Partizipatorische Forschung

Wege zur Entgrenzung der Rollen von ForscherInnen und Beforschten

AutorIn: Petra Flieger
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: In: Jerg, Jo; Merz-Atalik, Kerstin; Thümmler, Ramona; Tiemann, Heike (Hg.). Perspektiven auf Entgrenzung. Erfahrungen und Entwicklungsprozesse im Kontext von Inklusion und Integration. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 159 - 171.
Copyright: © Petra Flieger 2009

1.0 Einleitung: Persönlicher Zugang

Es war im August 1994, auf einer internationalen Konferenz mit 2000 TeilnehmerInnen, die in Toronto Fragen zur schulischen Integration behinderter Kinder diskutierten, als ich zum ersten Mal eine Präsentation von People First erlebte. Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten berichteten in einem Workshop zuerst über ihre Erfah-rungen mit aussondernden Schulen und beschrieben daran anschließend ihre Wünsche und Hoffnungen, die sie an inklusive Schulen hatten. Ihre Botschaften waren deutlich und einprägsam, es waren überzeugte Plädoyers gegen aussondernde Schulsysteme. Zwar hielt ich mich damals bereits seit längerem für eine aufgeschlossene und durchaus engagierte Integrationslehrerin, aber nun saß ich im Workshop von SelbstvertreterInnen, die Re-flexionen über und Schlüsse aus ihren eigenen Schulerfahrungen präsentierten, und erkannte, dass es für mich noch viel zu lernen gab.

Dieses Erlebnis führte mich nicht nur sehr tief in die Integrationsbewegung hinein, es weckte auch mein Interesse für die Selbstvertretung bzw. Selbstbestimmung behinderter Frauen und Männer, das schließlich auch zu meiner Auseinandersetzung mit partizipatorischer Forschung führte. Alle Strömungen, die Partizipation behinderter Menschen in der Forschung behandeln, sind direkt mit deren emanzipatorischer BürgerInnenrechtsbewegung, der Selbstbestimmt Leben Bewegung, verbunden. Impulse in diese Richtung gingen vor allem von behinderten WissenschafterInnen aus, denn sie übten Kritik an der herkömmlichen Rolle behinderter Menschen als Forschungsobjekte in der Wissenschaft.

Für mich als nichtbehinderte Lehrerin oder Wissenschafterin stellte sich über einen längeren Zeitraum die Frage nach einer geeigneten Rolle im Verhältnis bzw. in der Beziehung zu behinderten Personen, mit denen ich beruflich zu tun hatte. Die für mich angemessene Position fand ich schließlich in der Rolle einer Verbündeten: Ich verstehe mich als Verbündete von Menschen mit Behinderung in deren Ringen um Gleichstellung, Selbstbestimmung und Inklusion.

1.1 Erwartungen an Forschung

Nancy Seyden und Red Abresch (1995) gingen in einer Untersuchung der Frage nach, welche Zielsetzungen in Bezug auf Forschung einerseits für WissenschafterInnen, andererseits für Personen mit Behinderung relevant sind. Für Erstere, so stellten sie fest, steht professionelles bzw. akademisches Weiterkommen im Vordergrund, z.B. Publikationen in peer-reviewed Zeitschriften oder die Finanzierung von Forschungsprojekten aus Drittmitteln. ForscherInnen wollen das Feld weiterbringen und sind an wissenschaftlich validen Ergebnisse interessiert, auch wenn diese nicht erfolgreich sind. Demgegenüber sollen für die befragten Personen mit Behinderung Forschungsergebnisse in ihrem Leben nützlich sein. Sie erwarten sich von Forschung eine möglichst rasche Verbesserung der Lebensqualität, des beruflichen Status, der Gesundheit, des Wohnens, des Selbst-Bildes und der persönlichen Beziehungen. Aus der Sicht von behinderten Frauen und Männern sollen Forschungsergebnisse nicht nur gut verständlich und nutzbar sein, sondern auch auf kulturelle Unterschiede Rücksicht nehmen. Forschung soll ihnen bei der Lösung von Problemen helfen und nicht nur irgendwelche Fragen beantworten (Seyden / Ab-resch 1995, 4f).

