Behinderte Liebe

Wie l(i)ebe ich als behinderte Frau/behinderter Mann in dieser Gesellschaft?

AutorIn: Karl Finke
Themenbereiche: Sexualität
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Herausgegeben vom Behindertenbeauftragten des Landes Niedersachsen, Schriftenreihe Band 17
Copyright: © Karl Finke (Behindertenbeauftragter des Landes Niedersachsen)1996

Vorwort

Karl Finke Behindertenbeauftragter des Landes Niedersachsen

Menschen mit Behinderungen stoßen schnell an Grenzen, wenn sie versuchen, ihre Bedürfnisse nach Liebe und Sexualität zu verwirklichen. Das herrschende Diktat von Jugendlichkeit, Attraktivität und Unversehrtheit verweist sie an den Rand der Gesellschaft. Aber auch wir Behinderte selbst sind in unseren Wünschen, Bedürfnissen und Phantasien geprägt durch unsere nicht-behinderte Umwelt. Das Symposium "Behinderte Liebe", das im vergangenen Jahr unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Gerhard Schröder in Hannover veranstaltet wurde, sollte sowohl auf Seiten der behinderten als auch auf Seiten der nichtbehinderten Menschen den Ursachen verhinderter Liebe nachspüren. Wir haben keine Patentrezepte gefunden, mit deren Hilfe Menschen mit Behinderungen ihr Recht auf Liebe und Sexualität realisieren könnten. Wir sind jedoch auf Hürden gestoßen, die sich abbauen ließen: Solange Menschen mit Behinderungen aufgrund von baulichen Barrieren keinen Zugang zu solchen Orten haben, an denen sich Menschen begegnen und kennenlernen; solange einer großen Zahl von Behinderten der Zugang zum Arbeitsleben versperrt ist, in dem Menschen häufig auch Kontakte zu zukünftigen PartnerInnen knüpfen; solange in Heimen nicht genügend Doppelzimmer zur Verfügung stehen oder gar eine überholte Sexualmoral herrscht; solange also Menschen mit Behinderungen die gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erschwert oder unmöglich gemacht wird, solange können sich gleichberechtigte Partnerschaften zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen nur schwer entwickeln. Dinah Radtke umschrieb das Problem in ihrem Referat sehr treffend: "Das Thema Behinderte Liebe bedeutet für mich auch viel verhinderte Liebe!"

Unsere Veranstaltung hat gezeigt, daß auch Menschen mit Behinderungen die unterschiedlichsten Lebens- und Beziehungsmodelle leben und leben wollen. Neben dem hohen Anteil von alleinlebenden Behinderten sind wohlgeordnete Kleinfamilien ebenso anzutreffen wie schwule und lesbische Beziehungen. Wir Menschen mit Behinderungen sind in bezug auf unsere Vorstellungen von Liebe, Sexualität und Partnerschaft ebenso vielfältig wie unsere nichtbehinderten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Von dieser Erkenntnis war "Behinderte Liebe" getragen.

Mit der Dokumentation über die Tagung "Behinderte Liebe" soll dieser Gedanke weitergetragen und zur Auseinandersetzung angeregt werden.

Grußwort

Birgit Gantz-Rathmann, Staatssekretärin im Niedersächsischen Sozialministerium

Ministerpräsident Gerhard Schröder, der die Schirmherrschaft für Ihr Treffen übernommen hat, hat mich gebeten, Sie ganz herzlich zu grüßen und der Veranstaltung einen guten Verlauf zu wünschen.

Ich freue mich, daß Sie so zahlreich gekommen sind, um über Liebe, Partnerschaft und Sexualität zu diskutieren. Es ist gut, daß Sie in öffentlicher Veranstaltung Stellung beziehen gegen die von vielen Medien propagierte Norm der makellosen Körper. Dabei ist ja nicht das eine oder das andere die ausschließlich erstrebenswerte Lösung, sondern wir alle müssen uns in unserem Sosein akzeptieren lernen, ohne daraus Rangfolgen abzuleiten.

Artikel 1 unseres Grundgesetzes sagt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."

Die Würde des Menschen drückt sich nicht durch einen makellosen Körper aus, was auch immer das sein mag. "Würde" drückt sich aus durch gegenseitigen Respekt, Achtung, Anerkennung auf einer persönlichen Ebene. Das Land Niedersachsen kann hierzu im Bereich der Erziehung und Bildung Einfluß auf die Bürger nehmen und durch unterschiedliche Maßnahmen, wie z. B. integrative Erziehung, ein vertieftes Verständnis für die Belange von Menschen mit Behinderungen fördern.

"Würde" gibt man einem Menschen auch, wenn man ihn teilhaben läßt an der gesellschaftlichen Arbeit und ihn nicht durch Arbeitslosigkeit ausgrenzt. Niedersachsen wird daher weiter verstärkt Anstrengungen unterehmen, um die hohe Zahl der Arbeitslosen, und hier insbesondere die der schwerbehinderten Arbeitslosen, deutlich zu verringern. "Würde" gibt man schließlich auch, wenn Menschen ein Dach über dem Kopf haben. Wohnen ist für viele Menschen mit Behinderungen durch Wohnstätten und Langzeiteinrichtungen sichergestellt. Dabei sollen nicht nur die Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken oder Schlafen befriedigt werden, sondern jeder einzelne Mensch soll ein Gefühl für ein "Zuhause" entwickeln. Das gelingt um so einfacher, wenn Privatsphäre und Gruppenöffentlichkeit in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Privatheit und Intimität erlangt man in seinen eigenen vier Wänden.

Diese eigentlich nicht neue Erkenntnis führte dazu, daß nach Amtsantritt von Sozialminister Walter Hiller in neuen Wohnstätten nur noch Einzelzimmer gebaut werden. Der großen Zahl derjenigen, die noch in Doppel- oder gar Mehrbettzimmern wohnen müssen und dieses aber nicht wollen, ist damit noch nicht geholfen. Ich appelliere daher an die Einrichtungen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sich gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern Gedanken über Lösungen zu machen, ohne daß diese sofort und unmittelbar mit finanziellen Folgen verbunden sein müssen.

Wenn ein gewisser Grad an Privatheit in den Einrichtungen erreicht wird, gibt man den dort lebenden Menschen Würde zurück. Freundschaften, Partnerschaften, gemeinsames Leben sind dann nicht mehr ersehnte Ideale, sondern alltäglich erlebte Praxis.

Ich hoffe, daß diese Veranstaltung allen hilfreich sein wird. Ich wünsche mir, daß diejenigen, die nicht anwesend sein können oder wollen, auch Impulse für eine zukünftig verbesserte Arbeit erhalten.

"Behinderte Liebe" - wie l(i)ebe ich als behinderte Frau/ behinderter Mann in dieser Gesellschaft?"

Karl Finke, Behindertenbeauftragter des Landes Niedersachsen

Für mich als Behindertenbeauftragter des Landes Niedersachsen gab es zwei wesentliche Impulse zur Ausrichtung dieser Veranstaltung: Zum einen gehört zur gleichberechtigten Teilhabe Behinderter am gesellschaftlichen Leben eben nicht nur Gleichstellung im Grundgesetz, angemessene Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten, barrierefreier Zugang zu allen öffentlichen Gebäuden, sondern auch die Verwirklichung eigener Bedürfnisse nach Liebe und Sexualität. Die Behindertenbewegung beschäftigte sich in den vergangenen Jahren vorrangig mit erstgenannten Problemen. Über "Behinderte Liebe" wurde wenn überhaupt - eher im privaten Bereich gesprochen. Die Sprachlosigkeit, die mit diesem Thema verbunden ist, ist wegen der Sensibilität des Themas, die sowohl für behinderte als auch für nichtbehinderte Menschen vorhanden ist, auch verständlich.

Der Behindertenbeauftragte und der Schwulenreferent des Sozialministeriums holen mit diesem Symposium gemeinsam "Behinderte Liebe" in die Öffentlichkeit. Wir brechen damit ein Tabu, getreu dem Motto der 68er-Bewegung: Alles Private ist politisch. In diesem Sinne denke ich, ist es gut, daß wir heute öffentlich über unsere Wünsche, Bedürfnisse, Ängste und Probleme sprechen. Denn wir treffen auf eine nichtbehinderte Welt, von deren gesellschaftlich gesetzten Normen in bezug auf Schönheit, Makellosigkeit und Begehren wir selbst geprägt sind.

Der zweite Impuls kam aus einer ganz anderen Richtung: Wie Sie wissen, gibt es wieder eine Diskussion über lebenswertes und lebensunwertes Leben. Angestoßen durch Peter Singer setzt sie sich zum Beispiel in der Bioethik-Debatte fort. Mit der Sexualität ist oft auch die Frage nach Elternschaft Behinderter verbunden. Ich stelle fest, daß der Druck auf behinderte Frauen zur Abtreibung und Sterilisation wächst. Medizinische Allmachtsphantasien vom glücklichen, leidensfreien, nichtbehinderten Menschen sollen mit Nachdruck in unseren Köpfen verankert werden. Wer Menschen mit Behinderungen als medizinische Versuchskaninchen freigeben möchte, wer mit den zur Verfügung stehenden künstlichen Befruchtungsmethoden behindertes Leben im Keim ersticken will, untergräbt die Menschenwürde und schafft ein Klima der Geringschätzung Behinderter. Wir Menschen mit Behinderungen werden auf unsere Behinderung reduziert, werden als Mangelwesen betrachtet. Dem setze ich ein Bild des behinderten Menschen entgegen, das so vielfältig und bunt ist, wie das Bild vom nichtbehinderten Menschen.

Es ist normal, verschieden zu sein.

Dieses Motto könnte auch über unserer heutigen Tagung stehen. Wir sind verschieden in unseren sexuellen Bedürfnissen, wir sind verschieden in unseren Ansprüchen und Wünschen an Partnerschaft und Beziehungen, aber wir sind mit unseren Bedürfnissen und Wünschen Teil der Gesamtgesellschaft und fordern die Möglichkeit zur gleichberechtigten Teilhabe gerade in diesem Lebensbereich ein. Ich hoffe, unsere Veranstaltung wird in diesem Sinne als Signal verstanden.

Selbstbewußtsein der Behinderten stärken!

Hans Hengelein, Schwulenreferent im Niedersächsischen Sozialministerium

Als wir uns Gedanken über das Konzept zu "Behinderte Liebe" gemacht haben, war von vornherein klar, daß die verschiedenen sexuellen Orientierungen und Vorlieben, die verschiedenen Bedürfnisse und unterschiedlichen Partnerschaftsmodelle Berücksichtigung finden sollten.

Dies hat sowohl in der Presse als auch bei einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern Irritationen oder doch wenigstens Nachdenken ausgelöst. Und ich denke, dies ist auch gut so. Als ich vor etwa 16 Jahren den Film "Behinderte Liebe" in Nürnberg das erste Mal sah, war ich genauso sprachlos, irritiert und gleichzeitig erschüttert, denn das Bedürfnis nach Nähe, Liebe, Sexualität, die Auseinandersetzung mit den eigenen Phantasien und Wünschen, die Normensetzung durch die nichtbehinderte Welt, spielen für jeden Behinderten und jede Behinderte, egal ob er oder sie heterosexuell, schwul, lesbisch oder bisexuell empfindet, eine gleich wichtige Rolle.

Nur, und jetzt kommen die entscheidenden Unterschiede, diejenigen von uns, die schwul oder lesbisch sind, leben, wenn sie Partner oder Partnerinnen haben wollen, Liebschaften suchen, in einer ganz anderen Welt. Diejenigen von uns, die sich in der Behindertenbewegung engagierten, haben sich irgendwann einmal für die schwule bzw. lesbische Welt entschieden. Auch die Welt der Behinderten kennt Normensetzungen, und eine davon ist Heterosexualität. Für die Grenzgänger zwischen diesen Welten bieten wir zwei Veranstaltungen, eine für behinderte schwule Männer und eine für behinderte lesbische Frauen.

Minderheiten innerhalb einer Minderheit werden in der Bundesrepublik oder auch hier in Niedersachsen erst zaghaft sichtbar, beginnen erst jetzt ihre Rechte einzuklagen. Deshalb geht es im Rahmen dieser Veranstaltung darum, einen ersten Erfahrungsaustausch anzubieten; ein Zeichen zu setzen, so daß Schwule mit einer Behinderung ihr eigenes Netzwerk gegen Vereinzelung aufbauen können.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar." Auf diesen Aspekt hat schon Frau Gantz-Rathmann hingewiesen. Das heißt aus der Sicht des Landes Niedersachsen auch, Emanzipationsprozesse zu fördern, die dazu beitragen können, das Selbstbewußtsein vieler Behinderter zu stärken, für sich neue Impulse mit nach Hause zu nehmen, Rechte einzuklagen, Zivilcourage zu zeigen.

Im Nachmittagsworkshop "Ganz Mann sein nur mit Männern" geht es erst einmal darum, sich kennenzulernen, denjenigen, die zum ersten Mal auf andere schwule Behinderte treffen, Zeit zu einem ersten Erfahrungsaustausch zu geben. Wichtig ist dabei, daß sich in dieser Arbeitsgruppe niemand erklären oder rechtfertigen muß, sondern Probleme angesprochen werden können, um dann gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten - trotz der Kürze der Zeit - zu suchen. Darüber hinaus ist es natürlich wichtig, sich auf der Veranstaltung wohlzufühlen.

Schöne Lage im Abseits statt Perspektiven zum Leben

Ernst Klee, Frankfurt

Ein schlimmer Streit

Zwei Idioten stritten sich.

"Du bist ja normal", sagte der erste.

"Du bist selber normal", erwiderte der zweite.

"Du bist sehr normal", schrie der erste.

"Du bist total normal", der zweite.

"Du bist irrsinnig normal", der erste.

"Du bist schaurig normal", der zweite.

"Du bist ganz und gar normal", wiederum der erste.

Da wußte sich der zweite nicht mehr zu hatten:

"Du bist NORMAL normal", sagte er.

Einen so schlimmen streit wie diesen hatte es im freakland noch nie gegeben.

