Wichtige Veränderungen für das Sachwalterrecht aus der Sicht von SelbstvertreterInnen

AutorIn: Erich Girlek
Schlagwörter: Erfahrungsbericht, Selbstbestimmung, Recht, Zukunftsplanung, Menschen mit Lernschwierigkeiten, UN-Konvention
Textsorte: Vortrag
Releaseinfo: Dies ist ein Text von der Wibs Homepage
Copyright: © Erich Girlek 2013

Information zu diesem Text (von bidok)

Diesen Text haben wir von Wibs.

Erich Girlek hat einen Vortrag gehalten.

Erich Girlek ist ein Selbstvertreter.

Erich Girlek kommt aus Salzburg.

Das Thema von dem Vortrag ist Sachwalterschaft

Einleitung

Wie gesagt, mein Name ist Erich Girlek.

Ich bin Selbstvertreter und arbeite seit mehreren Jahren

für die Umsetzung der UN Konvention

über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Ich möchte mich zu Beginn sehr herzlich für die Einladung

beim Justizministerium bedanken.

Wir Menschen mit Lernschwierigkeiten haben viel Erfahrung

mit Sachwalterschaften. Wir haben in den letzten Jahren in

Arbeitsgruppen und auf Selbstvertretungs-Tagungen darüber

nachgedacht und besprochen und wir haben einiges zum

Thema zu sagen.

Nur ist es meistens sehr schwierig, dass unsere Ergebnisse

außerhalb der Arbeitsgruppen gehört werden.

Oft werden wir noch immer nicht ernst genommen.

Deshalb ist es wirklich eine große Freude für mich, dass ich

heute hier als Experte zum Thema sprechen kann.

Persönliche Erfahrungen

Ich möchte mit meinen eigenen Erfahrungen

mit der Sachwalterschaft beginnen.

In meiner Zeit wo ich in den Geschützten Werkstätten

gearbeitet habe, hatte ich große Schwierigkeiten

beim Thema Geld.

Da es keine andere Möglichkeit gegeben hat,

bekam ich meinen ersten Sachwalter.

Wir hatten schon am Anfang kein gutes Verhältnis zueinander.

Seine Aussagen waren zum Beispiel:

„Brauchst du wirklich dein Moped?“

Oder auch in der Freizeit wollte er mich einschränken.

Seine schlimmste Aussage war,

dass er mir verbieten wollte zu Fernsehen.

Ich hatte nie ein gutes Gefühl wenn wir uns trafen.

Ich muss auch zugeben,

dass ich ein paar Fehler gemacht habe.

Wie zum Beispiel: Dass ich eine Zeitung abonniert habe

und dass ich manche Entscheidungen selber getroffen habe.

Nur mit der Unterstützung meiner besten Freundin habe ich

es geschafft, dass ich einen anderen Sachwalter bekam.

Den hat mir eine Betreuerin vorgeschlagen

als sie von meinem Problem gehört hat.

Wir trafen uns und ich hatte ein besseres Gefühl dabei.

Da diese Person nicht so viel Erfahrung hatte mit Sachwalterschaften

und auch nicht so viel Erfahrung hatte

mit der Unterstützung von Menschen mit Lernschwierigkeiten,

war ich mir nicht so sicher.

Inzwischen war ich aber schon Selbstvertreter

und ich habe mehr über meine Rechte gewusst.

Ich habe gewusst, dass ich das Recht habe,

dass mir mein Sachwalter erklärt wie viel Geld ich habe

und woher es kommt und wofür es ausgegeben wird.

Und ich habe gelernt, dass es früher doch kein Fehler von mir war,

dass ich manche Entscheidungen selber getroffen habe

und dass ich ein Recht auf Selbstbestimmung habe.

Da mein Sachwalter persönlich von Salzburg weg gezogen ist,

hat er sich selber entschlossen die Sachwalterschaft zu beenden.

So bekam ich dann meine jetzige Sachwalterin.

Die Richterin hat eine Vereinssachwalterin vorgeschlagen

und der Sachwalterverein hat mir eine Sachwalterin zugeteilt.

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander.

Sie erklärt mir meine Finanzen

und sie ermutig mich auch, dass ich vieles alleine

oder mit der Unterstützung die ich brauche schaffen kann.

Und sie ermutigt mich auch, dass ich es auch ohne

Sachwalterschaft schaffen kann, wenn ich manche Dinge lerne

und gute Unterstützung bekomme.

Probleme von Menschen mit Lernschwierigkeiten

Viele Menschen mit Lernschwierigkeiten haben ähnliche oder

die gleichen Schwierigkeiten gehabt oder

haben sie auch noch heute so wie ich selber.

Leider haben aber zu wenige Menschen die gleichen Erfolge wie ich.

Viele habe keine Chance ihren Sachwalter durch

einen Entscheidungs-Unterstützer zu ersetzen.

Und zwar weil es am Anfang vor allem

mit guter Unterstützung von irgendwoher zu tun hat.

Denn die besachwalterte Person ist vom Sachwalter abhängig.

Auch haben viele Menschen ihre Eltern als Sachwalter.

Und manche verwechseln die Sachwalter-Aufgaben

mit Erziehungs-Aufgaben.

Dann haben Menschen mit Lernschwierigkeiten ein sehr großes Risiko

ein Leben lang wie Kinder behandelt zu werden.

Erst wenn jemand stärker wird und

über seine Rechte Bescheid weiß,

traut man sich etwas gegen

die Fremdbestimmung zu unternehmen.

Ich habe das alles erzählt, weil ich es für wichtig halte,

dass alle, die mit dem Sachwalterrecht zu tun haben,

die Schwierigkeiten kennen,

die wir besachwalterten Personen damit haben.