Können diese unterschiedlichen Ansprüche durch partizipatorische Forschung näher zueinander bzw. unter einen Hut gebracht werden? Oder: Können durch partizipatorische Forschung Entgrenzungen zwischen ForscherInnen und Beforschten bewirkt werden?

1.2 Zu den Begriffen Partizipation und partizipatorische Forschung

Der Wortteil "Partizip" setzt sich laut Herkunftswörterbuch aus zwei lateinischen Wörtern zusammen: pars = Teil und capere = nehmen, fassen (Duden Verlag 1963, 493). Dementsprechend beschreibt das Fremdwörterbuch partizipieren folgendermaßen: "von etwas, was ein anderer hat, etwas abbekommen" bzw. "teilhaben" (Duden Verlag 2005, 768). Beide Bedeutungen sind für den Zusammenhang zwischen Partizipation und behinderten Menschen sehr wichtig, da diese von der gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe in vielfältiger Weise ausgeschlossen werden. Die gleichberechtigte Partizipation behinderter Frauen und Männer in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen ist eine langjährige Forderung der emanzipatorischen Behindertenbewegung. Partizipatorische Forschung bedeutet, den Anspruch der Teilhabe auf wissenschaftliche Forschung zu übertragen. Ziel dieses Ansatzes ist es, die bei der Produktion von Wissen typischerweise zwischen ForscherInnen und Beforschten bestehenden Verhältnisse bzw. Beziehungen dahingehend zu verändern, dass ForscherInnen Macht bzw. Entscheidungsgewalt abgeben und die Beforschten gleichzeitig Einfluss erhalten.

Zu den Adjektivendungen -iv (partizipativ) und -orisch (partizipatorisch): Dies sind gelegentlich miteinander konkurrierende Adjektivendungen, von denen im Allgemeinen die Bildungen auf -iv besagen, dass das im Basiswort Genannte ohne ausdrückliche Absicht in etwas enthalten ist: informativ = Information enthaltend, infor-mierend. Partizipativ bedeutet dementsprechend, dass Teilhabe stattfindet. Demgegenüber hat die Bildung auf "-orisch" den im Basiswort genannten Inhalt auch zum Ziel: informatorisch = zum Zwecke der Information, den Zweck habend zu informieren (Duden Verlag 2002, 507). Partizipatorisch meint also, Teilhabe ausdrücklich bezweckend. Deutschsprachige AutorInnen verwenden derzeit beide Begriffe, im Sinne des Gesagten müsste für jedes Forschungsvorhaben entschieden werden, welcher Begriff im konkreten Fall der angemessenere ist.

1.3 Machtbeziehungen in der Wissensproduktion

Für ein besseres Verständnis der Beziehungen zwischen ForscherInnen und Beforschten möchte ich diese als Machtbeziehungen im Sinne Michel Foucaults näher beleuchten. Foucault beschäftigte sich in vielen Texten, Stellungnahmen und Interviews eingehend mit der Analyse des Phänomens Macht. Diese stellt für ihn ein Merkmal des Lebens in Gesellschaft dar und bringt permanent die Möglichkeit mit sich, "dass die einen auf das Handeln der anderen einwirken", (Foucault 2005, 258). Foucault entwickelte im Laufe seiner Auseinandersetzung ein positiv konnotiertes Verständnis von Macht. Er bezeichnete sie als produktives Netz, das sich durch den gesamten Gesellschaftskörper ziehe und u.a. Wissen produziere: "Wenn die Macht immer nur unterdrückend wäre, wenn sie niemals etwas anderes tun würde als Nein zu sagen, glauben Sie wirklich, dass es dann dazu käme, dass ihr gehorcht wird? Dass die Macht Bestand hat, dass man sie annimmt, wird ganz einfach dadurch bewirkt, dass sie nicht bloß wie eine Macht lastet, die Nein sagt, sondern dass sie in Wirklichkeit die Dinge durchläuft und hervorbringt, Lust verursacht, Wissen formt und einen Diskurs produziert; man muss sie als ein produktives Netz ansehen, das weit stärker durch den Gesellschaftskörper hindurchgeht als eine negative Instanz, die die Funktion hat zu unterdrücken." (Foucault 2005a, 93) Trotz dieser positiven Grundbewertung wurde Foucault nicht müde, verfestigte oder institutionalisierte Machtverhältnisse zu kritisieren. Er betonte, dass Machtbeziehungen in Institutionen wesentlich zum Fortbestand dieser Institution beitragen (Foucault 2005b, 258). Machtbeziehungen seien oft derart eingefahren und verfestigt, "dass sie auf Dauer asymmetrisch sind und der Spielraum der Freiheit äußerst beschränkt ist." (ebd., 289) Gleichzeitig betonte er, dass Machtbeziehungen in ihren bestehenden Formen keineswegs zwingend notwendig seien oder "unabwendbares Schicksal" (ebd., 258f). Foucault war davon überzeugt, dass es "keine Machtbeziehung ohne Widerstand, ohne Ausweg oder Flucht, ohne möglichen Umschwung" gibt (ebd., 261).

