Tandem-Arbeit mit Bürgerjahr - Beteiligung im Gemeinwohlarbeits-Sektor

Ein Innovationsprojekt der Aktion Menschenstadt Essen

AutorIn: Klaus von Lüpke
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Gemeinsam leben - Zeitschrift für integrative Erziehung Nr. 1-00 Gemeinsam leben (1/2000)
Copyright: © Luchterhand 2000

1 Einführende Projektbeschreibung

Gabi Meier freut sich, wenn frühere Werkstatt-Kollegen kommen und sie diese als ihre Gäste in ihrem (!) Café begrüßen kann, und bedient sie mit aufmerksamem Selbstbewusstsein.

Helga Puczinski ist glücklich in der Zusammenarbeit mit ihren Tandem-Partnerinnen und erzählt zu Hause viel von ihrem (!) Café-Team

Kathrin Schulz übt täglich mit Unterstützung ihrer Tandem-Partnerin das Lesen und Schreiben der Café-Speisekarte, um die Wünsche der Gäste immer selbständiger entgegennehmen zu können.

Peter Ohnesorg bringt Rezepte mit, die er als Junge gesammelt hat und backt Kuchen in der Café-Küche. Er erfüllt sich mit der Café-Arbeit seinen Kindheitstraum.

Sie alle haben neue Kontakte und auch schon Freunde im Umfeld der Café-Projekte gewonnen. Für eine ganze Reihe von Kooperationspartnern, die vorher allzu wenig Begegnungen mit Menschen mit Behinderung hatten, haben sie ganz neue Erfahrungen von Menschlichkeit erschlossen und sind für manchen zur »Seele des Betriebs« geworden.

Ort dieser Entwicklungen sind zwei - vor 11/2 bis 2 Jahren begonnene - Café-Projekte in Essen, zwei kleine sozio-kulturelle Stadtteilzentren, in Kooperation mit Kirchengemeinden.

Um es genauer zu beschreiben: da arbeiten

  • Menschen mit geistiger Behinderung auf Außenarbeitsplätzen der Werkstatt in Tandem-Partnerschaft zusammen mit

  • Menschen ohne Behinderung, die in Form eines Bürgerjahres mitarbeiten; und sie arbeiten zusammen in Projekten, die

  • Gemeinwohlarbeit mit Mehrfachzielorientierung praktizieren, mit einer Kombination

  • insbesondere von behindertenpolitischen, sozialpolitischen und arbeitsmarktpolitischen Zielen und

  • Behindertenarbeit als Gemeinwohlarbeit erfahrbar machen, Behindertenarbeitsprojekte als Aktion-Menschenstadt-Projekte erkennbar machen.

All das erfüllt die Beteiligten mit Spannung, denn all das stellt etwas Innovatives dar:

  • die Tandemarbeit,

  • das Bürgerjahr,

  • die Kombination mehrerer Ziele in einem Projekt,

  • die Transformation von Behindertenarbeit in Gemeinwohlarbeit.

Und dies Bündel von Innovationen erschließt gute weiterführende Erfahrungen

  • für die beteiligten Menschen mit Behinderung,

  • für die beteiligten Nichtbehinderten,

  • für das jeweilige soziale Umfeld und für das größere Gemeinwesen,

  • für die Klärung politischer Zielsetzungen.

2 Die innovativen Projektelemente

Die Tandemarbeit ist eine besondere Form von Integrationsförderung für Menschen mit geistiger Behinderung im Arbeitsbereich durch Tandempartnerschaft mit Nichbehinderten im Bürgerjahr.

Die Tandemarbeit praktiziert eine 1 : 1 - Partnerschaft von Menschen mit und ohne Behinderung. Diese Partnerschaft bedeutet Zusammenarbeit an derselben Sache in einem gemeinsamen Praxisfeld und mit gleichen Rollen, in gegenseitiger Ergänzung mit unterschiedlichen Fähigkeiten und mit unterschiedlichem Leistungsumfang. Die beiden - behinderten und nichtbehinderten - Tandempartner erbringen zu zweit nicht 200% Leistung, sondern 100% plus x, was auch die Beteiligung von Menschen mit einer schweren Behinderung grundsätzlich ermöglicht.

