Das Kind im Spannungsfeld zwischen Eltern und Institution(en)

AutorIn: Max Friedrich
Themenbereiche: Vorschulischer Bereich
Textsorte: Referat
Releaseinfo: Erschienen in: Mit Kindern auf dem Weg II. Referate zu NÖ Kindergartensymposien, NÖ Schriften 103/Dokumentation, Neulengbach, Oktober 1997, ISBN 3-85006-095-0
Copyright: © Max Friedrich 1997

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es geht mir ungefähr so wie Kindergärtnerinnen, wenn sie einen ganzen mühsamen Vormittag über die Runde gebracht haben und schon etwas ausspannen wollen, ein Teil der Kinder aber eigentlich lieber, essen will, die anderen schon schlafen wollen, die dritten eigentlich spielen wollen. Und ich soll Sie jetzt auch noch zur Aufmerksamkeit bringen. Ich werde es trotzdem versuchen und möchte mit dem beginnen, womit ich sonst aufhöre, mit einem Zitat.

Eure Kinder und das gilt für die Eltern, für die Erzieher, Kindergärtner und Lehrer. Eure Kinder sind nicht Eure Kinder. Sie sind die Söhne und die Töchter des Lebens, verlangen nach sich selbst. Sie kommen durch Euch, doch sie gehören Euch nicht. Ihr dürft Ihnen all eure Liebe geben, doch nicht Eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken - auch die Kleinen. Ihr dürft ihrem Leib ein Heim geben, doch nicht ihrer Seele, denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen. Das Ihr nicht zu betreten vermögt, selbst nicht in Euren Träumen und dies ist wohl seit dem der Mensch das Denken gelernt hat so, daß wir unsere Kinder für eine Zeit erziehen, von der wir nicht wissen, was sie bringt, wir können sie nur bestmöglich vorbereiten nachdem was wir heute wissen und was wir vermuten. Was bedeutet also das Kind-Sein heute? Ein Kind ist somatisch bestversorgt, in der Großstadt ebenso wie am Land, die Spitäler sind gut ausgestattet, nach einer Geburt ist man bestmöglich betreut, Minderwärtigkeiten werden früh erkannt. Vielleicht dort und da ist die Prävention noch nicht so weit, dieses Vorausdenken, was sein wird, aber das wird sich bessern.

Vielleicht ist auch dort oder da noch der Ernährungspegel nicht ganz so wie wir es uns vorstellen. Da gibt es die, die sich von Körndeln ernähren und jene, die noch immer meinen, Fleisch ist die nahrhafteste Erhaltungsform. Wir kennen auch die, die ihre Kinder mit Wurstsemmeln, Leberkäsesemmeln oder sonstigen ähnlichen Naschereien in die eine oder andere Richtung aufziehen, vor allem am Land. Ich darf mir das alles leisten, ich bin ein gebürtiger Niederösterreicher, ich habe in Niederösterreich maturiert und ich habe jetzt nunmehr, zumindest mein Sommerhaus in Niederösterreich. Intellektuell ist es schon sehr viel schwieriger mit dem Kindsein heute. Die leichten Mängel werden noch immer nicht so recht erkannt. Wenn es gröber ist, dann nimmt man wahr, aber in der Frühdiagnostik sind wir noch immer nicht dort, wo wir sein wollten und das ist mein Appell an Sie. Frühdiagnostik kann nur in der Teamarbeit gelingen. In der Teamarbeit, in dem der Wissende und das sind Sie und die Unwissenden, das sind die Eltern, miteinander in Kommunikation treten und von der Seite her aus dem Dialog die Hilfe dem Kind geben können.

