Hilde Wulff (1898-1972)

Leben und Wirken für die Emanzipation körperbehinderter Menschen in der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus

AutorIn: Petra Fuchs
Themenbereiche: Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: In: Die neue Sonderschule 44(1999c), H. 6, 460-465
Copyright: © Luchterhand Verlag 1999

1. Kindheit, Jugend und schulischer Werdegang (1898-1920)

Hildegard WULFF wurde am 7. Januar 1898 als zweite von drei Töchtern einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie im Ruhrgebiet geboren. Im Alter von zwei Jahren erkrankte Hilde WULFF an Kinderlähmung. Die materielle Situation des Elternhauses und die Zuwendung der Eltern zu ihrem erkrankten Kind ermöglichten es einerseits, eine Vielzahl medizinischer Behandlungsmethoden zur Stabilisierung und Besserung des Gesundheitszustandes der Tochter auszuschöpfen. Das hatte jedoch andererseits zur Folge, daß Hilde WULFF aus dem Alltag ihrer Familie herausgerissen wurde. So zählten das Isoliertsein durch langjährige Krankenhausaufenthalte, die Trennung von ihren Schwestern und anderen Kindern und das Ausgeschlossensein von Lern- und Bildungsmöglichkeiten zu den leidvollsten Erfahrungen ihrer Kindheit. Erst im Alter von 15 Jahren erhielt Hilde WULFF auf Anweisung eines Arztes regelmäßigen Schulunterricht durch einen Privatlehrer, der sie, je nach ihrem Aufenthaltsort, im Krankenhaus, in der Klinik oder in ihrem Elternhaus unterrichtete. Die mit der Behinderung verbundenen Kindheitserfahrungen Hilde WULFFs wurden zum Motor ihrer Berufsfindung.

"Die Not, die ich tragen mußte, eine Ausbildung erst so spät zu bekommen, dann aber auch wieder die Freude, sie über einen genialen Lehrer bekommen zu dürfen, wiesen meinen Blick auf andere körperbehinderte Kinder, die dieser Entsagung auch ausgesetzt waren und für die sie vielfach bestehen. Diese Beschneidung des Lernens in meinen ersten Schuljahren - und die folgenden Jahre des Lernenkönnens und -dürfens - ließen den Wunsch in mir reifen, mein Leben körperbehinderten Kindern zu widmen, die nicht wie ich in die glückliche Lage versetzt werden konnten, Privatunterricht zu bekommen. Der Wille, ihnen dazu zu verhelfen, wurde so stark in mir, daß ich alle Scheu überwinden konnte und mit 20 Jahren bei der Sozialakademie[1] in Düsseldorf anfragte, ob ich als Schülerin aufgenommen werden konnte." (WULFF 1967, 9)



[1] gemeint ist die "Niederrheinische Frauenakademie Düsseldorf", eine Einrichtung zur Berufsausbildung von Frauen, die in der sozialen Arbeit tätig werden wollten.

2. Berufsausbildung (1920-1931)

Die bürgerliche Frauenbewegung, die allmähliche Entwicklung der Orthopädie und erste Ansätze einer staatlichen "Krüppelfürsorge" in den 20er Jahren bildeten den gesellschaftlichen Hintergrund für den Ausbildungs- und Berufsweg von Hilde WULFF. Zu den einzelnen Stationen ihrer gezielten Suche nach theoretischer und praktischer Orientierung mit dem Ziel, sich "auf den verschiedensten Gebieten der Fürsorge für Körperbehinderte die nötigen Kenntnisse und Erfahrungen" (WULFF 1967, 13) zu holen, zählten:

Der Besuch Sozialer Frauenschulen wie der Niederrheinischen Frauenakademie Düsseldorf (1920-1921 und 1927) und des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin (1928-1931). Die Sozialen Frauenschulen waren die ersten, auf Initiative der bürgerlichen Frauenbewegung gegründete Einrichtungen zur akademischen Qualifizierung von Frauen für soziale Berufe.

Die enge Zusammenarbeit mit der größten privaten Fürsorgeeinrichtung in Düsseldorf, dem Verein für Säuglingsfürsorge und Wohlfahrtspflege im Regierungsbezirk Düsseldorf (1921-1933).

Das Absolvieren von Praktika in Einrichtungen der sich in den 20er Jahren konsolidierenden "Krüppelfürsorge". Dazu zählten das Oscar-Helene-Heim für Heilung und Erziehung gebrechlicher Kinder in Berlin (1921-1923), das als "Musteranstalt der Krüppelfürsorge" (DIETRICH 1930, 43) galt und die Städtischen Krankenanstalten in Düsseldorf (1924-1926).