Für die Praxisentwicklung von Tandemarbeit bietet der Gemeinwohlarbeitssektor besonders günstige Voraussetzungen. Es ist zwar denkbar, Tandempaare auch in Bereichen des ersten Arbeitsmarktes erfolgreich zu vermitteln, doch gerade der Gemeinwohlarbeitssektor bietet vielfältige kreative soziale Ausgestaltungsmöglichkeiten und gute Aussichten auf ein neues Wachstum des Angebotes sowohl von allgemeinen Arbeitsplätzen als auch in besonderer Weise von integrativen Arbeitsplätzen.

Das Bürgerjahr ist ein Soziales Praxisjahr, das auf Zivildienst oder Freiwilliges Soziales Jahr oder auf vergleichbare Vorerfahrungen aufbaut und weiterführende Möglichkeiten für aktives Engagement in sozialen wie in kulturellen und in ökologischen Praxisfeldern vermittelt. Behindertenarbeit ist nur ein mögliches Praxisfeld des Bürgerjahres neben vielen anderen, wie auch in Verbindung mit anderen.

Das Bürgerjahr ist verbunden mit einem existenzsichernden und sozialversicherungspflichtigen Bürgereinkommen in Höhe von z.Zt. mindestens 1.800 DM Arbeitnehmer-Brutto (im Rahmen von Arbeitsförderprogrammen entsprechend mehr).

Das Bürgerjahr bietet Möglichkeiten zu aktiver Mitgestaltung des Gemeinwesens und ein relativ hohes Ausmaß an Selbstbestimmung und Mitbestimmung der eigenen Bürgerjahr-Praxis.

Das Bürgerjahr orientiert sich an einer Vierfachzielsetzung und ist zu beschreiben als

  • Erfahrungs- und Bildungs-Jahr,

  • Arbeitseinstiegs- und Arbeitsentwicklungs-Jahr,

  • Integrationsförderungs-Jahr,

  • Gemeinwesenentwicklungs- und Gemeinwohlförderungs-Jahr.

Bürgerarbeit in Form von 1, 2, oder 3 Bürgerjahren stellt eine Arbeit dar, eine mit einer Existenzsicherung bezahlte und mit Sozialversicherung abgesicherte Arbeit. Sie unterscheidet sich von anderer Arbeit

  • durch besonderes, persönliches und partnerschaftliches Engagement für das Gemeinwohl, z.B. in der Praxis gemeinwohlorientierter Behindertenarbeit und behinderungsorientierter Gemeinwesenentwicklung; dies impliziert einerseits größere Gestaltungsspielräume (Elemente von bürgerschaftlichem, im Sinne von ehrenamtlichem/freiwilligem Engagement) und ideelle Mehrwertgewinne, andererseits Zustimmung zu einer tariflichen Einstufung als soziale Helfertätigkeit;

  • durch ein hohes Defizit an Marktfähigkeit, d.h. durch eine Schwäche an privater und gesellschaftlicher Kaufkraft, in Kontrast zu dem großen Bedarf an solcher Arbeit; dieser Kontrast eröffnet die Chance, durch Strukturentwicklungsmaßnahmen, die private und gesellschaftliche Kaufkraft zu stärken und damit die konkreten Dienstleistungen der Bürgerarbeit auf eine dauerhaftere Finanzierungsbasis zu stellen.

Aktuell besteht die Finanzierung des Bürgerjahrs aus einer Mischfinanzierung mit folgenden Bestandteilen:

  • Finanzierungssockel aus öffentlichen Mitteln (Freie Mittel der Arbeitsförderung, Strukturanpassungsmaßnahmen u.a.)

  • Hinzuverdienst aus Stundensätzen (für Eingliederungshilfeleistungen u.a.) und aus Projekterlösen

  • Verstärkungsmittel durch Bürgerbeteiligung in Form von Spenden, Sponsormitteln, Stiftungszuschüssen, Eigenmitteln.

Die Kombination mehrerer Ziele in einem Projekt besteht schon in der Verbindung von Integrationsförderung durch Tandemarbeit und von Arbeitsentwicklung durch das Bürgerjahr. Schon diese Verbindung ist, insbesondere für Ämter mit bestimmten Haushaltstiteln, so ungewohnt, dass sie sagen: »Sie müssen sich schon entscheiden, was Sie wollen; welchem Bereich Ihr Projekt zugeordnet werden soll, der Behindertenpolitik oder der Arbeitsmarktpolitik.« So ist schon das innovativ, dass es eine Kombination von diesen beiden Zielen ist. Und schon diese Kombination führt zu gegenseitiger Verstärkung und deutlichen Synergieeffekten.

