Die Kontinuität zwischen fetalen und postnatalen Verhaltensmustern

AutorIn: E. Anna Gidoni
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Entnommen aus der Dokumentation: Von der Behandlung der Krankheit zur Sorge um Gesundheit - Konzept einer am Kind orientierten Gesundheitsförderung von Prof. Milani Comparetti (1985; 2. Erweiterte Auflage der Dokumentation 1986) S. 57 - 64; Übersetzt und bearbeitet von Hans von Lüpke. Dieser Text war ursprünglich ein Video-Beitrag zu einem Workshop über fetale Verhaltensmuster bei behinderten Kindern im Rahmen des 11. Internationalen Kongresses der Internationalen Gesellschaft für Pränatale und Perinatale Psychologie und Medizin, 11.-14.Mai 1995 in Heidelberg. Er wurde später in das Programm der Tagung "Entwicklungsförderung im Dialog - Überprüfung des gegenwärtigen Standes von Praxis und Forschung an der "Leitlinie Milani'" aufgenommen und stieß bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf große Zustimmung. Der Übersetzung des englischen Video-Textes folgte eine Bearbeitung, um die dort vorgetragenen Gedanken auch der Lektüre zugänglich zu machen.
Copyright: © E. Anna Gidoni 1996

Die Kontinuität zwischen fetalen und postnatalen Verhaltensmustern

Die Frage nach fetalen Verhaltensmustern bei gesunden und behinderten Kindern gehört in den größeren Zusammenhang der Kontinuität zwischen prä- und postnataler Entwicklung. Heute sind solche Zusammenhänge durch die fortgeschrittene Technik der Ultraschallaufzeichnung deutlich sichtbar geworden (Piontelli 1996). Es gibt aber bereits Studien aus den 30er Jahren, etwa von Peiper und später von Ingram, die noch ohne die heutigen Möglichkeiten des Ultraschalls auf der Grundlage reiner Säuglingsbeobachtung zeigen konnten, daß auch beim gesunden Neugeborenen pränatale Bewegungsmuster erkennbar sind. Zusammen mit Milani Comparetti haben wir versucht, diese Befunde in den größeren Rahmen einer Interpretation von Entwicklung zu stellen und sie damit nicht ausschließlich unter dem Aspekt der Motorik, sondern unter dem einer Ganzheitlichkeit von früher Entwicklung zu verstehen. Ich verweise hier auf die chronobiologischen Kurven, die zum einen Verhaltensweisen zeigen, die sich vor der Geburt entwickeln und bald danach zurückbilden und dann wieder andere, die sich ebenfalls während der Fetalzeit entwickeln, nach der Geburt aber beibehalten werden. Einige differenzieren sich danach sogar weiter und gehören zur gesunden hormonischen Reifung (s. Abb. 1). Heute kann man die Bewegungsentwicklung in Beziehung setzen zu anatomischen, biochemischen und funktionellen Veränderungen.

Abb. 1. Die motorische Entwicklung des Feten und des Neugeborenen (Aus Milani Comparetti u. Gidoni 1976

1 = "Placing Reaktion" (Heben der Füße bei Berührung des Fußrückens: "Steigreaktion")

2 = Schreitreaktion (alternierendes Beugen und Strecken der Beine bei Berührung der Fußsohlen mit dem Boden)

3 = Bauersche Kriechreaktion (Vorwärtsbewegen durch alternierende Arm- und Beinbewegungen bei Druck auf die Fußsohlen)

4 = Moro-Reaktion (bei Erschrecken werden die Arme nach außen oben bewegt, die Finger fächerförmig gestreckt und der Mund geöffnet; anschließend Beugung und Zusammenführen der Arme)

5 = Rooting-(Such)-Reaktion (bei Berühren eines Mundwinkels wird der Kopf in diese Richtung gedreht)

6 = Antworten auf akustische Reize

7 = Antworten auf visuelle Reize

8 = Kopfkontrolle

9 = Landau-Reaktion (in der Schwebelage Streckung des ganzen Körpers und Anheben des Kopfes, bei Beugung des Kopfes folgt die Beugung des Körpers und der Extremitäten)

