Aspekte einer Kritik des Verfahrens des "erzwungenen Haltens" (Festhaltetherapie) bei autistischen und anders behinderten Kindern und Jugendlichen

AutorIn: Georg Feuser
Themenbereiche: Therapie
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in Behindertenpädagogik, Heft 2, Mai 1988, 27. Jahrgang. Die Erstveröffentlichung dieses Beitrags erfolgte im Jb. f. Psychopath. u. Psychother. VII/1987 (Hrsg.: Feuser, G. u. Jantzen, W.), Köln: Pahl Rugenstein Verlag 1987, S. 73-134
Copyright: © Georg Feuser, 1988

Aspekte einer Kritik des Verfahrens des "erzwungenen Haltens" (Festhaltetherapie) bei autistischen und anders behinderten Kindern und Jugendlichen

Dieser Text ist ein wichtiger Beitrag zur Diskussion über die Qualität professionellen Handelns im Sozialbereich. Die meisten von uns haben zwar schon einmal von der Haltetherapie bei autistischen Kindern gehört, doch sie wissen nur sehr wenig über die tatsächlichen Behandlungsmaßnahmen. Als ich den Text las, wurde ich wütend und traurig zugleich. Ich finde dieser Text ist ein Muß für jedermann, nicht nur für betroffene (behinderte) Personen, Eltern, Therapeuten oder Pädagogen. Zu erst wollte ich den Text zwar kürzen, doch mir erschien der Inhalt als Gesamtes sehr informativ, außerdem ist er leicht zu verstehen und gut gegliedert. (Daniela Serschen, 14. Jan. 99)

Georg Feuser kritisiert in diesem Text das "erzwungene Halten", auch bekannt als Festhalte-therapie, welche bei autistischen, schwer psychisch bzw. verhaltensmäßig gestörten und geistigbehinderten Menschen eingesetzt wird. Georg Feuser informiert den Leser über die gewalttätigen Anwendungs- und Wirkungsweisen und über die drohenden Folgen dieser in Deutschland beliebten Therapie. Eine der VertreterInnen dieser Behandlungsform ist Frau Prekop Jirina, die autistische Verhaltensweisen, wie fehlender Blickkontakt oder Distanz, einfach uminterpretiert in ein Gehalten-Werden-Wollen des betroffenen Kindes. Dabei wird die Ohnmacht und Hilflosigkeit der Eltern schamlos ausgenützt, aber leider auf Kosten der Schwächeren, nämlich der Kinder. (Wie so oft wird menschliche Existenz nicht als sinnvoll oder wertvoll erachtet, wenn sie unseren fixierten normativen Vorstellungen nicht entspricht.)

Georg Feusers Kritik betrifft die fehlende wissenschaftliche Analyse dieser Behandlungsform, welche nur auf persönlichen Erfahrungen basiert. (Verlust kritischer Sensibilität, da jeder dieses Verfahren praktizieren darf.)

In der Therpie wird dem Kind gezeigt, wer der Stärkere und Mächtigere ist (bei nicht ausreichender Muskelkraft des Behandlers kommt der Festhaltegürtel zum Einsatz), und das Provozieren des kindlichen Widerstandes soll zur Brechung der Macht des Ichs führen (von Frau Prekop als "Regierungssturz" bezeichnet), um den für eine Bindung und Beziehung fördernden Trotz beim Kind zu erreichen. Dabei wird der Wille des Kindes gebrochen, woraufhin dem Kind dann auch noch gesagt wird, daß man es liebe. Da die Vertreter der Fest-haltetherpie die Schuld des Fehlverhaltens der Kinder ihren Eltern zuschieben, sind diese dann auch bereit für eine derartige Gewaltanwendung. (= fehlende Aufklärung über die tatsächlichen bzw. realistischeren Ursachen). Die Eltern sind aktive Teilnehmer in der Festhaltetherapie, bilden den verlängerten Arm des Therapeutn. Doch dieses Hineinmanivrieren des Kindes in einen existenzbedrohlichen Zustand, kann als gewaltsame Umkrempelung seiner Persönlich-keitsstrukturen gesehen werden. Georg Feuser geht noch näher auf die Problematik des erzwungenen Haltens ein und erwähnt dabei die extreme Bewegungseinschränkung, das extrem emotional negative Erleben, die Reizüberflutung, die Destabilisierung des Ichs und die Depersonalisierung. Die Festhaltetherapie kann als ein Lernen durch negative Verstärkung und Bestrafung definiert werden, wobei Georg Feuser auf das fehlende Motiv, festgehalten zu werden, hinweist.

Frau Prekop spricht zwar von Erfolgen, doch es gibt kaum taugliche Analyen über mögliche Verhaltensänderungen, außerdem verteidigen sich die Behandler bei einem Versage der Therapie mit dem Hinweis auf zusätzliche Schädigungen bei den Kindern.

Im Text werden neben einigen anderen Autoren auch Tinbergen/Tinbergen erwähnt, die Autismus als eine angstdominierte Vermeidungsreaktion beschreiben, die ja gerade durch das "erzwungene Halten" gefördert wird. Somit wird schließlich einde neue Form der angst-dominierten Vermeidungsreaktion in die Persönlichkeitsstruktur eingebaut - Es ist die Rede von einem Dynamischen Stereotyps. (Daniela Serschen, 14. Jan. 99)

1. Vorbemerkungen

Es ist heute leider fast nicht mehr üblich, sich über eine Sache kontrovers auseinander-zusetzen; Formen des kritisch-konstruktiven Diskurses zu einer Frage haben sich selbst in bezug auf wissenschaftliche Zusammenhänge sehr verwässert. Man stellt in einer Zeitschrift die Pro-Position dar, in einer anderen die Contra-Position. Dem unterliegen wir auch hier. Daß Rede und Gegenrede in einer Veranstaltung zusammentreffen, ist ein seltenes Ereignis geworden. Auf einen solchen Umstand zielen aber die nachfolgenden Ausführungen ab[1]. Sie sollen ein Stück der Lebendigkeit der erfolgten Auseinandersetzung bewahren.

Oft wird auch aus falscher Rücksichtnahme darauf, daß Eltern und Praktiker durch eine kontroverse Diskussion um eine "Behandlungsform" behinderter Kinder und Jugendlicher verunsichert werden könnten, eine solche ängstlich vermieden. Das aber ist der Sache wie den betroffenen Kindern und Jugendlichen eher abträglich als zuträglich. Es deklassisert insbesondere Eltern zu Empfängern der "Botschaften" der Fachleute, denen sie sich schließlich nur noch unhinterfragt unterordnen können und müssen. So wird und bleibt der Schein von Einheitlichkeit in den einer Behandlungsmaßnahme zugrundeliegenden Auffassungen künstlich geschaffen und gewahrt.

Werden Eltern einerseits nicht an der kontroversen Auseinandersetzung um ein Erziehungs- und/oder Therapieproblem in bezug auf ihre behinderten Kinder beteiligt, andererseits aber wie gerade in der sog. "Haltetherapie" als in der Hauptsache ihrem Kind gegenüber handelnde Personen "therapeutisch" eingesetzt, werden sie letztlich zum willfährigen Werkzeug und verlängerten Arm des Therapeuten ihren eigenen Kindem gegenüber; dies im vermeintlichen Glauben, (eigen-)aktiv zu erziehen. Um so dringlicher ist hier eine rational-vernünftige Betrachtung der Vorgänge[2] und eine aktive Beteiligung der Eltern an der Auseinandersetzung um die "Behandlung" ihrer Kinder angezeigt.

Ich selbst nähere mich dem Problem aus der doppelten und dennoch einheitlichen Sicht des Wissenschaftlers und Praktikers. Aus jahrelanger täglicher Arbeit mit Kindern mit Autismus-Syndrom und mit solchen anderer Behinderungen heraus sind viele (dann wissenschaftlich verdichtete) Erkenntnisse hervorgegangen, die mich heute in besonderer Weise bewegen, kritisch "gegen" die sogenannte "Festhaltetherapie" Stellung zu nehmen und zu fordern, daß eine rationale, wissenschaftlich-logischen Kriterien folgende Aufklärung über dieses Verfahren seine emotionale Überfrachtung zu ersetzen hat. ich betone dies, weil in der Pädagogik heute noch immer in unseren Köpfen eine Trennung von Theorie und Praxis vorherrscht" die den Praktiker leicht "abschalten" läßt, wenn aus seiner Sicht ein "Theoretiker" spricht, den man in den universitären Elfenbeinturm der Wissenschaft verbannt, die einem letztlich für die Lösung pädagogischer Alltagsprobleme doch nichts Hilfreiches zu sagen hat.

Allerdings habe ich es als Vertreter einer kritischen Einschätzung der Behandlungsform der "Festhaltetherapie" nicht so leicht, Argumente auszubreiten und darzulegen, wie ihre Befürworter, die am (scheinbaren) Erfolg orientiert sind, das Verfahren demonstrieren können und all das in ihren Begründungen vernachlässigen, worauf hier Bezug genommen werden muß. Insofern muß ich mir "den Luxus des Denkens" leisten, von dem Frau PREKOP (1984/d) abwertend schreibt, denn es ist die unverzichtbare Basis einer kritischen Gegenposition. Dabei geht es mir hier nicht darum - das möchte ich besonders betonen -, Polaritäten zu schaffen, sondern begründet Meinung gegen Meinung zu setzen. Insofern sind meine Ausführungen auch nicht gegen Frau PREKOP oder andere Vertreter dieser "Behandlungsform" gerichtet. Primär interessieren mich nicht die Personen und ihre Motive, sondern was getan wird und wie die angewendeten pädagogischen und therapeutischen Mittel auf die Kinder und Jugendlichen wirken, auf die hin sie zur Anwendung kommen. Ich schätze Frau PREKOP als Person und bedauere, daß viele sich auf sie berufen, aber vieles von dem, was in ihrem Namen getan wird, auch mit dem, was sie sagt, kaum noch etwas zu tun hat. Zwar kann sich letztlich niemand davor schützen, mit seinen Auffassungen und Empfehlungen mißbraucht zu werden; um so notwendiger ist es aber, gerade Behandlungsformen für autistische und anders behinderte Kinder nicht zu "verkünden", sondern zu begründen und kritisch zu bewerten.

Es ist auch nicht meine Aufgabe, zu harmonisieren, wo es darum geht, Widersprüche transparent zu machen und als Antrieb neuen Handelns aufzuzeigen. Insgesamt ist das Harmoniebedürfnis in der Heil- und Sonderpädagogik und eine damit einhergehende Konfliktscheu in der Sache für mich längst ein Grundproblem unserer Arbeit und unseres Berufsstandes. Wir müssen uns fragen, ob wir unser Harmoniestreben nicht auf Kosten der Kinder kultivieren, denen gegenüber wir verantwortlich sind und, wie KOBI einmal schreibt, bedenken, daß wir ein Mandat haben. Ich möchte mein Mandat nutzen und muß es aus der Überzeugung heraus, die ich wissenschaftlich zum "erzwungenen Halten" gewonnen habe. Der geläufige Begriff der "Festhaltetherapie" ist an sich schon eine Beschönigung des Verfahrens, das im englischen Sprachraum als "forced holding" entwickelt wurde und bezeichnet wird, was übersetzt als "erzwungenes Halten", das es auch ist, zur Kenntnis genommen werden muß.



[1] Die schriftliche Abfassung dieses Textes erfolgte auf der Basis von handschriftlichen Notizen für einen Vortrag zum Thema "Festhaltetherapie? Theoretische Grundlagen und praktische Implikationen aus der Sicht eines Skeptikers', der am 26. September 1986 bei einer Vortragsveranstaltung des Schweizerischen Berufsverbandes der Heilpädagogen in Zürich gehalten wurde. Frau Dr. PREKOP referierte vorausgehend zum Thema Fest-haltetherapie! Theoretische Grundlagen und praktische Implikationen aus der Sicht einer Befürworterin.

[2] Unter rational-vernünftig wird hier eine Betrachtung verstanden, die grundsätzlich davon ausgeht, daß menschliche Verhaltensakte und die sie ermöglichenden und hervorbringenden hirnorganischen und psychischen Regulations- und Steuerungsprozesse menschlicher Erkenntnis zugänglich und prinzipiell sowohl erklärbar als auch verstehbar sind. Das bedeutet die vorliegenden humanwissenschaftlichen Forschungs-ergebnisse und Erkenntnisse in die Diskussion einzubeziehen, ohne daß dadurch eine dem Menschen zugeneigte, seine Würde und Subjekthaftigkeit achtende Haltung aufzugeben wäre.

2. Thesen zum "erzwungenen Halten"

Ein Bild, das Frau PREKOP in ihrem Züricher Vortrag von 1986 verwendet hat, er-scheint für das Problem, um das es hier geht, interessant. Sie hat erwähnt, daß im Krieg ein Soldat, der aus dem schützenden Graben springt und sich quasi unbewußt in selbstmörderischer Absicht in den Kugelhagel wirft, nur davor bewahrt werden kann, wenn ein Kamerad sich auf ihn stürzt, ihn zurückreißt und ihn mit Gewalt im schützenden Graben zurückhält.

Was mir ein Problem an dieser Sache ist, ist nicht die Tatsache, daß im Sinne dieses Beispiels ein Soldat den anderen mit "Gewalt" zurück- "hält", um ihn vor dem sicheren Tod zu bewahren, sondern daß es Kriege gibt. Gäbe es keinen Krieg, wären solche Formen des Umganges von Menschen untereinander nicht notwendig. Gäbe es keinen Krieg, bräuchte auch kein Mensch derart entwürdigt und psychisch zerstört werden, daß er den selbst herbeigeführten Tod für erträglicher hält, als das Kriegsgeschehen, dem er ausgesetzt ist. Die Verhältnisse zwischen den Menschen (auch gesamtgesellschaftlicher Art) - hier der Krieg -- bestimmen die Verhaltensweisen der einzelnen Menschen; folglich sind die Verhältnisse zu verändern und nicht die Verhaltensweisen zu korrigieren. Bezogen auf autistische und anders behinderte Kinder muß primär die Frage gestellt werden, welche Verhältnisse sie derart "behindert" werden lassen, daß wir glauben, uns legitim der Gewalt bedienen zu dürfen und zu müssen, um ihre Verhaltensweisen zu verändern.

Wir leisten uns den Luxus einer verheerenden Hochrüstung mit Massenvernichtungs-mitteln, die wir kaum noch zu kontrollieren vermögen und die der gesamten Menschheit ein jähes Ende bereiten können. Wir stören uns auch nicht an der eigenen, sondern nur an der Aggression des anderen, ohne zu bedenken, daß seine Aggression die Folge der unseren sein kann. BRECHT sagt einmal sinngemäß: "Den reißenden Strom halten wir für gewalttätig, aber das Ufer, das ihn eindämmt, halten wir nicht für gewalttätig".

Ein Mensch, der uns angreift und der sich selbst verletzt, sich beißt oder Haare aus-reißt, bis er blutet, oder gar lebensbedrohend gefährdet, den halten wir für gewalttätig; die Gegenmittel, die wir einsetzen, die Zwangsjacke, Psychopharmaka, Elektroschocks, das "erzwungene Halten", halten wir nicht für gewalttätig!

Diese Mittel sind Gewalt und bewirken Gewalt, auch dann, wenn wir sie mit der Absicht, einem anderen Menschen zu helfen, anwenden. Martin BUBER schreibt: ",Pädagogisch fruchtbar ist nicht die pädagogische Absicht, sondern die pädagogische Begegnung"[3] und verdeutlicht damit, was ich bereits in den Vorbemerkungen erwähnt habe: Pädagogisch4herapeutisch ist nicht wirksam, was wir meinen, für einen anderen Menschen zu tun, sondern es wirken die konkreten pädagogisch-therapeutischen Handlungen an ihm, die er sinnlich-konkret im pädagogisch-therapeutischen Prozeß erfährt. Was er erfährt hat dann nicht nur Auswirkungen in der Gegenwart und auf die akut beobachtbaren Verhaltensweisen, sondern auch bezüglich grundsätzlicher Erfahrungen hinsichtlich seiner zukünftigen Entwicklung.

Was hier zu analysieren ist, ist die Wirkung des "erzwungenen Haltens" für den Menschen, der mit dieser Maßnahme "behandelt" wird und es geht nicht darum, die Absicht zu bewerten, mit der die Behandler diese gewaltsame Maßnahme durchführen.

Schlußendlich geht es in der Arbeit mit autistischen Kindern und in der damit verbundenen Forschung prinzipiell darum, durch frühestmöglich einsetzende pädagogische und therapeutische Hilfen Entwicklungs- und Sozialisationsbedingungen und damit solche Verhältnisse zu schaffen, unter denen es für einen Menschen nicht dazu kommen kann, sich derart ausagieren zu müssen, daß wir glauben, ihm (dem!) nur noch mit Gewalt begegnen zu können. Die Verhaltensweisen, die wir an als behindert geltenden Menschen wahrnehmen und die uns zu Gegenmaßnahmen motivieren, sind in der Regel das entwicklungslogische Produkt ihrer Sozialisation unter Bedingungen, die ihnen unter dem Aspekt ihrer spezifischen Beeinträchtigungen äußerst abträglich waren und sind.

Seit langem ist aber auch zu beobachten, daß das "erzwungene Halten" nicht nur mehr in bezug auf autistische Kinder und Jugendliche zur Anwendung kommt, für die es ursprünglich entwickelt wurde, sondern von den Apologeten des "erzwungenen Haltens" bei allen Menschen zur Anwendung kommt, die in Sondereinrichtungen und Heimen, oder auch in der Familie als derart abweichend eingeschätzt werden, daß sie erheblich stören oder der Umgang mit ihnen uns nicht mehr bewältigbar erscheint. Inwieweit, so müssen wir uns nüchtern fragen, ist damit der Einsatz derart gewalttätiger Maßnahmen letzt]ich nicht auch eine Rache unsererseits an diesen Menschen, weil wir uns ihnen gegenüber (und durch sie) in a~weglosen Situationen sehen, ohne zu bedenken, daß wir sie zuvor durch unsere Verhältnisse untereinander und zu ihnen und durch unsere Mittel ihnen gegenüber (Segregierung und Isolation) in ausweglose Situationen gebracht haben?

2.1 Fünf Thesen

These 1:

Die sogenannte ‚Haltetherapie" ist weder als "Halt" noch als "Therapie" zu erkennen. Sie wirft die Frage auf: Für wen "Halt" und für wen "Therapie"[4]?

These 2:

Das "erzwungene Halten" ist eine "Behandlungsform" von Menschen, die sich solcher Elemente des Umganges mit Menschen bedienen, die generell wirksam sind; d.h. u.a. auch weitgehend unabhängig von der Art einer Behinderung und dem Lebensalter der betroffenen Personen.

,Erzwungenes Halten" ist weder eine "behinderungsspezifische" Behandlungsform noch aus der Tatsache des Vorliegens einer Behinderung bzw. aus deren Verständnis heraus als spezielle Therapie ableitbar.

Es ist auch nicht möglich, das "erzwungene Halten" vom "kindlichen Autismus" her und aus den Erziehungs- und Bildungsbedürfnissen autistischer Kinder und Jugendlicher heraus zu begründen und zu vertreten.

Diese Behandlungsform kann nur auf dem Hintergrund menschlicher Entwicklung und menschlichen Lernens schlechthin und damit auf der Basis menschlicher Interaktion, Kommunikation und Kooperation, d.h. menschlicher Sozialbedürftigkeit und-fähigkeit verstanden und beurteilt werden.

These 3:

Die vorliegenden Begründungen des "erzwungenen Haltens"

  • entbehren weitgehend nachvollziehbarer und in wissenschaftlichen Begriffen faßbarer Begründungen und fußen auf irrationalen Annahmen, die mit der "Logik des Herzens" begründet werden und mit hoch individuellen persönlichen Erfahrungen ihrer Vertreter verbunden sind, die auf behinderte Kinder, besonders auf extrem verhaltensauffällige unterschiedlicher Behinderungsarten und Schweregrade projeziert und als Erfahrungen unzulässig generalisiert werden und

  • stellen selbst keine schlüssige therapeutische Konzeption dar, sondern fußen auf einem Konglomerat ethologischer, humanbiologischer, neuropsychologischer, entwicklungs-psychologischer und tiefenpsychologischer Konstrukte und Versatzstücke. Aus diesen Theorien selbst wird von ihren Begründern und Vertretern in keinem Fall eine "Halte- therapie" zwingend logisch abgeleitet und gefordert, noch kann aus den Arbeiten auch nur eines Verfassers der herangezogenen Theorien von seiten der Vertreter des "erzwungenen Haltens" dieses Verfahren schlüssig hergeleitet werden; nicht einmal aus den Arbeiten von TINBERGEN/TINBERGEN (1984).

These 4:

Unterzieht man Begründungen und Verfahren des "erzwungenen Haltens" einer wissenschaftlichen Analyse und bezieht man den heute vorliegenden Forschungsstand z.B. zum kindlichen Autismus mit ein, zeigt sich, daß

  • das "erzwungene Halten" keine der Entwicklungs-, Lern- und Sozialproblematik autistischer Kinder angemessene Behandlung ist,

  • dieses Verfahren nur wirkt, weil es die jeweils unter spezifischen Entwicklungsbedingungen zustande gekommene psychische Struktur und die korrespondierenden integrativen psychischen Funktionen der Betroffenen zerstört und sie in dieser Zerstörung zu einer Anpassung an die durch das "erzwungene Halten" bedingten, einzig verbleibenden Austauschmöglichkeiten zwingt und

  • bezogen auf das autistische Kind, dieses die ihm unter dem Zwang des "Haltens" einzig verbleibenden Möglichkeiten des Blickkontaktes und einer Person-PersonKontakt-aufnahme als neues Stereotyp in seine (autistische) psychische Struktur integriert, um unter der existentiellen Bedrohung des "erzwungenen Haltens" und der Blockierung jedweder alternativen Handlungsmöglichkeit nach Maßgabe der aufgebauten Wahr-nehmungs und Handlungskompetenzen seine psychische Organisation aufrechterhalten zu können.