Was ist das, intellektuell? Das ist die Wahrnehmung eines Kindes im Optischen, im Akustischen. Das ist die Wahrnehmung von dem, was sein wird. Was Sie heute schon in einem Vortrag gehört haben, das, was wir in der Fachsprache als sogenannte Antizipationsleistung nennen, also die Fähigkeit sinn- und planvoll vorausdenken zu können bzw. die Folgen einer Handlung auch einschätzen zu können. Es wird unsere Aufgabe sein, in dieser Frühdiagnostik und Frühförderung allen Kindern, nicht nur jenen die behindert, teilbehindert oder von Behinderung bedroht sind, zu helfen, sondern insgesamt den Kindern in diesen Bereichen eine Stütze und eine Hilfe zu geben. Wir werden uns auseinandersetzen müssen, beim Kindsein heute. Wie schaut die emotionale Welt des Kindes aus? Für mich ist sie eine Spannung, eine Spannung zunehmend mehr zwischen Symbiose und Verwöhnung. Das ist die enge Bindung und manchmal die Schädigung durch Schonung, weil wir einfach verwöhnen. Und da ist auch die andere Seite, die ebenso häufig ist, mir als Kinderpsychiater häufig sehr zu schaffen macht, jene der Verwahrlosung und der Ablehnung, der Mangel Versorgung und der Mangel Fürsorge.

Kind-Sein heute

Wir werden uns auseinandersetzen müssen im Kind-Sein heute, mit der Rolle der Väter und Mütter in ihren emotionalen Beziehungen, mit den tradierten, wo letztlich die Vielfachbelastung an der Frau hängen bleibt (Arbeit, Haushalt, Kindererziehung und dann soll sie auch noch Geliebte und Ehefrau sein). Die Rolle des Mannes, ist die des Paschas, so die tradierte Form und die moderne Form ist nicht sehr viel anders. So bleibt bei der Frau weiterhin eigentlich die Hauptaufgabe hängen, nur heute haben wir ja keine klaren Erziehungsrichtlinien mehr. Wir wissen ja nicht, wonach wir uns orientieren sollen. Wer gibt sie vor? Die autoritäre Erziehung, die ist out. Die antiautoritäre Erziehung, die ist auch out. Nun, was bleibt über? Sie alle wollen natürlich von mir jetzt wissen: "Weiß ich es". Ich weiß es auch nicht, aber ich als Vater von 4 Kindern probiere es zumindest.

3 Grundlinien möchte ich Ihnen mitgeben, die Sie vielleicht den Eltern, die sich an Sie wenden, weitergeben können. Ein Teil ist sicher das Imitationslernen, das ist einfach die Nachahmung und wir finden es immer wieder und ich sehe es in meinen Kindern, wie sie nachahmen und sich verhalten wie der Papi und die Mami in der Sprache, in der Gestik, in der Mimik und auch im Fluchen. Der zweite Bereich ist ganz sicher das Versuchs-Irrtumslernen die Möglichkeit einfach dem Kind ein ungestraftes Exerzierfeld zu geben, ein ungestraftes Exerzierfeld an dem ich probieren darf, Probehandeln darf, ausprobieren darf wie und in welcher Form etwas gelingt und auch unterliegen darf meinen Plänen und eben dem Irrtum.

Der dritte Bereich ist vielleicht der am kompliziertesten zu vermittelnde, aber der notwendigste. Nämlich das Kind kalkulierbaren Gefahren auszusetzen. Das soll nichts anderes heißen, als daß ich das Kind behutsam, gewissenhaft und über Jahre vorbereiten muß, auf all die Gefahren, die auf uns lauern. Dazu muß ich auch den Mut haben, das Kind immer wieder in die Versuchungssituation zu bringen, selbstverständlich geschützt. Ich werde versuchen, Ihnen das vereinfacht darzustellen. Ich lese gerne am Sonntag in der Früh beim Frühstück oder nach dem Frühstück die Zeitung. Ich werde meinen 3jährigen Sohn nicht hinunter schicken die Zeitung zu holen, jedoch ab dem 6. Lebensjahr mit einem Kind hinuntergehen, ihm erklären wie man über die kleine Straße geht, wie man die Schillinge hineinwirft und das nächste Mal werde ich beim Haustor stehenbleiben und werde überprüfen, ob das Kind zuerst links und dann rechts schaut, ob es wirklich die 3 Schillinge hineinwirft und nicht mopst für eine Schokolade, und ob es die Zeitung richtig herausnimmt und nur eine, die es bezahlt hat.