10 = Gegen die Schwerkraft gerichtete Unterstützung durch die Hände

11 = Gegen die Schwerkraft gerichtete Unterstützung durch die Füße

12 = Sehnen-Reflex

Auch beim gesunden Neugeborenen haben wir fetale Verhaltensweisen beschrieben. Dazu gehören Fortbewegungen im Sinne der Schreitreaktion, das Saugen und die Suchreaktion, die - wie auch die anderen "Neugeborenenreflexe" - im Sinne von Milani Comparetti keine Reflexe im neurophysiologischen Sinne sind, sondern sinnvolle funktionale Verhaltensweisen während und nach der Geburt. Laszlo (1985) hat ein Schema entwickelt, das sich nicht primär auf das Individuum, sondern auf die soziale und kulturelle Entwicklung der Zivilisation bezieht (s. Abb. 2). Es gibt darin eine Hauptlinie im Sinne einer Vorwärtsentwicklung[1]. Andere Entwicklungslinien gehen abwärts, halten die Entwicklung in früheren Phasen fest oder gehen in Richtungen, die von der Hauptlinie abweichen, mit dieser jedoch in einem Gleichgewicht stehen. Die Hauptlinie führt von nomadischen Organisationsformen als "Mikrosystemen von geringerer Komplexität bis zu den "komplexeren Makrosystemen" mit nationalstaatlicher Spezialisierung und gegenseitiger Abhängigkeit, wie sie in der modernen Zivilisation zu finden sind. Für alle diese Perioden nimmt Lazlo an, daß es kritische Zeiten gibt ("crucial times", "epoca cruciale") die wir im Entwicklungsjargon "Verabredungen" ("appointments") nennen, in der sich bestimmte Funktionen ausprägen. Laszlo zeigt in seinem Schema, daß in solchen kritischen Zeiten einzelne Gruppen die Weiterentwicklung nicht mitmachen, stehen bleiben oder sich zurückbilden, gewissermaßen "den Bus verpassen". Mir erscheint dieses Schema gleichermaßen hilfreich für das Verständnis der soziokulturellen wie auch individuellen Entwicklung. So nehmen wir in theoretischen psychologischen Modellen an, daß ältere Verhaltensweisen auch bei fortschreitender Entwicklung nicht verloren gehen und in pathologischen Situationen wieder auftauchen können. Die Gesamtentwicklung enthält immer auch das Vergangene. In Extremsituationen beobachten wir auch bei Bevölkerungsgruppen, daß Verhaltensweisen, die für Nomaden typisch sind, auch im Rahmen der modernen Zivilisation wieder auftreten können.

Auch andere Verhaltensweisen im Rahmen der normalen und pathologischen Entwicklung verweisen - organisch wie psychisch - auf die vorgeburtliche Zeit. Eine dieser Verhaltensweisen ist das Muster der Tröstung. Im entwicklungsdiagnostischen Konzept und in den Filmen von Brazelton (1973) finden sich u.a. Kriterien wie die Fähigkeit, Zärtlichkeiten und engen Körperkontakt als Tröstung zu akzeptieren. Einige davon sind Überreste aus pränatalem Verhalten, etwa die Art, ob und wie ein Kind sich durch direkten Kontakt trösten läßt. Es gibt Säuglinge, die sich nur dadurch trösten lassen, daß sie ziemlich fest gehalten werden, etwa mit dem sogenannten "Kronendruck", d.h. mit einem gleichmäßig von den Seiten her einwirkenden Druck auf den Kopf. Im Gegensatz dazu gibt es Kinder, die Körperkontakt und vor allem auch jede Berührung am Kopf völlig ablehnen.

