Im Widerspruch: die UN-Konvention und die Entwicklung des 3. Arbeitsmarkts in Österreich

AutorIn: Petra Flieger
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Artikel
Copyright: © Petra Flieger 2013

Im Widerspruch: die UN-Konvention und die Entwicklung des 3. Arbeitsmarkts in Österreich

Grafik: Julia Orschulik; Bildtext: Die UN-Konvention sagt, dass es allen Menschen ermöglicht werden soll, richtige Arbeit für richtiges Geld zu haben. Manche Menschen mit Behinderungen brauchen dafür mehr, andere weniger Unterstützung. Diese Unterstützung muss zur Verfügung gestellt werden.

In Artikel 27 der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist klar festgehalten, dass der allgemeine Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen zugänglich gemacht werden soll. Österreich hat sich verpflichtet, Menschen gut zu unterstützen, wenn sie aufgrund einer Behinderung Schwierigkeiten haben, einen inklusiven Arbeitsplatz zu finden. Dies gilt auch für jene Menschen, die derzeit in Beschäftigungstherapien tätig sind. Bei der österreichischen Staatenprüfung ist kritisiert worden, dass sehr viele Frauen und Männer in Einrichtungen der Beschäftigungstherapien tätig sind.[1] Auch der Monitoringausschuss hat bereits vor über drei Jahren festgestellt, dass solche Einrichtungen im Widerspruch zur UN-Konvention stehen: "Tagesstrukturen, insbesondere die so genannte Beschäftigungstherapie, Arbeit in Werkstätten oder "Fähigkeitsorientierte Aktivität" in ihrer jetzigen Form müssen daher abgeschafft werden."[2]



[1] Komitee für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (2013). Abschließende Bemerkungen zum ersten Bericht Österreichs, angenommen durch das Komitee auf seiner zehnten Sitzung, 2.-13. September 2013. Im Internet: http://www.bizeps.or.at/downloads/CRPD-C-AUT-CO-1_de.pdf

[2] Unabhängiger Monitoringausschuss (2010). Konventionsverletzung durch die Situation von Menschen in Tagesstrukturen, insbesondere in der so genannten Beschäftigungstherapie, Arbeit in Werkstätten oder "Fähigkeitsorientierten Aktivität". Im Internet: http://www.monitoringausschuss.at/cms/monitoringausschuss/attachments/1/6/5/CH0914/CMS1371135362158/beschaeftigungstherapie_vom_16.02.2010.doc

Zur aktuellen Situation der Beschäftigungstherapie in Österreich

Eine Studie, die das Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz in Auftrag gegeben hat,[3] informiert ausführlich über die aktuelle Situation der Beschäftigungstherapien in Österreich. Demnach waren im Jahr 2011 insgesamt 20.563 Menschen, davon 44,8% Frauen, in Beschäftigungstherapien tätig.[4] Hier sind die Menschen mit Behinderungen - im Gegensatz zu ihren BetreuerInnen - nicht sozialversichert, erst seit 2011 sind sie unfallversichert. So entsteht die paradoxe Situation, dass dieser sogenannte 3. Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen für ihre BetreuerInnen ohne Behinderungen der 1. Arbeitsmarkt ist.

Die Dichte an Betreuungsplätzen variiert österreichweit sehr stark: Durchschnittlich gibt es 24,43 Plätze pro 10.000 EinwohnerInnen; die niedrigste Versorgungsdichte hat Kärnten mit 15,98, die höchste hat Tirol mit 35,01 Plätzen.[5] Die Höhe des ausbezahlten Taschengelds schwankt ebenso beträchtlich, sie liegt zwischen € 0.- und € 350.-. Den 3. Arbeitsmarkt zu verlassen, ist für Menschen mit Behinderungen praktisch unmöglich, denn: "In allen Bundesländern verbleiben Betroffene tendenziell ein Leben lang, mit Ausnahme von ein paar vereinzelten Integrationserfolgen in den 1. und 2. Arbeitsmarkt, in der Beschäftigungstherapie."[6]

Grafik: Julia Orschulik; Bildtext: In Österreich sind viele Menschen mit Behinderungen ihr Leben lang in einer Beschäftigungstherapie tätig. Sie erhalten dort nur ein Taschengeld.

Sehr viele Einrichtungen der Beschäftigungstherapie wurden erst nach dem Jahr 2000 gegründet. In einer Untersuchung hat Oliver Koenig festgestellt: "Bis zum Ende der 1980er Jahre waren erst 36,3 % der österreichischen Werkstättenstandorte gegründet. 29,1 % der Standorte entstanden in den 90er Jahren und 34,6 % erst nach dem Jahrtausendwechsel."[7] Dies überrascht umso mehr, als in der öffentlichen Diskussion und Darstellung spätestens seit Mitte der 1990er Jahre die berufliche Integration von Menschen mit Behinderungen im Mittelpunkt gestanden ist, nicht zuletzt durch den Ausbau von Unterstützungsmaßnahmen sowohl für ArbeitgeberInnen als auch für ArbeitnehmerInnen mit Behinderungen. Eine Trendwende der Zunahme von Plätzen in der Beschäftigungstherapie zeichnet sich nicht ab, im Gegenteil, "es kann ein leicht steigender Bedarf, welcher mit der Gesamtbevölkerungsentwicklung in Österreich korreliert, geschlussfolgert werden."[8]



[3] Deloitte / BMASK (2012). Analyse des Investitionsvorhabens im Bereich sozialversicherungsrechtliche Absicherung von Menschen mit Behinderung in der Beschäftigungstherapie. Unveröffentlichte Studie.

[4] Ebd., 40ff

[5] Ebd., 42

[6] Ebd., 51

[7] Oliver Koenig (2010). Werkstätten und Ersatzarbeitsmarkt in Österreich. Dokumentation der Befragung der österreichischen Sozialabteilungen zum Stand und Umsetzung der Werkstättenstandorte in Österreich sowie der Befragung aller österreichischen Werkstättenträger und Standorte im Zeitraum 2008 - 2009, 61. Universität Wien. Im Internet: http://vocational-participation.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/proj_intellectual_disabilities/Koenig_2010__Bd._III_-_Letztversion.pdf

[8] BMASK (2012), a.a.O., 51

Schlussfolgerungen

Die dargestellte Entwicklung des 3. Arbeitsmarkts ist auf dem Hintergrund der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen kritisch zu beurteilen. Sie müsste sofort gestoppt werden. Ressourcen, die für den Ausbau von Einrichtungen der Beschäftigungstherapie vorgesehen sind, sollten in gemeinwesenorientierte und inklusive Unterstützungsmodelle umgeschichtet werden, gerade auch für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf. Schritt für Schritt sollte außerdem an einer Reduzierung der großen Anzahl von Menschen mit Behinderungen in Beschäftigungstherapien gearbeitet werden, einzelne Beispiele zeigen, dass dies erfolgreich möglich ist. Schließlich müssen in den Einrichtungen Frauen und Männer mit Behinderungen arbeits- und sozialrechtlich mit Frauen und Männern ohne Behinderungen gleichgestellt werden.

Quelle:

Petra Flieger: Im Widerspruch: die UN-Konvention und die Entwicklung des 3. Arbeitsmarkts in Österreich

bidok: - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand: 04.11.2013

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