Das ehrenamtliche Engagement im Berliner "Bund zur Förderung der Selbsthilfe der körperlich Schwerbehinderten e.V. (Otto Perl-Bund)" (1923-1933), der ersten Interessenvertretung der von Geburt oder Kindheit an körperbehinderten Menschen in der Weimarer Republik und

Pädagogische, psychologische und philosophische Studien in Hamburg und Frankfurt / a.M.. (1927)

Mit dem festen Ziel, eine Reihe von "Krüppelkinderheimen" zu gründen und zu leiten, in denen medizinisch-orthopädische Behandlung und gleichzeitige Beschulung möglich waren, absolvierte Hilde WULFF trotz erheblicher Einschränkungen in ihrer Beweglichkeit und zunächst gegen den Widerstand ihres Vaters in den zwanziger Jahren eine Ausbildung zur Wohlfahrtspflegerin und Jugendfürsorgerin. Zu Beginn ihrer Ausbildung durfte sie aufgrund ihrer körperlichen Verfassung nicht gehen und mußte den Großteil des Tages liegen. "Ich nahm an den Vorlesungen liegend teil - dies aber gab mir keine Außenstellung, ja ich wurde, obwohl ich die Jüngste in dem Lehrgang war, zum Sprecher der Klasse [...]" (WULFF 1967, 13)

Wahrscheinlich in der Zeit ihres Praktikums im Berliner Oscar-Helene-Heim kam Hilde Wulff in Berührung mit dem "Selbsthilfebund der Körperbehinderten (Otto Perl-Bund)".

3. Engagement im "Selbsthilfebund der Körperbehinderten (Otto Perl-Bund)"[2]

Von 1923 bis 1933 engagierte sich Hilde WULFF im "Selbsthilfebund der Körperbehinderten (Otto Perl-Bund)". (JACOBY 1938, 1) Zwischen 1924 und 1926 war sie in der Jugend- und Sozialfürsorge des Selbsthilfebundes der Körperbehinderten (SBK) in der Ortsgruppe Düsseldorf, in Zeiten ihres Aufenthaltes in Berlin in der Reichsgeschäftsstelle des Bundes aktiv.

"Ich arbeitete [...] in der Fürsorge für körperbehinderte Kinder und Jugendliche und der Beratung der Eltern innerhalb des Selbsthilfebundes der Körperbehinderten, dem ich bis 1933 angehörte. In diesem Zusammenschluß nahm ich teil am Schicksal körperbehinderter Erwachsener, an ihrer Arbeit und an ihrem Willen und Vermögen, diese Not zu überwinden und darüberhinaus für Schicksalsgefährten tätig zu sein." (WULFF 1967, 13)

Unentgeltlich übernahm Hilde WULFF die Einzelbeschäftigung behinderter Kinder im Alter von sechs bis vierzehn Jahren und die fürsorgerische Beratung der Eltern körperbehinderter Kinder. Für Jugendliche mit Körperbehinderungen bis zum Alter von 21 Jahren führte sie ebenfalls allgemeine fürsorgerische Beratungen, insbesondere aber auch Ausbildungs- und Berufsberatungen durch.

3.1 Gründung des "Selbsthilfebundes der Körperbehinderten"

Der "Selbsthilfebund der Körperbehinderten" (SBK) hatte sich 1919 in Berlin gegründet und stellte den ersten emanzipatorischen Selbsthilfezusammenschluß[3] der "seit Geburt, durch Krankheit oder Unfall (aber nicht durch Kriegsbeschädigung) mit körperlichem Krüppeltum Behafteten [...]" (SATZUNG des SBK, §2a) in der Weimarer Republik dar.