(Ursula Eggli: Freak-Geschichten)

In dem Buch "Franz Arndt, der Krüppelpfarrer von Volmarstein", 1928 im Westdeutschen Lutherverlag erschienen, steht zu lesen, es sei schwierig gewesen, das Krüppelheim oben auf dem Berg zu bauen. Dennoch habe Arndt es nie bereut, "den armen Krüppeln, denen ohnehin so manches Schöne unerreichbar ist, den Ausblick von der Höhe in die herrliche Landschaft ermöglicht zu haben." Schöne Lage im Abseits statt Perspektiven zum Leben, diese Behinderten-Philosophie gibt es bis heute. Auf Kongressen wird von den Professionellen viel über Behinderte geredet, doch wer lebt schon gleichberechtigt mit ihnen, ohne das fürchterliche Gefälle vom Betreuer zum Betreuten? Daß wir einen Menschen einfach mal in den Arm nehmen können, ihn streicheln können, zärtlich sein können, haben diese Fachleute nie gelernt. Behinderte haben es allerdings schwer, zu sich und zu ihrem Körper ein positives Verhältnis zu finden. Sie haben in der Regel z. B. Nacktheit nicht als Lust, sondern als Entblößung erlebt. Das hat eine lange, lange Tradition. In dem Buch "Idiotophilus. Systematisches Lehrbuch der Idioten-Heilpflege" von Pastor Heinrich Matthias Sengelmann, dem ersten Direktor der Alsterdorfer Anstalten, im Jahre 1885 herausgegeben und "allen Idiotenfreunden" gewidmet, steht der Satz: "Die Direction hat sich von Zeit zu Zeit die Zöglinge unbekleidet zur Revision vorführen lassen."

Zu der Zeit, da Ursula Eggli und andere an dem Film "Behinderte Liebe" arbeiteten, hatte die Bundesarbeitsgemeinschaft "Hilfe für Behinderte" ein Buch herausgegeben, dessen Titel die ganze Bandbreite der Behinderten-Bevormundung zeigt: "Sollen, können, dürfen Behinderte heiraten?" Im Vorwort vertraten die Herausgeber den damals ach so fortschrittlichen Standpunkt, auch Behinderte dürften Sexualität erleben, eine Eheschließung solle auch Behinderten "zugestanden werden ... soweit dies möglich ist."

Das Buch enthält den Beitrag eines namenlosen Behinderten: "Sollen, können, dürfen Behinderte heiraten? Stellungnahme eines fußbehinderten Verlobten." Ein anderer Artikel heißt: "Dürfen Spastiker heiraten?" Eine Fachärztin für Orthopädie aus Münster quälte der Gedanke: "Sollen, können, dürfen Gliedmaßengeschädigte ... heiraten". Sie kam zu der Erkenntnis: "Eine Ehe unter Schwerbehinderten, gezielt ohne Kinder, kann durchaus sinnvoll ... sein." Eine Schulrätin aus Salzburg beschrieb die Eheanbahnung Behinderter wie ein Backrezept: "Hat ... der Arzt keine Bedenken gegen eine Ehe und unser Schützling will heiraten, werden wir beide Ehepartner auf den schweren Schritt, den sie zu tun gedenken, vorbereiten."

Ich habe dieses kuriose Buch über Sexualität Behinderter damals mit Spott und Hohn bedacht. Es kam mir nicht in den Sinn, daß dieser verquere Unsinn eine Anpassungsleistung der Behindertenpädagogen und -funktionäre an die Behindertenbewegung war. Ich habe damals auch nicht geahnt, daß in den Verbänden, Amtsarztstuben, Schulbehörden und an den Universitäten ja noch jene bestimmten, die eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, die Massensterilisierung und den Massenmord Behinderter aus vollem Herzen mitgetragen hatten.

Daß behindertes Leben lebensunwert ist, war Jahrzehnte vor den Nazis Allgemeingut. Schon 1909 klagt der deutsche Psychiatrie-Papst Emil Kraepelin, die Fürsorge erhalte die geistig Minderwertigen am Leben und lasse sie zur Fortpflanzung gelangen. Die Versorgung der Behinderten schädige die Tüchtigen im Kampf ums Dasein. Der Moraltheologe Joseph Mayer, Hauptschriftleiter der Zeitschrift "Caritas", 1927 in dem Buch "Gesetzliche Unfruchtbarmachung Geisteskranker": "Minderwertige haben so wenig ein Recht, Kinder zu erzeugen, als sie ein Recht haben, Brand zu stiften." Mayers Werk hat die bischöfliche Druckerlaubnis. Die Vereinigung katholischer Seelsorger an deutschen Heil- und Pflegeanstalten pries das Buch damals als "eine Rüstkammer für kommende Zeiten". In der hessischen Behinderten-Einrichtung Hephata in Treysa treffen sich im Mai 1931 Anstaltsleiter der Inneren Mission zu einer "Evangelischen Fachkonferenz für Eugenik". Pastor Friedrich v. Bodelschwingh aus Bethel behauptet in Treysa, die Sterilisierung Behinderter entspreche dem Willen Jesu. Bodelschwingh wörtlich: "Ich würde den Mut haben ... in Gehorsam gegen Gott die Eliminierung an anderen Leibern zu vollziehen."

Bethel ist die größte und weltweit bekannteste deutsche Behinderten-Einrichtung. Als 1933 das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" verkündet wird, dem bis Kriegsende etwa 400.000 angeblich Erbkranke zum Opfer fallen, erwirbt die Anstalt die staatliche Zulassung, sterilisieren zu dürfen. Die v. Bodelschwinghschen Anstalten melden von den damals rund 3.000 Bewohnern etwa 1.700 zur Sterilisierung. Chefarzt Prof. Werner Villinger: "Wir haben in einem Fall eine Ausnahme gemacht, ein österreichischer Junge aus Braunau, dem Geburtsort Hitlers". Der Betheler Chefarzt wird Bethel 1939 verlassen und 1941 sogar als "Euthanasie"-Gutachter Behinderte für die Gaskammer selektieren.

Aber auch die 1933 gleichgeschalteten Behinderten-Verbände begrüßen willfährig das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. So beteuert der Verein der blinden Akademiker Deutschlands in einer Entschließung, das Sterilisierungsgesetz um der Zukunft des deutschen Volkes willen "rückhaltlos" anzuerkennen. Den Erbkranken unter den blinden Geistesarbeitern wurde empfohlen, "dieses Opfer in innerer Freiheit zu bringen". Carl Strehl, Begründer der Vereinigung der blinden Akademiker und der Marburger Blindenstudienanstalt, schlug sogar vor, blinde Geistesarbeiter als Gutachter an den Sterilisierungsgerichten einzusetzen: "Durch dieses Verfahren würde den betroffenen Blinden ein Teil ihres unberechtigten (!) Mißtrauens genommen". Als sich 1935 eine Abordnung blinder Frauen beim Direktor einer Chemnitzer Blinden-Einrichtung beschweren will, bekommen sie zur Antwort: "Was fällt euch ein ... wißt ihr nicht, daß ihr eigentlich gar keine Lebensberechtigung habt?"

In der Hackordnung der "rassisch Minderwertigen" rangieren die Gehörlosen und Taubstummen hinter den Blinden. Es gab Gehörlose, die der NSDAP beitraten, weil sie hofften, als Gehörlose der Sterilisierung zu entgehen. Wie andere Behinderte fanden auch die "Gehörgebrechlichen" in ihrer Verzweiflung keinen Beistand. Der Reichsverband der evangelischen Taubstummen-Seelsorger Deutschlands in einem "Wort an die evangelischen Taubstummen": "Die Obrigkeit hat befohlen: Wer erbkrank ist, soll in Zukunft keine Kinder mehr bekommen. Denn unser deutsches Vaterland braucht gesunde und tüchtige Menschen ... Gehorche der Obrigkeit! Gehorche ihr auch, wenn es Dir schwer wird ..." Der Aufruf gipfelt in dem Bibelwort: "Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen."

Die als "minderwertig" Gebrandmarkten hatten kein Mitgefühl und schon gar nicht Solidarität zu erwarten. So reichten sie ihre eigene Diffamierung an andere, vermeintlich noch Minderwertigere weiter: Die "Kriegsblinden" gingen in der Sterilisierungsdebatte schon 1933 auf Distanz zu den "Zivilblinden": "Uns ... geht diese Streitfrage nur sehr wenig an", heißt es in der Zeitschrift Der Kriegsblinde. Die Begründung: "Kriegserblindung ist kein Erbübel." Die Kriegsblinden hielten Distanz zu den Zivilblinden, die blinden Akademiker zu den nicht Studierten, den Mattenflechtern und Besenbindern. Die Sehschwachen distanzierten sich wiederum von den Blinden, die Schwerhörigen von den Gehörlosen. Die Schwerhörigen fürchteten, mit den Taubstummen identifiziert zu werden.

In der Zeitschrift Der Kämpfer versuchte 1934 eine Betroffene sogar den Nachweis zu führen, Schwerhörige seien bessere Nazis:

"Der Nationalsozialismus soll aus der Tiefe erfaßt werden ... In dieser Hinsicht ist aber der Schwerhörige dem Guthörenden oft weit voraus." Es gab genug Behinderte, die sich in den Dienst der Nazis stellten. In der Verbandszeitschrift Der Kämpfer, die sich im Untertitel Deutsche Zeitschrift für Schwerhörige und Ertaubte nannte, bezichtigte sich 1934 ein Hörgeschädigter, daß er für Qualität des Volksbestandes untragbar sei und sich deshalb habe sterilisieren lassen. Im Archiv der Marburger Blindenstudienanstalt findet sich die Selbstanpreisung einer sterilisierten Schülerin ("Ich trage für euch das Mutfähnlein"). Die Blinde: "Wer ist so verroht, daß er sein Leid in seinem Kinde wiederholt sehen möchte?" Der Satz ist ein abgewandeltes Hitler-Zitat aus dem Vorwort des Sterilisierungsgesetzes: "Wer körperlich und geistig nicht gesund und würdig ist, darf sein Leid nicht im Körper seines Kindes verewigen."

Auch die "Heilpädagogen" haben sich nicht schützend vor ihre Kinder gestellt. Der Verband der Hilfsschulen Deutschlands hatte schon 1920 die Aussonderung der "Schwerschwachsinnigen" aus den Sonderschulen gefordert. Obermedizinalrat Ewald Meltzer, er wird in der Literatur bis heute als Widerstandskämpfer geführt, war Präsident des Vereins für Erziehung, Unterricht und Pflege Geistesschwacher und Leiter der Diakonie-Einrichtung im sächsischen Großhennersdorf. Auf der Jahreskonferenz des Vereins 1927 in Kassel, nachzulesen in der Zeitschrift für die Behandlung Schwachsinniger, meinte Meltzer, er verwerfe Gewalteingriffe gegen das Leben der "Geisteskrüppel", solange (!) kein absoluter Notstand der Geistesgesunden dazu zwinge. Über die Sterilisierung meinte er: "Die Gefahr der Überschwemmung unseres Kulturlebens mit minderwertigen Menschen muß uns zu Gegenmaßnahmen anregen." Zwei Jahre später in Stuttgart heißt es in seiner Festansprache, ohne Sterilisierung der Hilfsschüler drohe die "Verköderung" des deutschen Menschen. Wieder zwei Jahre später, 1931, fordert Meltzer in der nun umbenannten Zeitschrift für die Behandlung Anomaler: "Der normalbegabte Teil des Volkes muß sich ... in Abwehrfront gegen die Minusvariante stellen." Die Mitglieder des seit 1931 "Deutschen" Vereins für Erziehung, Unterricht und Pflege Geistesschwacher mußten 1933 nicht gleichgeschaltet werden. Sie hatten ihre Pfleglinge schon vorher als "Untermenschen", "Unkraut" und "Minusvariante" verraten. Die Sterilisierten sollten für ihre Verstümmelung sogar noch dankbar sein. "An den Sonderschullehrern liegt es mit", schrieb 1936 der Dresdener Gehörlosenlehrer Weinert in der Zeitschrift Die Deutsche Sonderschule, "ob die künftigen Sterilisierten zu Werbern in der eigenen Sache werden."

Der bereits erwähnte Euthanasie-Sektierer Werner Villinger wurde Wiedergutmachungsexperte der Bundesregierung, die Zahl der Ehrungen und Funktionen läßt sich kaum darstellen. Außerdem war er Gründungsmitglied der Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind. Ein anderes Gründungsmitglied war Hermann Stutte. Stutte leitete ab 1938 das "klinische Jugendheim" der Tübinger Nervenklinik, eine "Beobachtungsstation" im Netz der württembergischen Nazi-Fürsorge, in der u. a. Behinderte und Fürsorgezöglinge erbbiologisch gesichtet, d. h. selektiert wurden. Der Marburger Pädagoge Wolfram Schäfer hat 1992 Tübinger Krankenakten ausgewertet und dabei festgestellt, daß Stutte bei Jugendlichen die Sterilisierung beantragte und zugleich die Begutachtung mitlieferte, das Urteil sozusagen nahelegte.

1937 war eine junge Frau wegen "zikulärem Irresein" in der Tübinger Klinik. Der Ehemann wünschte die Entlassung, da die Konfirmation der Tochter anstand. Stutte schlug vor, die Frau kurzzeitig zu beurlauben, man könne ja vom Ehemann eine Verpflichtung unterschreiben lassen, daß er, sollte seine Frau schwanger werden, mit Schwangerschaftsabbruch plus Sterilisierung einverstanden sei. Stutte lizensierte sozusagen den Beischlaf eines Ehepaares. Der "Fall" erledigte sich zwei Jahre später dadurch, daß die Frau an einem Krebsgeschwulst starb.

Stutte entwickelt sich in den Nazi-Jahren zu einem furchtbaren Psychiater und stützt sich in seinen wissenschaftlichen Arbeiten nach 1945 ungeniert auf Kollegen der Nazi-Zeit, die Menschen diffamierten und der Verfolgung und Vernichtung preisgaben. Doch sein Ansehen war groß: Die Sonderschule für Kranke am Klinikum der Marburger Phillipps-Universität wurde z. B. nach ihm benannt und die "Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte" hatte ihre Fortbildungsstätte "Hermann-Stutte-Haus" getauft.

Einen Proteststurm lösten im Sommer 1992 Artikel über Stuttes braune Vergangenheit aus. Dutzende von Wissenschaftlern, zahlreiche Professoren darunter, solidarisierten sich mit Stutte. Sie rechtfertigten auch, daß Stutte Mitglied der NSDAP und der SA gewesen war. Sie behaupteten sogar wahrheitswidrig, Stutte hätte sonst keine Universitäts-Karriere machen können. Es gehört zur Geschichte dieses Landes in West wie Ost, daß Nazi-Täter, Mittäter und Gehilfen (nicht nur im Medizinbereich) geschützt wurden und werden. Dies ist die wichtigste Ursache von Fremden- und Behindertenfeindlichkeit: Die Täter und ihre Helfershelfer blieben in Amt und Würden, ihre Taten wurden vertuscht oder idealisiert, ihre Ideen blieben.