Ich weiß, das Sachwalterrecht würde rein von den Paragraphen her

viel mehr Selbstbestimmung zulassen als in Wirklichkeit gelebt wird.

Nur in Wirklichkeit schaut es meistens düster aus!

Manche denken auch, wir sollten nicht unbedingt das Gesetz verändern,

sondern lieber die Umsetzung des Gesetzes verbessern.

In Wirklichkeit haben nämlich nur ungefähr ein Zehntel

aller besachwalterten Menschen einen ausgebildeten Sachwalter.

Man kann also sagen es wäre vielleicht wirklich zuerst wichtiger

dass die Richter Sachwalterschaften mehr einschränken

und dass es bessere Sachwalter gibt

statt an einem neuen Gesetz zu feilen.

Aber natürlich sind wir SelbstvertreterInnen sehr kritisch.

Ich denke, das Sachwalterrecht passt nicht zur UN- Konvention

und es wird auch nach einer Verbesserung wahrscheinlich

auch noch der UN-Konvention widersprechen.

Es ist für uns eine zu große Einschränkung der Freiheiten und

der Menschenrechte, wenn jemand anders die Entscheidungen trifft

und wenn jemand anders die Zuständigkeit für unser Leben hat.

Und es gibt deshalb zu viel Diskriminierungen weil Menschen denken,

dass besachwalterte Personen nichts können.

Insgesamt haben wir viele schlechte Erfahrungen

mit der Sachwalterschaft und weniger gute.

Umdenken

Deshalb wollen wir ein wirkliches Umdenken

von der Fürsorge zum Menschenrechts-Gedanken.

Wir wollen dass die Fremdbestimmung

durch Unterstützte Entscheidungsfindung ersetzt wird.

Damit alle Menschen gleichberechtigt teilhaben können

wie es die UN-Konvention vorgibt und

wie die UNO es nach der Staatenprüfung

noch einmal empfohlen hat.

Auch wenn man das Sachwalterrecht verbessert, darf es nicht passieren,

dass die Unterstützte Entscheidungsfindung einschläft und

wir bei der Sachwalterschaft bleiben.

Das Pilotprojekt muss unbedingt weiter gut unterstützt werden.

Auch ist die persönliche Zukunftsplanung aus meiner Sicht ein Muss!

Personenzentriertes Denken bei den Unterstützungspersonen ist wichtig

damit Menschen mit Unterstützung selbstbestimmt leben können.

Die Zuständigkeit für sein Leben muss jeder Mensch selbst behalten

auch wenn er nur wenig selbständig kann.

Teilhabe

Es wäre wichtig auch noch mehr sagen

zum Recht auf Selbstbestimmung und

zum Recht auf Risiko.

Weil das Recht auf Selbstbestimmung wird oft

weniger wichtig genommen als

das Recht auf Schutz und Unversehrtheit.

Aber es ist eine sehr schwere Diskussion meistens

und dafür braucht man mehr Zeit.

Und zum Schluss möchte ich auch noch etwas darüber sagen,

wie wichtig eine echte Partizipation und Mitbestimmung

von ExperteInnen in eigener Sache ist

wenn das Sachwalterrecht überarbeitet wird.

Das wurde auch sehr deutlich in den Handlungsempfehlungen

der Staatenprüfung gesagt.

Überall sollen Menschen mit Behinderungen einbezogen werden.

Das heißt, dass wir in Arbeitsgruppen mitarbeiten

oder dass wir auf Fachtagungen eine Rede halten so wie heute.

Es heißt auch aus meiner Sicht,

dass RichterInnen und SachwalterInnen zum Beispiel

von uns geschult werden über Fremdbestimmung

und Selbstbestimmung und die Mensch-Zuerst-Grundsätze

für Gute Unterstützung.

Und ich muss auch sagen, es ist wirklich wichtig,

dass wir Menschen mit Lernschwierigkeiten

als ExpertInnen in eigener Sache akzeptiert werden.

Aber es muss dafür auch mehr in Selbstvertretung investiert werden.

Wir brauchen für unsere Arbeit unabhängige Organisationen,

damit wir unabhängig von den Sachwaltern

und von den Vereinen sind,

die zum Beispiel die BetreuerInnen anstellen.

Denn wenn es mehr Geld für unabhängige Selbstvertretung

wie im Netzwerk Selbstvertretung Österreich gibt,

werden andere Menschen wirklich gestärkt

und mehr über ihre Rechte informiert.

Derzeit bezahlen hauptsächlich Trägervereine für die Selbstvertretung.

Das ist gut, weil sonst gäbe es höchstens

erst zwei Selbstvertretungsgruppen in Österreich.

Aber es ist nur eine Übergangslösung

bis die Selbstvertreter unabhängig werden können.

Zum Schluss meiner Rede möchte ich sagen,

dass ich es sehr gut finde,

dass sich das Justizministerium bemüht

etwas zu unternehmen um die UN-Konvention voranzubringen.

Ich hoffe ich habe ein paar wichtige Gedanken

von Menschen mit Lernschwierigkeiten einbringen können

und dass sie in der Fachtagung weiter bearbeitet werden.

Mein Schluss-Satz ist:

„Wir Menschen mit Lernschwierigkeiten sind die ExpertInnen,

wenn es um unser Leben geht!

Wir müssen die Entscheidungen treffen können,

die uns betreffen auch wenn wir dabei vielleicht Unterstützung brauchen.

Nichts über uns – ohne uns!"

Vielen Dank.

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Quelle

Erich Girlek: Wichtige Veränderungen für das Sachwalterrecht aus der Sicht von SelbstvertreterInnen

Original: http://www.wibs-tirol.at/userfiles/dateien/Final_Rede_Sachwalterschaft_Fachtagung-Girlek.pdf

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 17.06.2015

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