Die Mitglieder des Selbsthilfebundes setzten sich für eine umfassende und weitreichende Veränderung der gesellschaftlichen Situation der von Geburt oder Kindheit an Behinderten ein. Der Bund sah sich und seine Aktivitäten als notwendige und unverzichtbare Ergänzung der Fürsorge für "Krüppel" an, denn "da die Krüppelfürsorge eines der kompliziertesten Gebiete der Wohlfahrtspflege ist, braucht sie neben der privaten und behördlichen Fürsorge die Mitarbeit der Krüppel selbst." (WULFF 1933b, 1)

Der als Bundesverband organisierte SBK mit der Reichsgeschäftsstelle in Berlin war in seiner Blütezeit, in den Jahren 1929/30, mit 5 Landesverbänden und 50 Ortsgruppen über ganz Deutschland verteilt; seine Mitgliederzahl lag bei 6.000. (MALIKOWSKI 1934, 24; NACHRICHTENDIENST 11(1930), 116; REINICKE 1991, 93)

Zu den herausragendsten Erfolgen des Selbsthilfebundes gehörte die Errichtung eigener Wirtschaftsbetriebe und damit die Schaffung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen, insbesondere für "Schwerstverkrüppelte" in Berlin, Dresden, Braunschweig und Liegnitz. (MALIKOWSKI 1929, 186). In Berlin betrieb der Selbsthilfebund zusätzlich Anlernwerkstätten, die insbesondere zur Ausbildung von Mädchen vorgesehen waren. (SCHREIBEN des Central-Ausschusses der IM vom 28. Februar 1928, 2)

3.2 Einsatz für die gemeinsame Erziehung von behinderten und "gesunden" Kindern

Einen weiteren Schwerpunkt der inhaltlichen Arbeit des Selbsthilfebundes stellten Fragen der Erziehung und Beschulung körperbehinderter Kinder und die Berufsausbildung der Jugendlichen dar, denn, so formulierte es Hilde WULFF: "Im vielgestaltigen Gebiet der Krüppelfürsorge nimmt die Erziehung des Krüppelkindes einen breiten Raum ein, und wollen wir Mitgestalter der Krüppelfürsorge sein, so liegen auch im pädagogischen Bereich unsere Pflichten." (WULFF 1930, 134)

In der Auseinandersetzung mit den professionellen behördlichen, konfessionellen und privaten Trägern der "Krüppelfürsorge" setzte sich der Selbsthilfebund engagiert für die gemeinsame Erziehung behinderter und - so der in dieser Zeit übliche Sprachgebrauch - "gesunder" Kinder ein und lehnte die Sondererziehung körperbehinderter Kinder und Jugendlicher in "Krüppelanstalten" und den Anstalten angeschlossenen ambulanten "Krüppelschulen" und Berufsausbildungsstätten ab.

Im Gegensatz zu den professionellen Vertretern der "Krüppelfürsorge" formulierte der Selbsthilfebund den Grundsatz: "Das Krüppelkind gehört nach Möglichkeit in die Gemeinschaft der Gesunden." (GRUHL 1922, 12) Eine Heimunterbringung hielt der Bund nur für Kinder und Jugendliche geeignet, "die in ungünstigen häuslichen Verhältnissen leben, ohne daß diese durch geeignete Fürsorge gebessert werden können." (NACHRICHTENDIENST 2 (1921), H. 6, 4)

Trotz der engagierten und begründeten Einwände von seiten der Betroffenen gegen eine Sonderbeschulung wurde das von den professionellen Vertretern der "Krüppelfürsorge" erhobene Postulat "Jedes schulfähige Kind gehört in eine besondere Krüppelschule" (WÜRTZ 1921, 6) in das "Preußische Krüppelfürsorgegesetz von 1920" aufgenommen und auf diese Weise die Sondererziehung körperbehinderter Kinder und Jugendlicher gesetzlich festgeschrieben. (KRÜPPELFÜRSORGE. Gesetz, betr. die öffentliche Krüppelfürsorge. Vom 6. Mai 1920, 181)



[2] Bei seiner Gründung trug der Bund den Namen "Bund zur Förderung der Selbsthilfe der körperlich Schwerbehinderten (Perlbund)". 1924 erhielt er den vereinfachten Namen "Selbsthilfebund der Körperbehinderten (Otto Perl-Bund)"; der Namenszusatz "Perlbund" bzw. "Otto Perl-Bund" bezog sich auf den "unter den Bundesgründern schwerstbehinderten Gefährten [...] Otto Perl." (SIMON 1993, 24)

[3] Selbsthilfe ist hier der Versuch, auf die individuellen und gesellschaftlichen Probleme der von Geburt oder Kindheit an Körperbehinderten aufmerksam zu machen und die eigenen Kräfte zu mobilisieren, um in organisierter Form einerseits zur Problemlösung beizutragen, andererseits die spezifischen Interessen gegenüber Staat und Gesellschaft zu vertreten und Rechte einzufordern. Selbsthilfe als Zusammenschluß von Gruppierungen mit gemeinsamen Merkmalen und als Form der sozialen Sicherung ist bereits aus dem Mittelalter bekannt. (vgl. REINICKE 1991, 89)