Die traditionelle und immer noch charakteristische Beziehung zwischen WissenschafterInnen und Menschen mit Behinderung stellt meines Erachtens nach die von Foucault skizzierten asymmetrischen Machtbeziehungen quasi prototypisch dar. In diesem Verhältnis ist die Macht auf Seiten der WissenschafterInnen: Sie definieren Themen und Fragestellungen, entscheiden über Strategien für deren Bearbeitung und Beantwortung, sie generieren und veröffentlichen Wissen, machen damit schließlich akademische Karriere. Jungen und Mädchen, Frauen und Männer mit Behinderung dienen ihnen dabei als Objekt bzw. als Forschungsgegenstand. Sie sind in diesem Verhältnis mit wenig bis gar keiner Macht ausgestattet, denn sie haben keinen Einfluss auf Fragestellungen oder Definitionen, den Forschungsprozess oder die Verwendung des gewonnenen Wissens. Typischerweise dienen sie als Datenquelle: sie werden untersucht, beobachtet, beschrieben, es wird über sie berichtet, sie werden vermessen, beurteilt und anonymisiert. Im besten der Fälle fungieren Frauen und Männer mit Behinderung als InterviewpartnerInnen.

"Historically disabled people have been objects of study but not purveyors of the knowledge base of disability" (Mitchell o.J., im Internet) Diese Rolle als Forschungsobjekt habe, davon ist David Mitchell überzeugt, wesentlich zur gesellschaftlichen Unterdrückung von Menschen mit Behinderung beigetragen. Dass dies auf Forschung im deutschsprachigen Raum in besonderem Maß zutrifft, belegt eine von Tobias Buchner und Oliver König jüngst durchgeführte Medienanalyse: Die Autoren untersuchten insgesamt 3012 Fachbeiträge aus elf sonderpädagogischen Fachzeitschriften der Jahre 1996 bis 2006. Dabei gingen Sie im Speziellen der Frage nach, in wie-weit die Perspektive von Frauen und Männern mit Behinderung in empirischen Forschungsarbeiten berücksichtigt bzw. gezielt untersucht wurde. Sie kommen zu dem ernüchternden Ergebnis, dass es dazu bislang nur sehr marginal Tendenzen gibt, und resümieren: "Sonderpädagogische Forschung ist im deutschsprachigen Raum immer noch durchgängig Forschung über Menschen mit Behinderung statt mit Menschen mit Behinderung." (Buchner/König 2008, 32)

Demgegenüber stehen Entwicklungen vor allem in Großbritannien und den USA, die stark von WissenschafterInnen mit Behinderung aus der Selbstbestimmt Leben Bewegung geprägt waren. Diese übertrugen den politischen Slogan "Nichts über uns ohne uns!", mit dem gegen Fremdbestimmung und für Selbstbestimmung in der Behindertenhilfe aufgetreten wurde, auch auf Wissenschaft und Forschung zum Thema Behinderung. Wie u.a. Frauen, Afro-AmerikanerInnen oder homosexuelle Frauen und Männer kritisierten sie den traditionellen Wissenschaftsbetrieb und forderten neue, aktive Rollen für sich im Forschungsprozess: "Women, people of color, uneducated workers in developing countries and more recently people with disabilities, are asking to be included in the research process. They are not asking to be subjects of more research but to be partners in the discovery of patterns, meanings and solutions." (Doe 2000, 10)

