Universal Design im Kontext von Hochschule und Hochschulbildung

AutorIn: Björn Fisseler
Themenbereiche: Schule, Arbeitswelt
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Die Erstveröffentlichung dieses Artikels erfolgte unter www.reha-recht.deals Fachbeitrag D11-2015: https://www.reha-recht.de/fachbeitraege/beitrag/artikel/beitrag-d11-2015/
Copyright: © Björn Fisseler 2015

Universal Design im Kontext von Hochschule und Hochschulbildung

von Dr. Björn Fisseler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrgebiet Sozialpsychologie des Instituts für Psychologie, FernUniversität in Hagen

I. Thesen des Autors

  1. Universal Design (Universelles Design, kurz UD) hat sich zu einem Konzept weiterentwickelt, mit dem im Bildungsbereich (Schule, Hochschule, aber auch berufliche Bildung) die zunehmende Diversität der Lernenden besser berücksichtigt werden kann.

  2. Diese Entwicklungen werden in der Bundesrepublik Deutschland bislang kaum wahrgenommen. Dabei bietet Universal Design gerade Hochschulen die Möglichkeit, mehr Inklusion und Teilhabe von Studierenden mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erreichen.

II. Eine kurze Geschichte des Universal Design

Das Konzept des Universal Design kommt aus den USA und ist historisch mit den dortigen politischen Entwicklungen verflochten. Die Behindertenrechtsbewegung in den 1970er Jahren hat zu verschiedenen gesetzgeberischen Maßnahmen geführt, um die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung zu unterbinden und ihnen den Zugang zu Bildung und die Teilhabe an der Gesellschaft zu erleichtern[1] . Dazu gehören gesetzliche Regelungen zur Gestaltung von Gebäuden, der baulichen Infrastruktur, des Verkehrs und Transports sowie der Telekommunikation. Besonders für das Bauen entstanden zahlreiche Standards und Gesetze, die sich zum Teil widersprachen und für unterschiedliche Bereiche galten. Insbesondere die unterschiedlichen Gesetze zur baulichen Infrastruktur (in den USA) waren inkonsistent und Belange der Barrierefreiheit wurden meist erst nach Abschluss des Entwurfsprozesses berücksichtigt, was häufig wenig attraktive Nachrüstlösungen zur Folge hatte. Beispielsweise wurden Rampen häufig erst nachträglich zum Entwurf hinzugefügt, damit auch Menschen mit motorischen Einschränkungen ein Gebäude betreten konnten.

Als Reaktion auf diese Entwicklungen suchten Architekten und Produktdesigner nach Möglichkeiten, Gebäude, bauliche Infrastruktur und Gegenstände des täglichen Gebrauchs so zu gestalten, dass sie für möglichst alle Menschen gleichermaßen nutzbar sind. Erstmals angedacht im Jahr 1977 vom Architekten Michael Bednar, wurde der Begriff Universal Design 1978 von Ron Mace am „Center for Universal Design“ (Zentrum für Universelles Design) der North Carolina State University geprägt.[2] Hinter Universal Design steht die Idee, den starren gesetzlichen Regelungen mehr Gestaltungsspielraum für die Architekten und Produktdesigner entgegenzustellen und Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen als Teil der Gesellschaft zu betrachten, nicht als Gruppe mit Bedarf an Sonderlösungen. Daher ist Universal Design ein integrativer Ansatz, der die Bedarfe möglichst vieler Menschen berücksichtigt statt individuelle Lösungen zu fordern. Ein Produkt oder ein Gebäude gemäß den Prinzipien des Universal Designs zu gestalten bedeutet immer auch Inklusion, soziale Integration und das Mitdenken von Heterogenität und Diversität. Im April 1995 wurde schließlich ein erster Entwurf der Prinzipien des Universal Designs am „Center for Universal Design“ der North Carolina State University (NCSU) entwickelt und veröffentlicht. Die bis heute gültige Fassung wurde im April 1997 vorgestellt und umfasst sieben Prinzipien, die jeweils durch vier bis fünf Richtlinien genauer spezifiziert werden[3] :

  • Prinzip 1: Breite Nutzbarkeit.

  • Prinzip 2: Flexibilität in der Benutzung.

  • Prinzip 3: Einfache und intuitive Benutzung.

  • Prinzip 4: Sensorisch wahrnehmbare Informationen.

  • Prinzip 5: Fehlertoleranz.