Irgendwann werde ich vom Fenster hinausschauen und irgendwann werde ich hoffen, daß diese von mir kalkulierte Gefahr auch bewältigt wird. Das meine ich unter anleiten, Erziehung in kalkulierbaren Gefahren. Ich meine also heute, daß Kindsein eine Frage ist, wieviel Gemüt dürfen wir denn zeigen, auch da war die Verunsicherung plötzlich groß. Eine Welle, die plötzlich überschwappt. Wir dürfen alle Gefühle jederzeit zeigen, jeder muß sich ausleben und die Gegenwelle, wir müssen uns abgrenzen. Was soll das Kind jetzt? Sich ausleben, abgrenzen, umgrenzen, Distanz halten? Einer der wesentlichen Elemente unseres Menschseins im Gemeinschaftsgefühl ist die Sicherheit in Nähe und Distanz und die will gelernt sein und ich denke mir, sozial stellt sich natürlich die Frage für uns, nach welchem Ziel erziehen wir unsere Kinder, was geben wir uns selber vor. Ja welche moralischen Ziele? Was ist moralische Urteilsbildung und wann beginne ich mit moralischer Urteilsbildung, ich glaube, in dem Alter, in dem die Ihnen anvertrauten Kinder in Wirklichkeit lernen müssen, dein und mein Gemeinschaftsgefühl, einfach Umgang miteinander, Umgang mit Aggression, Umgang mit der Gefahr, Umgang mit Impulsen.

Ich erinnere mich an einen der faszinierendsten Augenblicke meines Lebens, als Anna Freud nach ihrer Emigration das erste Mal wieder nach Wien gekommen ist. Ich bin zu ihrem Vortrag auf die Universität nicht gegangen, weil ich erwartet habe, daß ich von einer über 80jährigen Frau die großen wissenschaftlichen Neuigkeiten erfahren werde, sondern ich bin hingegangen, in der Neugierhaltung eines Wissenschafters, der eine berühmte und ungeheuer uns belehrende Frau sehen wollte. Und da stand sie ganz klein, mit brüchiger Stimme und in den ersten 10 Minuten Alltagsweisheiten verbreitend und plötzlich, so nach 15 Minuten hat es mich gepackt, so daß ich jetzt nicht mehr nur nebenbei zuhören konnte, sondern daß ich mich konzentrieren mußte. Nach weiteren 5 Minuten war ich hochgespannt. Anna Freud hat damals gesagt, daß Lehrer gerne sagen, am liebsten haben wir jene Kinder, die nichts können. Und dann hat sie eine lange Pause gemacht und hat gesagt: " Ist es denn nicht Gemeinschaft zu leben, ruhig zu sitzen, gesichert das Toilettraining zu beherrschen, aufmerksam zu sein, sich auf eine Sache hinzukonzentrieren, gemeinsam spielen zu können." Und jetzt könnte ich die Liste bis zu 5 Minuten fortsetzen. Das was die Lehrer gemeint haben, ist das Lesen, Schreiben und Rechnen, das Lernen der sogenannten höheren Kulturfertigkeiten, aber das was Anna Freud gemeint hat, ist das, was unsere Kinder durch Ihre Leistung und Ihre Hilfe erwerben, das ist die Grundvoraussetzung, daß die höheren Kulturleistungen überhaupt machbar und schaffbar sind.

Elternsein heute

Das Elternsein heute - wie definiert sich denn noch ein Elternhaus? 33 % der in den letzten 10 Jahren in Österreich geschlossenen Ehen sind geschieden. Das ist ein Drittel. 53 % der in den letzten 10 Jahren geschlossenen Ehen sind in Wien geschieden worden, Ergebnis des statistischen Zentralamtes 1991. 53 %, das ist in Österreich eine sogenannte qualifizierte Mehrheit, mit der wählen wir üblicherweise unseren Bundespräsidenten. Es ist also keine Minderheit. Was heißt also nunmehr Familie? War sie früher schon so zwischendurch problematisch, so ist sie heute sehr häufig durch die Scheidungswaisen definiert, sie ist aber auch durch ein Sozialschmarotzertum definiert. Viele heiraten gar nicht mehr und nützen dadurch noch verschiedene Geldquellen aus. Es stellt sich für uns, und hier spreche ich auch als Sachverständiger, in Pflegschaftsverfahren immer wieder die Frage, was ist denn das Heim erster Ordnung.