These 5:

Das "erzwungene Halten"

  • resultiert folglich in keiner "Heilung" des Autismus (Tinbergen u.a.) und keiner Verbesserung oder Änderung der (autistischen) Persönlichkeitsstruktur der betroffenen Kinder und Jugendlichen, sondern

  • nutzt die hochgradige Störanfälligkeit und psychische Verletzbarkeit der (autistischen) Kinder, auf die es angewendet wird, und zwingt sie so unter Mißachtung ihres momentanen Entwicklungs-, Denk- und Handlungsniveaus zur Ausbildung eines (von außen als "Erfolg" der Behandlung angesehenen) neuen Stereotyps.

Damit ist dieses Verfahren weder pädagogisch noch therapeutisch zu nennen; es muß über den momentanen verhaltensmäßig in Erscheinung tretenden Effekt hinaus als möglicherweise die weitere Persönlichkeitsentwicklung (in Richtung Psychose) gefährdend angesehen und aus ethisch-humanen Gründen, zumal es alle Elemente einer "Folter" in sich vereint, abgelehnt und seine Praxis eingestellt werden.

2.2 Zusammenhänge und Begründungen

Keine "Therapie" hat sich in den letzten Jahren so schnell ausgebreitet, wie das "erzwungene Halten"! Dies allein im Erfolg des "erzwungenen Haltens" zu suchen, wäre zumindest für unsere Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland eine zu vereinfachte Lösung. Zwei Aspekte scheinen zusammenzuwirken: Zum einen die Art und Weise der Begründung des "erzwungenen Haltens" wie das Vorgehen zu ihrer Verbreitung und zum anderen das Umfeld, in dem die Begründung und die Verbreitung dieser Behandlungsform geschieht.

Das Festhalten wird heute als "Therapie" und "Lebensform" "verkündet" - ich sage das bewußt; selbst PREKOP gebraucht den Begriff (1986/a) -,es wird mit der "Logik des Herzens" begründet und schließt sich von vornherein gegen jeden kritischen Ansatz ab, indem darauf verwiesen wird, daß man sich den "Luxus des Denkens" nicht leisten könne, während sich Kinder schlagen und selbst verletzen. Es wird aber auch auf die Not der Eltern verwiesen, die verunsichert werden könnten, wenn eine wissenschaftliche Auseinandersetzung um dieses Verfahren stattfinden würde, und daß ein "intellektuelles Bekämpfen" eben nichts verändere. Gerade die Verweise auf die Not der Eltern schieben einer kritischen Reflexion und Diskussion des Verfahrens einen sehr wirksamen Riegel vor, denn wer möchte die Not der Eltern nicht lindern?

Schon die Begriffe, die zur Begründung, Beschreibung und in der Verbreitung des Verfahrens verwendet werden, müssen mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen werden, denn Begriffe transportieren Inhalte und beschreiben nicht nur. So wird mit den Begriffen "Not", ‚Schuldgefühle", mit den Begriffen des ‚Bekämpfens", der "Logik des Herzens", der "Geborgenheit und des Urvertrauens", der "Macht und Gewalt" und mit den Begriffen "Autokratie", "Regierungssturz" und, bezogen auf das Kind, mit dem Begriff des "tyrannischen Verhaltens" gearbeitet.[5]

Auf der Ebene solcher globalen Begriffe wird man keine Analyse und Kritik leisten können, sondern nur durch ein detailliertes Eingehen auf die im und durch das "erzwungene Halten" wirksam werdenden Zusammenhänge. Dieses ist aber gerade heute in einem Klima zunehmender Wissenschaftsfeindlichkeit, das sich besonders in der Pädagogik etabliert, und in einem Klima der Verleugnung des Kopfes aufgrund einer Priorisierung des Bauches, also auf der Basis einer breiten gesellschaftlichen Einstellung wider die Vernunft, nur schwer möglich.

Solche Einstellungen und Haltungen sind sicher als Gegenreaktion gegen die technologischen Zwänge, die Abhängigkeiten, in denen wir uns alltäglich bewegen, gegen die Dis-ziplinierungen, die wir ständig erfahren, unschwer zu verstehen. Gerade Pädagogen und Therapeuten erfahren auf diesem Hintergrund in doppelter Weise ihre Ohnmacht: Zum einen gegenüber den permanent unsere Verhaltensweisen steuernden technologischen Systemen und disziplinierenden Zwängen im Alltag und zum anderen in bezug auf den geringen Erfolg, den wir gerade in der Arbeit mit den als "autistisch" geltenden Kindern erfahren und durch die gesellschaftliche Geringschätzung unserer Tätigkeit schlechthin. Niemand erfährt täglich mehr Ohnmacht, als Pädagogen und Therapeuten, die ohnmächtigen Helfer.

Ich nehme an,daß ein Grund für die rasche Verbreitung des "erzwungenen Haltens" als Behandlungsform in dem unbewußten Wunsch gründet, auf dem Hintergrund der aufgezeigten Zusammenhänge endlich ein Mittel gefunden zu haben, das erlaubt, den Teufel auszutreiben, auch wenn es mit Belzebub ist. Indem wir uns in unseren beruflichen Zusammenhängen an die Stelle des Mächtigen setzen und unserem Klienten gegenüber Gewalt ausüben, kompensieren wir unsere Ohnmacht auf Kosten eines Schwächeren, dessen Bewußtseinszustand oft keine Möglichkeit zuläßt, sich dagegen zu verwahren und der keine Chance hat, in seiner Abhängig-keit von uns seine Wünsche und Empfindungen gegen uns durchzusetzen.

In bezug auf die Bundesrepublik Deutschland scheint mir für die rasche Ausbreitung dieses Verfahrens noch ein anderes Element bedeutend: Unter Berücksichtigung unserer jüngsten Geschichte müssen wir auch heute noch davon ausgehen, daß unsere Denkstrukturen noch immer durch "biologistische Modelle", "sozialdarwinistische Theoriesysteme" und durch "lebensphilosophische Bewertungen" der von einer bestimmten Normalität abweichenden Personen unser Denken und Handeln bestimmen. Diese Denkstrukturen lassen sich in kritischer Analyse der zum "erzwungenen Halten" vorliegenden Schriften nachweisen, z.B. wenn dort von "Instinkt" in bezug auf menschliche Verhaltensweisen die Rede ist, die jedoch durch Lernen zustande kommen und deren Regulation auf sozialen Erfahrungen beruht oder wenn pädagogische Verhältnisse zwischen Kindern und Pädagogen/Therapeuten mit staatsideologischen Begriffen wie "Herrschsucht", "Gewalt und Macht", "Tyrannei" und "Regierungssturz" belegt werden.

Diese Elemente treten in der Begründung des "erzwungenen Haltens" auf:

  • Problematische Hinweise auf ethologische Forschungsergebnisse suggerieren ein Modell ausschließlich triebbedingter Verzahnung von "Beziehung und Bindung" in der frühen Kindheit und führen dazu, an die Eltern autistischer Kinder den Vorwurf zu richten, gegen den "Trieb" verstoßen zu haben. Damit werden sie entgegen dem heute weltweit zu den Ursachen des kindlichen Autismus vorliegenden Forschungsstand zu den Verursachern der Behinderung ihres Kindes gemacht und damit Schuldgefühle hervorgerufen, die sie für jeden Ansatz der Behandlung ihrer Kinder "gefügig" machen, weil sie den Schaden an der Entwicklung ihrer Kinder, den sie vermeintlich verursacht haben, "mit allen Mitteln" wiedergutmachen wollen, was verständlich ist.

  • Die Bewertung unserer heutigen Gesellschaft als "autistisch" in den Schriften zum "erzwungenen Halten" ist eine zutiefst kulturpessimistische Position, die dem Leser suggeriert, daß die Verhältnisse, die wir als die Verhaltensweisen hervorbringend erkennen müssen, doch nicht zu ändern sind, weshalb die Aufmerksamkeit einseitig auf die Verhaltensweisen des einzelnen Menschen fokussiert werden und sich alle Strategien darauf richten, diese, also das Symptom, zu verändern. Dies rechtfertigt nach der einen Seite letztlich das Bestehen der angeprangerten gesellschaftlichen Be-dingungen, die man derart nur scheinbar kritisiert und andererseits den Trend (wie er gerade durch die scheinbar bekämpften gesellschaftlichen Strukturen hervorgebracht wird), nur am Betroffenen wahrzunehmen und zu korrigieren, was durch die be-stehenden Verhältnisse und die erfahrene Sozialisation notwendigerweise nur an ihm, an einem Individuum transparent werden kann.

  • Die Logik wäre, daß die Vertreter der Auffassung, daß unsere Gesellschaft eine "autistische" sei, "Autismus" zur Normalität erklären oder aber die als "autistisch" eingeschätzten Strukturen der Gesellschaft verändern und den betroffenen Autisten (als einzig "normales" Produkt derselben) in Ruhe lassen.

  • Im Gestrüpp der Konstrukte der Denkmodelle der Vertreter des "erzwungenen HaItens" erfährt schließlich das betroffene Kind selbst eine weitgehende Negation seiner Persönlichkeit: Daß es z.B. keinen Blickkontakt aufnimmt und der Nähe zu anderen Personen ausweicht, wird unter Rückverweis auf die "Instinkte" als Ausdruck des "Gehalten-werden-wollens" uminterpretiert und, was man für Kleinkinder berechtigt annehmen kann, in Negation z.B. einer l0jährigen Entwicklungsgeschichte bei einem entsprechend alten autistischen Kind einfach auf dieses übertragen, indem man mit ihm wie mit einem Säugling verfährt.

Das "erzwungene Halten" ist ein Kind dieser Zeit und kein Bollwerk gegen menschenverachtende und psychisch zerstörende Strukturen dieser Zeit; vielmehr nutzt dieses Verfahren die negativen Auswüchse einer übertechnologisierten, vom konkret historisch existierenden Subjekt abstrahierenden Gesellschaft, indem sie zum Erwerb menschlicher Beziehungs- und Bindungsqualitäten sozialer Art z.B. mit dem mechanischen Mittel des "Haltegürtels" jene Menschen aneinanderkettet, die in wechselseitiger Achtung ihrer menschlichen Würde im selbstbestimmten Handeln ihre Beziehungen gestalten sollten. Bilder, wie sie aus der Geschichte der Psychiatrie vom Mittelalter an bekannt und überliefert sind, wo psychisch kranke Menschen zum Zwecke ihrer Heilung in Zentrifugen herumgeschleudert und in Dampfbädern eingezwängt wurden, drängen sich unter diesem Aspekt unwillkürlich auf. Aber auch moderne Maßnahmen der Gewalt, wie die Zwangsjacke und der Einsatz von Psychopharmaka und der Elektroschockbehandlung (auch autistischer Kinder), können assozijert werden[6].

Ferner ist in Analyse der Schriften der Vertreter des "erzwungenen Haltens" festzu-stellen, daß sie den heutigen Stand in der Autismus-Forschung wohl kaum zur Kenntnis genommen haben; zumindest findet dieser keinen Eingang in ihre Betrachtungen, und er wird auch zurBegründung und Analyse ihrer Vorstellungen in der Behandlung autistischer Kinder nicht herangezogen. Dabei sind selbst die Verweise auf das jüngste Buch von TINBERGEN/TINBERGEN (1984) zur Problematik des kindlichen Autismus derart punktuell und einseitig, daß man sich nach genauer Lektüre der Arbeit von TINBERGEN bewogen sieht, ihn vor der allzu starken Vereinnahmung durch die Vertreter des "erzwungenen Haltens" zu schützen. Ganz abgesehen davon, daß dieses Buch in den internationalen Rezensionen keineswegs als eines betrachtet wird, das den Erkenntnisstand über den kindlichen Autismus wesentlich erweitern könnte, muß man TINBERGEN zugestehen, daß er bei allem Eintreten für die "Haltetherapie" immer wieder auch Bedenken dahingehend äußert, dieses Verfahren vorschnell als dieBehandlung für autistische Kinder anzusehen, daß er immer wieder die Vorläufigkeit seiner Annahmen betont und zur vorsichtigen Einschätzung ermahnt.

Zu der fachwissenschaftlichen Enthaltsamkeit der Vertreter des "erzwungenen Haltens" in Sachen Autismus kommt eine extreme Zurückhaltung derer, die sich wissenschaftlich und in der Forschung mit dem kindlichen Autismus befassen, hinzu. So ist bis heute noch keine fach-wissenschaftliche Diskussion zur Problematik des "erzwungenen Haltens# in Gang ge-kommen; allenfalls wird das Verfahren aufgegriffen und modifiziert. Dabei werden in der "modifizierten Festhaltetherapie", wie sie von ROHMANN und ARTMANN(1985) beschrieben wird, sogar solche Elemente nicht mehr aufgenommen und praktiziert, die im Spiegel der Auffassungen von PREKOP und anderen Vertretern des "erzwungenen Haltens" als un-verzichtbar für die Wirkungsweise des Verfahrens betont werden. Dennoch stellen sich auch mit der modifizierten Form des "erzwungenen Haltens" dieselben Effekte bei den Kindern ein, wie sie auch PREKOP beschreibt. Aber auch das führt nicht dazu, endlich kritisch zu hinter-fragen, was denn nun das wirksame Element dieses Verfahrens sei, denn wäre es in der von PREKOP beschriebenen Form ein spezifisches Verfahren z.B. für autistische Kinder, dann dürfte es bei Kindern mit anderen Behinderungen nicht oder nur eingeschränkt erfolgreich sein und es dürfte bei autistischen Kindern, vernachlässigt man die von PREKOP als Grund-elemente beschriebenen Aspekte, nicht zur Wirkung kommen. Das aber scheint niemanden sonderlich zu erstaunen.

Für uns ergibt sich daraus die bedeutende Erkenntnis, daß wohl ganz andere Elemente dieses Verfahrens, kommt es auf Kinder hin zur Anwendung wirksam werden als die, die von den Vertretern des Verfahrens als die wirksamen beschrieben werden. Gerade diesen gilt es nachzuspüren.

Bedenklich stimmt auch, daß letztlich jeder durch Beteiligung und Anleitung dieses Verfahren praktizieren kann; die "Ausbildung des unterstützenden Fachmanns scheint keine wesentliche Rolle zu spielen". Muskelkraft und Muskelbewegungen scheinen Gedanken-bewegungen zu ersetzen; - ein weiteres Element wissenschaftsfeindlicher Reduzierung der Komplexität menschlicher Psyche und Verhaltensweisen auf primitivste Formen mechanischer Einflußnahme auf andere Menschen. Durch die Beteiligung der späteren Anwender des Verfahrens an laufenden Behandlungsmaßnahmen werden die Skrupel, die der eine oder andere noch haben mag, durch passive Beteiligung am Prozeß zurückgedrängt, dies nach dem sich aufdrängenden Motto: Mitgegangen - mitgehangen. Furchtbare Parallelen drängen sich für diese Form der "Ausbildung" der "Haltetherapeuten" und Eltern auf: Zum einen scheint wesentliches Element der Ausbildung die Abstumpfung, der Verlust kritischer Sensibilität dem Verfahren gegenüber dadurch zu sein, daß man dem Verfahren ausgesetzt wird, so wie man im Krieg gegen das Sterben und Vernichten oder im Verkehr gegen die Hektik und den Lärm abstumpft und für normal hält, was einen krank macht und zum anderen, daß die Emotion an die Stelle des denkenden Erkennens tritt und zum Motor der Anwendung des Verfahrens wird:

,,Und nachdem durch eigenes Erleben die Initialhemmungen überwunden sind, geht es den meisten gleich gut: Sie wundern sich, weshalb sie zur Übernahme einer so "selbst-verständlichen" Maßnahme so lange gebraucht haben und weshalb etwas so Normales erst wissenschaftlich "entdeckt" und begründet werden muß" (Prekop 1986, S.17). Erinnerungen an die Experimente von MILGRAM[7] werden wach, in bezug auf die KELLER[8] ausführt: ",Die Ergebnisse der Mugram-Experimente zeigen, daß die Bereitschaft, anderen Menschen Schmerz zuzufügen, nicht auf eine kleine sadistische Minderheit beschränkt bleibt. Sie ist in hohem Maße abhängig von Sozialbeziehungen und zwar konkret von den Beziehungen zu einer Autoritätsperson" (S.20).

Die Emotion selbst ist kein Instrument zum Erkennen der WeIt, sondern erlebnis-mäßiger Ausdruck eines bereits vollzogenen kognitiven Prozesses. Wo also Emotionen

Einstellungen und Haltungen bedingen und zum Antrieb des Handelns werden, macht die Emotion sich selbst zum Gegenstand des Geschehens und blockiert die zur Erkenntnis geeigneten kognitiven Funktionen unserer Psyche. Selbst in Kreisen von Wissenschaftlern scheinen solche Prozesse die nach wissenschaftlichen Kriterien durchzuführende Analyse des Verfahrens zu blockieren oder sie zumindest dazu zu bewegen, zu schweigen.

Die Zusammenhänge und Begründungen zum "erzwungenen Halten" sind auch davon nicht loslösbar, wie Frau PREKOP als Hauptvertreterin dieses Verfahrens im deutsch-sprachigen Raum selbst Zugang zu diesem Verfahren gefunden hat. Es steht mir nicht an, dieses zu kritisieren; ich bewundere die Offenheit, mit der Frau PREKOP in ihren Fach-beiträgen selbst dazu berichtet. Wenn Frau PREKOP ihre persönlichen Erfahrungen selbst öffentlich benennt, muß es aber auch legitim sein, öffenlich dazu Stellung zu nehmen:

Den Berichten von Frau PREKOP kann man entnehmen, daß die Wahrnehmung diktatorischer Einschränkung der Freiheit in ihrer tschechischen Heimat, unter der sie und ihr Mann gelitten haben, eine derart zentrale Grunderfahrung war, daß beide ihre Heimat verlassen haben. Auf diesem Hintergrund müßte es Frau PREKOP als ein enormer Widerspruch erscheinen, solche gewaltsamen Mittel der Einwirkung auf andere Menschen - im "erzwungenen Halten" allerdings pädagogisiert und vertherapeutet -, gegen Kinder mit extremen "Abweichungen" in ihrem Verhalten anzuwenden, wenn diese erwartete Verhaltens-weisen nicht zeigen, unter denen sie selbst hat leiden müssen; noch dazu, wenn diese dann mit Begriffen diktatorischer Staatsherrschaft belegt und beschrieben werden. Zur Gewaltfrage beklagt sie zwar unter Berufung auf SIIRALA, daß "nicht zwischen bösartiger Gewalt und jener differenziert würde, die gutartig und schützend ist" (Gruen/Prekop 1986), bleibt aber die Benennung der Parameter schuldig, die diese Differenzierung erlauben würden. Oder, so wäre zu fragen, ist die Gewalt von Pädagogen und Therapeuten grundsätzlich eine gute und schützende, weil sie von Pädagogen und Therapeuten (Autoritäten! siehe Milgram) kommt?

Eine andere Erfahrung ist für PREKOP die "in einer Situation extremer psychischer Belastung von ihrem Mann selbst gehalten worden zu sein und die Wahrnehmung des Erfolges der Behandlung durch "Festhalten" in bezug auf ein von ihr zuvor nicht mit diesem Erfolg betreuten Kind durch TINBERGEN. Daß Frau PREKOP nicht durch eine wissenschaftlich exakte Analyse zur Konsequenz des "erzwungenen Haltens" gekommen ist, zumal ihre erste Kenntnisnahme des "erzwungenen Haltens" bei ihr "helles Entsetzen evozierte" (1984/d), sondern durch eine sehr persönliche Erfahrung - ich verwende das Wort ohne hämische Absicht - ‚bekehrt" wurde, ist ihren eigenen Berichten zu entnehmen. Sie hat es aufgegeben, sich intellektuell damit zu plagen, allerdings ohne daß ihr dabei insofern Bedenken gekommen wären, als es auf der Basis ihres eigenen in vielen Fachartikeln zur Kenntnis gebrachten entwicklungspsychologischen Wissens (1984/a-c) keine fachwissenschaftliche Begründung für eine solche Maßnahme gibt.

Auf der Basis einer hochgradig emotional gefärbten persönlichen Erfahrung entgegen allen Überlegungen zur Befürworterin des "Festhaltens" geworden, überträgt Frau PREKOP nun wiederum in wissenschaftlich nicht haltbarer Weise eine persönliche Erfahrung in der Begegnung mit ihrem Mann auf das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern und auf das der Pädagogen und Therapeuten zu ihren Klienten. Sie beachtet dabei nicht, daß die Beziehungs- und Austauschebene zwischen ihr und ihrem Mann eine wesentlich andere ist als es die Verhältnisse zwischen Eltern und Kindern und zwischen Pädagogen und Therapeuten und behinderten Menschen sind, die immer durch hohe Grade an Hilfsbedürftigkeit und Ab-hängigkeit und oft durch große Unterschiede in den Niveaus der Persönlichkeitsentwicklung gekennzeichnet bleiben. Die Generalisierung dieser Erfahrung wird schließlich so weit ge-trieben, daß aus der "Logik des Herzens" heraus zum "erzwungenen Halten" gesagt wird, daß es "Liebe heißt" und in der Folge als "pädagogisches Prinzip", ja als "Lebensform" schlechthin verkündet wird.

Der vordergründige, nur auf der Erscheinungsebene zu bestätigende Erfolg des Verfahrens scheint schließlich so übermächtig zu sein, daß selbst diese gravierenden immanenten Widersprüche keine Beachtung mehr finden und das gesamte Verfahren ohne kritische Analyse bleibt.

Die Kopplung historisch problematischer Denkstrukturen mit der allseitig empfundenen Ohnmacht den uns heute dominierenden gesellschaftlichen Verhältnissen gegenüber in Kombination mit einer extrem geringen fachlichen Professionalität insbesondere der Pädagogen und zu geringem Wissen bezüglich der Erkenntnisse der Humanwissenschaften bei mangelnder Analyse der Sachverhalte, wiederum in Kombination mit Trends des herrschenden Zeitgeistes und der persönlichen Angst der Bedrohung in Relation zu einem kritiklosen Harmoniebedürfnis, sind der Boden, auf dem sich das "erzwungene Halten" verankert hat und sich ausbreiten konnte. Letztlich ist es vielleicht unsere eigene hochgradige Verletzlichkeit und Verletztheit" die uns anderen Menschen gegenüber, an denen dieses offensichtlicher ist, zu Mitteln greifen läßt, die als äußerst bedenklich und als inhuman eingeschätzt werden müssen. Das Verfahren des "erzwungenen Haltens" als "Therapie" zu deklarieren und als "pädagogisches Prinzip" und "Lebensform" zu proklamieren findet allein schon aus Gründen der bis zu dieser Stelle der Betrachtung des "erzwungenen Haltens" aufgezeigten immanenten Problem-stellungen und Widersprüche keine Berechtigung.



[3] BUBER, M.: Das dialogische Prinzip. Heidelberg: Lambert Schneider Verlag 1965, S. 69

[4] Siehe hierzu JANTZEN und v. SALZEN (1986) worauf auch später noch verwiesen wird.

[5] Es wird im Text darauf verzichtet, im einzelnen auf die verschiedenen Arbeiten von Frau PREKOP zum "erzwungenen Halten' zu verweisen. Die Ausführungen beziehen sich auf die in den Literaturhinweisen zur Methode des "erzwungenen Haltens' aufgeführten Arbeiten von Frau PREKOP, die als bekannt vorausgesetzt werden. Andere Autoren werden wie üblich zitiert.

[6] Siehe z.B. FEUSER, G.: Die Kontroverse Psychiatrie - Behindertenpädagogik am Beispiel Autismus. In: Jahrb. f. Psychopath. u. Psychother., II/1982. Köln: Pahl Rugenstein Verlag 1982, S. 73-100; bes. S. 89/90

[7] Siehe MILGRAM, S.: Das Milgram-Experiment. Zur Aufdeckung der Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1974

[8] Siehe KELLER, G.: Die Psychologie der Folter. Frankturt/M.: Fischer Verlag, Tb. 3441 (680), 1986

3. Entwicklungspsychologische, Autismus-spezifische und methodische Aspekte des "erzwungenen Haltens"

Entwicklungspsychologische Überlegungen zur Begründung des Verfahrens des "erzwungenen Haltens" werden grundsätzlich nur von Frau PREKOP selbst angestellt. Ihre Nachfolger bzw. andere Befürworter und Anwender des Verfahrens, befassen sich nahezu ausschließlich nur noch mit der Methode und ihrer Wirksamkeit sowie mit den Bedingungen, unter denen der "Erfolg" gesichert werden kann. Allein diese Tatsache zeigt, wie Pädagogik und Therapie heute denkend und analytisch verarmt einem als behindert geltenden Menschen gegenüber in Erscheinung treten. Das ist, als würde man sich mit einem Gewehr nur unter dem Aspekt be-schäftigen, daß es schießen kann, wobei gleichgültig bleibt, wozu es benutzt wird, was es treffen und wen es zerstören könnte!

Der Sinn und die Praxis des "erzwungenen Haltens" wird bei PREKOP, was grund-sätzlich positiv ist, auf die normale menschliche Entwicklung bezogen. Aber schon die Grund-annahmen, von denen aus in deduktiver Weise die Begründungszusammenhänge für den Einsatz dieses Verfahrens abgeleitet werden, sind wissenschaftlich fragwürdig bis unhaltbar. Es wird angenommen, daß ein Kind seine (instinktiv gesicherten) Grundbedürfnisse nach Bindung, Geborgenheit und Orientierung an den Eltern auf "instinktivem Wege" befriedigt. Bei Blockierungen dieses instinktbezogenen Realisierens der eigenen Bedürfnisse kommt es zu Blockierungen und in der Folge zu Entwicklungsstörungen und Ersatzbefriedigungen. Auf der Basis der biologischen Ausstattung eines Menschen bei der Geburt, die nach PREKOP unter Verweis auf HASSENSTEIN als die eines "Traglings" beschrieben wird, kommt es auf der symbiotischen Stufe des "Es" zu Bindungen, Geborgenheit und Halt. Auf der Stufe des "Ich" kommt es (ungefähr 2 l/2jährig) mittels des Willens zur Loslösung und damit zur Ver-selbständigung und Emanzipation des Kindes. Dieses verkürzt dargestellte entwicklungs-psychologische Modell wird neuropsychologisch unter Verweis auf die Arbeiten von AYRES und AFFOLTER abgesichert, ohne daß diese Modelle selbst einer kritischen Würdigung unterzogen und daraufhin überprüft werden, ob sie die Ableitung und Anwendung des "erzwungenen Haltens" selbst hervorbringen oder empfehlen würden. Im Gegenteil: Bei AYRES findet man eindeutig Hinweise in ihren Schriften, daß jede Form gewaltmäßigen oder erzwungenen Vorgehens Kindern gegenüber deren Entwicklung abträglich und pädagogisch-therapeutisch nicht zu empfehlen ist[9]. AYRES schreibt: ",In jeder Phase ist es das Kind, das sich selbst ändern muß; der Therapeut kann nur fördern und führen. ... Man kann nie eine bessere Integration erzwingen; man kann sie nur fördern" (S.201).

Unter Verweis auf AFFOLTER macht das Kind auf den Stufen der modalen, inter-modalen und seriellen Wahrnehmung bestimmte Schlüsselerfahrungen derart, daß alle Störungen der Befindlichkeit in körperlicher Verbindung mit einem anderen Menschen in Entspannung umgeleitet werden können.

Liegen nun eine Hirnschädigung, Autismus oder andere Störungen einer Entwicklung vor, so kommen gerade diese Kinder in spezifischer Weise nicht in den Genuß dieser grund-legenden Erfahrung, zumal sie oft, wie PREKOP betont, einer technologischen Umwelt (z.B. im Brutkasten) ausgeliefert sind, so daß sie ein "Urvertrauen" nicht hinreichend aufbauen können. An die Stelle des Urvertrauens treten "Ersatzsicherheiten und Ersatzbefriedigungen", welche dann die Wahrnehmung steuern, eine angemessene Anpassung an die Umwelt ver-hindern und z.B. zur "Veränderungsangst" führen.

Da gerade auch autistische Kinder durch elementare Wahrnehmungsprobleme die Erfahrung einer echten Geborgenheit nicht machen können, entfalten sie "Macht", kaprizieren sich auf die Beherrschung gleichbleibender kausaler Zusammenhänge und werden auf der Basis der Erfahrung, stärker zu sein als die Mutter, im familiendynamischen System schließlich zum "Tyrannen"; das entwicklungslogische Produkt unter diesen Bedingungen ist die "Herrschsucht" schlechthin.

Wenngleich diese Darstellung notwendigerweise verkürzt ist und nicht auf alle Elemente, die in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung sind, eingegangen werden kann, wird dennoch schon auf dieser Ebene deutlich, wie mit den Schlußfolgerungen die Spezifik der Entwicklung autistischer Kinder und ihres Weiterlebens verlassen wird. Auch werden die von verschiedenen Autoren in die Entwicklungspsychologie eingeführten Begriffe, auch wenn diese zitiert werden, wie z.B. PIAGET und das Phänomen der Anpassung, der ursprünglich damit von den Autoren belegten Bedeutungsgehalte entkleidet und in einem anderen Kontext, ohne daß darauf aufmerksam gemacht würde, im Sinne der zu entwickelnden Beweiskette benutzt.

Erst in ihrer jüngsten Arbeit zusammen mit GRUEN verweist PREKOP(1986) auf die Problematik des "Bindungsverhaltens" in der frühen Entwicklung von Kindern. Dabei betonen die Autoren, daß "ein Fehlen oder die verlangsamte Entwicklung im Bindungsverhalten auf einem Mangel am Erkennen der Bezugsperson und an den verschiedenen Verhaltensweisen, welche den Zweck haben, das Kleinkind mit seiner Bezugsperson zusammenzubringen" (S. 248) beruhe und betonen die Rolle des frühen Lächelns des Säuglings. Allerdings dringen sie auch hier nicht zu einer fundierten Analyse der Rolle der Wahrnehmung und ihrer zentral-nervösen Organisation für den Aufbau dieser psychischen Prozesse vor, sondern nehmen nur insofern entsprechende Versatzstücke aus dem Gesamtzusammenhang neuropsychologischer und psychischer Organisation von "Bedeutung" und ‚Sinn"‚"Beziehung" und ‚Bindung" in der frühen Entwicklung der Kinder auf, als sie das "erzwungene Halten" zu rechtfertigen und die Bedenken gegen Gewaltanwendung Kindern gegenüber zurückzudrängen vermögen. So wird auch für autistische Kinder die Ambivalenz gegenüber dem Gehaltenwerden als primär ursächlich für ihre Störungen angenommen, so daß eine ganze Reihe taktiler Erfahrungen für sie entfallen, "ohne die die Entwicklung für sie nicht vorwärts gehen" kann (S.249), obwohl deutlich ist, daß diese Störung bereits Folge noch basalerer Austausch- und Aneignungs-prozesse der Kinder ist. Wenngleich von den Autoren auf physiologische Probleme schon während der intrauterinen Entwicklungsphase aufmerksam gemacht wird, bleibt der be-deutende Prozeß der nachgeburtlichen Realisierung entsprechender AAMs[10] für den Aufbau und die Realisierung erwarteter Stimulus-Konfigurationen aus der Umwelt für die Be-kräftigung biologischer Sinn- und Bedeutungsstrukturen völlig unerwähnt, so daß aus diesen Hinweisen auch keine fundierte Erklärung des Aufbaues eines entsprechenden emotionalen Apparates zu resultieren vermag[11].

Auf der Basis dieser sehr allgemeinen und z.T. extrem lückenhaften entwicklungs-psychologischen Orientierungen bedient sich die Methode des "erzwungenen Haltens" folgender Elemente: Der Schaffung des Erlebens von Übermacht und Stärke der Bezugsperson dem betroffenen Kind gegenüber, der Provokation des Widerstandes des Kindes und der Brechung der "Macht" des Ich (von Frau Prekop als "Regierungssturz" bezeichnet), damit der Bindung und Beziehung fördernde und ermöglichende "Trost" plaziert werden kann, denn nur in der Übermacht der Bezugsperson kann Trost gefunden werden. Dem Kind zu zeigen, wer der Stärkere und Mächtigere ist, ist Ziel des Verfahrens. Damit soll sich die (gestörte) Symbiose zwischen Bezugsperson und Kind wieder herstellen lassen, "Geborgenheit" erfahrbar werden und sich eine "Beziehung" aufbauen, auf deren Basis das behandelte Kind dann auch die Verhaltensweisen der Behandler (z.B. Blickkontakt herstellen) imitieren soll und kann. Wo das zentrale Moment der Demonstration von Übermacht und Stärke aufgrund der Kräfte des zu behandelnden Kindes bzw. Jugendlichen durch die (Muskel-) Kraft des Behandlers nicht er-reicht werden kann, kommen, wie schon festgestellt, mechanische Hilfsmittel (z.B der Fest-haltegürtel) zur Anwendung.

In Bezug auf die Ursachen des kindlichen Autismus dominiert die Auffassung, daß der technologische Lebensstil und damit auch die Art und Weise des Umganges mit diesen Kindern die Symbiose in der frühen Kindheit und damit die Wurzel einer gesunden psychischen Entwicklung gefährdet. Damit wird entgegen der heute weltweit in der Autismus-forschung begründet vorliegenden Annahme einer primär kognitiven Störung und Ver-ursachung des Autismus-Syndroms, in deren Folge die sozialen Auffälligkeiten der Kinder entstehen, von den Vertretern des "erzwungenen Haltens" primär eine Störung im sozialen und in der Beziehungsfähigkeit angenommen, in deren Folge dann die kognitiven Beein-trächtigungen zu beobachten sind. In der Folge wird "liberalistisches Denken" in der Kinder-betreuung, das den Kindern zu früh eigene Entscheidungen überläßt, als problematisch und das Kind überfordernd angesehen, weil es noch ein "Es" ist und noch kein losgelöstes "Ich" hat. Auf der Basis einer den Kindern angeborenen Hypersensibilität in Kombination mit einer "instinkt-fremden Betreuung" wird die grundlegende Disposition für Autismus gelegt. Verantwortlich für Autismus ist in diesem Sinne eine derart zustande gekommene grundlegende "Disposition für Autismus", mit der der Abbruch der Symbiose und in Folge dessen Angst des Kindes ein-hergeht. Das Kind beginnt, die auf es einströmenden Reize aus der Umwelt selbst zu ordnen. Darin wird die Grundlage für die Entwicklung von Zwängen und Ritualisierungen und für den Rückzug vom Menschen gesehen. Je nachdem auf welcher Stufe das Kind nach AFFOLTER steht, stimuliert es sich nun selbst (modale Stufe), beklopft es Gegenstände (intermodale Stufe) und ritualisiert es sein Verhalten (seriale Stufe). Im Spiegel dieser Auffassungen beschreibt Autismus die Zwanghaftigkeit der Kinder nach Konstanterhaltung der Umwelt und wird als Begriff zum Synonym für Herrschsucht und Autokratie, die sich auf der Basis "psychischer Umweltverschmutzung" im Sinne einer ‚angstdominierten Störung des emotionalen Gleich-gewichtes im (ewig unbearbeiteten) Konflikt zwischen Annäherung und Vermeidung der Annäherung" entfalten, wie TINBERGEN (1984) ausführt. Das Resultat ist eine Unfähigkeit, Beziehungen einzugehen, und "Heilung" kann (nach Tinbergen) dann erfolgen, wenn man dem Kind hilft, Beziehungen anzuknüpfen. Diese Hilfe wird nun wieder mittels des "erzwungenen Haltens" gegeben. Damit schließt sich der Zirkel entwicklungspsychologischer Auffassungen und der Auffassungen über die Ursachen des kindlichen Autismus hin zur Methode, die damit begründet und verteidigt wird.

Die Ursachenfrage wird eng mit einer Schuldfrage hinsichtlich der Verursachung verknüpft. Zwar kann für die "angeborene Disposition" der Kinder niemand direkt ver-antwortlich gemacht werden, wohl aber für die Kluft, die zwischen dem Lebensstil der Eltern (besonders der Mutter) und den zu befriedigenden instinktiven Bedürfnissen der Kinder entsteht und zum Abbruch der Symbiose führt, was für das Kind den Einstieg in die Entwicklung von Herrschsucht und Autokratie bedeutet. Dies wird besonders deutlich, wenn PREKOP in einer Arbeit von 1982(b) schreibt: "Es wird eine Urangst angenommen, die durch eine erdrückende Erfahrung des Kindes entsteht, sich auf die Mutter nicht verlassen zu können, von ihr verlassen zu werden. Zu Grunderfahrungen eines Wesens gehört ja das Festhalten durch die Mutter unter allen Umständen. Eine tierische Mutter gestattet dem jammernden Jungen nie das Nest zu verlassen und erdrückt es unter ihrem warmen Körper so lange bis es sich beruhigt und den Halt beim Mächtigeren (und demzufolge Nachahmungswürdigen) gegenüber erkennt. Die menschliche Mutter verhält sich dagegen feindlich dem Instinktiven gegenüber. Je nach Art ihrer Aufklärung über die Richtigkeit einer Erziehung und je nach ihren emanzipatorischen Strebungen, die sie mehr an den Arbeitsplatz als an das Zuhause binden, aber auch sicher wegen einer genetisch bedingten Angst und Verweigerungstendenzen des Kindes läßt sich die Mutter verleiten, das Kind alleine zu lassen, wenn es weint und von ihr weg möchte. Dadurch wird eine autistische Abkapselung unterstützt. Das Kind macht die Erfahrung, daß es eine Zufriedenheit erreicht erst, wenn es sich auf sich selbst zurückzog" (S.86).

Die hier deutlich zum Ausdruck kommende Meinung über die Ursachen des kindlichen Autismus und die Begründung des "erzwungenen Haltens" als angemessene Behandlungsform stellen zusammen ein geschlossenes System dar, das mehr ideologischen Setzungen aufruht, als daß es wissenschaftlich begründete Annahmen und Forschungsergebnisse bemüht. Es muß zur Entlastung der betroffenen Eltern deutlich gesagt werden, daß bis heute keine Unter-suchungen vorliegen, die den Nachweis erbringen könnten, daß Eltern autistischer Kinder ursächlich für die Entstehung der Behinderung ihrer Kinder verantwortlich gemacht werden könnten. Es ist unverantwortlich von den Vertretern dieser Auffassungen und des "erzwungenen Haltens", daß sie eine solche Last auf die Schultern der Eltern legen. Dieses ist eher geeignet, die Eltern für die mit den Kindern durchzuführenden Gewalt anwendenden Maßnahmen zu präparieren, als daß damit ein Beitrag zur Aufklärung der Ursachen des kindlichen Autismus geleistet würde. Es soll hier nicht verleugnet werden, daß Eltern Kinder falsch erziehen können und daß dieses zu katastrophalen Ergebnissen für die Kinder führen kann; nur, dieses ist ein allgemeines pädagogisches Problem schlechthin und nicht nur das der Eltern autistischer Kinder. Erst in dcr Arbeit von GRUEN und PREKOP (1986) konstatieren die Autoren ein Wechselwirkungsverhältnis im Dialog von Mutter und Kind und eine gegen-seitige Verstärkung von solchen Verhaltensakten, die der Entwicklung eines Kindes letztlich abträglich sind, womit die früheren, Eltern extrem belastenden Aussagen leicht relativiert werden. Aber auch in dieser Arbeit wird beklagt, ‚daß gerade Mütter, die ihrem Kind entgegenkommen möchten, aufgrund abstrakter intellektueller Vorstellungen über mögliche Gewaltausübungen auf falsche Wege gelangen können" (S.250), was ihnen das Erkennen der wahren Lage ihres Kindes unmöglich macht und für die Kinder zu unzureichendem Halten führt, denn die "Bindungsentwicklung" eines Kindes hängt von der Reaktion seiner Mutter ab. Dies ist nun wiederum eine keinesfalls unrichtige Schlußfolgerung; nur die Herleitung der-selben und der Kontext, in den sie gestellt ist, sind äußerst problematisch.



[9] Siehe AYRES, Jean: Lernstörungen. Berlin/Heidelberg/New York: Springer Verlag 1979

[10] Der AAM (=angeborener Auslösemechanismus) ist ein rezeptorisches Analysatorsystem, dessen Leistung in der Ausfilterung verhaltensrelevanter Merkmale und deren Zuordnung zu einem angeborenen Schema dieser Merkmalskonfiguration besteht, wie SINZ betont. ",Der AAM klingt bei Übereinstimmung der gefilterten und typisierten Eingangsinformation mit der dem Artgedächtnis entstammenden und in einer neuronalen rezeptorischen Schaltung manifestierten Information einer reizbezogene Verhaltensweise aus." Siehe SINZ, R.: Lernen und Gedächtnis. Stuttgart: Gustav Fischer Verlag 1976, S. 40. Für das Verständnis der Organisation der frühen Wahrnehmung wie für den Aufbau biologisch und psychisch dominierender Sinn- und Bedeutungsstrukturen sind diese Zusammenhänge unverzichtbar.

[11] Siehe JANTZEN, W.: Allgemeine Behindertenpädagogik.Weinheim/Basel: Beltz Verlag 1987; dort besonders das 4. und 5. Kapitel

4. Aspekte der Kritik des "erzwungenen Haltens"

Eine Kritik des Systems und Verfahrens des "erzwungenen Haltens" kann in diesem Zu-sammenhang nur einzelne Aspekte aufgreifen, wie dies in der bisherigen Darstellung bereits versucht wurde. Ansatzpunkte einer kritischen Analyse der Begründung und des Systems des "erzwungenen Haltens" liegen grundsätzlich

  • im System selbst im Sinne der Aufdeckung der erheblichen immanenten Widersprüche,

  • in den zugrundeliegenden entwicklungspsychologischen Annahmen,

  • in den Annahmen zum kindlichen Autismus,

  • auf der Ebene der lerntheoretischen Implikationen und

  • auf der Ebene von Interaktions- und Kommunikationsstrukturen.

4.1 Hinweise auf eine Kritik im System des "erzwungenen Haltens"

Wie dies bereits in den vorausgehenden Betrachtungen deutlich wurde, kann man bei einer kritischen Analyse des "erzwungenen Haltens" nicht daran vorbeigehen, daß schon zwischen den Aussagen der Hauptvertreterin dieses Verfahrens und der Art und Weise, wie es landläufig praktiziert wird, tiefe Widersprüche liegen, die nirgendwo aufgelöst erscheinen. Frau PREKOP, die Freiheit mehr schätzt als Heimat, Hab und Gut, wie sie selbst schreibt, vertritt eine Behandlungsform, die gerade die Einmaligkeit menschlichen Subjekt-Seins in jeder ihrer Ausdrucksformen völlig negiert. Daß sich ihr "helles Entsetzen" über das "erzwungene Halten", das sie zuerst als Freiheitsberaubung, Gewalt und Aggression wahrnahm, in eine umfassende Befürwortung wandelt, worauf ich bereits aufmerksam gemacht habe, kann letztlich nur biographisch-analytisch erklärt und verstanden werden, nicht aber aus der Sache des "er-zwungenen Haltens" heraus, das hier Gegenstand der Betrachtung ist. Die Frage, ob auf dem Hintergrund der in der eigenen Lebensgeschichte erfahrenen Verletzungen eine Projektion derselben auf das Klientel von PREKOP zustande kommt, im Rahmen derer dann versucht wird, an den Betroffenen die eigenen Verletzungen mit den Mitteln wiedergutzumachen, durch die sie selbst in ihrer Geschichte erheblich in ihrer psychischen Integrität verletzt wurde, muß und darf gestellt werden; eine Antwort kann und ist in diesem Rahmen hier nicht zu geben.

Eine ähnliche und vergleichbare subjektive Problematik stellt die von TINBERGEN/ TINBERGEN (1984) bezogene kulturpessimistische Position dar, die gerade von PREKOP in besonderer Weise aufgegriffen wird. Dort ist, wie schon herausgestellt, die Rede von "psychischer Umweltverschmutzung", die am Beispiel einer instinktfeindlichen Aufzucht der Kinder aber auch an der dominierenden Technologie, beispielhaft am Einsatz von Brutkästen, festgemacht wird. Während auf der einen Seite also der Einsatz von Brutkästen, der für viele Kinder sicherlich überlebensnotwendig ist, als eine entwicklungshemmende und -zerstörende technische Version unseres heutigen Alltags angeprangert wird, erfindet das Verfahren des "erzwungenen Haltens" den Haltegürtel als mechanisch-technische Hilfe zur Durchsetzung des gewaltsamen Festhaltens des Klienten nach Maßgabe des Dafürhaltens des Behandlers. Eine andere Version, von der berichtet wird, ist eine Art doppelter Strampelsack, der Behandler und Klient sich einander gegenübersitzend um Bauch und Hüften umschließt und die Beine jeweils fixiert hält. Wie dieser Widerspruch nicht diskutiert wird, wird auch nicht als Widerspruch empfunden, dem behandelten Kind während es sich mit Kräften gegen das "erzwungene Halten" wehrt, zu sagen, ",ich liebe dich".

In vielfachen Widersprüchlichkeiten gefangen, bleibt dem Klienten nichts anderes, als diese Widersprüche assoziativ während der Behandlung mitzulernen und in sein Selbst-kontrollsystem einzubauen. Das "erzwungene Halten" ist trotz der es verbrämenden Worte, daß man das Kind, das man gewaltsam festhält, liebe, ein physikalisch-mechanistisches Verfahren, das in der Tradition inhumaner psychiatrischer Praktiken steht, die eine jahrhundertealte Tradition haben, worauf bereits verwiesen wurde.

Die Zwangsjacke, die einen Patienten früher "andauernd" umschloß, war für diesen weit schwieriger als diskriminativer Stimulus zu erlernen, der mit bestimmten Verhaltensweisen in Zusammenhang steht, auf deren Darstellung hin die Fixierung durch die Zwangsjacke erfolgt. Das "erzwungene Halten" das unmittelbar (als Konsequenz) auf entsprechende Verhaltens-weisen des Klienten zur Anwendung kommt, kann im Sinne des zugrundeliegenden operanten Lernprozesses auf der Basis einer einfachen "Wenn-dann-Relation" schneller und leichter als diskriminativ für bestimmte Verhaltensweisen, die unerwünscht sind, erlernt werden. Insofern ist die Praxis des "erzwungenen Haltens" qualitativ keine andere als es die klassischen psychiatrischen Praktiken der Fixierung sind, wenngleich diesen gegenüber ökonomischer und auch von Menschen mit geistiger Behinderung schneller und leichter lernbar, worauf auch KISCHKEL und STÖRMER (1986) aufmerksam machen. Dies verdeutlicht letztlich auch die Abhandlung von ROHMANN und FACION (1985) zur Behandlung von Autoaggressionen in deren Rahmen sie sowohl die "modifizierte Festhaltetherapie"" als auch eine Aversiv-intervention mittels eines drahtlosen elektrischen Reizgerätes einsetzen. Im dargestellten Fall wird berichtet, daß der behandelte Junge absolut symptomfrei wird und das gesteckte Ziel einer Selbstkontrolle sich insofern erfüllt hat, daß er selbst bestimmt, ob und wann er das Gerät oder nur Teile davon tragen will. Dabei reicht ihm das Anbringen des Elektrodenpflasters aus (S.103/104). Wie in diesem Fall das Elektrodenpflaster zum konditionierten diskriminativen Stimulus für die Aversivintervention mittels elektrischer Reizung für den Fall der Darstellung selbstverletzender Verhaltensweisen für den betroffenen Jungen geworden ist, wird im Fall des "erzwungenen Haltens" die Person, die das Halten durchführt, zum diskriminativen Stimulus für die dann zu antizipierende Prozedur des "erzwungenen Haltens", wenn der Betroffene bestimmte Verhaltensweisen zeigt, auf die hin das "erzwungene Halten" eingesetzt wurde. In bezug auf das "erzwungene Halten" anzunehmen, daß es dadurch humaner sei, daß die Gewalt gegenüber dem Behandelten von einer Person ausgeführt wird und nicht wie bei der Aversiv-intervention durch eine elektrische Reizung erfolgt, ist vom Lernprozeß der Betroffenen her gesehen nicht begründbar. Maßnahmen dieser Art sind keine spezifischen therapeutischen Maßnahmen für bestimmte Persönlichkeitsstörungen, sondern schlechthin in bezug auf alle Menschen wirksame Verfahrensweisen von der Qualität der Folter unter der bzw. um sie zu vermeiden die Betroffenen, auf die hin sie zur Anwendung kommen, in der Regel die er-wünschten Verhaltensweisen zeigen.

So gesehen wird also sowohl das Instrument, das eine Aversivintervention ausmacht, als auch beim Halten die Person, die das "erzwungene Halten" durchführt, in das Selbst-regulationssystem des Betroffenen integriert und dort zu einem diskriminativen Stimulus, der aufgrund seiner im Lernprozeß gewonnenen Sinn- und Bedeutungsstruktur veranläßt, daß alle aufzubietende Aktivität dahingehend zum Tragen kommt, die aversive Situation, damit auch das Halten, zu vermeiden. Die haltende Person selbst wird sozusagen als aversiver Reiz konditioniert und damit emotional negativ besetzt. Daß gerade zu solchen Personen grund-legende positive soziale Beziehungen aufgebaut werden können, die zur "Heilung" des autistischen Kindes oder anderer mit diesem Verfahren behandelter Personen führt, kann nicht angenommen werden. Dem "erzwungenen Halten" muß allein unter Berücksichtigung dieser Zusammenhänge ein tiefer Zynismus den Klienten gegenüber bescheinigt werden, der die eigenen Vorgaben der Behandler pervertiert und auch dadurch nicht aufgehoben werden kann, daß man sagt, man liebe, wenn man im Prinzip foltert.

Die Fragwürdigkeit des "erzwungenen Haltens" als spezifisches Verfahren bzw. als Basistherapie bei Autismus wird, was auch schon angedeutet wurde, auch dadurch deutlich, daß z.B. in der von ROHMANN und HARTMANN (1985) entwickelten modifizierten Form des "erzwungenen Haltens" drei der für Frau PREKOP unverzichtbaren Elemente des Ver-fahrens nicht zur Anwendung kommen. So werden bei ROHMANN und HARTMANN der Widerstand des Behandelten nicht bewußt provoziert, der Trost spielt nur als gezielt ein-gesetzte Verstärkung eine Rolle und bezüglich der Ursachen des kindlichen Autismus wird eine primär emotionale Störung nicht angenommen. Die Behandlungsdauer selbst bleibt im Gegensatz zum stundenlangen "erzwungenen Halten" bei PREKOP auf 20-45 Minuten Dauer begrenzt und dennoch werden vergleichbare Wirkungen erzielt.

Ist man nun ein Vertreter dieser Verfahrensweisen, dann müßte man schon aus ökonomischen Gründen die Anwendung des "erzwungenen Haltens" zugunsten der Verfahrens-weise von ROHMANN und HARTMANN (1985) als unbrauchbar zurückweisen. Akzeptiert man ferner die Anwendung von Gewalt und aversiver Intervention, so wäre wiederum das von ROHMANN und FACION (1985) beschriebene Verfahren dem des "erzwungenen Haltens" nach PREKOP vorzuziehen. Also nicht einmal dann, wenn man sich auf den Boden dieser Verfahrensweisen stellt, spricht etwas für die Anwendung des "erzwungenen Haltens" nach PREKOP und deren Vorgänger (Welch, Zaslow u. Breger).

Ein weiteres Problem liegt im Nachweis des Erfolges. Zum einen sind die berichteten und eingesetzten Beobachtungsverfahren in ihren Kategorien derart pauschal, daß sie zur detaillierten Analyse der Veränderungen in den Verhaltensweisen der behandelten Kinder kaum tauglich sind. Statistisch wird berichtet, daß 13% der Kinder, die durch die Behandlung symptomfrei waren, so "überempfindlich" sind, daß sie wieder in "Autismus zurückfallen". Für Erklärungen für den Fall, daß die Maßnahme nicht erfolgreich verläuft, hat man schon in der Begründung der Maßnahme vorgesorgt: Zum einen kann man bei Rückschlägen oder Ver-sagern auf die "angeborene Disposition" zum Autismus verweisen und/oder zum anderen vorliegende Hirnschädigungen oder andere hinzukommende Beeinträchtigungen dafür ver-antwortlich machen, daß das Therapieziel überdauernd nicht erreicht wird. Über abgebrochene Maßnahmen, weil es die Eltern (glücklicherweise) nicht durchhalten, erfährt man von den Vertretern des "erzwungenen Haltens" direkt nichts; ebenso ist bisher wenig darüber berichtet worden, was mit den Kindern erfolgt und wie sie sich weiter entwickeln, wenn das "erzwungene Halten" zu Ende gebracht worden ist.

Das Verfahren des "erzwungenen Haltens" offenbart sich schließlich als solches, das es ist, von selbst, wenn man bei den Erstbeschreibern, die es als "Wutreduktionsmethode" be-zeichnen, das Vorgehen nachliest. Nachdem in einem diagnostischen Vorlauf herausgefunden wurde, wie das Kind reagiert, wenn seine freie Aktivität unterbrochen wird, um den "Widerstand gegenüber dem Halten und um das Ausmaß der Wut und der Abwendung zu testen", wird unter Einsatz dieses Verfahrens die Behandlung eingeleitet und das Kind provoziert. ZASLOW und BREGER (1969) schreiben:

,,Im Falle eines großen Kindes, sollte ein Team von zwei Therapeuten zusammen-arbeiten, indem einer den oberen Teil des Körpers, und der andere den unteren Teil kontrolliert. Viele Kinder geraten in Wut oder zeigen heftige Körperbewegungen, wenn sie in einer solchen Position gehalten werden, um das Halten schwierig zu machen. Manche Kinder schreien, während sie kämpfen. Sie drehen gewöhnlich Ihren Kopf vom Therapeuten weg, wölben ihren Körper oder strecken ihre Füße und Zehen starr aus und versteifen den Körper vollständig. Sie versuchen selten, den Therapeuten zu schlagen, obgleich sie feindselige Bewegungen machen und sich der Haltestellung zu entwinden versuchen. Mit der freien Hand drückt der Therapeut die Wange des Kindes, um den Kopf aufzurichten und dem Therapeuten zuzudrehen, so daß ein Gesichtskontakt entsteht. Der Therapeut spricht sanft mit dem Kind und sagt: ",lch liebe dich", ",es ist in Ordnung, wenn du ein Baby sein willst". Der Therapeut bemüht sich, Augenkontakt herzustellen und muß vielleicht die Haut oberhalb des Augenlids aufwärts drücken, um die Augen zu öffnen. Indem er diese Spannung der Augen aufrecht erhält wird der Therapeut sie eventuell öffnen. Der wichtige Punkt dabei ist, daß jeder senso-motorische Widerstand durch überlegenen Druck uberwunden wird, ob es die Augen, die Zehen, Versteifung der Hand oder des Arms, Versteifung der Beine und sogar excessive ab-dominale Spannungen sind. Wenn es der körperliche Zustand des Kindes erlaubt und wenn die Zähne des Kindes fest zusammengepreßt sind, druckt der Therapeut sanft aber entschlossen die Wangen mit Daumen und Zeigefinger an den Punkt, wo die Kiefer zusammentreffen, so daß der Mund vielleicht gezwungenermaßen offen bleibt. Der Therapeut muß ausreichend Druck anwenden, um den Mund zu öffnen und um ihn offen zu halten, indem er die Wangen seitlich drückt. Er sollte den Fingerdruck lockern, sobald das Kind sich entspannt und sich sorgsam verhalten, um jeden Gewebeschaden zu vermeiden. Der Therapeut muß sich immer gewärtig sein. seinen Gegendruck zurückzunehmen, sobald die Domindanz hergestellt und der Widerstand beseitigt ist. In bestimmten Fällen kann es sein, daß das Kind seine Zunge in einer steifen und starren Position hält, was eine korrekte Sprache verhindert. Dies kann überwunden werden, indem der Mund aufgepreßt und ein Finger, entschlossen aber sanft, gegen die Zunge gepreßt wird, bis sich das Kind der taktilen Überlegenheit über seine Zunge bewußt wird.

Wenn nun der Widerstand des Kindes abklingt, dann "kann der Therapeut das Kind auffordem, daß es auf ihn zugeht und ihn umarmt. Wenn sich das Kind widersetzt, wird es in die horizontale Halteposition zurückgebracht."..."Das ist notwendig, da, wie unsere theoretische Diskussion klarzumachen versucht, diese Kinder an einer verfrühten (premature) Autonomie leiden. Das hyperaktive und sehr zornige Kind wird sich in Wut steigern, wenn es gehalten wird. Jedoch das passive oder träge Kind muß vielleicht zu Wutreaktionen stimuliert werden; denn ohne Wut würde kein Wandel im Gleichgewicht und in den Verhaltens-reaktionen eintreten. Wut kann veranlaßt werden durch Kitzeln oder Bewegen des Körpers oder des Kopfes durch irgendwelche plötzliche, sprunghafte Bewegungen."

Hierzu machen die Autoren folgende Anmerkung: ",Zwei zusätzliche Modifikationen sind in einer früheren Arbeit entwickelt worden, beide zur Erzeugung der Wutreaktion. Die erste ist eine vollkommene Umklammerung, bei der der Therapeut das Kind mit seinem Körper umschließt, in eigentümlicher Weise auf ihm liegt, seine Beine anpreßt und einen engen Blick- und Gesichtskontakt aufrecht erhält. Die zweite enthält eine Reduktion der Wahrnehmungen, welche das Kind erfährt (reducing the sensory input to the child), indem seine Augen und/oder Ohren bedeckt werden, das Sprechen durch das Schließen des Mundes verhindert wird, und dann die Stimulation der Körperregion mit zufällig verteiltem Kitzeln und Schubsen erfolgt."

Weiter fortfahrend offenbart ZASLOW selbst, worin er die Wirkungsweise des Ver-fahrens erkennt, ohne entsprechende Konsequenzen daraus zu ziehen. Er schreibt: ",Die unerwartete Art der Stimulation zusammen mit dem Verlust der gewohnten Wahrnehmungs-muster, machen es dem passiv widerstehenden Kind schwer, die Aktion des Therapeuten zu assimilieren und ist wirksam, um den Widerstand zu brechen" (S.37-39).

Es geht eindeutig darum, Widerstand und damit den Willen des Kindes, der ihn er-möglicht, zu brechen. Es gibt z.B. im Fernsehen kein noch so billiges Klischee eines Agenten- filmes, in dem man nicht genau diese Verfahrensweisen demonstriert bekommen würde, um aus einem Agenten Informationen herauszupressen oder ihn dazu zu bewegen, anders zu denken und zu handeln und sich mit seinem ehemaligen Gegner zu solidarisieren. In diesen Fällen allerdings werden dieselben Methoden, wie sie das "erzwungene Halten" praktiziert (man verschleppt jemanden gefesselt und mit verbundenen Augen irgendwohin und hält ihn dort längere Zeit unter sensorischer Deprivation gefangen und gewährt keine Information über Ort, Zeit und Grund der Maßnahme und erlaubt keine Aussprache mit anderen Personen; man schränkt in einer engen Zelle die Bewegungsfähigkeit gravierend ein usw.), klar als "Hirn-wäsche" oder "Folter" bezeichnet; im Falle des "erzwungenen Haltens" verbrämt man das Ganze als Therapie.

Um wessen Wohlbefinden es bei dieser Verfahrensweise wirklich geht, offenbart eine andere Stelle bei ZASLOW und BREGER (1969), die noch zitiert werden soll: ",So wie in der Psychotherapie ist die Persönlichkeit des Therapeuten von größter Wichtigkeit." (Ein Satz, den ich in bezug auf jedes pädagogische bzw. therapeutische Tun unterschreibe; aber er folgert:) ",Er muß sich wohlfühlen, während des nahen und anhaltenden körperlichen Kontakts und sich vom intensiven Ausdruck des Zorns und der Liebe nicht bedroht fühlen" (S.39).

Auch diese Passage spricht für sich selbst; nach dem Wohlbefinden des Klienten wird nicht entfernt gefragt. Für wen also ist das "erzwungene Halten" Halt und Therapie?

Wer sensibel genug ist, zu hören und zu verstehen, was dieses Verfahren über sich selbst durch seine Erfinder und Vertreter ausführt, der wird erkennen, daß es sich bereits in und durch sich selbst deklassiert und weder als pädagogisch noch als therapeutisch gewürdigt werden kann. Es wirkt, weil unter diesen (,therapeutisch" geschaffenen) Bedingungen letztlich der Wille eines jeden Menschen gebrochen werden kann; der eines behinderten und in seiner Persönlichkeitsentwicklung erheblich beeinträchtigten Menschen allemal.

Der fatale Irrtum, der sich für uns an das äußerst emotional belegte Wort vom "Halt" knüpft, ist, daß das Festhalten im körperlichen Sinne sozusagen automatisch als ein Haltgeben im übertragenen Sinne, also auf der Ebene symbolischer, psychischer Identifikation ein-geschätzt wird. Selbst eine Assoziation mit der MOORschen Theorie vom "inneren und äußeren Halt"[12] ist in bezug auf das Verfahren des "erzwungenen Haltens" in keiner Weise gerechtfertigt.

Ein weiterer fataler Irrtum, auf den schon aufmerksam gemacht wurde, ist, daß die Erfahrung des Haltens von Frau PREKOP durch ihren Mann, das in eine intensive, prinzipiell gleichberechtigte Beziehungsstruktur eingebettet war, auf ein Therapeut-Klient-Verhältnis übertragen wird. Das Therapeut-Klient-Verhältnis entbehrt in der Regel eines vergleichbaren gleichberechtigten Beziehungsaspektes (auch die Eltern-Kind-Beziehung ist hier anders zu bewerten) und ist insofern ein ungleiches Verhältnis, als in der Regel eine doch relativ ein-seitige bis hochgradige Abhängigkeit des Klienten vom Therapeuten angenommen werden muß. "Erzwungenes Halten" ist (vor allem noch in bezug auf autistische Menschen) eine Traktur des Zwanges ohne beziehungsmäßige Entsprechung.

4.2 Hinweise auf entwicklungspsychologische Aspekte der Kritik am "erzwungenen Haltens"

Unter Berücksichtigung der zuvor beschriebenen Aspekte des Verfahrens des "erzwungenen Haltens" muß davon ausgegangen werden, daß diese Behandlungsmaßnahme das "Ich" der behandelten Kinder bzw. die Ich-Kerne zerstört, auf denen die entwicklungsmäßige Entfaltung eines Ich- und Selbstbewußtseins aufbaut.

Wohl ahnend, daß hier ein immenses Problem des Verfahrens verankert ist, greift Frau PREKOP einer entsprechenden Kritik dadurch vor, daß sie entsprechend ihrem entwicklungs-psychologischen Ansatz darauf verweist, daß die Entwicklung eines Kindes mit einer ent-sprechend gestörten Symbiose bzw. eines drohenden Autismus "auf der frühen oralen Stufe" (also im Zustand des Es) eingefroren ist. Daraus folgert sie, "daß man dem Kind noch kein Ich brechen kann, weil es noch ein Es ist" (1984/d, S.14).

In einer solchen Annahme liegt ein weiterer fataler Irrtum dieses Verfahrens. Schon auf der Basis der Schriften von FREUD, aber insbesondere durch die Arbeiten von Rene SPITZ[13], muß man schon seit Jahrzehnten davon ausgehen, daß eine derartige Hierarchie zwischen "Es" und "Ich" in der menschlichen Psyche nicht besteht, wie sie Frau PREKOP postuliert. Gerade die Arbeiten von SPITZ zeigen auf, daß sich das Ich von Anfang an in permanenter Wechsel-beziehung zur Entwicklung der Objektbeziehungen strukturiert und in seiner Funktion der Koordination und Steuerung der auf den Austausch mit der Welt bezogenen Wahrnehmungen aktiv ist. Es integriert, koordiniert und steuert die Austauschprozesse eines jeden Kindes mit seiner Umwelt von Anfang an. Die Ich-Entwicklung setzt folglich nicht auf irgendeiner späteren Stufe der Entwicklung ein oder baut auf der des "Es" auf, sondern muß als eine solche betrachtet werden, die von Anfang an in der kindlichen Entwicklung vorhanden ist, sich aber im Verlaufe der Entwicklung immer mehr ausdifferenziert und komplexere psychische Funktionen koordiniert und integriert. "Ich" und "Es" sind keine getrennten Wesenheiten, die sozusagen eine Art Eigenleben in uns führen, sondern Ausdruck funktionaler Prozesse, die alle durch das "Ich" koordiniert sind.

Jede Maßnahme, die den Austausch eines Menschen mit seiner Umwelt begrenzt oder gar verhindert, wie das mit dem "erzwungenen Halten" eklatant der Fall ist, "be"-hindert die Ich-Entwicklung des betroffenen Kindes und zerstört seine adäquate integrative Funktion. Dieses ist letztlich der schwerste Vorwurf, der diesem Verfahren zu machen ist.

Würde man allein die Forschungsergebnisse von Rene SPITZ in bezug auf die Genese des psychischen Hospitalismus, die er schon Ende der 30er Jahre vorgelegt hat, in ihrer Substanz und Bedeutung für die Entwicklung menschlicher Psyche und des Ich würdigen, müßte sich allein von diesen Erkenntnissen her eine Anwendung des "erzwungenen Haltens" völlig verbieten. Zieht man die heute zugänglichen Ergebnisse der Streß- und Isolations-forschung hinzu, so lassen sich auf humanbiologischer, physiologischer, neuropsychologischer und entwicklungspsychologischer Ebene eine Fülle von Anhaltspunkten bis Belegen finden, die aus entwicklungspsychologischen Gründen gegen die Anwendung eines solchen Ver-fahrens sprechen. Leider kann hier in dieser Differenziertheit nicht auf die Problematik ein-gegangen werden. Dies muß anderen Arbeiten vorbehalten bleiben.

PIAGET, immer wieder zu entwicklungspsychologischen Aussagen auch von Frau PREKOP bemüht, stellt als Basis jeder Entwicklung die Tendenz aller Lebewesen, sich an ihre Umwelt anzupassen (Adaptation) und in ihrem Inneren alle Prozesse in einem Zusammenhang zu organisieren (Organisation) heraus. Letztlich ist damit in anderer Weise eine Ich-Funktion beschrieben.

Wird nun, wie es die Praxis des "erzwungenen Haltens" verlangt, durch Bewegungs-einschränkung, Kitzeln und andere Überreizungen des Kindes die integrative Kompetenz seines "Ich" (seiner Wahrnehmung) entsprechend seines momentanen Entwicklungsstandes überfordert, bricht die regulative und integrative Funktion des "Ich" zusammen und die Wahr-nehmung und der Austausch mit der Umwelt des Kindes wird mehr oder weniger blockiert, was sich in einer schrittweise eintretenden Depersonalisation ausdrückt. Das Kind gibt seinen Widerstand auf und ist nun "willenloses" (weil nicht mehr hinreichend Ich-koordiniertes) Manipulationsobjekt des Behandlers. Im Behandlungsverlauf wird dieses Moment mit dem Übergang von der Erregung des Widerstandes zum Trösten des Kindes aufgrund der Aufgabe seines Widerstandes beschrieben. Was sich hier, äußerlich sichtbar in der Beendigung des Widerstandes durch das Kind, in diesem selbst abspielt, ist der dramatische Verlust der Kontrolle über die eigenen physiologischen und psychischen Funktionen bis in die tonale Regulation der Motorik hinein, der vom Kind emotional als zutiefst existenzbedrohend erlebt wird. In dieser Bedrohung und aus ihr heraus bleibt ihm nichts anderes, als das es existentiell Bedrohende zur Basis neuer Koordinationen seiner physischen und psychischen Funktion zu machen, d.h. den Anspruch des Behandlers an seine Person in seine Ich-Struktur zu integrieren, womit der Widerspruch zwischen dem behandelnden Subjekt und seinem es behandelnden Gegenüber in der Person des Behandelten aufgehoben wird. Dies führt auf der verhaltens-mäßigen Ebene zu den Handlungen des Kindes, die von den Behandlern her gesehen als Erfolg ihrer Maßnahme beschrieben werden. Intern, aus der Sicht des Kindes betrachtet, hat ein Prozeß der Umkrempelung seiner Persönlichkeitsstrukturen stattgefunden, die in anderen Zusammenhängen nur mit dem Phänomen der "Himwäsche" verglichen werden kann.

Es ist geradezu ein Hohn, wenn durch die Vertreter des "erzwungenen Haltens" in diesen Zusammenhängen auf PIAGET, SPITZ, MAHLER, AFFOLTER oder AYRES, um nur einige zu nennen, verwiesen wird, zumal sich aus deren Arbeiten und entwicklungs-psychologischen Ausführungen an keiner Stelle auch nur entfernt eine Begründung für das "erzwungene Halten" ableiten läßt. So nimmt auch die immer wieder in Anspruch genommene Jean AYRES in bezug auf die Ursachen des kindlichen Autismus keine primär emotionale Störung des Kindes an und bezüglich therapeutischer Verfahren bringt sie, worauf an anderer Stelle bereits verwiesen wurde, deutlich aus, daß die Therapie sich nach dem Wohl des Kindes zu richten hat und in jedem Fall eine Kontraindikation vorliegt, wenn ein Kind durch ein therapeutisches Verfahren in eine Überaktivität gedrängt wird (z.B. Widerstand oder Wut zeigt)[14].

In der Geschichte der Pädagogik werden zu verschiedenen Epochen besonders jene Ansätze als fortschrittlich und human bezeichnet, die Kinder unter Berücksichtigung ihrer momentanen Handlungsfähigkeit und aufbauend auf dieser zu qualitativ neuen Formen der Selbständigkeit führen. Repressive Systeme, die wie das "erzwungene Halten" sogar die momentane Handlungsfähigkeit eines als behindert geltenden Kindes einschränken und die von ihm zu leistenden psychischen Selbststeuermechanismen zerstören, können nur als inhumane Praktiken bewertet und aus dem pädagogischen Repertoire mit allem Nachdruck entfernt werden; letztlich auch solche Praktiken, die Schüler heute noch durch pervertierte Leistungs-vergleiche und schlechte Noten, durch das Drohen des Sitzenbleibens und des Ausschlusses aus dem Regelschulsystem mit der Konsequenz der Überstellung an eine Sonderschule zu mehr Entwicklung und zu besserem Lernen "zwingen" wollen[15].

Unter entwicklungspsychologischen Aspekten muß noch eine andere Ebene der Betrachtung der Problematik des "erzwungenen Haltens" einbezogen werden. Es wurde schon deutlich, daß dieses Verfahren mit der "Brechung des Widerstandes", also des hinter dem Widerstand stehenden Willens des Kindes, sich aus einer solchen Situation zu befreien, ein-hergeht und, in der erlebnismäßigen Widerspiegelung diese Erfahrung, mit der Schaffung unerträglicher negativer Emotionen. In den Schriften zum "erzwungenen Halten" werden wiederum an keiner Stelle die Begriffe "Emotion" und "Wille" näher bestimmt, wenngleich mit ihnen operiert wird. Eine solche Bestimmung muß hier aber notwendigerweise kurz erfolgen, damit die Tragweite des Problems erkannt werden kann.

Emotionen können wir auf dem Hintergrund der heutigen Theoriebildung zu dieser Frage als eine erlebnismäßige Bewertung der Wahrscheinlichkeit verstehen, die sich aus der Stärke eines Bedürfnisses in Relation zu der Möglichkeit, dieses Bedürfnis unter bestimmten Bedingungen befriedigen zu können, ergibt[16]. Dieser Sachverhalt kann auch so beschrieben werden, daß uns Emotionen darüber Informationen auf erlebnismäßiger Basis geben, ob wir z.B. im Verhältnis zur benötigten Information zur Lösung eines Problems genügend aktuelle Information zur Verfügung haben, um das Problem auch in dieser Situation lösen zu können.

In diesem Zusammenhang entsteht dann eine positive Emotion, wenn ein Bedürfnis eines bestimmten Grades mit großer Wahrscheinlichkeit und ohne daß sich besondere Hemmnisse dem in den Weg stellen, befriedigt werden kann; d.h. wenn so viel Information oder gar mehr Information zur Verfügung steht, als wir z.B. zur Lösung eines Problems aktuell benötigen. Eine Emotion wird dann eine negative, wenn das Bedürfnis einerseits groß ist und andererseits nur geringe Wahrscheinlichkeiten für die Befriedigung dieses Bedürfnisses be-stehen, so daß eine Befriedigung recht unwahrscheinlich bis unmöglich erscheint; d.h. wenn wir weniger aktuelle Informationen (z.B. auch Handlungsmöglichkeiten) zur Verfügung haben, als benötigt werden, um ein Problem zu lösen.

Die Emotionen selbst sind und bieten also keine Lösungen für ein Problem, sondern sind sozusagen ein psychisches Instrument, das uns Aufklärung darüber verschafft, ob wir auf dem Hintergrund unserer bisherigen Erfahrungen unsere Bedürfnisse in bestimmten Zu-sammenhängen und Situationen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit befriedigen können oder nicht.

Die Funktion des Willens spielt insofern in diesen Zusammenhang hinein, als sich in der Regel zwischen ein Bedürfnis und dessen Befriedigung "Widerstände bzw. Hindernisse" schieben. Die Befriedigung eines Bedürfnisses ist in der Regel also in direkter Weise nicht möglich. Es wird erforderlich, Mittel einzusetzen, die eigene Handlungsregulationen er-forderlich machen, um die Hindernisse zu überwinden, die sich sozusagen zwischen das Be-dürfnis und seine Befriedigungsmöglichkeiten schieben. Damit bedarf es quasi eines Antriebs-systems, das uns im Vorfeld der Befriedigung eines Bedürfnisses so handeln läßt, daß dessen Befriedigung wahrscheinlicher wird. Der Wille ist im Prinzip Ausdruck dieser Funktion, d.h. er repräsentiert beim Menschen das Bedürfnis nach Überwindung von Hindernissen und Schwierigkeiten in bezug auf ein zuvordefiniertes Ziel.

Phylogenetisch kommen die entwicklungsmäßigen Grundlagen der Willensfunktionen schon in dem von PAWLOW beschriebenen und bei Tieren beobachtbaren "Freiheitsreflex" zum Ausdruck. Jeder von uns hat vielleicht schon einmal eine Katze auf dem Arm gehabt, die sich dann plötzlich mit einem starken Sprung aus dieser Situation befreit und wegläuft. Dieses Verhalten könnte als ein Ausdruck der Realisierung des Freiheitsreflexes betrachtet werden.

Zurück zur Problematik des "erzwungenen Haltens". Unter Berücksichtigung der Emotionen und des Willens als psychisch in das "Ich" integrierte Funktionen erfahren diese durch das "erzwungene Halten" in verschiedenen Etappen gravierende Beeinträchtigungen.

  1. Das "erzwungene Halten" wird so durchgeführt, daß motorische Aktivitäten des Kindes weitgehend unterdrückt und ausgeschaltet werden. Die Einschränkung der Bewegungs-möglichkeit unterdrückt die verhaltensmäßige Basis der Entfaltung von Willens-funktionen einerseits und führt andererseits zum Ausfall der Reafferenzen, also der Informationen, die einem Individuum durch die sensorische Rückmeldung der be-wegten Muskulatur entstehen und damit zu gravierender informationeller Deprivation.

  2. Da durch das "erzwungene Halten" dem gehaltenen Kind eine Befreiung aus dieser Situation nicht gelingt, geht in seiner Wahrnehmung die Wahrscheinlichkeit, daß es sein Bedürfnis, sich aus dieser Situation zu befreien, realisieren könnte, rapide gegen Null. Extrem negative emotionale Erlebnisweisen sind die Folge. Durch die Unter-drückung motorischer Aktivitäten werden nun zusätzlich, wie unter 1. beschrieben, propriozeptiv-reafferente Informationen blockiert. Damit entsteht für das Kind eine informationelle Deprivation insofern, als es seiner Erfahrung gemäß (gespeicherte Information) entsprechende Handlungen zur Selbstbefreiung nicht realisieren kann und ihm nicht genügend (externe) Informationen zur Verfügung stehen, wie es sich in An-betracht der Begrenzung in der speziellen Situation des "erzwungenen Haltens" aus der ungewollten Umklammerung befreien könnte. Auch dieses ist eine weitere Quelle negativer Emotionen im subjektiven Erleben des Kindes.

  3. Durch Reizüberflutung, wie sie durch das Kitzeln des Kindes u.a. Manipulationen für das Kind entstehen, kommt es zu einer Reizüberflutung des Kindes mit Informationen, die für diese Situation, in der es gehalten wird und sich befreien will, wertlos sind. Sie steigern also nicht die Orientierung in bezug auf die Durchsetzung der eigenen Be-dürfnisse, sondern führen vielmehr zur völligen Orientierungslosigkeit, als diese sensorische Stimulationen nicht mehr in solche integriert werden können, die eine Ein-lösung des Bedürfnisses nach freier Beweglichkeit und Beendigung der Situation als wahrscheinlich erscheinen lassen könnten.

  4. Das "erzwungene Halten" führt also einerseits durch gezielte und systematisch her-gestellte sensorische Deprivation und andererseits durch gezielte und systematisch hergestellte Reizüberflutung zu einer Anhäufung solcher Informationen, die der Problemlösung aus der Sicht des Kindes nicht dienlich sind und zu einer Absenkung jener Informationen, mittels derer es Lösungen in seiner Situation finden könnte. Damit wird systematisch eine sensorielle Chaotisierung des Kindes betrieben, in bezug auf die die jeweils entfaltete Kompetenz sensorischer Integration (siehe AYRES) weitaus über-schritten wird. Das Kind dekompensiert, wird orientierungslos und bleibt absoluten Ohnmachtsgefühlen preisgegeben: Alles letztlich verankert in einer daraus resultierenden extrem negativen emotionalen Erlebnislage, die tiefster existentieller Bedrohung gleichkommt.

  5. Im Widerspruch zu dem, was tatsächlich mit dem Kind passiert, wird ihm nun "liebevoller Zuspruch", nach dem Zusammenbruch "Trost" zuteil. Dieses ist ein weiteres Element der Chaotisierung und der Verschlechterung der emotionalen Lage des Kindes. Sowohl der "liebevolle Zuspruch" der Behandler als auch der "Trost" stehen in einem unauflösbaren Widerspruch zu dem, was das Kind an seinem eigenen Leib erfährt. Damit kann auch diese widersprüchliche Information nicht sensoriell integriert werden. Da auch sie damit dem Kind keine Perspektive in bezug auf die Realisierung seiner Bedürfnisse gibt, gewinnt sie im Gewande ihrer Widersprüchlichkeit die Qualität, das Kind "verrückt" zu machen, worauf später noch eingegangen wird. Chaotisierung des Kindes einerseits und die Tendenz, es verrückt zu machen andererseits führen nun zur Destabilisierung des "Ich" und zur Depersonalisierung, damit zum Zusammenbruch aller integrativen und koordinierenden wie steuernden psychischen Funktionen.

  6. In diesem Zustand wird das Kind durch seine negativen Emotionen dominiert. Damit werden diese für das Kind zum eigentlichen Gegenstand seines Handelns, d.h. die un-auflösbare Situation, in der es sich befindet (äußere Realität), tritt hinter die erlebte existentielle Bedrohung (innere Realität) zurück. Seine Bemühungen werden nun darauf ausgerichtet, diesen (inneren) Zustand zu beenden. Unter den Aspekten einer lebenserhaltenden Notwendigkeit der Adaptation eines Individuums an seine Umwelt (den erzeugten lsolationsstreß) muß das Kind die ihm durch das "erzwungene Halten" unausweichlich zugemuteten Widersprüche als seine eigene Situation wahrnehmen und bewerten, d.h. folglich den Widerstand diesbezüglich aufgeben[17]. Es wurde an anderer Stelle bereits betont, daß eine Auflösung der Situation nur darin liegt, sich mit den restlich verbleibenden psychischen Kräften mit dem zu identifizieren, was existenziell bedroht. Die Kinder schreien jetzt nicht mehr und wehren sich nicht mehr, sie weinen allenfalls leise und wimmern, wie das in den Schriften zum "erzwungenen Halten" be-schrieben wird. Auch hier drängt sich mir eine Parallele zur Beschreibung der Kinder bei Rene SPITZ auf, die im Prozeß der Entwicklung eines psychischen Hospitalismus den Stand des "Marasmus" erreicht haben; ein unmittelbar lebensbedrohlicher Zustand.



[12] Siehe z.B. MOOR, P.: Heilpädagogik. Bern 1965; ders.: Heilpädagogische Psychologie Bd. I und Bd. II. Bern 1967 u. 1958

[13] Siehe SPITZ, R.: Vom Säugling zum Kleinkind. Stuttgart: Ernst Klett Verlag 1963; ders.: Vom Dialog. Stuttgart: Ernst Klett Verlag 1976; ders.: Eine genetische Feldtheorie der Ichbildung. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 1972; ders.: Brücken - Zur Genese der Sinngebung. In: Psyche 28(1974)7, 1003-1018; ders.: Diacritic and Coenesthetic Organizations. In: Psychoanalytic Review 32(1945), S. 146-162

[14] Siehe Anmerkung 9

[15] Siehe hierzu: FEUSER, G.: Gemeinsame Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder im Kinder-tagesheim. Bremen: Selbstverlag (Landesverb. Ev. Kindertagesstätten, Blumenthalstr. 10/11, 2800 Bremen 1, Tel. 0421/3496730) 1984 und FEUSER, G. u. MEYER, Heike: Integrativer Unterricht in der Grundschule. Solms-Oberbiel: Jarick Oberbiel Verlag 1987

[16] Siehe hierzu z.B. IZARD, C. I.: Die Emotionen des Menschen. Weinheim/Basel: Beltz Verlag 1981 und SIMONOV, P.V.: Widerspiegelungstheorie und Psychologie der Emotionen Berlin/DDR: Verlag Volk und Gesundheit 1975; ders.: Höhere Nerventätigkeit der Menschen - Motivationale und emotionale Aspekte Berlin/DDR: Verlag Volk und Gesundheit 1982

[17] Siehe HAGGARD, E.A.: Isolation und Personality. In: Worchel, P. u. Byrne, D. (Hrsg): Personality Chance. New York 1964, S. 433-469

Schlußfolgerung:

Das "erzwungene Halten" bewirkt mit den Mitteln sensorieller und informationeller De-privation, der Reizüberflutung, widersprüchlicher Kommunikationsangebote und dem systematischen Bemühen, einen anderen verrückt zu machen, die Chaotisierung der behandelten Kinder und führt zum Zusammenbruch ihrer Ich-Funktionen.

Entwicklungspsychologisch gesehen operiert das "erzwungene Halten" mit der Zer-störung der Ich-Funktionen der Kinder, mit der Brechung ihres Willens und mit der Schaffung extrem negativer Emotionen, die die Qualität von Existenzängsten haben. Es kann wiederum nur als extremer Zynismus der Behandler bewertet werden, wenn man entgegen aller dazu be-fragbaren wissenschaftlichen Befunde von diesem Verfahren noch immer erwartet, daß es so schwer beeinträchtigte Kinder wie die mit "Autismus" "heilen" oder in ihrer Persönlichkeits-entwicklung fördern könnte.

Im weiteren besteht auch in bezug auf die Wirkung des "Trostes" bei den Vertretern des "erzwungenen Haltens" ein fataler Irrtum. Trost ist eine Kategorie, die nur greifbar und ver-mittelbar ist, wenn ich mich aufgrund eigenen Erlebens derart in die Situation eines anderen Menschen einfühlen kann, daß mir sein momentanes Erleben nachvollziehbar wird. Das heißt nur auf der Basis einer tiefen Beziehung zu einem anderen Menschen kann Trost eine Kategorie der Hilfe für diesen in einer schwierigen Situation werden. Wo nun Kinder, wie z.B. solche, die als autistisch gelten, noch keine soziale Beziehung von dieser Qualität eingehen können, kann auch Trost für sie nicht in der Bedeutung wahrgenommen werden, wie die Ver-treter des "erzwungenen Haltens" glauben, daß er eine für die behandelten Kinder habe. Im Gegenteil: Der Trost wird nach dem Zusammenbruch der Ich-Funktionen des Kindes nun nur noch zur Quelle einer weiteren sensorischen Stimulation, die nicht mehr eindeutig integriert werden kann. Der hier von den Anwendern des "erzwungenen Haltens" praktizierte Trost für die Kinder ist Alibi des Trostes für sich selbst; vielleicht auch in unbewußter Wahmehmung dessen, daß ein menschlich unwürdiges Verfahren einem relativ hilflosen Kind oder Jugendlichen gegenüber praktiziert worden ist. Damit geht es für die "Therapeuten" nicht nur darum, daß sie sich in und durch diese Maßnahrnen wohlfühlen, sondern auch noch darin selbst Trost finden.

In der Bedeutung, die besonders von ZASLOW und BREGER (1969) der "Wut-reduktion" beigemessen wird, liegt ein weiterer fataler Irrtum des Verfahrens. Wut kann auf der Basis der heute vorliegenden empirischen Untersuchungen als verhaltensmäßiger Ausdruck jener emotionalen Befindlichkeiten eingeschätzt werden, die sich bei extremer motorischer Einschränkung (also auch Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten schlechthin) einstellen. Dies wurde, wie SIMONOV berichtet, auch an Säuglingen experimentell bestätigt.

Bricht infolge des "erzwungenen Haltens", wie ausgeführt, die integrative Funktion des "Ich" zusammen, werden auch die Informationen, die durch die Einschränkung der Motorik dem Betroffenen zugänglich sind, nicht mehr integriert. Damit endet bei gleichbleibender Situation des Festgehaltenwerdens auch die Wut des betroffenen Kindes. Das Verfahren selbst hat also nicht die Wut reduziert, sondern das "Ich" so zerstört, daß trotz auswegloser Situation und völliger motorischer Begrenzung nicht einmal mehr das Gefühl von Wut als Ausdruck entsprechender Emotionen beim betroffenen Kind entwickelt werden kann.

Selbst diese wenigen, hier nur anskizzierten entwicklungspsychologischen Aspekte der Betrachtung der Problematik des "erzwungenen Haltens" zeigen eindeutig, daß es unter diesem Aspekt nicht nur keine Rechtfertigung für dieses Verfahren gibt, sondern daß es aus die Ent-wicklung der Kinder betreffenden, psychohygienischen und letztlich humanen Gründen zu praktizieren geächtet werden müßte.

4.3 Hinweise auf Aspekte der Kritik in bezug auf die Annahmen zum kindlichen Autismus

Im Verlauf dieser Ausführungen mußte wiederholt darauf verwiesen werden, daß sich die Hauptvertreter des Verfahrens des "erzwungenen Haltens" eines Verständnisses der Ver-ursachung wie des kindlichen Autismus selbst bedienen, das die Ergebnisse des heutigen Standes der Autismus-Forschung nicht betücksichtigt. In ihren Schriften findet man weder die grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Haupttheorien zum kindlichen Autismus repräsentiert, noch finden sich Bezüge zu hoch relevanten und in empirischen Untersuchungen abgesicherten Einzelergebnissen zur Problematik des kindlichen Autismus, wie sie z.B. im "Journal of Autism and Developmental Disorders" publiziert sind[18]. Insofern kann hier die Problematik des "erzwungenen Haltens", sofern sie sich auf ein Verständnis zur Ätiologie und zum Wesen des kindlichen Autismus bezieht, nur im Rahmen dieser Vorgaben, wie sie die Hauptvertreter des "erzwungenen Haltens" in bezug auf diese Frage machen, diskutiert werden. Allerdings wäre es in gleicher Weise erforderlich, von den heute weitgehend absicherbaren Annahmen zum kindlichen Autismus ausgehend, eine Kritik der Vorstellungen zum kindlichen Autismus, wie sie insbesondere bei TINBERGEN/TINBERGEN und PREKOP auftreten, zu leisten. Dies kann aber in diesem Rahmen nicht geleistet werden[19].

Unter diesen Gesichtspunkten kann nur noch einmal darauf verwiesen werden, daß die Grundannahmen zum kindlichen Autismus, wie sie die Vertreter des "erzwungenen Haltens" überwiegend unter Verweis auf die Arbeit von TINBERGEN/TINBERGEN (1984) ausbringen, als nach den heute vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen zum kindlichen Autismus nicht haltbar angesehen werden müssen. So verweist schon RUTTER 1984 darauf, daß die Annahme eines sozialen Rückzuges als Ursache der bei autistischen Kindern auftretenden intellektuellen Schädigungen, wie dies von TINBERGEN/TINBERGEN vertreten wird, einfältig und falsch seien[20]. Die von PREKOP dargestellten Zusammenhänge zur Genese des kindlichen Autismus auf der Basis einer angenommenen (wohl genetisch bedingten) Dis-position zum kindlichen Autismus durch Störung der "Symbiose" auf der Basis "instinktent-fremdeter" Behandlung der Kinder und daraus folgend ihre Fixierung auf die Stufe des "Es" ist weder im Sinne der von ihr selbst zitierten Autoren, die sich mit entwicklungspsychologischen Fragestellungen befassen, noch im Rahmen der psychoanalytischen Theoriebildung zur Genese des "Ich" in der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen haltbar und belegbar.

Auch die von TINBERGEN/TINBERGEN immer wieder vorgenommene Übertragung ethologischer Erkenntnisse auf den Menschen, die überwiegend aus Studien des Verhaltens von Vögeln gewonnen wurden, ist weder wissenschaftstheoretisch noch aus Gründen der Zusammenhänge in der Evolutionstheorie in der vorgenommenen Weise als legitim zu be-zeichnen. So muß in diesem Zusammenhang auch entschieden der Auffassung widersprochen werden, daß die Verhaltensweisen des neugeborenen Kindes und des Säuglings im Sinne des Begriffes des "Instinkts" und seiner Realisierung hervorgebracht werden. Ich habe bereits darauf verwiesen, daß hinsichtlich der evolutionsbedingten Absicherung des menschlichen Verhaltensrepertoires im Sinne einer biologischen Bezugsbasis "angeborene Auslöse-mechanismen" zum Tragen kommen, auf die TINBERGEN/TINBERGEN jedoch keinen Bezug nehmen, wie sie auch den von ihnen verwendeten Instinktbegriff nicht näher definiert. Ausführungen dazu findet man auch bei PREKOP nicht. Die "angeborenen Auslöse-mechanismen" können als biologisch organisierte und zentralnervös realisierte Möglichkeiten der Beantwortung sozialer Stimuli aus der Umwelt durch ein Individuum bildhaft ge-kennzeichnet werden. Es sind damit frühe Verhaltensmöglichkeiten des Menschen be-schrieben, die der Anregung aus der Umwelt bedürfen, damit sie auftreten; sie müssen dies nicht zwangsläufig, wie dies bei instinktgesicherten Verhaltensweisen der Fall wäre, die sich auch über Appertenzen realisieren.

Diese durch AAM abgesicherten Verhaltensmöglichkeiten des Neugeborenen und Säuglings sind allerdings auch nur als eine Möglichkeit des Ingangkommens sozialer Inter-aktionen anzusehen und nicht als die alleinige Möglichkeit dazu zu gewichten. Wäre letzteres der Fall, könnte sich kein z.B. blind geborenes Kind regulär entwickeln, weil dadurch die über den optischen Analysator angebotenen Stimuli aus der Umwelt (z.B. die Wahrnehmung der "Augen-Stirn-Partie" der primären Bezugsperson) die spezifischen AAM nicht auslösen könnten (z.B. Lächelreaktion). Die Erziehungspraxis dieser Kinder beweist jedoch, daß selbst in Anbetracht einer von Geburt an vorliegenden Blindheit eine reguläre psychische Ent-wicklung des Menschen im Sinne der Kompensation dieses Defizits möglich ist.

Es kann also in bezug auf die menschliche Entwicklung nicht von einer kausalen Linie gesprochen werden, die von einer genetisch determinierten Disposition linear zum Auftreten des kindlichen Autismus führt. Im Sinne der vorliegenden Erkenntnisse zum kindlichen Autismus muß eher davon ausgegangen werden, daß Autismus eine eben nur dem Menschen mögliche Art und Weise der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt unter der Bedingung einer hochgradigen Beeinträchtigung der integrativen Funktionen der Wahrnehmung darstellt. Damit sind pädagogisch wie therapeutisch alle Maßnahmen kontraindiziert, von denen angenommen werden muß, daß sie die Integrationsfunktion der Wahrnehmung beeinträchtigen oder gar ver-unmöglichen. Wie bereits in den vorstehenden Punkten abgehandelt wurde, ist gerade das "erzwungene Halten" eines der wirksamsten Instrumente, menschliche Wahrnehmung zum Zusammenbruch zu bringen. Daß dies bei Anwendung des "erzwungenen Haltens" autistischen Kindern gegenüber auch der Fall ist, wird darin deutlich, daß es eben genau die hier analysierten Folgen hat. Träfe zu, was die Vertreter des "erzwungenen Haltens" über Autismus annehmen, dürften bei autistischen Kindern die analysierten Effekte eben nicht eintreten. Einen ergänzenden Beitrag zur Autismus-Theorie haben TINBERGEN/TINBERGEN eben nur in-sofern geleistet, als sie mit nachgewiesen haben, daß wir bei autistischen Kindern keine Ver-haltensweisen finden können, die wir nicht auch bei anderen Kindern oder in spezifischer auch bei anderen Lebewesen auf dem Entwicklungsniveau von Säugetieren und sogar darunter finden können. Ferner müßte gerade TINBERGEN auf dem Hintergrund seiner Forschungen, für die er mit dem Nobel-Preis ausgezeichnet wurde, sehr genau wissen, daß ein instinkt-gesichertes Verhaltensrepertoire sozial nicht überformt (überlernt) werden kann. Der Instinkt tritt "formkonstant" in Erscheinung (z.B. die Pickreaktion bei Vögeln), wenngleich diese form-konstante Verhaltensweise in der Art und Weise ihres Auftretens je nach den Erfordernissen, die für ein Lebewesen in der Umwelt bestehen, präzisiert und perfektioniert werden kann (so kann beobachtet werden, daß kleine Vögel im Laufe ihrer ersten Entwicklungstage nach dem Schlüpfen mit zunehmender Präzision und Zielgenauigkeit das instinktgesicherte Pickverhalten zeigen).

Bezogen auf das "erzwungene Halten" muß letztlich, wie schon angedeutet, aber selbst TINBERGEN vor dem totalen Zugriff durch die Vertreter des "erzwungenen Haltens" geschützt werden. Er wird durch Martha WELCH (1984) auf die "Mutter-undKind-Haltetherapie" auf-merksam und integriert sie in sein System der Auffassungen zum kindlichen Autismus; es ist aber keinesfalls so, daß seine Theorie ihn in direkter Weise gezwungen hätte, diese Form der Therapie selbst zu erfinden oder zu entwickeln. Es gibt buchstäblich keine Autismus-Theorie, aus der sich eine direkte Rechtfertigung des "erzwungenen Haltens" ableiten ließe bzw. aus der heraus bewiesen werden könnte, daß dieses Verfahren ein not-wendiges zur Therapie und Pädagogik autistischer Kinder sei.

Es muß darauf verzichtet werden, die Auseinandersetzung zu dieser Frage hier fort-zuführen und im Sinne wissenschaftstheoretischer Positionen und der Theoriebildung zum kindlichen Autismus weiter zu diskutieren. Wer, wie hinreichend aufgezeigt, das "erzwungene Halten" anwendet, wird, egal, was er meint, daß Autismus sei und wodurch er verursacht wurde, damit "erfolgreich" sein. Dies deshalb, weil jeder Mensch, sei er nun behindert oder nicht, psychisch nach denselben Gesetzmäßigkeiten organisiert ist und damit auch mit denselben psychologischen Mitteln psychisch zerstört werden kann.

Das "erzwungene Halten" wirkt auch bei autistischen Menschen, weil, was wir an ihnen als "autistisch" wahrnehmen, entwicklungslogisches Produkt unter den für diese Menschen je spezifischen Lebensbedingungen ist und nicht ihr "Wesen" ausmacht. Es kann also nicht begründet angenommen werden, daß die bei als autistisch geltenden Kindern in bezug auf soziale Kontakte beobachtbare Abwehr geradezu ein spezifischer Ausdruck für ein Bedürfnis nach diesen Kontakten sei, wie dies von PREKOP interpretiert wird. Das zeigt sich deutlich darin, worauf MALL (1983) aufmerksam macht, daß Kinder, die ein Motiv haben, gehalten zu werden, durch das "erzwungene Halten" in üblicher Weise nicht behandelt werden können, weil durch das "erzwungene Halten" kein Widerstand provoziert wird und damit das "Ich" der Kinder nicht zum Zusammenbruch kommt. Man muß sich dann schon wieder brachialer Mittel der Provokation des Widerstandes (wie durch Zaslow und Breger beschrieben) bedienen, um die Kinder durch die schon aufgezeigten Verfahren so zu beeinflussen, daß eine "Ich"-gesteuerte Wahrnehmung nicht mehr möglich ist.

Auf diese Weise können allerdings auch die guten Fähigkeiten behinderter Kinder zur sozialen Adaptation in entsprechenden Einrichtungen durch die Behandlung mit diesem Ver-fahren zerstört werden. Anstatt die hochgradige Isolation und soziale Deprevation dieser Kinder zu verändern (z.B. durch Integration) und damit die zentralen Ursachen von Hospitalismus und/oder z.B. schwerer Stereotypien und schwerer selbstverletzenden Ver-haltensweisen zu beseitigen, läßt man lieber die Verhältnisse wie sie sind und behandelt die Kinder im System absolut kontraindiziert mit der Maßnahme des "erzwungenen Haltens", um die Verhaltensweisen, die den Behandlern wohl unangenehm sind, auf diese Weise zum Verschwinden zu bringen. Damit sind aber nicht die Gründe beseitigt, die die Darstellung dieser Verhaltensweisen bei den betroffenen Menschen (über-)lebensnotwendig machen.

Auf dem hier aufgezeigten Hintergrund kann die Annahme, daß das "erzwungene Halten" eine "behinderungsspezifische" Behandlungsform autistischer Menschen sei, nur als ein weiterer fataler Irrtum der Vertreter dieser Behandlungsform eingeschätzt werden. Die Wirksamkeit dieses Verfahrens ist insofern eine spezifische, als sie in bezug auf die Gattung Mensch, wie aufgezeigt, hoch wirksam ist; nicht aber in bezug auf eine spezifische Be-hinderungsart.

4.4 Hinweise auf Aspekte der Kritik in bezug auf das Lernen der Kinder

Ausgehend von der Grundtatsache, daß sich der Mensch seine Adaptation an die Umwelt mittels Lernen erwirbt, und durch Lernen die (inner-)psychische Organisation eben dieser Adaptationsprozesse aufbaut, müssen wir annehmen, daß der Mensch immer lernt; dies also nicht nur zu Zeiten und in Phasen, in denen er mit einem intentionalen Lernangebot kon-frontiert ist. Hinzu kommt, daß im Sinne dieser Lernprozesse nicht nur die Gegenständlichkeit von Welt (die Dinge und die Personen) angeeignet werden, sondern auch die Art und Weise des Aneignungsprozesses selbst. In der Betrachtung des menschlichen Lernens haben wir folglich immer zwei Seiten ein und desselben Lernvorganges zu betrachten: Zum einen das Lernen im Sinne der Aneignung von Fertigkeiten, Kenntnissen (Wissen), Qualifikationen (Handlungskompetenzen) und Erkenntnissen und zum anderen den Prozeß des Lernens selbst, also das "Lernen lernen". Gegenständlich bezogenes Lernen (in bezug auf die Sachumwelt wie in bezug auf Personen und die sozialen Gegebenheiten) verschafft dem Lernenden also auch immer Erfahrungen über seinen eigenen Lernprozeß; d.h. Erfahrungen bezüglich einer Strategie des Lernens und in bezug auf die Einstellungen, Haltungen und Bewertungen des Lernens als solches; dies auch übergreifend in bezug auf die verschiedensten Gegenstände (Personen und Dingen) der Aneignung.

Damit macht ein Kind auch in der Situation des "erzwungenen Haltens" auf der Basis seiner Lernprozesse Erfahrungen, die sich auf die gegenständliche Welt (die Personen und das Verfahren des "erzwungenen Haltens") und seine Lernprozesse selbst beziehen.

Im engeren Sinne betrachtet findet menschliches Lernen immer in Situationen statt. Eine bestimmte Verhaltensweise wird dann gezeigt, wenn der Mensch bestimmte Bedarfe und Bedürfnisse im Sinne des inneren Milieus befriedigt haben möchte. Grundbedarfe des Menschen sind dabei sicherlich die Absicherung seiner biologischen Existenz und die Be-friedigung seines sinnlichen Bedarfs nach neuen Eindrücken im Sinne der Absicherung der Funktionen seines zentralen Nervensystems. Bedarfe und Bedürfnisse im Sinne des inneren Milieus sind für den Menschen jedoch nur m sozialen Zu sammeuhängen und durch eine gegenständlich orientierte Tätigkeit (in bezug auf die Außenwelt) zu befriedigen Der Zu-sammenhang von Bedarfen/Bedürfnissen und Objekten (Personen/Dingen) in der Außenwelt, die eben diese Bedarfe/Bedürfnisse befriedigen können, bildet das Motiv, sich in bezug auf die Außenwelt aktiv zu verhalten. Eine beobachtbare Verhaltensweise resultiert. Im Prozeß dieser Auseinandersetzung kann nun die mit der Verhaltensweise verbundene Aktivität bezogen auf die Bedürfnisse, zum Erfolg führen (sie erfährt eine Bekräftigung). Die Wahrscheinlichkeit, daß eben diese Aktivität in einer vergleichbaren Situation und bei Vorliegen einer ent-sprechenden Motivation wieder gezeigt wird, steigt.

Bestehen in einer bestimmten Situation im Sinne der Wahrnehmung des inneren Milieus unangenehme Emotionen, so wird eine bestimmte Verhaltensweise (Aktivität des Individuums) auch dann als erfolgreich wahrgenommen, wenn mittels Einsatz einer be-stimmten Verhaltensweise der unangenehm erlebte Zustand beendet werden kann. In diesem Fall würden wir im Gegensatz zum oben benannten ersten Fall (positive Verstärkung) von einer negativen Verstärkung sprechen. Die Verhaltensweise hat dabei die Qualität einer "Ver-meidungsreaktion"; d.h. das Individuum wird auf dem Hintergrund solcher Lernerfahrungen nur aktiv, wenn es darum geht, einen drohenden oder bestehenden unangenehmen Erlebnis-zustand zu beenden oder ihn im Vorgriff auf dessen mögliches Eintreten zu vermeiden.

Bestimmte Aktivitäten eines Menschen können aber auch unangenehme Konsequenzen zur Folge haben. Wir sprechen in diesem Fall von Strafe. Sie liegt dann vor, wenn in einer bestimmten Situation in Folge der Darstellung einer bestimmten Verhaltensweise eine subjektiv als unangenehm erlebte Konsequenz auftritt (z.B. Zufügen eines schmerzhaften Reizes) oder aber eine angenehme Situation, in der sich das betroffene Individuum befand, durch die Konsequenz beendet wird. In Folge dieser Erfahrung wird das mit der Verhaltens-weise angestrebte Ziel des Betroffenen nicht erreicht; sein Motiv, in dieser Weise zu handeln, bleibt also bestehen. Dennoch ist es für den Betroffenen nicht angezeigt, in der Situation, in der eine strafende Kontingenz (Bedingung) besteht, eben diese Verhaltensweise zu zeigen.

Für das Lernen wird unter dem Aspekt der Strafe also die Erfahrung gemacht, daß es nicht sinnvoll ist, in einer bestimmten Situation eine bestimmte Verhaltensweise darzustellen, auch wenn das Motiv besteht, dies zu tun. Der Lerneffekt bezieht sich also auf diskriminative Leistungen bezüglich der Situationen, in denen eine Bedingung für Strafe oder eben keine Bedingung für Strafe besteht. Lernen durch Strafe verändert also nicht das Motiv, das eine be-stimmte Verhaltensweise zur Darstellung kommen läßt, sondern führt nur zur Unterdrückung der Darstellung einer spezifischen Verhaltensweise unter spezifischen Bedingungen.

Erfolgreiches Lernen im Sinne positiver wie negativer Verstärkung verändert jedoch das Motiv, sich zu verhalten: Im Falle der positiven Verstärkung wird die hinter den Ver-haltensweisen stehende Antriebskraft, die Neugier, die Aktivität, die Exploration, das Interesse, der Mut, neue Erfahrungen zu machen u.v.m. als sinnvolle und erfolgreiche Lernstrategie bestärkt. Im Fall negativer Verstärkung erscheint sich aktiv zu verhalten nur dann sinnvoll, wenn es darum geht, eine drohende oder bestehende unangenehme Situation zu vermeiden. Alle für das Lernen relevanten Hintergrundaktivitäten, wie oben aufgezeigt, werden also nur aktiviert, wenn es etwas Unangenehmes zu beenden oder zu vermeiden gilt; ansonsten dominiert Passivität, Verharren, wenig Interesse an den Vorgängen in der Umwelt u.v.m.

Bezogen auf die Situation des "erzwungenen Haltens" und unter Einbezug unserer bisher vorgenommenen kritischen Analyse müssen wir unter lernpsychologischen Gesichts-punkten davon ausgehen, daß bei Anwendung dieses Verfahrens gegenüber Kindern die Lern-prozesse durch die Mechanismen von negativer Verstärkung und der Bestrafung wirksam sind.

Wir müssen entgegen den Vertretern des "erzwungenen Haltens" annehmen, daß autistische Kinder kein Bedürfnis nach dem "erzwungenen Halten" haben und folglich dies-bezüglich auch kein Motiv aufbauen, in diese Situation zu kommen. Im Gegenteil: Unsere Analysen zeigen, daß diese Situation emotional als hoch aversiv (unangenehm) erlebt wird. Beendet das gehaltene Kind nach erfolglosem Widerstand und erfolglosen Bemühungen, sich aus der Umklammerung zu befreien, seinen Widerstand und nimmt z.B. Blickkontakt auf, macht es die Erfahrung, daß die Provokation des Widerstandes durch den Behandler beendet wird und im Sinne der nun folgenden Phase des "Tröstens" höhere Freiheitsgrade als während der Phase der Provokation des Widerstandes im Rahmen des "erzwungenen Haltens" zu er-reichen sind. Das "erzwungene Halten" wird, weil sich für die Behandler ein Erfolg zeigt, auch bald beendet.

Welche Erfahrungen macht das Kind? Stellt es seine aktiven Verhaltensweisen des Widerstandes und der Durchsetzung wie Realisierung seiner eigenen Bedürfnisse ein und wird passiv und blickt es z.B. den haltenden Behandler an, wird das von ihm aversiv erlebte Halten beendet. Passivität und Aufnahme von Blickkontakt werden für das Kind also erfahrungsmäßig zu Strategien, das "erzwungene Halten" zu beenden. Es wurde eine Vermeidungsreaktion erlernt. Zukünftig bedeutet dies für das Kind, wenn eine vergleichbare Situation auftritt oder zur Vermeidung des Auftretens einer vergleichbaren Situation (Anwendung des "erzwungenen Haltens"), entsprechend passiv zu sein (d.h. keine den Behandler zum Halten veranlassende Verhaltensweisen zu zeigen) und Blickkontakt aufzunehmen. Das Ziel der Behandler erscheint erreicht. Das Kind hat aber auf diese Weise gelernt, z.B. Blickkontakt als eine Strategie zur Vermeidung einer für es noch unangenehmeren Situation einzusetzen, als Kontakt aufzu-nehmen ohnehin bedeutet. Was von den Behandlern als Erfolg gepriesen wird, bedeutet also lernpsychologisch, daß das Kind nicht etwa Blickkontakt und andere Verhaltensweisen zeigt, weil es ein Mittel gefunden hätte, soziale Insuffizienzen zu überwinden und ein Bedürfnis aufzubauen, soziale Kontakte einzugehen, sondern weil es ein Mittel gefunden hat, auf dem Hintergrund seiner autistischen Persönlichkeitsstruktur wirkungsvoll Konsequenzen zu ver-meiden, die sich dann einstellen, wenn es keinen Blickkontakt oder andere geforderte soziale Kompetenzen zeigt. Ein Motiv nach sozialem Kontakt ist beim autistischen Kind also nicht entstanden, sondern ein Motiv, aufgrund der eigenen Persönlichkeitsstruktur unangenehm erlebte soziale Situationen wirkungsvoll zu vermeiden; auch um den Preis, eine von der Außenwelt als "sozial" adaptiertes Verhalten bewertete Aktivität zu zeigen. Auf dem Hinter-grund der autistischen Persönlichkeitsstruktur der Kinder werden als soziales Verhalten in Erscheinung tretende Aktivitäten zum wirksamen Instrument, sich (bezogen auf das innere Motiv) nicht sozial verhalten zu müssen! Im Kontext mit den entwicklungspsychologischen Hinweisen wird dieses Lernverhalten noch besser verständlich und der darin liegende schein-bare Widerspruch auflösbar.

Das bedeutet: Die drohende Durchführung des "erzwungenen Haltens" bedeutet in bezug auf solche Verhaltensweisen eines autistischen Kindes, die den Behandlern zum Anlaß werden, das "erzwungene Halten" einzusetzen, diese Verhaltensweisen nicht in einer Situation zur Anwendung zu bringen, in der als Konsequenz das unangenehm und psychisch vernichtend erlebte "erzwungene Halten" folgt. Schaukelt ein Kind z.B. stereotyp (womit es sich in seiner Isolation stabilisiert) und nimmt auf Aufforderung keinen Blickkontakt auf oder beschäftigt sich nicht mit anderen Dingen (weil dies den Wahmehmungsapparat informationell überlasten und die psychische Stabilisierung gefährden würde), wird von den Behandlern z B das er-zwungene Halten eingesetzt. Dieses wird vom Kind, wie herausgestellt, extrem aversiv erlebt, nämlich existenz und lebensbedrohlich; ein aversiveres Erleben ist nicht vorstellbar. Obwohl das Kind subjektiv ein seine spezifische Existenz absicherndes Bcdürfnis nach Darstellung eben dieser Verhaltensweisen hat, lernt es nun, die Darstellung dieser Verhaltensweisen dann zu unterdrücken, wenn in seiner Umwelt Bedingungen bestehen die ihm anzeigen, daß für den Fall der Darstellung einer autistischen Verhaltensweise das ‚erzwungene Halten" (Strafe höchsten Ausmaßes) erfolgen wird. Wieder sind die Behandler "erfolgreich": Das Kind zeigt die Verweigerung, eine bestimmte Sache zu tun, oder eben eine bestimmte Stereotypie oder Selbstverletzung nicht, weil sonst Strafe durch "erzwungenes Halten" folgt. Sein Motiv, sich stereotyp zu verhalten, bestimmte Situationen zu vermeiden, die subjektiv belastend sind, oder sich selbst zu verletzen, wird dadurch nicht verändert. Es ist anzunehmen, daß das Kind diese Verhaltensweisen wieder zeigen wird, wenn keine strafende Bedingung besteht.

Unter Aspekten lempsychologischer Betrachtung ist das "erzwungene Halten" also keine Möglichkeit, über Lernen die autistische Persönlichkeitsstruktur eines Menschen zu verändern. Es ist allerdings ein wirksames Instrument, autistische Kinder zur Vermeidung total existenzbedrohender Verhältnisse andere, die Persönlichkeit stabilisierende Verhaltensweisen (Stereotypien, selbstverletzende Verhaltensweisen) nicht zu zeigen bzw. solche Verhaltens-weisen zu zeigen (z.B. Blickkontakt), mittels derer die drohende Strafe wirksam vermieden werden kann.

Damit kann gefolgert werden, daß das "erzwungene Halten" weder entwicklungs-psychologisch noch lempsychologisch eine Behandlungsform darstellt, die, wie von TINBERGEN/TINBERGEN verkündet, "Heilung" des Autismus bewirken könnte; im Gegen-teil, es ist anzunehmen, daß sich die autistische Persönlichkeitsstruktur der so behandelten Menschen im Sinne der damit verbundenen psychischen Funktionen eher noch verstärkt.

Gehen wir zu TINBERGEN/TINBERGEN zurück, die Autismus als eine angst-dominierte Vermeidungsreaktion beschreiben, nämlich als ein nie zu lösendes Schwanken zwischen dem Bedürfnis, soziale Kontakte einzugehen und soziale Kontakte zu vermeiden, dann wird deutlich, daß eben dieses Verfahren des "erzwungenen Haltens" eine "angst-dominierte Vermeidungsreaktion", die für TINBERGEN/TINBERGEN der Kern des Autismus ist, verstärkt bzw. aufbaut.

Greifen wir noch einmal auf die Ausführungen zur emotionalen Problematik zurück, so wird unter diesem Aspekt im Zusammenhang mit lernpsychologischen Erwägungen deutlich, daß die Personen, zu denen Kontakt aufgenommen werden soll, in dem sie das "erzwungene Halten" praktizieren, also solche Personen generalisiert wahrgenommen werden, die genau dafür diskriminativ sind, daß eine positive emotionale Erlebnislage nicht zustande kommen kann, weil keine Wahrscheinlichkeitsannahme auf Befriedigung der Bedürfnisse des autistischen Kindes durch diese Personen besteht. Der psychische Streß steigt. Diesem wiederum wird durch typische autistische Funktionsmechanismen begegnet, die subjektiv geeignet sind, die negative Emotionslage zu reduzieren bzw. partiell zu einer positiven emotionalen Befindlichkeit zu kommen Da wir bei autistischen Kindern ein kognitives Grund-problem bezüglich der Orientierung auf ihre Umwelt annehmen müssen, d.h. für diese Kinder die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, daß keine gelungenen Orientierungsreaktionen zustande kommen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, daß das innere Milieu (Bedarfe/Bedürfnisse) solche (dann nicht mehr auf die Umwelt bezogenen) Verhaltensweisen generiert, die im Sinne autokompensatorischer Funktionssysteme durch die Aktivierung propriozeptiver und auf die Nahsinne bezogener exterozeptiver Stimulationen die erforderliche Informationszufuhr im System selbst organisieren.

Das bedeutet, daß angenommen werden muß, daß die Ausbildung entsprechender Stereotyps notwendigerweise zunimmt und die Verhaltensweisen der Kinder, die von den Behandlern als Erfolg erlebt werden (die Aufnahme von z.B. Blickkontakt und anderer sozialer Verhaltensweisen) selbst Gegenstand eines solchen Stereotyps werden. Das würde wiederum entwicklungspsychologisch gesehen bedeuten, daß die autistische Persönlichkeit der be-handelten Kinder nur um das neue Stereotyp, andere anzusehen und mit anderen zu inter-agieren, bereichert wird. Was also in der Regel als sozial adaptives Verhalten zu bewerten ist, wird auf dem Hintergrund einer autistischen Persönlichkeitsstruktur durch das Verfahren des "erzwungenen Haltens" zum Gegenstand eines "dynamischen Stereotyps" im Sinne einer durch die Dominanz des inneren Milieus geprägten Orientierung auf die Umwelt[21].

Dies wird beispielhaft deutlich, wenn ROHMANN und FACION (1985) in ihrer Falldarstellung davon sprechen, daß es nach erfolgreichem Abschluß der Behandlung eines sich selbstverletzenden Kindes ausreichte, wenn das Elektrodenpflaster angebracht wurde, auch wenn keine strafenden Reize mehr verabfolgt wurden. Der behandelte Junge bestimmt sogar selbst darüber, wann er das Gerät oder Teile davon tragen will. Dies macht deutlich, daß auf dem Hintergrund einer durch das innere Milieu (Existenzbedrohung, Vermeidung) dominierten Orientierung auf die Umwelt eben die (äußeren) sozialen Kontakte nicht zum Gegenstand der Orientierung werden, in deren Folge Autismus überwunden und z.B. stereo-type und selbstverletzende Verhaltensweisen für das Subjekt nicht mehr notwendig werden könnten. Die Orientierung erfolgt vielmehr auf den Gegenstand/die Person, die für die zu ver-meidende Erlebnislage diskriminativ ist (z.B. Schutzhelm, Handfessel, Elektrodenplättchen, Person, die das "erzwungene Halten" praktiziert). Deren (äußere) Präsenz steuert dann das durch das innere Milieu (Angst) generierte Verhalten.

Die Behandler, die mit dem "erzwungenen Halten" operieren, werden aus der Sicht des Kindes also nicht zum Gegenstand ihrer durch positive Emotionen getragenen Motive, mit diesen in soziale Interaktionen einzutreten, sondern zum leibhaftigen Indikator für das drohende Eintreten extrem existenzbedrohender Zustände im Sinne der Zerstörung des "Ich" der Betroffenen im Prozeß des "erzwungenen Haltens". Somit wird eine neue Form "angst-dominierten Vermeidungsverhaltens" durch das Verfahren des "erzwungenen Haltens" in die Persönlichkeitsstruktur der behandelten Kinder integriert und diese Kinder auf ihre Grund-störung nicht gelingender Orientierungstätigkeit (insbesondere in bezug auf die Personen ihrer Umwelt) fixiert. Die Folge: Autismus wird im Sinne der Ausbildung eines neuen "dynamischen Stereotyps" fixiert und konserviert[22].

Damit erklären sich auch die "Rückfälle" von behandelten Kindern, die von den Vertretern des "erzwungenen Haltens" auf die zugrunde liegende "Disposition" zum Autismus zurückgeführt werden. Der Effekt dieser Behandlung ist eine Fixierung der psychischen Organisation der behandelten Kinder auf Funktionszusammenhänge, die in und durch die pädagogisch-therapeutische Arbeit mit autistischen Kindern gerade überwunden werden müßten. Im eigentlichen Sinn des Wortes handelt es sich nicht um "Rückfälle", sondern um die Darstellung eines der Funktion nach unverändert autistischen Verhaltens, wenn bestimmte Kontingenzen in der Umwelt für das Kind nicht wahmehmbar bestehen. Entgegen den vor-liegenden Berichten wäre mit hohen Raten von "Rückfällen" zu rechnen, was aber auf der Basis der mir zugänglichen Beobachtungsverfahren, die die Behandlung anwenden, nicht zuverlässig erhoben werden kann.

Unter lempsychologischen Gesichtspunkten wird weder Autismus "geheilt", noch werden solche Motive bei den Kindern ausgebildet, die sie bewegen könnten, in sozialen Situationen kompetent zu interagieren - noch wird die auch bei autistischen Kindern be-stehende Beziehungsfähigkeit durch diese Maßnahme bekräftigt; sie wird in ihren psychischen Kernen sogar zerstört.

4.5 Hinweise auf Aspekte der Kritik in bezug auf Interaktion und Kommunikation im Rahmen des "erzwungenen Haltens"

Im Verlauf der hier vorgenommenen kritischen Analyse des "erzwungenen Haltens" wurde bereits darauf verwiesen, daß das interaktive und kommunikative Setting des Verfahrens selbst ein Inhalt ist, den sich die Kinder, die gehalten werden, zwangsläufig aneignen müssen. Zwei Aspekte sind dabei besonders zu betrachten: Zum einen erfahren die Kinder im Prozeß des "erzwungenen Haltens" eine totale Begrenzung ihrer Handlungsmöglichkeiten durch völlige motorische Blockierung. Sie haben damit keine Möglichkeit, die Situation durch Maßnahmen ihrerseits zu beenden, es sei denn, sich auf die gestellten Erfordernisse von seiten der Behandler einzulassen. Diese Erfordernisse sind jedoch durch extreme Widersprüche gekennzeichnet, die zum Teil schon dargestellt wurden. Insofern bedeutet ein Sich-Einlassen des Kindes auf diese Erfordernisse zwangsläufig die Aneignung der Widersprüche, mit denen die Kinder interaktiv und kommunikativ in der Situation des "erzwungenen Haltens" kon-frontiert werden. Auch auf der verbalen Ebene bleiben den Kindern keine Möglichkeiten offen, die Widersprüche aufzudecken und dadurch im Sinne ihrer eigenen Intentionen durch Meta-kommunikation eine Veränderung der Situation zu erreichen. Werden sie also einerseits durch motorische Begrenzung in ihren Handlungen blockiert, wird andererseits auf verbale Äußerungen, die die Situation des "erzwungenen Haltens" und den Versuch der Kinder betreffen, die Situation zu beenden, konsequent im Dialog mit dem Behandler negiert. So erfährt das Kind einerseits entgegen seinen eigenen Bedürfnissen und Wissensbekundungen das zwangsweise Festhalten und andererseits wird ihm in diesem Prozeß gesagt, daß man es liebe, wenngleich es die rohe Gewalt und alle Maßnahmen wider seinen Willen zur selben Zeit erlebt.

Unter dem genannten Aspekt, daß sowohl die motorischen Handlungen begrenzt wie die sprachlichen Äußerungen im Sinne des Gemeinten negiert werden, hat das Kind keine Möglichkeit sich aus der Situation zu entfernen oder sie zu beenden. Es befindet sich im Zu-stand einer hochgradigen Abhängigkeit, in der es nun mit für es hoch bedeutsamen Informationen und Botschaften konfrontiert wird. Diese Botschaften erfährt es auf der einen Ebene im Sinne einer Art Vergewaltigung und Negation seiner Bedürfnisse und seines Willens und auf einer anderen Ebene im Sinne einer körperlichen Nähe, die derart eigentlich nur in einer Liebesbeziehung legitim aufgenommen werden kann und auf der ihm noch gesagt wird, daß man es liebe, wenngleich es auf der anderen Ebene das pure Gegenteil davon erlebt. Damit ist eine Double-blind-Situation konstituiert, der das Kind durch körperliche Fixierung nicht entfliehen kann und die es kommunikativ nicht aufzulösen vermag, weil seine verbalen Aus-sagen negiert werden oder aber das Kind kein psychisches Entwicklungsniveau hat, auf dem es sich die Widersprüchlichkeit dessen, was ihm widerfährt, erklären könnte.

Zum anderen wird dem Kind gegenüber durch die Behandler in der Situation des "er-zwungenen Haltens" permanent eine Umdeutung seines eigenen Empfindens vorgenommen. So wird seine massive Abwehr des "erzwungenen Haltens" als Gehalten-werden-wollen inter-pretiert und während der Durchführung der Prozedur wird das gehaltene Kind mit verbalen Äußerungen konfrontiert, die ihm etwas völlig anderes unterstellen, als das, was wir annehmen müssen, daß das Kind mit seiner Abwehr und seinen Worten, wenn es der Sprache mächtig ist, ausdrücken möchte und konkret erlebt. Damit befindet sich das Kind in einem Zustand hoch-gradiger "Mystifizierung" in dem Sinne, daß man ihm fortwährend etwas in bezug auf seine eigene Person bedeutet, was es selbst ganz anders erlebt, ohne daß aber auf das, was das Kind selbst erlebt und zum Ausdruck bringt, eingegangen würde.

Diese Interkations- und Kommunikationsformen des "Double-bind" und der "Mystifizierung" müssen auf der Erscheinungsebene als soziale Verkehrsformen eingeschätzt werden, die entwicklungslogisch zu hochgradigen Neurotisierungen der betroffenen Personen bis hin zu psychischen Verletzungen führen können, die schizophrenogene Potentiale haben. Diese sind allerdings nicht kausal aus den Kommunikationsmodi, wie sie die nachfolgend zitierten Autoren beschreiben, ableitbar, sondern über komplexe psychische Übersetzungs-mechanismen wiederum das "Ich" destabilisierend wirksam. Darauf kann hier aber nicht weiter eingegangen werden. Ihrer besonderen Bedeutung wegen seien sie nachfolgend kurz skizziert.

WEAKLAND beschreibt die "Double-Bind-Hypothese" wie folgt:

  1. In einer Double-bind-Situation wird jemand mit einer bedeutsamen Kommunikation konfrontiert, die zwei Botschaften auf verschiedener Ebene oder verschiedenen logischen Typs enthält, zwischen denen zwar eine Beziehung besteht, die sich aber nicht vereinbaren lassen.

  2. Die Möglichkeit, das Feld zu räumen, ist blockiert ... "weil der Betreffende von der Person oder den Personen abhängig ist, die die widersprüchlichen Botschaften abgeben.

  3. Deshalb ist es für ihn wichtig, auf die gegebene Kommunikation adäquat zu reagieren, wozu gehört, auf ihren Doppelsinn und Widerspruch zu reagieren.

  4. Eine adäquate Reaktion ist aufgrund der Verschleierung, der Verleugnung und dem Verbot, die den beiden widersprüchlichen Botschaften innewohnen und mit ihnen verbunden werden, schwer zu vollziehen"[23].

Es bedarf nur weniger Überlegungen um festzustellen, daß das Verfahren des "erzwungenen Haltens" in bezug auf die betroffenen Kinder alle der vier oben genannten Aspekte erfüllt, die eine "Double-bind-Situation" konstituieren. Wenn sich die Kinder aufgrund der physischen Be-grenzung durch das "erzwungene Halten" nicht aus der Situation befreien können, ihre Versuche, sich damit verbal auseinanderzusetzen, negiert bleiben bzw. ihnen der Mund zugehalten wird (siehe Zaslow) und wir nicht davon ausgehen können, daß sich die autistischen und auch geistigbehinderten Menschen in jedem Fall der "Metakommunikation" bedienen können, um die "Double-bind-Situation" aufzulösen, muß davon ausgegangen werden, daß diese Form der Interaktion und Kommunikation mit den Kindern zu schweren psychischen Störungen führt. Sie können den Fundus zu psychotischen Störungen bis ins Erwachsenenalter hinein legen, die sich dann als "schizophrene Psychosen" artikulieren können, wie die Forschungen und Analysen dazu hinreichend belegen.

Nur indem man dem Kind unterstellt, es wolle gehalten werden und was man mit diesem Verfahren tut, wäre eine Befriedigung des Grundbedürfnisses der Kinder, können sich die Behandler vom Nachdenken darüber, daß sie persönlichkeitszerstörende Double-bind-Situationen schaffen, freihalten. Unsere Analyse der innerpsychischen Situation der Kinder und ihres emotionalen Erlebens führt dazu, daß diese Annahmen nicht legitim gemacht werden können. Es muß hier der Schluß gezogen werden, daß das "erzwungene Halten" als Be-handlungsform sich der systematischen Schaffung von Double-bind-Situationen bedient, unter denen die Betroffenen psychisch zusammenbrechen müssen. Der Double-Bind selbst wird zum Werkzeug der Behandler, den Widerstand, d.h. den Willen des Kindes über die Zerstörung seiner "lch"-Strukturen zu brechen. Was Menschen psychisch bis zum Grad schizophrener Psychosen zerstören kann, soll im "erzwungenen Halten" eine Maßnahme sein, Kinder von ihrem Autismus zu heilen!

LAING beschreibt "Mystifizierung" als eine Form "der auf den anderen gerichteten Handlung, die der Verteidigung, der Sicherheit der eigenen Person dient"[24] und den Mystifizierten als jemanden, "dem man zu verstehen gibt, daß er sich glücklich oder traurig fühlt, ohne Rücksicht darauf, wie er fühlt, daß er sich fühlt; jemand, den man für dieses oder jenes verantwortlich macht oder nicht, ohne Rücksicht darauf, welche Verantwortung er über-nommen oder nicht übernommen hat" [25].

Auf diesem Weg will man also einen anderen glauben machen, daß seine emotionalen Bedürfnisse befriedigt würden, während sie eindeutig unbefriedigt bleiben. Durch den Mechanismus der "Mystifizierung" erfolgt die Auslösung von Konfusion, Verwirrung oder Zweifel, die nicht als solche erkannt werden; d.h. der Mystifizierte muß "unter Bedingungen handeln, die für ihn unredlich definiert worden sind" [26].

Obwohl der "mystifizierten" Person im Gegensatz zur Double-bind-Situation eine eindeutige Handlungsmöglichkeit offenbleibt, kann das "schizogenetische Potential solcher Manöver" (S. 287) nicht problematisch genug eingeschätzt werden, schreibt LAING. Zurück-gewendet in die Situation des "erzwungenen Haltens" in Kombination mit der Double-bind-Situation bleiben den betroffenen Kindern also nicht einmal in bezug auf ihre "Mystifizierung" Handlungsmöglichkeiten offen. Damit bleiben die Kinder auch diesem eklatant persönlich-keitszerstörenden Mechanismus im Verfahren des "erzwungenen Haltens" voll ausgesetzt. Das Problem dabei ist, was die Behandler entgegen ihren Beteuerungen im Prinzip aber negieren, daß wir es gerade im pädagogischen und therapeutischen Arbeitsfeld mit "Personen" zu tun haben, die kein anderes Objekt im Raum sind, wie LAING sagt, "sondern ein anderes Zentrum der Orientierung auf die objektive Welt"[27]. Die Anerkennung gerade dieser Subjekthaftigkeit des anderen und seiner Art und Weise der Verarbeitung und des Erlebens von realen Zu-sammenhängen, die er auf seine Weise wahrnimmt und entsprechende Schlüsse daraus zieht, wird mit den beschriebenen Weisen der Interaktion und Kommunikation zutiefst mißachtet. Die Anerkennung des anderen in dieser Weise ist es, wie die Autoren über die von ihnen untersuchten Familien von Schizophrenen berichten, die zu kurz kommt.

Das Verfahren des "erzwungenen Haltens" ist, ganz gleich von welcher Seite her man es beachtet, ein eklatanter Fall dafür, eine andere Person in ihrer Subjekthaftigkeit und in ihrem spezifischen Erleben zu negieren. Die Umdeutung seines Wesens und seiner Empfindungen, die das autistische Kind durch die Behandler erfährt, degradiert es zum Objekt, was die Be-handler dadurch zum Ausdruck bringen, daß sie das Kind wie eine Ware manipulieren und nur unter Berücksichtigung ihres eigenen Wohlbefindens mit den Betroffenen umgehen.

Damit müssen wir in bezug auf die Interaktion und Kommunikation im Verfahren des "erzwungenen Haltens" davon ausgehen, daß es alle Kriterien sozialen Verkehrs erfüllt, die, wie die Forschungen belegen, in der Biographie späterhin schizophren erkrankender Menschen gehäuft zu finden sind. Es muß hier entschieden die Frage gestellt werden,ob nicht davon auszugehen ist, daß die Behandlung der Kinder mit Maßnahmen des "erzwungenen Haltens" die Wurzeln zu einer psychischen Entwicklung legen, die späterhin in eine schizophrene Psychose führen können. Eine Antwort werden darauf nur Langzeitstudien geben können. Aber, so ist zu fragen, wenn man diese Forschungen vorliegen hat, darf man dann noch mit diesem Verfahren weiterbehandeln, nur um nachweisen zu können, ob eine erhebliche Anzahl der so behandelten Kinder als Spätfolge eine schizophrene Psychose entwickelt?

Ich habe oben unter Verweis auf LAING bereits darauf verwiesen, daß er Mystifizierungen als eine Form der auf den anderen gerichteten Handlung beschreibt, "die der Verteidigung, der Sicherheit der eigenen Person dient". Bedenken wir diese Ausage, so macht auch sie deutlich, wem diese Verfahrensweise des "erzwungenen HaItens" wirklich nützt; nicht nur, wie schon herausgestellt dem Wohlbefinden der Behandler, sondern, wie LAING betont, auch ihrer Sicherheit, ihrer eigenen Verteidigung. So bleibt abschließend nur die Frage an die Behandler, ob ihr eigenes psychisches Unvermögen der Akzeptierung eines Menschen mit einer autistischen Persönlichkeitsstruktur sie selbst in derartige Unsicherheiten und Ohn-machtsgefühle stürzt, daß sie ihre eigene Sicherheit nur dadurch wieder aufrichten können, daß sie den anderen Menschen, der ihnen diese Ohnmacht offenbart, selbst mit den Mitteln des "Double-Bind" und der "Mystifizierung" zerstören müssen?

Unter diesen Aspekten erscheint das Verfahren des "erzwungenen Haltens" als Ausfluß einer gegen die unschuldigen Kinder gerichteten pervertierten Bewältigungsstrategie der Ohn-macht ohnmächtiger Helfer im Sinne drastischer Bestrafungsrituale.

Könnte die Diskussion der Interaktions- und Kommunikationsprozesse im Rahmen des "erzwungenen Haltens" fortgesetzt werden, wäre auch noch auf das von SEARLES be-schriebene Bestreben, den anderen verrückt zu machen, als ein Element in der Ätiologie und Psychopathologie der Schizophrenie einzugehen. Hier kann nur noch insofern darauf ver-wiesen werden, daß festzustellen ist, daß "die Auslösung jeglicher Art von zwischen-menschlicher Interaktion, die darauf gerichtet ist, im anderen emotionale Konflikte zu be-günstigen - verschiedene Bereiche seiner Persönlichkeit in Widerspruch zueinander zu bringen die Tendenz hat, ihn verrückt (d h schizophren) zu machen"[28].

Man kann sich kaum ein Verfahren vorstellen das einen Menschen in größere emotionale Konflikte stürzt, wie die Durchführung des erzwungenen Haltens in bezug auf autistische und anders behinderte Menschen, wie das gerade unter der Betrachtung ent-wicklungspsychologischer Elemente herausgearbeitet wurde. Verstehen wir Autismus im übergeordneten Sinne als eine menschliche Form unter spezifischen subjektiven Bedingungen den Kontakt zur Umwelt aufzunehmen und aufrechtzuerhalten, so wird der innere Widerspruch deutlich, in den die betroffenen Menschen geraten, wenn sie nur dadurch ihre Beziehung zur Umwelt aufrechterhalten können, daß sie intensive soziale Kontakte, die sie kognitiv nicht analysieren und psychisch nicht integrieren können, meiden, aber gezwungenermaßen "gehalten" werden.

Unter Aspekten der unter diesem Schwerpunkt vorgenommenen kritischen Analyse des sozialen Verkehrs im Prozeß des "erzwungenen Haltens" muß die Frage gestellt werden, ob man annimmt, den Autismus beim Menschen überwinden oder von Autisnius "heilen" zu können, indem man die Betroffenen systematisch in eine Psychose schizophrenen Charakters führt?



[18] Siehe ",Journal of Autism And Developmental Disorders". London/New York: Plenum Press, Vierteljahres-schrift; früher: ",Journal Of Autism And Childhood Schiziphrenia", erscheint seit 1970

[19] Zu den basalen Grundlagen eines Verständnisses autistischer Kinder siehe FEUSER, G.: Grundlagen zur Pädagogik autistischer Kinder. Weinheim: Beltz Verlag 1979; ders.: Autistische Kinder. Solms-Oberbiel: Jarick Oberbiel Verlag, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage 1988. Siehe hierzu auch: ",Grundlegende Aspekte eines Verständnisses des Kindlichen Autismus'". In: Musik-Therapeutische Umschau 9(1988)1, S. 29-54

[20] Siehe RUTTER, M.: Cognitive deficits in the pathogenesis of Autism. In: Annual Progress in Child Psychiatry and Child Development 1984, S. 321-345

[21] Siehe WAZURO, E.G.: Die Lehre Pawlows von der höheren Nerventätigkeit. Berlin/DDR: Volk und Wissen 1975

[22] Siehe GALPERIN, P.J.: Zu Grundfragen der Psychologie. Köln: Pahl Rugenstein Verlag 1980; Ferner JANTZEN,W. u.v. SALZEN, W.: a.a.O., 1986; bes. S. 116-152

[23] Siehe hierzu: WEAKLAND, J. H.: ‚Double Bind'-Hypothese und Dreier Beziehung. In: Batesond, G. u.a.: Schizophrenie und Familie, Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 1972, S. 224-226; ferner sei verwiesen auf WATZLAWICK, P. u. a.: Menschliche Kommunikation. Bern/Stuttgart/Wien: Hans Huber Verlag 1974 (4. Aufl.)

[24] Siehe hierzu LAING, R.D.: Mystifizierung, Konfusion und Konflikt. In: Bateson, G. u.a.: Schizophrenie und Familie, a.a.0. (Anm. 22), S. 282

[25] ebd. S. 284

[26] ebd. S. 288

[27] ebd. S. 279

[28] Siehe SEARLES, H.F.: Das Bestreben, den anderen verrückt zu machen - ein Element in der Ätiologie und Psychotherapie der Schizophrenie. In: Bateson, G. u.a.: Schizophrenie und Familie, a.a.O. (Anm. 22), S. 130

5. Abschließende Betrachtung

In Zusammenfassung der Ergebnisse einer kritischen Analyse der Wirkungsweise und Folgen des "erzwungenen Haltens" für die Betroffenen, die mit diesem Verfahren behandelt werden, können in Ergänzung zu den eingangs ausgeführten fünf Thesen drei weitere Thesen formuliert werden:

These 6:

Das "erzwungene Halten" ist (auch in seinen Modifikationen)

  • ,Halt" für ohnmächtige Helfer und für Menschen, die mechanistisch und technokratisch an anderen Menschen und den ihnen anvertrauten Kindern mit Gewalt das zu verändern suchen, was und wie sie selbst nicht sein wollen.

  • ,Therapie" für die Helfer (sie sollen sich dabei wohlfühlen ...; Zaslow; finden darin Sicherheit; Laing) in ihrer ohnmächtigen Situation, weil man Macht spürt und etwas erreichen kann, wo man zuvor ohnmächtig war und sich nur versagend erlebte - auf Kosten der Zerstörung der Psyche der Kinder und

  • ,Trost" für den, der bewußt oder unbewußt Gewalt über Kinder verübt, die ihm hilflos und durch Zwangmittel (Haltegürtel) gebeugt ausgeliefert sind, um sich sagen zu können, daß gut sei, was man tut und um die verbliebenen Skrupel unter dem Mantel zu helfen, endgültig zu ersticken.

These 7:

Das "erzwungene Halten" wirkt

  • durch Schaffung extrem negativer Emotionen und

  • Brechung des Willens,

  • über den Weg des Aufbaues von (angstdominierten) Vermeidungsstrategien und

  • strafender Unterdrückung,

  • mit den Mitteln von Interaktions- und Kommunikationsstruktu ren der "Mystifizierung" und des "Double-Bind"

und es vereinigt in sich alle Attribute der Folter durch Kombination von

  • extremer Deprivation (Auseinandersetzung ohne Gegenstände und Inhalte, Blockierung der Bewegungs- und damit Handlungsmöglichkeit),

  • Reizüberflutung (Provokation des Widerstandes durch Kitzeln etc.) und

  • Trost (in dem die Double-bind-Situation etabliert wird)

  • mit dem Ergebnis des Zusammenbruches der psychischen Organisation (als Entspannung fehlinterpretiert) und der Zerstörung des ICH.

VERANTWORTLICHE - BEENDET DAS ERZWUNGENE HALTEN!

These 8:

Wir werden lernen müssen,

  • die Komplexität und Differenziertheit menschlicher Entwicklung und Psyche zu achten und - seien sie auch noch so extrem verhaltensauffällig -

  • mit den Kindern zu handeln, anstatt sie zu be-handeln,

  • zu gewähren, anstatt vorzuenthalten und

  • unser (pädagogisch-therapeutisches) Handeln zu spezifizieren und zu differenzieren, anstatt Kinder - in Anbetracht ihrer hochgradigen Abhängigkeit von uns -im Zwang erdrückender Übermacht zu besondern.

JANTZEN und VON SALZEN (1986) kommen in ihrer Analyse zur Halte-‚Therapie" zu dem Ergebnis, daß es sich bei dieser Behandlungsform letztlich um "Folter" handelt, wie auch hier wiederholt ausgeführt wurde[29]. Schon O"GORMAN verweist in seinem Buch ",Autismus in früher Kindheit" 1976 darauf, daß es bei Methoden wie Verabreichung von Strafe durch Elektroschocks, kalte Bäder, Entzug von Mahlzeiten u.a. schwer zu entscheiden ist, wo die wissenschaftliche Prozedur aufhört und die Grausamkeit beginnt. ",Solche Grausamkeiten", schreibt er, ",bestialisieren überdies die ganze Atmosphäre. ... Grausamkeit, wie auch immer bemäntelt, hat keinen Platz in der Schulung autistischer - oder auch anderer - Kinder"[30].

In einer kritischen Auseinandersetzung zu diesen Fragen schreibt BIERMANN (1985)- und man könnte das auf das Verfahren und den Effekt des "erzwungenen Haltens" übertragen: ",Im Konditionierungsprozeß auf einen elektrischen Stimulus hin in die mütterliche Gebärde breit geöffneter Arme des Therapeuten zu stürzen, dürfte weit entfernt von allem, was für uns mit dem Ausdruck Mutterliebe verbunden ist, nur einem Attrappenversuch entsprechen"[31].

Verweisen wir hier noch auf die kritische Analyse des "erzwungenen Haltens" durch KISCHKEL und STÖRMER (1986), so schließt sich auch schon der Reigen jener, die die negative Tragweite dieses Verfahrens in der pädagogischen und therapeutischen Arbeit mit autistischen und anders behinderten Kindern erkannt haben und zu vergleichbaren Ein-schätzungen, wie die hier vorgetragenen, kommen.

Die verhaltene Kritik von BURCHARD (1984/85) ist auf zu wenige Aspekte des Ver-fahrens begrenzt und ist nicht in der gebotenen Tragweite auf der Basis der dazu zur Ver-fügung stehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse durchgeführt und bleibt so letztlich eine indirekte bis direkte Befürwortung des Verfahrens. Auch seine jünste ",Verlaufsstudie zur Festhaltetherapie"" (1988) erbringt keine weiterführende Klärung.

Vergleichbares gilt für die Analyse von KANE/KANE (1986), die schreiben: ",Dieser Beitrag soll keine weitere Stellungnahme für oder gegen die Festhaltetherapie bringen"[32]. Obwohl sie also nur im Sinne eines Überblickreferates eine Bestandsaufnahme der Praktiken machen wollen, die bisher unter dem Oberbegriff "Festhalten" veröffentlicht wurden, findet man dennoch Hinweise folgender Art: ",Die Tatsache, daß auch solche Festhaltetherapien, bei denen Auseinandersetzungen kürzer oder weniger intensiv waren, Erfolge zu bringen scheinen, stimmt nachdenklich. Sollten sich diese Beobachtungen bestätigen lassen, so sprächen sie gegen die Verfahren mit hartnäckiger Provokation und Marathonsitzungen"[33]. Müssen KANE/KANE schließlich noch feststellen: "Keines der Kinder aber ist in seinem Sozial-verhalten als nicht mehr auffällig einzustufen"[34], so stellt sich die Frage, was sie noch ver-anläßt, ein deutlicheres Wort zu diesem Verfahren zu sagen, sind sie doch gerade jene Autoren in der Geistigbehindertenpädagogik, die schon lange und deutlich herausgestellt haben, daß mit lernpsychologisch fundiertem pädagogischem Vorgehen selbst mit schwer behinderten Kindern erfolgreich gelernt werden kann[35].

Daß heute erst wenige Ansätze einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Verfahren des "erzwungenen Haltens" vorliegen, wurde bereits eingangs diskutiert; daraus kann aber nicht gefolgert werden, daß, wo viele Befürworter und nur wenige Kritiker sind, die Befürworter automatisch Recht haben. Es bleibt mir hier nur, alle Betroffenen, die Eltern, die Befürworter des "erzwungenen Haltens", und alle jene in der Pädagogik und Therapie aufzurufen, sich kritisch mit diesem Verfahren auseinanderzusetzen, die eine Verantwortlichkeit ihrer Profession und den Kindern gegenüber haben, die auf unsere pädagogischen und therapeutischen Hilfen angewiesen sind.

Dieses Verfahren ist last not least aus humanen Gründen heraus zu ächten und nicht an-zuwenden. Der Erfolg, der aus der Anwendung des Verfahrens bei den betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen resultiert, ist ein problematischer. Er führt nicht zu Beziehung und Bindung, wie das erstrebt wird, sondern allenfalls zu "Hörigkeit" als Bindungsform unter Aspekten extremer Abhängigkeit. Wir kennen das auch von solchen Kindern her, die z.B. von ihren Erziehungsberechtigten extrem physisch und psychisch mißhandelt wurden und dennoch eine Bindung an ihre Mißhandler vom Grad der Fixierung auf diese haben. Die hier bestehende "Hörigkeit" ist Ausdruck einer perfekten Identifikation mit dem Angreifer gegen den man, um seine eigene Existenz zu sichern, keine andere Möglichkeit hat, als die der totalen Identi-fikation mit ihm. Selbst ein autistisches Kind kann letztlich dieses Mittel einsetzen, um sich seine Existenz zu bewahren.

Martin BUBER schreibt einmal: ",Der Mensch wird am Du zum Ich"[36]. Kein pädagogisch-therapeutisches Verfahren verkennt diese Aussage mehr als sie die Vertreter und Behandler mit dem Verfahren des "erzwungenen Haltens" verkennen. Wenn um das Erreichen einer "Ich"-Entwicklung bei einem Kind sein "Ich" zerstört wird (um es scheinbar neu auf-zubauen), kann es das Du, an dem allein es sein Ich entwickeln kann, nicht mehr wahrnehmen und es kann letztlich nur zu dem Du werden, dessen Ich wir ihm sind.

Im Verfahren des "erzwungenen Haltens" und der damit verkoppelten Interaktions- und Kommunikationsformen wird eine "Ich"-Entwicklung impliziert, die auf noch schwerere Formen der Störung einer "Ich"-Entwicklung verweisen, wie sie der "Autismus" schon ohnehin darstellt, nämlich auf eine solche psychotischer Grundstruktur und die dabei zustande-kommende Bindungs- und Beziehungsqualität wird schließlich und allenfalls nur die (patho-logische) einer Hörigkeit sein

Es gibt keine menschliche Entwicklung außerhalb sozialer Beziehungen und es gibt keine ungestörte Persönlichkeitsentwicklung in sozialen Beziehungen deren Qualität dadurch bestimmt ist, daß der wechselseitige Austausch zwischen den Sozialpartnern nicht jeweils durch die Achtung der Würde des anderen und die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Motive, die sein Handeln bestimmen getragen ist. Keine soziale Beziehung (auch nicht im spezifischen Feld von Pädagogik und Therapie) kann eine bereits beeinträchtigte Per-sönlichkeitsentwicklung im positiven Sinne beeinflussen, wenn sie diese sozialen Qualitäten im Austausch nicht berücksichtigt.

Es gibt für den Menschen aber auch keine Persönlichkeitsentwicklung außerhalb einer gegenständlichen Tätigkeit. Jedes Verfahren, das einen Menschen durch den Zwang, den es ausübt, darin hindert, auf der Ebene seiner momentanen Handlungskompetenz sich konkret mit den Dingen und Personen seiner Umwelt auseinanderzusetzen, blockiert oder zerstört Ent-wicklung bzw. zwingt den Betroffenen zur Regression auf eine nahezu "objektlose" Stufe; sie zerstört sein "Ich".

Das "erzwungene Halten" ist eine Verfahrensweise Menschen gegenüber, die die beschriebenen Qualitäten im sozialen Verkehr mit den Menschen nicht ausweist und die ihn eklatant durch das "Festhalten" einer gegenständlichen Tätigkeit beraubt. Das "erzwungene Halten" hat damit keine jener grundlegenden Komponenten in sich vereint, die menschliche Entwicklung anstoßen, ermöglichen und auf immer neue und höhere qualitative Niveaus führen könnten.

Das "erzwungene Halten" ist damit ein Willkürakt hochgradig abhängigen und in ihrer Persönlichkeitsentwicklung bereits erheblich beeinträchtigten Menschen gegenüber, dem nur noch die Qualität von "Hirnwäsche" und "Folter" zuerkannt werden kann. Seine Anwendung wäre letztlich allein aus humanen Gründen schon zu untersagen.

Verantwortliche - beendet das erzwungene Halten!



[29] Siehe hierzu KELLER, G.: Die Psychologie der Folter, a.a.O. (Anm. 8)

[30] Siehe O'GORMAN, G.: Autismus in früher Kindheit. München/Basel: E. Reinhardt Verlag 1976, S. 125

[31] S. 212

[32] S. 113

[33] S. 115

[34] S. 121

[35] KANE, J.F. u. KANE, Gudrun: Geistig schwer Behinderte lernen lebenspraktische Fertigkeiten. Bern/Stuttgart/Wien: Verlag Hans Huber 1976

[36] BUBER, M.: Das dialogische Prinzip, a.a.O. (Anm. 3), S. 32

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Quelle:

Feuser Georg: Aspekte einer Kritik des Verfahrens des "erzwungenen Haltens" (,Festhaltetherapie) bei autistischen und anders behinderten Kindern und Jugendlichen

Erschienen in Behindertenpädagogik, Heft 2, Mai 1988, 27. Jahrgang

Jarick Oberbiel Verlag, Postfach 30, 6336 Solms, 1988

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 18.01.2006

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