„... mit Krankentransporten und Krankenwagen ins Reich abgewandert“

AutorIn: Maria Fiebrandt
Themenbereiche: Medizin
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: erschienen in: E. Dietrich Daum, H.J.W. Kuprian, S. Clementi, M. Heidegger, M. Ralser (Hg.): Psychiatrische Landschaften. Die Psychiatrie und ihre Patientinnen und Patienten im historischen Raum Tirol seit 1830. innsbruck university press 2011, S. 165-171.
Copyright: © Dietrich-Daum et al. 2011

Abbildungsverzeichnis

    Anmerkung zum Titel

    Tiroler Landesarchiv (TLA), Der Gauleiter und Reichsstatthalter in Tirol und Vorarlberg (Reichsstatthalter), Dienststelle Umsiedlung Südtirol (DUS), Nr. 56, Schreiben Dr. Springers an die Stabsleitung der Dienststelle Umsiedlung Südtirol (DUS), o. D., unpag.

    Das Schicksal der Südtiroler PsychiatriepatientInnen im Rahmen der Umsiedlung 1939–1943

    Zahlenmäßig betrachtet stellten psychisch und physisch Kranke innerhalb der Gruppe der Südtiroler UmsiedlerInnen, die gemäß der deutsch-italienischen Vereinbarung vom 23. Juni 1939 „Heim ins Reich“ geholt werden sollten, nur einen kleinen Anteil dar. Trotzdem offenbart sich gerade am Beispiel der Umsiedlung dieser Personengruppe der Kern der NS-Umsiedlungspolitik, die auf eine totale Erfassung aller UmsiedlerInnen und eine rassenhygienisch begründete „Aussonderung“ der als „erbkrank“, „unerwünscht“ oder „minderwertig“ betrachteten Menschen zielte. Welche Formen diese „Aussonderung“ annehmen konnte, lässt sich mit Blick auf die bis 1939 im Deutschen Reich etablierte Gesundheitspolitik erahnen, die bereits tausendfach Zwangssterilisationen zur Folge gehabt hatte und in deren Rahmen 1939 die Tötung psychisch Kranker organisiert wurde. Mit ihrer Umsiedlung ins Deutsche Reich drohte den SüdtirolerInnen nun die Einbeziehung in diese Gesundheitspolitik. Die Frage, ob und in welcher Form sie tatsächlich auch Opfer dieser wurden, soll nachfolgend beantwortet werden. Dabei muss zwischen den in psychiatrischen Einrichtungen untergebrachten psychisch Kranken und den in ihren Familien lebenden, nicht-psychiatrisierten Kranken unterschieden werden.

    Die Umsiedlung nicht-psychiatrisierter Kranker

    Die Erfassung einzelner, in ihren Familien lebender Kranker glich jener aller ausreisewilligen SüdtirolerInnen. Sie bzw. das Familienoberhaupt waren aufgefordert, bis zum 31. Dezember 1939 bei der für ihren Heimatort zuständigen Zweigstelle der „Amtlichen Deutschen Ein- und Rückwandererstelle“ (ADERSt) einen Abwanderungsantrag zu stellen. In diesem mussten u.a. auch „dauernde körperliche Leiden und ansteckende Krankheiten“ angeführt werden. Die ADERSt ergänzte und überprüfte schließlich die Angaben und holte gegebenenfalls ein ärztliches Gutachten ein. Die Umsiedlung der Kranken erfolgte dann zumeist in separaten Transporten. Ziel dieser Krankentransporte war zunächst Innsbruck, wo die „Dienststelle Umsiedlung Südtirol“ (DUS) ihren Sitz hatte. Aufgabe der DUS war es, die Einbürgerung aller aus Südtirol eintreffenden UmsiedlerInnen vorzunehmen. Zu diesem Zweck mussten alle SüdtirolerInnen diese Dienststelle passieren und verschiedene Abteilungen, darunter auch eine gesundheitliche Betreuungsstelle, aufsuchen. Die psychisch kranken SüdtirolerInnen wurden dort erneut untersucht und dann entweder zur Beobachtung in die Psychiatrisch-Neurologische Klinik Innsbruck überwiesen, oder in die nahe gelegene Heilanstalt Hall gebracht. Allein nach Hall wurden in den Jahren 1940 bis 1943 über 700 Südtiroler UmsiedlerInnen eingewiesen, wobei die meisten zuvor nie dauerhaft in Anstaltsbehandlung gewesen waren, sondern erst durch die Umsiedlung „psychiatrisiert“ wurden. In Hall gerieten sie schon bald in das Räderwerk der NS-Gesundheitspolitik, denn zeitlich parallel zu den Einweisungen der SüdtirolerInnen nach Hall begannen auch die Vorbereitungen zur Einbeziehung der Heilanstalt in die „Aktion T4“, in deren Rahmen vor allem PatientInnen aus den Heil- und Pflegeanstalten des Deutschen Reiches in speziell dafür vorgesehenen Tötungsanstalten umgebracht wurden.