Die Nazi-Zeit wird in der historischen Aufarbeitung als Zeit der Unterdrückung dargestellt, in der sich einige wenige mißbrauchen ließen und die anderen der Gewalt beugen mußten. Dies ist, sehen wir uns z. B. die Sterilisierungspraxis an, eine Geschichtslüge. Hier, bei der Sterilisierung, hatten Ärzte, aber auch die Sonderpädagogen Macht über Menschen wie niemals zuvor in der Geschichte. Sie bestimmten, wer hoch- oder minderwertig, wer zu fördern oder zu sterilisieren war. Sie entschieden auch, ob Behinderte heiraten durften. Und sie waren sich einig, daß dies zu unterbleiben habe. Nahezu alle, sofern sie nicht selbst gemordet oder zur Ermordung selektiert hatten, haben sich am Rufmord, an der Diffamierung der Opfer als minderwertig oder lebensunwert beteiligt.

Wer behinderte Kinder ermordet hatte, hatte nach Meinung der Hamburger Ärztekammer "keine schweren sittlichen Verfehlungen" begangen, durfte weiter praktizieren. Ärzte, die Kranke und Behinderte der Gaskammer zugeführt und den Massenmord mit verlogenen Beileidschreiben an die Angehörigen vertuscht hatten, konnten ebenfalls weiterhin praktizieren. Dies ist die Gründergeneration der Behindertenarbeit nach 1945. Es gab Mediziner, die Behinderten ein Recht auf Leben und erst recht auf Sexualität absprachen und selbst in den Vergasungsanstalten die Vergasung von Frauentransporten begafften.

Was lerne ich daraus: Die Vergangenheit zeigt, Behinderte haben keinen Anlaß, sich darauf zu verlassen, daß ihre Bevormünder auch ihre Beschützer sein könnten. Das Bild vom Behinderten im öffentlichen Bewußtsein kann nicht Sache ihrer Funktionäre oder amtlichen Fürsorger sein. Jede Behinderte, jeder Behinderte ist verantwortlich für dieses Bild in der Öffentlichkeit.

Ich weiß, es ist manchmal nicht leicht, kein Selbstmitleid zu haben. Ich weiß es aus meinem eigenen Leben. Es hat lange gedauert, bis ich begriff, daß Mitleid keine Basis für Liebe ist, Beischlaf aus Mitleid, sozusagen als Wohltätigkeitsveranstaltung, das funktioniert nicht. Liebe basiert auf Achtung und Selbstachtung.

Behinderte haben gewiß mehr zu bieten als Jammern und Wehgeschrei. Solange Behindertenverbände vor allem Mitleid erheischen und Almosen erflehen, werden Behinderte als Sexualpartner nicht wahrgenommen. Wir leben in einem Land, das, weltweit einmalig, Behinderte restlos ausrotten wollte. Wir leben in einem Land, in dem die Behindertenmörder und ihre geistigen Komplizen weiterhin Behinderte betreuten, behandelten, bevormundeten. Aber: Wir leben auch in einer Zeit, in der erstmals in der Geschichte überhaupt Behinderte sich selbstbestimmt organisieren und vertreten können.

Wir sind mutig, stark und schön

Dinah Radtke, Erlangen

Eine unglückliche Liebesgeschichte

Anton liebte die schöne rollstuhldame Dolores. Da er keine arme hatte, musste er sie umbeinen. Aber jedesmal, wenn er dazu ansetzte, berührte er mit der ferse den elektroknopf des rollstuhls und dieser, mit der schönen Dolores darin, rollte davon. So blieb diese liebe platonisch und auf distanz.

Aber niemand wunderte sich darüber, denn so etwas ist im freakland alltäglich.

(Ursula Eggli: Freak-Geschichten)

Ich komme aus der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und arbeite in Erlangen. Das heutige Thema "Behinderung, Liebe und Sexualität" ist einerseits eine Art von Tabu auch unter uns selbst, andererseits aber sehr von der Neugier nichtbehinderter WissenschaftlerInnen und TherapeutInnen besetzt, die viele Bücher über uns geschrieben haben, über das, was wir dürfen, und vor allen Dingen über das, was wir nicht dürfen.

Was bedeutet Liebe für mich? Das Thema "Behinderte Liebe" bedeutet für mich auch viel verhinderte Liebe. Liebe hat für mich viel mit Sehnsucht danach, geliebt zu werden, mit Sehnen nach Vertrautheit, Sehnen nach Vertrauen, Zärtlichkeit, Glück, auch mit sexueller Erfüllung, Zusammensein, Zusammenleben mit der geliebten Person zu tun. Da sind viele Idealvorstellungen dabei: Wünsche, Träume und sehr viel Angst, Leid, heimliches Leiden und Entsagungen.

Ich möchte ein Zitat von englischen Frauen bringen: "Wir sind Frauen. Wir teilen mit allen Frauen das Bedürfnis nach Liebe, Freundschaft, sexueller Intimität." Behinderte Frauen können liebevolle Beziehungen zu Männern und Frauen haben wie alle anderen Frauen auch. Auf dem Gebiet der Sexualität jedoch wird behinderten Frauen die Akzeptanz verwehrt, wegen des Klischees, welches Behinderung mit Geschlechtslosigkeit gleichsetzt. Schwarze Frauen sprechen z. B. auch davon, daß sie sich geschlechtslos fühlen durch die Kultur verglichen mit der dominanten Gruppe der weißen Frauen. Vielleicht liegt es auch an diesem Entwertetsein, daß wir Frauen, die wir anders sind, als nicht wirklich weiblich angesehen werden.

Andere Thesen, die die Wahrnehmung von Behinderung und Sexualität betreffen, beinhalten die Vorstellung, daß Behinderung ansteckend sein könnte und daß Sex irgendwie eine seltene Annehmlichkeit sei, die nur sehr geschätzten Leuten vorbehalten ist, nämlich dem attraktiven Nichtbehinderten. Unsere Normalität ist eine andere als die der Nichtbehinderten. Für mich ist es z. B. nichts besonderes, daß ich mich rollend fortbewege. Und ich habe mein Leben dementsprechend organisiert. Aber von außen wird das für mich Selbstverständliche nicht erkannt. Da bin ich besonders tapfer, und es ist schön, daß ich noch so fröhlich bin, obwohl ich doch so ein schweres Schicksal habe.

Schon unsere Sozialisation ist eine andere. Wir wurden entweder dazu erzogen, besonders klug zu sein und eine Ausbildung zu machen, um unabhängig zu werden, weil ja mit einer Unterstützung durch einen Ehemann nicht gerechnet werden kann. Oder aber wir wurden dazu erzogen, besonders rücksichtsvoll, bescheiden und dankbar zu sein, in dem Bewußtsein, niemals unabhängig sein zu können. Viele unserer Mütter trichterten uns ein, daß Männer später einmal nichts für uns seien und wir uns diese Gedanken aus dem Kopf schlagen sollten. Wir wurden also nicht wie andere Mädchen erzogen, daß wir später irgendwann einmal heiraten und Kinder kriegen würden. Wir bekamen meist auch keine Aussteuer wie die anderen. Dieser Einfluß ist so stark, daß wir zum Teil selber daran glauben, daß sexuelle Beziehungen oder gar eine Ehe für uns nicht in Frage kommen. Wir werden geschlechtsneutral erzogen. Wir erleben uns dann selbst so und werden auch als Neutrum von anderen behandelt. Über mich z. B. wird gesagt: "Da hinten steht noch ein Rollstuhl. Da muß beim Aussteigen geholfen werden." (Amtssprache der Deutschen Bundesbahn) Genauso ist es selbstverständlich, daß uns auf der Straße niemand bewundernd hinterherpfeift.

Jetzt ein Zitat von Nati Radtke, meiner Schwester. Grundsätzlich wird zwischen einer nichtbehinderten und einer behinderten Frau unterschieden. Zur einen wird gesagt: "Falls Du Dich herausputzt, dann liegt Dir die Welt, die ganze Welt zu Füßen", und zur anderen: "Falls Du Dich nett herrichtest, dann findest Du auch ein Plätzchen in der Welt." So sagte mir meine Tante, als ich 18 Jahre alt war: "Vielleicht findest Du ja noch einen netten geistig behinderten Mann." Gemäß dem überkommenen Klischee sind Frauen hilflose Kreaturen, die liebevoll behandelt und beschützt werden müssen. Die behinderte Frau wird oft jedoch nur als hilflos betrachtet. Ein Mann könnte befürchten, daß sie so entsetzlich abhängig von ihm sein wird, daß ihm die Aussicht auf eine Beziehung zu ihr als absolut abschreckend vorkommt. Um ihm das Gegenteil zu beweisen, kann sie sich bemühen, selbständig und unabhängig zu sein, um dann von ihm zu hören, daß sie aggressiv und unweiblich ist. Solange die Frau aber ein Statussymbol für den Mann, der sie "besitzt", ist, der lebende Beweis seiner Beute, ist die Frau mit einer Behinderung stark benachteiligt. Der Mann, der nicht ganz selbstsicher ist, hat Angst, sie stolz herzuzeigen, weil sie andersartig ist. Selbst wenn eine behinderte Frau eine gute Beziehung zu einem Mann hat, fragt sie sich doch manchmal selbst:

Warum will er mich? Oder: Stimmt irgendwas mit ihm nicht?

Außerdem wurden wir dazu erzogen, immer unsere körperlichen Defizite so weit wie möglich zu verbergen. Dazu meint die Therapeutin Katja Seebaum: "Die körperbehinderten Mädchen haben auch die Möglichkeit, genau wie gesunde Mädchen, mit Hilfe der Kosmetik ihr Gesicht zu verschönern. Sie können z. B. ihre Augen, das wohl eindrucksvollste jeden Gesichtes betonen und damit ablenken von ihrer Körperbehinderung. Bei einer evtl. vorhandenen Lähmung des Gesichtsnervs können sie mit Hilfe einer geschickten Frisur und eines hübschen Make-Ups diese Unebenmäßigkeit verdecken oder davon ablenken." Diese Ratschläge werden erteilt, nicht etwa, damit wir noch verführerischer wirken, sondern wie immer, um Defizite und Mängel zu verbergen. Doch das Wissen um die Mängel bleibt. Die Anwendung von Kosmetik scheint fragwürdig. Durch das Verstecken unserer "unschönen Körperteile" wurde uns die Verleugnung ganzer Körperteile und unserer Weiblichkeit eingeflößt.

Susanne Schwebe: "Ein entstellter Körper wird als unästhetisch empfunden. Je mehr eine körperliche Abweichung dem Gesicht zurückt, umso eher wird eine Person als "unschön" bezeichnet." Daß das Ästhetikempfinden gegenüber Menschen nicht einfach ein Wissen um das Schöne an sich ist, sondern daß dahinter auch Sexualphantasien und Ängste vor Körperverletzungen und Vergänglichkeit stehen, trifft behinderte Frauen im besonderen Maße. Denn stärker als Männer werden sie nicht zuletzt dank der Massenmedien durch Schönheitsideale und sexuelle Verfügbarkeit definiert. Immer noch werden Frauen vor allem an Kriterien der Gebärfähigkeit, Mütterlichkeit, Schönheit, Agilität und Attraktivität bemessen. Darunter leiden behinderte Frauen natürlich in besonderem Maße. Genügen sie doch selten all diesen Kriterien.

Meines Erachtens nach liegen heute die Schwierigkeiten behinderter Frauen weniger darin, daß ihnen Sexualität nicht zugestanden würde oder daß sie sich ihrer eigenen sexuellen Bedürfnisse nicht bewußt wären, sondern viel eher darin, angesichts herrschender Normen und Idealvorstellungen diese nicht realisieren zu können. Es dauert lange, um ein gespaltenes Körperbewußtsein zu überwinden und den Körper als Ganzheit zu begreifen.

Es kommt ein Zitat aus "Trotz allem": "Es gibt zwar gute Gründe, sich eine Zeitlang zerstückelt zu fühlen und sich von seinem Körper abzutrennen. Aber der Schnitt muß wieder heilen. Es ist wichtig, die Entfremdung vom eigenen Körper zu überwinden und zu einem Gefühl der Einheit zu finden. Statt sich selbst zu hassen und seinen Körper abzulehnen, müssen wir lernen, uns zu lieben und unseren Körper anzunehmen."

Wenn behinderte Frauen schwanger werden und ein Kind austragen wollen, ist dies kein freudiges Ereignis wie bei einer Nichtbehinderten, sondern es kommen Kommentare wie z. B.: "Wie konnte denn das passieren? Wer soll das Kind denn versorgen? Du brauchst doch selber Hilfe."

Jetzt kommt ein Zitat von Swantje Köpsell: "Auch die mit der Schwangerschaft einer behinderten Frau konfrontierten Ärzte reagieren im Normalfall ablehnend. Schwangerschaftsabbruch und Sterilisation werden Frauen mit Behinderung geradezu angedient, sind auf jeden Fall problemlos zu bekommen. Auch hier zählt nicht die Entscheidung der Frau als eigenständige Person, sondern das, was andere über sie und ihre Möglichkeiten bzw. Potentiale denken. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt hierbei auch ein tief verwurzeltes eugenisches Denken. Es wird davon ausgegangen, daß Frauen, die selbst eine Behinderung haben, im besonderen Maße gefährdet sind, behinderte Kinder zu gebären. Und das muß mit allen Mitteln verhindert werden. Aus diesem Verhinderungswunsch und der Nichtbeachtung ihrer eigenen Wünsche entspringt für Frauen mit Behinderung, insbesondere mit geistiger Behinderung, auch die Gefahr, gar nicht gefragt zu werden, sondern gegen ihren Willen bzw. ohne ihr Wissen und ihre Zustimmung (zwangs)sterilisiert zu werden. Was uns fehlt, sind gezielte Beratungs- und Unterstützungsangebote für behinderte Mütter bzw. Eltern."