Diese Wechsel- und Synergiewirkung vervielfältigt sich aber noch, erreicht eine noch lebendigere Qualität, wenn ein drittes Ziel und möglicherweise weitere Ziele hinzukommen. So verbinden die Café-Projekte die Integrationsförderung und die Arbeitsförderung mit Nachbarschafts- und Stadtteilkulturförderung (durch Angebote von Festen und Feiern, Organisation von Runden Tischen, durch Ausstellungen, Kleinkunst, Spielangebote u.a.) mit Ökologie- und Eine-Welt-Solidaritätsförderung (durch Waren aus ökologischem Anbau und aus fairem Handel, durch die Möglichkeit von Projektpartnerschaften u.a.). Bei anderen Projekten sind vergleichbare Drittziele denkbar.

Drittziele sind so wichtig, weil sie die Binnenkommunikation zwischen den Tandempartner/innen beleben, weil sie in Realsituationen, mit konkreten, sozialen Funktionen, hineinführen, und weil sie mit den verschiedenen weiteren Kooperationspartnern, die bei den Drittzielen beteiligt sind, eine Vielfalt von neuen, zusätzlichen Kontakten erschließen.

Die Transformation von Behindertenarbeit in Gemeinwohlarbeit geschieht in der Praxis dieser Projekte dadurch, dass sie Menschen mit Behinderung aus ihrer Rolle, primär Objekte von Diensten anderer zu sein, befreit, sie als gleiche Menschen mit gleichen Bürgerrechten anerkennt und ihnen konkrete Möglichkeiten vermittelt, selber Subjekte mit aktiven sozialen Rollen zu sein. Menschen mit Behinderung bringen sich in der Praxis des Projekts in mehrfacher Hinsicht aktiv für das Gemeinwohl ein.

  • Sie erbringen eine - in der Regel wachsende - konkrete Arbeitsleistung.

  • Sie werden als Menschen, die mit ihrer Behinderung zu leben gelernt haben, zu Lehrmeistern von Nichtbehinderten.

  • Sie tragen mit dem Vertreten ihres Hilfebedarfs und mit dem Selbstbewusstsein der Entgegennahme der notwendigen Hilfeleistung bei zu einer wesentlichen Verbesserung des sozialen Klimas.

So werden Projekte wie die Café-Projekte zu Modellen und Schrittmachern der Transformation von Behindertenarbeit in Gemeinwohlarbeit, die Entwicklung weg von Aktion-Sorgenkind-Wahrnehmungsmustern hin zur Konzeption von Behindertenarbeit als Aktion Menschenstadt.

Das Hauptanliegen des Aktion-Menschenstadt-Konzeptes ist es deutlich zu machen, dass es um gemeinsame Interessen geht, dass es um eine gemeinsame Zukunft von Menschen mit und ohne Behinderung geht, dass es um ein Miteinander für eine menschlichere Stadt für alle geht.

3 Die weiterführenden Praxiserfahrungen

Diese Innovationen führen zu folgenden, hier nur anzudeutenden weiterführenden Erfahrungen:

Die beteiligten Menschen mit Behinderung gewinnen vielfältige neue Kontakte, erfahren eine Zunahme von persönlicher Anerkennung in Realsituationen, wachsen in ihrem Selbstbewusstsein, in ihrer Motivation und auch in ihrem Leistungsvermögen. Für einige ist es wie eine Befreiung aus einengenden Prägungen einer Sozialisation in Sondereinrichtungen.

Es hat zwar neben den überwiegend positiven Erfahrungen auch die Erfahrung gegeben, dass ein Mensch für die konkrete Aufgabe der Café-Arbeit nicht geeignet war, und dass ein anderer Mensch in das geschützte Kommunikationsmilieu der Werkstatt-Gemeinschaft zurückstrebte. Diese Einzelerfahrungen fordern jedoch zu einer Weiterentwicklung der begonnen Projekte und zur Entwicklung anderer Tandemarbeits-Projekte heraus. Und die deutlich überwiegenden Erfahrungen von Spaß, von Begeisterung, von Engagement ermutigen dazu.