2.0 Aktuelle Strömungen von Partizipation in der Forschung

In der rezenten englischsprachigen Fachliteratur finden sich verschiedene Konzepte und Modelle, die Partizipation von behinderten Frauen und Männern in der Forschung zum Ziel haben. Während VertreterInnen der briti-schen Disability Studies Emancipatory Research favorisieren und sich in Großbritannien mit Inclusive Research auch ein eigenes Konzept speziell für Forschung mit Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt, hat sich in den USA das Modell Participatory Action Research" durchgesetzt. Und obwohl im deutschen Sprachraum wie bereits beschrieben partizipatorische Tendenzen in der Forschung zum Thema Behinderung kaum zu finden sind, zeichnen sich diese in anderen Themenbereichen durchaus ab, z.B. unter dem Begriff transdisziplinäre Forschung. Aber auch auf EU Ebene wird partizipatorischen Forschungsansätzen neuerdings wachsende Aufmerksamkeit gewidmet.

2.1 Emancipatory Research

Emancipatory Research kann als die radikalste Variante von partizipatorischer Forschung bezeichnet werden. Sie entstand auf dem Hintergrund eines sozialen Modells von Behinderung, dem die Annahme zugrunde liegt, dass behinderte Menschen in allen Gesellschaftsbereichen unterdrückt werden. Daher sei, so die VertreterInnen dieses Paradigmas, in allen Bereichen und auf allen Ebenen, wo Unterdrückung stattfindet, die Emanzipation behinderter Frauen und Männer notwendig. "The emancipatory paradigm ... is about the facilitating of a politics of the possible by confronting social oppression at whatever levels it occurs." (Oliver zit. nach Oliver 1997, im Internet) Bei Emancipatory Research geht es zentral darum, dass Kontrolle, Macht und Entscheidungsgewalt in den Händen von Frauen und Männern mit Behinderung liegen, wie die folgenden fünf von Anne Chappell beschriebenen Merkmale deutlich machen:

"1. Research should be used as a tool for improving the lives of disabled people;

2. There should be greater opportunities for people with disabilities to be researchers;

3. Researchers must adopt a more reflexive stance regarding their work;

4. The democratic organizations of disabled people should act as commissioners and funders of research; and

5. Researchers should be accountable to the democratic organizations of disabled people."

(Chappel 2000, 38)

Für Oliver ist die entscheidende Frage nicht, wie Forschung bei behinderten Menschen Empowerment bewirken kann, sondern wie Forschung Menschen unterstützen kann, die sich zur Emanzipation entschlossen haben. "This does then mean that the social relations of research production have to be fundamentally changed; researchers have to learn how to put their knowledge and skills at the disposal of their research subjects, for them to use in whatever ways they choose." (Oliver zit. nach Oliver 1997, im Internet) Dieser Schluss impliziert eine radikale Veränderung der sozialen Verhältnisse und Beziehungen zwischen ForscherInnen und Beforschten, da die Kontrolle über die Forschung in die Hände der Beforschten gelegt wird. WissenschafterInnen ohne Behinderung fungieren in diesem Modell konsequenterweise als BeraterInnen, die Forschungsprojekte für und in Zusammenarbeit mit behinderten AuftraggeberInnen durchführen (vgl. Walmsley / Johnson 2003, 52f; Oliver 2003). Gleichzeitig verweist Oliver darauf, dass über die sozialen Verhältnisse hinaus auch die materiellen Verhältnisse und Bedingungen von Forschung in zwei Richtungen verändert werden müssen: einerseits müssten Förderstellen verstärkt emanzipatorische Forschung einfordern und unterstützen, andererseits muss die Kontrolle über materielle Ressourcen bei behinderten Menschen liegen (vgl. Oliver 1997). Der britische Autor ist sich des praktischen Dilemmas dieses radikalen Ansatzes bewusst, denn es müssten sich die bestehenden Verhältnisse in der Forschungslandschaft von Grund auf ändern, um die skizzierten Ansprüche an emanzipatorische Forschung zu erfüllen. Diese Argumentation erinnert an die Auseinandersetzung über Inklusion bzw. inklusive Schulen, die auch von einem grundlegend geänderten Bildungssystem ausgehen.