  • Prinzip 6: Niedriger körperlicher Aufwand.

  • Prinzip 7: Größe und Platz für Zugang und Benutzung.



[1] Ostroff, Elaine (2011): Universal Design: An Evolving Paradigm. In: Smith, Korydon H; Preiser, Wolfgang F. E (Hrsg.) Universal Design Handbook. New York: McGraw-Hill, S. 1.1–1.7.

[2] Ebd.

[3] Story, Molly Follette (2001): Principles of Universal Design. In: Preiser, Wolfgang F. E.; Ostroff, Elaine (Hrsg.) Universal Design Handbook. New York, NY: McGraw-Hill, S. 10.3–10.19.

III. Universal Design im Bildungsbereich

Obwohl es ursprünglich aus dem Produktdesign und der Architektur kommt, finden sich mittlerweile zahlreiche Ansätze des Universal Design auch im Bildungsbereich. Dabei wurden aber nicht einfach die sieben Prinzipien des Universal Design übernommen, sondern verschiedene Varianten entwickelt, die sich zwar alle auf das Ursprungskonzept berufen, dieses aber verschieden umsetzen. Als Konzepte finden sich[4]:

  • Universal Design for Instruction

  • Universal Instructional Design

  • Universal Design for Learning

  • Universal Design in Education

  • Universal Course Design

  • Universal Design University

Die Unterschiede sieht Sheryl Burgstahler darin, wie diese Konzepte mit den Prinzipien des Universal Designs umgehen.[5]

  • Die sieben Prinzipien des Universal Design werden übernommen und auf den Bildungsbereich angewendet. Ein Beispiel dafür ist Universal Design in Education.

  • Die sieben Prinzipien werden abgeändert und erweitert. Dieses Vorgehen findet sich exemplarisch im Konzept des Universal Design for Instruction.

  • Es werden neue Prinzipien entwickelt und an den Bildungsbereich angepasst. Das populärste Beispiel dafür ist der Ansatz des Universal Design for Learning, auf den später noch detaillierter eingegangen wird.



[4] Der Reihe nach: Scott, Sally S.; McGuire, Joan M.; Foley, Teresa E. (2003): Universal Design for Instruction: A Framework for Anticipating and Responding to disability and Other Diverse Learning Needs in the College Classroom. In: Equity & Excellence in Education. 36 (1), S. 40–49; Silver, Patricia; Bourke, Andrew; Strehorn, K. C. (1998): Universal Instructional Design in Higher Education: An Approach for Inclusion. In: Equity & Excellence in Education. 31 (2), S. 47–51; Rose, David; Meyer, Anne (2002): Teaching Every Student in the Digital Age: Universal Design for Learning. Alexandria, VA: Association for Supervision and Curriculum Development; Bowe, Frank (2000): Universal Design in Education. Teaching Nontraditional Students. Westport, CT: Bergin & Garvey; Behling, Kirsten; Hart, Debra (2008): Universal Course Design: A Model for Professional Development. In: Burgstahler, Sheryl; Cory, Rebecca C. (Hrsg.) Universal Design in Higher Education: From Principles to Practice. Cambridge, MA: Harvard Education Press, S. 109–126; Powell, Justin J. W. (2012): From Ableism to Accessibility in the Universal Design University. In: Review of Disability Studies: An International Journal. 8 (4), S. 29–41.

[5] Burgstahler, Sheryl (2008): Universal Design of Instruction: From Principles to Practice. In: Universal Design in Higher Education. Cambridge, MA: Harvard Education Press, S. 23–44.

IV. Beispiel: Universal Design for Learning

Auch Universal Design for Learning (UDL) geht zurück auf die Idee des Universal Design. In den 1990er Jahren wurden in einem Projekt am Center for Applied Special Technology (Zentrum für angewandte spezielle Technologien, CAST) versucht Bücher für den Unterricht von Schülerinnen und Schüler mit Behinderung zugänglich zu gestalten.[6] Dabei erkannten Rose und Meyer, dass es nicht die Beeinträchtigungen der Lernenden war, welche die Teilhabe am Unterricht negativ beeinflusste. Vielmehr entstanden Barrieren erst in der Interaktion der Lernenden mit den Unterrichtsmaterialien und -methoden. Daher ist es das Ziel des Universal Design for Learning, Barrieren zu identifizieren und auszuräumen, die durch Lehrmethoden, Materialien und Curriculum[7] entstehen.