    Im Dezember 1940 trafen in Hall die Listen der in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz zu verlegenden PatientInnen ein, darunter auch die Namen von fünf Südtiroler UmsiedlerInnen. Von den 290 zur Vernichtung vorgesehenen PatientInnen aus Hall wurden schließlich 179 am 10. Dezember 1940 nach Hartheim gebracht. Die Südtiroler UmsiedlerInnen waren nicht darunter. Diese waren nämlich bereits am 1. November 1940 in die württembergische Heilanstalt Schussenried verlegt worden. In Schussenried, welches ebenfalls in die Krankenmorde einbezogen worden war, drohte ihnen jedoch keine Verlegung in eine Tötungsanstalt mehr, da der letzte „T4“-Transport in die württembergische Tötungsanstalt Grafeneck am Tag der Ankunft der SüdtirolerInnen erfolgt war. Nach Schussenried waren aber nicht nur die fünf auf der „T4“-Transportliste stehenden UmsiedlerInnen verlegt worden, sondern insgesamt 112 SüdtirolerInnen aus Hall sowie weitere PatientInnen aus der Psychiatrisch-Neurologischen Klinik in Innsbruck und pflegebedürftige alte SüdtirolerInnen aus drei zu Pflegeheimen umfunktionierten Hotels in Innsbruck.

    Abbildung 1. Abb. 54: Die Vorbereitung der Passkontrolle am Brenner während der Zugfahrt (1940)

    Foto von zwei Männern in einem Zug die ein Formular
ausfüllen

    Die Aufnahme in Schussenried war von zahlreichen Unzulänglichkeiten gekennzeichnet. So mussten die SüdtirolerInnen in einen Sonderzug der Lokalbahn umsteigen bzw. „umgeladen“ werden, um in die Heilanstalt gebracht werden zu können. Nach Angaben des Deutschen Roten Kreuz-Personals wurden

    die Lahmen […] aus dem Waggon gezerrt, stiessen [sic!] bald da, bald am Trittbrett an und landeten endlich nach einem schauerlichen Tragen durch den strömenden Regen in einem eiskalten Viehwagon der Kleinbahn, wo sie auf das Stroh […] gelegt wurden.“[1]

    Während des Zugwechsels kam es dazu, dass die PatientInnen, die zunächst nach „altersschwachen“ und „geisteskranken“ getrennt transportiert worden waren, „in dem Sonderzug der Lokalbahn [...] schon zum Teile durcheinander [kamen].[2] Vor allem die Tatsache, dass auch mehrere Tage nach dem Eintreffen die „altersschwachen“ SüdtirolerInnen gemeinsam mit den psychisch Kranken untergebracht waren, führte in der Folgezeit zu zahlreichen Protesten der Angehörigen und der DUS. Erst fast ein Jahr später, im Oktober 1941, wurden die „altersschwachen“ SüdtirolerInnen schließlich in die zuvor aufgelöste und zum Altersheim für SüdtirolerInnen umfunktionierte bayerische Anstalt Neuendettelsau verlegt. Die in Schussenried verbliebenen psychisch kranken SüdtirolerInnen und die am 10. und 11. März 1942 neu aus Hall eingetroffenen 67 Südtiroler PatientInnen teilten das Schicksal ihrer MitpatientInnen, welches vor allem geprägt war von Mangelernährung, von schlechter medizinischer Versorgung, von Überbelegung und von Krankheiten. Bis zum Mai 1945 verstarben 41 der 112 im November 1940 nach Schussenried verlegten SüdtirolerInnen, und von den im März 1942 aus Hall überstellten 67 Menschen erlebten 17 das Kriegsende nicht. Diese relativ hohe Sterblichkeit dürfte vor allem auf die Versorgungssituation zurückzuführen sein. Systematische Krankentötungen durch Medikamente sind bisher nicht bekannt. Viele der SüdtirolerInnen verstarben lange nach Kriegsende, einige wurden gebessert entlassen, in den wenigsten Fällen aber gelang eine Rückführung nach Südtirol zu dort lebenden Angehörigen.