Das Thema "Frauen mit Behinderungen und Sexualität" ist sehr zwiespältig für mich. Denn einerseits werden wir als geschlechtslos behandelt. Andererseits sind wir häufig Opfer von Gewalt, auch sexueller Gewalt. Wir haben oft keine Intimsphäre durch das Angewiesensein auf körperliche Hilfestellungen im alltäglichen Leben, auch in intimen Bereichen, z. B. beim Essen, Telefonieren, beim Baden, An- und Auskleiden, beim Toilettengang. Oder etwas ganz Alltägliches: der Gang zum Arzt, das Bloßstellen des eigenen Körpers, der oft unnötig demütigend lange fotografiert wird. Oder beim Gang zum Orthopädiemechaniker, der sich Abdrücke macht, die er für das Hilfsmittel, das er bauen soll, gar nicht braucht. Geschlechtsteile werden angefaßt. Aber es wird so getan, als seien sie keine Genitalien, denn wir haben ja keine Sexualität.

Trotz vieler Öffentlichkeitsarbeit von Frauengruppen über sexuelle Gewalt scheint der Gedanke so schockierend zu sein, daß behinderte Mädchen und Frauen auch sexuelle Gewalt erfahren, daß es immer noch ein Tabu darstellt, darüber zu reden. Für den deutschsprachigen Raum liegen keinerlei Untersuchungen und Statistiken über das Ausmaß sexueller Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen vor. Doch amerikanische Studien beweisen, daß es sich hier um eine weit verbreitete Realität handelt. Theresia Degener sagt in "Gerichte sind männlich": "Bei gehörlosen und geistig behinderten Frauen ist die Betroffenheitsquote erschreckend hoch. Dennoch gibt es nur wenig Prozesse, in denen die Vergewaltigung einer behinderten Frau behandelt wird. Ein Grund dafür muß in der faktischen Unzugänglichkeit der Polizei oder auch der Notrufgruppen für behinderte Frauen gesehen werden. Viele werden in Sondereinrichtungen oder in Heimen vergewaltigt, in denen die alltägliche Kontrolle total ist. Zu den üblichen frauenfeindlichen Vorurteilen gesellen sich insbesondere folgende Behindertenklischees: Behinderte Frauen haben keine Sexualität, sexuelle Selbstbestimmung ist deshalb gar nicht möglich. Behinderte Frauen, insbesondere geistig behinderte Frauen, haben eine animalische Sexualität. Ihr Sexualverhalten ist unkontrolliert. Sie schmeißen sich jedem Mann an die Brust. Vergewaltigung ist bei behinderten Frauen nicht möglich, denn sie würden niemals nein sagen. Für sie interessiert sich sowieso keiner. Sexuelle Gewalt gegen behinderte Frauen ist nicht so schlimm."

Viele Menschen glauben, auch wir selbst, daß behinderte Frauen von sexueller Gewalt nicht betroffen sind. Es wird geglaubt, daß wir wegen unserer Behinderung in unserer Umgebung Mitleid erregen und deshalb vor Verletzungen geschützt sind, oder daß die Täter Frauen mit Behinderungen als unattraktiv betrachten und deswegen Übergriffe unterbleiben nach dem Motto, daß nur attraktive Frauen vergewaltigt werden. Vor 15 Jahren wagten sich behinderte Frauen zum ersten Mal als Gruppe an die Öffentlichkeit. Auf dem Krüppeltribunal in Dortmund wiesen sie neben anderen auf Menschenrechtsverletzungen hin, die an ihnen als behinderte Frauen begangen wurden und werden. Sie berichteten über Vergewaltigungen und demütigende Behandlungen. Seit dieser Zeit hat sich eigentlich für uns als behinderte Menschen gar nicht so viel verändert. Sicher, die Öffentlichkeit ist aufgeklärter über unsere Situation und sensibler gegenüber unseren Bedürfnissen geworden. Auch baulich hat sich einiges positiv verändert. Und wir haben endlich den berühmten Zusatz in Art. 3 Grundgesetz bekommen, daß Menschen mit Behinderungen nicht diskriminiert werden dürfen. Aber wir werden immer noch durch bauliche Barrieren, Mobilitätsprobleme oder visuelle und sprachliche Hindernisse abgehalten, oder es ist sehr schwer für uns, Jugendtreffs, Kommunikationszentren oder andere kulturelle Stätten aufzusuchen, um dort einfach auch andere Leute treffen zu können, wie es für alle Nichtbehinderten selbstverständlich ist. Vielen von uns fehlt es an Gelegenheiten, andere Menschen kennenzulernen.

Auch heute noch gilt, daß viele behinderte Menschen in Sondereinrichtungen leben, leben müssen, dort ihre Schul- und Berufsausbildung erhalten und den aktiven Teil ihres Lebens in beschützenden Werkstätten verbringen. Dort leben sie in einer Art Ghetto, haben wenig Kontakt zur Außenwelt. Es gibt wenig oder gar keinen Raum zum Ausleben der eigenen Sexualität, keinen Raum für Erotik, geschweige denn Raum, um Kinder zu kriegen. Partnerschaften sind schwierig, gleichgeschlechtliche Beziehungen unmöglich. Wenn sich ErzieherInnen für uns den "pädagogisch vertretbaren Geschlechtsverkehr" überlegen, kommen diese sich unheimlich freizügig vor und kämpfen z. T. auch gegen konservative Vorgesetzte oder Eltern erfolglos an.

Wo aber bleiben wir in diesem Dschungel voller Hindernisse, Frustrationen, vereitelter Wünsche und Hoffnungen? Wir mit den Normen und der Ästhetik der Nichtbehinderten, die fest in unseren Köpfen stecken, wir müssen weiter daran arbeiten, ein anderes Image von uns zu schaffen, ein anderes Bild von Menschen mit Behinderungen. Und dieses andere Bild muß in die Öffentlichkeit getragen werden. Wir Frauen mit Behinderungen haben das Recht auf Sexualität. Wir haben das Recht, unsere eigene Sexualität selbst zu bestimmen. Wir haben das Recht, über unseren eigenen Körper und über unsere Fruchtbarkeit zu bestimmen. Niemand hat das Recht, behinderte Frauen ohne deren Einwilligung zu sterilisieren. Und außerdem haben wir das Recht, Beziehungen selbst zu wählen. Wir sind Frauen, anders als die anderen. Wir haben individuelle Persönlichkeiten. Wenn wir uns als solche annehmen, uns unseres Wertes bewußt sind, dann haben wir Ausstrahlungskraft, erotische Ausstrahlungskraft. Und es ist ganz egal, ob wir einen Atemschlauch benutzen, so einen richtig schönen dicken, oder ob wir den Speichelfluß nicht gut beherrschen können, wir sind einfach verführerisch, in manchen Situationen oder wenn wir das wollen.

Wir brauchen ein Antidiskriminierungsgesetz, das die Rahmenbedingungen für unsere Selbstbestimmung und Selbständigkeit festschreibt. Und wir brauchen noch mehr selbstbewußte behinderte Frauen und Mütter als positive Rollenvorbilder. Wir brauchen gute Bedingungen, um unsere Sexualität leben zu können und um unsere Kinder großziehen zu können. Wir brauchen Beratungsstellen und Netzwerke für behinderte Frauen, damit wir uns nicht immer als EinzelkämpferInnen durchschlagen müssen. Wir haben schon eine eigene Kultur. Laßt sie uns nutzen und stärken. Laßt uns aktiv werden. Wir sind mutig, stark und schön. Danke.

Arbeitsgruppe 1: Sexualität und behinderte Liebe in Heimen und anderen Institutionen

Leiter der Arbeitsgruppe: Ralph Büsing

Die Arbeitsgruppe "Behinderte Liebe in Institutionen" stand bereits im Vorfeld der Tagung im Mittelpunkt des Interesses, was sich auch ganz deutlich an den Zahlen der Anmeldungen zu den einzelnen Arbeitsgruppen ablesen läßt. Das hatte zur Folge, daß diese Arbeitsgruppe zweigeteilt werden mußte. In jeder der Arbeitsgruppen waren mehr als 40 Personen, davon 1/3 behinderte TeilnehmerInnen.

Die Arbeitsgruppe 1 wurde mit einem Gedicht von Jürgen Knop eröffnet.

Alle meine Kinder

Abends im Bett

kommen alle meine Kinder.

Sie versammeln sich

in meiner Nachthose.

Dann

werde ich von ihnen gefragt

warum sie nicht geboren werden.

Ich sage ihnen, daß ich ein Krüppel bin

und

daß ich keine Frau haben darf.

Dann

sind alle meine Kinder froh,

daß sie nicht in dieser Welt

der Ungerechtigkeit leben müssen

und lassen sich gern

mit der nächsten Wäsche wegspülen

Jürgen Knop

Dieses Gedicht bringt die Situation in bundesdeutschen Wohn- und Pflegeeinrichtungen für behinderte Menschen sehr direkt und einfach auf den Punkt.

In einer so stark besetzten Gruppe über persönliche Erfahrungen im Intimbereich zu reden, gestaltete sich als sehr schwierig. Es gehörte viel Überwindung für die TeilnehmerInnen dazu. Während der 2 1/2 stündigen Arbeitsgruppe wurde der Film "TABU" gezeigt, um alternative Möglichkeiten des Umgangs mit sexuellen Berdürfnissen von HeimbewohnerInnen in den Niederlanden aufzuzeigen. Von der Beratungsstelle für Probleme in der praktischen Umsetzung bis hin zu direkten Hilfestellungen beim Sexualverkehr brachte der Film viele Anregungen für die TeilnehmerInnen.

Aufbauend auf den Film hat die Arbeitsgruppe angefangen, einen Forderungskatalog zu entwickeln, der natürlich auch als Anregung in die direkte politische Arbeit des Landesbehindertenbeauftragten getragen werden soll:

  • Doppelbetten in Wohnheimen für behinderte Erwachsene

  • Doppelzimmer für partnerschaftliche Beziehungen

  • Informations- und Beratungsangebote innerhalb der Institutionen, die zum Thema Partnerschaft und Sexualität existieren (Pro Familia u. a.)

  • allgemeingültiger Rechtsanspruch, in Heimen Sexualität ausleben zu können/dürfen

Innerhalb der Arbeitsgruppe ist auch deutlich geworden, daß die vorrangige Frage im Grunde ist: "Wie und wo lerne ich eine/n Partner/in kennen?"

Gerade diese Frage gewinnt vor dem Hintergrund, daß, um ein konkretes Beispiel zu nennen, das Wohnheim für behinderte Erwachsene des Annastiftes Hannover (Haus Roderbruch) aus Kostengründen den "Freizeitbereich" komplett gestrichen hat, an enormer Brisanz.

Der Freizeitbereich ist für die meisten der behinderten BewohnerInnen solcher und ähnlicher Einrichtungen die einzige Möglichkeit, Kontakte außerhalb der Institution aufzubauen und damit natürlich auch die Möglichkeit, die Grundlage für partnerschaftliche Beziehungen zu bilden.

Rückblickend hat diese Veranstaltung, die sicher ein großer Erfolg für die Veranstalter war, in erster Linie deutlich gemacht, wie wichtig es ist, nicht nur über die technischen und orthopädischen Rehabilitationsmaßnahmen und -möglichkeiten zu reden. Integration, Rehabilitation, wie immer wir es auch nennen, ist nur möglich, wenn sie den Menschen in seiner Ganzheit sieht und erkennt.

Dennoch müssen wir uns auch fragen, ob wir die Erwartungen, die von Seiten der Betroffenen mit diesem Symposium verbunden waren, erfüllt haben. Vielleicht war nicht nur die Größe der Arbeitsgruppe "schuld" daran, daß kein rechtes Gespräch aufkommen wollte. Vielleicht ist es ungeschickt, von HeimbewohnerInnen zu erwarten, Kritik an der Institution zu üben, in der sie leben, während die Menschen, die sie versorgen, mit denen sie sich täglich aufs Neue arrangieren müssen, hinter ihnen sitzen. Hier stellt sich also die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, eine solche Arbeitsgruppe ausschließlich für HeimbewohnerInnen zu öffnen.

Alles in allem war diese Tagung, gerade auch als Austauschmöglichkeit für Behinderte, wiederholungs- und nachahmenswürdig.

Arbeitsgruppe 2: Sexualität und behinderte Liebe in Heimen und anderen Institutionen

Leiter der Arbeitsgruppe: Helmut Tank

Nach einer persönlichen Vorstellung gab er einen Einblick in die Situation im Heim, insbesondere eine Einschätzung, Freundschaften, Partnerschaften und intime Beziehungen zu leben.

In der Vergangenheit war ein Ausleben von Beziehungen unmöglich, das Heim tötete jede Beziehung. Erst eine Umfrage im Jahr 1978 in einem Wohnheim für Behinderte machte das Thema Sexualität und Behinderung in der Einrichtung öffentlich und stieß gerade auf der Leitungsebene auf großes Verständnis und große Unterstützung. Behinderte Menschen im Wohnheim hatten eindeutig die gleichen sexuellen Bedürfnisse wie jedermann/jedefrau und den Wunsch nach Liebe und Partnerschaft. Der Fragebogen gab den Anstoß, aus der Heimlichkeit herauszutreten. Deutlich wurde die ganze Bandbreite der Sexualität, die Anziehungskraft und das Spannungsverhältnis der Menschen, von Blicken, Gesten, Worten, Streicheln, Zärtlichkeiten, Küssen bis zum Geschlechtsverkehr. Als ebenso wichtig wurden gegenseitige Wertschätzung, Achtung, Zuneigung und Vertrauen angesehen. Viele Behinderte würden Hilfestellung einer dritten Person benötigen, um ihre Sexualität zu leben; dabei war jedoch nur knapp die Hälfte der befragten BewohnerInnen dafür, die Hilfe auch in Anspruch zu nehmen. Es müßte aber in jedem Fall eine Person des Vertrauens sein.

In der Beziehung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten ist das traditionelle Rollenverhältnis zwischen Mann und Frau oft anders, Flexibilität und Kreativität sind gefordert.

Die Einstellung der MitarbeiterInnen zu Beziehungen und auch der Umgang mit ihrer eigenen Sexualität bestimmen die Atmosphäre im Wohnheim. Neugierige und unverschämte Fragen von MitarbeiterInnen sind sehr schnell zu hören und verursachen Unsicherheit und Wut. Die Frage nach Hilfestellung stößt bei MitarbeiterInnen in der Regel auf Unverständnis und Ablehnung. Manche würden Hilfe geben, sich aber dabei persönlich unwohl fühlen. In dieser Empfindung spiegelt sich ein Stück Kirchenposition wider: "Wer es nicht allein kann, muß eben zölibatär leben".