Universal Design for Learning ist aber mehr als nur Zugang zu Informationen zu ermöglichen, die aufgrund der individuellen Unterschiede der Lernenden hinsichtlich Beeinträchtigung, Muttersprache oder sozialer Herkunft nicht zugänglich wären. Es geht um Zugang zum Lernen, um die Teilhabe an Lernaktivitäten und Motivation sowie Ansprache der Lernenden.

Wissenschaftliche Grundlage des Universal Design for Learning ist die Erkenntnis der Neurowissenschaften, dass das Gehirn über drei Netzwerke verfügt, die für das Lernen eine wichtige Rolle spielen[8]: (1) das Wahrnehmungsnetzwerk, das dem Erkennen von Mustern und Informationen dient; (2) das strategische Netzwerk, welches die Handlungsstrategien steuert; und (3) das affektive Netzwerk, das die Emotionen und Gefühle beim Lernen steuert. Jedes dieser Netzwerke ist individuell unterschiedlich ausgeprägt und trägt dadurch zur Diversität der Lernenden bei. Daher sollten die Lernangebote flexibel gestaltet werden, damit möglichst alle Lernenden erfolgreich daran teilhaben können. Um das zu erreichen, wurden drei eigene Prinzipien mit ergänzenden Richtlinien entwickelt[9]:

  1. Stellen Sie unterschiedliche Darstellungen bereit, um Lernen durch Wahrnehmen und Erkennen zu unterstützen.

  2. Stellen Sie vielfältige Möglichkeiten der Wahrnehmung bereit.

  3. Stellen Sie Varianten für Sprache, mathematische Ausdrücke und Symbole bereit.

  4. Stellen Sie Varianten zur Förderung des Verständnisses bereit.

  5. Ermöglichen Sie verschiedene Formen des Ausdrucks und der Handlung, um strategisches Lernen zu unterstützen.

  6. Stellen Sie Varianten für körperlich-motorische Aktivitäten bereit.

  7. Stellen Sie Varianten für Äußerungen und Kommunikation bereit.

  8. Stellen Sie Varianten für Exekutive Funktionen bereit.

  9. Bieten Sie verschiedene Arten der Beteiligung und der Motivation, um das affektive Lernen zu unterstützen.

  10. Bieten Sie Varianten zur Interessensgewinnung.

  11. Bieten Sie Anreize für anhaltende Anstrengung und Ausdauer beim Lernen.

  12. Fördern Sie die Selbstregulation.

Da es keine festen Vorgaben dafür gibt, finden sich in der Literatur sowie auf einschlägigen Webseiten zahlreiche Beispiele und Vorschläge, wie einzelne Prinzipien und Richtlinien implementiert werden können. Insbesondere für den Hochschulbereich finden sich zahlreiche Vorschläge und Beispiele auf der Webseite „UDL On Campus[10].



[6] Rose, David; Meyer, Anne (2002): Teaching Every Student in the Digital Age: Universal Design for Learning. Alexandria, VA: Association for Supervision and Curriculum Development.

[7] Curriculum beschreibt einen Lehrplan, der auf einer Theorie des Lehrens und Lernens aufbaut.

[8] Rose, David; Meyer, Anne (2002): Teaching Every Student in the Digital Age: Universal Design for Learning. Alexandria, VA: Association for Supervision and Curriculum Development.

[9] Center for Applied Special Technology (2011): Universal Design for Learning (UDL) Guidelines. URL: http://www.udlcenter.org/aboutudl/udlguidelines.

V. Rechtliche Verankerung in den USA

In den USA – welche die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) übrigens nur unterschrieben, nicht aber ratifiziert haben – ist Universal Design in einer Reihe von Bundesgesetzen verankert.

Individuals with Disabilities Education Improvement Act of 2004 (IDEIA)

[11]Dieses Bundesgesetz regelt die Ansprüche von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und bezieht sich auf die schulische Ausbildung. An mehreren Stellen wird ausdrücklich auf die Verwendung der Prinzipien des Universal Design verwiesen.

Higher Education Opportunity Act (HEOA)

[12]In diesem Bundesgesetz wurde nicht nur das Konzept des Universal Design aufgenommen, sondern auch Universal Design for Learning und an mehreren Stellen verpflichtend gemacht.



[11] Sinngemäß: Gesetz zur Verbesserung der Bildung von Menschen mit Behinderung.