2.2 Participatory action research (PAR)

Das nationale Forschungsinstitut für Behinderung und Rehabilitation der USA (National Institute on Disability and Rehabilitation Research, NIDRR) formulierte folgende Definition von Participatory Action Research (PAR): "Participatory Action Research recognizes the need for persons being studied to participate in the design and conduct of all phases (e.g., design, execution, and dissemination) of the research that affects them. PAR is an approach or strategy for research, not a research methodology."

(Doe / Whyte 1995)

Theoretisch beziehen sich US-amerikanische AutorInnen vor allem auf Publikationen von William F. Whyte (1991), der partizipatorisch orientierte soziologische Untersuchungen mit dem Ziel der Organisationsentwicklung in Unternehmen durchführte. Der Schwerpunkt liegt hier immer auf Veränderung in Verbindung mit emanzipatorischen Entwicklungen. Es geht nicht nur darum, ein Thema zu untersuchen bzw. zu erforschen, sondern vor allem auch darum, das relevante soziale System zu verstehen und zu verändern. Menschen eines bestimmten sozialen Systems, so die Annahme, haben Wissen, um bestimmte Fragen zu beantworten, die dieses System betreffen. Wenn WissenschafterInnen nicht selbst Teil dieses sozialen Systems sind, fehlt ihnen dieses Wissen, und sie benötigen die Erfahrung bzw. die Expertise von RepräsentantInnen des Systems, um effektive Veränderungen hervorzurufen (vgl. Doe 2000). Dabei haben die Verwendung von Ergebnissen und die Entwicklung von Lösungsstrategien unter der Einbeziehung Betroffener einen zentralen Stellenwert. Die Rolle der beteiligten Frauen und Männer mit Behinderung geht daher weit über die Rolle herkömmlicher InformantInnen hinaus, wenn diese z.B. als InterviewpartnerInnen fungieren.

Wie bei Emancipatory Research ist es auch bei PAR eine Priorität, dass Forschungsfragen und -inhalte für Menschen mit Behinderung bedeutsam und sinnvoll sind sowie langfristig zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen bzw. ihrer Lebensqualität führen. Dieser Anspruch kann meines Erachtens nach nur unter konsequenter Einbeziehung von Frauen und Männern mit Behinderungserfahrung erfüllt werden, weil deren Perspektive sonst unzureichend berücksichtigt wird und bloß marginal Einfluss auf den Forschungsprozess hat.

Tanis Doe beschreibt folgende Charakteristika für PAR speziell in Bezug auf Forschung zum Thema Behinde-rung:

1. The problem originates in the community. D.h., Forschungsfragen orientieren sich nicht an den Vorgaben von Forschungsprogrammen oder der Neugier von WissenschafterInnen, sondern entwachsen den Erfahrungen, Sichtweisen und dem Problemverständnis von behinderten Männern und Frauen.

2. The ultimate goal of the research is fundamental change and the improvement of the lives of people with disabilities.

3. The research process must give power to participants. D.h., es muss sichergestellt sein, dass Frauen und Männer Kontrolle und Einfluss im Forschungsprozess haben. Sie dürfen keinesfalls nur eine Alibifunktion haben, um Entscheidungen der ForscherInnen abzusegnen. Konsequenterweise bedeutet dies auch, dass TeilnehmerInnen mit Behinderung für ihren Arbeitsaufwand finanzielle Entschädigungen erhalten.

3. Participants belong to an oppressed group. Im Sinne von Stakeholdern könnten TeilnehmerInnen viele Personengruppen repräsentieren. Charakteristisch für PAR ist jedoch, dass sie einer gesellschaftlich unterdrückten oder marginalisierten Gruppe angehören.

4. Consciousness, development of skills and increased resources should result. Der Forschungsprozess bringt für die beteiligten Frauen und Männer nicht nur einen Gewinn an Fertigkeiten und erweiterten Möglichkeiten, sondern führt auch zu einer verstärkten Reflexion der eigenen Situation.

5. Participants and researchers are both. D.h., ForscherInnen und TeilnehmerInnen lassen sich auf einen wechselseitigen und kooperativen Prozess ein, in dem z.B. behinderte Frauen und Männer an der Sammlung und Analyse und nicht-behinderte ForscherInnen an sozialen oder politischen Aktionen beteiligt sind.

6. Results are used by and benefit the participants. D.h. vor allem, dass Forschungsergebnisse in Formaten zur Verfügung gestellt werden, die für behinderte Personen zugänglich und brauchbar sind. (vgl. Doe 2000, 13f.)