Die asexuelle Haltung in der Erziehung von Behinderten beginnt oft im Kindergarten und wird bis ins Erwachsenenalter fortgesetzt. Das Thema Sexualität wird ausgeklammert und sexuelle Handlungen wie Selbstbefriedigung verboten mit der Begründung: "Wir wissen, was gut für euch ist". Um diese Situation zu verändern, ist es dringend notwendig, mit der Aufklärung so früh wie möglich zu beginnen, Jugendlichen Raum und Zeit zu geben, ihre eigene Sexualität zu entdecken und zu entwickeln. BewohnerInnen und auch MitarbeiterInnen sollten den Mut haben, über ihre eigene Sexualität nachzudenken und sich auszutauschen.

Es stellt sich überhaupt die Frage, ob die BetreuerInnen die Zuständigkeit für die Möglichkeiten und Grenzen der Sexualität Behinderter haben. Die Verantwortung liegt bei den Behinderten, wobei MitarbeiterInnen eingreifen sollten, wenn die Freiheit des einzelnen eingeschränkt wird oder Gewalt ins Spiel kommt.

Selbstverwirklichung und die Lust an der Sexualität werden mit einer drohenden Schwangerschaft abgewehrt. Schwangere sowie Kinder im Wohnheim passen nicht in die bisherigen Konzeptionen.

Längere Beziehungen im Heim können meist nicht gelebt werden, weil ein Mitwohnen über längere Zeit, gerade auch von nichtbehinderten PartnerInnen, in den meisten Einrichtungen aus unterschiedlichen Gründen nicht vorgesehen ist. Kurzfristige Übernachtungen und Wochenendbeziehungen sind fast überall möglich.

Abschließend wurde festgestellt, daß vor 20 Jahren sexuelle Bedürfnisse von der Leitungsebene aufgeschlossener diskutiert wurden und sich heute die Haltung "Keine schlafenden Hunde wecken" manifestiert. Mit der Veranstaltung "Behinderte Liebe" und der Kleingruppenarbeit hoffen alle Beteiligten, dem Thema in der Öfifentlichkeit wieder mehr Gehör verschafft zu haben und bei behinderten Menschen und MitarbeiterInnen der Institutionen neue Gedanken und Handlungsmöglichkeiten initiiert zu haben.

Arbeitsgruppe Geschlecht: behindert - besonderes Merkmal: Frau

Leiterinnen der Arbeitsgruppe: Annette Albrecht und Annette Emmerich

Verliebt, verlobt verheiratet - Ich auch???

Geleitet wurde die AG von Annette Albrecht und Annette Emmerich

Als Auftakt gab es einen Film, in dem drei behinderte Frauen über ihre Meinungen und Erfahrungen zum Thema "Behinderung und Liebe" berichten:

Die erste Frau stellt klar heraus, daß es äußerst wichtig ist, daß man sich trotz seiner Behinderung voll akzeptiert. Je bewußter und selbstverständlicher man mit seiner Behinderung umgeht, um so leichter lassen sich die alltäglichen behinderungsbedingten Probleme meistern. Sie selbst wurde im Alter von 13 Jahren querschnittsgelähmt. Sie meint zum Thema "Liebe", man müsse als Behinderte Mut haben und auch offen über diese Thematik reden können.

Die zweite Frau lebt mit ihrem nichtbehinderten Freund zusammen. Sie vertritt die Auffassung, daß vieles von der Persönlichkeit der Frau abhängt. Ihrer Meinung nach hätte die Frau durch Körpersprache gerade aufgrund ihres Handicaps die Möglichkeit zu zeigen, was ihr im Bereich Liebe wichtig ist.

Die dritte Frau unterstreicht die Meinung der andern zwei. Sie betont aber noch einmal, wie wichtig es ist, daß von behinderten Menschen auch das gezeigt wird, was im Gegensatz zu einer nichtbehinderten Frau nicht makellos ist: Der Körper! Voraussetzung hierfür aber ist: Selbstbewußtsein!

Zu den Begriffen "verliebt, verlobt, verheiratet" hatten die Frauen folgende Assoziationen:

Verliebt: die ersten Stunden, schönes Gefühl, Zärtlichkeit, Geborgenheit, das Kribbeln im Bauch, Spannung, Akzeptanz

Verlobt: Ärger mit den Eltern, Bindung eingehen, Vertrauen, auf "Nummer Sicher" gehen

Verheiratet: Hausfrauenrolle, Verantwortung übernehmen, selbständig leben, Reaktionen der Gesellschaft, Kinder, Gleichberechtigung

Bemerkenswert bei diesen Aufzählungen ist, daß kaum auf den Punkt Behinderung eingegangen wurde. Wenn wir Behinderten eine Liebesbeziehung eingehen, scheint für uns unser Handicap keine Rolle zu spielen. Doch die Realität sieht für viele von uns anders aus. Wenn wir uns verlieben, verhalten wir uns meistens nach dem Motto "Ich bewege mich lieber nicht, damit Nichtbehinderte nicht merken, wie behindert ich bin". Um dieses Verhalten zu ändern, ist ein gesundes Selbstbewußtsein äußerst wichtig. Dieses Selbstbewußtsein resultiert unserer Meinung daraus, wie die Frau ihre behinderungsbedingten Probleme verarbeitet bzw. welche Konsequenzen sie aus diesen Problemen gezogen hat. Sicherlich spielt hierbei eine Rolle, ob die Frau von Geburt an behindert ist oder sich erst später in ihrem Leben mit einer Behinderung auseinandersetzen muß.

Entscheidend für einen behinderten Menschen ist aber auch, wie er vom Elternhaus geprägt wurde. Es gibt Behinderte, denen die eigenen Eltern keine Liebesbeziehung zutrauen und für die es dann besonders schwierig ist, Gefühle gegenüber einer anderen Person zu entwickeln. Glücklicherweise gibt es aber auch Eltern, die wissen, wie wichtig Liebe für einen Menschen ist, für uns Behinderte vielleicht ganz besonders.

Für uns ist es von besonderer Bedeutung, einen Partner zu finden. Unsere Eltern müssen, wie auch Eltern nichtbehinderter Kinder, das Gefühl haben, uns endgültig ins Leben entlassen zu können. Das ist sicherlich sehr schwierig, da viele Eltern verständlicherweise wegen unserer Behinderung eine besonders ausgeprägte Fürsorgepflicht entwickelt haben. Uns wurde bewußt, daß wir uns selbst in der Gesellschaft nicht verstecken dürfen. Wir müssen selbstbewußt auftreten, damit unsere Mitmenschen ihre Meinung gerade auch im Bereich "Behinderung und Liebe" ändern. Voraussetzung hierfür aber ist, daß wir selbst der Ansicht sind "Verliebt, verlobt, verheiratet - Ich auch!!!"

Arbeitsgruppe: Ganz Frau sein nur mit Frauen

Geleitet wurde die AG von Danyela von Raffay

Es kamen 14 lesbische Frauen mit Behinderungen zusammen. Im wesentlichen wurden Informationen und Erfahrungen ausgetauscht.

1. Das Lesbenfrühlingstreffen fand im Curio-Haus in Hamburg statt. Die Räumlichkeiten waren zum überwiegenden Teil durch Stufen unzugänglich für gehbehinderte Frauen bzw. RollstuhlfahrerInnen. Es wurden einige HelferInnen "bereitgestellt", was aber keine große Hilfe brachte, da jede Rollstuhlfahrerin, speziell Frauen im Elektrorollstuhl, eine besondere Art von Unterstützung braucht. (Treppen sind mit ca. 2 Zentner schweren E-Rollis auch mit Hilfe nicht zu bewältigen.)

2. Ein Krüppellesbennetzwerk hat sich gegründet. Es soll u. a. der gegenseitigen Information über Veranstaltungen dienen. Adresse:

Krüppellesbennetzwerk c/o Frauenbuchladen Amazonas Schmidtstraße 1 44793 Bochum Telefon/Fax 02 34/68 31 94

3. Es gibt eine Diskussion über die Schwierigkeiten zwischen behinderten und nichtbehinderten Lesben in Liebesbeziehungen / sexuellen Beziehungen. Erfahrungen einzelner wurden ausgetauscht, nach dem Motto "welche ist unter der Haube?"

4. Das alljährliche Treffen "Freakshow - Schwullesbische Behinderte treffen sich" im Freien Tagungshaus Waldschlößchen bei Göttingen wurde besprochen.

Das Treffen findet alljährlich im Frühsommer für mehrere Tage statt. Schwerpunkte sind und waren Lesungen der Schweizer Schriftstellerin Ursula Eggli und ein Theaterworkshop mit schrillen Aktfotosessions, außerdem gibt es jedes Mal einen Diskussionsteil mit unseren Forderungen an PolitikerInnen. Die "Freakshow" kann nur dann weiterhin stattfinden, wenn sich Verantwortliche finden, die die Finanzierung sichern und Abrechnungsmodalitäten organisieren.

Arbeitsgruppe: Ganz Mann sein nur mit Männern

Geleitet wurde die AG von Hans Hengelein

Nach einer Vorstellungsrunde beschäftigte sich die Gruppe mit der Eingangsfrage: "Was ist das Interesse von schwulen Behinderten, sich mit anderen schwulen Behinderten zu treffen?" Dabei kristallisierten sich folgende zwei Aspekte heraus:

1. Es bestand ein hohes Interesse an einem Erfahrungsaustausch innerhalb der Gruppe von Schwulen mit einer Behinderung.

2. Für einige in der Gruppe ging es darum, schwules behindertes Leben in der Subkultur sichtbar zu machen, nach außen zu tragen.

Weitere Fragestellungen waren: Finde ich andere behinderte schwule Männer erotisch oder nicht? Richten sich meine Interessen und Phantasien eher an den nichtbehinderten schwulen Körper? Gibt es eine Identität schwuler Behinderter? Als weiteres Thema wurde die doppelte Diskriminierung, einerseits als schwuler Mann, andererseits als Behinderter in Schwulenzusammenhängen diskutiert.

Bisherige Versuche zum Aufbau von Selbsthilfegruppen

Trotz mehrfacher Versuche, in Privatinitiative schwule Behindertengruppen vor Ort aufzubauen, sind alle diese Bemühungen bisher gescheitert. Weder Versuche über Inserate in Zeitschriften noch der Aufbau einer Gruppe im Beratungszentrum in Hannover waren erfolgreich.

Folgende Zielsetzungen könnten für den Aufbau einer Gruppe relevant sein:

  1. die sexuelle Attraktivität Behinderter aneinander

  2. politische Netzwerkarbeit und das gemeinsame Auftreten nach außen

Bei dieser Debatte wurde klar, daß das Verbindende für Schwule mit Behinderung Unterschiedliches sein kann. Als Erklärung, warum das Interesse an Selbsthilfegruppen in diesem Bereich so gering ist, wurde konstatiert, daß es für viele schwule Behinderte wenig reizvoll ist, wieder nur auf andere Behinderte zu treffen. Die Frage der Selbstabwertung als Behinderter stellt sich ganz massiv.

Erfahrungen in der Szene

Die Erfahrungen in der Szene differieren nach Grad und Schwere der Behinderung, wobei sowohl psychische als auch Strukturelle Faktoren eine Rolle spielen:

  1. Insbesondere die Vertuschung leichterer Behinderungen führt bei ihrer Offenbarung immer wieder zu negativen Reaktionen "Du hättest mir das aber sagen sollen".

  2. Sexuelle und emotionale Beziehungen zu Schwerstbehinderten sind in der Szene tabu.

  3. Für Rollstuhlfahrer sind z. B. viele Discotheken nicht zugänglich. Aber selbst wenn sie zugänglich sind, werden sie von Rollstuhlfahrern häufig gemieden, weil es kaum möglich ist, in solchen Zusammenhängen Kontakte aufzunehmen und sich die nichtbehinderten Schwulen dem Kennenlernen entziehen. Dieser Teufelskreis wurde immer wieder benannt.

  4. Ähnliche Probleme gelten bei andern schwulen "Verkehrsformen" wie in Parks und Klappen. Einerseits sind sie z. B. für Rollstuhlfahrer schwer zugänglich, andererseits lösen diese Orte häufig das Gefühl von Angst und Panik aus.

  5. Die geltenden Marktmechanismen in der Subkultur verstärken die Diskriminierung gegenüber schwulen Behinderten, weil insbesondere in der Technoszene, aber auch in der Lederszene Körperschemata bevorzugt werden, denen der Durchschnittsbehinderte nicht gerecht werden kann. Schwulsein wird als "fun" erlebt, weniger gefragt ist politisches Bewußtsein.

Als individuelle Problemlösungsstrategie wurde am Beispiel eines blinden schwulen Mannes diskutiert, Subkultur gemeinsam mit Freunden aufzusuchen, aber nicht unter den Freunden zu verweilen, sondern sich demjenigen, der einen interessiert, als Behinderter zu erkennen zu geben, ihn in ein Gespräch zu verwickeln und sich z. B. den Weg zur Toilette zeigen zu lassen. Mit Hilfe der Kommunikation wird Intimität hergestellt.

Beispiele zum Öffentlichmachen der eigenen Behinderung in der Szene

In diesem Jahr wird es in Berlin auf dem Christopher Street Day (jährlich stattfindende Demonstration von Schwulen und Lesben) einen eigenen Wagen für gehbehinderte Schwule und Lesben geben. Dies wurde jedoch von der Mehrheit der Behinderten abgelehnt, da sich nicht durch andere "angaffen" lassen wollten.

In den USA ist es inzwischen üblich, auf Veranstaltungen für Schwule und Lesben öffentlich auf den Plakaten auf die Rollstuhlzugänglichkeit bzw. Gebärdensprache hinzuweisen. Auch viele der an AIDS erkrankten Schwulen nehmen in Rollstühlen an den Demonstrationen teil.

Äußerungsmöglichkeiten

  1. Für viele auf dem Land lebende Schwule kommt als einzige Möglichkeit der Umzug in die Großstadt in Frage. Das kann natürlich auch heißen, den eigentlichen Problemen aus dem Weg zu gehen.