4. "Krüppelhilfe und Wohlfahrt GmbH": Hilde Wulffs Kinderheime in der Zeit von 1921 bis 1935

Zeitgleich mit ihrer Ausbildung als Wohlfahrtspflegerin und ihrer Tätigkeit im Selbsthilfebund engagierte Hilde WULFF sich in den Jahren von 1921 bis 1933, gemeinsam mit ihrem Vater Robert WULFF, in der größten privaten Fürsorgeeinrichtung, dem "Verein für Säuglingsfürsorge und Wohlfahrtspflege im Regierungsbezirk Düsseldorf". In ihrer Eigenschaft als stiftende Mitglieder des Vereins beteiligten sich Robert und Hilde WULFF an der Planung und Errichtung der "Kinderheil- und Heimstätte Urdenbach" in Düsseldorf, einer Einrichtung im Rahmen der Erholungsfürsorge[4], die nach dem Willen des Stifters und der Stifterin "in erster Linie der Heilung und Erwerbsbefähigung von verkrüppelten Kindern dienen" (STIFTUNGSVERTRAG 1921, §2) sollte. 1928, ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters, gründete Hilde WULFF mit ihrem ererbten Vermögen, die "Krüppelhilfe und Wohlfahrt GmbH", eine gemeinnützige Gesellschaft mit dem Ziel, "Krüppelheime, Tagesheime, Beschäftigungs- und Unterrichtsräume usw." (GESELLSCHAFTSVERTRAG der "Krüppelhilfe und Wohlfahrt GmbH 1928) zu errichten, die der unentgeltlichen Hilfe für Menschen mit körperlichen Behinderungen dienen sollten.

Sehr früh erkannte Hilde WULFF die Gefahren des heraufziehenden Nationalsozialismus, insbesondere für Menschen mit Körperbehinderungen. Bereits 1932 warnte sie in der Zeitung des "Reichsbundes der Körperbehinderten"[5]:

"Hinter den Abbaumaßnahmen steht nicht nur die die Finanznot des Reiches und des Staates, der Gemeinden und Provinzen, sondern auch eine jetzt aufkommende Macht, die einen 'Wohlfahrtsstaat' an sich verneint und an Stelle der verantwortlichen gegenseitigen Hilfe das Prinzip der Macht und der Auslese der Starken setzen will." (WULFF 1932, 1)

Nach eigenen Angaben trat Hilde WULFF 1933 nach langjähriger intensiver Mitarbeit aus dem ersten Bündnis körperbehinderter Menschen aus (WULFF 1938, 2), während der Reichsbund den "Siegeszug der nationalsozialistischen Revolution" (DER KÖRPERBEHINDERTE 4 (1934), H.3, 28) begrüßte. Der Zusammenschluß wurde gleichgeschaltet und zur einzigen offiziellen Vertretung der Körperbehinderten im "Dritten Reich" bestimmt. (DER KÖRPERBEHINDERTE 4 (1934), H.3, 25)

Nur wenige Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die 1921 von Hilde WULFF und dem Verein für Säuglingsfürsorge und Wohlfahrtspflege gegründete "Kinderheil- und Heimstätte Urdenbach" in Düsseldorf von den Nationalsozialisten enteignet, der Verein liquidiert. Eine Reihe der Angstellten des Vereins mußten aus politischen Gründen oder weil sie Jüdinnen waren, aus Deutschland fliehen. (FRAUENKOMMUNIKATION 1988, 270)

Trotz dieser Ereignisse gründete Hilde WULFF im Oktober 1933 das Kinderheim Neu-Westend in Berlin-Charlottenburg, das zehn Kindern Platz bot. Die Bezirksjugendämter in Berlin wiesen erholungsbedürftige, körperlich zarte oder behinderte Kinder ebenso ein wie Kinder mit leichten Erziehungsschwierigkeiten oder schwierigem familiären Hintergrund. Hilde WULFF leitete das Heim in der Oldenburgallee 6 selbst. Mit Auslaufen ihres Mietvertrages im September 1935 siedelte sie gezielt mit den bis dahin dort untergebrachten Kindern und zwei angestellten Erzieherinnen in eine bereits 1931 erworbene Villa in Volksdorf bei Hamburg um.