Auch bei der Entwicklung von Rhythmen gibt es im Verlauf der Anpassung an das extrauterine Leben immer wieder Schwierigkeiten. Dies gilt vor allem für Schlaf- und Wachrhythmen wie auch den Rhythmus der Ernährung. Die Ernährung ist in diesem Zusammenhang ein besonders interessantes Thema. Ich erinnere mich an ein Fallbeispiel. Es handelte sich um einen acht Monate alten Säugling mit allgemeiner Entwicklungsverzögerung ohne Hinweise auf umschriebene Hirnschädigung. Das Entwicklungsdefizit betraf vor allem die Ernährung: er wurde noch vollkommen nach Bedarf gestillt. Bei jeder Gelegenheit bot die Mutter die Brust: zur Fütterung, zur Tröstung und zur Unterhaltung. In unseren gemeinsamen Überlegungen kam es uns so vor, als ob die Beziehung zur Brust eher der zu einer Placenta entsprach. Hier erschien die Situation allerdings komplexer, denn die Regulation erfolgte nicht nur über biochemische Signale. Ohne die Komplizenschaft der Mutter war dieses archaische, aus dem vorgeburtlichen Leben stammende Muster nicht aufrecht zu erhalten. Die Situation wurde auch für den behandelnden Kinderarzt in zunehmendem Maße ein Problem. Vergeblich versuchte er, das Ernährungsmuster zu verändern. Wir diskutierten das Konzept der "plazentaren Brust" in der Runde der Professionellen, ohne mit der Mutter darüber zu sprechen. Dem Kinderarzt empfahlen wir, die Mutter jede Woche einmal zu sehen und mit ihr zu sprechen. Dabei sollte es nicht um das spezielle Problem gehen, sondern ganz allgemein um das Kind, die Beziehung der Mutter zum Kind usw. Nach einer Sommerpause von 2 bis 3 Monaten kam die Mutter wieder zu uns und sagte: "Wissen Sie, daß sie jetzt, Pasta ißt und auch alles andere?" Ich sagte zu ihr ganz natürlich: "So, dann haben Sie also entschieden, daß sie geboren werden sollte." Die Mutter sagte: ja, wir haben entschieden, daß sie geboren werden sollte".

Abb. 2. Entwicklungsstadien soziokultureller Systeme (Aus Laszlo 1985)

Diese kleine Geschichte zeigt die Verdichtung einer sehr komplexen Dynamik, vor allem aber die Tatsache, daß die Abgrenzung zwischen Mutter und Kind in einem psychologischen Sinn möglich wurde, ohne daß eine direkte Intervention erforderlich war. Die haltende Situation beim Kinderarzt ("holding" im Sinne von Winnicott) und die Tatsache, daß die Mutter sich auf die Beziehung zu uns verlassen konnte, wurden zur "fördernden Umwelt", wieder im Sinne von Winnicott. Den Übergang zu einer reiferen Beziehung konnten Mutter und Kind als eigene Handlung ("wir haben entschieden") und damit als Ausdruck von Kompetenz empfinden und nicht als das Resultat professioneller Tüchtigkeit und eigener Ohnmacht. Wichtig war dabei, daß wir selbst keine Angst hatten. So konnte die Mutter sich Zeit lassen, um selbst den Übergang zu einer reiferen Beziehung mit ihrem Kind zu finden.

Bei psychotischen Kindern sehen wir viele Verhaltensweisen dieser Art. Sie betreffen den Rhythmus, Versuche der Tröstung, Bewegungen etc. als erfolglose Versuche, sich selbst ein "holding" zu geben. Daher ist es unter diagnostischen und prognostischen Gesichtspunkten sehr wichtig, sich über die pränatalen Bezüge dieser Verhaltensweisen klar zu werden.

Ein weiterer Aspekt zum Thema Bewegung: aus Ultraschallfilmen wissen wir, daß der Fetus seine Position im Uterus durch Sprünge verändern kann, wie es Janniruberto und Tajani und auch Milani beschrieben haben. Diese sehr frühen Bewegungsmuster sind keine wirklichen Sprünge. Die Resultate sind zwar Sprünge, aber das Verhalten selbst entspricht eher einer Massenbewegung, die das Kind nach oben springen und dann sanft abwärts fallen läßt. Dadurch kommt es zu einer Veränderung der Position. Das geschieht vor der eigentlichen fetalen Fortbewegung. Diese Sprünge sind ein sehr frühes Verhalten und ermöglichen eine Änderung der Position. Solche Bewegungsmuster können auch später noch fortbestehen. Es gibt Erwachsene, die während des Schlafs in bestimmten Phasen "Sprünge" machen und regelrecht vom Bett abheben. Bei Kindern mit pathologischen Symtomen sehen wir Überreste dieses Springens in der sogenannten "Startle"-Reaktion, die zu unterscheiden ist von der Moro-Reaktion, die auf äußere Stimuli erfolgt und mit einem Ausbreiten der Arme einhergeht. Die Startle-Reaktion bedarf keiner äußeren Stimulation, sie geschieht spontan. Wir können solche Interpretationen auch bei Epilepsie und anderen pathologischen Zuständen heranziehen. Hirngeschädigte Kinder zeigen sie ebenfalls als typisches Verhalten.