Emancipatory Research und PAR deuten dieselbe Richtung an, im Detail zeigen sich allerdings Unterschiede. Der britische Ansatz ist radikaler und kompromissloser: Definitions- und Entscheidungsmacht, Kontrolle und Ressourcen müssen bei Menschen mit Behinderung sein, gegenüber WissenschafterInnen fungieren diese als AuftraggeberInnen. Emanzipation und Empowerment werden auf Seiten behinderter Menschen vorausgesetzt. Der US-amerikanische Ansatz stellt die kooperative Zusammenarbeit zwischen WissenschafterInnen und behinderten Frauen und Männern in den Vordergrund und versteht diese Kooperation als gemeinsamen Bildungsprozess, Emanzipation und Empowerment sind dabei mehr Ziel als Voraussetzung. PAR erscheint als der deutlich pragmatischere und unter den herrschenden Forschungsbedingungen eher realisierbare Ansatz im Vergleich zu Emancipatory Research.

2.3 Inclusive research

In Großbritannien hat sich der Begriff Inclusive Research speziell für die Partizipation von Frauen und Männern mit Lernschwierigkeiten etabliert. Jan Walmsley und Kelley Johnson definieren Inclusive research anhand folgender Punktation:

"1. The research problem must be one that is owned (not necessarily intitiated) by disabled people.

2. It should further the interests of disabled people; non-disabled researchers should be on the side of people with learning disabilities.

3. It should be collaborative - people with learning disabilities should be involved in the process of doing the research.

4. People with learning disabilities should be able to exert some control over process and outcomes.

5. The research question, process and reports must be accessible to people with learning disabilities." (Walmsley/Johnson 2003, 64)

Inclusive Research übernimmt Elemente von PAR ebenso wie von Emancipatory Research und versucht gleichzeitig die besonderen Voraussetzungen und Verhältnisse in der Forschung zum Thema Lernbehinderung zu berücksichtigen.

2.4 Weitere Bezüge: Handlungsforschung, Transdisziplinäre Forschung, EURAB Empfehlungen

Die beschriebenen, explizit aus der Forschung zum Thema Behinderung entstandenen Ansätze erinnern stark an die Handlungs- bzw. Aktionsforschung der 1970er und 1980er Jahre im deutschen Sprachraum. Ziel der Aktionsforschung war es, Theorie und Praxis in ein engeres Verhältnis zueinander zu bringen und vor allem das Wissen und die Interessen der Betroffenen mehr zu berücksichtigen. Personen, die der Wissenschaft bislang als Forschungsobjekte gedient hatten, sollten durch Aktionsforschung zu Subjekten in der Forschung über ihre eigene Praxis werden (vgl. z.B. Moser 1995). In einer postalischen Umfrage zum aktuellen Stand der Aktionsforschung, die Altrichter und Gstettner 1993 durchführten, waren nahezu alle InformantInnen der Meinung, dass dieses Konzept aus der deutschsprachigen sozialwissenschaftlichen Debatte verschwunden sei (vgl. Altrichter; Gstettner 1993, 67).

Mit Transdisziplinärer Forschung gewinnt aktuell ein Konzept an Bedeutung, das die Kooperation von WissenschafterInnen mit nichtwissenschaftlichen gesellschaftlichen AkteurInnen bzw. Stakeholdern im Forschungsprozess in den Mittelpunkt rückt. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Fragestellungen nur durch die Verknüp-fung von akademischen mit anderen Wissens- und Erkenntnisformen nachhaltig bearbeitet und erklärt werden können.

In dieselbe Richtung weist schließlich das European Research Advisory Board, das seit 2001 die Europäische Kommission bei der Gestaltung und Implementierung der europäischen Forschungs- und Technologiepolitik berät. In seinen Empfehlungen für Forschung und gesellschaftliches Engagement aus dem Jahr 2007 stellt EUR-AB fest: "Different ways of thinking between researchers and societal actors on similar situations should not be perceived as radical extremes, but rather as different approaches which could be complementary." (EURAB 2007, 3) Die Anerkennung und Weiterentwicklung partizipatorischer Forschung steht neuerdings also auch auf der Agenda europäischer Forschungspolitik.