[4] Die Erholungsfürsorge umfaßte Maßnahmen wie z.B. Ferienaufenthalte in eigens dafür eingerichteten und besonders ausgestatteten Heimen und Unterkünften, die der Prophylaxe und Früherkennung von drohenden Erkrankungen und Behinderungen dienten bzw. zur allgemeinen physisch-psychischen Kräftigung und Stärkung von Kindern und Jugendlichen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Behinderungen beitragen sollten.

[5] Als Folge der Weltwirtschaftskrise war der Selbsthilfebund gezwungen, die eigenen Betriebe aufzugeben. Der Bund löste sich im August 1931 auf; gleichzeitig erfolgte die Gründung der "Reichsbundes der Körperbehinderten", der sie Tätigkeit des SBK im wesentlichen fortsetzte. Die Bundeszeitung des Reichsbundes "Der Körperbehinderte" ist nachgewiesen von 1 (1931)-14 (1944).

5. Widerstand und Überleben in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945)

In den folgenden zehn Jahren bis 1945 führte Hilde WULFF dort das Kinderheim "Im Erlenbusch", in dem 20, zeitweise mehr als 30 behinderte und nichtbehinderte Kinder und Jugendliche untergebracht waren. Mit dem Umzug in das von Hamburg 18 Kilometer entfernte Volksdorf war der Wunsch verbunden, in relativer Abgeschiedenheit zu leben, um "frei von allen nationalsozialistischen Einflüssen" bleiben zu können. (WULFF 15.04.1959) Eine eigens eingestellte und aus dem Vermögen Hilde WULFFs finanzierte Lehrerin erteilte Unterricht. Der Versuch, möglichst unauffällig zu bleiben, hielt Hilde WULFF jedoch nicht davon ab, Verfolgte des Nazi-Regimes zu unterstützen. An dieser Stelle sei nur ein Hinweis zitiert. "Es ist mir noch recht viel von früher gegenwärtig - und nicht zuletzt ihre stille Courage in jenen Tagen, da die meisten bloß Angst hatten, jemandem zu helfen." (JACOBY 10.06.1953) Dies schrieb der in den zwanziger Jahren sehr bekannte Musiker und Musikpädagoge Heinrich JACOBY, der als Jude in die Schweiz emigrieren mußte und den Hilde WULFF Ende 1920 über seine Zusammenarbeit mit der Pädagogin Elsa GINDLER kennengelernt hatte. Zu Beginn des Jahres 1935 bereiste Hilde WULFF zusammen mit Heinrich JACOBY Palästina und Jerusalem, und in den Jahren 1936, 1938, 1939 und 1940 besuchte sie die "Ferienkurse",[6] die Heinrich JACOBY unter erschwerten Bedingungen wechselweise in der Schweiz und in Italien abhielt.

Mit ihrem Leben, ihrer pädagogischen Arbeit und ihrem persönlichen Einsatz leistete Hilde WULFF einen stillen, aber mutigen und wirksamen Widerstand, der bis heute nicht gewürdigt wird. Hilde WULFF und alle ihr anvertrauten Kinder konnten die Zeit des Nationalsozialismus überleben. Sie selber betonte jedoch, ohne Unterstützung und Hilfe "sowohl von Ärzten für körperbehinderte Kinder wie von leitenden Fürsorgerinnen wäre es mir, ganz auf mich allein gestellt, nicht möglich gewesen, das Heim durch die Schrecken der Jahre 1935-45 durchzubringen." (WULFF 1967, 6)



[6] Die Ferienkurse zählten zu den Veranstaltungen, die Heinrich Jacoby seit den zwanziger Jahren anbot, um den Teilnehmern und Teilnehmerinnen Möglichkeiten ihrer Persönlichkeitsentfaltung nahezubringen. Heinrich Jacoby hatte sich in seiner praktischen und theoretischen Tätigkeit auch mit behinderten Menschen und ihren Entfaltungsmöglichkeiten beschäftigt.

6. Nachwirkungen

Nach 1945 waren Hilde WULFFs Kräfte sehr erschöpft. Dennoch führte sie das Kinderheim "Im Erlenbusch" weiter, in den 60er Jahren sogar noch vom Bett aus. Da ihr daran gelegen war, daß das Heim über ihren Tod hinaus weiterbestand, übergab sie die Einrichtung 1964 an das Diakonische Werk Hamburg. Die Innere Mission ist auch heute noch Trägerin der Einrichtung, die sich stark vergrößert und gewandelt hat.

Hilde WULFF starb 1972 in ihrem Hamburger Heim.