    [1] TLA, Reichsstatthalter, DUS, Nr. 58, Tatsachenbericht zum Transport von 190 geisteskranken und siechen Südtiroler Umsiedlern nach Schussenried am 1. 11.1940, sowie Reisebericht über den Krankentransport von Innsbruck nach Schussenried am 1. 11.1940 von Dr. Helm, o. D., unpag.

    [2] Ebenda.

    Die Umsiedlung der Südtiroler PsychiatriepatientInnen aus der Anstalt Pergine

    Im Mai 1940 wurden im Rahmen eines großen Krankentransportes 299 Südtiroler PatientInnen aus der Anstalt Pergine, nahe Trento, in die württembergische Heilanstalt Zwiefalten „umgesiedelt“. Die meisten PatientInnen stammten aus Pergine, andere waren erst wenige Tage vor dem Abtransport nach Zwiefalten aus den Anstalten Stadlhof, Nomi, Gemona und Udine dorthin verlegt worden. Anders als bei den nicht-psychiatrisierten Kranken spielte bei der Umsiedlung der PsychiatriepatientInnen die Option, d.h. die Entscheidung für die deutsche oder die italienische Staatsbürgerschaft und damit für die Umsiedlung ins Deutsche Reich bzw. den Verbleib in Italien, eine untergeordnete Rolle. Dies war dem Umstand geschuldet, dass diese PatientInnen formal gar nicht optionsberechtigt waren. Normalerweise hätte in diesen Fällen ein Vormund den Abwanderungsantrag stellen müssen, was allerdings nur in den wenigsten Fällen geschah. Die Anträge wurden schließlich von den Heimatgemeinden, Angehörigen oder der ADERSt ausgefertigt. Eine Überprüfung durch die DUS und eine damit einhergehende Einbürgerung der PatientInnen erfolgte nicht. Ein Grund für dieses Vorgehen war, dass die beteiligten Dienststellen großes Interesse an einer schnellen Abwicklung des Transportes hatten. Dies wird auch durch die unzureichende Vorbereitung der Übergabe der Kranken deutlich. So waren die PatientInnenakten nicht übersetzt worden, was eine reibungslose ärztliche Betreuung der Kranken nach ihrer Ankunft in Zwiefalten wesentlich erschwerte.

    Abbildung 2. Abb. 55: „Einwaggonierung“ der Kranken am 26. Mai 1940 in Pergine

    Fotographie mehrerer Menschen vor einem Kleinbus

    Der Krankentransport selbst verlief laut Bericht des Beauftragten der Reichsärztekammer, Dr. Walther Simek, ohne größere Probleme. Der Sonderzug für die 299 PatientInnen aus Pergine umfasste „5 Waggons zweiter Klasse, einen Rot-Kreuz-Wagen und einen Gepäckwagen.“ Am 26. Mai 1940 um 1.15 Uhr wurde mit der „Einwaggonierung“ der PatientInnen begonnen und um „8.45 abends“ traf der Zug in Zwiefalten ein, wo er vom Direktor der Anstalt, Dr. Alfons Stegmann, und KrankenwärterInnen in Empfang genommen wurde. Gegen „10.30 abends war die Auswaggonierung“ nach über 21 Stunden (!) beendet.[3] So präzise diese organisatorischen Details auch erscheinen mögen, sie täuschen letztlich nur über eine Reihe von Problemen hinweg. So gab es vor allem beim „Auswaggonieren“ der Kranken, die laut Stegmann „hinfällig“ und „z.T. überaus erregt“ waren, zahlreiche Schwierigkeiten.[4] Auch die Unterbringung der PatientInnen war keineswegs zufrieden stellend geregelt, standen doch für etwa 110 männliche Kranke lediglich Matratzen anstelle von Betten zur Verfügung. Dies war nicht zuletzt Folge der drastischen Überbelegung der Anstalt, die im Rahmen der „Aktion T4“ die Funktion einer Zwischenanstalt hatte und deswegen über tausend Kranke vor ihrer Verlegung nach Grafeneck kurzzeitig aufnahm. Der Verdacht, die SüdtirolerInnen seien nach Zwiefalten verlegt worden, um nach einem kurzen Aufenthalt weiter in die Tötungsanstalt Grafeneck verlegt zu werden, liegt nahe. Allerdings wurde keine bzw. keiner der aus Pergine stammenden PatientInnen Opfer der „Aktion T4“. Vielmehr wurden drei anscheinend irrtümlich nach Grafeneck verlegte Südtiroler auf Grund ihrer Herkunft wieder nach Zwiefalten zurückverlegt.