3.0 Entgrenzende Konsequenzen

Tanis Doe stellt sehr nüchtern fest: "It will be harder to do your research, take longer, cost more money and be significantly more complicated when making even basic decisions. A commitment to PAR means breaking old barriers and establishing new relationships. This takes time, money and energy"; (Doe 2000, 54) Doch diese Mühe bewirkt, dass ich die anfangs gestellte Frage, ob die unterschiedlichen Ansprüche von WissenschafterInnen einerseits sowie behinderten Frauen und Männern andererseits durch partizipatorische Forschung näher zueinander bzw. sogar unter einen Hut gebracht werden können, mit "ja" beantworten möchte. Partizipatorische Forschung verändert nicht nur das Verhältnis bzw. die Beziehung zwischen ForscherInnen und Beforschten, sie wirkt sich auch auf den Forschungsprozess und dessen Ergebnisse aus. Wesentliches Element partizipatorischer Forschung ist, dass WissenschafterInnen nicht über sondern mit behinderten Menschen kommunizieren und arbeiten. WissenschafterInnen und TeilnehmerInnen mit Behinderung treffen einander im optimalen Fall auf einer Ebene, um sich auf ein konkretes Projekt einzulassen.

Für WissenschafterInnen stellt dies einen herausfordernden Balanceakt dar, in dem ihr bisheriges Selbstverständnis in Frage gestellt und neu definiert werden muss. Bislang für selbstverständlich angenommene Inhalte werden in Frage gestellt, ungewohnte Perspektiven tauchen auf, komplexe Inhalte müssen in allgemein verständlicher Sprache dargestellt werden. Das kann vor allem zu Beginn zu Verunsicherungen und Ängsten bei allen Beteiligten führen, und es braucht Zeit, Ausdauer und Engagement, um zu einem konstruktiven Miteinander zu gelangen.

Die Zusammenarbeit zwischen WissenschafterInnen und nicht-wissenschaftlichen TeilnehmerInnen erfordert neue, kreative und unvorhersehbare Bearbeitungs- und Zugangsweisen. Partizipatorisches Forschen erinnert mich in mancher Hinsicht an projektorientiertes Arbeiten, wie es in der integrativen Didaktik unter dem Begriff "Kooperation am gemeinsamen Gegenstand" von Georg Feuser (1989, im Internet) propagiert wurde. Möglich-erweise kann integrative Pädagogik für die Entwicklung partizipatorischer Forschungsmethoden eine interessan-te Quelle darstellen.

Partizipatorisch orientierte WissenschafterInnen müssen damit rechnen, dass ihr Vorgehen von außen möglicherweise als nicht wissenschaftlich kritisiert wird, dass es noch schwieriger ist, Forschungsmittel zu erhalten und Veröffentlichungen in Fachzeitschriften durchzusetzen.

Wie es bei Grenzüberschreitungen üblich ist, erfordert partizipatorisches Forschen vor allem auch Mut: Mut zum Ungewohnten, Mut zu Unsicherheit und Mut, Kritik von außen zu ertragen. Schließlich sind es in den meisten Fällen WissenschafterInnen, die AuftraggeberInnen gegenüber vertraglich verpflichtet sind und bestimmte Produkte zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Qualität abliefern müssen.

Wer sich als WissenschafterIn auf partizipatorische Forschungsprozesse einlässt, sieht sich in vielen Fällen mit unbekannten organisatorisch-praktischen bzw. alltagsbezogenen Hürden konfrontiert: TeilnehmerInnen benötigen z.B. Unterstützung, um einen Besprechungsort zu erreichen, oder es müssen ihnen Inhalte in leicht verständlicher Sprache erklärt werden oder BezieherInnen von Pensionen dürfen keine Aufwandsentschädigung für die Mitarbeit bei Forschungsprojekten erhalten. WissenschafterInnen ohne Behinderung lernen in partizipatorischen Forschungsprojekten viel über das Leben mit Behinderung. Schließlich basieren Forschungsergebnisse aus partizipatorischen Untersuchungen auf einer breiteren Basis, sie sind aufgrund unkonventioneller Herangehensweisen potentiell origineller, komplexer und wesentlich breiter verwendbar als Ergebnisse herkömmlicher Forschung, und WissenschafterInnen können sicher sein, dass ihre Forschung mehr Relevanz für behinderte Menschen hat.