Literatur

DIETRICH, Eduard: Dem Andenken Konrad Biesalskis. In: Zeitschrift für Krüppelfürsorge 23 (1930), H.3/4, 43-44

DER KÖRPERBEHINDERTE. Zeitschrift des Reichsbundes der Körperbehinderten e.V. Berlin 1 (1931)-14 (1944)

FRAUENKOMMUNIKATION E.V.: Zierlich und zerbrechlich. Zur Geschichte der Frauenarbeit am Beispiel Düsseldorf. Köln 1988

GESELLSCHAFTSVERTRAG der "Krüppelhilfe und Wohlfahrt GmbH". Düsseldorf 1928. Nachlaß Hilde Wulff, Hamburg

GRUHL, Marie: Einteilung der Krüppelkinder. In: Nachrichtendienst des Bundes zur Förderung der Selbsthilfe der körperlich Behinderten 3 (1922), H. 13, 11-13

JACOBY, Heinrich: Fragebogen A. Ausgefüllt und datiert von Hilde Wulff am 10.07.1938. 1-3. Nachlaß Hilde Wulff, Hamburg

JACOBY, Heinrich (Schweiz) in einem Brief an Hilde Wulff (Hamburg) am 10.06.1953. Nachlaß Hilde Wulff, Hamburg

KRÜPPELFÜRSORGE. Gesetz, betr. die öffentliche Krüppelfürsorge. Vom 6. Mai 1920 - Gesetzsamml. S. 280.

MALIKOWSKI, Friedrich: Die Bedeutung des Selbsthilfebundes für die Krüppelhilfe. In: Jugend und Volkswohl. Hamburgische Blätter für Wohlfahrtspflege und Jugendhilfe 4 (1929), H. 10/11, 185-187

MALIKOWSKI, Friedrich: 15 Jahre Zusammenschluß der Körperbehinderten in Deutschland. In: Der Körperbehinderte 4 (1934), H.3, 20-25

NACHRICHTENDIENSTdes Bundes zur Förderung der Selbsthilfe der körperlich Behinderten. Berlin 1 (1919)-12 (1931)

REINICKE, Peter: Selbsthilfe der Körperbehinderten zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Otto-Perl-Bund. In: SozialeArbeit40 (1991), H.3, 89-94

SATZUNG des Selbsthilfebundes der Körperbehinderten. In: Der Körperbehinderte. Zeitschrift des Reichsbundes der Körperbehinderten 3 (1933), H. 10 und 11

SCHREIBEN des Central-Ausschuß für die Innere Mission (IM) vom 18. Februar 1928. 2 Seiten. ADW, 504a

STIFTUNGSVERTRAG zw. Robert und Hilde Wulff und dem Verein für Säuglingsfürsorge und Wohlfahrtspflege im Regierungsbezirk Düsseldorf e.V. vom 22.10.1921. Nachlaß Hilde Wulff, Hamburg

WÜRTZ, Hans: Das Seelenben des Krüppels. Krüppelseelenkundliche Erziehung und das Gesetz betr. öffentliche Krüppelfürsorge. Leipzig 1921

WULFF, Hilde: Unsere pädagogischen Aufgaben. In: Nachrichtendienst des Bundes zur Förderung der Selbsthilfe der körperlich Behinderten (Perlbund). 11 (1930), H. 12, 134, 135

WULFF, Hilde: Fürsorge für Krüppelkinder in Not. Der Körperbehinderte. Zeitschrift des Reichsbundes der Körperbehinderten e.V. 2 (1932), H.8, Titelseite

WULFF, Hilde: Die Arbeit des Reichsbundes der Körperbehinderten auf dem Gebiete der Jugendwohlfahrtspflege. Jugendleiterinnenbrief. Berlin, 22.03.1933. Masch.geschr. Manuskript. 1-7. Nachlaß Hilde Wulff, Hamburg

WULFF, Hilde in einem Schreiben an die Schulbehörde Hamburg am 15.04.1959. Nachlaß Hilde Wulff, Hamburg

WULFF, Hilde: Lebensbeschreibungen. Entwürfe. Unveröff. Manuskr.; Hamburg 1967. 1-23. Nachlaß Hilde Wulff, Hamburg

Quelle:

Petra Fuchs: Hilde Wulff (1898-1972). Leben und Wirken für die Emanzipation körperbehinderter Menschen in der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus

Erschienen in: Die neue Sonderschule 44(1999c), H. 6, 460-465. Luchterhand Verlag

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 25.02.2005

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