    Allerdings war die Sterblichkeit unter den SüdtirolerInnen enorm hoch. Bereits wenige Tage nach dem Eintreffen des Transportes waren die ersten Todesfälle zu verzeichnen, was auf die Strapazen der Verlegung zurückzuführen sein dürfte. Auch in der Folgezeit häuften sich die Todesfälle, so dass bis zum Mai 1945 etwa die Hälfte der 299 PatientInnen verstorben war. Die hohe Sterblichkeit war allerdings kein Einzelphänomen der SüdtirolerInnen, sondern sie betraf alle PatientInnen gleichermaßen. Neben der unzureichenden Versorgung, der schlechten Unterbringungssituation sowie Tuberkulose war diese auch auf die gezielte Überdosierung von Beruhigungsmitteln zurückzuführen. Nach Angaben eines Südtiroler Patienten waren die SüdtirolerInnen aber auch von dieser zweiten Phase der NS-„Euthanasie“ ausgenommen, wobei einzelne Tötungen nicht ausgeschlossen werden können. Anhand der Akten lassen sich reale von fingierten Todesursachen nur schwer unterscheiden.

    Nicht alle der überlebenden SüdtirolerInnen blieben bis zum Kriegsende ununterbrochen in Zwiefalten. 26 wurden nach Schussenried verlegt, weitere 75 am 6. Juli 1940 in die württembergische Heilanstalt Weissenau. Die Sterblichkeit war auch hier sehr hoch. Von einer gezielten Ermordung der Südtiroler PatientInnen, die im Zuge der Umsiedlung in das Deutsche Reich gelangten, kann demnach nicht gesprochen werden. Dennoch gab es einzelne Fälle, in denen auch SüdtirolerInnen Opfer der NS-„Euthanasie“ wurden. So wurden zehn Südtiroler Kinder, die in das St. Josefs-Institut in Mils (Tirol) gebracht worden waren, Opfer der „Kindereuthanasie“. Sie wurden im August 1942 von Mils in die „Kinderfachabteilung“ der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren verlegt. Dort verstarben alle zehn Kinder noch vor Kriegsende, an fünf von ihnen waren zuvor TBC-Impfexperimente durchgeführt worden. Eine weitere Ausnahme stellten die bereits lange vor der Umsiedlung in Hall untergebrachten SüdtirolerInnen dar. Sie waren zwar in Südtirol geboren, befanden sich zum Teil aber bereits seit mehr als zehn Jahren in Hall in Behandlung. Über zehn dieser in Südtirol geborenen PatientInnen wurden Opfer der Krankenmorde, einige wenige wurden jedoch auch mit der Bemerkung „italienischer Staatsbürger“ zurückgestellt.

    Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass von einer zielgerichteten Einbeziehung der SüdtirolerInnen in die NS-„Euthanasie“ im Rahmen der Umsiedlungsaktion nicht gesprochen werden kann. Die Mehrheit der Südtiroler Kranken war von den Mordaktionen ausgenommen. Viele von ihnen wurden allerdings Opfer unmenschlicher Lebensbedingungen, die während des Krieges in den Anstalten des Deutschen Reiches herrschten.

    Quelle

    Maria Fiebrandt: erschienen in: E. Dietrich Daum, H.J.W. Kuprian, S. Clementi, M. Heidegger, M. Ralser (Hg.): Psychiatrische Landschaften. Die Psychiatrie und ihre Patientinnen und Patienten im historischen Raum Tirol seit 1830. innsbruck university press 2011, S. 165-171.

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 05.03.2015



    [3] Vgl. Bundesarchiv Berlin, R 49/2265, Bericht Simeks über den Transport Pergine – Zwiefalten, S. 12, 14.

    [4] Zentrum für Psychiatrie Zwiefalten, Ordner Südtiroler, Bericht Stegmanns über die Übernahme von deutschstämmigen Geisteskranken aus oberitalienischen Heilanstalten, 29.5.1940.

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