erhebliche zusätzliche Erschwernisse enthielten. Ein weiterer Schein wurde mir schließlich mit einer höchst abwegigen Begründung vorenthalten.

Der Fortgang meines Studiums war blockiert. Mit der Verweigerung der Scheine hatte ich bereits drei Semester verloren. Da er zum Lippenlesen zu schnell, mit zu undeutlichem Mundbild und zusätzlichem holländischen Akzent sprach, habe ich über mehrere Monate mit ihm korrespondiert, habe versucht zu vermitteln, was es für das Studieren bedeutet, wenn man nicht hören kann. Ohne Erfolg. Sicher ist er ein Fachmann für die Hör- und Sprecherziehung Hörbehinderter. Für die Möglichkeiten und Begrenzungen, die mit Gehörlosigkeit tatsächlich verbunden sind, und für die deshalb erforderlichen unterstützenden und ausgleichenden Hilfen fehlten ihm offensichtlich Vorstellungskraft und Verständnis. Um dadurch beim Studium nicht weiter behindert zu werden, wechselte ich zur Erziehungsschwierigenpädagogik. Eine richtige Entscheidung. Hier fand ich wie schon bei den DozentInnen der Sonderpädagogik für geistige Behinderung die notwendige Unterstützung.

Mein Sportexamen in Theorie und Praxis der verschiedenen Sportarten, in Sportmedizin und Didaktik und Methodik des Sportunterrichts habe ich vor kurzem erfolgreich absolviert - nicht zuletzt auch Dank der Bereitschaft der Unterrichtenden und Prüfenden natürlich nicht bei den inhaltlichen Anforderungen, aber bei der Gestaltung von Lehre und Prüfung meine Hörbeeinträchtigung angemessen zu berücksichtigen.

Für das Examen in den beiden sonderpädagogischen Fachrichtungen gibt es noch viel zu lernen.

Eine befriedigende, selbstbestimmte, eigenständige Teilnahme am allgemeinen Leben unserer Gesellschaft, in der Wort- und Schriftsprache zu verstehen und selbst zu gebrauchen eine große Rolle spielt, gelingt mir gewöhnlich ohne große Probleme. Die nötige Kompetenz für den Umgang mit Hörenden, von denen ja nur sehr wenige Erfahrung mit Gehörlosen sammeln konnten, habe ich von Kindesbeinen erworben und ständig trainiert.

Bei Arztbesuchen , Behördengängen, Kaufverhandlungen und was es sonst noch alles zu erledigen gilt, brauche ich keine Übersetzungshilfe. Oft begegne ich anfänglicher Befangenheit und Unsicherheit, nur selten Ungeduld und Ablehnung, wenn ich nicht gleich verstanden werde oder die anderen nicht oder falsch verstehe.

Natürlich bekomme ich auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, der ganz überwiegend aus Hörenden besteht, nicht immer alles mit - besonders im größeren Kreis. Meist finde ich dann aber jemanden, der mir zumindest die Kernpunkte der Unterhaltung oder Besprechung weitergibt.

Viel Spaß macht es mir, mit FreundInnen zu verreisen, interessante Landschaften, fremde Kulturen, andere Lebensweise kennen zu lernen. Wenn meine Mitreisenden die Landessprache nicht beherrschen, bin ich bei der Verständigung mit den Einheimischen sogar im Vorteil. Mimik, Körpersprache, Gestik zu beachten und enthaltene Hinweise und Informationen zu erkennen - darin habe ich viel Übung.