Mir scheint es wichtig, auf pränatale Muster zu achten, weil sie ein Schlüssel zum Verständnis bestimmter Beziehungsprobleme sein können, etwa bei Säuglingen, die sich nicht trösten lassen, wenn man sie dicht am Körper trägt, schaukelt, mit ihnen herumläuft. Auch bei gesunden Kindern gibt es Erinnerungen an "holdig"-Erfahrungen während der Pränatalzeit. Es ist, als ob die Mütter sich der Erfahrungen ihrer Kinder bewußt wären, die noch aus der Zeit stammen, als sie mit ihnen herumliefen, Treppen hinauf und hinunter gingen sich drehten etc. Es kann eine Art Komplizenschaft zwischen beiden bestehen, die dazu führt, daß die Überreste des fetalen Lebens, der fetalen Beziehung zu lange fortbestehen.

Ich sollte hier aufhören, denn die Absicht meiner Darstellung war nicht, neue Kriterien für die neurologische Beurteilung vorzuschlagen, sondern Sie nachdenken zu lassen über Entwicklung im Allgemeinen als einem komplexen Phänomen in der Kontinuität und dem Bedarf für diese Kontinuität. Das ist in einer Vielzahl von Arbeiten schon beschrieben worden, aber es erscheint mir wichtig, dies mit der Realität der praktischen Arbeit in Beziehung zu bringen. Deshalb wollte ich nur einen Wink geben, eine kleine Provokation, um Sie darauf neugierig zu machen, bei der Beobachtung der Kinder solche Zusammenhänge den verschiedenen Entwicklungsthemen zuzuordnen, und damit auch Hilfen zur Überwindung einer zu langen Dominanz solcher Verhaltensweisen geben zu können. Überflüssig zu sagen, daß auf psychologischem und psychotherapeutischem Gebiet dies die Basis ist für viele theoretische Modelle, so komplex sie auch immer sein mögen. In der Praxis kommt es darauf an, daß wir uns an verläßliche theoretische Orientierungspunkte halten können, die sich in der Arbeit bestätigen lassen: hier und jetzt, mit diesem Baby und dieser Mutter, mit dieser Beziehung und diesem Problem.



[1] Anna Gidoni benutzt hier den Ausdruck "feed forward". Diese Umkehrung des "feed back" aus der Kybernetik ist ein Begriff, mit dem Milani Comparetti den vorwärts, in die Zukunft gerichteten Aspekt von Entwicklung auszudrücken pflegte.

Literatur

Brazelton TB (1973) Neonatal Behavioral Assessment Scale. Spastics International Medical Publications, London, Philadelphia

Laszlo E (1985) L'evoluzione della compelessità e I´ordine mondiale contemporaneo. In: Bocchi G, Ceruti M (Hrsg.) La sfida della complessità. Feltrinelli, Milano (S. 362-400)

Milani Comparetti A, Gidoni EA (1976) Dalla parte del neonato: Proposte per una competenza prognostica. Neuropsichiatria Infantile 175:5-18

Piontelli A (1996) Vom Fetus zum Kind: Die Ursprünge des psychischen Lebens. Eine psychoanalytische Beobachtungsstudie. Klett-Cotta, Stuttgart

Quelle:

E. Anna Gidoni: Die Kontinuität zwischen Fetale und postnatale Verhaltensmuster

Entnommen aus der Dokumentation: Von der Behandlung der Krankheit zur Sorge um Gesundheit - Konzept einer am Kind orientierten Gesundheitsförderung von Prof. Milani Comparetti.

Herausgegeben von Edda Janssen und Hans von Lüpke im Auftrag des Paritätischen Bildungswerks Bundesverband e. V., Frankfurt; Dez 1996 (1985; 2. Erweiterte Auflage der Dokumentation 1986) S. 57 - 64

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 02.06.2008

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