4.0 Literatur

Altrichter, Herbert; Gstettner, Peter. Aktionsforschung - ein abgeschlossenes Kapitel in der

Geschichte der deutschen Sozialwissenschaft? Sozialwissenschaftliche Literatur-Rundschau 26, 67- 83, 1993.

Buchner, Tobias; König, Oliver. Methoden und eingenommene Blickwinkel in der sonder- und heilpädagogischen Forschung von 1996 - 2006 - eine Zeitschriftenanalyse. In: Heilpädagogische Forschung, Vol. 34/1, 15-34, 2008.

Chappel, Anne Louise. Emergence of participatory methodology in learning difficulty research: understanding the context. British Journal of Learning Disabilities, 28, 38-43, 2000.

Doe, Tanis. Participatory Action Research: A practical Workbook. Unveröffentlichte Textsammlung. Oakland: World Institute on Disability, 2000.

Doe, Tanis; Whyte, John. Participatory Action Research. Paper presented at theNational Institute on Disability Research Conference "Forging Collaborative Partnerships in the Study of Disability" in Washington, D.C., 1995.

Duden Verlag. Das Bedeutungswörterbuch. Mannheim: Duden Verlag, 2002.

Duden Verlag. Das Fremdwörterbuch. Mannheim: Duden Verlag, 2005 (8. überarb. Auflage).

EURAB (European Research Advisory Board). Research and Societal Engagement. Final Report, 2007. Im Internet: http://ec.europa.eu/research/eurab/index_en.html Stand: 29. 5. 2008

Feuser, Georg. Allgemeine integrative Pädagogik und entwicklungslogische Didaktik. In: Behindertenpädagogik, 1/1989, 4-48. Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/feuser-didaktik.html (28.12.06)

Flieger, Petra. Der partizipatorische Forschungsansatz des Projekts "Das Bildnis eines behinderten Mannes". Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, 5/2005, 42 - 49.

Flieger, Petra; Schönwiese, Volker. Das Bildnis eines behinderten Mannes. Bildkultur der Behinderung vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Wissenschaftlicher Sammelband. Neu-Ulm: AG-Spak Bücher, 2007.

Foucault, Michel. Dits et Ecrits. Schriften. Zweiter Band. Frankfurt / Main: Suhrkamp, 2002.

Foucault, Michel. Gespräch mit Michel Foucault. In: Foucault, Michel. Analytik der Macht. Frankfurt/Main: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 83 - 107, 2005a.

Foucault, Michel. Subjekt und Macht. In: Foucault, Michel. Analytik der Macht. Frankfurt: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 240 - 263, 2005b.

Mitchel, David T. (o.J.). Institutionalising Disability Studies: Research Methodologies and the Quandary of the Over-Analysed Populations. Im Internet: http://www.nda.ie/cntmgmtnew.nsf/0/87418679FAE58B0E80256F02004753E9/$File/Plen3.htm#n1 (Stand: 26.4.2006)

Moser, Heinz. Grundlagen der Praxisforschung. Freiburg im Breisgau: Lambertus, 1995.

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Oliver, Mike. Emancipatory Research: A vehicle for social transformation or policy development. Paper presented at the 1st annual Disability Research Seminar. Dublin: 2002. Im Internet: http://www.nda.ie/cntmgmtnew.nsf/0/87418679FAE58B0E80256F02004753E9?OpenDocument (Stand: 14. 2. 2008)

Seyden, Nancy, Abresch, Ted. Participatory Action Research from the Health Sciences Perspective. Paper presented at the National Institute on Disability Research Conference "Forging Collaborative Partnerships in the Study of Disability" in Washington, D.C., 1995.

Whyte, William F. Participatory Action Research. Newbury Park, Ca: Sage Publications, 1991.

Quelle:

Petra Flieger: Partizipatorische Forschung. Wege zur Entgrenzung der Rollen von ForscherInnen und Beforschten

In: Jerg, Jo; Merz-Atalik, Kerstin; Thümmler, Ramona; Tiemann, Heike (Hg.). Perspektiven auf Entgrenzung. Erfahrungen und Entwicklungsprozesse im Kontext von Inklusion und Integration. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 159 - 171.

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Stand: 22.11.2012

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