BAG INFO

AutorIn: Christa Roebke
Themenbereiche: Kultur
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Gemeinsam leben - Zeitschrift für integrative Erziehung Nr. 1-00 Gemeinsam leben (1/2000)
Copyright: © Luchterhand 2000

Liebe Leserinnen und liebe Leser!

Die wichtigste Neuerscheinung auf dem Integrationsbüchermarkt im Jahre 1999 war für mich die äußerlich bescheidene, dafür vom Inhalt her aufrüttelnde Broschüre mit dem Titel »Das brauchen wir, um gleichberechtigt zu sein! Menschen, die geistig behindert genannt werden, mischen mit«*. Erarbeitet wurde sie vom seit dem 1. Dezember 1997 bestehenden bundesweiten Modellprojekt »Wir vertreten uns selbst!«, dessen Träger die Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam leben - Gemeinsam lernen, die Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung und die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland sind, finanziell für vier Jahre unterstützt vom Bundesministerium für Gesundheit. Herausgegeben wurde das Büchlein vom »Netzwerk Artikel 3«, zugehörig der »People First«-Bewegung in Deutschland. Vierzehn junge Leute geben Auskunft darüber, wie sie sich in dieser Gesellschaft als Individuen und als »soziale Wesen« fühlen. Ihre Kritik an den sie behindernden Lebensbedingungen äußern sie so:

  • Wir möchten selbst über unser Leben bestimmen.

  • Wir mögen nicht, wenn wir »geistig behindert« genannt werden.

  • Wir möchten für uns selber sprechen.

  • Wir möchten zum Beispiel von der Politik gefragt werden, was wir wollen.

  • Wir möchten wie erwachsene Menschen behandelt werden.

  • Wir möchten zeigen, dass wir was können und wir möchten zeigen, was wir können.

  • Wir möchten Hilfen bekommen, die wir brauchen.

  • Wir möchten uns selbst aussuchen, welche Hilfen wir bekommen.

Sie kritisieren, dass sie sich nicht aussuchen können, wo und was sie arbeiten. »Draußen auf dem ›normalen‹ Arbeitsmarkt finden wir meistens keine Stellen«, sagen sie und fügen hinzu: »Wir wollen mit Nichtbehinderten zusammen arbeiten. Wir müssen meistens in Werkstätten für Behinderte arbeiten, weil es nichts anderes gibt.« Zum Thema »Wohnen« heißt es: »Wir können im Wohnheim nicht frei leben. Im Wohnheim und bei den Eltern wird man manchmal wie ein kleines Kind behandelt. Zum Beispiel muss man das Licht früh ausmachen.« Zu »Kindergarten und Schule« meinen sie: »Wir werden wie Außenseiter behandelt. Wir werden meistens in Sonderschulen geschickt. Wir werden anders behandelt als nicht behinderte Kinder. Wir wollen mit nicht behinderten Kindern in den Kindergarten und die Schule gehen. Wir wollen nicht automatisch in Sonderschulen gehen müssen.« Und sie klammern auch die Themen Sexualität, Partnerschaft, Ehe und Familie nicht aus. Was sie von der »neuen Ethik« halten, klingt so: »Wir haben auch das Recht zu leben. Behinderte Kinder dürfen nicht getötet werden.«

Diese Broschüre müsste zur Pflichtlektüre aller unserer mit Sozial- und Bildungsfragen beschäftigten Politiker und Beamten gemacht werden und auch derjenigen, die in den traditionellen, etablierten Aussonderungsverbänden das Sagen haben, damit die Damen und Herren Entscheidungsträger endlich einmal mitbekommen, was diese Menschen wirklich bewegt, was sie von ihnen erwarten. Bisher war es doch so, dass ihre Wünsche für ein normales Leben nur in Ausnahmefällen berücksichtigt und erfüllt wurden. Und immer noch werden »Wohnheime für Behinderte« größeren Ausmaßes und mit Anstaltscharakter errichtet, in denen sie in homogenen Gruppen zusammengefasst, unter »ihresgleichen« zu leben haben - schön abgeschirmt vom »Leben draußen« dienen sie verunsicherten »Normalen« bestenfalls als Mitleidsobjekte zum gelegentlichen Anlass von Wohltaten. Es entstehen weiterhin voluminöse »Werkstätten für Behinderte«, und in mehr als 95 % aller »Fälle« werden Mädchen und Jungen, die von Sonder-Spezialisten als »geistig behindert« disqualifiziert wurden, von allen anderen Kindern und Jugendlichen ihres Alters getrennt in Sonderschulen ausgelagert. Es ist traurig, aber wahr: Die institutionelle Gewalt gegen diese Menschen ist , trotz jahrelangen mühevollen und zähen Einsatzes ihrer Eltern, trotz Grundgesetzänderung und Modifizierung vieler Schulgesetze, noch lange nicht gebannt.

In dieser Misere haben nun - endlich - dank »Netzwerk Artikel 3« die Betroffenen selbst ein öffentliches Forum erhalten, wo sie ihre Stimmen bündeln und auf entwürdigende Zustände aufmerksam machen können. Das kommt hierzulande schon einer kleinen Sensation nahe: Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung formulieren und fordern selbstbewusst endlich auch im Vaterland der vereinten Aussonderer ihre Bürgerrechte. Für uns »Integrations-Eltern« ist die Broschüre eine schöne Bestätigung für unseren jahrzehntelangen Kampf gegen die Aussonderung unserer Kinder, denn die geben es uns nun Wort für Wort schriftlich, dass unser bisheriger Weg richtig war, dass wir - trotz andersmeinender Besserwisser - in ihrem Interesse gehandelt haben. Die Broschüre zeigt aber auch, dass unser Weg noch lange nicht zu Ende ist.

Mit ihr haben wir fortan jedoch eine verlässliche Gefährtin zur Seite, die uns, sollten wir jemals schwankend oder mutlos werden, immer wieder die richtige Richtung weisen kann.

Mit herzlichen Grüßen aus Brühl

Ihre

Christa Roebke

* Die Broschüre ist zum Preis von 12,- DM zu erhalten bei: Wir vertreten uns selbst!, Kölnische Straße 99, 34119 Kassel, Telefon: 0561/7 28 85 - 54 oder 55. Fax: 0561/7 28 85 58. Ab Januar gibt es noch eine Hörkassette für 5,-DM dazu.

Quelle:

Christa Roebke: BAG INFO

Erschienen in: Gemeinsam leben - Zeitschrift für integrative Erziehung Nr. 1-00

Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied 2000

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 27.04.2006

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