  2. Es ist dafür zu sorgen, daß die Beratungsstellen für Schwule und die sog. "rosa Telefone" gesonderte Angebote für behinderte Schwule machen, indem sie entweder Ansprechpartner benennen oder doch zumindest auf ihren Broschüren und Faltblättern auf die Möglichkeit der Beratung hinweisen. Wichtig ist es, in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam zu machen, daß diejenigen Beratungsstellen, die nicht zugänglich sind, aufsuchende Beratung anbieten sollten.

  3. Die Vernetzung zwischen behinderten Selbsthilfegruppen auf der einen und schwulen Einrichtungen auf der anderen Seite ist anzustreben. Beispielsweise könnten der KrüppelInnenratschlag und das schwule Tagungshaus Waldschlößchen enger zusammenarbeiten. Schwule Behinderte sollten versuchen, stärker in Behindertenorganisationen offen schwul aufzutreten. Ziel ist es, die Entwicklung von Struktur und den Informationsaustausch zu forcieren.

  4. Über die schwule Beratungsstelle Kulmerstraße in Berlin wird eine Adreßdatei zur besseren Vernetzung und Interessensvertretung aufgebaut.

  5. Es besteht weiterhin die Möglichkeit, über Inserate Gruppen aufzubauen.

  6. Die einzelnen sollten verstärkt versuchen, durch Veröffentlichungen und Artikel in den lokalen und örtlichen Schwulenblättern Präsenz zu zeigen.

Zur Arbeitsgruppe "Verrückte Liebe"

liegt kein Ergebnisprotokoll vor. Wir haben uns deshalb entschieden - auch um die Diskussion voranzubringen - den Artikel von Jörgen Buttenschön abzudrucken.

Wir weisen allerdings darauf hin, daß wir das wiedergegebene Bild, das hier - ausschließlich aus der Sicht eines Sexualtherapeuten - von Menschen mit geistiger Behinderung gezeichnet wird, für problematisch halten. Andererseits benennt der Autor klar die Regeln und zeigt die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen staatlichen Handelns bei diesem komplizierten Thema auf.

Behinderte Liebe - ein Rückblick

Renee Krebs-Rüb

"Die Sexualität ist integraler und beständiger Teil des menschlichen Daseins. Sie wird uns nicht bei der Geburt als ein "Bonus" mit in die Wiege gelegt, sondern stellt einen Teil unseres menschlichen Wesens dar, der unteilbar mit fast allen unseren täglichen Aktivitäten, Verhaltensweisen und Ausdrucksformen verbunden ist." (Behinderung und Sexualität, Reha-Verlag 1995) Diese Aussagen treffen auf alle Menschen zu, auf Menschen mit Behinderungen ebenso wie auf Nichtbehinderte. In der Realität stehen Menschen mit Behinderungen allerdings vor vielfältigsten Schwierigkeiten, wenn sie Sexualität und Partnerschaften leben wollen.

Die Tagung "Behinderte Liebe" verstand sich als Forum für Betroffene, um über die eigene Situation, Wünsche und Probleme ins Gespräch zu kommen. Das Interesse am Thema war groß.

Der Raschplatz-Pavillon in Hannover gehörte am 10. Juni 1995 Menschen mit Behinderungen! Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer, Frauen und Männer mit geistiger Behinderung, Blinde, deren AssistentInnen und BetreuerInnen, sie alle trafen sich, um ein immer noch bestehendes Tabu aufzubrechen. Die Tagung "Behinderte Liebe" wurde von mehr als 300 Menschen aus der gesamten Bundesrepublik, aus den alten und den neuen Bundesländern, besucht. Metropolen wie Hamburg und Berlin waren ebenso vertreten wie Kulturhauptstädte wie Weimar und kleinere, vor allem niedersächsische Städte. Einige Teilnehmerínnen und Teilnehmer hatten den Anfahrtsweg von der schwäbischen Alb oder aus dem Sachsen-Anhaltinischen Flachland nicht gescheut, um bei "Behinderte Liebe" dabei zu sein. Sie alle trafen sich und stellten fest, daß sie mit ihren Problemen, Hoffnungen und Forderungen nicht alleine stehen.

Eine Erfahrung der Betroffenen lautete: "Vor Ort" gibt es wenig Möglichkeiten, sich über die eigene Situation auszutauschen. Spezielle Beratungsangebote für Menschen mit Behinderungen zum Thema Liebe und Sexualität, wie sie zum Beispiel in den Niederlanden existieren, finden sich in der Bundesrepublik kaum.

"Behinderte Liebe" wurde eingeleitet durch ein Grußwort der Staatssekretärin im Niedersächsischen Sozialministerium, Frau Gantz-Rathmann, einführende Worte des Behindertenbeauftragten des Landes Niedersachsen, Karl Finke, und des Schwulenreferenten im Niedersächsischen Sozialministerium, Hans Hengelein. Ursula Eggli brachte die Anwesenden mit Leseproben aus ihren Büchern zum Lachen. Humorvoll und mit einer Prise Selbstironie beschrieb sie sich und ihre "Freak-Familie".

Die Einleitungsreferate von Dinah Radtke und Ernst Klee, die in dieser Broschüre veröffentlicht sind, bieten über den Tag der Veranstaltung hinaus aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln einen guten Einstieg in die Thematik. Die Arbeitsgruppen des Nachmittags sind mit einer Ausnahme durch Protokolle dokumentiert.

Das Buffet und der gesamte äußere Rahmen waren liebevoll und professionell gestaltet - an dieser Stelle noch einmal vielen Dank an die MitarbeiterInnen des Raschplatzpavillons und des Mezzos. "Behinderte Liebe" fand in einer offenen und lebendigen Atmosphäre statt. Insgesamt gesehen denke ich, daß die Tagung für Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie für die Organisatoren ein Erfolg war. Trotzdem haben wir uns anschließend die Frage gestellt: Was hätten wir besser machen können, wie kann es weitergehen?

Sicherlich wäre es sinnvoll gewesen, Arbeitsgruppen ausschließlich für behinderte HeimbewohnerInnen anzubieten. Die Anwesenheit des eigenen Betreuers oder der eigenen Betreuerin ließ den Behinderten kaum die Möglichkeit, unbefangen über die eigenen Bedürfnisse zu sprechen. Auf der anderen Seite artikulierten AssistentInnen und EinrichtungsmitarbeiterInnen Probleme, die sie im Umgang mit Liebe und Sexualität bei Behinderten haben. Um eine Vermengung dieser verschiedenen Interessenlagen zu verhindern, sollten künftig für Behinderte und deren BetreuerInnen verschiedene Arbeitsgruppen angeboten werden. Auch ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen, Ängsten und Projektionen nicht nur von den Menschen mit Behinderungen, sondern auch von den Nichtbehinderten Voraussetzung für eine offene Kommunikation.

Schon während der Tagung machte sich in mir ein Gefühl diffusen Unbehagens breit, dessen Ursache ich wegen der Hektik der Tagungsorganisation jedoch erst einige Tage später ergründen konnte: Verschiedene TeilnehmerInnen formulierten im Verlaufe des Tages die Frage: Wie finde ich als behinderter Mann, als behinderte Frau eine Freundin bzw. einen Freund. Auf diese Frage, die, wie ich fand, bei der Gesamtveranstaltung allgegenwärtig war, konnten wir keine Antwort geben. "Behinderte Liebe" war nicht als Partner-Vermittlungs-Treff geplant, sondern wollte Menschen mit Behinderungen Gelegenheit geben, miteinander über ihre Probleme und Wünsche ins Gespräch zu kommen, sowie ein positives Signal gegenüber der nichtbehinderten Öffentlichkeit setzen.

Auch sollten anläßlich der Tagung die objektiven Barrieren sichtbar gemacht werden, die das Leben von Beziehungen und Sexualität erschweren. Die Unzugänglichkeit von Restaurants, Kinos und sonstigen öffentlichen Orten, an denen Mensch andere Menschen kennenlernt, die fehlende Möglichkeit, im Wohnheim die eigene Zimmertür zu verschließen, oder nicht ausreichend vorhandene Fahrdienste, all dies steht der Verwirklichung von liebevollen und sexuellen Beziehungen im Wege.

Sicherlich hat "Behinderte Liebe" neben vielen positiven Eindrücken auch Frustration bei denjenigen Menschen hinterlassen, die feststellen mußten, daß ihre Frage, wie finde ich einen Freund oder eine Freundin, nicht beantwortet wurde. Auf diese Frage hätte nur in sehr kleinen Gesprächsgruppen eine Antwort gesucht werden können. Dieserart Arbeitsgruppen haben wir nicht angeboten. Vielleicht war das ein Fehler. So blieben die Vorträge und Gespräche anläßlich von "Behinderte Liebe" eher allgemein. Nur wenige Tagungsteilnehmerinnen und Tagungsteilnehmer wagten es, in dem gegebenen Rahmen ihre ganz persönlichen Hoffnungen, Wünsche und Probleme darzustellen. Allerdings wurden die Mittags- und die Kaffeepause rege für Gespräche in kleinen und kleinsten Gruppen genutzt.

Dennoch, ein Anfang ist gemacht. Vielleicht hat "Behinderte Liebe" Impulse für weitere Gespräche zu Hause, unter Freunden oder auch in der Einrichtung, in der Mensch lebt oder arbeitet, gegeben. Ich hoffe, daß die Dokumentation, die über eine reine Darstellung der Veranstaltung hinausgeht, Anregung zur weiteren Auseinandersetzung bietet.

"Sex - ein Teil des Lebens, auch für Entwicklungsgehemmte[1]"

In Skandinavien hat es Tradition, mit vielen gesellschaftlichen Problembereichen offensiv und enttabuisierend umzugehen. Toleranz, Offenheit und praktische Mitmenschlichkeit prägen z. e. in Dänemark die offiziellen Leitlinien für die Integration von Menschen mit Behinderungen in das gesellschaftliche Leben. So wird Jugendlichen und Erwachsenen mit geistigen (bzw. körperlichen) Behinderungen Sexualität nicht nur zugestanden, sondern sie haben auch das Recht auf angemessene Hilfe, um ihre Sexualität leben zu können. Jörgen Buttenschöns Artikel bezieht sich auf die gesellschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen unseres Nachbarlandes Dänemark - und wird für unsere Verhältnisse hier zur Diskussion gestellt.

"Sex - ein Teil des Lebens, auch für Entwicklungsgehemmte" ist die Überschrift einer nordischen Konferenz, die gerade auf Island für Eltern und Fachkräfte stattgefunden hat. Es ist das vierte Mal, daß TeilnehmerInnen aller nordischen Länder zur Erörterung und zum Erfahrungsaustausch über dieses Thema versammelt sind, und die Überschrift deutet darauf hin, daß es nun in weiten Kreisen anerkannt ist, daß auch Menschen mit einer geistigen Behinderung "normale" Gefühle und Wünsche haben, z. B. Lust und Bedürfnisse wie alle anderen auch.

Früher, als die meisten Entwicklungsgehemmten isoliert in z. T. geschlossenen Einrichtungen lebten, waren es nur das Personal und die Angehörigen, die von der sexuellen Aktivität, die offen oder versteckt stattfand, wußten. Einige verschlossen ihre Augen angesichts dieser Tatsache, viele unternahmen viel, um die Sexualität zu verbieten und zu verhindern, und einzelne versuchten, soweit es ihnen möglich war, den BewohnerInnen zu einem würdigen Leben zu verhelfen - so gut es sich innerhalb des eingegrenzten Rahmens machen ließ.

Heute, wo die allermeisten Entwicklungsgehemmten unter zeitgemäßen Formen mit anderen Menschen wohnen/leben und wo fast alle sich täglich "draußen" in der Gesellschaft bewegen, sind sie sichtbarer geworden. Durch die sogenannte Normalisierung und Integration sind sie MitbürgerInnen der Gesellschaft geworden - mit allgemeinen Rechten. Zu den Rechten gehören jedoch auch Pflichten, und eine bedeutende Pflicht ist, daß man sich auf eine entsprechende Art und Weise verhält, daß man die allgemeinen Normen des menschlichen Miteinanders nicht bricht.

Im Hinblick auf sexuellen Kontakt haben wir eine ganze Reihe von Regeln darüber, was erlaubt und was nicht zugelassen ist. Wird gegen diese Regeln verstoßen, kann es zu einem gerichtlichen Verfahren oder Urteil kommen, und auch, wenn die Grenzen nur leicht überschritten werden, kann es dazu führen, daß der oder die Betreffende als merkwürdig abgestempelt und von der Umgebung abgewiesen wird.

Kurz gesagt müssen Entwicklungsgehemmte lernen, sich innerhalb der Grenzen zu bewegen, die die Gesellschaft für sexuelles Verhalten absteckt, und je schneller und besser sie das lernen, desto leichter wird es für sie sein, ein akzeptierter Teil der Gesellschaft zu werden. Die meisten Menschen entwickeln die richtige Methode, sich auf sexuellem Gebiet zu bewegen dadurch, daß sie sich langsam vortasten.

"Normale" Jugendliche tasten sich im Treffen mit anderen Jugendlichen langsam vor. Gehen sie zu schnell, zu stark oder unpassend vor, erhalten sie meist keinen positiven Kontakt, sondern werden abgewiesen, während diejenigen mit rücksichtsvollen Methoden sowohl Kontakt als auch Erfolg haben. Sowohl Fiasko als auch Belohnung sind deutliche Erfahrungen, und die "richtige" Methode, sich sexuell zu verhalten, wird ein Teil des Lebensmusters des einzelnen, wohingegen die falsche Methode verworfen wird.

Es gibt natürlich auch normal begabte Jugendliche, die Schwierigkeiten haben, ein entsprechendes Verhaltensmuster zu entwickeln, aber für praktisch alle geistig Behinderten ist Spezialunterricht, besonders entwickeltes Training und intensive Aufklärung notwendig.

Die sexuelle Entwicklung

Sexualität besteht aus unterschiedlichen Dingen, die sowohl als eine komplette Einheit betrachtet werden können, aber auch als selbständige Phänomene beobachtet und abgesondert werden können. Die physiologische Sexualität ist ein angeborenes Bedürfnis bei allen Menschen, ungeachtet der Tatsache, ob sie behindert sind oder nicht. Das kann sehr leicht daran festgestellt werden, daß Männer eine Erektion (steifes Geschlechtsorgan) und Frauen eine Lubrikation (feuchtes Geschlechtsorgan) bekommen - oft mehrmals am Tag.