Besonders ans Herz gewachsen ist mir »Brücke-Krücke«, ein lockerer Verband ohne formelle Mitgliedschaft aus SchülerInnen und jungen Erwachsenen mit verschiedensten - auch sehr schweren - und ohne Beeinträchtigung, hervorgegangen aus einer so vergnüglichen Reise nach Rom, dass die Teilnehmer auch nach dieser als einmalig vorgesehenen Aktion für das Jahr der Behinderten 1981 weiterhin gemeinsam Freizeit verbringen wollten. Als Fünfzehnjährige bin ich dann anlässlich einer Reise durch Israel 1989 zu diesem »herrlich chaotischen Haufen« gestoßen. Es gibt keine professionelle Leitung und Betreuung. Vorgesehene Besuche von Veranstaltungen, eigene Feten, Wochenend- und längere Reisen werden jeweils von zwei bis drei Freiwilligen im Detail vorbereitet und organisiert. Dann packt jeder nach seinen Möglichkeiten mit an, damit alles klappt. Und wer besondere Hilfen braucht, bekommt sie. Auch bei extremer körperlicher Beeinträchtigung lässt sich (fast) jedes Problem lösen. Wenn beispielsweise die Wendeltreppe zu eng ist für einen Rollstuhl, dann geht es eben Huckepack auf den Aussichtsturm, sofern die Betreffenden das möchten.

Die Skepsis und Besorgnis meiner wie auch anderer Eltern -besonders von Jugendlichen mit schwerer Beeinträchtigung- vor der ersten größeren Reise verflog spätestens, wenn sie anschließend unsere begeisterten Erlebnisberichte, auch von den unvermeidlichen kleinen Pannen und Unzulänglichkeiten und manch besonders kreativer Problemlösung hörten.

Theaterstücke und Filme mit anspruchvollen Dialogen, aber ohne Untertitelung mit anzuschauen, lohnt sich für mich nicht. Manchmal bedaure ich das sehr. Aber auch andere können aus verschiedensten Gründen nicht an allem teilnehmen.

Bei Brücke-Krücke mit dabei ist auch Uli mit Down-Syndrom, mein ältester Freund noch aus der Kindergartenzeit. Gemeinsam haben wir die erste Integrationsklasse in Bonn besucht und so unter anderem lernen können, dass auch eine schwere Beeinträchtigung nicht per sé dazu führt, dass man als ein betreuungsbedürftiger, wenig selbstständiger Behinderter mit erheblich eingeschränkter Mündigkeit in einer mehr oder weniger komfortablen Nische der Gesellschaft seine Zeit verbringen muss.

Meinen Lebensgefährten habe ich bei Brücke-Krücke kennen gelernt. Ich genieße es, mit ihm den Alltag zu gestalten, gemeinsam etwas aufzubauen, Reizvolles zu unternehmen und zu erleben, zu verreisen. Selbstredend gibt es wie in jeder Beziehung auch Reibereien und Missverständnisse. Entgegen aller Unkerei von »Fachleuten« hängen die aber nur sehr selten damit zusammen, dass er hören kann und ich nicht. Ich sehe dafür oft manches, was ihm als Hörendem entgeht.

Natürlich hat meine Gehörlosigkeit und ebenso das Umgehen meiner Umwelt damit wesentlich beeinflusst, wie und zu wem ich mich entwickelt habe. Sie ist ein wichtiger, aber keineswegs ein alles andere dominierender und bestimmender Teil dessen, was ich heute bin. Sicher möchte ich dieses oder jenes ändern, möchte dazulernen, mich weiterentwickeln, Zukunftsträume verwirklichen. Aber ich möchte keine andere sein. Die »hörende Welt« ist für mich zwar kein Paradies, wie wohl für keinen, aber ich fühle mich trotz mancher Behinderung oder unzulänglicher Unterstützung in ihr zu Hause.

Autorin:

Ariane Jaeger,

Staffelsgasse 47

53347 Alfter

Tel./Fax o228 - 747031

E-mail: Uliane@gmx.de

Quelle:

Ariane Jaeger: Zu Hause in der "Welt der Hörenden"

Erschienen in: Gemeinsam leben - Zeitschrift für integrative Erziehung Nr. 1-00

Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied 2000

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 16.03.2006

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