Ich kann ein Kind, gleichgültig in welchem Lebensalter, nicht aufteilen, nicht eine halbe Woche dort und eine halbe Woche da. Es muß ein Haus oder Heim erster Ordnung geben, das definiert ist, nicht nur durch die Schlafstatt, sondern letztlich durch die Erziehungsmaßnahmen die eine verantwortliche Person trägt, wenn auch nur mehr eine übrig geblieben ist aus dem Elternpaar. Der andere wird letztlich häufig zum Zuckerlspender und Praterbesuchenden, Wochenendbesucher und Animateur. Letztlich aber müssen wir uns damit auseinandersetzen und es wird Ihre Aufgabe immer wieder sein, auch in eine Art Zeugenschaft zu geraten, indem Sie Müttern Elternstütze geben, in diesem Verfolgen des Heimes erster Ordnung. Das ist leider Gottes zur Realität geworden. Helfen Sie aber auch vor allem, und hier spreche ich in erster Linie für die Mütter, jene Frauen, die plötzlich eine Mehrfachbelastung zu tragen haben und letztlich vor dem Problem stehen, wie es weitergehen soll, auch in ihrem eigenen sozialen Leben, weil dieses für die Entwicklung der Kinder und deren sozialen und emotionalen Bereich von Wichtigkeit ist. Was ist das wohl für eine Mutter, wenn sie zu Hause allein sitzt, wenn sie sich eine Partnerschaft wünscht, wenn aus welchem Grund auch immer eine Beziehung auseinander gegangen ist, sie letztlich nicht auf den Klingelprinz warten kann, der anläuten wird und plötzlich dasteht und sagt: "Nimm mich".

Sie wird letztlich eine Partnerschaft nur finden können, wenn sie dafür auch ausreichend Zeit hat. Man findet nicht einen Partner bei einem einmaligen Diskoabend oder Sportveranstaltungsbesuch, sondern eine Beziehung will gepflegt werden. Wir sollten uns das manchmal überlegen, wenn wir leichtfertig einfach Äußerungen über alleinerziehende Mütter tun. Die Frage ist, wie schaut die Sozialisation aus. Die Sozialisation von alleinerziehenden Eltern, die Vorbild sein sollen, im Sinne des Imitationslernens, die aber ihrerseits selbst ununterbrochen der Devise des ewigen Jungseins frönen. Wer will das letztlich nicht und wir müssen uns den Kopf zerbrechen, über die Situation des Kindes. Ist das Kind nicht häufig verkommen zum Subjekt? Und wenn es nicht mal zu gebrauchen ist, dann wird es zum lästigen, aber nicht Subjekt, sondern Objekt. Darüber müßten wir uns den Kopf zerbrechen, wo können wir Hilfe geben? Der von Ihnen gewählte soziale Beruf hat ebenso eine Wandlung erfahren, wie der des Lehrers.

Wir haben heute nicht mehr nur Lehraufgaben, sondern wir haben Erziehungsaufgaben zu erfüllen, in allen sozialen Berufen. Wir müssen uns überlegen, ob wir die übernehmen wollen und wenn ja, wie wir sie definieren wollen.

Institution heute

Zum Dritten, zur Institution heute. Welcher gesellschaftliche Auftrag definiert eigentlich unsere Institutionen? Natürlich können wir legistisch nachschauen, was hat der Kindergarten für Aufgaben, für Funktionen zu erfüllen. Natürlich können wir uns überlegen, was delegieren wir an den Kindergarten, aber vergessen Sie eines nicht: Wir sind als Bürger unseres Staates souverän und leisten uns den Kindergarten und die Schule. Von der Seite her kann ich auch durch den Saal schauen und sagen, Sie sind alle meine Angestellten oder zumindest mit meiner Steuerleistung leiste ich mir eine von Ihnen. Damit Sie es ertragen können, drehe ich es jetzt auch um. Ich bin Ihr Angestellter an der Universitätsklinik und Sie alle leisten sich einen Universitätsprofessor an der Klinik, der sich auch in die Ambulanz setzt, Ihre Kinder untersucht und behandelt, im selben Verhältnis, weil ich ebenfalls ein Angestellter bin.