[12] Sinngemäß: Hochschulrahmengesetz.

VI. Beispiele aus dem Hochschulbereich in den USA

Das ACCESS[13] Projekt der Colorado State University (2011) hatte zum Ziel, interessierte Lehrende über Universal Design for Learning zu informieren und vor allem Lehrende von großen Einführungsveranstaltungen bei der Implementierung zu unterstützen. Im Rahmen des Projekts ist ein Informationsportal entstanden, in dem sich Lehrende selbstständig über Universal Design for Learning sowie viele praktische Tipps für eine barriereärmere Lehre informieren können.

Mit dem EnACT Projekt von sieben Hochschulen der California State University (2014) sollten Erfahrungen gesammelt werden, wie Lehrende bei der Implementierung von Universal Design for Learning unterstützt werden können. Geblieben ist auch hier ein umfangreiches Informationsportal, in dem sich Lehrende sowohl über Barrierefreiheit als auch über Universal Design for Learning informieren können. Ein weiteres wichtiges Projektergebnis sind auch die beiden detailliert ausgearbeiteten Weiterbildungen, deren Materialien kostenlos bereitstehen.

Weitere Hochschulprojekte in den USA finden sich u. a. an der University of Vermont (2015) und der San José State University (2014). Auch hier liegt der Fokus auf Information und Weiterbildung der Lehrenden. Allerdings ist es schwierig, Informationen zum Erfolg und zur Evaluation dieser Initiativen zu finden.



[13] Der englische Begriff „access“ wird im deutschen übersetzt mit Zugang.

VII. Beispiel einer Hochschule in Kanada

Das Office for Students with Disabilities (OSD, Büro für Studierende mit Behinderung) der kanadischen McGill University in Montreal unterstützt die Lehrenden der Hochschule dabei, Universal Design for Learning bei der Gestaltung und Durchführung von Lehrangeboten zu nutzen (Office for Students with Disabilities – McGill University, 2015). Dazu finden sich auf der Webseite des OSD zahlreiche Informationen, mit denen sich die Lehrenden selber über Universal Design for Learning informieren können. Weiter bietet das OSD individuelle Beratung von Lehrenden sowie Workshops zu Universal Design for Learning an. Zudem untersucht das OSD der McGill University zusammen mit vier weiteren kanadischen Hochschulen in einem Forschungsprojekt, wie Lehrende am besten bei der Umsetzung einer zugänglichen Hochschullehre unterstützt werden können.

VIII. Zusammenfassung

Die Ausführungen und Beispiele zeigen, dass Universal Design zu mehr Inklusion und Teilhabe an Hochschulen beitragen kann. Gängige Ansätze wie Nachteilsausgleiche und angemessene Vorkehrungen sind wichtig, um individuelle Bedarfe zu berücksichtigen. Sie können aber an Kapazitätsgrenzen stoßen, wenn für zunehmende Bedarfe keine finanziellen und personellen Ressourcen bereitstehen. Zudem nehmen nicht alle Studierenden mit gesundheitlicher Beeinträchtigung Nachteilsausgleiche in Anspruch, weil sie ihre Rechte nicht kennen oder ihre Beeinträchtigung nicht der Institution Hochschule offenlegen möchten.

Mit dem Konzept des Universal Design können Lehrende bereits bei der Planung einer Vorlesung, eines Seminars oder eines kompletten Studienmoduls proaktiv dafür sorgen, dass potentielle Barrieren erkannt und beseitigt werden. Es ergänzt damit andere Konzepte für gute Lehre. Sheryl Burgstahler formuliert dies so: „„[…] universally designed instruction is not necessarily good instruction, but […] all good instruction is universally designed“.[14]

Quelle

Björn Fisseler: Universal Design im Kontext von Hochschule und Hochschulbildung von Dr. Björn Fisseler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrgebiet Sozialpsychologie des Instituts für Psychologie, FernUniversität in Hagen. Die Erstveröffentlichung dieses Artikels erfolgte unter www.reha-recht.de als Fachbeitrag D11-2015: https://www.reha-recht.de/fachbeitraege/beitrag/artikel/beitrag-d11-2015/

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 09.10.2019



[14] Burgstahler, Sheryl (2008): Universal Design of Instruction: From Principles to Practice. In: Universal Design in Higher Education. Cambridge, MA: Harvard Education Press, S. 23–44.

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