Auch die beteiligten Nichtbehinderten gewinnen vielfältige neue Beziehungen, die für sie persönlich bedeutsam sind und teilweise sogar Elemente von Freundschaft beinhalten. Sie entdecken in den Ausgestaltungsspielräumen der Praxis neue Möglichkeiten, sich mit persönlichen Fähigkeiten und Interessen zu entfalten, Sinn zu gestalten und Verantwortung wahrzunehmen und daraus Kraft und Spaß zu gewinnen. Für viele verbessern sich durch den Erfahrungsgewinn die Chancen für den Einstieg bzw. Wiedereinstieg im ersten Arbeitsmarkt, viele erlangen nach Abschluss des Bürgerjahres einen regulären Arbeitsplatz. Viele würden gerne dauerhaft Bürgerarbeit - mit dieser größeren Freiheit von Fremdbestimmung als in vielen anderen Bereichen - machen und hoffen auf eine Entwicklung der Vergütungsmöglichkeiten hin zu besseren tariflichen Einstufungen; einige bleiben dabei und arbeiten auch zu den vorhandenen Bürgerjahrbedingungen weiter.

Menschen des sozialen Umfelds und Vertreter des Gemeinwesens heben hervor, wie sehr sie das Mitwirken von Menschen mit Behinderung und das persönliche Engagement ihrer Tandempartner als eine Bereicherung erfahren. Sie erfahren eine Verbesserung des sozialen Klimas, einen Zugewinn an Vertrauen und Geborgenheit, an Farbenreichtum und Kreativität , an Lebensfreude und Menschlichkeit, einen Zugewinn, der auf das soziale Umfeld ausstrahlt und etwas von der Bedeutung der Projekte erfahrbar macht, so etwas wie Baumpflanzaktionen in versteppender Landschaft zu sein.

Im Hinblick auf die Klärung politischer Zielsetzungen führen die Erfahrungen dazu, folgende zwei Primärziele als gut, sinnvoll, ja notwendig und als realistisch und praktikabel anzusehen und die Praxis in Orientierung an diesen Zielen weiter zu entwickeln:

Es gilt die Arbeit der Werkstatt für Behinderte weiter zu entwickeln und dies als - behindertenpolitische - Chance zu begreifen und zu ergreifen:

  • zu einer Form von Arbeit mit einer neuen Qualität der Förderung von Integration durch Tandempartnerschaft mit Nichtbehinderten auf einem Außenarbeitsplatz in einem allgemeinen sozialen Umfeld (offen für vielfältige Kontakte) und

  • zu einer Form von Arbeit mit einer neuen Qualität von Dienst für das Gemeinwohl durch Tandemarbeit in eigenständigen Kooperationsprojekten mit verschiedenen ausdrücklich gemeinwohlorientierten Praxisinhalten (Erweiterung der »Eigenproduktion«).

Und es gilt diese Weiterentwicklung der Arbeit der Werkstatt für Behinderte mit der Entwicklung einer neuen Arbeitsmöglichkeit für Nichtbehinderte in Form des Bürgerjahrs bzw. von Bürgerarbeit zu verknüpfen, dies als - arbeitsmarktpolitische - Chance zu begreifen und zu ergreifen und damit weiterzukommen:

  • zu einer tragfähigen Alternative zur Arbeitslosigkeit (Bürgerjahrpraxis als Beitrag zur Entwicklung von Bürgerarbeit zu einer gleichgewichtigen Form von Arbeit) und

  • zu einer neuen Qualität von Arbeit: mit mehr Selbst- und Mitbestimmung, mit Zugewinn an sozialen Kontakten, mit Gabentausch statt Leistungstausch (Rainer Zoll), mit Einsatz für das Gemeinwohl.

4 Abschlussbemerkung

Wir betreiben Tandemarbeit mit Bürgerjahrbeteiligung als Aktion-Menschenstadt-Projekt in den genannten Café-Projekten. Weitere Projekte sind in Planung bzw. in Überlegung. Wir begleiten die Praxis mit kontinuierlicher Reflexion, doch erst die Praxis erschließt uns manche neuen Erkenntnisse. Wir sammeln und dokumentieren unsere Praxiserfahrungen und entwickeln unsere Konzeption weiter. Zur Verbesserung unserer Praxis- und Konzeptionsentwicklungen sind wir am Erfahrungsaustausch mit anderen, die auf gleichem oder ähnlichem Weg sind, interessiert.

Zum Autor

Klaus von Lüpke,

Aktion Menschenstadt - Behindertenreferat, Ev. Stadtkirchenverband Essen, II. Hagen 7, 45127 Essen, Tel.: 0201/2205125

Quelle:

Klaus von Lüpke: Tandem-Arbeit mit Bürgerjahr - Beteiligung im Gemeinwohlarbeits-Sektor

Erschienen in: Gemeinsam leben - Zeitschrift für integrative Erziehung Nr. 1-00

Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied 2000

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 10.02.2005

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation