Ich habe mich entschlossen, nicht hinzugehen

AutorIn: Georg Feuser
Themenbereiche: Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Gedanken zum Ersten - Europäischen - Kongress zum Thema "Normalisierung - eine Chance für Menschen mit geistiger Behinderung" vom 14.-18. Oktober 1985 in Hamburg; Veröffentlicht in: BEHINDERTENPÄDAGOGIK, 25. Jg., Heft 1 /1986, Seite 56-60
Copyright: © Georg Feuser 1986

Ich habe mich entschlossen, nicht hinzugehen

Man hat berechtigt auf den Kongress gespannt sein dürfen, denn schließlich stand erstmals - und europaweit - getragen durch die Bundesvereinigung "Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V.", das Thema "Normalisierung" an, ein Thema, an dem man nicht nur als Wissenschaftler und Hochschullehrer mit einer Stelle, die lautet: "Didaktik und Integration bei Geistigbehinderten", interessiert ist, sondern vor allem unter dem Aspekt, dass man einiges dazu beizutragen versucht, die gemeinsame Erziehung und Bildung behinderter und nichtbehinderter Kinder (bekannt unter dem Stichwort: "Integration") ohne den oft all zu selbstverständlichen Ausschluss Geistigbehinderter zu realisieren.

Schon der das Programmheft begleitende Handzettel mit dem Datum vom Februar 1985, gezeichnet vom Kongresspräsidenten, Herrn Tom Mutters, verspricht in der 2. Zeile, dass man bemüht war, "attraktive Themen und gute Referenten zu finden". Im 2. Abschnitt hieß es: "Ganz besonders freuen wir uns auf unsere geistig behinderten Gäste." Ferner ist man bemüht, "dass geistig behinderte Teilnehmer aus möglichst allen europäischen Ländern die Gelegenheit haben, in Hamburg dabeizusein."

Dennoch beschwört diese flüssig zu lesende, gut gestaltete Einladung erste Gedanken und Fragen herauf. Es geht thematisch um die "Normalisierung" der Lebenssituation geistigbehinderter Menschen, und sie sind als "Gäste" dabei! Was ist das für ein Status? Bin auch ich, würde ich zum Kongress gehen, Gast oder regulärer Teilnehmer mit der Freiheit der Auswahl der Veranstaltungen, die ich hören möchte, und zu diskutieren, wo und mit wem ich es für erforderlich halte?

Die Teilnehmerzahl ist auf 2 500 begrenzt. Die Zahl der behinderten Teilnehmer auf 250 (ohne ihre Begleiter); sie liegt also bei genau 10%! Wie das?

Ich überlege ob es nicht auch denkbar gewesen wäre, die Gesamtteilnehmerzahl festzusetzen und, ob behindert oder nicht, wenn die Zielzahl erreicht ist, Anmeldungen nach dem Eingangsdatum zu berücksichtigen - für Behinderte wie Nichtbehinderte in gleicher Weise. Wäre das nicht ein Grad von Normalisierung gewesen?

Die, um die es eigentlich geht sind also auf 10% der Teilnehmer reduziert und haben die Rolle und Funktion des Gastes. Aber: Beim Weiterblättern im Programm lese ich, dass während der Anmeldung der Teilnehmer im Kongreßzentrum am Sonntag, dem 13. Oktober, in der Zeit von 16 - 20 Uhr im Foyer die Möglichkeit zum zwanglosen Kennenlernen und erster Information besteht, während eine Behinderten-Band für die musikalische Umrahmung sorgt (S. 14).

Am darauffolgenden Montag steht die Eröffnungsveranstaltung an. Auch sie wird durch Darbietungen von Gruppen geistig Behinderter umrahmt (S. 14). Mit Beginn des eigentlichen Kongresses am selben Nachmittag gibt es dann "alternative Angebote für geistig behinderte Teilnehmer" (also doch Teilnehmer und nicht Gäste?), die dazu in kleinen, überschaubaren Gruppen bis zu 10 Teilnehmern zusammengefasst werden. Ab 16 Uhr ist für die Teilnehmer an den alternativen Angeboten (also Nichtbehinderte nicht ausgeschlossen? - oder nur eingeschlossen solche, die Behinderte betreuen?) dann eine Disco (nein, nicht etwa im Hamburger Kongreßzentrum!) in einer Hamburger Werkstatt für Behinderte (S. 15)! Alternative Angebote für die behinderten Gäste/Teilnehmer begleiten den Kongress. Am Freitag, nach dem Schlusswort von Herr Mittler, wird der "fröhliche Ausklang durch Menschen mit geistiger Behinderung" gestaltet. Ich bin auf Seite 24 des Programms angelangt, lehne mich zurück und wehre eine grausame Assoziation ab, die sich mir aufdrängt: Besucher strömen in einen Zoo und bringen ihre Affen mit. Wenn sie ihnen aus irgendwelchen Gründen lästig werden, aber auch, weil sie es gut haben sollen und damit sie angemessen behandelt werden geben sie diese mit ihren Wärtern in besondere Gehege, damit sie sich unter ihresgleichen wohl fühlen können. Zum Schluss sammelt man sie wieder ein und erfreut sich abschließend an ihren tollen Spielen.

Ich kneife mich, um mich für diese Gedanken selbst zu bestrafen, beginne an meinem Verständnis von "Normalisierung" zu zweifeln und suche Rat bei den einführenden Grußworten, denn dort muss deutlich werden, was man meint und will.

Der Herr Bundespräsident betont als Schirmherr des Kongesses dass "Wege aufgezeigt werden sollen, wie Chancen erweitert und verbessert werden können, um behinderten Menschen zu einem möglichst normalen Leben mit und unter uns zu verhelfen". Ich finde das ehrlich, weil damit selbst vom Herrn Bundespräsidenten ausgesagt wird, dass diese Lebensrealität für Geistigbehinderte nicht besteht. Er meint, dass dazu "in erster Linie die direkte Begegnung" gehört, dass "Behinderte nicht abgekapselt werden, sondern in der Gemeinschaft mit uns leben, und begrüßt es, dass an der Tagung euch behinderte Menschen teilnehmen". Ich spüre den Geruch des "Auch-Menschen", den der Geistigbehinderte nicht los wird, und frage mich, ob der Herr Bundespräsident das Programm des Kongresses, für den er Schirmherr ist genau gelesen hat und auch die Bedingungen der Teilnahme für Behinderte kennt. Bis zum 30.06. zahlen behinderte Kongressteilnehmer eine Gebühr von 95 DM, andere Personen 190 DM (also nicht 10% der Kongressgebühr, das wären 19 DM, z.B. gemäß der 10 prozentigen Beteiligung). Ich rechne: Setze ich das "Taschengeld", das ein geistig behinderter Arbeiter monatlich in einer WfB erhält (dabei fällt mir ein, dass Behinderte und Strafgefangene ohne tarifliche Entlohnung jährlich Milliarden erwirtschaften) in Relation zu den 95 DM Kongressgebühren, die er zu bezahlen hat, und setze das in Relation zu meinem Gehalt ... , mein Kongressbeitrag wäre astronomisch hoch. Ich rechne anders: Zahlt der Geistigbehinderte die Hälfte Tagungsgebühr als ich, dann müsste er auch die Hälfte meines Gehaltes monatlich zur Verfügung haben. Ich bin glücklich, diese Lösung gefunden zu haben, bezweifle aber, ob man das, wenn ich dies fordere, unter Normalisierung verstehen würde - es bleiben Zweifel!

Ich tappe in die nächste Falle: Die Betreuer der geistigbehinderten Gäste/Teilnehmer brauchen, melden sie sich mit ihnen an, keine Kongressgebühr zu bezahlen; nicht einmal eine ermäßigte. Wer also durch seine direkte Arbeit mit Geistigbehinderten verdient, hat freien Zutritt zum Kongress! Ich strauchle wieder. Wer bedarf der Normalisierung? Es ist anscheinend nicht normal, einen geistigbehinderten Menschen zu betreuen und von dem Lohn, den man für diese Arbeit erhält, eine Kongressgebühr bezahlen zu müssen - und: Welchen Status haben diese Leute? Sie sind nicht Teilnehmer, nicht Gäste - also Betreuer! Ich verstehe: Weil man anscheinend von keinem normalen Menschen verlangen kann (noch dazu am Wochenende), mit einem geistigbehinderten Menschen auf einen Kongress zu gehen, will man großzügig sein und die menschliche Größe, die der Betreuer darin zum Ausdruck bringt, honorieren - durch Erlass der Kongressgebühr. Wie menschlich und normal. Mir kommen Worte von Franz CHRISTOPH in den Sinn: Es ist normal, dass Behinderte nicht normal sind! - das stellen die 90 %Nichtbehinderten über die 10 % Behinderten fest.

Die Widersprüche, über die ich bei der Lektüre des Programms stolperte, sagen mir deutlich, dass man mit der Christoph-Formel eigentlich einverstanden ist und alles so belassen will, denn sonst müsste man "Normalisierung" für die Betroffenen doch zumindest auf einem Kongress mit diesem Thema zulassen und größtes Interesse daran haben, Vorbild zu sein. Aber anscheinend hält man es nicht einmal für erforderlich, einen glaubhaften Anschein dessen zu erwecken.

Ich lese weiter im Grußwort des Präsidenten der Internationalen Liga von Vereinigungen für Menschen mit geistiger Behinderung, Herrn Prof. Dr. Mittler, und der Ehrenpräsidentin des Kongresses, Frau Dr. Dybwad. Sie schreiben: "In der Zeit schwindender Mittel und weltweiter Rezession ist es wichtiger denn je dass wir unser Wissen, unser Können und unsere Erfahrungen austauschen und teilen" (S. 6). Wieso? Ich denke, dass Austausch von Wissen und Können, dass wir "voneinander lernen" und einander etwas geben können, immer wichtig ist, und glaube hätte man es in "besseren Zeiten" getan, würde man sich jetzt einig sein, klar und mit allem Nachdruck zu verdeutlichen, dass hier eine weltweite Rezession auf dem Rücken von Kürzungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Soziales und durch Arbeitslosigkeit zu sanieren versucht wird, also dadurch, dass man den Ärmsten den Rest dessen nimmt, was eine humane Existenz sichert, und nicht gewillt ist, Gelder umzuverteilen und eine längst sinnlos gewordene Rüstung auch nur zu begrenzen.

Sie beklagen, dass vielen noch immer der Zugang zu all dem verwehrt wird, was anderen in ihrem kommunalen Umfeld zur Verfügung steht: die gemeinsame Erziehung mit Nichtbehinderten, die Vorbereitung auf einen Beruf u.a.m. Warum beklagen sie es und fordern es nicht? Sie sind doch Präsidenten einer internationalen Liga!

Der Kongresspräsident, Herr Mutters, erhofft sich "mit Ihrer aller Hilfe und durch gemeinsame Überlegungen mit unseren geistigbehinderten Mitmenschen selbst wichtige Impulse für die erfolgreiche Bewältigung der noch vor uns liegenden Wegstrecke" (S. 8). Ob dies mit Alternativveranstaltungen und Disco zu erreichen ist?

Für das Programm-Komitee bleibt Prof. Dr. Thimm mit seinen Erwartungen auf praktische Anwendung des Normalisierungsprinzips, was nur gelingen kann, wenn "die Veranstaltung selbst unter dem Normalisierungsgedanken gestaltet wird, d.h., wenn geistig behinderte Menschen am Kongress teilnehmen" (S. 12), auf der Strecke. Hat er sich selbst den Boden dafür entzogen, wurde er ihm entzogen, oder begreife ich das Normalisierungsprinzip noch immer nicht?

Ich werde nachdenklich und kritisch, was das "Normalisierungsprinzip" betrifft. Es suggeriert anscheinend, zwar einerseits, wie BANK-MIKKELSEN fordert, den geistig Behinderten ein so normales Leben wie möglich zu gestalten, aber das "so normal wie möglich" scheint so verstanden zu werden, dass es eben nur so weit gehen darf, dass wir Nichtbehinderte uns nicht zu verändern haben! Und das gilt letztlich auch für die Gepflogenheiten eines Kongresses wie für den Begriff der "geistigen Behinderung" selbst. "Normalisierung" ohne einschneidende Revision des Begriffes der "geistigen Behinderung" und des ihm impliziten Menschenbildes vom Geistigbehinderten, worauf kein Vortrag des Kongresses verweist, ist von vornherein eine verlorene Sache, denn reine Anpassung des Geistigbehinderten an die Nichtbehinderten will sie ja nicht sein. Gibt es etwas dazwischen? Vielleicht ja: Die Integration und Normalisierung aller Behinderten, nur der Geistigbehinderten und z. B. der Autisten und Schwerbehinderten nicht. Sie bedürfen, wie man meint, der Sondereinrichtungen als eine ihnen adäquate Lebenswelt. Nur: Wir definieren, dass dies für sie adäquat sei! Dabei verleugnen wir die anscheinend doch nur vorgeschobene Position wieder, dass alle Menschen die gleichen Grundbedürfnisse haben. Wie soll es anthropologisch und entwicklungspsychologisch gesehen einem Menschen adäquat sein, segregiert zu werden?

Ich gehe zu meiner Integrationsarbeit zurück. Eines habe ich aus ihrer Praxis bitter gelernt: Integration - auch nur und schon - im Sinne der gemeinsamen Erziehung und Bildung behinderter und nichtbehinderter Kinder in Kindergarten und Schule bedeutet die "Normalisierung" der Lebensweise, des Denkens, Handelns und Bewußtseins von uns sogenannten "Normalen" im Sinne unserer Humanisierung durch eine endgültige bewußtseinsmäßige Entnazifizierung und Brandmarkung der Ideologie des Sozial-Darwinismus und Rassismus. Also: Nicht eine Ermöglichung der Teilhabe Behinderter an unserer inhumanen, perversen bis paranoiden Gestaltung von Erziehung, Bildung, Arbeit, Leben und Welt ist anzustreben, sondern unsere Verpflichtung auf demokratische und humane Normen. Wenn wir die Erziehung und Bildung, die Arbeit und unser Zusammenleben nach diesen Maximen gestalten, brauchen wir von "Normalisierung" und "Integration" nicht mehr zu reden. Solange wir es nicht tun, wird beides misslingen oder Alibi bleiben - wie sehr dies der Fall sein kann, zeigt allein der Versuch, einen internationalen Kongress mit Behinderten zu gestalten.

Quelle:

Georg Feuser: Ich habe mich entschlossen, nicht hinzugehen

Erschienen in: BEHINDERTENPÄDAGOGIK, 25. Jg., Heft 1 /1986, Seite 56-60

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Stand: 07.11.2006

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