Es ist wichtig zu verstehen, daß diese Reaktionen Spinalreflexe sind, die nicht vom Willen gesteuert und dirigiert werden können; und eine solche Sexualität zu verbieten oder jemanden deswegen zu tadeln, ist daher irrelevant und naturwidrig. Diese Sexualität kann an Kindern schon von Geburt an beobachtet werden, aber sie entwickelt sich und kann erst richtig intensiv erlebt werden, wenn die Hormonproduktion in der Pubertät gewaltig zunimmt. In dieser Zeit erfahren alle Kinder und Jugendlichen ein starkes Bedürfnis, sich selbst an den Geschlechtsorganen zu berühren und das erlebte Bedürfnis durch Masturbation zu befriedigen.

Die psychologische Sexualität ist nicht eigentlich angeboren, sondern wird durch Erfahrungen und Erlebnisse entwickelt und geschult. Schon durch die erste gefühlsmäßige Freude oder Lust, die ein Kind durch den engen Körperkontakt zu seiner Mutter erfährt, reift die gefühlsmäßige Freude daran, geliebt zu werden und andere lieben zu können.

In der Kindheit beobachten Kinder das Verhalten der Erwachsenen und werden davon sowohl im Hinblick auf ihr Handeln als auch auf ihre Gedanken geprägt. Die Freude auf oder die Erwartung einer gedachten oder kommenden Sexualität kann genauso erotisch erregend sein wie die physische Handlung selbst. Diese zwei Formen der Sexualität sollten für den erwachsenen Menschen in einer höheren Einheit aufgehen können, aber für einen großen Teil der Entwicklungsgehemmten kann das schwer sein. Einige von ihnen erleben die physische Sexualität als ihre Privatsache, mit der man etwas machen kann oder von der man verunsichert werden kann, während Gefühle, Verliebtheiten, Partnerschaft usw. etwas ist, was man mit anderen Menschen teilen kann. Aus diesem Grund sieht man mitunter Entwicklungsgehemmte, die eine Freundin/einen Freund haben, mit dem/der sie tanzen, die/den sie an der Hand halten, küssen und drücken, vielleicht sogar mit ihr/ihm zusammenwohnen, während die körperliche Sexualität eine private Sache ist, um die man sich nur kümmert, wenn man allein ist.

Die sexuelle Entwicklung bei Entwicklungsgehemmten

Die sexuelle Entwicklung verläuft normalerweise in folgenden Phasen:

  • Geborgenheit und sinnliche Wahrnehmung

  • Selbständigkeit

  • Geschlechtsidentifikation

  • Engagement

  • Pubertät (seinen Lebensstil finden)

  • Erwachsensein (sichere und integrierte Persönlichkeit)

Viele Entwicklungsgehemmte kommen nur leicht "schräg" durch diese Phasen und benötigen auf jeden Fall besondere Hilfe. Eltern, die ein entwicklungsgehemmtes Kind bekommen, geraten natürlich in eine Krise und erleben eine tiefe Verzweiflung, der nur schwer beizukommen ist. Sie reagieren vielleicht enttäuscht ihrem Kind gegenüber, das sich nicht akzeptiert fühlt und kein positives Selbstbild entwickelt; ein Gefühl, das während der Erwachsenwerdung reichlich verstärkt wird, wenn das Kind sich von den Geschwistern distanziert sieht. Oder die Eltern bekennen sich zu ihren Sorgen und verwandeln sie in Fürsorge und Überbehütung, die verhindert, daß das Kind erwachsen wird und versuchen muß, eine eigene sexuelle Identität zu finden.

Wenn die Überbehütung bis in die Phase fortgesetzt wird, in der das Kind seine Selbständigkeit entfalten soll, führt das leicht dazu, daß die/der Entwicklungsgehemmte entweder zu stark abhängig von anderen bleibt oder vielleicht unrealistisch und prahlerisch wird. In dieser Periode werden auch einige Entwicklungsgehemmte verunsichert, was ihre Sexualität angeht, weil sie gescholten werden, wenn sie mit ihren Exkrementen/Stuhl spielen oder ihre Geschlechtsorgane berühren, mit der Folge, daß sie Angst oder Abscheu ihrer natürlichen Sexualität gegenüber empfinden. Einige Entwicklungsgehemmte erleben sich nicht als attraktive Geschlechtswesen. Ihnen fehlen Gleichaltrige, mit denen sie konkurrieren und an denen sie sich messen können. Sie halten sich viel bei den Eltern auf, bei denen sie ja geborgen und sicher sind.

In der Schule werden sie oft zu kleinen "Maskottchen", auf die die normalen Kinder aufpassen, gleichzeitig aber werden sie auch aus den Kreisen, in denen etwas Spannendes geschieht, herausgehalten. Viele Entwicklungsgehemmte verstehen das Gekicher ihrer Klassenkameraden, die roten Wangen und das "geheimnisvolle" Getuschel in den Ecken nicht.

In der Pubertät, in der eine integrierte Persönlichkeit aufgebaut werden soll, kann alles total schiefgehen. Der Körper ist angefüllt mit Sexualität, die der Kopf nicht ganz versteht. Wie andere Jugendliche identifizieren sie sich mit Pop-Idolen und Filmstars, aber es fällt ihnen schwer, diese Pseudorollen wieder abzulegen, und sie bleiben darin hängen, so daß ihr eigenes Sexualleben künstlich und unbefriedigend bleibt.

Beispiel: Jens ist 15 Jahre alt und geht in eine integrierte Schulklasse, zusammen mit normalen Jugendlichen, die angefangen haben, sich füreinander zu interessieren. Sie feiern Feste, auf denen man eng zusammen tanzt und Liebespärchen bildet. Jens gehört nicht zu diesem Kreis, will aber natürlich auch gern eine Freundin haben. Da keine der Klassenkameradinnen ihn zum Freund haben will, versucht er sich an etwas jüngeren Mädchen, die ihn nur auslachen und hänseln. Schließlich greift er ein achtjähriges Mädchen und reißt ihm die Kleider herunter, denn das, hat er gehört, muß man tun, wenn man mit einem Mädchen zusammensein will. Jens ist kein Sexualverbrecher, aber er hat die Regeln gebrochen, wird sehr stark gescholten und wird nun seiner eigenen Sexualität gegenüber noch ängstlicher und unsicherer.

Die Sexualerziehung

Wenn der/die Entwicklungsgehemmte aufwächst, übernehmen MitarbeiterInnen in Schulen und Institutionen die Verpflichtung, die Sexualerziehung fortzusetzen. Alle Kinder in Dänemark erhalten Sexualkundeunterricht in der Schule, und diese Unterrichtspflicht, bzw. dieses -recht gilt natürlich auch für SchülerInnen mit Behinderung.

Viele jugendliche und erwachsene Behinderte nehmen ein besonderes gesellschaftliches Angebot wahr, in dem es Aufgabe der Pädagogen ist, den Behinderten mit ihrer Sexualität zu helfen. Um diese MitarbeiterInnen zu entlasten, gaben wir vom Sozialministerium vor einigen Jahren eine Broschüre heraus: "Sexualität - trotz Behinderung" ("Sexualität - uanset handicap"). Sie enthält eine Anleitung für die (pädagogischen) MitarbeiterInnen mit klaren Angaben darüber, was sie dürfen und was nicht. Die Broschüre beschreibt in ihrer Einleitung Sex als einen natürlichen Teil im Leben aller Menschen. Alle - auch Personen mit Behinderungen - haben darum ein Recht auf ein Sexualleben nach ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen, selbstverständlich innerhalb der von der Gesellschaft abgesteckten Grenzen. Das Personal hat daher die Pflicht, den Wohnraum für Behinderte so einzurichten, daß ein Sexualleben möglich wird. Diese Tatsache beinhaltet des weiteren, daß es Pflicht ist, Rahmenbedingungen und Verständnis für den Behinderten zu schaffen, die es möglich machen, daß er/sie sich sexuell entwickelt.

Im Hinblick auf die Behinderten, denen es schwerfällt, ihre Sexualität zu verstehen und zu befriedigen, finden sich in der Broschüre eine Reihe von Vorschlägen und Methoden, wie man ihnen helfen kann. Kurz gesagt darf man, wenn besondere Vorkehrungen getroffen worden sind, dem Behinderten die Masturbation beibringen, zwei Behinderten - sofern sie es wünschen - beim Geschlechtsverkehr helfen, und schließlich ist es aufgrund der Beratung zugelassen, Kontakt zwischen einem Behinderten und einer Prostituierten herzustellen. Es gibt jedoch zwei entscheidende Begrenzungen: Ein Mitarbeiter kann aus ethischen Gründen darum bitten, von der Teilnahme an einer solchen aktiven Sexualerziehung freigestellt zu werden, aber der Betreffende kann nicht freigestellt werden von der Teilnahme an der Erörterung darüber, wie man dem Behinderten am besten helfen kann. Jedes Personalmitglied ist deswegen dazu verpflichtet, das Recht des Behinderten auf seine Form der Sexualität zu akzeptieren. Die zweite Begrenzung liegt darin, daß es niemals sexuelle Beziehungen zwischen Angestellten und BewohnerInnen (einer Einrichtung) geben darf. Es geht ausschließlich um die sexuellen Bedürfnisse des/der Behinderten, und es ist Aufgabe der MitarbeiterInnen zu helfen - nicht, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Diese Anleitung ist nach Beratschlagung und in enger Zusammenarbeit mit der Elternorganisation LEV entstanden, und es ist wichtig zu erwähnen, daß Eltern und Angehörige dem überaus positiv gegenüberstehen. Natürlich haben viele Sorge, ob ihr behindertes Kind nicht mißbraucht wird oder sich selbst dadurch kompromittiert, daß es die gesellschaftlichen Normen verletzt, oder daß ihre Tochter/Angehörige vielleicht schwanger wird; aber die allermeisten wünschen und hoffen, daß auch ihr Kind an der Lebensqualität, die ein befriedigendes Sexualleben ausmacht, teilhaben wird.

Unterschiedliche Bedürfnisse und Entwicklungsstufen

Nicht alle Entwicklungsgehemmten befinden sich auf der gleichen Entwicklungsstufe, auch wenn sie gleichaltrig sind oder in die gleiche Klasse gehen. Es ist daher notwendig, näher zu definieren, von welcher Gruppe man spricht. Durch meine Forschung und Erfahrung fand ich eine Einteilung in 10 verschiedene Entwicklungsstufen angemessen, und zwar so, wie ich sie in meinem letzten Buch "Sexologie" (Sexologi) beschrieben habe. Für diesen Zusammenhang können sie der Einfachheit halber durch vier verschiedene Kategorien erklärt werden:

1. Entwicklungsgehemmte, die kein sexuelles Bedürfnis oder Interesse zeigen

Ein Teil der Entwicklungsgehemmten scheint kein sexuelles Bedürfnis zu haben, und wenn diese Einschätzung richtig ist, sollen sie natürlich auch in Ruhe leben, so wie sie selbst Lust haben. Dennoch ist es wichtig, die Verhältnisse immer sehr gründlich zu untersuchen. Viele dieser Gruppe verstehen ihr sexuelles Bedürfnis nicht unmittelbar - und wenn dann hinzukommt, daß ein sexuelles Bedürfnis auch gar nicht von ihnen erwartet wird, werden sie oft mit einem Verhalten reagieren, das nicht unmittelbar als ein sexuelles interpretiert wird. Schaut man genauer hin, wird man mitunter feststellen können, daß sich hinter Signalen, Gesten und Verhalten dennoch ein großes Sexualbedürfnis versteckt. Dieses ist bloß auf eine falsche oder andere Art und Weise kanalisiert, so daß es als Aggressivität, Gewalt oder selbstschädigende Verhaltensweise auftritt. Es ist wichtig, daß wir genau hinsehen, deshalb sind für professionellen Gebrauch verschiedene Formen von Beobachtungsschemata zur Analyse sexuellen Verhaltens entwickelt worden.

2. Entwicklungsgehemmte, die mit ihrer Sexualentwicklung allein zurechtkommen

Auch unter Entwicklungsgehemmten gibt es Jugendliche, die unter günstigen Bedingungen ihre sexuelle Entwicklung durch suchendes und experimentierendes Verhalten allein bewerkstelligen. Für diese Jugendlichen müssen natürlich sowohl zu Hause als auch in Institutionen und in Schulen die bestmöglichen Rahmenbedingungen gewährleistet sein. Diese könnte man eine "sexualfreundliche Umgebung" nennen, in der die Erwachsenen den Jugendlichen ihr Verständnis und ihren Respekt für die momentane persönliche Entwicklung spüren lassen. Und in der sie sich im übrigen nicht in die Sexualität des Jugendlichen einmischen. Man kann sich für Fragen zur Verfügung stellen, aber darüber hinaus müssen die Jugendlichen in Ruhe gelassen werden; so wie man sich auch niemals negativ zu ihrer körperlichen und gefühlsmäßigen Entwicklung äußern darf.

3. Entwicklungsgehemmte, die lernen können, mit ihrer eigenen Sexualität zurechtzukommen

Alle Kinder sollen natürlich Sexualkundeunterricht erhalten, aber für Entwicklungsgehemmte dieser Kategorie ist ein deutlich konkreterer und umfassenderer Unterricht und ein ebensolches Training notwendig. Die Unterrichtenden müssen im Hinblick auf Terminologie und Nähe oft ihre eigenen Grenzen überwinden, bevor der Entwicklungsgehemmte verstehen kann. Und es ist genauso wichtig, gefühlsmäßige Dinge anzusprechen wie mehr praktische Dinge, bspw. Selbstbefriedigung, Verhütung, Flirt, Partnerschaft etc., zu unterrichten.

4. Entwicklungsgehemmte, denen bei ihrer Sexualität geholfen werden muß

Dies ist ein sehr heikles und schwieriges Gebiet. In einigen Fällen kann es für den Erzieher bzw. Helfer notwendig werden, direkte Anleitung und Hilfe zur Masturbation zu geben oder dem Entwicklungsgehemmten beizubringen, sich sexueller Hilfsmittel wie Attrappen und Massageapparate (auch eine Handbrause kann benutzt werden) zu bedienen. Die Broschüre des Sozialministeriums beschreibt eine Reihe von Methoden, die angewendet werden können, und sie bekräftigt außerdem, daß es immer darum geht, wozu der Klient Lust hat, und nicht, was die Mitarbeiter richtig oder falsch finden. Dies alles bewegt sich natürlich innerhalb der allgemeinen gesellschaftlichen Normen.