Wir sollten uns nur manchmal im Klaren sein, daß nicht wir als Institution bestimmen, was zu geschehen hat, sondern die Eltern uns ihr höchstes Gut anvertrauen mit dem wir arbeiten und auch etwas leisten sollten und es ist immer die Frage, welche Bedürfnisse wir befriedigen. Wir unsere oder irgendwelche administrativen oder welche die vorgegeben sind oder jene, die wir für uns erarbeitet haben zum Wohl unserer Kinder? Es ist die Frage, wie viel Organisation darf sein. Ich kann bereits zusammenfassen: Wo steht nun in dieser Welt des Kindseins, des Elternseins und der Organisation von heute das Kind? Sind es Mühlsteine, die zerreiben? Ich denke mir, und bleiben wir bei den vorher genannten 4 Feldern im körperlichen Bereich, die Ertüchtigung und der körperliche Schutz sind großgeschrieben, das ist gut definierbar. Da wissen wir, was wir zu erreichen haben, wenn Minderwertigkeiten eines Kindes vorhanden sind. Dann können wir Sie orten, Gegenmaßnahmen erzielen, Teamarbeit betreiben und können Schwächen zumindest lindern helfen.

Aber ermutigen wir die Kinder auch und fördern wir ein gesundes Durchsetzungsvermögen ohne Brutalität bei gesunder Aggressivität. Ich trenne es mit Absicht, weil es wird immer wieder von der Aggressivität gesprochen und ich denke mir, es ist wohl mehr die Brutalität, und wenn ich an meine Kindheit und die Kindergartenzeit und meine frühe Volksschulzeit zurückdenke, dann war ich natürlich auch ein Raufer, und das Böseste was es gegeben hat, war der Schwitzkasten. Da stand eine große Horde von Buben im Kreis und 2 haben in diesem Kreis gekämpft und einer hat den anderen unter dem Schwitzkasten gehabt und hat dann auch noch womöglich mit der schwächeren Hand zugeschlagen. Die einen haben geschrien: "Gib es ihm", und anderen haben gesagt: "Jetzt ist es genug".

Wenn ich heute Kindern zuschaue und sie raufen im Kindergarten, wo ich meinen Jüngsten abhole, dann sehe ich diese Bewegung, die kannte ich damals nicht und das ist eine Bewegung, die scheint mir aus den asiatischen Kampfmethoden zu stammen. Woher die wohl bekannt geworden ist? Ich denke, daß Sie als Kindergärtnerinnen eine Schaltstelle sind, eine Schaltstelle des Wissenden im Erkennen und im Helfen auch leichte Defekte bewältigen lernen, vor allem aber als Dolmetsch an Eltern sie nicht nur zu erkennen, sondern sie auch zu vermitteln, daß es sie überhaupt gibt. Wir Eltern sind blind gegenüber den Defekten unserer Kinder, daß sage ich Ihnen so und Sie können daran glauben. Im Intellektuellen wird es die Aufgabe sein, Eltern zu unterstützen, daß sie Ihr Kind optimal fördern, aber nicht maximal.

Ich weiß schon, die weiteste Reise, daß größte Haus und das teuerste Auto und was es sonst an Maxima gibt, aber stimmen Sie mit mir in einem Chor, daß das Optimum für das Kind das Wesentliche ist und Optimum ist etwas ganz Individuelles. Sie im Gegensatz zu den Lehrern können sich's noch leisten über ausreichend lange Zeit zu beobachten und zu sagen, hier und dort fehlt es am Optimum. Alle die, die eigene Kinder haben, die ihre eigene Kindheit noch in Erinnerung haben, sollten nicht scheuen, zwischendurch Vergleiche anzustellen. Die Werbung hat uns einen guten Slogan gegeben, der Vergleich macht uns sicher. Ich glaube, daß Sie ruhig den Streitpunkt zwischen den Eltern und ihnen in der Sicht des Kindes aufnehmen sollten. Seien Sie nicht Konfliktscheu, sondern nehmen Sie den Konflikt auf, er muß nicht in Aggressivität enden. Konflikt ist notwendig im Sinne der Zivilcourage. Es gibt auch von unseren Professionen die Schädigung durch Schonung, indem wir nicht den Mut haben, den Eltern die Wahrheit zu sagen. Emotional sollten wir uns zwischendurch immer wieder mit den Schwächen im Gemeinschaftsgefühl auseinandersetzen. Wenn es sie zu Hause nicht gibt, diese Gemeinschaftsgefühle, dann müssen wir sie im Kindergarten fördern, weil der Mensch ist nach griechischer Philosophie ein Zoon Poltikon, ein Gemeinschaftswesen und zum Gemeinschaftswesen ist man nicht primär geboren. Man ist zwar geboren als Hilfloser und auf die Gemeinschaft angewiesen, aber man hat es nicht primär mitbekommen. Das ist im genetischen Code nur programmiert und noch nicht ausformiert. Denken wir daran, daß der Kindergarten die wesentliche Chance zu diesem Gemeinschaftsgefühl hat.