Es kann sowohl praktisch als auch ethisch außerordentlich schwer sein, anderen bei der Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse zu helfen, und alle, die sich vor diese Aufgabe gestellt sehen, müssen selbstverständlich sehr gründlich überlegen, was sie tun.

Aber wir haben die Pflicht, Menschen in Not zu helfen.

In vielen Fällen können wir feststellen, daß skurrile Verhaltensweisen, Aggressivität oder auch "Sichkrankstellen" durch sexuelle Frustration hervorgerufen werden. Sobald der/die Behinderte eine zweckmäßige Art und Weise gefunden hat, seine/ihre Sexualität auszuleben, verschwinden die ungewünschten Verhaltensweisen. Es gibt mittlerweile sehr viel Material, das für Unterrichts- und Instruktionsgebrauch hervorragend geeignet ist, aber es wäre wünschenswert, daß noch mehr leicht verständliches Material entwickelt wird. Die vielen Kampagnen gegen AIDS und ungewollte Schwangerschaft werden nämlich nur von einem sehr kleinen Teil der Entwicklungsgehemmten verstanden.

Wo kann man Hilfe bekommen?

Immer mehr Angehörige und Fachkräfte haben heutzutage Verständnis für das Recht von Behinderten auf ein eigenständiges Leben und respektieren gleichermaßen deren Recht auf ein Sexualleben, aber wenn es darum geht zu helfen, fühlen viele sich unsicher. Es ist darum notwendig, sich an eine Stelle wenden zu können, bei der man Rat und Hilfe auf genau die gleiche Art und Weise bekommt, wie man sie auch bei allen anderen Schwierigkeiten erhält; z. B. Krankheit, Seh- und Hörschwierigkeiten usw. Deshalb haben wir eine Spezialausbildung für "Sexualhelfer" begonnen und haben bis jetzt Gruppen sowohl in Dänemark als auch in Norwegen ausgebildet. Diese einjährige, in Kursen verlaufende Ausbildung erhalten Fachkräfte mit einer breiten Erfahrung in praktischer Arbeit.

Die "Sexualhelfer" sollen genau wie die FachberaterInnen sowohl den Entwicklungsgehemmten helfen als auch Eltern und MitarbeiterInnen beraten. Das wäre aber immer noch nicht ausreichend. Auch praktizierende ÄrztInnen, Krankenhauspersonal, Gemeindeschwestern und SachbearbeiterInnen, mit denen die Entwicklungsgehemmten zu tun haben, sollten über Wissen auf diesem Gebiet verfügen und entweder direkt helfen bzw. beraten oder an ExpertInnen verweisen können.

Der Platz der Entwicklungsgehemmten ist nun einmal mitten unter uns, und wir haben alle die Pflicht, ihnen zu helfen - sowohl um ihret- als auch um unseretwillen.

Jörgen Buttenschön

Lyngaskolen

Graham Beils Vej 1

8240 Risskow

Dänemark



[1] Das dänische Wort udviklingshaemmede (wörtl.: Entwicklungsgehemmte) wird hier als umfassender Begriff für Menschen mit einer Entwicklungsverzögerung, Lernbehinderung bzw. einer geistigen Behinderung jeglicher Art verwendet. Wir haben uns hier und im folgenden für die jeweils wörtliche Übersetzung entschieden.

Literaturhinweise

Achilles, Ilse: Was macht Ihr Sohn denn da? Geistige Behinderung und Sexualität. München: R. Piper 1990

Buttenschön, Jörgen: "Sexologi" (Sexologie); ein Buch über die Sexualität entwicklungsgehemmter Menschen, geschrieben für Fachkräfte und Eltern (ISBN-Nr. 87 89 693-04-03), leider noch nicht auf deutsch erschienen.

Kluge, Karl-J. und Sanders, Elisabeth: Köperbehindert und deshalb soll ich anders sein als du? Eine vergleichende empirische Untersuchung. München 1987

Neuer-Miebach, Therese (Hrsg.): Schwangerschaftsverhütung bei Menschen mit geistiger Behinderung - notwendig, möglich, erlaubt? Marburg: Bundesvereinigung Lebenshilfe 1987

Noack,Cornelia und Schmid, Hanna: Sexuelle Gewalt gegen Menschen mit geistiger Behinderung. Eine verleugnete Realität. Stuttgart: VEEMB 1994

Offenhausen, Hermann: Behinderung und Sexualität. Bonn: Reha-Verlag, 3. Aufl. 1995

Radtke, Dinah: " .. wir werden geschlechtslos erzogen ...". In: Clio, Jg. 20, Nr. 41, Okt. 1995 (Schwerpunktheft Sexualität)

Riegel, Uta: Sexualität bei geistig Behinderten. Bonn: Reha-Verlag 1984

Schroeder-Horstmann, Karin: L(i)eben mit Handikap. Körperbehinderte geben Auskunft über ihre Sexualität. Frankfurt 1980

Walter, Joachim: Zur Sexualität Geistigbehinderter - Die Einstellung der Mitarbeiter als Bedingungsrahmen zur Unterdrückung oder Normalisierung in Behinderteneinrichtungen. Rheinstetten 1980

Zärtlichkeit auf Bestellung

Agentur vermittelt Liebesdienst für Behinderte

Doris Arp

Erschienen in: Das Band, Zeitschrift des Bundesverbandes für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V., 1/1996

Ihr Körper erfährt viel Aufmerksamkeit. Anders soll er werden. In unzähligen Therapiestunden wird daran gearbeitet, seine Funktionsfähigkeit zu verbessern. Die Liebe zu ihrem Körper wird Menschen mit einer körperlichen Behinderung so oft gründlich verbaut. Was bleibt, ist die meistens unbefriedigte Sehnsucht nach Lust und Zärtlichkeit. Dem will ein Körperkontaktservice in Wiesbaden Abhilfe schaffen.

Einfach anrufen und sich jemanden ins Haus bestellen. Nicht professionelle Prostituierte, die im besten Fall nur schnelle Befriedigung bieten, sondern jemand, der sich Zeit nimmt. Jemand, der zärtlich ist, der eine stimmungsvolle Atmosphäre schafft. Jemand, der nicht einfach nur mechanischen Sex bietet. Das wünschen sich wohl viele behinderte Menschen. Die Interessensgemeinschaft für Behinderte e.V. (IFB) in Wiesbaden nahm die Sehnsucht ernst. Im vergangenen Herbst richtete die IFB den Körperkontaktservice "Sensis" ein. "Körperbehinderte Menschen haben kaum die Möglichkeit, ihre Sehnsucht nach körperlicher Nähe und Zärtlichkeit zu erfüllen. Für sie erweist es sich häufig als schwierig bis unmöglich, ihre Sexualität zu leben, um so ihre körperliches, geistiges und seelisches Wohlbefinden zu erfahren", heißt es in einem Informationsblatt.

"Sexualität gehört zum Menschsein"

Der 1959 von Eltern gegründete Selbsthilfeverein ist heute ein Dienstleistungsunternehmen, das über 500 behinderte Menschen betreut. Mit Sensis realisiert die IFB ein hierzulande einmaliges Projekt. Ein Liebesdienst als Dienstleistung einer behinderten Einrichtung - da werden Tabus gebrochen. Denn immer noch tun sich die meisten Einrichtungen der Behindertenhilfe schwer, überhaupt anzuerkennen, daß körperliche Lust auch für behinderte Menschen ein ganz normales Gefühl ist.

Für den IFB-Geschäftsführer Wolfgang Groh (37) gehört die Ausübung von Sexualität zum Menschsein. Und da es manchmal, vor allem für schwerstbehinderte Menschen, nicht ohne fremde Hilfe geht, blieben bislang nur Prostitution oder Verdrängung. Und mit dem professionellen Angebot aus dem Rotlichtmilieu hat man in Wiesbaden schlechte Erfahrungen gemacht. "Das lief meistens in fünf Minuten ab - also unbefriedigend. Und ein Bewohner unseres Wohnheims wurde sogar von einem Zuhälter ausgeraubt."

Da die IFB den Anspruch hat, von der Geburt bis zum hohen Alter behinderte Menschen mit allem zu versorgen, was notwendig ist, entschied man sich, die natürlichste Sehnsucht der Welt nicht länger zu verdrängen. Vorbilder fand Wolfgang Groh (37) in den Niederlanden. Dort gibt es schon seit zwölf Jahren eine Selbsthilfegruppe, die sexuelle Dienstleistungen für Behinderte organisiert (siehe Info-Kasten). Allerdings legt er großen Wert darauf, daß Sensis, anders als in den Niederlanden, eine Dienstleistung ist. "Der Kontaktservice ist keine Selbsthilfegruppe, die von Ehrenamtlichen organisiert und geleitet wird, sondern wir versuchen, eine Dienstleistung zu schaffen, genau wie eine Sozialstation, für die man Geld zahlt, für die man aber auch seine Dienste bekommt."

Aber wie findet man Menschen, die eine solche delikate Dienstleistung erbringen können? Auf eine Kleinanzeige im Wiesbadener Kurier meldeten sich über 30 Leute. Fünf Frauen und zwei Männer hielten den Auswahlkriterien des Geschäftsführers und der Yogalehrerin Gudrun Greb stand, die für den Aufbau von Sensis zuständig ist. Gesucht waren starke Persönlichkeiten, die ihre Grenzen kennen und respektieren. Ein gutes Körpergefühl versteht sich von selbst. Gefunden wurden "Leute, die das Problem kennen", sagt Wolfgang Groh: "Sie haben alle schon Erfahrungen mit Behinderten. Entweder aus dem beruflichen Bereich oder in der Familie. Sie finden es gut, daß es endlich eine Einrichtung gibt, die sich darum kümmert. Ihre Motivation ist eine Mischung aus Helfen wollen und auch dafür Geld bekommen."

Befriedigung auf Krankenschein?

In einer mehrwöchigen Schulungsphase wurden sie auf ihre Aufgabe vorbereitet. Sie lernten die verschiedenen Behinderungsformen kennen, in Rollenspielen bearbeiteten sie ihre Ängste und Unsicherheiten, sie übten das Aus- und Anziehen von Rollstuhlfahrern. Entscheidend, so betont Gudrun Greb, sei eine freundschaftliche Atmosphäre. "Es kommt oft gar nicht so sehr auf die sexuelle Befriedigung an. Manchmal ist Zärtlichkeit, Kontakt, das Gefühl angenommen zu werden, viel wichtiger." Sie rät den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern deshalb zu Duft- und Massageölen, zu Kerzen und Musik als Stimmungsmacher.

Was sie während des Besuchs miteinander machen, bleibt den Beteiligten jeweils selbst überlassen. Ein Anrecht auf den Geschlechtsverkehr gibt es jedoch nicht. Auch wer einfach nur gestreichelt werden möchte, soll bedient werden. Nur eins steht fest:

Nach 45 Minuten ist Schluß. Mehr könnte die Mitarbeiter zu sehr belasten, fürchtet die Organisatorin. Daß sich in der kurzen Besuchszeit kaum eine echte Beziehung aufbauen läßt, ist Teil des Konzepts. Sollte sich dennoch jemand verlieben, oder darüber hinwegtäuschen, daß dies alles im besten Fall eben doch nur eine gut gemachte Dienstleistung ist, stehen den Kunden Psychologen und den Mitarbeitern Supervision zu Verfügung.

Ein Besuch kostet 130 Mark. Das ist der Monatslohn von vielen Werkstatt-Mitarbeitern. Eine echte Alternative ist Sensis also nur für wenige. Doch Wolfgang Groh hofft, daß zumindest in Einzelfällen das Sozialamt oder die Krankenkassen zahlen. Außerdem hat er schon neue Pläne. Er will den Kontaktservice möglichst bald auf solide Füße stellen. Statt der freien Mitarbeiter möchte er mit festangestellten Liebesdienstanbietern arbeiten.

Bis dahin muß sich erst noch zeigen, ob der Kontaktservice auch wirklich angenommen wird. Noch ist Sensis in der Kennlernphase. Bislang haben den Dienst nur wenige genutzt. Besonders zögerlich reagieren Frauen auf das Angebot. "Sie trennen Sexualität weniger von Partnerschaft und Liebe", vermutet Wolfgang Groh. Ausgeschlossen von Sensis Liebesdienst sind Menschen mit einer geistigen Behinderung. Wolfgang Groh erklärt dies mit rechtlichen Problemen: "Wenn Mehrfachbehinderte oder geistig Behinderte uns rufen, muß das vorher von dem Arzt abgesegnet werden. Da müssen wir uns rechtlich absichern, ob derjenige, der uns ruft, auch die Verantwortung dafür übernehmen kann. Uns könnte sonst der Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs gemacht werden."

Die Resonanz sei "abwartend interessiert" von Seiten anderer Einrichtungen der Behindertenhilfe. Einige hätten Konzepte angefordert, um eventuell ähnliches aufzubauen. Uneingeschränktes Interesse erfährt der Kontaktservice von den Medien. Tageszeitungen, der Spiegel, Die Zeit, sogar das Fernsehen stürzen sich auf das Thema. Dieser Erfolg ist Sensis also sicher: Er macht eine breitere Öffentlichkeit endlich sensibel für das Thema Sexualität und Behinderung.

VORBILD IN DEN NIEDERLANDEN

Schon seit 12 Jahren gibt es in den Niederlanden eine Selbsthilfegruppe, die sexuelle Dienstleistungen für Behinderte organisiert. Inzwischen arbeitet SAR (Stichting Alternatieve Relatiebemoddeling) landesweit mit 17 Mitarbeitern. Die telefonische Koordination der Kontrakte übernimmt der selbst behinderte Gründer der SAR. Er arbeitet ehrenamtlich, die Einrichtung erhält keine Zuschüsse. Die Regierung besteht darauf, daß Sexualität den Staat nichts angehe und deshalb auch nicht unterstützt werde. Die Kunden müssen die etwa 130 Mark selbst zahlen. In Einzelfällen sollen aber auch die Krankenkassen schon gezahlt haben. SAR vermittelt etwa 1500 Kontakte im Jahr; zu 95% Prozent an männliche Kunden.

Kontakt:

Behindertenbeauftragte; Karl Finke; Postfach 141; 30001 Hannover

Quelle:

Karl Finke: Behinderte Liebe. Wie l(i)ebe ich als behinderte Frau/behinderter Mann in dieser Gesellschaft?

Herausgegeben vom Behindertenbeauftragten des Landes Niedersachsen, Schriftenreihe Band 17

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 01.03.2005

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