Beobachten Sie Ihre Kinder. Nehmen Sie sie wahr. Ich möchte den Kindergärtnerinnen ein besonderes Kompliment machen. Eine Untersuchung in Hamburg hat festgestellt, daß beim sexuellen Kindesmißbrauch die Kindergärtnerin an erster Stelle des Vertrauens steht, weit hinten Mutter, Großmutter, Vater und an letzter Stelle der Arzt. Mit dem hat ein Kind ja wohl keine gute Erfahrung, der sticht mit spitzen Dingen ja irgendwo hinein. Im Sozialen habe ich das Gemeinschaftsgefühl vermitteln gemeint - ich halte mich an Oskar Spiel der sagt: eine Arbeits-, eine Erlebnis- und eine Verwaltungsgemeinschaft. Wenn wir das auf den Kindergarten übersetzen, ist die Arbeitsgemeinschaft im Kinderalter die Spielgemeinschaft, weil Spiel für das Kind die Simulation der Arbeit darstellt, und wir sollten zumindest versuchen , eine Rücksichtgemeinschaft zu schaffen.

Ich komme zum Schluß. Auch im ländlichen Raum findet ein Wandel der Gesellschaft statt, die Konsumbedürfnisse steigen mehr und mehr. Immer mehr delegieren wir an den sogenannten Gelernten, das sind Sie und schieben damit ein Maß von Verantwortlichkeit ab. Es wird Ihrer Beratungen bedürfen sich auseinanderzusetzen, in welcher Form, in welcher Intensität und welcher Quantität Sie sich diesen neuen Gegebenheiten stellen wollen. Es ist sehr häufig ein Machtkampf zwischen Ihnen, den Wissenden, und den Hilflosen. In 22 Jahren psychiatrischer Tätigkeit habe ich keine Eltern gefunden, von denen ich behaupten würde, sie haben ihr Kind vorsätzlich geschädigt, es sei denn, sie waren geisteskrank. Alle anderen Eltern bemühen sich zwar, aber sie sind ungeschickt, patschig, was immer wir einsetzen wollen. Die Vorsätzlichkeit jedenfalls findet man selten.

Was heißt es also zusammengefaßt, ein Kind zu sein heute? Im Luxus verwöhnt, in Elektronik gebettet, real oder durch Satellitenprogramme weit in der Welt herumgekommen, vertraut als Kleinkind bereits mit Reizüberflutungen. Wie schaut es emotional aus? Sie wollen immer noch kindlich und kindisch sein. Sie sind immer noch sehnsüchtig nach vielen verlorengegangenen Märchen und einer Phantasiewelt und sie schauen immer noch danach aus, wann wer sich wie und vor allem wie lange und in welcher Intensität dem einzelnen Kind jeweils individuell zuwendet. Es nützt nichts, wenn die Statistik vorgibt, man braucht für ein Kind pro Tag 18, 20, 24 Minuten Zeit. Es ist notwendig, daß wir uns individuell, intensiv zuwenden, das ist es, was die Kinder brauchen. Zeit ja, aber individuelle Intensität.

Quelle:

Max Friedrich: Das Kind im Spannungsfeld zwischen Eltern und Institution(en)

Erschienen in: Mit Kindern auf dem Weg II. Referate zu NÖ Kindergartensymposien, NÖ Schriften 103/Dokumentation, Neulengbach, Oktober 1997, ISBN 3-85006-095-0

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Stand: 05.04.2005

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